Refugee Lullaby

Oktober 1, 2019 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein guter Hirte hütet jedes Geschöpf

„Das ist nicht Wohltätigkeit, sondern Solidarität“: Hans Breuer, Österreichs letzter Wanderschäfer, über sein Engagement für Mitmenschen. Bild: WILDart Film

Von den vor wenigen Stunden geborenen Lämmern steht ein schwarzes ein wenig abseits der Herde, doch die gemütlich grasenden Mutterschafe sind deswegen nicht beunruhigt. Sie wissen ihren Nachwuchs bei Hans Breuer in besten Händen, und bald bugsiert er den kleinen Flüchtling behutsam zurück in die wartende Verwandtschaft. Schnitt. Breuer ist unterwegs in seinem Auto. Es ist Nacht, es ist das Jahr 2015.

Abertausende Menschen haben sich auf den langen Marsch vom Budapester Keleti Bahnhof Richtung Österreich begeben. Breuer fährt bis ans Ende der Kolonne, dort sind die Kinder, die Kranken, die, die nicht mehr weiter können. Er sammelt ein, das Fahrzeug füllt sich. „Baby?“ – „Geht!“ – „Und die zwei Mädchen da auch noch?“ – „Ja, geht!“ Ein guter Hirte hütet jedes Geschöpf. Und Hans Breuer ist tatsächlich einer, ist Österreichs letzter Wanderschäfer, ist fünffacher Vater und siebenfacher Großvater, und wohnt mit seiner Lebensgefährtin Mingo und seinen beiden Jüngsten in einem aufgebockten Bauwagen und ein paar windschief selbstgebauten Hütten am Waldrand. Früh schon, sagt er, hätte er sich entschieden, „ein Außenseiter“ zu sein, statt unter denen zu bleiben, die ewiggestriges Gedankengut verbreiten oder zumindest akzeptieren.

In Breuers PKW macht sich allmählich Schläfrigkeit breit, und Breuer singt den muslimischen Kindern, die mit ihren Eltern aus Syrien, Afghanistan, dem Irak nach Europa geflüchtet sind, ein jiddisches Wiegenlied vor. Das hat er bereits einmal getan und wurde vom Vater eines Kindes dabei gefilmt. 70.000 Mal wird dessen YouTube-Video weltweit geteilt, bis es schließlich auch die israelische Dokumentarfilmerin Ronit Kertsner sieht – und beschließt ein Breuer-Porträt zu drehen, „Refugee Lullaby“, ab 4. Oktober in den Kinos. Den Erwachsenen, die nun auf seiner Rückbank sitzen und aufgenommen werden, erklärt Breuer die Herkunft des Kamerateams: „Juden, Jews, you know.“ – „Okay, okay“, antwortet ein Iraker.

„Sie leben hier wie die Ratten“, sagt der heimische Helfer David: Unterbringung von Flüchtlingen in Serbien. Bild: WILDart Film

Die frierenden Menschen erwarten ihn schon: Gegen kalte Nächte hilft Hans Breuer mit heißem Tee. Bild: WILDart Film

Beständig kontrastiert Kertsner das ländliche Idyll des Schäfers mit Aufnahmen von überfüllten Auffanglagern, stellt der familiären Behaglichkeit, den entspannten Weidegängen mit Mingo, den durch die Natur tobenden Kindern, Dreck, Not und Elend in den Camps gegenüber. Breuer verteilt in Zelten Tee an frierende Menschen, verteilt Infozettel auf Arabisch, Farsi, Urdu, schaukelt in seinen Armen schreiende Babys, bringt seinen Schutzbefohlenen warme Decken. Daheim, im Hügelland südöstlich der Alpen, gibt er Deutschunterricht für Muslime und Muslimas. Sein Engagement, sagt er, „ist nicht Wohltätigkeit, sondern Solidarität“.

„Eine Idee, für die es sich zu kämpfen und zu leben lohnt“. Den Mut zur Zivilcourage hat Breuer sozusagen geerbt, ihr Trauma auch, wie sich erkennen lässt, da Tränen fließen, als er von seinen Eltern erzählt. Der jüdische Vater und die Mutter waren Kommunisten, sie Journalistin bei der Zeitschrift „Die Stimme der Frau“ und eine der Widerstandskämpferinnen, die in der Doku „Küchengespräche mit Rebellinnen“ aus dem Jahr 1984 zu Wort kommen. Im gezeigten Ausschnitt spricht sie über die Gestapo-Folter, sieben Männer fielen über sie her.

