Grüße aus Fukushima

März 24, 2016 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Doris Dörrie übers Leben nach der Atomkatastrophe

Kaori Momoi betrachtet als Satomi die Überreste ihres zerstörten Hauses Bild: © Mathias Bothor / Majestic

Kinolegende Kaori Momoi betrachtet als Satomi die Überreste ihres zerstörten Hauses
Bild: © Mathias Bothor / Majestic

Akira Kurosawas „Ikiru“, sagt Doris Dörrie, sei einer ihrer Lieblingsfilme, und das merkt man ihrem jüngsten, „Grüße aus Fukushima“, der am 1. April in den Kinos anläuft, an. Ums „Leben“ geht’s auch bei ihr. Um einmal wirklich leben. Auch angesichts der Katastrophe, gerade gegen alle Widerstände. Der Mensch muss etwas tun, muss immer weiter tun.

Vor fünf Jahren war Fukushima, der Tsunami und das Erdbeben und die Verstrahlung durch das beschädigte Atomkraftwerk. 20.000 Menschen starben, Krebs ist die Krankheit vor Ort. Anklage könnte man führen gegen die Verantwortlichen, die Politik und die Betreiber, die sich lange ausgeschwiegen haben und bis heute vieles nicht sagen, doch Dörrie hat sich für einen leisen Film entscheiden. Einen sehr japanischen. Sie erweist dem Land und den Leuten, die einen so fixen Platz in ihrem Filmemacherinherz haben, Reverenz. „Grüße aus Fukushima“ ist eine Verbeugung vor einer Lebenshaltung, die für Europäer schwer zu verstehen ist. Und darum geht es auch.

Denn die junge Deutsche Marie reist mit der Hilfsorganisation Clowns4Help nach Fukushima, um die dortigen Bewohner als eine Art Animateurin aufzumuntern. Sie laboriert an zerplatzten Lebensträumen und einer verlorenen Liebe, „ich kann nicht anders, als mir ständig Sorgen zu machen, was wäre, wenn ich alles verlöre, was mir lieb ist?“, fragt sie sich in Gedanken, also gilt es allem wieder einen Sinn zu geben, aber: keiner lacht, keiner applaudiert. Und Marie motzt und will wieder heim, bis sie die alte Satomi kennenlernt. Angesichts von deren Schicksal wird das eigene und die Angst vor einem abstrakten Allesverlieren klein. Die störrische Frau will in ihrem Haus mitten in der Sperrzone wohnen bleiben und Marie begleitet sie. Mehr oder weniger freiwillig. Gemeinsam richtet sie das Haus wieder her. Satomi aber ist die letzte Geisha Fukushimas, ihre letzte Schülerin kam auf merkwürdige Weise ums Leben, nun wirft sie ein Auge auf Marie. Und dabei ist es sicher kein Zufall, dass nur ein Buchstabe diese ehrwürdige Dame vom buddhistischen Zustand der Erleuchtung, Satori genannt, unterscheidet …

In formal strengen, poetischen Schwarzweißbildern entwirft Dörrie ihre Geschichte. Die Kamera gleitet durch menschenleere Landschaften, zerstörte Straßenzüge, verwüstete Häuser. Das von Hanno Lentz entworfene Schwarzweiß scheint dabei radioaktiv zu strahlen. Die Tristesse dieser kontaminierten Gegend konterkariert Dörrie mit ihrem eigenen Sinn für Humor und Ironie. „Grüße aus Fukushima“, diese entfärbte Schwester von „Kirschblüten-Hanami“, ist nicht unkomisch, sondern entpuppt sich ebenfalls nach und nach als Tragikomödie. Schon die Szene, in der die still-resignativen, Fremden gegenüber skeptischen Anwohner Marie bei ihrer Clownsnummer beobachten, zeigt den besonderen Ton, den die Regisseurin mit ihrem Film anschlagen will. Sie will zeigen, wohin Warmherzigkeit und Eigensinn die Menschen bringen. Zueinander nämlich.

Dafür stellt sie ein unvergleichliches Paar ins Zentrum: Rosalie Thomass als Marie und Kinolegende Kaori Momoi als Satomi. Die grantelt über der Szenarie und hat für das Verhalten der Deutschen nur ein Wort übrig: „Bullshit!“ „Sie sind so elegant“, wird diese später bewundernd sagen. Und als Antwort kriegen: „Und du bist ein Elefant“. Und tatsächlich scheint Thomass zu groß, zu ungelenk, zu grobschlächtig für diese feine Kultur voller geheimnisvoller Riten. Der Teezeremonie und ihrer korrekten Abwicklung wird im Film breiter Handlungsspielraum gewidmet. Plump und mürrisch stampft also Thomass‘ Marie zuerst auf, fühlt sich so grotesk fehl am Platz, wie jede europäische Frau im Vergleich mit der Zartheit der Japanerinnen. Marie wird lernen. Satomi wird ihr den Weg aus ihrer doch typisch mitteleuropäischen Befindlichkeitsselbstbefragung weisen. Aber auch Satomi wird von der direkten, unverblümten, zupackenden Art der Deutschen profitieren. Die beiden Desperadas raufen sich im Niemandsland der toten Kirschbäume zusammen. Das hätte in einer easterlichen Klischeehölle enden können, doch das Staunen und Entsetzen und Inderstilleversinken der beiden Schauspielerinnen erreicht ein berührendes Maß an Authentizität. Man bringt schließlich Verständnis für einander und ein neues Einverständnis mit sich selbst auf.

