Die Burg

Februar 14, 2019 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Auf Besuch in der außerirdischen Blase

Vor einer Vorstellung von „Hotel Europa“: Aenne Schwarz, Michael Klammer, Fabian Krüger und Katharina Lorenz. Bild: © Polyfilm Filmverleih GmbH.

Tag der offenen Tür ist, und Menschengewühl ist, da hat sich ein Tourist im Treppauf-Treppab des riesigen Gebäudes verirrt. Eine freundliche Frau wird ihn in einem der Foyers ausmachen und ihm nicht nur den Weg weisen, sondern ihn auch mit wertvollen Tipps für seine weitere Besichtigungstour versorgen. „Sie sind ja vom Fach. Wer sind Sie?“, fragt der Mann erstaunt, und erhält als Antwort:

„Ich habe das Vergnügen und die Ehre die Direktorin dieses Hauses zu sein.“ So also trifft man Karin Bergmann persönlich. Rund um die Premiere von Ayad Akhtars „Geächtet“ machte Bergmann, wie sie selbst sagt, das Theater „zum ,Freiwild‘ für das Kameraauge, offen, ungeschützt, ungeprobt …“, der daraus entstandene Dokumentarfilm „Die Burg“ von Hans Andreas Guttner ist nun ab morgen in den Kinos zu sehen. Es ist ein ungewöhnlicher Blick, den der Regisseur auf die Szenerie wirft, sein Film folgt scheinbar keiner Stringenz, er wirft Schlaglichter mal da-, mal dorthin, doch all diese kaleidoskopischen Impressionen fügen sich zu einem großartigen Gesamtbild. Dieser Stil hat bereits bei „Das große Museum“ von Johannes Holzhausen (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=10605) und „Oper. L‘opéra de Paris“ von Jean-Stéphane Bron (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=27920) bestens funktioniert, und tut es nun wieder.

Nicholas Ofczarek in der Maske vor „Die Affäre Rue de Lourcine“. Bild: © Polyfilm Filmverleih GmbH.

Toilettenfrau Veronika Fileccia ist bereits eine lokale Berühmtheit. Bild: © Polyfilm Filmverleih GmbH.

Karl-Peter Schmoll hält die Stellung an der Publikumsgarderobe. Bild: © Polyfilm Filmverleih GmbH.

Als immer wiederkehrendes Moment dient eben die Bühnenumsetzung von „Geächtet“. Man sieht die erste Leseprobe im Arsenal, eine Analyse des Texts und, schmerzhafter, der eigenen Befindlichkeit, die Arbeiten an Bühnenbild und Kostüm, Anproben, Hauptproben, Diskussionen um die Wahl der richtigen Handtasche, eine Einführungsmatinee, den aus den USA anreisenden Autor. Man sieht, wie falsche Schnauzbärte und Schuhe entstehen, ist Zuschauer im Kulissendepot und im Tonstudio.

Schaut Perückenmacherin, Maskenbildner, Lichtdesigner, Schnürbodentechniker, Bühnenarbeiter über die Schulter. Man sieht, wie deren Arbeit ineinandergreift, sieht Sinn- und Technikkrisen, und wie aus all dem der Zauber, die Bühnenmagie entsteht. Und es ist schon so, dass, wenn Guttner vom „minutiös durchorganisierten reibungslosen Betrieb“ schwärmt, während Nicholas Ofczarek von der für ihn täglich zu bewältigenden „Diskrepanz zwischen Disziplin und Exzess“ spricht, man beide versteht.

Katharina Lorenz, Maria Happel, Fabian Krüger kommen zu Wort, der unvergleichliche Robert Reinagl singt den „G’schupften Ferdl“, Christoph Radakovits ist beim Stimmtraining, bald aber tritt Guttner mit denen ins Gespräch, die dem Publikum nicht weniger wichtig sind als die Burg-Stars. Billeteur Karl-Peter Schmoll nimmt sich die Zeit in der Ruhe vor dem Sturm an seiner Publikumsgarderobe, begeistert sich über seinen Arbeitsplatz als „außerirdische Blase“, in die zu kommen er jeden Tag das Glück habe.

