Werk X: Harald Posch im Gespräch über „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“

Februar 18, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

„Hetz-Maschinen gibt es in Österreich derzeit drei“

Die Boulevardpresse bedrängt Katharina Blum: Daniel Wagner, Peter Pertusini, Jennifer Frank, Sören Kneidl und Wiltrud Schreiner. Bild: © Alexander Gotter

Im Werk X stellt Harald Posch, gemeinsam mit Ali M. Abdullah künstlerischer Leiter des Hauses, Heinrich Bölls 1974 erschienene Erzählung „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ auf die Bühne. Der Text beschreibt, wie eine bisher unbescholtene Frau wegen eines One-Night-Stands mit einem mutmaßlichen Straftäter Opfer der menschenverachtenden Berichterstattung der Boulvardpresse wird – bis sie schließlich tatsächlich eine Wahnsinnstat begeht.

Poschs Inszenierung dieses „Pamphlets“, wie der Autor selbst es nannte, soll beleuchten, wie Sensationsjournalismus wirkt und wie die Wahrheit in der „Post-Truth“-Ära immer wieder unter die Räder gerät – auch, weil sie weder in den Medien noch in der Politik ernsthafte Verteidiger mehr hat. Es spielen Daniel Wagner, Peter Pertusini, Jennifer Frank, Sören Kneidl und Wiltrud Schreiner. Premiere ist am 21. Februar. Harald Posch im Gespräch:

MM: Die Erzählung „Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ hat einen zweiten Titel, der lautet „Wie Gewalt entsteht und wohin sie führen kann“. Was hat Sie jetzt angesprochen, auf diesen Text zurückzugreifen?

Harald Posch: Böll beschreibt eine mediale Hysterisierung, einen Übergriff durch Boulevardmedien. Er macht das aufgrund eines Einzelschicksals, aber im Prinzip stand auch damals in den 1970er-Jahren, zu Beginn der RAF-Zeit in Deutschland, klare Meinungsmache dahinter, die politische Ziele verfolgt hat. Diesbezüglich ist die Parallele zur Gegenwart sofort da, nämlich so etwas wie eine gesellschaftliche Außenfeindbestimmung. So wie damals die Linke dazu benutzt wurde, viel mehr daraus zu machen, als tatsächlich da war, wird das heute – Stichwort Migrationsdebatte – gemacht. Und der Boulevard setzt sich da natürlich genüsslich drauf, um die Diskussion am Dampfen zu halten und voran zu treiben. Und in diesem Vakuum lässt sich gut Politik machen, da spaltet man die Gesellschaft schön und trifft im Hintergrund politische Entscheidungen, die damit überhaupt nichts zu tun haben. Das hat mich an der „Katharina Blum“ sehr interessiert.

MM: Böll selbst ist sehr angegriffen worden, weil er einen Essay über Ulrike Meinhof geschrieben hat. Man hat ihm Sympathien für die RAF unterstellt. Die Zeitung, gegen die er sich gewandt hat, gibt es immer noch. Kann man gegen Medien überhaupt etwas bewirken?

Posch: Der Springer-Verlag, den er im Speziellen aufs Korn genommen hat, ist nach wie vor sehr mächtig, auch hierzulande. Aber das war ja einer der Gründe, warum Böll die „Katharina Blum“ geschrieben hat, damit er an die Öffentlichkeit gehen kann, der „Krieg“ ist dadurch ja sehr intensiv geworden. Böll war sehr erfolgreich, hat sechs Millionen Exemplare verkauft, worauf der Springer-Verlag in den eigenen Zeitungen die Bestseller-Listen nicht mehr veröffentlicht hat, da ist also viel in Bewegung geraten. Aber natürlich ist die Macht des Boulevards ungebrochen, und man weiß das auch. Der letzte, der versucht hat, dagegen oder nicht ganz im Einklang mit ihm zu marschieren, war der vergangene österreichische Bundeskanzler, der mit seinem Amt dafür gebüßt hat.

MM: Wobei man hierzulande das Gefühl hat, dass sich der Boulevard in zwei politische Lager spaltet: für Türkis-Blau und dagegen.

Posch: Das wäre fast etwas, das zu wünschen wäre, aber Boulevard arbeitet immer opportun, mit Sensationsjournalismus, mit Unwahrheiten, mit aufgeblasenen Nebensächlichkeiten vor allem, mit Gewaltdarstellung und Sexismus. Wenn dagegen was tun, dann so wie Katharina Blum auf die exakte Bedeutung jedes einzelnen Wortes Wert legen. Sie streitet in der Einvernahme mit der Polizei darüber, ob jemand zudringlich oder zärtlich wurde, weil Zudringlichkeit etwas nicht Einvernehmliches ist, Zärtlichkeit schon, et cetera. Immer wieder beharrt sie darauf, dass etwas nicht ausdifferenziert dargestellt ist.

MM: Das heißt, sie beharrt auf Sprachgenauigkeit.

Posch: Auf Darstellungsgenauigkeit, auf Fakten. Nicht so, wie Herr Gudenus unlängst gepostet hat, Migranten schleppten die Krätze ein. Es ist so unfassbar, in jedem anderen europäischen Land wäre er rücktrittsreif, bei uns tritt nicht einmal jemand in die Nähe eines Rücktritts. Oder Herbert Kickl, der sich hält, weil er der Rechtsintellektuelle, der Stratege in der Partei ist. Ohne ihn wäre die FPÖ nicht halb so weit, wie sie heute ist.

MM: Um den Text zum Kern zu bringen: Katharina Blum hat einen One-Night-Stand. Sie nimmt einen Mann mit, der sich im Nachhinein als zwielichtig zeigt. Wie ist das genau?

Posch: Genau, sie lernt jemanden kennen, ist aber in Wahrheit eine sehr auf sich selbst bedachte, in sich gekehrte Frau. Am nächsten Morgen stürmt die Polizei ihre Wohnung, sie sagt, sie weiß nicht, wohin der Mann gegangen ist, und man eröffnet ihr, dass er staatspolizeilich gesucht wird, weil man ihm ein zunächst ein nicht näher benanntes Verbrechen anhängt, und er sogar in Verdacht gerät, ein politisches Verbrechen geplant zu haben, Waffendiebstahl, Mord und so weiter. Alles im Rahmen der medial geschürten RAF-Hysterie. Blum wird einvernommen, man drängt sie immer mehr in die Ecke, weil man ihr nicht glaubt, dass sie den vorher wirklich nicht gekannt, mit ihm nichts Konspiratives aufgebaut hat, und plötzlich dringen die Informationen, die nur die Polizei haben sollte, an die Medien.