Zwischen Sehnsuchtsbildern und der Darstellung schnöder Wirklichkeit ist Doris Dörrie ein Film gelungen, der sich in einer seltsam schwerelosen Balance hält. Ihr Kammerspiel, ein Märchen, das immer wieder in den Realismus kippt, ist ein Plädoyer für Mitmenschlichkeit und Haltung und Respekt. Gemeinsam, sagt sie, kann man sich auch nach größtem Leid eine gewisse Leichtigkeit zurückerobern. Ohne sie ist es schwer, zu überleben. Zu leben.

www.gruesseausfukushima.de

Wien, 24. 3. 2016

OsterKlang 2014

April 9, 2014 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Von der Johannes-Passion bis zu Messiah

2689675763_e88384cd33Das achtzehnte OsterKlang-Festival spannt in der Zeit von 13. bis 20. April seinen musikalischen Bogen von Johann Sebastian Bachs Johannes-Passion bis hin zu Werken Wolfgang Amadeus Mozart, Georg Friedrich Händel, französischer Barockmusik von François Couperin und Marc-Antoine Charpentier sowie Ludwig van Beethovens Missa Solemnis. Den szenischen Kern des Festivalprogramms bilden die Mozart-Oper La clemenza di Tito in der Kammeroper und G. F. Händels Oratorium Messiah in einer szenischen Fassung und Inszenierung von Claus Guth im Theater an der Wien. Erstmals wird das Festival am 13. April in Kooperation mit den Wiener Symphonikern im Großen Saal des Wiener Konzerthauses eröffnet. Auch in den Jahren 2015-16 wird diese Kooperation mit den Wiener Symphonikern weitergeführt. Im Zentrum der kommenden Eröffnungskonzerte stehen wichtige sakrale Werke von J. S. Bach.

Die Spielorte während der Osterwoche sind das Theater an der Wien, die Kammeroper, das Wiener Konzerthaus, die Minoritenkirche und der Musikverein. Neben den renommierten SängerInnen wie Bernarda Fink, Klara Ek, Johannes Chum, Hanno Müller-Brachmann, Johan Botha, Bejun Mehta, Florian Boesch und Maria Bengtsson bestreitet das Junge Ensemble des Theater an der Wien die Mozart-Oper La clemenza di Tito in der Kammeroper. Dirigenten wie Giovanni Antonini, Christophe Rousset, Simone Young, Rubén Dubrovsky und Martin Haselböck sowie die Wiener Symphoniker, das französische Originalklangensemble Les Talens Lyriques und das Orchester Wiener Akademie präsentieren ein auserlesenes Konzert- und Opernprogramm. Eröffnet wird der 18. OsterKlang am Palmsonntag, den 13. April  mit der Johannes-Passion von Johann Sebastian Bach. Unter der musikalischen Leitung von Giovanni Antonini musizieren die Wiener Symphoniker. Als Solisten sind Johannes Chum als Evangelist und Hanno Müller-Brachmann als Jesus sowie Klara Ek und Bernarda Fink zu hören. Es singt der Singverein der Gesellschaft der Musikfreunde. Die Johannes-Passion ist die früheste, heute noch vollständig erhaltene Passion Bachs. Sie wurde am 7. April, dem Karfreitag des Jahres 1724, in der Nicolaikirche in Leipzig uraufgeführt, wo Bach derzeit als Thomaskantor tätig war. In dieser Passion schildert Bach die Ereignisse um das Leiden Jesu – von seiner Gefangennahme bis zur Grablegung – in ergreifend schlichter Klarheit und direkter Dramatik. Die Passionshandlung und die kontemplativen Chorpartien greifen direkt ineinander, sodass die Passion Christi direkt und eindringlich nachvollzogen werden kann.

Mozarts spätes Meisterwerk La clemenza di Tito ist zweifelsohne ein der Aufklärung verpflichtetes Plädoyer für Aufrichtigkeit und Gnade, das uns bewegende Einblicke in die Einsamkeit eröffnet, der ein Regent bei seinen Entscheidungen ausgesetzt ist, im Sinne des Fürstenspiegels zeigt es aber genauso die Gefahren von Willkür, Unberechenbarkeit und Selbststilisierung, die unter dem Deckmantel der Milde besonders gefährlich erscheinen müssen. Die Opera seria in zwei Akten (1791) gelangt am 13. April  in einer Neuproduktion des Theater an der Wien in der Kammeroper unter der musikalischen Leitung von Rubén Dubrovsky mit seinem Ensemble Bach Consort Wien zur Premiere. Die Mitglieder des Jungen Ensembles des Theater an der Wien bilden das Sängerensemble, allen voran Andrew Owens als Tito Vespasiano, Çiğdem Soyarslan als Vitellia und Gaia Petrone als Sesto. Für die Inszenierung zeichnet der italienische Regisseur Alberto Triola verantwortlich.

