Akzent: Hubsi Kramar als „Häuptling Abendwind“

November 5, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine Trashrevue zum Thema Sprachkannibalismus

Häuptling Abendwind sucht ein Opfer für sein Gastmahl: Hubsi Kramar. Bild: Lilli Crina Rosca

Häuptling Abendwind sucht ein Opfer für sein Gastmahl: Hubsi Kramar mit seinem All-Star-Team. Bild: Lilli Crina Rosca

Hubsi Kramar ruft wieder einmal zum Halali auf das, was andere liebevoller als er die österreichische Mentalität nennen. Im Theater Akzent zeigt er Nestroys letzten Streich, die Faschingsburleske „Häuptling Abendwind“, und das gar nicht so „frei nach“ dem genialischen Autor, wie es auf den ersten Blick den Anschein hat.

Kramar hat die Menschenfresserposse mit eigenen und Texten von Eva Schuster und Gunter Falk gespickt, die bitterbösen Couplets mit Musik von James Brown bis Queen aufgefettet, er zitiert von Faust bis Dreigroschenoper, er collagiert – und dies alles im Sinne des Erfinders. Wie der nämlich bereits anno 1862 eine Offenbach’sche Operette zur parodistischen Polemik gegen den stetig wachsenden Nationalismus und einen europäischen Kolonialimperialismus verwurstete, so tut’s Kramar nun auf seine Art. Als Theatermacher, der nicht müde wird, der Rechten nachzuweisen, wie link sie ist.

Das Thema seiner Trashrevue ist der allgegenwärtige Sprachkannibalismus, der hetzerische, Hass schürende, hirnlose Umgang mit Worten – und da serviert Kramar ein paar wahn/witzige Doppeldeutigkeiten, denn offenbar kann man die eine historische Tatsache wie ein Gulasch immer wieder aufwärmen: Man muss die Leut‘ nur lang genug mit Parolen hartkochen, bis sie „Fremde“ fressen. Häuptling Abendwind, ihn spielt Hubsi Kramar selber, ist ein solcher als Schiffbrüchiger auf die Insel gespült worden, was sich gut trifft, da er seinen Politgegner Biberhahn mit einem opulenten gräulichen Festmahl beeindrucken will. Dieser wiederum wartet auf seinen Sohn Arthur, den er in der Zivilisation in die Friseurlehre geschickt hat, und als sich in der Suppe diesbezüglich eindeutige Utensilien finden, scheint die Sache klar. Doch Arthur hat im aufgeklärten Europa erfahren, wie das so ist mit dem Fressen und der Moral, und so wurde ein anderer aufgetischt, und Arthur kann die Häuptlingstochter Atala heiraten. Eine diplomatisch höchst willkommene Liebesallianz.

Biberhahn findet in der Suppe kein Haar, sondern einen Kamm: Patrik Huber. Bild: Lilli Crina Rosca

Der heftige Biberhahn findet in der Suppe kein Haar, sondern einen Kamm: Patrik Huber. Bild: Lilli Crina Rosca

Doch zum Glück ist Friseursohn Arthur unversehrt: Stefano Bernardin mit Gioia Osthoff als Atala. Bild: Lilli Crina Rosca

Doch zum Glück ist Friseur-Sohn Arthur unversehrt: Stefano Bernardin mit Gioia Osthoff als Atala. Bild: Lilli Crina Rosca

Als Darsteller fungiert das Hubsi-Kramar-All-Star-Team: Patrik „Satchmo“ Huber ist der heftige Biberhahn, Gioia Osthoff eine resolut-liebreizende Atala. Stefano Bernardin kann als Arthur nicht nur spielerisch überzeugen, er erweist sich sogar gesanglich als echter Figaro. Sowieso immer ein Gustostückerl ist Diseuse Lucy McEvil, die unter anderem in einem großartigen russischen Chanson samt Ballett erzählt, wie die vornehme Petersburger Familie Stroganoff zu ihrem Boeuf kam, nämlich weil die Dame des Hauses einen Liebhaber hatte. Ein Leckerbissen ist auch Markus Kofler als politischer Gefangener in oranger Schwimmweste, dessen weltverbesserische Forderungen ganz Dada sind.