Trotzdem verriet sie keine Namen … Der Antifaschismus seiner Eltern hat Breuer geprägt. Aus diskreter Nähe verfolgen Shalom Rufeisens und Jerzy Palaczs Kameras ihren Protagonisten, und zeichnen mit jedem seiner Schritte deutlichere Konturen dieses Wanderers zwischen den Welten, der sich scheint’s mühelos aus seinem bescheidenen Dasein aus- und in die Gesellschaft einklinken kann, wenn andere Hilfe brauchen. Und immer singt er. Breuer erfindet unterwegs Lieder, die er mit seinem Handy aufnimmt und zu Hause transkribiert. Verschmitzt und nicht ohne Selbstironie meint er, dass er nach dem Zusammenbruch des Kommunismus eben eine andere Möglichkeit brauchte, die privaten Beschädigungen aufzuarbeiten, und dass er so zum jiddischen Liedgut kam. Hunderte jiddische Lieder hat er bisher gelernt – andere selber komponiert.

„Refugee Lullaby“ bleibt aber nicht beim bloßen Porträt. Geschickt spinnt Kertsner die Erzählfäden da und dort weiter, wenn sie Breuers anrührende Begegnungen mit Gleichgesinnten beobachtet. Da ist die iranisch-wienerische Jasmin, eine der Freiwilligen von „Train of Hope“, die am Hauptbahnhof Flüchtlinge versorgt, und bei ihr Breuers Nichte Verena Krausneker, eine der Gründerinnen des jüdischen Flüchtlingsvereins „Shalom Aleikum“, der sich vor allem um Geflüchtete aus muslimischen Ländern kümmert. Mit Krausneker wird Kertsner auch eine syrische Familie besuchen, die zu Freunden wurden. Man bereitet gerade gefüllte Weinblätter für ein öffentliches Picknick auf der Praterwiese vor. Der Familienvater war Restaurantbesitzer in Aleppo. „Music Box“, sagt er, „hieß unser Lokal“, und dass er nicht zuletzt wegen dieses drei Jahre überlegt habe, ob sie bleiben oder gehen sollen. Keiner, der seine Heimat verlässt, tut das leichten Herzens.

Hans Breuer hütet nicht nur seine Schafherde, sondern auch aus ihrer Heimat Geflüchtete und Vertriebene. Bild: WILDart Film

Ein Bad im Blechzuber gehört zum Leben inmitten von Mutter Natur: Hans Breuers Waschraum im Freien. Bild: WILDart Film

In Slowenien trifft Breuer den UNHCR-Übersetzer Yunes, der aus Palästina zum Studieren nach Slowenien kam, wegen des Sechstagekriegs blieb – und heute auch schon mehrfacher Opa ist. In Ungarn arbeitet Breuer mit Dan zusammen, dem er Hilfsgüter aus Österreich zum Weitertransport an die serbische Grenze bringt. Er habe damit begonnen, berichtet der gut trainierte Dan, als ihn Freunde angerufen hätten, weil am Bahnhof ein paar „Patrioten“ ein vierjähriges, syrisches Mädchen drangsaliert hätten.

„Man brüllt doch kein Kind an“, erbost er sich, und bekennt: Nein, um Erlaubnis habe er nie gefragt – „Ich tue einfach, was zu tun ist.“ In Serbien angekommen, erschüttern einen die schrecklichen Zustände in den provisorischen Unterkünften. „Sie leben hier wie Ratten“, schildert der einheimische Helfer David das Schicksal der Flüchtlinge. Ein Mann beschreibt, wie es ist, wenn die Polizei die Hunde loslässt, falls einer nicht gleich spurt. Später sitzt Breuer in einer Runde Pakistanis. Sie singen ihm ein Urdu-Lied, er eines auf Jiddisch, in dessen Refrain schließlich alle einstimmen können.

