Aura Xilonen: Gringo Champ

Juni 4, 2019 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Die schnellste Faust von Mexiko

„Und da durchfährt es mich, als die Mickerficker der schönen Chica nachsteigen, im Disturbomodus, und ihr dreckig ins Ohr sülzen: Ich kann mich in ein anderes Leben hangeln, wenn ich diese fokkin Meridianer trashe. Bin schließlich tot auf die Welt gekommen und habe kein Fünkchen Schiss.“ So beginnt Aura Xilonens Debütroman „Gringo Champ“, und wenn es über dieses Sprachwunderwerk etwas zu sagen gilt, dann über ebendiese, hat die junge mexikanische Autorin für ihren Protagonisten doch einen Kunstgangstaslang erfunden, der sich liest, als würde sie Bilder von Frida Kahlo, Amado de la Cueva und Rufino Tamayo Snapchat-tauglich machen.

Ungeniert mixt sie die Worte zu neuen Klängen, erschafft neu, was ihr an Vokabular fehlt, jongliert mit Silben und Sätzen, und dies alles, ohne, dass der Ausdruck Schaden nimmt. Sie lässt auf hämmernden Prosa-Beat Stellen von geradezu betörend schöner Suggestivkraft folgen, etwa wenn der Ich-Erzähler seine armselige Existenz derart fliehen will: „Ich wünschte mir ein Laubblatt, das mich in den Orbit befördert und mich dort sanft in den Schlaf wiegt, zwischen den Scheißsternen.“

Kaum je kamen Four-Letter-Words lyrischer zum Einsatz als hier, dass sich das auch in deutschsprachiger Übersetzung erschließt, ist das sagenhafte Verdienst von Cervantes-Expertin Susanne Lange, die Xilonens Tanz vom Trash zum Tragischen mitgeht, als wär’s das Wenigste. „Gringo Champ“ ist ein märchenhafter Entwicklungsroman, in dem die devastierte Sprache die Gemütsverfassung des jugendlichen Helden abbildet. Liborio heißt er, ein Name, der sich wohl nicht von ungefähr an Libro/Buch anlehnt, und ist einer, der noch vor Trumps Mauerbauplänen illegal über die Grenze gegangen ist. Sein Schicksal offenbart sich nach und nach in seinen Erinnerungen. Der Tod der Mutter, die prügelnde Patentante, die Flucht durch den „Scheiß-Rio-Bravo“, dann splitternackt in die Gringo-Wüste, wo ihm die Sonne fast bis zum Sterben die Haut vom Körper brennt.

Endlich ist der „Drexmex“ im Heiligen Land USA angekommen, findet einen Drecksjob in einer Buchhandlung, und weil ihm deren cholerischer Chief befiehlt „lies gefälligst was, wenigstens die Klappentexte, damit du weißt, worum es verdammt noch mal geht, und ein fokkin Book verkaufen kannst und nicht so ein brunzdummer Bastard bleibst“, beginnt Liborio sich mithilfe eines Wörterbuchs durch die Weltliteratur zu ackern.

Bild: pixabay.com

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Was seinen Sprachschatz bald zum Funkeln bringt. In die Chica, die er eingangs vor ihren Verehrern rettete, Aireen, verliebt er sich „pygmalionmäßig“, ihre Silhouette, die er durchs Fenster beobachtet, erscheint ihm wie ein „rembrandifiziertes Kunstwerk“.  In seine Unflätigkeiten streut Liborio nun in doppeltem Sinne Erlesenes. Doch wie seine Schöpferin über eine archaische Sprachgewalt, verfügt Liborio über ein großes Talent: eine schnelle, eine eiserne Faust. Wer sich mit ihm anlegt, spuckt Blut: „Zack! Bumm! Kawatsch! Ich niete ihm die Zähne um, bis er nur noch sein rotes, feistes Mus sieht.“ Und so tut sich ihm, knapp bevor er in der amerikanischen Vorhölle vor die Hunde geht, eine einmalige Chance auf – statt des Geklopfe auf der Street zum Profiboxer ausgebildet zu werden.

Die Odyssee dieses Outlaws, seinen auch mit Bibelsprüchen gepflasterten Passionsweg, begleiten wundersame Gestalten. Die irre Nora Dabbelju, die Liborio erst für eine Obdachlose hält, die sich aber als Journalistin entpuppt, die seine Geschichte veröffentlichen will. Abacuc Shine, der Betreiber einer Herberge für von ihren Eltern im Stich gelassene Kinder, in der Liborio wohnen und arbeiten wird, und der sich vorgenommen hat, den Jungen zu fördern. Mister Bald, so genannt, weil kahlköpfig, der sein Trainer wird. Und Naomi, die im Rollstuhl sitzt, weil ihr der Vater das Rückgrat gebrochen hat, hochintelligent und Liborio in Computerfragen wie Herzensangelegenheiten weit voraus. Dass ihr der letzte Satz des Buches gilt, will was bedeuten.