Der Star des Abends ist aber das Volk von Groß-Lulu, das im Bühnenbild von Markus Liszt in nach Kramars Vorgaben selbstgefertigten Kostümen agiert. Ob Sascha Tscheik als Hofkoch Ho-Gu, Hannes Lengauer als Hofschamane oder Christian Rajchl als Holofernes, sie alle ziehen eine fantastisch verrückte Show ab, spielen, singen, kriegstanzen, bedrohen das Publikum, dass es eine Freude ist. Die Zuschauer waren ob Kramars Nonsense mit Hintersinn höchst amüsiert. Nur vom Höchstrichter Er-Ich kam am Ende die Stückanfechtungsklage …

www.akzent.at

Wien, 5. 11. 2016

Wiener Festwochen: Der Auftrag

Mai 24, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Mehr Heiner Müller geht nicht

Regisseur Jürgen Kuttner als Heiner Müller, Hagen Oechel, Corinna Harfouch und Janko Kahle. Bild: © Katrin Ribbe

Regisseur Jürgen Kuttner als Heiner Müller mit der drapeau tricolore: Hagen Oechel, Corinna Harfouch und Janko Kahle. Bild: © Katrin Ribbe

Das mit den Königspudel-Cheerleadern erschließt sich nur bedingt. Wegen des von der ErstenLieben verlangten Vergewaltigungsakts der „schwarzen Hündin“? Au, Hirnverstauchung, das wär‘ aber ums Eck gedacht. Na, macht ja nix. Das Regieduo Tom Kühnel und Jürgen Kuttner zeigt bei den Wiener Festwochen Heiner Müllers „Der Auftrag. Erinnerung an eine Revolution“, und die Produktion aus Hannover hat auf ihrem Weg ans Theater an der Wien nichts an Farbe eingebüßt.

Liberté, égalité, fraternité steht nicht nur in großen Lettern über der Bühne, sondern den Darstellern buchstäblich ins Gesicht geschrieben. Auch das letztlich eine Ins-Konzept-Quetschung, weil, was hatten Debuisson und das Ideal der Gleichheit aller Menschen je miteinander zu tun? Aber, apropos Idee und Konzept, Unterwerfung unter beide, so noch das Wörtchen Regie- davor steht, muss sein. Und so laden Kühnel und Kuttner ins Varieté der Eitelkeiten, mitten rein also in die Politik, willkommen, bienvenue, welcome, was wird dieser Tage nicht ein Zirkus gemacht um Ideologien und politische Zeitenwenden, deren Stunde dann doch nicht schlägt. Es spricht, und zwar beinah ausschließlich, Heiner Müller himself. Die Regisseure machen den Mitschnitt einer Lesung aus dem Jahr 1980 zur Tonspur ihrer Inszenierung, das hat schon was, der DDR-Dichter und Andersdenker mit seiner nasalen, schmucklosen Stimme, die sich nie hebt und nichts hervorhebt, und man weiß spätestens jetzt, warum Heiner-Müller-Stücke als enigmatisch zu gelten haben: Die Schauspieler haben ihn mutmaßlich nicht verstanden, akustisch heißt das, übers Metaphorische lässt sich ohnedies nur orakeln.

Die Kaffeekannenbourgeoisie: Sarah Franke und Jonas Steglich. Bild: © Katrin Ribbe

Die Kaffeekannenbourgeoisie: Julia Schmalbrock und Jonas Steglich. Bild: © Katrin Ribbe

Im Theater der weißen Revolution: Corinna Harfouch beobachtet den Kampf Robespierre gegen Danton. Bild: © Katrin Ribbe

Theater der weißen Revolution: Papp-Danton gegen Karton-Robespierre. Bild: © Katrin Ribbe

Der Star in der Manege ist Corinna Harfouch als Debuisson, angetan als Weißclown und den Großteil des Abends als Müllers stumme Dienerin beschäftigt. Erst beim Fahrstuhl-Monolog darf sie die eigene Stimme erheben. Das tut sie anfangs karikaturhaft sächselnd, bis ihr das Clownesk-Komödiantische ins Grauen wegbricht. Dies ungefähr auch die beiden Temperaturen, zwischen denen die Aufführung wechselt. Wie sie ihren Debuisson mit großen, beinah stummfilmhaften Gesten, weil die Figur hier ja allegorisch-überlebensgroß erscheint, über die Bühne schiebt, ist eine Sensation. Sie hat sich selbst choreografiert, ihren Auftritt mit eckigen Bewegungen wie ein bizarres Ballett ausgestaltet. Harfouch ist der Höhepunkt des Abends. Ihre Mitrevolutionäre sind Janko Kahle als roter Löwenbändiger-Galloudec und Hagen Oechel als ein Sasportas, dem der Glaube an die Freiheit so eingebläut wurde, dass sich sogar seine Haut danach färbte. „Wir sind nicht gleich, bis wir einander nicht die Haut abgezogen haben“, sagt die Figur einmal und in diesem Fall könnte diese ihr Outfit an die Blue Man Group verleihen.