Es ist die Musik, die sprichwörtlich die Grenzen überwindet. Gemeinsam mit der bulgarisch-stämmigen Perkussionistin Maria Petrova, dem in Istanbul geborenen Geiger Efe Turumtay und Akkordeonist Nikola Zarić, Wiener mit serbischen Wurzeln, bildet Hans Breuer auch das WanDeRer-Quartett. „Refugee Lullaby“ ist ein bemerkenswerter Film über ein außergewöhnliches Lebenskonzept, eine bewegende Familiengeschichte und ein daraus resultierendes solidarisches Verhalten. Regisseurin Ronit Kertsner gelingt es, die Traumata der „völkischen“ Vergangenheit für die Gegenwart neu zu verhandeln. Ihre Doku ist ein herzerwärmendes Plädoyer für Mitmenschlichkeit – und der Beweis dafür, dass es neben der selbsternannt „ordentlichen Mitte-Rechts-Politik“ sehr wohl das andere Österreich, das andere Europa gibt.

Trailer: www.youtube.com/watch?time_continue=11&v=uDVkWB1_xok           vimeo.com/312745625           go2films.com/films/refugee-lullaby

Zur Person Hans Breuer: www.oyfnveyg.com           apastekhlatroymer.wordpress.com/?ref=spelling           www.youtube.com/channel/UC9kfNxnFY3OaeB2u2uvkdvQ           www.facebook.com/hans.breuer.739

Helfen: shalomalaikum.at            www.trainofhope.at

  1. 10. 2019

Burgtheater: Die Bakchen

September 13, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Aufmarsch von rechts außen

Der Chor der Bakchen marschiert durch Ulrich Rasches Maschinentheater; vorne: Markus Meyer als Chorführer. Bild: Andreas Pohlmann / Burgtheater

Nahe am Abgrund marschieren, nein: eigentlich schleichen, sie im Gleichschritt über sechs den Raum durchmessende Laufbänder, dreieinhalb Stunden in ständiger Bewegung, in angeschrägter Hoch- und Tieflage geht‘s mal steil hinauf, mal abschüssig hinab, doch sind statt des Rhythmus‘ aufstampfender Kampfstiefel im Stakkato hervorgestoßene Sätze zu hören – von Protagonisten wie Chor, schwarzgewandet allesamt.

Nicht mehr als Schemen sind sie, im schwefeligen Gegenlicht, im Infight mit der Macht der Maschine, die ganze Aufführung ein körperlicher Akt … Die Neuerfindung des Burgtheaters hat gestern Abend begonnen. Ulrich Rasche bescherte dem Publikum zum Auftakt der Direktion Martin Kušej eine Inszenierung der Extraklasse. Seit etwa einem Jahrzehnt feiert der Regisseur und Bühnenbildner mit seinem monumentalen Maschinentheater Triumphe, zelebriert bildgewaltig und textkonzentriert die Sinnlichkeit des Abstrakten, und erzählt des Themas nimmermüde von der Selbstentfremdung des Menschen im Wechselfall von exzessivem Individualismus und gewissenloser Konformität.

In Wien nun ließ Rasche die hypnotische Sogwirkung seiner Arbeiten sich via „Die Bakchen“ entfalten, Euripides‘ letztem Meisterwerk, geschrieben nach 30 Jahren Krieg mit Sparta und kurz vor der Niederlage Athens, uraufgeführt posthum, 405 v. Chr. bei den Tragödienwettbewerben der Polis, und deren Siegerstück. Diverses wurde über das Drama schon gedeutelt, in dem Dionysos in seiner Geburtsstadt Theben einfällt, um sich an deren Bewohnern zu rächen, weil diese die Göttlichkeit des Sohns von Zeus und König Kadmos‘ Tochter Semele nicht anerkennen. Lang stand bei den Theatermacherinnen und -machern der Schutzherr der Ekstase hoch im Kurs, doch scheint’s sind dieser Zeiten die ethischen Anliegen andere.

Rasche hat auf die Ambiguität der verstörenden Vorlage gepfiffen. Er blendet Problematiken, die sich durch die Gegenüberstellung von Ratio und Raserei stellen, blendet die Frage, ob tatsächlich der Rigorose oder der Wilde Despot ist, aus. Seine Sympathien gelten, sein Brennglasblick konsequent auf die Gegenwart gerichtet, eindeutig Thebens Herrscher Pentheus, für Rasche ein Verteidiger demokratischer Errungenschaften, dem zur Verdeutlichung seiner politischen Haltung eine Perikles-Rede und ein Fragment des Kritias in den Mund gelegen wurden, und der den dionysischen Ausschreitungen mit den Mitteln des Rechtsstaats den Garaus machen will. Er ist der Gegenpol zum grausamen, gewalttätigen Gott, der in dieser Aufführung ganz klar Anthroporrhaistes, der Menschenzerschmetterer, und nicht Lysios, der Sorgenbrecher, ist.