Bei allen Schilderungen von Gewalt, die Menschen Menschen antun, ist „Gringo Champ“ kein Unterschichtsblues. Kein weinerliches Klagelied auf die Vereinigten Staaten, wo schießwütige Ranger, Watchmen und selbsternannte Immigrantenjäger, diese fürs Freiwild ihrer Aggressionen halten, ebenso kein Melodram über die Situation der Mexikaner zwischen Drogenkartellen und deren Mörderbanden. Dafür lässt Aura Xilonen zu viele Fünkchen Hoffnung selbst in den schwärzesten Szenen aufblitzen. So wie sie die Möglichkeit eines kleinen Glücks für den einzelnen gegen das große Unglück, die Ungerechtigkeit der Welt aufwiegt, hat sie einen Corrido geschrieben. So nennt man die mexikanischen Volkslieder, in denen der Aufstieg eines einfachen Mannes zum Héroe national besungen wird. Damit kratzt sie natürlich an den Gefühlen des Lesers. Und das ist gut so.

Über die Autorin: Aura Xilonen wurde 1995 in Mexiko-Stadt geboren. „Gringo Champ“ ihr erster Roman. Er wurde mit dem Premio Mauricio Achar ausgezeichnet.

Hanser Verlag, Aura Xilonen: „Gringo Champ“, Roman, 336 Seiten. Übersetzt aus dem Spanischen von Susanne Lange.

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  1. 6. 2019

Angela Lehner: Vater unser

April 30, 2019 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Die wahnwitzige Suche nach der Wahrheit

„Die Eva lügt immer.“ Das ist der Satz, den man sich merken muss, bei der Lektüre von Angela Lehners Debütroman „Vater unser“, ist doch dessen Erzählerin Eva Gruber eine, der kein Wort zu glauben ist. Los geht’s, indem die junge Frau bei Klagenfurt von der Polizei aufgegriffen und nach Wien ins Otto-Wagner-Spital überführt wird, die geschichtsträchtige Psychiatrie am Steinhof, einstige NS-Euthanasieanstalt, woran heute eine Gedenkstätte gemahnt. Was im Buch nicht wirklich eine Rolle spielt, aber immerhin und so auch an dieser Stelle Erwähnung findet. In den späten 1960er-Jahren lernte Thomas Bernhard hier „Wittgensteins Neffen“ kennen.

Lehner zielt statt Freundschaft auf Verwandtschaft, findet Eva doch – als Patienten in einem anderen Pavillon – ihren jüngeren Bruder Bernhard. Von der Magersucht schwer gezeichnet, der Schwester gegenüber so trotzig wie ängstlich. Er wirft ihr etwas vor, das sich erst im Verlauf der Seiten enträtseln wird, der Geschwisterkonflikt wie die komplette dysfunktionale Familie. Beziehungsweise, was Eva als all das ausgibt, denn es dauert nicht lange, bis man begriffen hat, dass diese Protagonistin so hochintelligent wie hochmanipulativ und hochmütig ist.

Eine intrigante, egomanische, aggressive Dauerrednerin, vielleicht sogar gemeingefährlich, die die Wahrheit dreht, wie sie’s braucht – und den Leser nicht weniger an der Nase herumführt, als ihren Therapeuten Doktor Korb, diesen in Evas Augen Inkompetenzler, der sich allerdings im Laufe der Sitzungen einen erfrischenden Sarkasmus aneignet. Treffend beschreibt Lehner die Alltagsroutine in der Anstalt, die skurrilen Mitinsassen und absurden Gruppenaktivitäten, die Eva je nach aktueller Gemütsverfassung mal mit lakonischem Witz, mal mit bitterbösem Zynismus kommentiert. „Hier gehört Langeweile zum Tagesgeschäft“, sagt sie. „Das Entertainment-Programm ist hier ja auch sehr beschränkt … Im Prinzip hangelt man sich von einer Mahlzeit zur nächsten.“

Die Walking-Gruppe beschreibt Eva so: „Vorne die Maniker, die mit Nachdruck die Stöcke nach hinten schwingen, als wollten sie absichtlich ein paar Augen ausstechen. Dann die Depressiven, die nur mit Ausweichen beschäftigt sind oder nicht einmal mehr das. Ganz hinten: Bernhard. Er zieht beim Sport eine Fresse, als handle es sich um die Turnstunden früher in der Volksschule“. Über die Musiktherapeutin bemerkt sie: „… lächelt verständnisvoll, und ich denke, dass sie dabei hässlich aussieht. Manchen Menschen steht Glück nicht, die sollten sich einfach unauffällig verhalten.“ Angela Lehner schafft in schnörkellosen Sätzen eine detailreiche Schilderung. Typisch für Eva ist etwa, wie sich in ihren Gedanken und Gesprächen der Selbstmord des Vaters zu dessen Scheidung von der Mutter zu Evas geplantem Vatermord dreht, das „Vater unser“ der Grundton der Kindheit im Kärntner Dorfantiidyll, und nie kann man sicher sein, was Eva sich einbildet, erfindet oder tatsächlich erinnert.

