Matt Ruff: Lovecraft Country

Dezember 30, 2018 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Cthulhu-Kult als Code für den Ku-Klux-Klan

Liebhaber von Lovecraft kennen ihn, seinen Supernatural Horror, Grauen, das aus Friedhofsgrüften steigt, archaische Kulte, allen voran der um das Krakenwesen Cthulhu, Unheil, das sich in Paralleluniversen zusammenbraut. Aus seinen Albträumen, sagte der Kultautor einmal, beziehe er seine Inspiration, und nicht weniger absurd und nachtmahrisch als seine Erzählungen sind Lovecrafts gesellschaftspolitische Überzeugungen. Seine Furcht vor „rassischer Verunreinigung“ und dem damit einhergehenden kulturellen Verfall der USA, sein Glaube an die Germanen als „Gipfel der Evolution“ und den amerikanischen „Selbstmord“, es ihnen im Streben um die Weltherrschaft nicht gleich zu tun, dies alles ist unter anderem in Gedichten zum Ausdruck gebracht:

When, long ago, the gods created Earth / In Jove’s fair image Man was shaped at birth. The beasts for lesser parts were next designed; Yet were they too remote from humankind. To fill the gap, and join the rest to Man, / Th’Olympian host conceiv’d a clever plan. A beast they wrought, in semi-human figure, / Filled it with vice, and called the thing a Nigger. H. P. Lovecraft: On the Creation of Niggers, 1912

Der aktuelle Meister des Un- und Übernatürlichen, Matt Ruff, legt nun mit seinem jüngsten Roman „Lovecraft Country“ den Versuch sowohl einer Beschwörung dieses Geists als auch von dessen Austreibung vor. Orientiert an Lovecraft’schen Motiven, Ruffs Protagonisten bewegen sich durch den nach Lovecraft benannten Landstrich in Massachusetts, aus Arkham wird Ardham, und auch ein Ausflug in kosmische Welten kommt vor, entrollt er im Eigentlichen die Geschichte des Rassismus in den Vereinigten Staaten. Sind seine Figuren, zumindest die Guten, doch fast ausnahmslos Schwarze; das Jahr, in dem sie leben, ist 1954.

In diesem macht sich der Koreakriegsveteran Atticus Turner samt Onkel George und dem Mädchen Laetitia von Chicago aus auf, seinen Vater Montrose zu suchen, der im Devon County, Mitte der 1950er-Jahre ein Ort der schärfsten Rassengesetze, verschwunden ist. Zuvor erreichte Atticus noch ein geheimnisvoller Brief, in dem von einem Vermächtnis die Rede ist, welches ihm sein Geburtsrecht garantieren werde. Die Reise ist gefährlich, die Atmosphäre so bedrohlich, dass es einem unter die Gänsehaut geht. Das Trio wird in Restaurants nicht bedient, Toiletten bleiben ihnen versperrt, Autowerkstätten verweigern die Hilfe. Jeder Sheriff ist ein Sadist, der schießt, so man nicht schnell genug über die Bezirksgrenze verschwindet. Auf diesen Seiten schafft Ruff Schrecken ohne Monster, doch keine Panik, die werden auch im Jim-Crow-Distrikt noch kommen.

Bild: pixabay.com

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Derweil macht sich Onkel George eifrig Notizen, ist er doch der Herausgeber des „Safe Negro Travel Guide“, eines speziellen Reiseführers für Schwarze, nachempfunden dem „Negro Motorist Green Book“, das es bis in die 1960er-Jahre tatsächlich gab. Schließlich findet man sich auf dem Anwesen von Samuel Braithwhite und seinem Sohn Caleb wieder, wo der Adamitische Orden der Alten Morgenröte tagt, ein Geheimbund weißer Herrenmenschen, dessen Vorbild ganz klar der Ku-Klux-Klan ist. Wie Atticus nun erklärt wird, war seine Ahnin Sklavin der Braithwhites und vom damaligen Gutsbesitzer geschwängert.

Weshalb Atticus mit seinem Blut den Antenauten bei einem schwarzmagischen Ritual dazu dienen soll, sich die Erde Untertan zu machen. Was folgt, sprengt das Fassungsvermögen einer Rezension. Matt Ruff mixt Horror, Science Fiction und Fantasy, wie es ihm gefällt. „Lovecraft Country“ wird zum Pageturner, jedes Kapitel entführt in ein neues Universum, und manchmal braucht es etwas, bis der Leser den roten Faden in diesen wie einzelne Novellen wirkenden Episoden wiedererkennt und ihn erneut aufnehmen kann.