Begeistert sich weniger über Leute, die beim Anstellen vordrängeln, „so dass ich nicht weiß, wie ich sie hantieren soll. Es ist sehr lustig, wenn es nur Wiener sind und ich versuche, sie zu ordnen, das funktioniert nicht. Die Wiener wollen das Chaos. Sind viele Touristen aus Deutschland da, da brauche ich nur zweimal etwas zu sagen und sie stehen in Reih und Glied, und das gefällt mir natürlich besser“. Ein Wiener Original ersten Ranges ist auch Toilettenfrau Veronika Fileccia, die früher als Herzstück der Revuetänzerinnentruppe „Diamond Girls“ in Nachtclubs quer durch Europa und bis in den Nahen Osten aufgetreten ist. Und die heute in der Pause Trost und Rat hat, sollte einmal eine Aufführung nicht so gelungen sein. Stammgäste wissen, Damen-WC, Parkett rechts, dort finden allabendlich die ersten Kritikerinnenrunden statt.

Roman Chalupnik und Florian Milz sind mit ihren Kameras um die Vermeidung optischer Klischees bemüht, filmen das Geschehen gern auch aus der Perspektive der Seitenbühne oder des Souffleursitzes, zeigen unkonventionelle Bilder, immer wieder auch die unglamouröse Rückseite der Burg, Blicke wie in „schwarze Löcher“ hinter den Brettern, die die Welt bedeuten. Wo Lastwagen rangieren, Kulissen verladen werden, Werkstätten so groß wie Werkhallen.

Eine Sprechprobe zu „Geächtet“: Fabian Krüger und Katharina Lorenz mit Regisseurin Tina Lanik und deren Team. Bild: © Polyfilm Filmverleih GmbH.

Nach gut eineinhalb Stunden Film liegt vor, was Auskenner ohnedies wussten: Dass Theatermachen manchmal mehr Knochenarbeit als Heidenspaß ist. Was „Die Burg“ aber vor allem vermittelt, ist der Enthusiasmus und der Idealismus aller und an allen Stellen, der das Haus durchströmt. Maria Happel sagt es hier einmal: „Ich liebe dieses Theater und ich liebe sein Publikum.“

www.burg-film.com

  1. 2. 2019

In My Room

Dezember 6, 2018 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Postapokalyptischer Reiter

Zu Pferd erkundet Armin die Umgebung: Hans Löw. Bild: Polyfilm Verleih

Es klappt gar nichts. So führt Filmemacher Ulrich Köhler den Anti-Helden Armin aus „In My Room“ ein. Mehr als dreißig Minuten lässt er sich Zeit, die Figur zu erklären, diesen in seinem Leben desorientierten ZDF-Kameramann, der die Aufnahmen von Pressekonferenzen politischer Parteien versemmelt, weil er das Entscheidende nicht im Blick hat.

Später an einem Abschleppversuch scheitert, indem er mit einem präkoital-blöden Spruch die junge Frau vor Vollzug aus seiner Wohnung scheucht. Um sich schließlich, ein paar Schnitte später, am Bett seiner sterbenden Großmutter über deren Hinscheiden zu grämen. Omas triste Behausung deutet schon irgendwie auf Endzeit hin, und wie’s tatsächlich weitergeht, ist ab Freitag in den Kinos zu sehen.

„In My Room“ ist ein stiller Film, mit einem grandiosen Hauptdarsteller Hans Löw, dessen eindringliches, erzwungenermaßen schweigsames Spiel unter die Haut geht. Als Armin nämlich nach einer betrunken im Auto verschlafenen Nacht aufwacht, sind alle weg. Verschwunden. Kein Mensch mehr da. In Panik fährt Armin mit seiner ausgeleierten Karre über leere Straßen voller liegengelassener Fahrzeuge, im Fluss treibt ein Ausflugsschiff, die Tankstelle ist unbesetzt, da lässt sich immerhin gratis Benzin nachfüllen.