Des Vaters Alkoholismus, seine sexuellen Übergriffe auf Bernhard und Eva? Was so Furchtbares stattgefunden hat, das beide an ihrem Leben verzweifeln lässt, bleibt unklar. Klar ist nur, dass für Eva der Vater Ursache allen Übels ist: „Unser Geschwür ist der Vater. Der Vater wuchert uns unter der Haut, er dringt uns aus den Poren. Der Vater kriecht uns den Rachen herauf, wenn wir uns verschlucken.“ Der titelgebende, übergroße Schöpfer, Lehner legt das – immer wieder auch Thomas-Bernhard’sche und der Brudername wohl nicht zufällig gewählt – Motiv kunstvoll mehrdeutig an, wird mehr und mehr zur Projektionsfläche, während sich Evas Wahnwitz, Wachträume und die Wirklichkeit zunehmend ineinander schieben.

Bild: pixabay.com

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Die Psyche der Erzählerin wird verschränkt mit der kollektiv österreichischen des Sigmund-Freud-Landes, das Idiom so heimisch wie das ausgestellte Kulturgut wie Lehners Verwurzelung in der hiesigen literarischen Tradition, mit deren Genres und Klischees sie gekonnt spielt. Und weit und breit kein Herrgottswinkel, in dem nicht überm Jörg-Haider-Foto ein Kruzifix baumelt, kein Rosenkranz, der nicht elterliche Lieblosigkeit vorbetet, in Evas Rückblenden auf die erdrückende Dumpfheit der erzkatholischen Provinz. Die Kapitel des Buches heißen entsprechend Vater, Sohn und Heiliger Geist. Die Dreifaltigkeit wird zum Synonym für Familie, diesem Schauplatz für Schuldzuweisungen, die Erbsünde ein ewiger Unheilszustand.

Auch an der Mutter arbeitet sich Eva ab, dieser „besorgten, gebeutelten Märtyrerin“, „die für die Krise lebt“, die den Diskussionsmodus „Vorwurfspingpong“ als Meisterin beherrscht, die ihre Augenringe „spontan ausklappen kann“, die Mutter, die Figur, bei der man Eva am leichtesten auf den Leim geht. „Ich habe es wirklich satt, immer der Katalysator für die Passiv-Aggressiven zu sein. Sie kommen zu mir und reizen mich …, bis ich zubeiße. Oder eben schreie. Ich soll für sie ihre Wut ausleben, weil sie es sich selbst nicht trauen“, dieser Ausspruch wird schließlich zum Schlüssel zu Evas Verhalten. Deren Weg naturgemäß, dazu entführt sie Bernhard aus der Klinik, zum Vaterhaus zurückführen muss. Ein Roadtrip, der bei einer Ruine und für die beiden ruinös endet. „Vater unser“ ist eine einzige Verunsicherung, ist doch die alleinige Perspektive, die Angela Lehner anbietet, die einer Verhaltensgestörten, die zunehmend verrückter, ja selbst-/zerstörerischer wird.

Das macht diesen Roman so reizvoll, und umso mehr, als man nicht umhin kann, Lehners Eva gleichzeitig zu verabscheuen und ob ihrer geschliffenen Formulierungen zu mögen. Man lacht über ihre freche Schlagfertigkeit, man stößt sich an ihr, bis man blaue Flecken hat. Sie macht einen zum Komplizen ihres Irrsinns, wenn manche von Evas Storys durch kleine Details als Lügengeschichten zu enttarnen sind, andere mit Karacho in sich zusammenbrechen – und niemand darob mehr erstaunt ist, als Eva selbst. Am Ende hat sie Personen und Ereignisse längst überblendet. Hat sich der Vater oder Doktor Korb erhängt? Oder keiner der zwei? Ist die Mutter ein Monster oder nicht eher vom Moment überfordert? Was tut Eva Bernhard an? „Warum Eva, denke ich, kannst du nicht einmal normal sein? … Das geht so nicht, Eva, denke ich, so kannst du nicht sein … und das, denke ich, ist die größte Strafe. Dass ich jeden Moment meines Lebens mit mir selbst verbringen muss.“

Über die Autorin: Angela Lehner, geboren 1987 in Klagenfurt, aufgewachsen in Osttirol, lebt in Berlin. Sie studierte Vergleichende Literaturwissenschaft in Wien, Maynooth und Erlangen. Unter anderem nahm sie 2016 an der Prosawerkstatt des Literarischen Colloquiums Berlin und 2017 am Klagenfurter Häschenkurs teil. 2018 war sie Finalistin des Literaturpreises Floriana. „Vater unser“ ist ihr erster Roman.

Hanser Berlin, Angela Lehner: „Vater unser“, Roman, 284 Seiten.