Die Storys nämlich, so wird sich enträtseln, hängen alle zusammen. Vorkommen Tore zu anderen Dimensionen, wo unter anderem ein mumifizierter Logenmeister über einer Schatztruhe schwebt, Tentakel ausfahrende und damit menschenverschlingende Steinkugeln, natürlich eine mordlüsterne Teufelspuppe, ein Zauberbuch, das Lovecrafts „Necronomicon“ nachempfunden ist, und trifft man einander in einer Bar, so heißt diese „Hexenhammer“. Laetitia wird ein Spukhaus in einem weißen Wohnviertel kaufen, und dort mit dem verstorbenen Vorbesitzer Schach spielen.

In einer der vielen wunderbaren Szenen, als Laetitia von Nachbarn bedroht wird, und sich, statt Hilfe zu bekommen, der Polizeiwillkür ausgesetzt sieht, wird das Gespenst das Kommando übernehmen, und Einbrechern und Vandalen zeigen, wo der Keller ist. Caleb Braithwhite wird sich als sleeker, hübscher Schurke erweisen, als Strippenzieher, der die Familienmitglieder gegeneinander ausspielt, und um seinen Willen zu bekommen, aus Laetitias Schwester Ruby mittels Elixier die weißhäutige Hillary macht. Zwischen all seinen Hokuspokus stellt Ruff Zitate von Ex-Sklaven und Überlebenden von Rassenunruhen, und nimmt auf historische Ereignisse wie die Tulsa Riots von 1921 Bezug. Derart versteht er es die Übergänge von der Realität ins Surreale perfekt zu nehmen. Kein Wunder, dass HBO bereits eine Fernsehserie von „Lovecraft Country“ plant. Dass man Matt Ruff eine etwas sorgfältigere Übersetzung gegönnt hätte, steht auf einem anderen Blatt. Vielleicht kann Hanser für folgende Auflagen ja noch nachbessern …

Über den Autor: Matt Ruff, 1965 in New York geboren, wurde bereits mit seinem ersten Roman „Fool on the Hill“ (Hanser, 1991) zum Kultautor. Bei Hanser erschienen außerdem „G.A.S.“, „Ich und die anderen“ und „Bad Monkeys“. Bei dtv kam sein 9/11-Buch „Mirage“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=9121) heraus. Matt Ruff lebt in Seattle, Washington.

Hanser Verlag, Matt Ruff: „Lovecraft Country“, Roman, 432 Seiten. Übersetzt aus dem Englischen von Anna Leube und Wolf Heinrich Leube.

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  1. 12. 2018

Minna Rytisalo: Lempi, das heißt Liebe

November 12, 2018 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Erinnerung ist nicht zu trauen

Lempi, das heißt Liebe auf Altfinnisch. Und Lempi heißt auch die Frauenfigur in Minna Rytisalos vielschichtigem und dennoch so schlichtem, stillem Debütroman. Rytisalo erlaubt sich den gewagten Kunstgriff, ihren Hauptcharakter gar nicht anwesend sein zu lassen. Drei Ich-Erzähler schildern aus ihren persönlichen Perspektiven wer und wie diese abwesende Lempi war, gestalten sozusagen ein Psychogramm hoch drei. Das Buch beginnt mit Briefen einer Elli an einen Viljami 1944, mitten im Lapplandkrieg. Es ist kein Fehler, das Nachwort der Übersetzerin Elina Kritzokat als erstes zu lesen, denn wenig weiß man hierzulande über den Dreieckskonflikt Finnland-Sowjetunion-Nazideutschland, in Finnland selbst war das Thema lange Zeit tabu.

Denn die Finnen hatten die Wehrmacht, der nationalsozialistische Partner aus politischen Gründen wohlweislich nur „Waffenbruder“, nie offiziell Verbündeter genannt, selbst ins Land geholt. Als Hilfe gegen die schließlich aber doch siegreichen Russen. Mehr als 200.000 Deutsche lebten und kämpften mehr als drei Jahre lang Seite an Seite mit den Finnen. Und da viele Frauen allein waren, die Männer an der Front, sie als Schreibkräfte bei der Wehrmacht eingeteilt, entspannen sich nicht wenige Liebesbeziehungen.