MM: Die was tun?

Posch: Die wiederum veröffentlichen, bauschen immer mehr Halbwahrheiten auf, skandalisieren sie als Person bis zum „Verbrecherflittchen“. Die Journalisten gehen zu Blums Mutter ins Krankenhaus, zu ihrem Arbeitgeber, holen sich von überall Informationen, alle in der Richtung, in die sie sie brauchen, veröffentlichen Fotos, wie man sie in der Früh abführt, wie man das klassisch kennt, bis sie so bedrängt wird, dass sie beschließt, den Journalisten, der die Geschehnisse hauptverantwortlich trägt, zu erschießen. Was sie auch tut, und das ist natürlich ein Skandal, weil Journalistenmord per se eine No-Go-Area und zu Recht ein totales Tabu ist. Da spielt Böll mit Moral auf zwei Seiten, deshalb ist der Untertitel „Wie Gewalt entsteht“ so wichtig. Aus Gewalt entsteht wieder Gewalt.

MM: Die Statistik besagt, 2018 sind 64 Journalisten und 13 Blogger ermordet worden.

Posch: Und diese Taten rücken in unmittelbare Nachbarschaft, siehe Slowakei, wo Ján Kuciak und seine Verlobte Martina Kušnírová erschossen wurden, den haben wir sogar im Stück drin, auch die maltesische Journalistin Daphne Caruana Galizia …

MM: … Ján Kuciak, das muss man dazu sagen, der zuvor vom deswegen später zum Rücktritt gezwungenen Premierminister Robert Fico ob seiner Recherchen als „dreckige, antislowakische Prostituierte“ bezeichnet wurde.

Posch: Aufgrund seiner Korruptionsrecherchen und weil der der ganzen Regierung Mafia-Kontakte nachweisen konnte. Da ist, dass Fico gehen musste nicht viel, da hätte sich die ganze Regierung verabschieden müssen. Galizia war an den Panama Papers dran und hat Verbindungen zur maltesischen Regierung nachgewiesen. Das Interessante ist, ohne dass ich zu viel über die Premiere verraten möchte, dass alle diese Journalisten keine Boulevardjournalisten waren, sie standen alle nicht für eine rechte publizierende Seite. Das waren Aufklärungsjournalisten, seriöse Investigativjournalisten, und das ist unfassbar, das muss statistisch festgehalten werden.

MM: Sie nennen Ihre Inszenierung ein Stück aus der Post-Truth-Ära. Was meinen Sie damit?

Posch: Die Post-Truth-Ära ist angeblich erst mit Trump großgeworden, und bedeutet, dass die Politik medial bewusst mit der Unwahrheit arbeitet, um eine Gesellschaft restaurativ zurück zu entwickeln. Das hat viele reaktionäre Ausformungen, dazu kommen im Gegensatz zu Bölls Zeiten die sozialen Medien, und was da anvisiert passiert, siehe Cambridge Analytica, Bot-Armeen, ist kaum fassbar. So gesehen sollte, den Wahrheitsgehalt einer Meldung zu überprüfen, mittlerweile oberstes Gebot von jedermann und jederfrau sein, und wenn’s die letzte Facebook-Meldung ist, die man bekommt.

MM: Aber wie einfach ist das noch? Gerade von den sozialen Medien wird ja sehr richtig gesagt, dass sich jeder in seiner Blase bewegt. Wie kann ich da noch eine Meldung überprüfen?

Posch: Sucht man die Fake News, ist der Prozess sicher ein schwieriger. Wenn man aber jemand ist, der seriös informiert sein möchte, hat man doch die Möglichkeit, verschiedene Printmedien herzunehmen und zu schauen, kann das stimmen oder nicht. Man muss Quellen auf ihr Vertraulichkeit checken, wofür sich allerdings viele Leute leider die Zeit nicht nehmen.

MM: Das Phänomen ist älter als „Katharina Blum“. Hannah Arendt hat schon von den Wahrlügen gesprochen. Ist die einfache Botschaft tatsächlich immer die glaubhafte?

Posch: Ja, weil sie auch einfache Antworten oder Lösungen anbietet. Die Gesellschaft ist unglaublich komplex geworden, wir haben mit der Digitalisierung zu kämpfen, wir haben ökologisch zu kämpfen, haben mit einer wahnsinnigen Diversifizierung zu kämpfen. Das ist das Problem der linken Erzählung, dass es keine homogenen gesellschaftlichen Gruppen mehr gibt. Es gibt „die Arbeiterschaft“ nicht mehr – „das Volk“ hat es sowieso nie gegeben. Heute muss man jeden aus seiner individuellen Ecke abholen. Vieles wird den Leuten heute zu komplex, da greifen sie auf einfache Antworten zurück, und diese Vereinfachung ist natürlich politisch in jede Richtung brandgefährlich. Ein Thema, das wir auch in den Abend hineinschleifen ist, dass es am Ende gar keine Debatte um Links- und Rechtsschemata ist, was auch die Rechten gern ins Spiel bringen, indem sie die politische Mitte als links diffamieren, damit sie selber in die Mitte rutschen, doch das ist es nicht.

MM: Sondern?

Posch: Wir leben im Westen in einer neoliberalen Zeit. Dieser Neoliberalismus hat eine vollkommene Entgrenzung durchgesetzt, die keine sozialen Spielregeln in der Ökonomie mehr zulässt, was wahnsinnig viele Gruppen der Gesellschaft wirtschaftlich an den Rand gedrängt, eine neue Armut geschaffen hat, Menschen, die nicht mehr am Bildungs- oder am Gesundheitswesen partizipieren können. Und die werden nicht gehört, die haben keine politische Stimme. Und dann kommen die, die sagen: So wird’s funktionieren Leute, und denen wird geglaubt.

MM: Siehe der sogenannte Rust Belt in den USA, dessen Bewohner von den Ostküstenmedien immer nur als Hinterwäldler abgetan wurden, und der sehr stark Trump gewählt hat? Im Irrglauben, dass ein Superwirtschaftsboss ihre Stimmen vertreten wird?

Posch: Das ist das Schlimme an der Demagogie überhaupt, dass der Demagoge kein soziales Versprechen mehr abgibt. Er sagt, ich kann euch nicht versprechen, dass es euch besser gehen wird, wenn ihr mich wählt, dass wir dann genug für alle haben, aber wir werden dem anderen Hund den Knochen aus dem Maul reißen und wir werden ihn selbst fressen. Dass es dabei Kollateralschäden gibt, das wird immer sein, aber was da ist, das teilen wir uns unter einander, und die anderen bekommen nichts. Das ist so ein einfaches Bild, so schlüssig, und macht diesen großen Unterschied zwischen Demagogen und Demokraten, deshalb sind erstere nie, auch wenn sie sich nach dem National- das -Sozialistisch dazuschreiben, die Stimme des Volkes.