Regisseur und Drehbuchautor Köhler hält sich nicht mit hollywoodesken Spekulationen über The Day after auf, er katapultiert seinen Charakter in eine fantastische Versuchsanordnung, kreiert aus einem gängigen Sci-Fi-Motiv ein großartiges Gedankenspiel über die Conditio humana. Im nächsten Bild schon, und der für diese zuständige Patrick Orth versteht es, Köhlers Vision in ruhigen, dennoch kräftigen Aufnahmen umzusetzen, findet Armin auf der Autobahn einen Polizeiflitzer. Und wie er im Sportwagen hochtourig weiterrast, sich aus querstehendem Blechschrott einen Parcours bastelt, dessen computerspielartige Bewältigung der Zuschauer frontal durch die Windschutzscheibe mitverfolgt – da weiß man, der Mann hat verstanden, die Welt gehört ihm.

Bei der Großmutter: Ruth Bickelhaupt und Hans Löw. Bild: Polyfilm Verleih

Kirsi kommt an: Elena Radonicich und Hans Löw. Bild: Polyfilm Verleih

Und schon ist Armin ein postapokalyptischer Reiter, die Pferde findet er auf einem verwaisten Anhänger, ein moderner Adam, abgemagert, aber mit Taschenlampe. Mit einem gefundenen Gewehr über der Schulter, und für einen Städter erstaunlich praktisch veranlagt, beginnt er auf einem Bauernhof, wo er doch jedes Penthouse besetzen hätte können, seine Robinsonade. Hühner hüten, Ziege melken, Feld bestellen, es sich bequem machen in der Entvölkerung.

Auch wenn er, wie einst Defoes Crusoe, Rückschläge einzustecken hat, etwa wenn er halbverwilderte Schweine sieht und auf keines schießen kann und stattdessen lieber den mittlerweile zugewucherten Supermarkt plündert. Hans Löw vollführt nicht nur körperlich eine beachtliche Verwandlung. Er stattet den einstigen Zauderer und Zögerling nun mit einem Mut und einer Entschlossenheit aus, die den Überlebenstrieb als stärkste Macht des Menschen ausweist.

„In My Room“, betitelt nach einem Beach-Boys-Hit, ist keine Dystopie, sondern nicht zuletzt dank des Blicks von Patrick Orth gefilmte Poesie. „In My Room“ meint Lebensraum. Ein Sommermärchen, in dem es zum Glück noch Segnungen der Zivilisation wie E-Zigaretten und Bouteillenwein gibt. „There’s a world where I can go and tell my secrets to …“ Wie Löw im LKW-Scheinwerferlicht zu „Later Tonight“ von den Pet Shop Boys beinah Ballett tanzt ist wirklich klasse. Der von so vielen Kleingemachte plötzlich ganz groß.

Dann – ein angstvoller Sehnsuchtsblick – die Frau. Elena Radonicich kommt als Kirsi, und die hat kein Problem damit, einem Huhn den Kopf abzuschlagen oder Rehe zu jagen. Während der Mann nie aufhört, zu tüfteln und zu erfinden. Das ist doch mal was, wie Ulrich Köhler insofern das Rollenverständnis seit der Steinzeit verändert. Doch der Mann will Kinder, die Frau nur mit Kondom, Kirsi will weiter nach Süden, Armin bleiben, wo er sich seinen Begriff von Heimat erarbeitet hat … Und wenn „In My Room“ auch ein Film über dieses immer wahlloser abgenutzte Wort sein will, so sagt er etwas darüber aus, wie unbändig frei man in ihr sein – oder welche selbstgezimmerten Grenzen man sich setzen kann.

www.in-my-room.de

  1. 12. 2018

Alles ist gut

November 29, 2018 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

In aller Stille implodieren

Burgtheaterschauspielerin Aenne Schwarz bringt als schweigendes Vergewaltigungsopfer Janne eine beachtliche Leistung. Bild: Trimafilm

„Alles gut“ oder „Danke, gut“, das sind die gesellschaftlich bevorzugten Floskeln, wenn es darum geht, Wogen zu glätten, ein Gegenüber zu beruhigen, eine Situation zu deeskalieren. In diesem Sinne ist wohl der Titel von Eva Trobischs Spielfilmdebüt zu verstehen:

„Alles ist gut“, ab Freitag in den Kinos, ist sozusagen das Mantra ihrer Protagonisten, der unendlich daran gelegen ist, „die Sache nicht so hoch zu hängen“. Die Sache ist immerhin eine Vergewaltigung. Doch Janne ist es gewohnt, ihr Dasein mittels der beständigen Beschwichtigung anderer zu bewältigen, und so schweigt sie auch diesmal. Burgtheaterschauspielerin Aenne Schwarz spielt diese Janne, und ihr dabei zuzusehen, wie sie in aller Stille implodiert, ist ein bemerkenswertes Erlebnis.

Die Tat passiert nach einem Klassentreffen, von dem Janne den hochintellektuell anmutenden Martin mit nach Hause nimmt, der hat wie Janne einen sitzen, ist aber durchaus charmant, bis er zudringlich wird. „Echt jetzt?“, ist Jannes Verzweiflungsfrage, als er in sie dringt. Janne wird Martin bei ihrem Jugendfreund und späteren Arbeitgeber Robert wiedertreffen, und da ist noch ein Mann, der ihr Leben beherrscht: Piet, von dem man erfährt, dass er mit einem gemeinsam mit Janne gegründeten Buchverlag pleite gegangen ist, sich aber schon vorher rausgekauft und einen Bestseller veröffentlicht hat.

Piet hängt wie ein Schatten über der Beziehung, und da er der impulsive Typ ist, fragt man sich, ob Jannes kontrollierte Art, die Tatsache, dass sie alles auf sich abladen lässt, mit seinem schwierigen Charakter zu tun hat. Als Janne schneller als er einen neuen Job hat, nämlich Cheflektorin bei Robert, reagiert Piet mit aggressiver Gekränktheit und flüchtet sich in Sarkasmen. Und so macht Janne nicht nur ihren eigenen, sondern auch den Wert ihrer neuen Tätigkeit klein. Das alles erzählt Regisseurin und Drehbuchautorin Trobisch mit einer erschreckenden Beiläufigkeit; die Unaufgeregtheit, mit der sie im Film Unheil an Unheil reiht, wirkt auf den Betrachter ziemlich irritierend. Umso mehr, als sich Trobisch trotz des schweren Themas immer wieder eines kurzangebundenen, trockenen Humors bedient.

Wie mit der Situation umgehen? Aenne Schwarz als Janne mit Hans Löw als Martin. Bild: Trimafilm

Impulsiv trifft introvertiert: Aenne Schwarz als Janne und Andreas Döhler als deren Freund Piet. Bild: Trimafilm

Als Cast ist ein Best-of des Burg-, des Thalia Theaters und des Berliner Ensembles versammelt. Hans Löw ist als Martin zu sehen, Andreas Döhler als Piet. Tilo Nest ist als Robert sozusagen Jannes Gegenpol, ist er doch in einer Ehe mit einer viel jüngeren Frau und deren Kinderwunsch gefangen, hier wird die Situation explodieren, und sie ihn grün und blau treten, weil sie nicht schwanger wird. Falk Rockstroh hat einen Kurzauftritt als Insolvenzberater, Juliane Köhler einen als mondäne Autorin.

Sie alle beeindrucken mit ihrem reduzierten, spröden, nüchternen Spiel. Beinah verstörend zu nennen ist eine Szene, in der Löws Martin Schwarz‘ Janne in Roberts Verlag wiedersieht, seine Befangenheit schier greifbar, seine Augen, die um Absolution bitten, Wangenküsschen als Tarnung vor dem Chef.