Bis die Russen verlangten, die Deutschen aus dem Land zu treiben, und die Frauen und deren Kinder zu Geächteten wurden. Diskriminiert bis spät in die 1960er-Jahre. In dieser zeitgeschichtlichen Realität voller Gefahren und Entbehrungen und Kriegsverheerungen, russischen Partisanen und Fallschirmspringern, und am Ende mehr als 90.000 finnischen Toten, hat Rytisalo ihre Fiktion verankert. Ihre Figuren stecken als deren Bestandteil in dieser Zeitgeschichte fest.

„Sie trägt Puder, Lippenstift und Lederstiefel, dazu das süße Lächeln der Verwöhnten“, heißt es über Lempi erst. Doch dann kommt der junge Einödbauer Viljami zu Wort, Frontheimkehrer ist er nun, auf dem Rückweg zu seinem Hof, war offenbar im Lazarett, wo man sein Kriegstrauma mit Elektroschocks zu „heilen“ versuchte. Doch bevor er eingezogen wurde, war ihm ein halbes glückliches Ehejahr mit der schönen Ladenbesitzerstochter aus der Kleinstadt gegönnt. Mit ihr war’s Liebe auf den ersten Blick, nun hat ihn Elli schriftlich davon unterrichtet, Lempi „wurde beim Einsteigen ins Auto eines Deutschen gesehen“. „In meinem Universum ist der Mittelpunkt verschwunden“, lässt er seine für immer gegangene Frau wissen, an die er sich mit seiner Erzählung in vertraulichem Du wendet, und er berichtet ihr von seinem „andauernden Schmerz“, dieser wie „eine schwelende, quälende Brandwunde“.

Von schwermütiger Lieblichkeit ist diese Schilderung des einstmals so schüchternen, stadtfremdelnden, über das „allerhand Frauenzeugs“ von Hutschachteln bis zur spitzenverzierten Bettwäsche seiner Angetrauten überraschten Bräutigams, die Sprache einfach und doch poetisch, aber sie wäre dennoch literarisch kaum der Rede wert, würde Rytisalo nicht taktisch kluge Querverweise auf die kommenden Berichte ziehen. Zwischen Viljamis Zeilen sind schon die anderen zu lesen, Elli, die sich als Magd herausstellt, und die Zwillingsschwester Sisko, und dass Lempi schwanger und einsam und verzweifelt war wegen der mangelnden Freundlichkeit der einen und dem Fehlen der anderen.

Elli gehört denn auch Teil zwei des Buchs, sie, die mit dem angenommen Antero und Lempis leiblichem Sohn Aarre bereits unversehrt auf den Hof zurückgekehrt ist, die „Mutter“ genannt werden will, und es auch wird, und die Viljami will, auf den sie nun Tag um Tag wartet. „Dies ist der Ort, für den ich bestimmt bin, und du bist jetzt nicht mehr da, um zu stören“, richtet sie Lempi aus, und: „Jetzt kommt meine Zeit.“ Hasserfüllt und von Hexensprüchen durchdrungen und auf ganz andere Art beschränkt, als Viljamis goldene Erinnerungen, sind die von Elli.

Bild: pixabay.com

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Ihre Schimpftirade ist die eines eifersüchtigen Weibs, berechnend, aber auch ängstlich, wenn sie ihre Herrin als feine Dame in schicken Kleidern schmäht, die es darauf angelegt hätte, hervorzukehren, „dass wir unterschiedlicher Herkunft und Rasse sind“. Ihre wirren Gedanken zeichnen ein gänzlich anderes Bild von Lempi, eines, das von Eitelkeit und Trägheit geprägt ist, und mehr und mehr beginnt man sich zu fragen, wo der Kern der Wahrheit liegt. Der Erinnerung ist nicht zu trauen, ein weiteres Rätsel tut sich auf, ist Elli eine Mörderin?, bevor sie erschrickt, als der Mann „mit toten Augen“ plötzlich dasteht.

„Das ist das Dumme an Erinnerungen, man kann nie ganz sicher sein“, sagt schließlich Sisko, die sich mit dem Betrachten alter Familienfotos auf den Besuch einer „Redakteurin“ vorbereitet. Auch ihr Leben war ein tragisches, ihre Geschichte ist die komplexeste. Sie war es, die tatsächlich mit einem Deutschen, ihrem Geliebten Max, nach Hamburg ging, trotz der von ihm ausgeübten psychischen und physischen Gewalt, „die Verkleidungsspielchen, die sonderbaren Praktiken und überhaupt Max‘ dominante Art gefielen mir gar nicht“, dort von ihm verlassen wurde und sich alleine im fremden Land durchschlagen musste. Weil es ihr lange Zeit verunmöglicht war, wegen ihres „besudelten Rufs“ nach Finnland zurückzukehren.

