Theater zum Fürchten: Tannöd

November 29, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Publikum ist Augenzeuge und Ermittler

Bernie Feit, Johanna Withalm, Carina Thesak, Hermann J. Kogler, Wolfgang Lesky Bild: Bettina Frenzel

Bernie Feit, Johanna Withalm, Carina Thesak, Hermann J. Kogler, Wolfgang Lesky. Bild: Bettina Frenzel

Die Leitern reichen bis in den Himmel, aber bis zum Herrgott wird trotzdem keiner gelangen. Mit dem von ihm gestalteten Raum gibt Regisseur Rüdiger Hentzschel die Richtlinie des Abends vor. Im dichten Wald der Sprossen-Wände ist kein hoch-, weiter- oder vorbeikommen. Man muss durch Neid und Niedertracht und Vernaderei. Und die Fürbitten bleiben ungehörte Anträge. Das Theater zum Fürchten zeigt in seiner Wiener Spielstätte, der Scala, „Tannöd“. Landkrimi live, sozusagen. Maya Fanke und Doris Happl haben den mit dem Glauser-Preis ausgezeichneten Bestseller von Andrea Maria Schenkel dramatisiert.

Der basiert auf einer wahren Geschichte: Auf einem Bauernhof in Oberbayern wurden sechs Menschen ermordet gefunden, das Austragsbauernehepaar, die Kinder, die Magd. Bis heute wurde kein Täter ausgeforscht. Schenkel verlegte die Handlung von 1922 nach 1955. Die NS-Vergangenheit einiger Dorfbewohner kann so eine Rolle spielen. Hentzschel zeigt mit acht Schauspielern eine ganze Dorfgemeinschaft. Zeigt Engstirnigkeit und Kleingeistigkeit, „die geistige Enge ist fast körperlich zu spüren“, heißt es an einer Stelle, und das Schicksal der armen Leute.

Verwandte, Bekannte, Nachbarn, ein Handwerker auf Montage, eine polnisch-jüdische Zwangsarbeiterin, die sich erhängt hat, die Pfarrersköchin. Keine Freunde, denn der Danner und die Dannerin hatten keine. Die in der Einschicht waren einsilbige Eigenbrödler. Die Dörfler machen ihre Aussagen, teils mit selbstmitleidigen Tränen in den Augen, der hat etwas gesehen, der auch, wenn’s nur wen zum Ausrichten gibt … Der Dorftratsch rotiert. Die Aufregung ist so groß wie das Mitleid gering. So reihen sich Beobachtungen und Erinnerungen aneinander; katholische Spukgeschichten, wie die von der wilden Jagd, Gerüchte und Hörensagen verschränken sich ineinander. Was dem einen an einem Menschen „brav“ ist, nennt ein anderer „blöd“. Aus dem Mosaik ergibt sich allmählich ein Gesamtbild. Auch die Opfer kommen zu Wort. Und der Täter, noch als solcher unerkannt. Am liebsten reden die Leut‘ eh über sich selber. Am besten wird Gift und Galle gespuckt. Manche Szenen sind choreografiert wie aufgespielt zu einem Landler. Das Publikum ist Augenzeuge und Ermittler, verliert sich in falschen Verdächtigungen und unrichtigen Vermutungen. Die Schreckspirale dreht sich schneller und schneller.

Es ist ein vom Krieg verhärteter Menschenschlag, den das TzF-Ensemble zeigt. Die Gesichter der Darsteller, darunter Birgit Wolf, Monica Anna Cammerlander, Carina Thesak und Sebastian Anton Maria Brummer, sind wie von Wind und Wetter verhärmt. So wie sie sind, sind sie ein Bauernstand wie von Egger-Lienz gemalt. Kantig, knurrig, gefühlskalt. An die dreißig Figuren werden gestaltet. Hut auf, Jacke aus – neuer Protagonist. Für jeden findet die Truppe eine Stimme, eine Stimmlage aus Angst und Wut und Augen verschließen vor dem Leid anderer, aber manchmal auch der Entschlossenheit, etwas zu ändern. Bernie Feit spielt den kleinkriminellen Einsteiger Michl, der unfreiwillig und mit dem man Zeuge der Morde wird. Wolfgang Lesky ist als verwitweter Schwiegersohn nun scharf auf die andere Tochter. „Die Männer sind alle gleich in ihrer Gier, in ihrer widerlichen Lüsternheit.“ Hermann J. Kogler ist Bürgermeister und Pfarrer, beide von Vergangenheit-ruhen-lassen-Mentalität, und als Danner ein herrischer Hoftyrann. Johanna Withalm ist die unschuldige Magd Marie, getötet an ihrem ersten Arbeitstag, und Danner-Tochter Barbara. Sie, die die Siegerin sein könnte, wird zu des Rätsels Lösung.

Am Ende gibt es drei Verdächtige, ein Kind, das einen Vater zu viel hat, und die Aufdeckung eines grausigen Inzest. Das heißt: Gewusst haben es alle, aber … Rüdiger Hentzschel ist eine ausgezeichnete, atmosphärisch dichte Untersuchung der bigotten-postfaschistischen Provinz gelungen, sein Versuch einer Erklärung, wie (männliche) Macht und Gewalt den einzelnen bis zur Wahnsinnstat knechten, hebt diesen Abend aber über die Dorfgrenzen hinaus. Das Ensemble agiert großartig, wie aus einem Guß, so wie sie sind, möchte man sie in einen „Tannöd“-Film stellen, doch das braucht’s nicht, denn der Spielraum Scala ist für Close-ups ja gut geeignet. Für eine Aufführung wie diese müsste der Begriff luzider Albtraum erfunden werden. Die Furchtbarkeiten auf dem Dorf werden noch kein Ende haben, unter dem Mordsblut blitzen noch ganz andere Geheimnisse auf. Manchmal gibt es Schlimmeres, als mit der Reuthaue erschlagen zu werden.

www.theaterzumfuerchten.at

Wien, 29. 11. 2015

Die stummen Zeugen Wiens

April 24, 2013 in Tipps

Eine Lesung für „unwertes Leben“

Andrea Bröderbauer Bild: Gabriela Brandenstein

Andrea Bröderbauer
Bild: Gabriela Brandenstein

Am 24. April veranstaltet das Volkstheater Wien im Empfangsraum eine Lesung über „Die stummen Zeugen Wiens“.

Steinhof, 1940-45 In der Kinderfachabteilung „Am Spiegelgrund“ werden 800 kranke und behinderte Kinder von NS-Ärzten für Experimente missbraucht und getötet. Im Zuge der „Aktion T4“ werden mehr als 3200 PatientInnen zur Ermordung ins Schloss Hartheim bei Linz abtransportiert, nach dem Abbruch von „T4“ wird die NS-„Euthanasie“ am Steinhof anstaltsintern fortgesetzt.

Zentralfriedhof, 2002 Nach jahrzehntelangem Missbrauch zu Forschungszwecken werden die sterblichen Überreste der Opfer der Anstalt in einem Ehrengrab bestattet.

Steinhof, 2013 Im Krankenhauskomplex, dem heutigen Otto-Wagner-Spital, informiert eine Dauerausstellung des Dokumentationsarchivs des österreichischen Widerstandes über die Geschichte der NS-Medizinverbrechen. Auf dem Areal erinnert ein Mahnmal an das Schicksal der ermordeten Kinder.

Der dritte und letzte Abend der Reihe führt  an den Ort der Vernichtung „lebensunwerten Lebens“.

Es lesen Andrea Bröderbauer, Jan Sabo und Doris Happl.

www.volkstheater.at

Von Michaela Mottinger

Wien, 24. 4. 2013