Und zwischen den Männern eine Frau, die kein Problem haben und keines sein will. Wobei ihre Verdrängungsstrategie die Narben nur noch tiefer treibt. Dass Trobisch Jannes heiklen Balanceakt, ihren Versuch, die Dinge rational durchzustehen, scheitern lässt, ist ein logischer Schlusspunkt. Aenne Schwarz brilliert in diesem Porträt einer Frau, die nicht als Opfer gesehen werden will, und dafür einen hohen Preis bezahlt. Wie sie hinter der kühlen, letztlich selbstzerstörerischen Fassade die Aufgewühltheit ihrer Figur erkennen lässt, das ist im Wortsinn großes Kino. „Alles ist gut“ wurde von Eva Trobisch vor #MeToo erdacht, und bringt die Debatte darum, um ein Schweigen, das Gewalt bestärkt und zulässt, dennoch auf den Punkt.

allesistgut-derfilm.de

  1. 11. 2018

Wiener Wortstaetten im Werk X: Gegen die Freiheit

November 28, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Europas hässlichstes Antlitz

Ein Erhängter im Esszimmer überrascht die neue Mieterin: Burak Uzuncimen und Saskia Klar. Bild: © Joachim Kern

„Was hat er denn vor, will er denken?“, fragt der Arzt jene Ehefrau, die zu ihm gekommen ist, ihren Mann des zwanghaften Lesens anzuklagen. Essays, das sei das Schlimmste, konstatiert der Doktor, was Wunder also, dass beim Erkrankten das selbstständige Den-Verstand-Einsetzen ausgebrochen ist. Da dies als unheilbar gilt, bleibt nur eines: einen Scheiterhaufen zu errichten, auf dem kein Buch – sondern der Patient selbst verbrannt wird. Solcherart sind die Pointen, die jede der sieben surrealen Szenen aus Esteve Solers Text „Gegen die Freiheit“ beschließen.

Soler, Jahrgang 1976, derzeit einer der gefragtesten zeitgenössischen Film- und Theaterautoren, bekannt für starke szenische Setzungen und zugespitzte Dialoge, ist Katalane. Das macht seinen Stücktitel umso pikanter. Seit gestern ist „Gegen die Freiheit“, von Soler Teil eins einer „Revolutionstrilogie“ genannt, als deutschsprachige Erstaufführung der Wiener Wortstaetten im Werk X zu sehen. Das Autorentheaterprojekt hat diese Saison in der Meidlinger Spielstätte ein Arbeitsatelier bezogen, nun diese Koproduktion im Rahmen des EU-Projekts „Fabulamundi Playwriting Europe – Beyond Borders?“, bei der Hans Escher die Regie übernommen hat.

Von Luis Buñuel, sagt Soler, wäre sein Schreiben inspiriert, und tatsächlich geht einem dessen „Würgeengel“ im Kopf um, denn in seiner dramatischen Collage zeigt Soler weit mehr als eine dystopisch bibliophobe Gesellschaft. Er zeigt direkt auf Europas hässlichstes Antlitz, zeigt, wie Totalitarismus im Kleinen beginnt, bevor er groß wird, zeigt Machtmissbrauch und Ohnmachtsverhältnisse, und wie die verlorengegangene Fähigkeit zur Kommunikation im Politischen wie im Privaten genau jene Kräfte vorantreibt, die Europas Aufgeschlossenheit gegenüber Andersdenkenden, Andersseienden den Kampf angesagt haben.

Wo eine Waffe ist, wird geschossen: Daniel Wagner, Heinz Weixelbraun und Burak Uzuncimen. Bild: © Joachim Kern

Entnervter Priester tötet Bräutigam: Daniel Wagner und Heinz Weixelbraun. Bild: © Joachim Kern

Solers Themen reichen von Gewalt durch Überwachung und/oder Waffen, Kapitalismuskritik samt einer an der Banken- und Immobilienblase, bis zum schändlichen Umgang mit Flüchtlingen, alles, was sozusagen europäische Abhängigkeitsbeziehungen dieser Tage ausmacht, und immer sind seine Stories unheilvoll, die Gefahr diffus, die Charaktere spooky. Dass sich das Premierenpublikum nichtsdestotrotz blendend amüsierte, liegt an Solers Talent für absurde Komik, doch immer kommt beim ehemaligen Schüler, nunmehr Lehrer an der Sala Beckett in Barcelona der Moment, wo bizarr in bitterböse kippt.