Franz Pätzold brilliert als wütender Gott Dionysos. Bild: Andreas Pohlmann / Burgtheater

Martin Schwab als Kadmos, Felix Rech als Pentheus und Hans Dieter Knebel als Teiresias. Bild: Andreas Pohlmann / Burgtheater

Auftritt der famose, mit Gänsehautstimme gesegnete Franz Pätzold als Dionysos, um seine bösen Absichten kundzutun, ein Hass sprühender, manipulativer, wenn man‘s so lesen will: „rechtspopulistischer“ Demagoge, der seine Anhängerschar, die fanatische Armee der Bakchen, Motto: Gehorsam sein anstatt sich eigene Gedanken machen, zu Mord, Totschlag, Gräueltat anführt. Und wie diese ihren totalitären Anspruch auf Land und Leute skandieren: „Wir holen uns unser Land zurück. Diese Stadt gehört uns. Wie haben kein Recht zu scheitern“, später: „Wir werden immer mehr. Unsere Erregung steigert sich zur Raserei!“

Derart bekundet Rasche sein Bestreben das griechische Theater als Vehikel für Äußerungen zur aktuellen Lage der Nation zu nutzen, ohne groß zu verschleiern, auf wen diese abzielen. Euripides wird zur Schablone für Rasches gesellschaftspolitisches Statement. Sein Schattenspiel in Slow Motion begleitet Minimalmusic von Nico van Wersch, dargeboten von einem Streichquintett, Tenor und Bariton und der großartigen Schlagwerkerin Katelyn King, die mit ihrer Batterie an Trommeln und Pauken nicht nur den Rhythmus fürs Geschehen vorgibt, sondern mit ihrem Sound eine archaisch anmutende Atmosphäre schafft.

Ihr Taktschlagen besiegelt sozusagen den Untergang der Zivilisation. Pätzolds charismatischem Dionysos entgegen stellt sich aber Pentheus, dargestellt von Felix Rech, um nichts weniger „lärmend“ als sein Widerpart, ein starker Machthaber, der nicht an einen Führer, sondern an Verfassung und Gesetze, freie Bürger und den Schutz für Unterdrückte glaubt. Wie Raubtiere lässt Rasche Rech und Pätzold nebeneinander her gleiten, ohne, dass sie einander auch nur einmal eines Blickes würdigen. Pentheus lässt den in Menschengestalt erschienenen Gott verhaften, was dem freilich kein Hindernis ist, die Thebanerinnen – und bei Rasche auch – Thebaner in seinen Bann zu ziehen und auf den Berg Kithairon zu locken. Unter den frisch rekrutierten Bakchen ist auch Pentheus‘ Mutter Agaue, Kadmos zweite Tochter, was Dionysos und Pentheus de facto zu Cousins macht.

Den gemeinsamen Großvater Kadmos gestaltet der Doyen der Produktion, Martin Schwab, wie einen modernen Altpolitiker. Schwabs Kadmos hat genug Wissen und Erfahrung, um die Vorgänge rund um Dionysos zu durchschauen, doch rät er aus opportunistischen Gründen dazu, sich ihnen nicht entgegenzustellen, sondern sie für die eigenen Zwecke einzusetzen. Er selbst erhofft sich durch die Verwandtschaft zum numinosen Enkel einiges: Ruhm und Ehre für die Sippe. Wie Schwab seinen alten Freund Teiresias, Hans Dieter Knebel als Hüter der Religion, dazu anstiftet, ihm zu zeigen, wie man tanzt, wollen sich die beiden Greise doch mit den Bakchen im Wald vergnügen, wie er einen kleinen Hüftschwung probiert, da menschelt es plötzlich an diesem ansonsten durchchoreografierten Abend.