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30. 4. 2019

Matt Ruff: Lovecraft Country

Dezember 30, 2018 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Cthulhu-Kult als Code für den Ku-Klux-Klan

Liebhaber von Lovecraft kennen ihn, seinen Supernatural Horror, Grauen, das aus Friedhofsgrüften steigt, archaische Kulte, allen voran der um das Krakenwesen Cthulhu, Unheil, das sich in Paralleluniversen zusammenbraut. Aus seinen Albträumen, sagte der Kultautor einmal, beziehe er seine Inspiration, und nicht weniger absurd und nachtmahrisch als seine Erzählungen sind Lovecrafts gesellschaftspolitische Überzeugungen. Seine Furcht vor „rassischer Verunreinigung“ und dem damit einhergehenden kulturellen Verfall der USA, sein Glaube an die Germanen als „Gipfel der Evolution“ und den amerikanischen „Selbstmord“, es ihnen im Streben um die Weltherrschaft nicht gleich zu tun, dies alles ist unter anderem in Gedichten zum Ausdruck gebracht:

When, long ago, the gods created Earth / In Jove’s fair image Man was shaped at birth. The beasts for lesser parts were next designed; Yet were they too remote from humankind. To fill the gap, and join the rest to Man, / Th’Olympian host conceiv’d a clever plan. A beast they wrought, in semi-human figure, / Filled it with vice, and called the thing a Nigger. H. P. Lovecraft: On the Creation of Niggers, 1912

Der aktuelle Meister des Un- und Übernatürlichen, Matt Ruff, legt nun mit seinem jüngsten Roman „Lovecraft Country“ den Versuch sowohl einer Beschwörung dieses Geists als auch von dessen Austreibung vor. Orientiert an Lovecraft’schen Motiven, Ruffs Protagonisten bewegen sich durch den nach Lovecraft benannten Landstrich in Massachusetts, aus Arkham wird Ardham, und auch ein Ausflug in kosmische Welten kommt vor, entrollt er im Eigentlichen die Geschichte des Rassismus in den Vereinigten Staaten. Sind seine Figuren, zumindest die Guten, doch fast ausnahmslos Schwarze; das Jahr, in dem sie leben, ist 1954.

In diesem macht sich der Koreakriegsveteran Atticus Turner samt Onkel George und dem Mädchen Laetitia von Chicago aus auf, seinen Vater Montrose zu suchen, der im Devon County, Mitte der 1950er-Jahre ein Ort der schärfsten Rassengesetze, verschwunden ist. Zuvor erreichte Atticus noch ein geheimnisvoller Brief, in dem von einem Vermächtnis die Rede ist, welches ihm sein Geburtsrecht garantieren werde. Die Reise ist gefährlich, die Atmosphäre so bedrohlich, dass es einem unter die Gänsehaut geht. Das Trio wird in Restaurants nicht bedient, Toiletten bleiben ihnen versperrt, Autowerkstätten verweigern die Hilfe. Jeder Sheriff ist ein Sadist, der schießt, so man nicht schnell genug über die Bezirksgrenze verschwindet. Auf diesen Seiten schafft Ruff Schrecken ohne Monster, doch keine Panik, die werden auch im Jim-Crow-Distrikt noch kommen.

Bild: pixabay.com

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Derweil macht sich Onkel George eifrig Notizen, ist er doch der Herausgeber des „Safe Negro Travel Guide“, eines speziellen Reiseführers für Schwarze, nachempfunden dem „Negro Motorist Green Book“, das es bis in die 1960er-Jahre tatsächlich gab. Schließlich findet man sich auf dem Anwesen von Samuel Braithwhite und seinem Sohn Caleb wieder, wo der Adamitische Orden der Alten Morgenröte tagt, ein Geheimbund weißer Herrenmenschen, dessen Vorbild ganz klar der Ku-Klux-Klan ist. Wie Atticus nun erklärt wird, war seine Ahnin Sklavin der Braithwhites und vom damaligen Gutsbesitzer geschwängert.

Weshalb Atticus mit seinem Blut den Antenauten bei einem schwarzmagischen Ritual dazu dienen soll, sich die Erde Untertan zu machen. Was folgt, sprengt das Fassungsvermögen einer Rezension. Matt Ruff mixt Horror, Science Fiction und Fantasy, wie es ihm gefällt. „Lovecraft Country“ wird zum Pageturner, jedes Kapitel entführt in ein neues Universum, und manchmal braucht es etwas, bis der Leser den roten Faden in diesen wie einzelne Novellen wirkenden Episoden wiedererkennt und ihn erneut aufnehmen kann.

Die Storys nämlich, so wird sich enträtseln, hängen alle zusammen. Vorkommen Tore zu anderen Dimensionen, wo unter anderem ein mumifizierter Logenmeister über einer Schatztruhe schwebt, Tentakel ausfahrende und damit menschenverschlingende Steinkugeln, natürlich eine mordlüsterne Teufelspuppe, ein Zauberbuch, das Lovecrafts „Necronomicon“ nachempfunden ist, und trifft man einander in einer Bar, so heißt diese „Hexenhammer“. Laetitia wird ein Spukhaus in einem weißen Wohnviertel kaufen, und dort mit dem verstorbenen Vorbesitzer Schach spielen.