Die Schauspieler Elisabeth Findeis, Saskia Klar, Burak Uzuncimen, Daniel Wagner und Heinz Weixelbraun beweisen sehr viel Gespür für diesen Aberwitz, stellen Solers grelle – fast möchte man sagen – Sketche so griffig dar, wie’s verlangt wird, wechseln mit viel Lust am Obskuren von einer Rolle in die nächste. Von Hans Escher und Ausstatter Renato Uz ist ihnen dazu nur eine Art Tisch auf Rollen zur Hand gegeben, der im Laufe des Abends verschiedene Funktionen übernehmen wird, hinten eine Kleiderstange, auf der die wenigen Stücke hängen, die sie als eine neue Figur ausweisen.

Alex Petkov treibt am Schlagzeug das Spiel an, er gibt ein rasantes Tempo vor, erschafft mit Sticks und Besen ein Hochgeschwindigkeitsensemble, dessen nervös flirrendes Auftreten der perfekte Grundton für Solars Stück ist. Und so gestalten etwa Saskia Klar, Daniel Wagner und Heinz Weixelbraun eine Hochzeitsszene, in der die Braut beim „Bis dass der Tod euch scheidet“ nicht mitmachen will. Vor versammelter Festgesellschaft beginnt sie mit ihrem nun wohl nicht mehr Zukünftigen einen Streit über dessen prinzipiell erniedrigenden Sexpraktiken, bis der entnervte Pfarrer zur Pistole greift. Später wird Klar die verständnisvolle Frau eines Kinderschänders spielen, während Weixelbraun mit Elisabeth Findeis ein Ehepaar gibt, dass unterm Parkettboden im Ankleidezimmer nicht weniger als 700 Textilarbeiter eingeschlossen hält.

Der Sohn verhungert am Tisch der Mutter: Elisabeth Findeis und Burak Uzuncimen. Bild: © Joachim Kern

Während die Ausgebeuteten um Frischluft ringen, die von den Stoffen aufsteigenden Dämpfe sind nämlich giftig, klagt sie, sie hätte nichts anzuziehen, lässt er seine Arbeitssklaven auf herablassend-väterliche Art wissen, er habe Verständnis für ihre Herdenkultur, aufgrund der sie ja auf engstem Raum zusammengepfercht sein wollten. Dann gehen Mann und Frau shoppen. Eine nicht näher definierte Miliz ist nicht nur in einem Haus, sondern auch in der Social-Media-Sucht gefangen, eine Mutter lässt ihren Sohn an ihrer reich gedeckten Tafel verhungern.

Jeder hat bei Soler Leichen im Keller, oder wahlweise im Esszimmer, wo Burak Uzuncimen als sich erhängt habender Selbstmörder einer Wohnungsbesichtigung eine neue Dimension verleiht. Esteve Solers groteske Geisterbahnfahrt durch die menschlichen Abgründe ist in Hans Eschers Inszenierung ein unterhaltsamer, überwältigender, erschütternder Abend geworden – mit vielen offen bleibenden Fragen, die, wenn schon nicht der Antworten, so doch der Analyse harren. Ein Europa auf dem Prüfstand zu beschreiben, dazu sind im Rahmen von „Fabulamundi – Playwriting Europe“ aus Österreich unter anderem auch Miroslava Svolikova, Gerhild Steinbuch, Thomas Köck und Bernhard Studlar eingeladen.

www.wortstaetten.at/          werk-x.at

  1. 11. 2018

Burgtheater: Mephisto

September 17, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Immer bergauf auf dem Beförderband

Nicholas Ofczarek als Hendrik Höfgen, Sylvie Rohrer als Dora Martin und Ensemble. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Lady Gaga gibt den Ton an. Im Wortsinn. Ihr Song „Applause“, von Sylvie Rohrer als Dora Martin auf vier Mal unterschiedlichste Weise interpretiert, ist der musikalische Leitfaden durch Bastian Krafts Bühnenfassung von Klaus Manns Roman „Mephisto“. Eine fulminante Aufführung ist das geworden, mit einem überragenden Ensemble, allen voran Nicholas Ofczarek in der Rolle des Hendrik Höfgen. Alias Gustaf Gründgens. Einer, der der Macht verfällt, und dabei so brutal wie buckelnd agiert.