Siskos Part ist der historisch relevanteste, Generaloberst Dietl oder die Frauenorganisation Lotta Svärd finden Erwähnung, und ihren Andeutungen ist zu entnehmen, dass diese Beichte schon weiter in den Jahren liegt. Sie ist nun betagte Rednerin auf Erinnerungsveranstaltungen.

Die einstige Vaterlandsverräterin nun „Frau Doktor“, die, für sie hat Rytisalo eine gewähltere Sprechweise als für die anderen gefunden, über ihr Flüchtlingsschicksal Auskunft gibt. Von Sisko erfährt man, dass Lempi dominant war, die Schwester von ihr immer niedergehalten, doch ist deren Eifersucht, statt Ellis gehässiger, eine liebevolle. Sisko weiß auch, dass Lempis Anbändeln mit Viljami einem Spiel entsprang, einer Wette zwischen den Mädchen, Lempi solle dem Nächstbesten den Kopf verdrehen, der an den Verkaufstresen tritt. Ob daraus gewollt Ernst wurde, bleibt offen.

Sisko löst schließlich das Geheimnis um Lempi und Elli auf, doch entschlüsselt sie die Leerstellen des Romans nicht ganz. Für den Leser ergibt sich zwar aus den drei Erzählsträngen, die im jeweiligen Wissensstand des Protagonisten verhaftet bleiben müssen, die eine oder andere fürchterliche Erkenntnis, etliches jedoch erschließt sich in raffinierter Weise nicht. Ist Sisko auf Viljamis Hof gekommen, um dem Verschwinden ihrer Schwester nachzuforschen? Ist der „schweigsame, genügsame“ Mann, den sie nun den ihren nennt, er? Hat sie seine Söhne großgezogen? Es ist die große Wirkung von Minna Rytisalos Roman, dass man das am Ende nicht weiß. „Man erfasst einen Menschen nie ganz. Ich weiß bis heute nicht, ob ich das wirklich begriffen habe“, sagt Sisko.

Über die Autorin: Minna Rytisalo, geboren 1974 in Lappland, arbeitet als Finnischlehrerin und schreibt einen literarischen Blog. „Lempi, das heißt Liebe“ ist ihr erster Roman und wurde von finnischen Bloggern als bester Roman 2016 mit dem Blogistania-Finlandia-Preis ausgezeichnet; außerdem erhielt Rytisalo 2017 den Botnia-Literaturpreis.

Hanser Verlag, Minna Rytisalo: „Lempi, das heißt Liebe“, Roman, 224 Seiten. Übersetzt aus dem Finnischen von Elina Kritzokat.

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  1. 11. 2018

Colson Whitehead: Underground Railroad

November 5, 2017 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Opfer des amerikanischen Imperativ

Die Underground Railroad gab es tatsächlich. Sie war ein Netzwerk aus Gegnern der Sklaverei, Schwarzen wie Weißen, das Sklaven auf der Flucht aus den Südstaaten der USA in den Norden und ins sichere Kanada half. Mit geheimen Routen, Schutzhäusern, Fluchthelfern und geheimer Kommunikation gelang es, zwischen 1780 und 1862 etwa 100.000 Sklaven zu befreien. Das Netzwerk erhielt seinen Namen, weil man sich seit den 1850er-Jahren Metaphern aus der Welt der Eisenbahn bediente, um verschlüsselte Botschaften zu übermitteln.

So war ein conductor ein Fluchthelfer, station hieß eine Unterkunft für Flüchtlinge auf dem Weg, die Flüchtenden wurden als passengers bezeichnet. Diese historische Tatsache macht sich US-Autor Colson Whitehead für seinen Pulitzerpreis-gekrönten Roman „Underground Railroad“ zunutze. Gekonnt mischt er Fakt und Fiktion, Realismus und Fantastik und erfindet eine veritable unterirdische Eisenbahn, mit der die Sklavin Cora in die Freiheit zu gelangen hofft. Cora ist nicht nur ein geknechtetes, geschlagenes Menschenwesen, sondern auch eine allegorische Figur. Wie sie sich selbst nennt, „eine Passagierin in der Welt der Weißen“.