In einer der vielen wunderbaren Szenen, als Laetitia von Nachbarn bedroht wird, und sich, statt Hilfe zu bekommen, der Polizeiwillkür ausgesetzt sieht, wird das Gespenst das Kommando übernehmen, und Einbrechern und Vandalen zeigen, wo der Keller ist. Caleb Braithwhite wird sich als sleeker, hübscher Schurke erweisen, als Strippenzieher, der die Familienmitglieder gegeneinander ausspielt, und um seinen Willen zu bekommen, aus Laetitias Schwester Ruby mittels Elixier die weißhäutige Hillary macht. Zwischen all seinen Hokuspokus stellt Ruff Zitate von Ex-Sklaven und Überlebenden von Rassenunruhen, und nimmt auf historische Ereignisse wie die Tulsa Riots von 1921 Bezug. Derart versteht er es die Übergänge von der Realität ins Surreale perfekt zu nehmen. Kein Wunder, dass HBO bereits eine Fernsehserie von „Lovecraft Country“ plant. Dass man Matt Ruff eine etwas sorgfältigere Übersetzung gegönnt hätte, steht auf einem anderen Blatt. Vielleicht kann Hanser für folgende Auflagen ja noch nachbessern …

Über den Autor: Matt Ruff, 1965 in New York geboren, wurde bereits mit seinem ersten Roman „Fool on the Hill“ (Hanser, 1991) zum Kultautor. Bei Hanser erschienen außerdem „G.A.S.“, „Ich und die anderen“ und „Bad Monkeys“. Bei dtv kam sein 9/11-Buch „Mirage“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=9121) heraus. Matt Ruff lebt in Seattle, Washington.

Hanser Verlag, Matt Ruff: „Lovecraft Country“, Roman, 432 Seiten. Übersetzt aus dem Englischen von Anna Leube und Wolf Heinrich Leube.

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  1. 12. 2018

Minna Rytisalo: Lempi, das heißt Liebe

November 12, 2018 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Erinnerung ist nicht zu trauen

Lempi, das heißt Liebe auf Altfinnisch. Und Lempi heißt auch die Frauenfigur in Minna Rytisalos vielschichtigem und dennoch so schlichtem, stillem Debütroman. Rytisalo erlaubt sich den gewagten Kunstgriff, ihren Hauptcharakter gar nicht anwesend sein zu lassen. Drei Ich-Erzähler schildern aus ihren persönlichen Perspektiven wer und wie diese abwesende Lempi war, gestalten sozusagen ein Psychogramm hoch drei. Das Buch beginnt mit Briefen einer Elli an einen Viljami 1944, mitten im Lapplandkrieg. Es ist kein Fehler, das Nachwort der Übersetzerin Elina Kritzokat als erstes zu lesen, denn wenig weiß man hierzulande über den Dreieckskonflikt Finnland-Sowjetunion-Nazideutschland, in Finnland selbst war das Thema lange Zeit tabu.

Denn die Finnen hatten die Wehrmacht, der nationalsozialistische Partner aus politischen Gründen wohlweislich nur „Waffenbruder“, nie offiziell Verbündeter genannt, selbst ins Land geholt. Als Hilfe gegen die schließlich aber doch siegreichen Russen. Mehr als 200.000 Deutsche lebten und kämpften mehr als drei Jahre lang Seite an Seite mit den Finnen. Und da viele Frauen allein waren, die Männer an der Front, sie als Schreibkräfte bei der Wehrmacht eingeteilt, entspannen sich nicht wenige Liebesbeziehungen.

Bis die Russen verlangten, die Deutschen aus dem Land zu treiben, und die Frauen und deren Kinder zu Geächteten wurden. Diskriminiert bis spät in die 1960er-Jahre. In dieser zeitgeschichtlichen Realität voller Gefahren und Entbehrungen und Kriegsverheerungen, russischen Partisanen und Fallschirmspringern, und am Ende mehr als 90.000 finnischen Toten, hat Rytisalo ihre Fiktion verankert. Ihre Figuren stecken als deren Bestandteil in dieser Zeitgeschichte fest.

„Sie trägt Puder, Lippenstift und Lederstiefel, dazu das süße Lächeln der Verwöhnten“, heißt es über Lempi erst. Doch dann kommt der junge Einödbauer Viljami zu Wort, Frontheimkehrer ist er nun, auf dem Rückweg zu seinem Hof, war offenbar im Lazarett, wo man sein Kriegstrauma mit Elektroschocks zu „heilen“ versuchte. Doch bevor er eingezogen wurde, war ihm ein halbes glückliches Ehejahr mit der schönen Ladenbesitzerstochter aus der Kleinstadt gegönnt. Mit ihr war’s Liebe auf den ersten Blick, nun hat ihn Elli schriftlich davon unterrichtet, Lempi „wurde beim Einsteigen ins Auto eines Deutschen gesehen“. „In meinem Universum ist der Mittelpunkt verschwunden“, lässt er seine für immer gegangene Frau wissen, an die er sich mit seiner Erzählung in vertraulichem Du wendet, und er berichtet ihr von seinem „andauernden Schmerz“, dieser wie „eine schwelende, quälende Brandwunde“.