Was ist Schuld? Was bedeutet Liebe? Was heißt Tod? Was heißt Erlösung? Diese Fragen, die Menschen aller Religionen miteinander verbinden, thematisiert Claus Guths Inszenierung des Oratoriums Messiah. Händel zeichnet mit seiner Musik ein emotionales Gemälde der menschlichen Ängste und Hoffnungen, aber auch der Erlösungsgewissheit, welche oftmals einzig in seinem berühmten Chor Hallelujah verortet wurde.Nach vier Jahren kehrt die erfolgreiche Produktion in außerordentlicher Besetzung und in einer Neueinstudierung unter der musikalischen Leitung von Christophe Rousset ans Theater an der Wien zurück. Als Solisten sind Maria Bengtsson, Ingela Bohlin, Paul Lorenger, Bejun Mehta, Florian Boesch, Charles Workman und Nadia Kichler zu erleben. Es singt der Arnold Schoenberg Chor. Die Premiere ist am 14. April, die Vorstellungen am 17. und 19. April finden im Rahmen des OsterKlang-Festivals statt. Am 15. April  steht mit den Leçons de ténèbres (Lesungen der Dunkelheit) eine spezifische Gattung des französischen Barock auf dem Programm des Festivals in der Minoritenkirche. Leçons de ténèbres sind liturgische Gesänge, die für die Nachtoffizien der Karwoche komponiert wurden. Besonders die kontemplativen und elegischen Melismen der Singstimmen spiegeln die schmerzliche Passions- und Sterbensgeschichte Jesu Christi wieder. Diese spezifische Gattung des französischen Barock erfuhr im 17. Jahrhundert ihren Höhepunkt und war lange Zeit nahezu völlig vergessen. Dieser besondere Abend wird mit Werken von Marc-Antoine Charpentier und François Couperin gestaltet. Christophe Rousset, am Cembalo und an der Orgel, musiziert mit den Sopranistinnen Amel Brahim-Djelloul und Judith van Wanroij, begleitet vom Gambisten François Joubert-Caillet.

„Von Herzen – Möge es wieder – zu Herzen gehen!“ Mit diesen Worten widmete Ludwig van Beethoven seine feierliche Messe, die Missa Solemnis, seinem Freund und Schüler Erzherzog Rudolph. Am 16. April 2014 gelangt dieses expressive Werk unter der musikalischen Leitung von Martin Haselböck im Theater an der Wien zur Aufführung. Gesangssolisten sind Malin Hartelius, Caitlin Hulcup, Daniel Behle und Stefan Cerny. Es musiziert das Orchester Wiener Akademie und singt der Philharmonische Chor Brünn. Am Karfreitag, den 18. April, stehen unter dem Titel Crucifixus sakrale russische Chöre von Pawel Tschesnokow, Dimitri Bortnjanski und Sergei Rachmaninow auf dem Programm in der Minoritenkirche. Den Abschluss und gleichzeitig den Höhepunkt der vorösterlichen Fastenzeit bildet die Karwoche. Besonders ab Gründonnerstag begehen Christen aller Konfessionen und überall auf der Welt das Triduum Sacrum, die heiligen drei Tage vom Leiden, Sterben und der Grabesruhe Jesu Christi. In ihrem Zentrum steht das „Crucifixus est“, jener zentrale Opfertod, der mit der Auferstehung am Ostersonntag den Christen die Erlösungshoffnung gibt.Der Dreifaltigkeitschor des Alexander Newski Männerklosters St. Petersburg bietet in seinem Konzert einen Einblick in die Fastenliturgie der russisch-orthodoxen Kirche.

Unter der Leitung der Dirigentin Simone Young präsentieren die Wiener Symphoniker am Ostersonntag traditionellerweise ihren Frühling in Wien und schließen mit diesem Konzert das Festival OsterKlang Wien. Im Musikverein erwartet das Publikum ein typisch wienerisches Programm mit Werken von Franz Schubert, Ludwig van Beethoven, Carl Maria von Weber, Otto Nicolai, Richard Wagner, Johann Strauss (Sohn), Franz von Suppé, Franz Léhar und Richard Heuberger. Mit Johan Botha, einem der begehrtesten Tenöre unserer Zeit, wird diese österliche „Soirée de Vienne“ zu einem feierlichen Finale des Festivals.

www.theater-wien.at

Wien, 9. 4. 2014