MM: Das Verbreiten von Fake News werfen heutzutage Politiker, die ihrerseits mit alternativen Fakten arbeiten, seriösen Medien vor. Warum funktioniert aus diesen Kreisen die Opferhaltung?

Posch: Weil die Leute, die sie vorgeben zu vertreten, tatsächlich Opfer sind. Nicht Opfer der seriösen Medien, sondern eben des neoliberalen Systems, das auf solche Leute pfeift, sie ausbeutet und wegschmeißt, wenn sie nicht mehr zu gebrauchen sind. Diese Menschen wissen und fühlen, was es heißt, Opfer zu sein, und wenn da einer hingeht und irgendeinen Schuldigen findet, das meinte ich vorhin mit Außenfeindbestimmung, einen der sagt, die Flüchtlinge sind schuld und die seriösen Medien sind schuld und die Linken sind schuld, dann wird das so angenommen. Wenn man einem weißen, 45-jährigen Arbeiter in Detroit sagt, er muss jetzt ein Binnen-I schreiben und seiner Homophobie abschwören, dann hat der deutlich ein paar andere Sorgen. Und dann kommt einer und sagt, diese Linken haben nichts anderes zu tun, als dich damit zu quälen, und zack, schon springt der an. Das ist der emotionale Brückenschlag.

MM: Wenn ich’s vorhin richtig verstanden habe, ziehen Sie Ihre Arbeit vom Jahr 1974 ins Heute herüber?

Posch: Natürlich, warum macht man „Katharina Blum“ sonst im Jahr 2019? Ich habe den Text radikaler gemacht, aber es sind ohnedies genug Parallelen da. Böll schreibt über „die ZEITUNG“ als Medienmaschine, aber er nennt die Springer-Verlags-Medien nie beim Namen. Von diesen „Hetz-Maschinen“ gibt es in Österreich aber derzeit gleich drei. Ich halte mich aber ganz streng an Bölls Pamphlet, wie er es genannt hat, und erzähle sehr schön pragmatisch seinen Plot nach. Es gibt ja sehr witzige Dialoge und sehr spaßige Figuren, wie zum Beispiel die Kriminalbeamten. Es wird also auch zum Lachen, die Darstellungsart wird allerdings à la Werk X sein, schräger, als man sich einen Böll vorstellt, hoffe ich. Und es sind einige aktuelle Texte eingearbeitet.

Die deutsche Grimme- und Theater-heute-Preisträgerin Jennifer Frank spielt erstmals im Werk X. Bild: © Alexander Gotter

MM: Zum ersten Mal am Haus spielt Grimme- und Theater-heute-Preisträgerin Jennifer Frank?

Posch: Ja, sie hat in Deutschland große Karriere gemacht, hat aber am Reinhardt-Seminar studiert und zwei Jahre lang am Volkstheater gespielt, woher sie unsere Dramaturgin Hannah Lioba Egenolf kennt. Jennifer Frank war Hannah ab und an hier besuchen, hat sich unser Theater angeschaut, und es stand immer im Raum, ob man sie nicht besetzen kann.

Und wenn ich eine Katharina Blum suche, greife ich natürlich so hoch ich kann, also freue ich mich sehr, dass das jetzt geklappt hat, es ist auch eine wunderschöne Zusammenarbeit.

MM: Zur Halbzeit der laufenden Saison gefragt: Wie läuft’s?

Posch: Gut, wir haben ein Repertoire aufgebaut, das ausgezeichnet besucht wird, „Homohalal“, auch „Erschlagt die Armen!“, das beim Publikum sehr gut funktioniert hat, da waren wir komplett ausverkauft, da haben Oliver Huether von der Josefstadt und Veronika Glatzner erstmals bei uns gespielt. Auch „Aufstand der Unschuldigen“ von Ali M. Abdullah läuft gut, und, was mich besonders freut, wir spielen im siebenten Jahr immer noch „Gegen die Wand“ mit Zeynep Buyrac und sind komplett voll, obwohl wir kein einziges Plakat aufgehängt haben. Ich kenne Leute, die sind da schon fünf Mal reingegangen. Jetzt kommt eben die „Katharina Blum“, und danach im Mai Falk Richters „Je suis Fassbinder“, eine österreichische Erstaufführung.

werk-x.at

18. 2. 2019

Wie ich lernte, bei mir selbst Kind zu sein: Regisseur Rupert Henning über seine André-Heller-Verfilmung

Februar 18, 2019 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

„Werde nicht wie alle, die du nicht sein willst!“

Paul Silberstein, abenteuerhungriger Spross einer Wiener Zuckerbäckerdynastie, gestaltet sich eigene Wirklichkeiten: Valentin Hagg. Bild: © Dor Film

„Du bist ein seltsames Kind“, ist der Satz, den Paul Silberstein von den zu seiner Erziehung Berechtigten regelmäßig zu hören bekommt. Doch er, der sich selber den „funkelnden Hundling“ nennt, hat längst beschlossen, weder Familie noch den Internatspriestern zu folgen – im Sinne auch von: zu gehorchen. Eingesperrt ins strenge System einer Wiener Zuckerbäckerdynastie, macht sich deren abenteuerhungriger Spross auf, seine eigenen Wirklichkeiten zu entdecken.

Wozu ihm die Kraft der Fantasie und die Macht des Humors – und das von ihm festgeschriebene elfte Gebot „Du sollst dich selbst ehren“ verhelfen werden. Im Jahr 2008 erschien André Hellers entlang der persönlichen Biografie erdachte Erzählung „Wie ich lernte, bei mir selbst Kind zu sein“, die nun von Rupert Henning, der gemeinsam mit Uli Brée auch das Drehbuch verfasste, verfilmt wurde. Neben dem fabelhaften Filmdebütanten Valentin Hagg als Paul Silberstein spielen Karl Markovics, Sabine Timoteo, Udo Samel, Marianne Nentwich, Gerti Drassl, Marie-Christine Friedrich, Christoph F. Krutzler, Petra Morzé und Sigrid Hauser. Kinostart ist am 1. März. Rupert Henning im Gespräch:

MM: Sie haben sich sehr lange mit diesem Projekt befasst, beinahe zehn Jahre. Worin lag die nicht enden wollende Faszination in André Hellers Erzählung „Wie ich lernte, bei mir selbst Kind zu sein“?