Von schwermütiger Lieblichkeit ist diese Schilderung des einstmals so schüchternen, stadtfremdelnden, über das „allerhand Frauenzeugs“ von Hutschachteln bis zur spitzenverzierten Bettwäsche seiner Angetrauten überraschten Bräutigams, die Sprache einfach und doch poetisch, aber sie wäre dennoch literarisch kaum der Rede wert, würde Rytisalo nicht taktisch kluge Querverweise auf die kommenden Berichte ziehen. Zwischen Viljamis Zeilen sind schon die anderen zu lesen, Elli, die sich als Magd herausstellt, und die Zwillingsschwester Sisko, und dass Lempi schwanger und einsam und verzweifelt war wegen der mangelnden Freundlichkeit der einen und dem Fehlen der anderen.

Elli gehört denn auch Teil zwei des Buchs, sie, die mit dem angenommen Antero und Lempis leiblichem Sohn Aarre bereits unversehrt auf den Hof zurückgekehrt ist, die „Mutter“ genannt werden will, und es auch wird, und die Viljami will, auf den sie nun Tag um Tag wartet. „Dies ist der Ort, für den ich bestimmt bin, und du bist jetzt nicht mehr da, um zu stören“, richtet sie Lempi aus, und: „Jetzt kommt meine Zeit.“ Hasserfüllt und von Hexensprüchen durchdrungen und auf ganz andere Art beschränkt, als Viljamis goldene Erinnerungen, sind die von Elli.

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Ihre Schimpftirade ist die eines eifersüchtigen Weibs, berechnend, aber auch ängstlich, wenn sie ihre Herrin als feine Dame in schicken Kleidern schmäht, die es darauf angelegt hätte, hervorzukehren, „dass wir unterschiedlicher Herkunft und Rasse sind“. Ihre wirren Gedanken zeichnen ein gänzlich anderes Bild von Lempi, eines, das von Eitelkeit und Trägheit geprägt ist, und mehr und mehr beginnt man sich zu fragen, wo der Kern der Wahrheit liegt. Der Erinnerung ist nicht zu trauen, ein weiteres Rätsel tut sich auf, ist Elli eine Mörderin?, bevor sie erschrickt, als der Mann „mit toten Augen“ plötzlich dasteht.

„Das ist das Dumme an Erinnerungen, man kann nie ganz sicher sein“, sagt schließlich Sisko, die sich mit dem Betrachten alter Familienfotos auf den Besuch einer „Redakteurin“ vorbereitet. Auch ihr Leben war ein tragisches, ihre Geschichte ist die komplexeste. Sie war es, die tatsächlich mit einem Deutschen, ihrem Geliebten Max, nach Hamburg ging, trotz der von ihm ausgeübten psychischen und physischen Gewalt, „die Verkleidungsspielchen, die sonderbaren Praktiken und überhaupt Max‘ dominante Art gefielen mir gar nicht“, dort von ihm verlassen wurde und sich alleine im fremden Land durchschlagen musste. Weil es ihr lange Zeit verunmöglicht war, wegen ihres „besudelten Rufs“ nach Finnland zurückzukehren.

Siskos Part ist der historisch relevanteste, Generaloberst Dietl oder die Frauenorganisation Lotta Svärd finden Erwähnung, und ihren Andeutungen ist zu entnehmen, dass diese Beichte schon weiter in den Jahren liegt. Sie ist nun betagte Rednerin auf Erinnerungsveranstaltungen.

Die einstige Vaterlandsverräterin nun „Frau Doktor“, die, für sie hat Rytisalo eine gewähltere Sprechweise als für die anderen gefunden, über ihr Flüchtlingsschicksal Auskunft gibt. Von Sisko erfährt man, dass Lempi dominant war, die Schwester von ihr immer niedergehalten, doch ist deren Eifersucht, statt Ellis gehässiger, eine liebevolle. Sisko weiß auch, dass Lempis Anbändeln mit Viljami einem Spiel entsprang, einer Wette zwischen den Mädchen, Lempi solle dem Nächstbesten den Kopf verdrehen, der an den Verkaufstresen tritt. Ob daraus gewollt Ernst wurde, bleibt offen.

Sisko löst schließlich das Geheimnis um Lempi und Elli auf, doch entschlüsselt sie die Leerstellen des Romans nicht ganz. Für den Leser ergibt sich zwar aus den drei Erzählsträngen, die im jeweiligen Wissensstand des Protagonisten verhaftet bleiben müssen, die eine oder andere fürchterliche Erkenntnis, etliches jedoch erschließt sich in raffinierter Weise nicht. Ist Sisko auf Viljamis Hof gekommen, um dem Verschwinden ihrer Schwester nachzuforschen? Ist der „schweigsame, genügsame“ Mann, den sie nun den ihren nennt, er? Hat sie seine Söhne großgezogen? Es ist die große Wirkung von Minna Rytisalos Roman, dass man das am Ende nicht weiß. „Man erfasst einen Menschen nie ganz. Ich weiß bis heute nicht, ob ich das wirklich begriffen habe“, sagt Sisko.

