Az W – Hans Hollein ausgepackt: Das Haas-Haus

Juni 11, 2019 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Einblicke ins „Eckhaus der Nation“

Hans Hollein, Haas-Haus, Wien, AT, 1985-1990, Baustelle 1989. © Architekturzentrum Wien, Sammlung, Bild: Margherita Spiluttini

Als „Eckhaus der Nation“ bezeichnet, erregte das Haas-Haus vis-à-vis dem Stephansdom wie selten ein Gebäude bereits vor seiner Errichtung die Gemüter. Anlässlich des 85. Geburtstages von Hans Hollein öffnet das Architekturzentrum Wien am 12. Juni sein Archiv und gewähren einen Blick hinter die Kulissen, in die Entstehung seines wohl bekanntesten Wiener Gebäudes. Ursprünglich als Umbaustudie beauftragt, wurde der kostengünstigere Neubau 1990 fertiggestellt.

Im vierten SammlungsLab des Az W machen vielfältige Modelle und Zeichnungen die Genese des Projektes nachvollziehbar, von städtebaulichen Überlegungen zum Umfeld über ausführliche Studien zu Fassade und Atrium bis hin zu Schriftzug und Farbe des Bauzauns. Die Fülle des erhaltenen Materials gibt Einblick in den Arbeitsprozess im Atelier Hollein. Herangehensweisen, Verworfenes, Alternativen, Bezüge und Metaphern werden in einer noch nie gezeigten Tiefe offengelegt. Medienberichte erinnern an teils heftig geführte Debatten. Unter Beibehaltung der äußeren Erscheinung kam es 2002 zum Rückbau des fünfgeschossigen Atriums. Seit 2012 steht das Haas-Haus unter Denkmalschutz.

Hans Hollein, Haas-Haus, Wien, AT, 1985–1990, Baustelle. © Architekturzentrum Wien, Sammlung, Bild: Friedrich Achleitner

Hans Hollein, Haas-Haus, Wien, AT, 1985–1990, Blick vom Stephansdom. © Architekturzentrum Wien, Sammlung, Bild: Friedrich Achleitner

Zur Eröffnung der Schau gibt es die Podiumsdiskussion „Die Causa Haas-Haus“ zu Fragen wie: Was kann und darf moderne Architektur im historischen Zentrum? Welche Auswirkungen hatte das Haas-Haus auf die ihm folgenden Neubauten in der Innenstadt? Am 5. Juli findet die Exkursion „Designed by Hans Hollein“ statt, ein Stadtspaziergang, der fünf Jahrzehnte von Holleins architektonischem Schaffen nachvollziehen lässt. Der Rundgang führt vom prägnanten Aluminiumportal des ehemaligen „Kerzengeschäft Retti“ vorbei an den Läden des Juweliers Schullin zum Haas-Haus und weiter zur Tabak Trafik , zur Boutique Christa Metek und schließt mit dem Eingangsbereich der Albertina ab.

Der 2016 durch die Republik Österreich erworbene und durch das MAK übernommene umfangreiche Teilnachlass wurde in Form einer Dauerleihgabe an das Az W übergeben. Seitdem liegt das „Archiv Hans Hollein, Az W und MAK, Wien“ dem Architekturzentrum Wien zur wissenschaftlichen Aufarbeitung vor. Die Komplexität des Ausstellungsmaterials macht die Bedeutung von Vor- und Nachlässen für ein tieferes Verständnis von Baukultur sichtbar.

www.azw.at

Wien, 11. 6. 2019

Kunsthalle Krems – Hans Op de Beeck: The Cliff

März 5, 2019 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Leben, zu grau gefroren

Hans Op de Beeck: The Cliff, 2019. Courtesy der Künstler und Galerie Krinzinger, Wien. © Studio Hans Op de Beeck

Hans Op de Beeck entführt in melancholische Bildwelten zwischen Traum und Wirklichkeit. Es sind Bühnen der Imagination und Kontemplation, räumliche Bildsituationen der Stille, Zeitlosigkeit und Abgeschiedenheit. Teils sind sie real begehbar, teils im filmischen oder bildlichen Medium erfahrbar. Hans Op de Beeck ist Regisseur, Choreograf, Kurator, Bühnenbildner, Maler und Bildhauer in einer Person. Die Ausstellung „The Cliff“, ab 3. März in der Kunsthalle Krems zu sehen, hat der 1969 geborene Belgier selbst choreografiert und dafür eigens neue skulpturale Installationen geschaffen. Sie wird zur Passage, zur Reise.