Rupert Henning: Das Buch kam 2008 heraus und ich habe es bald danach gelesen. Aber für ein Filmprojekt braucht man immer einen langen Atem; so ein Film ist sozusagen ein nur langsam zu manövrierender Hochseetanker – noch dazu, wenn das Projekt für österreichische Verhältnisse ein so großes ist. Was heißt: Wir haben es majoritär österreichisch finanziert. Der Text von André Heller hat zwar einen klaren regionalen Bezug, ist aber gleichzeitig universell verständlich – und extrem ungewöhnlich. Ein Stoff, wie ich finde, der von der Machart her nicht alltäglich ist. Man findet im Rückblick auf die vergangenen dreißig Jahre österreichischer Literaturgeschichte nicht viele Bücher wie dieses. Daher hoffe und glaube ich auch, dass es nicht viele Filme wie den unseren gibt.

 MM: Machart bedeutet, dass das Buch gut zu verfilmen ist?

Henning: Ja, den Eindruck hatte ich sofort. Es hat einen klaren erzählerischen Kern – und mit dem Protagonisten Paul Silberstein eine Hauptfigur, die man sich merkt. Eine Figur, die auch unabhängig von André Heller funktioniert. Wenn man dessen Lebensgeschichte kennt, findet man natürlich Parallelen. Er selber schreibt ja in der Präambel, manche der geschilderten Begebenheiten hielt seine Kindheit für ihn bereit, aber die Oberhand beim Schreiben hatte die Fantasie. Darüber hinaus ist das Ganze überaus unterhaltsam, es ist wie etwa Torbergs „Tante Jolesch“ sehr kulinarisch. Aber wie Torberg schrieb, es ist ein Buch der Wehmut – und Wehmut kann lächeln, Trauer kann das nicht. Ebenso sehe ich das Heller-Buch.

 MM: Sie haben mit André Heller schon zwei Projekte gemacht. Wie hat er auf das Filmprojekt reagiert?

Henning: Positiv. Er hat gesagt: „Macht‘s!“ Außerdem hat er Uli Brée und mir beim Schreiben des Drehbuchs völlig freie Hand gelassen. Es gab von ihm zuvor auch schon ein Naheverhältnis zu den Produzenten Danny Krausz und Kurt Stocker, mit denen er selber Filme realisiert hat.

MM: Ihr Film hat etwas Kammerspielartiges. Würden Sie mir in dieser Beurteilung folgen?

Henning: Ja. Jedenfalls in gewisser Hinsicht. Der Film erzählt unter anderem von Enge – und Kammern sind nun einmal eng. Die Geschichte von Paul ist zunächst eine Geschichte der Einengung. Ein Bub, der witzig und fantasiebegabt und weltoffen ist, lebt in einer Familie, die das absolut nicht teilt, sondern ihm ständig sagt, was er nicht tun soll. Das klingt nach schwerem Drama, nach „Zögling Törleß“; meinem Co-Drehbuchautor Uli Brée und mir ging es aber vorrangig nicht darum, die Studie eines Knaben zu zeigen, der sich mit den Dämonen der eigenen Familie herumschlagen muss, sondern darum, eine Geschichte zu erzählen, die einen fesselt und packt und unterhält. Die hochemotionale und humorvolle Geschichte einer Befreiung.

MM: Der Film hat auch optisch eine ganz klare Dramaturgie …

Henning: … und zwar in der Art, wie die Farben erzählt werden. Bis zum Tod des Vaters ist alles ein wenig grau und duster – und dann geht halt die Sonne auf, wenn der Vater stirbt. Das klingt absurd, wenn man es so sagt, aber erst, als der dominante, sich selbst und die ganze Welt verachtende Patriarch nicht mehr ist, gehen plötzlich die Fenster auf und das Licht kann herein. „Wie ich lernte, bei mir selbst Kind zu sein“ ist ein Ermutigungsfilm, ein Befreiungsfilm.

Der tyrannische Vater Roman Silberstein leidet an seinem Zweiter-Weltkriegs-Trauma: Karl Markovics. Bild: © Dor Film

Skurrile Szene: „Nonne“ Gerti Drassl glaubt, der Papierflieger-Liebesbrief sei an sie abgeschickt worden. Bild: © Dor Film

MM: Wofür Sie den perfekten Hauptdarsteller gefunden haben. Welch ein Glück, Valentin Hagg gehabt zu haben!

Henning: Absolut. Wir haben uns hunderte Buben angeschaut, und Valentin stand am Ende als Wunschbesetzung fest, weil er so speziell ist, an dieser Schwelle vom Kind zum Jugendlichen. Er hat nie zuvor in einem Film mitgespielt, und er ist dennoch einer der besten Schauspieler, mit denen ich je zu tun hatte.

MM: Er spielt entfesselt. An die Sprache, daran, dass ein Kind sich so elaboriert ausdrückt, muss man sich allerdings gewöhnen.

Henning: Klar, alles an dieser Familie ist zunächst einmal eher ungewöhnlich, ist eine Maske – oder vielmehr eine Rüstung, eine Festung. Die Mutter stets perfekt, wie aus einem edlen Modekatalog, Bruder und Vater immer in maßgeschneiderten Anzügen, die Familienvilla wie ein Museum. Deshalb haben wir in der Hermesvilla gedreht, damit alles wie eine Inszenierung und unwirklich wirkt, solange Paul sich nicht befreien kann. Und so ist zunächst auch die Sprache – künstlich und unecht. Aber Paul findet am Ende seinen eigenen Ton, seine eigene Ausdrucksweise.

MM: Diese Festung schießen Uli Brée und Sie mit Szenen skurrilen Humors ein. Etwa, wenn Gerti Drassl als Nonne einen Papierflieger fängt, der ein Liebesbrief ist, den sie auf sich bezieht. Oder wenn Dominik Warta als Polizist seine Furcht erst verliert, als er erfährt, dass es den dämonischen alten Patriarchen nicht mehr gibt.