Zu spät kommt über Agaue die Erkenntnis: Katja Bürkle, hinten: Martin Schwab als Kadmos. Bild: Andreas Pohlmann / Burgtheater

Markus Meyer macht den Chorführer und hat als solcher auch einige Solostellen. Bild: Andreas Pohlmann / Burgtheater

Dionysos lockt alldieweil Pentheus auf den Berg, vorgeblich, damit er die Bakchen-Briganten in ihrem kollektiven Rausch beobachten kann, doch er wird entdeckt und von der wütenden Meute in Stücke gerissen. Pätzold zitiert darüber im Hacksprech Nietzsches Zarathustra: “Man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können. Ich sage euch: – ihr – habt – noch – Chaos – in – euch!“ Die Masse hat über die Macht gesiegt. Zum Ende erklärt Kadmos seiner Tochter Agaue in quälerisch langsamer Behutsamkeit, dass der Kopf, den sie in der schwarzblutigen Hand hält, nicht der eines Berglöwen ist.

Sondern der ihres Sohnes, den ihr Toben tötete. Da entfährt Schwab ein so tiefer, grässlicher Klagelaut aus der Brust, dass es einen schaudern macht. Nach der ihren Gipfelpunkt erreicht habenden Gewalt-Orgie ist dies der unerwartete Antiklimax der Aufführung: Katja Bürkle überzeugt als Schmerzensmutter aus eigenem Verschulden, sie ist die gramgebeugte Menschin, die Verliererin im Kräftemessen der Männer, und wie die Bürkle das spielt, von Erstaunen zu Erkenntnis zu Entsetzen, beinhaltet mehr Emotionspsychologie, als die alten Griechen je zugelassen hätten.

Markus Meyer ist ein ausgezeichneter Chorführer, dem ein paar Solostellen überantwortet wurden, der aber auch in der Gruppe dank seiner besonderen Ausstrahlung jederzeit zu erkennen ist. Und während die Figur mit dem absoluten Machtanspruch, Dionysos, weiter zieht und die Zuschauer gleichsam durch die Zeitgeschichte führt, versuchen die Restthebaner, im Bewusstsein, wie steinig dieser Weg sein wird, zu einer geordneten Gesellschaft zurückzukehren. „Die Bakchen“ präsentiert Ulrich Rasche als „Ritualhandlung“, als im Wortsinn „schwarze Messe“. Hervorragend gelungen sind bei dieser Einstiegsproduktion des neuen Burgtheater-Teams außerdem die martialischen, viel Haut zeigenden Kostüme von Sara Schwartz und die – um den Einsatz einer Livekamera erweiterten – Videos von Sophie Lux.

Rasche indes hat es geschafft, bewährte und neue Ensemblemitglieder des Hauses nahtlos zusammenzufügen, alle miteinander Ausnahmeschauspieler, was Präzision und Präsenz betrifft, allesamt imstande gemeinsam mit der Laufbandhydraulik in höhere Sphären abzuheben – und dass Pätzold und Rech einander vom Typ, von der Körpersprache und der Stimmführung her ähnlich sind, ist ein zusätzlich prickelndes Moment. Man darf’s ruhig sagen: Diese „Bakchen“ sind ein Gesamtkunstwerk, anhand dessen Rasche gekonnt den Widerstreit zweier Weltsichten, den Kampf demokratischer vs. antidemokratischer Kräfte durchdekliniert. Auf welcher Seite Kušejs Burgtheater steht, ist logisch, auch, dass das Haus sich in dieser Stadt, in diesem Land politisch einmischen wird. Der Applaus dafür war laut und lang.

www.burgtheater.at

  1. 9. 2019

Az W – Hans Hollein ausgepackt: Das Haas-Haus

Juni 11, 2019 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Einblicke ins „Eckhaus der Nation“

Hans Hollein, Haas-Haus, Wien, AT, 1985-1990, Baustelle 1989. © Architekturzentrum Wien, Sammlung, Bild: Margherita Spiluttini

Als „Eckhaus der Nation“ bezeichnet, erregte das Haas-Haus vis-à-vis dem Stephansdom wie selten ein Gebäude bereits vor seiner Errichtung die Gemüter. Anlässlich des 85. Geburtstages von Hans Hollein öffnet das Architekturzentrum Wien am 12. Juni sein Archiv und gewähren einen Blick hinter die Kulissen, in die Entstehung seines wohl bekanntesten Wiener Gebäudes. Ursprünglich als Umbaustudie beauftragt, wurde der kostengünstigere Neubau 1990 fertiggestellt.