Man trifft auf monochrome Environments, in Grau gefasst: ein schlafendes Mädchen, das auf einem Floß im Wasser treibt, Kinder, die in das Spiel mit Murmeln oder Pfeil und Bogen versunken sind, und ein Liebespaar, das auf einem Felsen sitzt. „The Cliff“, wie diese eigens für Krems geschaffene Arbeit und zugleich die Ausstellung heißt, ist ein romantisches Naturstück in Form einer lebensgroßen skulpturalen Installation. Der offene Blick des Mädchens ist in die Ferne gerichtet, während sich die Aufmerksamkeit des Jungen ganz auf sie konzentriert.

Die Arbeit ist ein bittersüßes Bild der Launen junger Liebe, geprägt von Unschuld und darauf angelegt, die Gefühle der Betrachter anzusprechen. Kunst und Alltag verschwimmen ineinander; real anmutende Personen und Objekte mutieren in ihrer Monochromie zur Skulptur. Das Leben scheint angehalten, pompejanisch einzementiert.

Hans Op de Beeck: Brian, 2018. Courtesy der Künstler und Galerie Krinzinger, Wien. © Studio Hans Op de Beeck

Hans Op de Beeck: Sleeping Girl, 2017 (Detail). Courtesy der Künstler. © Studio Hans Op de Beeck

Nächtens taucht Op de Beeck als Maler und Zeichner in die Welt des Aquarells und der Tuschmalerei ein, deren Nässe der präzisen Sachlichkeit eine malerisch-lyrische Atmosphäre verleiht. Manchmal fungieren diese Blätter als Kader für filmische Projekte –etwa für den aus nächtlichen Szenen bestehenden Animationsfilm „Night Time“ aus dem Jahr 2015, der neben einer Auswahl von weiteren Filmen in der Ausstellung präsentiert wird. Darunter befindet sich auch „Staging Silence (2)“ von 2013. In dem Film erscheinen Hände, die auf einer Bühne mit alltäglichen Gegenständen wie Plastikflaschen oder Zuckerwürfeln imaginative Settings kreieren.

Eine surreale Reise durch die wundersam melancholische Welt des Hans Op de Beeck. 2016 installierte der Künstler auf der Art Basel ein skulpturales Environment in Grau: „The Collector’s House“, eine „neureiche“ Villa mit Bibliothek, Seerosenteich, Klavier, Schaukästen mit Sammlerstücken im Wunderkammerstil, alltäglichen Objekten wie Aschenbechern und Getränkedosen sowie menschlichen Figuren, die zwischen Realität und skulpturaler Dimension changierten – alles im Maßstab eins zu eins.

Darin bewegten sich die Ausstellungsbesucher als rezipierende Protagonisten des magisch-melancholischen Ambientes. Die Kremser Schau legt den Schwerpunkt auf solche raumgreifenden skulpturalen Werke.

www.kunsthalle.at

2. 3. 2019

Burgtheater: Hiob

Februar 25, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

… denn wir sind von gestern her und wissen nichts …

Herr, du schufst den Löwen und das Lamm: Peter Simonischek ist Mendel Singer. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Als Schallplatte im Kopf läuft ständig dieses „Widiwidiwidi widiwidiwidi bum!“, was nicht verwunderlich ist, wandelt sich Mendel Singers „schreckliches Lied“ in der Regie von Christian Stückl doch zur klischeebehafteten Anatevka-Angelegenheit. Das Burgtheater hat den Oberammergauer Passionsspielleiter eingeladen, am Haus Joseph Roths Roman „Hiob“ auf die Bühne zu heben, und der Mann fürs Grob-Religiöse greift dermaßen in die Vollen, von Schläfenlocken über Kippa bis Tallit Katan, dass die Frage nicht ist, ob das sein muss, sondern, ob diese Karikatur ostjüdischen Lebens schlechterdings sein darf.