Henning: Solche Auflockerungen sind von André Heller schon so angelegt. Manche Szenen sind wie ein Mini-Horváth. Ödön von Horváth, Joseph Roth oder Helmut Qualtinger, mit dem er ja auch gearbeitet hat, sind, wie ich glaube, Leuchttürme, an denen Heller sich unter anderem orientiert. Er sagt über sich selbst, er ist in Wahrheit kein Mensch, sondern ein Wesen, das menschliche Erfahrungen macht und auf dem Planeten Erde ein Gastspiel in der Rolle André Heller gibt. Ich finde, er ist gewissermaßen eine multiple Persönlichkeit. Er spaltet sich in verschiedene Stellvertreter auf, die allesamt André Heller heißen und die er losschickt, damit sie für ihn in der Welt Eindrücke sammeln. In „Wie ich lernte, bei mir selbst Kind zu sein“ gibt er einen sehr tiefen Einblick in die Seele eines Kindes, das wie ein Schwamm Erlebnisse aufsaugt. Und zwar nicht nur das reine Quellwasser, sondern halt auch das Drecksgschloder, das aus der eigenen Familiengeschichte rinnt. Heller entwirft das elfte Gebot, das da lautet: „Du sollst dich selbst ehren.“ Und das Motto seines Helden heißt: „Werde nicht wie alle, die du nicht sein willst!“

MM: Eine starke Figur ist nicht nur Paul, sondern auch sein Vater Roman Silberstein, der sich mit einer unglaublichen Szene einführt. Karl Markovics spielt ihn zwischen tragischem Helden und Psychopathen.

Henning: Ich wollte schon sehr lange mit Karl Markovics arbeiten – und bei diesem Projekt war mir sofort klar, er gehört dazu. Karl hat zunächst gezögert – nicht, weil ihm die Rolle nicht interessant schien, sondern weil er erst einmal nicht auf den Gedanken gekommen ist, sie zu verkörpern. Es ist nun eine sehr eigenwillige Interpretation der Figur geworden; eine böse Figur, aber eben auch eine tragikomische – insofern, als dass Karl immer erspüren lässt, wie das Leben dieses Menschen auch hätte sein können. Roman Silberstein ist durch ihn nicht nur ein pathologischer Irrer, sondern er hat auch immer wieder Momente des Innehaltens. In der ersten Szene gleich, wenn er als Erklärung für die eigene Grausamkeit sagt: „Die Kriege machen das. Wenn du in ihnen bist, sind sie bald auch in dir. Und wenn sie außen endlich erlöschen, brennen’s in dir weiter.“ Karl zeigt, wie geistreich, wie schillernd diese Person hätte sein können, hätte ihr nicht der Zweite Weltkrieg und sein Schicksal als Flüchtling allen Glanz geraubt.

MM: Prägnant drückt das seine Verwandte Silbersteins aus, wenn sie sagt, er hätte es nicht geschafft, mit sich befreundet zu sein.

Henning: Das fällt ja auch vielen schwer – vor allem, wenn sie Traumatisches erlebt haben. Dazu eine Geschichte, an die ich oft denken muss: Ich habe einmal zwei Brüder kennengelernt, die beide in Auschwitz gewesen waren. Aus dem Älteren wurde nach der Befreiung 1945 ein lebensfroher, humorvoller, wenn auch nichts verdrängender Mensch. Der Jüngere blieb für den Rest seines Lebens ein schwarzes Loch der Traurigkeit. Ihre Erfahrungen waren nahezu identisch, aber als Menschen waren sie grundverschieden. Der ältere Bruder sagte mir irgendwann: „Ich kann es nicht erklären. Wir waren beide in Auschwitz. Aber in Wahrheit habe ich Auschwitz nie betreten. Und mein Bruder hat es nie verlassen.“ Menschen gehen unterschiedlich mit dem um, was man gemeinhin „Schicksal“ nennt. Umso wichtiger – und das erzählt der Film auch – ist es, dass jeder versucht, rauszufinden, was seine Wünsche sind, seine Bedürfnisse, seine Freiheiten. Der Film regt hoffentlich zu einem Selbstbewusstsein an, das kein polternder Ego-Trip ist, sondern eine Bewusstmachung der Dinge, die einen ausmachen.

MM: Heißt also, nicht wie Mutter Silberstein zu sein, die sagt, sie hätte alle Möglichkeiten, aber keinen einzigen Wunsch.

Henning: Genau. Für mich war es sehr beglückend, Elisabeth Heller persönlich kennenzulernen. Ich hatte eine wunderbare Begegnung mit ihr in Hellers Garten in Gardone. Im Vergleich zur Figur im Film war sie viele Schritte im Leben weitergekommen; sie war wirklich, wie André Heller sagt, ein Jahrhundertmensch. Was hat dieses Leben nicht alles umspannt! Elisabeth Heller hat alles erlebt – vom goldenen Käfig, über den Bankrott und die darauffolgende Selbstrettung bis hin zu einer vielleicht daraus resultierenden gewissen Milde und Abgeklärtheit im Alter.

MM: Was haben Sie durch solche Begegnungen gelernt?

Henning: Es geht uns so gut wie nie zuvor. Das ist der Grund, warum Entwicklungen durch Menschen wie Trump und Orbán so erschreckend sind. Demokratie ist nichts Selbstverständliches, man muss täglich darum ringen. Ich glaube nicht, dass morgen wieder braune Horden durch die Straßen ziehen, aber dass Freiheiten eingeschränkt werden, dass eine neue Angst die Leute leitet, das ist sehr wohl eine Tatsache. Und auch das behandelt dieser Film, weil er eigentlich sagt: „Lass dich nicht von falschen Sicherheiten kaufen!“ Das Denken, demzufolge man, solange man nichts macht, auch nichts falsch machen kann, ist verheerend. Der Paul Silberstein in uns sagt: „Sei nicht untätig! Überprüfe deine Träume!“ Der Heller würde das jetzt vermutlich so formulieren: „Überprüfe deine Träume in der Wirklichkeit auf ihre Statik – auch auf die Gefahr hin, dass ein paar von deinen Traumkartenhäusern in sich zusammenbrechen und du scheiterst. Aber wir lernen aus unserem Scheitern!

Als wär‘ es schon Flic Flac: Valentin Hagg veranstaltet als Paul Silberstein für sein geliebtes Mädchen ein Kopf-Varieté. Bild: © Dor Film

MM: Apropos, Traum: Die Schlusssequenz des Films ist einer, eine Flic-Flac-artige Szene, ein Zirkus. Warum?

Henning: Ganz einfach: Paul Silberstein verehrt ein Mädchen, das schwer krank ist. Er fragt sich: „Was ist zu tun?“ Und dann entscheidet er sich, dass er ihr Anwesenheit und Zeit schenken kann. Und seine Fantasie. Und so brennt er ein Feuerwerk aus fellini-esken Attraktionen ab. Ob sie’s gesehen hat oder nicht – man weiß es nicht.