In einen Rahmen hat Kraft sein durchchoreografiertes Spiel vom Glanz und Elend des eitlen Mimen gespannt. Ein schlanker Mann im weißen Anzug tritt aus dem Dunkel und an die Schreibmaschine, er, der Schriftsteller, als Gegenpart zum bulligen Schauspieler, den er erdacht und doch nicht erdacht hat, Sebastian Bruckner, Klaus Manns Alter Ego. Fabian Krüger gestaltet die Figur feinnervig und nobel, er ist Erzähler, Kommentator, aber auch Souffleur und sogar Requisiteur. Bruckner/Mann ist da schon im Exil, in Paris, später Südfrankreich, drischt er auf die Tasten und damit auf das NS-Regime ein.

Sabine Haupt als Nicoletta von Niebuhr, Fabian Krüger als Sebastian Bruckner, Nicholas Ofczarek und Dörte Lyssewski als Barbara Bruckner. Bild. Reinhard Werner/Burgtheater

Simon Jensen als Julien. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Martin Vischer, Simon Jensen, Sabine Haupt, Sylvie Rohrer und Petra Morzé. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Bruckners Auseinandersetzung mit dem ehemaligen Schwager Höfgen, Krüger vs Ofczarek, wird zum gewitzten Disput darüber, wie Mensch sich angesichts von Totalitarismus und Staatsterror positionieren soll. Ofczarek gibt den Höfgen mit gewaltiger Intensität, gibt mal den teuflischen Verführer, mal den in tiefste Abgründe Gelockten, gibt sich im Zweikampf mit dem gewesenen Freund mal sanft säuselnd, mal metallisch donnernd. „Seine Falschheit ist seine Echtheit“, charakterisiert Bruckner den faustischen Höfgen.

Und der Karrierist und Opportunist sucht gutes Gewissen darin, dass er einen Juden, Hans Dieter Knebel als Garderober Böck, und seinen schwulen Liebhaber, Simon Jensen als Julien – die originale Homoerotik von Kraft anstelle der erfundenen Juliette Martens eingesetzt, vor der Gestapo gerettet hat. Beim kommunistischen Kollegen Otto Ulrichs/Hans Otto, ihn stellt Peter Knaack dar, hat er es immerhin versucht, den Parade-Nazi Miklas, Martin Vischer, hat er ohne viel Federlesen aus dem Ensemble entfernen lassen.

Ge- und befördert vom „Ministerpräsidenten“ und seiner Ehefrau, Martin Reinke und Petra Morzé liefern als Göring und dessen überspannte Gattin eine gekonnte Farce auf Hinterlist und Heimtücke, arrangiert sich Höfgen mit den neuen Herrschenden. Peter Baurs phänomenales Bühnenbild stellt den steilen Aufstieg mittels stetig emporgeschraubtem Laufband dar, darauf Ofczarek mit ausholendem Schritt, die Arme zackig mitgeschwungen, eine Hanswurstiade mit schwarzweiß-gestreifter Hofnarrenkappe, wiewohl’s immer schwerer wird, die nächste Klippe zu erklimmen.

Den fabelhaften Cast runden ab: Dörte Lyssewski und Sabine Haupt als Frau Höfgen eins und zwei, Barbara Bruckner und Nicoletta von Niebuhr, sarkastisch-scharf die eine, klug-berechnend die andere, und Bernd Birkhahn, der unter anderem als „der Professor“/Max Reinhardt wesentlich zu Höfgens Aufstieg beiträgt.

Auf vier Videotürme lassen Kraft und Baur Ofczareks Gesicht mit einer Live-Kamera projizieren. Da ist dessen Hendrik Höfgen längst zum Gruselclown mutiert. Die charakteristisch steilen schwarzen Augenbrauen, der blutrote Mund verschmiert. Wen immer er damit küsst, der ist besudelt. Eines von vielen starken Bildern. Am Ende eine Spiegelung des Publikums, vom Burgtheater 2018 ins Preußische Staatstheater 1936. Etliche der gefallenen Sätze sind so, wie man sie gerade wieder hört.

www.burgtheater.at

  1. 9. 2018