Dass ihm zur Textfassung von Koen Tachelet, die man in Wien schon inszeniert von Johan Simons bei den Wiener Festwochen und Michael Sturminger am Volkstheater gesehen hat, zu diesem so zeitlosen wie schon wieder an der Zeit-igen Weggehen-Müssen und nirgends mehr Ankommen-Können, nichts nennenswert Neues eingefallen ist, ist sträflich. In Stückls archaischer Aufführung suchen Spitzenkräfte der Burg nach ihrer Position, sie ist weder Archetyp noch Menschenwesen, sondern bestenfalls Schablone, holzschnittartig, geritzt mit je einer Eigenschaft.

Derart freilich ist einem Roth, der mit seinem mit Gott hadernden Thoralehrer eine der bewegendsten Figur der österreichischen Literaturgeschichte geschaffen hat, nicht beizukommen. Selbst, wenn ein Ausnahmeschauspieler wie Peter Simonischek all sein Herzblut in seine Rolle steckt – und dafür vom Publikum mit entsprechendem Applaus bedankt wird. Simonischeks Mendel Singer steht von Anbeginn in den Wogen des Schicksals, die Ausstatter Stefan Hageneier als Setting entworfen hat, hinten schon der für die einen Verheißungsschriftzug, für die anderen The Writing On The Wall – „AMERICA“, vorne der offenbar unvermeidliche Kofferhaufen der Diaspora; die Musik von Tom Wörndl natürlich Klezmer-Klänge mit klagender Klarinette. Und er betet, der selbstgerechte Rechtgläubige, memoriert die Heilige Schrift, während sich hinter ihm sein bevorstehender Exodus schon ankündigt. Ein Zeichen der Widduj, ein Schlagen auf die Brust, ein Emporrecken der Arme, ein wenig Schockeln im Takt der Psalmen – Stückl lässt auch punkto Bewegungsmuster kaum eine konnotierte Geste aus.

In einer erschreckenden Szene wollen die Geschwister Menuchim ertränken: Tino Hillebrand mit Stefanie Dvorak, Oleg Tikhomirov und Christoph Radakovits. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

In God’s Own Country wird gern getanzt: Regina Fritsch, Stefanie Dvorak, Oleg Tikhomirov und Christoph Radakovits. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Immerhin, Simonischek rettet seinen Mendel vorm Unerträglich-Sein, indem er aus ihm einen Unerträglichen macht, einen grantigen, gottergebenen, anderen gegenüber süffisanten Mann, dem man keiner Familie als Vater wünscht, später, von Amerika „zerschmettert“, irregeleitet in dem Hochmut, anzunehmen, er sei der einzige, den der Herr straft – und im nunmehrigen Unglauben so eifrig wie davor im Glauben, so dass er seinen persönlichen Messias gar nicht zu erkennen vermag.

Einiges hätte sich daraus zum Thema Fundamentalismus herleiten, hätte sich über Vaterland und Muttersprache oder übers Verhaftet-Bleiben im Altherbrachten sagen lassen, der Dramaturg Florian Hirsch schreibt im Programmheft unter dem Titel „Losing My Religion“ auch lesenswert über „Heimatverlust und Flucht, uferlose Einsamkeit und die vergebliche Suche nach Aufklärung über die letzten Dinge“, aber ach …

Rund um Simonischek hat man sich aufs Hersagen der Sätze als wären’s Bibelverse verlegt. Regina Fritsch gibt Mendels Frau Deborah als knarzige Alte mit Glasscherbenstimme, zänkisch aus Verzweiflung, Stephanie Dvorak die Tochter Mirjam als personifizierte Hysterie.

Deren psychischer Zusammenbruch schließlich gar nicht mehr verwundert. Christoph Radakovits und Oleg Tikhomirov sind als Söhne Schemarjah und Jonas beziehungsweise Amerikaner Mac – und Stückl hat hier weder auf Cowboystiefel noch Stetson vergessen – anwesend, Hans Dieter Knebel, Peter Matić und Stefan Wieland als diverses Volk und Freunde nicht einmal das. So bleibt es Tino Hillebrand als Menuchim überlassen, sich in Charaktergestaltung zu versuchen. Er tut es mit einigem Geschick, wie eine Puppe, die sich von den Mitspielern bewegen lässt, ein Sprachberaubter, der zu den Seelenverwerfungen der anderen nicht mehr als zucken kann.