Es ist ein Don-Quijote-Moment, dessen Entschlüsselung beim Publikum liegt. Noch eine Geschichte: Als mein Bruder klein war – er vielleicht vier, ich vierzehn Jahre alt – saßen wir oft zusammen in meinem Zimmer. Es war Herbst, tagelang herrschte dieser typische Klagenfurter Nebel, der einem bis in die Seele suppt. Es war ein trüber Tag und mein kleiner Bruder merkte wohl, dass ich nicht gut drauf bin. Da hat er mit einer Schere aus einem gelben Blatt Buntpapier eine kleine runde Scheibe ausgeschnitten. Eine Sonne. Die hat er dann an mein Fenster geklebt. Für mich ist das genau das, was Menschen mitunter können: Eine Buntpapiersonne aufkleben, wenn der Nebel ins Gehirn suppt. Man kann das eskapistisch nennen. Was André Heller schon sein Leben lang macht, ist vielen möglicherweise zu schwül, zu eklektizistisch, zu … was auch immer. Ich glaube an die Wirkung solcher Buntpapiersonnen. Manchmal helfen sie, manchmal nicht. Heller ist neben einer polarisierenden, vielschichtigen Figur auch ein fortwährendes öffentliches Scheitern, aber oft auch ein Gelingen – und von solchen Figuren gibt’s nicht viele. Schon allein deshalb finde ich ihn toll.

 MM: Man darf die Realität nicht ausblenden, man muss aber auch die Fantasie leben?

Henning: Das ist das, was dieser Film unter anderem erzählen soll. Aber nicht als verzopfter Fantasie-Poesie-Quatsch, sondern in einer klaren, identifizierbaren Form.

 MM: Sie haben im Sommer mit der Produzentin Isabelle Welter die WHee-Film gegründet. Was erwartet uns da? Werden Sie dort Ihr nächstes Projekt realisieren?

Henning: Nächste Projekte, wie ich hoffe. Ich finde den Plural in dem Zusammenhang schöner. Die WHee-Film ist entstanden, weil Isabelle und ich befunden haben, dass wir allmählich erwachsen genug sind, um selbst Verantwortung zu übernehmen – auch in produzentischer Hinsicht. Und weil wir sehr viele Projekte im Kopf haben, die wir gerne entwickeln würden. Zusammen mit verschiedenen Partnerinnen und Partnern – Hand in Hand sozusagen. Es gibt mehrere Ideen, Stoffe, die noch in der Entwicklung beziehungsweise in der Finanzierungsphase sind. Ein ganz konkretes Projekt, das wir gemeinsam mit der „Metafilm“ und mit „Gebhardt Productions“ machen wollen, ist „Mein Ungeheuer“ von Felix Mitterer. Das begleitet mich schon sehr lange. 2005 habe ich Felix in Irland besucht und er hat uns die Rechte gegeben. Es ist ein famoser, sehr packender, fast schon archaischer Stoff über die Ungeheuer in uns selbst, über Gut und Böse und über die Kraft der Liebe, die vielleicht die einzige Brücke über die Abgründe ist, die sich manchmal zwischen uns Menschen auftun.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=D5BU4pqjf-E          wieichlernte.at          www.wheefilm.com

18. 2. 2019

Werk X: Onkel Toms Hütte

April 19, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Von wegen Ende der Sklaverei

Die Sklaventreiber und die Safaritouristen: Zeynep Buyraç, Sören Kneidl, Wojo van Brouwer und Tom Feichtinger. Bild: © Sandra Keplinger

Die Überforderung ist Programm. Zu groß die Schweinerei, um sie allumfassend darzustellen, zu unglaublich, was Menschen Menschen antun, um zu glauben, man könne begreifen. Ergo, möchte man meinen, lässt Harald Posch Teile seiner Auseinandersetzung mit den Themen Sklaverei und Ausbeutung in Schnellsprech und Staubsaugerlärm untergehen. Das ist schade, weil man durchs Getöse ahnt, dass da auf der Spielfläche Wichtiges verhandelt wird.

Doch es geht Posch ums Globale. In jeder Hinsicht. Kein T-Shirt-Kauf, mit dem man sich nicht mitschuldig macht, kaum ein Supermarktartikel, der einen nicht als Mittäter am System ausweist. Etwa 30 Millionen Menschen weltweit fristen im Jahr 2018 ein Leben als Sklavinnen und Sklaven in moderner Schuldknechtschaft. Etwa 200 Millionen Menschen sollen akut von Sklaverei-ähnlichen Ausbeutungsverhältnissen bedroht sein. So zitiert der Programmzettel den US-Soziologen Kevin Bales. Hier setzt Posch an. Auf der Folie von Harriet Beecher Stowes „Onkel Toms Hütte“ gestaltet er seinen Abend über Unterjochung, Rassismus und die Position derer, die sich bis heute als „Herrenmenschen“ verstehen.

Dabei wird sowohl agiert als auch agitiert. Wenige Spielszenen wechseln mit aufklärerisch Aufgesagtem, Episoden aus dem Roman werden erzählt. Nur eingangs dürfen Sören Kneidl und Wojo van Brouwer als Shelby und Slavenhändler Onkel Toms ersten Verkauf szenisch gestalten. Was danach geschieht – St. Claire, Legree – erahnt man mehr, als man es versteht. Parallel kommen kurz Eliza und Sohn Harry vor, Onkel Toms Ende wird nur noch mit drei auf Pappkartons geschriebenen Sätzen verkündet. In Lincoln-Land wird das Werk mittlerweile kontrovers rezipiert. Black Power passt nicht zu Onkel Tom.

Alltagsrassismen allüberall: Katharina Knap meets Walt Disney. Bild: © Sandra Keplinger

Nach dem Blackfacing wieder „weißgewaschen“: Zeynep Buyraç und Tom Feichtinger. Bild: © Marko Lipuš

Posch weiß auch darauf hinzuweisen. Einem Blackfacing stellt er ein „Whitefacing“ gegenüber, das geschwärzte Gesicht wird geschockt schnell wieder „weißgewaschen“. Dann wiederum diskutieren Zeynep Buyraç und Katharina Knap die Tatsache, dass kein Schwarzer an der Aufführung teilnimmt. „Was sollte der spielen? Einen Sklaven?“ In solchen und anderen Momenten kippt die Inszenierung vom Irritierenden ins Ironische. Harald Posch hat ein Händchen für derlei Wechselbäder.