An ihrem Beispiel schildert Whitehead alle Schreckensszenarien, die einem Sklaven begegnen konnten. Ihm sei, sagte er dazu in einem Interview, die Wahrheit wichtiger als die Tatsachen. Sein Buch ist ein Aufschrei, ein Schlachtruf. Black lives matter! Wenn er seinen Sklavenfänger Arnold Ridgeway über den „amerikanischen Imperativ“, „der uns aus der Alten Welt in die Neue gerufen hat, damit wir erobern, aufbauen und zivilisieren. Und zerstören, was zerstört werden muss. Um die unbedeutenderen Rassen zu unterwerfen. Und wenn nicht zu unterwerfen, dann auszurotten“, schwadronieren lässt, fällt auf, wie wenig sich unter Amerikas Rechts-Denkern verändert hat. The Home of the Brave ist nur wenigen ein Land of the Free.

Zwischen derlei aktuellen Erkenntnisstand streut Whitehead Sklavenanzeigen: Seinem Besitzer entlaufen … Belohnung auf den Kopf ausgesetzt … Achtung: ist auf durchtriebene Weise aufgeweckt … wird sich als Freigelassene ausgeben … Und natürlich die Geschichte von Coras Rebellion und späterer Odyssee durch die USA. Cora ist Sklavin auf der Plantage des tyrannischen Terrance Randall, und als sie sich gegen ihren Herrn auflehnt – sie schützt ein Kind vor dessen Stockhieben -, wird beiden eine nur noch schlimmere Züchtigung zuteil.

Bild: pixabay.com

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Der Sklave Caesar spricht sie an, ein gebildeter Mann, der nach dem Tod seiner Herrin eigentlich freigelassen werden sollte, aber von den Erben weiterverkauft wurde. Seine Idee: Flucht. Mit der Underground Railroad. Er hat mit einem weißen Abolitionisten im Dorf dazu Kontakte geknüpft. „Mr. Fletcher verabscheute Sklaverei als Affront gegen Gott.“ Cora zögert erst, willigt dann ein. Randall verständigt Ridgeway, und der wird Cora im Weiteren immer dort auflauern, wo sie gerade glaubt, zur Ruhe gekommen zu sein. „An jedem öffentlichen Ort waren Bekanntmachungen angeschlagen. Schurken der übelsten Sorte beteiligten sich an der Jagd. Säufer, Unverbesserliche, arme Weiße, die nicht einmal Schuhe besaßen, ergriffen begeistert diese Gelegenheit, die farbige Bevölkerung zu drangsalieren.“

Was folgt ist eine Flucht durch fünf Bundesstaaten, getrennt durch die Biografien einzelner Protagonisten. Whitehead hat akribisch recherchiert, die von ihm beschriebenen Schicksale sind angelehnt an solche aus dem Federal Writers‘ Project von Franklin D. Roosevelt, das in den 1930er-Jahren die Lebensgeschichten ehemaliger Sklaven sammelte, die Steckbriefe Entlaufener stammen aus den Sammlungen der University of North Carolina. Cora hinterlässt eine Blutspur, die meisten ihrer Helfer werden getötet, die Schwarzen zu Tode geprügelt, die Weißen gelyncht. All das ist nur auszuhalten, weil Whitehead die Erzählung abbricht, knapp bevor die Grausamkeiten unerträglich werden. Er bleibt ein diskreter Beobachter seiner Heldin, schildert reportagehaft und aus einer gewissen Distanz, so dass überbordende Emotionen, die Cora sich aus Überlebenstrieb verbietet, auch beim Lesen kaum aufkommen.

Nur im Fall der Bestrafung von Big Anthony tobt er sich einmal aus. Da können weiße Gäste das langsame Sterben des Delinquenten bequem von der Veranda des Herrenhauses aus verfolgen. „Randalls Besucher schlürften gewürzten Rum, während Big Anthony mit Öl übergossen und geröstet wurde.“ Seine Schreie bleiben den Zuschauern erspart, denn die Henker hatten dem Opfer „sein Geschlecht abgeschnitten, es ihm in den Mund gestopft und diesen zugenäht.“ Obszön? Ja, die Wahrheit von derart Geschichten. Whiteheads Buch ist auch eine Analyse, warum der Norden und der Süden der USA bis heute nicht wirklich zueinander finden. Siehe der Streit in Charlottesville um ein Robert-E.-Lee-Denkmal, in den sich sogar Donald Trump (auf Seiten der Befürworter) involvierte.