Über die Autorin: Minna Rytisalo, geboren 1974 in Lappland, arbeitet als Finnischlehrerin und schreibt einen literarischen Blog. „Lempi, das heißt Liebe“ ist ihr erster Roman und wurde von finnischen Bloggern als bester Roman 2016 mit dem Blogistania-Finlandia-Preis ausgezeichnet; außerdem erhielt Rytisalo 2017 den Botnia-Literaturpreis.

Hanser Verlag, Minna Rytisalo: „Lempi, das heißt Liebe“, Roman, 224 Seiten. Übersetzt aus dem Finnischen von Elina Kritzokat.

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  1. 11. 2018

Colson Whitehead: Underground Railroad

November 5, 2017 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Opfer des amerikanischen Imperativ

Die Underground Railroad gab es tatsächlich. Sie war ein Netzwerk aus Gegnern der Sklaverei, Schwarzen wie Weißen, das Sklaven auf der Flucht aus den Südstaaten der USA in den Norden und ins sichere Kanada half. Mit geheimen Routen, Schutzhäusern, Fluchthelfern und geheimer Kommunikation gelang es, zwischen 1780 und 1862 etwa 100.000 Sklaven zu befreien. Das Netzwerk erhielt seinen Namen, weil man sich seit den 1850er-Jahren Metaphern aus der Welt der Eisenbahn bediente, um verschlüsselte Botschaften zu übermitteln.

So war ein conductor ein Fluchthelfer, station hieß eine Unterkunft für Flüchtlinge auf dem Weg, die Flüchtenden wurden als passengers bezeichnet. Diese historische Tatsache macht sich US-Autor Colson Whitehead für seinen Pulitzerpreis-gekrönten Roman „Underground Railroad“ zunutze. Gekonnt mischt er Fakt und Fiktion, Realismus und Fantastik und erfindet eine veritable unterirdische Eisenbahn, mit der die Sklavin Cora in die Freiheit zu gelangen hofft. Cora ist nicht nur ein geknechtetes, geschlagenes Menschenwesen, sondern auch eine allegorische Figur. Wie sie sich selbst nennt, „eine Passagierin in der Welt der Weißen“.

An ihrem Beispiel schildert Whitehead alle Schreckensszenarien, die einem Sklaven begegnen konnten. Ihm sei, sagte er dazu in einem Interview, die Wahrheit wichtiger als die Tatsachen. Sein Buch ist ein Aufschrei, ein Schlachtruf. Black lives matter! Wenn er seinen Sklavenfänger Arnold Ridgeway über den „amerikanischen Imperativ“, „der uns aus der Alten Welt in die Neue gerufen hat, damit wir erobern, aufbauen und zivilisieren. Und zerstören, was zerstört werden muss. Um die unbedeutenderen Rassen zu unterwerfen. Und wenn nicht zu unterwerfen, dann auszurotten“, schwadronieren lässt, fällt auf, wie wenig sich unter Amerikas Rechts-Denkern verändert hat. The Home of the Brave ist nur wenigen ein Land of the Free.

Zwischen derlei aktuellen Erkenntnisstand streut Whitehead Sklavenanzeigen: Seinem Besitzer entlaufen … Belohnung auf den Kopf ausgesetzt … Achtung: ist auf durchtriebene Weise aufgeweckt … wird sich als Freigelassene ausgeben … Und natürlich die Geschichte von Coras Rebellion und späterer Odyssee durch die USA. Cora ist Sklavin auf der Plantage des tyrannischen Terrance Randall, und als sie sich gegen ihren Herrn auflehnt – sie schützt ein Kind vor dessen Stockhieben -, wird beiden eine nur noch schlimmere Züchtigung zuteil.

Bild: pixabay.com

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Der Sklave Caesar spricht sie an, ein gebildeter Mann, der nach dem Tod seiner Herrin eigentlich freigelassen werden sollte, aber von den Erben weiterverkauft wurde. Seine Idee: Flucht. Mit der Underground Railroad. Er hat mit einem weißen Abolitionisten im Dorf dazu Kontakte geknüpft. „Mr. Fletcher verabscheute Sklaverei als Affront gegen Gott.“ Cora zögert erst, willigt dann ein. Randall verständigt Ridgeway, und der wird Cora im Weiteren immer dort auflauern, wo sie gerade glaubt, zur Ruhe gekommen zu sein. „An jedem öffentlichen Ort waren Bekanntmachungen angeschlagen. Schurken der übelsten Sorte beteiligten sich an der Jagd. Säufer, Unverbesserliche, arme Weiße, die nicht einmal Schuhe besaßen, ergriffen begeistert diese Gelegenheit, die farbige Bevölkerung zu drangsalieren.“