Im vierten SammlungsLab des Az W machen vielfältige Modelle und Zeichnungen die Genese des Projektes nachvollziehbar, von städtebaulichen Überlegungen zum Umfeld über ausführliche Studien zu Fassade und Atrium bis hin zu Schriftzug und Farbe des Bauzauns. Die Fülle des erhaltenen Materials gibt Einblick in den Arbeitsprozess im Atelier Hollein. Herangehensweisen, Verworfenes, Alternativen, Bezüge und Metaphern werden in einer noch nie gezeigten Tiefe offengelegt. Medienberichte erinnern an teils heftig geführte Debatten. Unter Beibehaltung der äußeren Erscheinung kam es 2002 zum Rückbau des fünfgeschossigen Atriums. Seit 2012 steht das Haas-Haus unter Denkmalschutz.

Hans Hollein, Haas-Haus, Wien, AT, 1985–1990, Baustelle. © Architekturzentrum Wien, Sammlung, Bild: Friedrich Achleitner

Hans Hollein, Haas-Haus, Wien, AT, 1985–1990, Blick vom Stephansdom. © Architekturzentrum Wien, Sammlung, Bild: Friedrich Achleitner

Zur Eröffnung der Schau gibt es die Podiumsdiskussion „Die Causa Haas-Haus“ zu Fragen wie: Was kann und darf moderne Architektur im historischen Zentrum? Welche Auswirkungen hatte das Haas-Haus auf die ihm folgenden Neubauten in der Innenstadt? Am 5. Juli findet die Exkursion „Designed by Hans Hollein“ statt, ein Stadtspaziergang, der fünf Jahrzehnte von Holleins architektonischem Schaffen nachvollziehen lässt. Der Rundgang führt vom prägnanten Aluminiumportal des ehemaligen „Kerzengeschäft Retti“ vorbei an den Läden des Juweliers Schullin zum Haas-Haus und weiter zur Tabak Trafik , zur Boutique Christa Metek und schließt mit dem Eingangsbereich der Albertina ab.

Der 2016 durch die Republik Österreich erworbene und durch das MAK übernommene umfangreiche Teilnachlass wurde in Form einer Dauerleihgabe an das Az W übergeben. Seitdem liegt das „Archiv Hans Hollein, Az W und MAK, Wien“ dem Architekturzentrum Wien zur wissenschaftlichen Aufarbeitung vor. Die Komplexität des Ausstellungsmaterials macht die Bedeutung von Vor- und Nachlässen für ein tieferes Verständnis von Baukultur sichtbar.

www.azw.at

Wien, 11. 6. 2019

Kunsthalle Krems – Hans Op de Beeck: The Cliff

März 5, 2019 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Leben, zu grau gefroren

Hans Op de Beeck: The Cliff, 2019. Courtesy der Künstler und Galerie Krinzinger, Wien. © Studio Hans Op de Beeck

Hans Op de Beeck entführt in melancholische Bildwelten zwischen Traum und Wirklichkeit. Es sind Bühnen der Imagination und Kontemplation, räumliche Bildsituationen der Stille, Zeitlosigkeit und Abgeschiedenheit. Teils sind sie real begehbar, teils im filmischen oder bildlichen Medium erfahrbar. Hans Op de Beeck ist Regisseur, Choreograf, Kurator, Bühnenbildner, Maler und Bildhauer in einer Person. Die Ausstellung „The Cliff“, ab 3. März in der Kunsthalle Krems zu sehen, hat der 1969 geborene Belgier selbst choreografiert und dafür eigens neue skulpturale Installationen geschaffen. Sie wird zur Passage, zur Reise.

Man trifft auf monochrome Environments, in Grau gefasst: ein schlafendes Mädchen, das auf einem Floß im Wasser treibt, Kinder, die in das Spiel mit Murmeln oder Pfeil und Bogen versunken sind, und ein Liebespaar, das auf einem Felsen sitzt. „The Cliff“, wie diese eigens für Krems geschaffene Arbeit und zugleich die Ausstellung heißt, ist ein romantisches Naturstück in Form einer lebensgroßen skulpturalen Installation. Der offene Blick des Mädchens ist in die Ferne gerichtet, während sich die Aufmerksamkeit des Jungen ganz auf sie konzentriert.

Die Arbeit ist ein bittersüßes Bild der Launen junger Liebe, geprägt von Unschuld und darauf angelegt, die Gefühle der Betrachter anzusprechen. Kunst und Alltag verschwimmen ineinander; real anmutende Personen und Objekte mutieren in ihrer Monochromie zur Skulptur. Das Leben scheint angehalten, pompejanisch einzementiert.