„Die Strecke der Underground Railroad verläuft in Richtung des Bizarren.“ In South Carolina muss Cora nicht nur im Museum arbeiten, mit anderen Schwarzen als Tableaux vivants Sklavenszenen nachstellen, sondern auch erfahren, dass man hier ein Programm zur Sterilisation von Männern und Frauen betreibt, „Geburtenkontrolle“, um die „Dschungeltriebe“ unter Kontrolle zu bekommen (dass er dabei ans Dritte Reich und dessen „Programme“ dachte, hält Whitehead – siehe Interviews – für einen legitimen Querverweis). In North Carolina, zu diesem Zeitpunkt der Historie eine eigenständige Nation, die „die absurde Vorstellung vom Aufstieg des Niggers“, die sich die „Brüder jenseits der Staatsgrenze“ zu eigen gemacht haben, nicht teilt, finden nach Minstrel Shows systematische Exekutionen statt.

Bild: pixabay.com

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Man will die Schwarzen auf dem Territorium vollständig ausmerzen. Die neuen Arbeitssklaven stehen schon parat: arme irische Einwanderer. (Ein „Experiment“, dass es im Ansatz gab, das aber scheiterte, weswegen man wieder auf Schwarze „zurückgriff“). In Tennessee hält man Schwarze für „Nachkommen des verfluchten schwarzen Ham, der sich an einen Berg in Afrika geklammert und so die Sintflut überlebt hatte“. In Indiana macht der Mob die progressive Valentine-Farm – auch sie eine Utopie des Autors – dem Erdboden gleich.

Und wieder ist Ridgeway wie ein Wiedergänger mit dabei. Es kommt zu einem letzten Kampf zwischen Cora und ihm … Das nimmt kein gutes Ende. Oder doch? Ihre Flucht in die Freiheit steht jedenfalls erst am Anfang. Das große Netz an Kämpfern für die Freiheit ist bereit. Denn die eines anderen zu gewährleisten, schützt immer auch die eigene. „Cora stemmte sich gegen den Hebel der Draisine. Er rührte sich nicht, auch als sie ihr ganzes Gewicht hineinlegte. Zu ihren Füßen auf der hölzernen Plattform war eine kleine Metallschließe. Sie löste sie, der Hebel quietschte. Sie drückte erneut dagegen, und die Draisine kroch vorwärts …“

Über den Autor:
Colson Whitehead, 1969 in New York geboren, studierte an der Harvard University und arbeitete für die New York Times, Harper’s und Granta. Whitehead erhielt den Whiting Writers Award und den Young Lion’s Fiction Award und war Stipendiat der MacArthur „Genius“ Fellowship. Für seinen Roman „Underground Railroad“ wurde er mit dem National Book Award 2016 und dem Pulitzer-Preis 2017 ausgezeichnet. Bei Hanser erschienen bisher „John Henry Days“, „Der Koloß von New York“, „Apex“, „Der letzte Sommer auf Long Island“ und „Zone One“. Der Autor lebt in Brooklyn.

Hanser Literaturverlage, Colson Whitehead: „Underground Railroad“, Roman, 352 Seiten. Übersetzt aus dem Englischen von Nikolaus Stingl

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  1. 11. 2017

Robert Seethaler: Man Booker International Prize

Mai 11, 2016 in Buch

VON RUDOLF MOTTINGER

Mit „Ein ganzes Leben“ auf der Shortlist

HB Seethaler_978-3-446-24645-4_MR.inddDie Sensation war eigentlich bereits im März perfekt, denn gleich zwei in Österreich arbeitende Autoren hatten es auf die Longlist für den diesjährigen Man Booker International Prize geschafft: der Wiener Robert Seethaler und der aus dem Kongo stammende, in Graz lebende Fiston Mwanza Mujila. Doch Seethalers Name findet sich nun auch auf der kürzlich veröffentlichten Shortlist für den renommierten Literaturpreis. Mit dem schmalen, ungeschnörkelt geschriebenen Band „Ein ganzes Leben“, erschienen im Hanser Verlag, hat er es dorthin geschafft.

In seinem Buch erzählt Seethaler von einem Menschen, dem das Schicksal alles andere als wohlgesonnen ist: Als Andreas Egger in das Tal kommt, in dem er sein Leben verbringen wird, ist er vier Jahre alt, ungefähr – so genau weiß das keiner. Er wächst zu einem gestandenen Hilfsknecht heran und schließt sich als junger Mann einem Arbeitstrupp an, der eine der ersten Bergbahnen baut und mit der Elektrizität auch das Licht und den Lärm in das Tal bringt. Dann kommt der Tag, an dem Egger zum ersten Mal vor Marie steht, der Liebe seines Lebens, die er jedoch wieder verlieren wird. Erst viele Jahre später, als Egger seinen letzten Weg antritt, ist sie noch einmal bei ihm. Und er, über den die Zeit längst hinweg gegangen ist, blickt mit Staunen auf die Jahre, die hinter ihm liegen. Eine einfache und eine tief bewegende Geschichte.