Während Tom Feichtinger den xenophoben österreichischen Sextouristen gibt, schildert Knap das Schicksal einer Sexsklavin in Österreich. Es geht um Lohnsklaven für Billigtextilien in Bangladesch oder Arbeitssklaven in brasilianischen Ziegeleien, Safarijäger und Schlepper, und wie die unappetitlichen Angelegenheiten seit 1852 aus dem unmittelbaren Blickfeld in die sogenannte „Dritte Welt“ verschoben wurden. Ein Zebra wird ausgeweidet, Tarzan, Baströckchen und Banane berichten vom Outsourcing einer Wegwerfgesellschaft, in der auch der Mensch rasch Müll wird.

In einer der bestechendsten Szenen singen die Schauspieler ernsthaft naiv 50 Cents „Candy Shop“ in deutscher Übersetzung. Ein weiteres Bild, eine weitere Bespiegelung. „Onkel Toms Hütte“ im Werk X ist voll davon. Mehr als man auf einmal fassen kann. Nicht immer kennt man sich aus, nicht jeder gezogene Schluss erschließt sich einem. Manchmal wünscht man, man könnte ein Stück zurückspulen und noch einmal hören und sehen. Nachzudenken gibt es jedenfalls eine Menge.

werk-x.at/

  1. 4. 2018

Werk X: Das Programm der Saison 2017/18

September 21, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

„Grand Hotel Abgrund“ heißt das Motto in Meidling

Die Werk-X-Leiter Ali M. Abdullah und Harald Posch. Bild: Renata Bencke

Sie würden es sich bei einem Aperitif auf der Terrasse ihres Grand Hotels am Rande des Abgrunds gutgehen lassen und geistreiche Debatten über das vor ihnen liegende Desaster führen, unterdessen „die Probleme des verfaulenden Kapitalismus immer offensichtlicher unlösbar“ würden, warf Georg Lukács 1962 Theodor W. Adorno und Max Horkheimer vor. Die Terrasse des gleichen Grand Hotels ist auch heute gut besucht.

Es haben sich lediglich andere Protagonisten eingefunden – und man diskutiert seltener über dialektische Umkehrung und „Instrumentelle Vernunft“. Stattdessen geht es etwa um die Frage, ob man sich in den zurückliegenden Jahrzehnten zu viel mit Identitätspolitiken beschäftigt habe, ob politische Korrektheit Sprechverbote produziere und Linke und Liberale am international zu verzeichnenden Aufstieg einer neuen Rechten am Ende selbst schuld seien. Damals wie heute kann „der tägliche Anblick des Abgrunds zwischen behaglich genossenen Mahlzeiten die Freude an diesem raffinierten Komfort nur erhöhen.“ Unter dem Motto „Grand Hotel Abgrund“ begibt sich das Team des Werk X in der Spielzeit 2017/2018 auf die Spuren der Frankfurter Schule und blickt in die zivilisatorischen Abgründe des Projekts Aufklärung.

„Ziel des Werk X ist es, ein progressives Sprechtheater mit gesellschaftspolitisch relevanten Themen und innovativer Ästhetik in Wien zu etablieren. Einen Ort, an dem Künstler arbeiten, die zwar in Berlin, Hamburg oder Zürich, aber eben nicht in Wien zu sehen sind. Dass uns dies in den vergangenen Jahren gelungen ist, verdankt sich vor allem der konsequenten Arbeit eines außergewöhnlichen Teams“, so Harald Posch, künstlerischer Leiter des Werk X bei der Vorstellung des Spielplans 2017/2018 am Mittwochvormittag.

aktionstheater ensemble. Ich glaube. Bild: Stefan Hauer

Schorsch Kamerun zeigt „Me are the world“. Bild: privat

Die erste Eigenproduktion der neuen Werk-X-Spielzeit hat am 18. Oktober Premiere: ein „Opernspektakel zum Ende der Vielfalt“ von Schorsch Kamerun. Titel: „Me are the world“. Am 18. Jänner gelangt „Homohalal“ von Ibrahim Amir zur Aufführung. Vor etwa zwei Jahren sagte das Volkstheater die geplante Aufführung des Stücks angesichts der hitzigen Diskussion um Geflüchtete ab. „Wir sind überzeugt, einen angemessenen Umgang mit diesem Stoff zu finden, der auch heute noch Potenzial zur Diskussion birgt“, so Werk-X-Co-Leiter und Regisseur Ali M. Abdullah.

Zu sehen sind außerdem Pasolinis „Der Schweinestall“ als Gastspiel des Residentheater München, hier werden die Termine noch bekannt gegeben, „Mission der Schönheit“ von Sibylle Berg, Regie von  Julia Burger (Premiere: 19. Februar), „Onkel Toms Hütte“ ab 15. März in einer Inszenierung von Harald Posch und Elfriede Jelineks „Raststätte oder So machens alle“ in einer Inszenierung von Susanne Lietzow (ab 10. April). Diskussionen und Gespräche zur Lage der Zeit soll es auch in diesem Jahr in diversen Formaten wieder geben.

Die neue Spielzeit bringt auch einige Veränderungen mit sich. So wird das „diverCITYLAB“ von Asli Kislal, das in den vergangenen vier Jahren am Werk X aufgebaut wurde, nun andernorts weitergeführt – dafür erhalten die Wiener Wortstätten ein „Asyl X“, in dem sie nach der umstrittenen Einstellung der öffentlichen Förderung weiter arbeiten können. Hinsichtlich der Juryempfehlung vom März 2017 finden gegenwärtig die abschließenden Gespräche mit dem Kulturamt über den vom Stadtrat gewünschten Spielstättenverbund ab 2018 statt. Das Werk X ist bemüht, so Posch, die Möglichkeiten für die  freie Szene weiter auszubauen und die Rahmenbedingungen zu verbessern.

Das Werk X kann auf eine Auslastung von 87 Prozent und 24.480 Zuschauerinnen und Zuschauer in 271 Veranstaltungen verweisen. Den Hauptanteil an diesem Erfolg tragen Produktionen wie „Demokratische Nacht – Du Prolet!“ nach Ödon von Horváths „Italienische Nacht“ (Inszenierung: Harald Posch), die auf Einladung des künftigen Burgtheater-Intendanten Martin Kusej an dessen aktueller Wirkungsstätte, dem Münchner Residenztheater, gastieren wird. Thirza Brunckens Inszenierung von „Die Stunde zwischen Frau und Gitarre“ (Romanvorlage: Clemens J. Setz) oder Ali M. Abdullahs Bühnenfassung des Romans „Macht und Rebel“ von Matias Faldbaken erwiesen sich als Publikumsmagneten. Die Spielzeit 2017/2018 startet am 11.10.2017 mit „Ich glaube“, einer Produktion des aktionstheater ensemble, und am 18.10.2017 mit „Me are the world“ von und mit Schorsch Kamerun.