Hans Op de Beeck: Brian, 2018. Courtesy der Künstler und Galerie Krinzinger, Wien. © Studio Hans Op de Beeck

Hans Op de Beeck: Sleeping Girl, 2017 (Detail). Courtesy der Künstler. © Studio Hans Op de Beeck

Nächtens taucht Op de Beeck als Maler und Zeichner in die Welt des Aquarells und der Tuschmalerei ein, deren Nässe der präzisen Sachlichkeit eine malerisch-lyrische Atmosphäre verleiht. Manchmal fungieren diese Blätter als Kader für filmische Projekte –etwa für den aus nächtlichen Szenen bestehenden Animationsfilm „Night Time“ aus dem Jahr 2015, der neben einer Auswahl von weiteren Filmen in der Ausstellung präsentiert wird. Darunter befindet sich auch „Staging Silence (2)“ von 2013. In dem Film erscheinen Hände, die auf einer Bühne mit alltäglichen Gegenständen wie Plastikflaschen oder Zuckerwürfeln imaginative Settings kreieren.

Eine surreale Reise durch die wundersam melancholische Welt des Hans Op de Beeck. 2016 installierte der Künstler auf der Art Basel ein skulpturales Environment in Grau: „The Collector’s House“, eine „neureiche“ Villa mit Bibliothek, Seerosenteich, Klavier, Schaukästen mit Sammlerstücken im Wunderkammerstil, alltäglichen Objekten wie Aschenbechern und Getränkedosen sowie menschlichen Figuren, die zwischen Realität und skulpturaler Dimension changierten – alles im Maßstab eins zu eins.

Darin bewegten sich die Ausstellungsbesucher als rezipierende Protagonisten des magisch-melancholischen Ambientes. Die Kremser Schau legt den Schwerpunkt auf solche raumgreifenden skulpturalen Werke.

www.kunsthalle.at

2. 3. 2019

Burgtheater: Hiob

Februar 25, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

… denn wir sind von gestern her und wissen nichts …

Herr, du schufst den Löwen und das Lamm: Peter Simonischek ist Mendel Singer. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Als Schallplatte im Kopf läuft ständig dieses „Widiwidiwidi widiwidiwidi bum!“, was nicht verwunderlich ist, wandelt sich Mendel Singers „schreckliches Lied“ in der Regie von Christian Stückl doch zur klischeebehafteten Anatevka-Angelegenheit. Das Burgtheater hat den Oberammergauer Passionsspielleiter eingeladen, am Haus Joseph Roths Roman „Hiob“ auf die Bühne zu heben, und der Mann fürs Grob-Religiöse greift dermaßen in die Vollen, von Schläfenlocken über Kippa bis Tallit Katan, dass die Frage nicht ist, ob das sein muss, sondern, ob diese Karikatur ostjüdischen Lebens schlechterdings sein darf.

Dass ihm zur Textfassung von Koen Tachelet, die man in Wien schon inszeniert von Johan Simons bei den Wiener Festwochen und Michael Sturminger am Volkstheater gesehen hat, zu diesem so zeitlosen wie schon wieder an der Zeit-igen Weggehen-Müssen und nirgends mehr Ankommen-Können, nichts nennenswert Neues eingefallen ist, ist sträflich. In Stückls archaischer Aufführung suchen Spitzenkräfte der Burg nach ihrer Position, sie ist weder Archetyp noch Menschenwesen, sondern bestenfalls Schablone, holzschnittartig, geritzt mit je einer Eigenschaft.

Derart freilich ist einem Roth, der mit seinem mit Gott hadernden Thoralehrer eine der bewegendsten Figur der österreichischen Literaturgeschichte geschaffen hat, nicht beizukommen. Selbst, wenn ein Ausnahmeschauspieler wie Peter Simonischek all sein Herzblut in seine Rolle steckt – und dafür vom Publikum mit entsprechendem Applaus bedankt wird. Simonischeks Mendel Singer steht von Anbeginn in den Wogen des Schicksals, die Ausstatter Stefan Hageneier als Setting entworfen hat, hinten schon der für die einen Verheißungsschriftzug, für die anderen The Writing On The Wall – „AMERICA“, vorne der offenbar unvermeidliche Kofferhaufen der Diaspora; die Musik von Tom Wörndl natürlich Klezmer-Klänge mit klagender Klarinette. Und er betet, der selbstgerechte Rechtgläubige, memoriert die Heilige Schrift, während sich hinter ihm sein bevorstehender Exodus schon ankündigt. Ein Zeichen der Widduj, ein Schlagen auf die Brust, ein Emporrecken der Arme, ein wenig Schockeln im Takt der Psalmen – Stückl lässt auch punkto Bewegungsmuster kaum eine konnotierte Geste aus.