Seethalers Vorgängerroman, „Der Trafikant“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=5071), wird übrigens ab 2. Dezember in einer Bühnenfassung des Autors am Volkstheater in den Bezirken zu sehen sein.

Mujila 290316.inddMit Seethaler nominiert sind die jüngsten Romane des türkischen Literaturnobelpreisträgers Orhan Pamuk: „Diese Fremdheit in mir“, des angolanischen Autors José Eduardo Agualusa: „Eine allgemeine Theorie des Vergessens“, der Südkoreanerin Han Kang: „Der Vegetarier“, des chinesischen Autors Yan Lianke: „The Four Books“, und einer Neapolitanerin, die unter dem Pseudonym Elena Ferrante schreibt. „Die Geschichte des verlorenen Kindes“ soll 2017 auf Deutsch erscheinen. Der Man Booker International Prize ist mit 50.000 Pfund dotiert. Die Bekanntgabe des Preisträgers findet am 16. Mai statt. Die Auszeichnung wird in diesem Jahr erstmals für ein fremdsprachiges und in Großbritannien in englischer Übersetzung veröffentlichtes Buch verliehen. Bisher wurde sie alle zwei Jahre an ein Gesamtwerk vergeben.

„Tram 83“, das auf der Longlist vermerkte Buch von Fiston Mwanza Mujila, ein afrikanischer Großstadtroman und Mujilas literarischer Erstling, erscheint bei Zolnay.

themanbookerprize.com/man-booker-international-prize

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Wien, 11. 5. 2016

Gaito Gasdanow: Die Rückkehr des Buddha

Februar 22, 2016 in Buch

VON RUDOLF MOTTINGER

Die gespenstische Welt des beginnenden Wahnsinns

Gasdanow_25047_MR.inddDer russische Student, Emigrant im Paris der 1920er-Jahre und Gasdanows Ich-Erzähler in „Die Rückkehr des Buddha“, ist eigentlich ein vielversprechender Mann, wenn er nicht einen Makel hätte: Er wird regelmäßig von Wahnvorstellungen heimgesucht, die er von der Realität kaum unterscheiden kann, die ihn jedoch in missliche bis lebensbedrohliche Situationen bringen. Wie ein Schlafwandler läuft er durch die Seine-Metropole, sieht sich als anderer, spürt seinen eigenen Tod: „… und fast täglich, manchmal im Zimmer, manchmal auf der Straße, im Wald oder im Park, hörte ich zu existieren auf.“

Eine Begegnung im Jardin du Luxembourg verändert sein Leben. Er trifft einen „Pennbruder“ und schenkt ihm zehn Francs. Zwei Jahre später trifft er ihn in einem Cafè mit einer jungen Frau wieder. Doch jetzt hat er nichts mehr von einem Bettler – ein vornehmer Mann sitzt ihm gegenüber. Jener Pawel Alexandrowitsch Schtscherbakow wurde aufgrund eines Erbes steinreich, doch dieses „Wunder“ verändert nicht ihre Beziehung: Die beiden freunden sich an, und der Student besucht Pawel und seine junge Geliebte Lida regelmäßig.

Wie nebenbei erfährt er alles über Pawels Leben, wie er zu Reichtum gekommen ist und über seine Mätresse, die den Nordafrikaner Amar liebt. Doch der Erzähler hat andere Sorgen: Bei einem seiner nächtlichen Spaziergänge sucht ihn wieder ein Albtraum heim: Er wird überfallen, tötet den Angreifer, landet schließlich im Untersuchungsgefängnis und wird des Hochverrats in einem Gericht des „Zentralstaats“ angeklagt. Ein Szenario, wie aus einem stalinistischen Schauprozess. Auch Parallelen zu Kafka drängen sich auf. Erst durch den Einfluss eines mysteriösen Mitgefangenen wird er schließlich freigelassen. Doch: „Ich konnte für meine Handlungen nicht voll und ganz verantwortlich sein, konnte mir der Realität des Geschehenden nicht sicher sein, es fiel mir oft schwer zu bestimmen, wo die Wirklichkeit endete und wo der Wahn begann.“