werk-x.at

21. 9. 2017

Rabenhof: Mayerling – Ein Singspiel von Wilderern und Habsburgern

September 21, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine wilde Jagd quer durch den Wienerwald

Und noch ein Habsburger der einen kapitalen Hirsch schießt: Manuel Rubey als Kronprinz Rudolf und Gerald Votava als Wilderer Horstl Tiefgruber. Bild: Ingo Pertramer / Rabenhof

Im Rabenhof wurde Mittwochabend Ernst Moldens neues Singspiel „Mayerling“ uraufgeführt, zum Saisonauftakt des Hauses eine Inszenierung von Hausherr Thomas Gratzer höchstpersönlich. Molden, der genialische Musiker, der sich schon mit den Vorgängerproduktionen „Häuserl am Oasch“ und „Hafen Wien“ der Wiederbelebung des Genres Singspiel widmete, macht einen wiedergängerischen Habsburger zum Mittelpunkt seiner jüngsten Arbeit.

Mayerling, der Ort ist natürlich untrennbar mit dem unglücklichen Kronprinzen Rudolf verbunden, und dieser darf – inklusive dekorativer Schusswunde an der Schläfe – über die Bühne geistern. Untot, weil schuldbewusst ob der Mit-in-den-Tod-Nahme der Mary Vetsera, glaubt er nur Erlösung finden zu können, wenn ihm einer den weißen Hubertushirsch schießt. Womit er nicht der erste Habsburger wäre, der einen kapitalen Hirsch geschossen hat … Jedenfalls, der gruselige Geist findet sein Werkzeug im Wilderer Horstl Tiefgruber, den es nach Scheidung, Jobverlust und Obdachlosigkeit in den Wienerwald getrieben hat, wo er seiner letzten Selbstdefinition, dem unerlaubten Jagen, frönen will. (Rekrutiert wird übrigens so, wie’s der Tod im Jedermann tut: „Den schlag ich auf sein Herz mit Macht …“)

Schwester Apollonia betet für Frieden im Wald von Mayerling: Eva Maria Marold. Bild: Ingo Pertramer / Rabenhof

Förster Helmuth und die militante Majorin Mimi Sommer: Christoph Krutzler und Michou Friesz. Bild: Ingo Pertramer / Rabenhof

Im Horst kommt dem Horstl allerdings die Schwester Apollonia in die Quere, die in der kontemplativen Einsamkeit des Forstes Frieden mit sich selbst schließen und zu Gott finden will. Also wird die Klosterfrau kurzerhand zur Geisel, und ab geht die wilde Jagd. Diese durchaus im Sinne der bekannten Volkssage zu verstehen, ist der Dämon Rudolf doch als übernatürlicher Jäger mit von der Partie. Und weil’s kein Singspiel ohne Buffi geben kann, versuchen der unbeholfene Förster Helmuth und die militante Polizeimajorin Mimi Sommer vergeblich den Wilderer zu fangen. Am Ende wird der, so viel kann eine Nonne schon bewirken, geläutert sein, und der Kronprinz wird sich per Herzschlag ein neues Opfer holen …

Herzstück des Abends ist die Musik von Ernst Molden, der Meister mit Band als Schatten hinter dem Baumstammbühnenbild von Gudrun Kampl zu sehen. Viel mehr – und ein ausgeklügeltes Lichtdesign von Harald Töscher – braucht Thomas Gratzer nicht, um die Story zu erzählen. Die Songs bewegen sich im Spektrum von L’Amour-Hatscher und Hart-Rock, Molden schrammelt auf der Gitarre, bis die Saiten glühen, unterstützt von Hannes Wirth, Maria Petrova, Sibylle Kefer, Marlene Lacherstorfer, Andrea Fraenzel und dem grandiosen Walther Soyka mit seiner Altwiener Schrammelharmonika. Moldens Text transportiert ein Alt-Wienerisch, wie’s zuletzt aus der Feder von Ferdinand Raimund in dessen Zauberspiele floss. Da heißt es „Er soll die Frau in Kraut lassn“ oder „Es is zum Plaatzen“, da ist der eine ein „Bloßhaperter“ und der andere ein „Nebochant“.

Jedermann! kann zum Werkzeug des grauslichen Kronprinzen werden: Manuel Rubey und Gerald Votava. Bild: Ingo Pertramer / Rabenhof

Den Wilderer-Horstl spielt Gerald Votava hart am Rande des Wahnsinns. Wie im Fieber, dreckig und verschwitzt, pirscht er über die Bühne im Versuch, der teuflischen Spukgestalt, die ihn peinigt, zu entkommen. So, wie Votava das darstellt, stellt sich durchaus die Frage, ob sich der Kronprinzen-Geist nicht eigentlich nur im Geist vom Tiefgruber tummelt. Manuel Rubey gibt den Rudolf sehr schön düster und dominant.

Rubeys Rudolf ist einer, der sich auch nach dem Ableben seiner Privilegien als Kaiserliche Hoheit bewusst ist, und über den Rest des Casts als seine Untertanen verfügt. Als Dritte dieser unheiligen Dreifaltigkeit ist Eva Maria Marold als Schwester Apollonia zu sehen, als moderner, weiblicher Evagrius Ponticus, die in der Waldeinsiedelei das Finstere ihrer Vergangenheit, heißt: den tyrannischen Ehemann, vertreiben will, und sich mit einer noch größeren Schwärze konfrontiert sieht. Dass Votava, Rubey und Marold als trauriges Triumvirat bestens bei Stimme sind, müsste man nicht extra erwähnen, aber: Ja!

Christoph Krutzler darf als tollpatschiger Förster Helmuth nicht nur herrlich komisch sein, sondern auch Mundharmonika spielen und „Den Mond, den Mond, den Mond …“ besingen. Dies sehr zum Unwillen von „Cobra“ Mimi Sommer alias Michou Friesz, die als herrische Lederlady den Landeiern zeigen will, wo das MG hängt (um ihren Hals nämlich). Friesz und Krutzler, die Harte und der – zumindest seelisch, siehe Mundharmonika/Soul Man – Zarte, sind ein hinreißend witziges Gespann, „Mayerling“ eine insgesamt hinreißende Aufführung. Die allerdings nur 70 Minuten dauert, und das ist in diesem vergnüglichen Fall – man sagt’s am Theater ja nicht oft – zu kurz. Weil man viel mehr sehen möchte von den Wilderern und von den Habsburgern.

www.ernstmolden.at

www.rabenhoftheater.com

  1. 9. 2017