In einer erschreckenden Szene wollen die Geschwister Menuchim ertränken: Tino Hillebrand mit Stefanie Dvorak, Oleg Tikhomirov und Christoph Radakovits. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

In God’s Own Country wird gern getanzt: Regina Fritsch, Stefanie Dvorak, Oleg Tikhomirov und Christoph Radakovits. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Immerhin, Simonischek rettet seinen Mendel vorm Unerträglich-Sein, indem er aus ihm einen Unerträglichen macht, einen grantigen, gottergebenen, anderen gegenüber süffisanten Mann, dem man keiner Familie als Vater wünscht, später, von Amerika „zerschmettert“, irregeleitet in dem Hochmut, anzunehmen, er sei der einzige, den der Herr straft – und im nunmehrigen Unglauben so eifrig wie davor im Glauben, so dass er seinen persönlichen Messias gar nicht zu erkennen vermag.

Einiges hätte sich daraus zum Thema Fundamentalismus herleiten, hätte sich über Vaterland und Muttersprache oder übers Verhaftet-Bleiben im Altherbrachten sagen lassen, der Dramaturg Florian Hirsch schreibt im Programmheft unter dem Titel „Losing My Religion“ auch lesenswert über „Heimatverlust und Flucht, uferlose Einsamkeit und die vergebliche Suche nach Aufklärung über die letzten Dinge“, aber ach …

Rund um Simonischek hat man sich aufs Hersagen der Sätze als wären’s Bibelverse verlegt. Regina Fritsch gibt Mendels Frau Deborah als knarzige Alte mit Glasscherbenstimme, zänkisch aus Verzweiflung, Stephanie Dvorak die Tochter Mirjam als personifizierte Hysterie.

Deren psychischer Zusammenbruch schließlich gar nicht mehr verwundert. Christoph Radakovits und Oleg Tikhomirov sind als Söhne Schemarjah und Jonas beziehungsweise Amerikaner Mac – und Stückl hat hier weder auf Cowboystiefel noch Stetson vergessen – anwesend, Hans Dieter Knebel, Peter Matić und Stefan Wieland als diverses Volk und Freunde nicht einmal das. So bleibt es Tino Hillebrand als Menuchim überlassen, sich in Charaktergestaltung zu versuchen. Er tut es mit einigem Geschick, wie eine Puppe, die sich von den Mitspielern bewegen lässt, ein Sprachberaubter, der zu den Seelenverwerfungen der anderen nicht mehr als zucken kann.

Ausdrucksstarkes Spiel: Tino Hillebrand als Menuchim mit Regina Fritsch als Deborah. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Mendel Singer schwört mit brennendem Eifer Gott ab: Peter Simonischek. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Es ist eine von drei nennenswerten Szenen, wenn Hillebrands Menuchim, als „Krüppel“ nicht in God’s Own Country gelassen, geheilt und zum berühmten Komponisten geworden, den Vater aufsucht – und statt Wiedersehensfreude die Distanz der Jahre, der Geschehnisse, der Kontinente zwischen den beiden steht, so dass man sich nicht einmal zu umarmen weiß. Auch am zweiten starken Bild hat Hillebrand Anteil, unerwartet und schockierend, als die Geschwister den behinderten Bruder ertränken wollen. Und schließlich Simonischek in einem Moment der Heiterkeit, wie er im Neuen Jerusalem – New York kurz à la Satchmo singt.

Joseph Roth schrieb seinen „Hiob“ 1929 in Paris, wo er sich zehn Jahre später zu Tode getrunken hatte. Und wenn er in seiner unsentimental-sublimen Sprache über bevorstehende Pogrome und Soldatenschrecken schreibt, dann hat der Pazifist, Moralist, Antifaschist die Zukunft Europas gewohnt luzide vorweggenommen. Von diesem Geist ist an der Burg kaum etwas zu spüren. Bleibt zum bitteren Ende, das Buch Hiob zu zitieren: „… denn wir sind von gestern her und wissen nichts …“

www.burgtheater.at

  1. 2. 2019