Ausdrucksstarkes Spiel: Tino Hillebrand als Menuchim mit Regina Fritsch als Deborah. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Mendel Singer schwört mit brennendem Eifer Gott ab: Peter Simonischek. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Es ist eine von drei nennenswerten Szenen, wenn Hillebrands Menuchim, als „Krüppel“ nicht in God’s Own Country gelassen, geheilt und zum berühmten Komponisten geworden, den Vater aufsucht – und statt Wiedersehensfreude die Distanz der Jahre, der Geschehnisse, der Kontinente zwischen den beiden steht, so dass man sich nicht einmal zu umarmen weiß. Auch am zweiten starken Bild hat Hillebrand Anteil, unerwartet und schockierend, als die Geschwister den behinderten Bruder ertränken wollen. Und schließlich Simonischek in einem Moment der Heiterkeit, wie er im Neuen Jerusalem – New York kurz à la Satchmo singt.

Joseph Roth schrieb seinen „Hiob“ 1929 in Paris, wo er sich zehn Jahre später zu Tode getrunken hatte. Und wenn er in seiner unsentimental-sublimen Sprache über bevorstehende Pogrome und Soldatenschrecken schreibt, dann hat der Pazifist, Moralist, Antifaschist die Zukunft Europas gewohnt luzide vorweggenommen. Von diesem Geist ist an der Burg kaum etwas zu spüren. Bleibt zum bitteren Ende, das Buch Hiob zu zitieren: „… denn wir sind von gestern her und wissen nichts …“

www.burgtheater.at

  1. 2. 2019

Die Burg

Februar 14, 2019 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Auf Besuch in der außerirdischen Blase

Vor einer Vorstellung von „Hotel Europa“: Aenne Schwarz, Michael Klammer, Fabian Krüger und Katharina Lorenz. Bild: © Polyfilm Filmverleih GmbH.

Tag der offenen Tür ist, und Menschengewühl ist, da hat sich ein Tourist im Treppauf-Treppab des riesigen Gebäudes verirrt. Eine freundliche Frau wird ihn in einem der Foyers ausmachen und ihm nicht nur den Weg weisen, sondern ihn auch mit wertvollen Tipps für seine weitere Besichtigungstour versorgen. „Sie sind ja vom Fach. Wer sind Sie?“, fragt der Mann erstaunt, und erhält als Antwort:

„Ich habe das Vergnügen und die Ehre die Direktorin dieses Hauses zu sein.“ So also trifft man Karin Bergmann persönlich. Rund um die Premiere von Ayad Akhtars „Geächtet“ machte Bergmann, wie sie selbst sagt, das Theater „zum ,Freiwild‘ für das Kameraauge, offen, ungeschützt, ungeprobt …“, der daraus entstandene Dokumentarfilm „Die Burg“ von Hans Andreas Guttner ist nun ab morgen in den Kinos zu sehen. Es ist ein ungewöhnlicher Blick, den der Regisseur auf die Szenerie wirft, sein Film folgt scheinbar keiner Stringenz, er wirft Schlaglichter mal da-, mal dorthin, doch all diese kaleidoskopischen Impressionen fügen sich zu einem großartigen Gesamtbild. Dieser Stil hat bereits bei „Das große Museum“ von Johannes Holzhausen (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=10605) und „Oper. L‘opéra de Paris“ von Jean-Stéphane Bron (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=27920) bestens funktioniert, und tut es nun wieder.

Nicholas Ofczarek in der Maske vor „Die Affäre Rue de Lourcine“. Bild: © Polyfilm Filmverleih GmbH.

Toilettenfrau Veronika Fileccia ist bereits eine lokale Berühmtheit. Bild: © Polyfilm Filmverleih GmbH.

Karl-Peter Schmoll hält die Stellung an der Publikumsgarderobe. Bild: © Polyfilm Filmverleih GmbH.

Als immer wiederkehrendes Moment dient eben die Bühnenumsetzung von „Geächtet“. Man sieht die erste Leseprobe im Arsenal, eine Analyse des Texts und, schmerzhafter, der eigenen Befindlichkeit, die Arbeiten an Bühnenbild und Kostüm, Anproben, Hauptproben, Diskussionen um die Wahl der richtigen Handtasche, eine Einführungsmatinee, den aus den USA anreisenden Autor. Man sieht, wie falsche Schnauzbärte und Schuhe entstehen, ist Zuschauer im Kulissendepot und im Tonstudio.