Was folgt ist eine Flucht durch fünf Bundesstaaten, getrennt durch die Biografien einzelner Protagonisten. Whitehead hat akribisch recherchiert, die von ihm beschriebenen Schicksale sind angelehnt an solche aus dem Federal Writers‘ Project von Franklin D. Roosevelt, das in den 1930er-Jahren die Lebensgeschichten ehemaliger Sklaven sammelte, die Steckbriefe Entlaufener stammen aus den Sammlungen der University of North Carolina. Cora hinterlässt eine Blutspur, die meisten ihrer Helfer werden getötet, die Schwarzen zu Tode geprügelt, die Weißen gelyncht. All das ist nur auszuhalten, weil Whitehead die Erzählung abbricht, knapp bevor die Grausamkeiten unerträglich werden. Er bleibt ein diskreter Beobachter seiner Heldin, schildert reportagehaft und aus einer gewissen Distanz, so dass überbordende Emotionen, die Cora sich aus Überlebenstrieb verbietet, auch beim Lesen kaum aufkommen.

Nur im Fall der Bestrafung von Big Anthony tobt er sich einmal aus. Da können weiße Gäste das langsame Sterben des Delinquenten bequem von der Veranda des Herrenhauses aus verfolgen. „Randalls Besucher schlürften gewürzten Rum, während Big Anthony mit Öl übergossen und geröstet wurde.“ Seine Schreie bleiben den Zuschauern erspart, denn die Henker hatten dem Opfer „sein Geschlecht abgeschnitten, es ihm in den Mund gestopft und diesen zugenäht.“ Obszön? Ja, die Wahrheit von derart Geschichten. Whiteheads Buch ist auch eine Analyse, warum der Norden und der Süden der USA bis heute nicht wirklich zueinander finden. Siehe der Streit in Charlottesville um ein Robert-E.-Lee-Denkmal, in den sich sogar Donald Trump (auf Seiten der Befürworter) involvierte.

„Die Strecke der Underground Railroad verläuft in Richtung des Bizarren.“ In South Carolina muss Cora nicht nur im Museum arbeiten, mit anderen Schwarzen als Tableaux vivants Sklavenszenen nachstellen, sondern auch erfahren, dass man hier ein Programm zur Sterilisation von Männern und Frauen betreibt, „Geburtenkontrolle“, um die „Dschungeltriebe“ unter Kontrolle zu bekommen (dass er dabei ans Dritte Reich und dessen „Programme“ dachte, hält Whitehead – siehe Interviews – für einen legitimen Querverweis). In North Carolina, zu diesem Zeitpunkt der Historie eine eigenständige Nation, die „die absurde Vorstellung vom Aufstieg des Niggers“, die sich die „Brüder jenseits der Staatsgrenze“ zu eigen gemacht haben, nicht teilt, finden nach Minstrel Shows systematische Exekutionen statt.

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Man will die Schwarzen auf dem Territorium vollständig ausmerzen. Die neuen Arbeitssklaven stehen schon parat: arme irische Einwanderer. (Ein „Experiment“, dass es im Ansatz gab, das aber scheiterte, weswegen man wieder auf Schwarze „zurückgriff“). In Tennessee hält man Schwarze für „Nachkommen des verfluchten schwarzen Ham, der sich an einen Berg in Afrika geklammert und so die Sintflut überlebt hatte“. In Indiana macht der Mob die progressive Valentine-Farm – auch sie eine Utopie des Autors – dem Erdboden gleich.

Und wieder ist Ridgeway wie ein Wiedergänger mit dabei. Es kommt zu einem letzten Kampf zwischen Cora und ihm … Das nimmt kein gutes Ende. Oder doch? Ihre Flucht in die Freiheit steht jedenfalls erst am Anfang. Das große Netz an Kämpfern für die Freiheit ist bereit. Denn die eines anderen zu gewährleisten, schützt immer auch die eigene. „Cora stemmte sich gegen den Hebel der Draisine. Er rührte sich nicht, auch als sie ihr ganzes Gewicht hineinlegte. Zu ihren Füßen auf der hölzernen Plattform war eine kleine Metallschließe. Sie löste sie, der Hebel quietschte. Sie drückte erneut dagegen, und die Draisine kroch vorwärts …“

Über den Autor:
Colson Whitehead, 1969 in New York geboren, studierte an der Harvard University und arbeitete für die New York Times, Harper’s und Granta. Whitehead erhielt den Whiting Writers Award und den Young Lion’s Fiction Award und war Stipendiat der MacArthur „Genius“ Fellowship. Für seinen Roman „Underground Railroad“ wurde er mit dem National Book Award 2016 und dem Pulitzer-Preis 2017 ausgezeichnet. Bei Hanser erschienen bisher „John Henry Days“, „Der Koloß von New York“, „Apex“, „Der letzte Sommer auf Long Island“ und „Zone One“. Der Autor lebt in Brooklyn.

Hanser Literaturverlage, Colson Whitehead: „Underground Railroad“, Roman, 352 Seiten. Übersetzt aus dem Englischen von Nikolaus Stingl

www.hanser-literaturverlage.de

www.colsonwhitehead.com

  1. 11. 2017