Im Gegensatz zu Gasdanows „Das Phantom des Alexander Wolf“, mit dem er berühmt wurde, trägt hier der Ich-Erzähler gespenstische Fantasiewelten in sich. „Krieg und Auswanderung in die Fremde haben Fremdheit in ihn selbst verpflanzt und zu bedrohlichen Halluzinationen verdichtet. Ihm entgleitet die Gegenwart, die äußere Realität, er ist sich seiner Sinneswahrnehmung wie seiner eigenen Konturen nicht mehr sicher“, schreibt die Übersetzerin Rosemarie Tietze in ihrem Nachwort treffend.

Eines Abends überlegt der Student, ob es für seinen Freund nicht das beste wäre, genau jetzt zu sterben, da er offenbar rundum glücklich ist. Am nächsten Tag wird Pawel ermordet aufgefunden. Und eine goldene Buddha-Statue ist verschwunden. Der junge Mann wird des Mordes verdächtigt und verhaftet, nicht zuletzt auch deshalb, weil Pawel ihn in seinem Testament als Universalerben eingesetzt hat. Sein Heil hängt von der Buddha-Statue ab. Erst ihr zufälliges Wiederauftauchen entlastet den Erzähler und entlarvt schließlich den wahren Mörder, Amar, den todkranken Liebhaber Lidas.

„Die Rückkehr des Buddha“ ist mehr als ein Krimi. Auch wenn Ende der 1940er-Jahre, als der Autor das Buch geschrieben hat, das Genre des Kriminalromans und auch der Kinokrimi einen rasanten Siegeszug antraten. Gasdanow interessiert nicht die Krimihandlung, die Aufklärung eines „Falls“. Vielmehr geht es ihm um das Psychologische. Tolstoi und Dostojewski haben auch ihn beeinflusst. Und wenn sein Student Todesträume erlebt und dem Wahnsinn nahe ist, so könnten Lew Tolstojs „Aufzeichnungen eines Wahnsinnigen“ Pate gestanden haben. Hintergrund: Tolstoj suchten in einem Hotel plötzlich und ohne Grund Todesängste heim, die als das „Entsetzen von Arsamas“ in die Literaturgeschichte eingingen.

In Gasdanows Prosa ist nichts vom Pariser Flair der Zeit zu lesen, auch nichts vom damaligen Emigranten-Milieu. Seine Werke, wie „Das Phantom des Alexander Wolf“ – oft der Zwilling zu „Die Rückkehr des Buddha“ genannt – kreisen um das Thema Tod. Der Autor widmet auch einen längeren Abschnitt der Rolle des Täters, der Rechtsprechung, Zufällen, die das Leben bestimmen, und den Fragen: „Warum wird jemand zum Mörder?“ und „Wie geht die Gesellschaft mit einer solchen Person um“.

Am Ende lebt der Protagonist, reich geworden, in Pawels Wohnung, seine Visionen verschwinden, glücklich ist er trotzdem nicht. Erst als er einen Brief von seiner ehemaligen Geliebten Catrine, die er verlassen hat, aus Australien erhält, beschließt er seine Koffer zu packen und zu ihr nach Melbourne zu reisen. Nicht zuletzt die hervorragende Übersetzung von Rosemarie Tietze macht das Buch zu einem Lesevergnügen ersten Ranges.

Über den Autor:
Gaito Gasdanow, 1903 in St. Petersburg geboren und 1971 in München gestorben, gilt als einer der wichtigsten russischen Exilautoren des frühen 20. Jahrhunderts. Seit 1923 lebte er im Exil in Paris, wo er begann, regelmäßig literarische und journalistische Texte zu veröffentlichen. Gemeinsam mit seiner ebenfalls aus Russland stammenden Frau schloss er sich im Zweiten Weltkrieg der Résistance an. Auch half das Ehepaar jüdische Kinder zu verstecken. Wegen der existentialistischen Prägung seines Werks wurde Gasdanow wiederholt als der „russische Camus“ bezeichnet. Sein Werk umfasst zahlreiche Romane und Erzählungen. Im Hanser Verlag erschienen zuvor die Romane „Das Phantom des Alexander Wolf“ (2012) und „Ein Abend bei Claire“ (2014).

Hanser, Gaito Gasdanow: „Die Rückkehr des Buddha“, Roman, 224 Seiten. Aus dem Russischen von Rosemarie Tietze.

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Wien, 22. 2. 2016