Schaut Perückenmacherin, Maskenbildner, Lichtdesigner, Schnürbodentechniker, Bühnenarbeiter über die Schulter. Man sieht, wie deren Arbeit ineinandergreift, sieht Sinn- und Technikkrisen, und wie aus all dem der Zauber, die Bühnenmagie entsteht. Und es ist schon so, dass, wenn Guttner vom „minutiös durchorganisierten reibungslosen Betrieb“ schwärmt, während Nicholas Ofczarek von der für ihn täglich zu bewältigenden „Diskrepanz zwischen Disziplin und Exzess“ spricht, man beide versteht.

Katharina Lorenz, Maria Happel, Fabian Krüger kommen zu Wort, der unvergleichliche Robert Reinagl singt den „G’schupften Ferdl“, Christoph Radakovits ist beim Stimmtraining, bald aber tritt Guttner mit denen ins Gespräch, die dem Publikum nicht weniger wichtig sind als die Burg-Stars. Billeteur Karl-Peter Schmoll nimmt sich die Zeit in der Ruhe vor dem Sturm an seiner Publikumsgarderobe, begeistert sich über seinen Arbeitsplatz als „außerirdische Blase“, in die zu kommen er jeden Tag das Glück habe.

Begeistert sich weniger über Leute, die beim Anstellen vordrängeln, „so dass ich nicht weiß, wie ich sie hantieren soll. Es ist sehr lustig, wenn es nur Wiener sind und ich versuche, sie zu ordnen, das funktioniert nicht. Die Wiener wollen das Chaos. Sind viele Touristen aus Deutschland da, da brauche ich nur zweimal etwas zu sagen und sie stehen in Reih und Glied, und das gefällt mir natürlich besser“. Ein Wiener Original ersten Ranges ist auch Toilettenfrau Veronika Fileccia, die früher als Herzstück der Revuetänzerinnentruppe „Diamond Girls“ in Nachtclubs quer durch Europa und bis in den Nahen Osten aufgetreten ist. Und die heute in der Pause Trost und Rat hat, sollte einmal eine Aufführung nicht so gelungen sein. Stammgäste wissen, Damen-WC, Parkett rechts, dort finden allabendlich die ersten Kritikerinnenrunden statt.

Roman Chalupnik und Florian Milz sind mit ihren Kameras um die Vermeidung optischer Klischees bemüht, filmen das Geschehen gern auch aus der Perspektive der Seitenbühne oder des Souffleursitzes, zeigen unkonventionelle Bilder, immer wieder auch die unglamouröse Rückseite der Burg, Blicke wie in „schwarze Löcher“ hinter den Brettern, die die Welt bedeuten. Wo Lastwagen rangieren, Kulissen verladen werden, Werkstätten so groß wie Werkhallen.

Eine Sprechprobe zu „Geächtet“: Fabian Krüger und Katharina Lorenz mit Regisseurin Tina Lanik und deren Team. Bild: © Polyfilm Filmverleih GmbH.

Nach gut eineinhalb Stunden Film liegt vor, was Auskenner ohnedies wussten: Dass Theatermachen manchmal mehr Knochenarbeit als Heidenspaß ist. Was „Die Burg“ aber vor allem vermittelt, ist der Enthusiasmus und der Idealismus aller und an allen Stellen, der das Haus durchströmt. Maria Happel sagt es hier einmal: „Ich liebe dieses Theater und ich liebe sein Publikum.“

www.burg-film.com

  1. 2. 2019

In My Room

Dezember 6, 2018 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Postapokalyptischer Reiter

Zu Pferd erkundet Armin die Umgebung: Hans Löw. Bild: Polyfilm Verleih

Es klappt gar nichts. So führt Filmemacher Ulrich Köhler den Anti-Helden Armin aus „In My Room“ ein. Mehr als dreißig Minuten lässt er sich Zeit, die Figur zu erklären, diesen in seinem Leben desorientierten ZDF-Kameramann, der die Aufnahmen von Pressekonferenzen politischer Parteien versemmelt, weil er das Entscheidende nicht im Blick hat.

Später an einem Abschleppversuch scheitert, indem er mit einem präkoital-blöden Spruch die junge Frau vor Vollzug aus seiner Wohnung scheucht. Um sich schließlich, ein paar Schnitte später, am Bett seiner sterbenden Großmutter über deren Hinscheiden zu grämen. Omas triste Behausung deutet schon irgendwie auf Endzeit hin, und wie’s tatsächlich weitergeht, ist ab Freitag in den Kinos zu sehen.

„In My Room“ ist ein stiller Film, mit einem grandiosen Hauptdarsteller Hans Löw, dessen eindringliches, erzwungenermaßen schweigsames Spiel unter die Haut geht. Als Armin nämlich nach einer betrunken im Auto verschlafenen Nacht aufwacht, sind alle weg. Verschwunden. Kein Mensch mehr da. In Panik fährt Armin mit seiner ausgeleierten Karre über leere Straßen voller liegengelassener Fahrzeuge, im Fluss treibt ein Ausflugsschiff, die Tankstelle ist unbesetzt, da lässt sich immerhin gratis Benzin nachfüllen.

Regisseur und Drehbuchautor Köhler hält sich nicht mit hollywoodesken Spekulationen über The Day after auf, er katapultiert seinen Charakter in eine fantastische Versuchsanordnung, kreiert aus einem gängigen Sci-Fi-Motiv ein großartiges Gedankenspiel über die Conditio humana. Im nächsten Bild schon, und der für diese zuständige Patrick Orth versteht es, Köhlers Vision in ruhigen, dennoch kräftigen Aufnahmen umzusetzen, findet Armin auf der Autobahn einen Polizeiflitzer. Und wie er im Sportwagen hochtourig weiterrast, sich aus querstehendem Blechschrott einen Parcours bastelt, dessen computerspielartige Bewältigung der Zuschauer frontal durch die Windschutzscheibe mitverfolgt – da weiß man, der Mann hat verstanden, die Welt gehört ihm.

Bei der Großmutter: Ruth Bickelhaupt und Hans Löw. Bild: Polyfilm Verleih

Kirsi kommt an: Elena Radonicich und Hans Löw. Bild: Polyfilm Verleih

Und schon ist Armin ein postapokalyptischer Reiter, die Pferde findet er auf einem verwaisten Anhänger, ein moderner Adam, abgemagert, aber mit Taschenlampe. Mit einem gefundenen Gewehr über der Schulter, und für einen Städter erstaunlich praktisch veranlagt, beginnt er auf einem Bauernhof, wo er doch jedes Penthouse besetzen hätte können, seine Robinsonade. Hühner hüten, Ziege melken, Feld bestellen, es sich bequem machen in der Entvölkerung.

Auch wenn er, wie einst Defoes Crusoe, Rückschläge einzustecken hat, etwa wenn er halbverwilderte Schweine sieht und auf keines schießen kann und stattdessen lieber den mittlerweile zugewucherten Supermarkt plündert. Hans Löw vollführt nicht nur körperlich eine beachtliche Verwandlung. Er stattet den einstigen Zauderer und Zögerling nun mit einem Mut und einer Entschlossenheit aus, die den Überlebenstrieb als stärkste Macht des Menschen ausweist.

„In My Room“, betitelt nach einem Beach-Boys-Hit, ist keine Dystopie, sondern nicht zuletzt dank des Blicks von Patrick Orth gefilmte Poesie. „In My Room“ meint Lebensraum. Ein Sommermärchen, in dem es zum Glück noch Segnungen der Zivilisation wie E-Zigaretten und Bouteillenwein gibt. „There’s a world where I can go and tell my secrets to …“ Wie Löw im LKW-Scheinwerferlicht zu „Later Tonight“ von den Pet Shop Boys beinah Ballett tanzt ist wirklich klasse. Der von so vielen Kleingemachte plötzlich ganz groß.

Dann – ein angstvoller Sehnsuchtsblick – die Frau. Elena Radonicich kommt als Kirsi, und die hat kein Problem damit, einem Huhn den Kopf abzuschlagen oder Rehe zu jagen. Während der Mann nie aufhört, zu tüfteln und zu erfinden. Das ist doch mal was, wie Ulrich Köhler insofern das Rollenverständnis seit der Steinzeit verändert. Doch der Mann will Kinder, die Frau nur mit Kondom, Kirsi will weiter nach Süden, Armin bleiben, wo er sich seinen Begriff von Heimat erarbeitet hat … Und wenn „In My Room“ auch ein Film über dieses immer wahlloser abgenutzte Wort sein will, so sagt er etwas darüber aus, wie unbändig frei man in ihr sein – oder welche selbstgezimmerten Grenzen man sich setzen kann.

www.in-my-room.de

  1. 12. 2018