Artisten Tiere Attraktionen. In der nächsten Abteilung eine Käfignummer, ein Zaubertrick, der aber niemanden entfesselt. Der sterbende Sklave, dessen die drei Emissäre der Französischen Revolution bei ihrer Ankunft auf Jamaika als erstes ansichtig werden, muss in seinem Foltergefängnis verbleiben. Sie wissen schon, Zitat „Einem können wir nicht helfen“. Mit solcherart skurrilbunten Bildern und den sphärisch mahlenden Postrockklängen der „Tentakel von Delphi“ rund um Harfouch-Sohn Hannes Gwisdek geht es weiter. Antoine nebst Gattin sind zu biederbourgeouiser Petite-Fleur-Kaffeekanne nebst Tasse mutiert, er hat den überdimensionalen Ausgießer genau da, wo!, wenigstens das ein Glück; den Brief, der die Rückblende einleitet, überreicht ausgerechnet einer der Matrosen von Kronstadt. Rote-Fahne-Schwenken inklusive. Die ErsteLiebe lebt mit ihren Pudeln offensichtlich auf Tara, schlechte Tonqualität und Uralttechnicolor, jetzt passt das endlich, und Billie Holiday singt „Strange Fruit“. Das „Theater der weißen Revolution“ ist ein hinreißend gestalteter Livecomicfilm, in dem sich Danton und Robespierre zum „Rocky“-Theme die Pappkameradenköpfe einschlagen. Heiner Müller im Wunderlichland. Und an der Assoziationskette leuchten alle Tricolore-Lichter.

Le drapeau tricolore: Hagen Oechel, Corinna Harfouch und Janko Kahle. Bild: © Katrin Ribbe

Auch Zirkusartisten können keinen Sklaven aus seinem Käfig befreien: Hagen Oechel, Corinna Harfouch und Janko Kahle. Bild: © Katrin Ribbe

Dass die Burleske zur Müller-Pathetik über weite Strecken aufgeht, ist erstaunlich, aber Tatsache: Idee + Konzept = Regie. Kühnel und Kuttner haben ihren Auftrag erfüllt. Mehr Heiner Müller geht nicht. Nicht nur, weil Jürgen Kuttner als dessen quasi Alter Ego mit Krankenkassenbrille und zerlebter Lederjacke die Veranstaltung moderiert – ein Heiner Müller aus Karton wirft im Revolutionsring das Handtuch, ein anderer hängt als Fotografie an einer Wohnzimmerwand.

Sondern weil sie seine Botschaft aus dem Jahr 1979 konsequent weitergedacht haben. Am Ende, im Plattenbau-Verschlag, versammelt sich die linke Creme, Marx und Lenin und Stalin, Rosa Luxemburg, Mao und der Che, ihr Tun nicht einsichtig, sondern per Überwachungskamera ins außen übertragen. Sie werden für ihre Gedankenerbschaft sterben müssen. Die Revolution frisst bekanntlich ihre Kinder, um den Satz auch noch zu bemühen, manchmal aber fressen die Kinder ihre Revolution. Und immer schreien andere „Wir sind das Volk“. Debuisson sagt: „Jetzt weht der Wind aus gestern“, denn der von Heiner Müller beschriebene Krieg der Landschaften hat längst wieder begonnen. Das aufzuzeigen ist ein starkes Stück.

Video: www.youtube.com/watch?v=nFG7LyMUVEI

www.festwochen.at

Mehr Rezensionen von den Wiener Festwochen:

Látszatélet/ Scheinleben: www.mottingers-meinung.at/?p=20141

Città del Vaticano: www.mottingers-meinung.at/?p=20120

Die Passagierin: www.mottingers-meinung.at/?p=20085

Tschewengur. Die Wanderung mit offenem Herzen: www.mottingers-meinung.at/?p=19870

Wien, 24. 5. 2016

Theater zum Fürchten: In der Löwengrube

März 30, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Tiroler Respektsperson für deutsche Führergläubige

Rüdiger Hentzschel, Valentin Schreyer und Wolfgang Lesky Bild: Bettina Frenzel

Arthur Kirsch muss die Bretter schrubben, die ihm die Welt bedeuten: Rüdiger Hentzschel mit Valentin Schreyer und Wolfgang Lesky.            Bild: Bettina Frenzel

Es beginnt mit dem Shylock und Zwischenrufen aus dem Publikum. „Judensau“ und „Juda verrecke!“ schreit der angeheuerte Politpöbel und obwohl man weiß, dass das schon dazugehört zur Theateraufführung, ist es unangenehm. So unangenehm, diese braune Bagage im Nacken, dass man aufspringen, ja, und was machen möchte? Das Theater zum Fürchten spielt an seiner Wiener Spielstätte, der Scala, noch bis 7. April „In der Löwengrube“ und Regisseur Peter M. Preissler holt einen von Anfang an mitten rein ins Geschehen.

Mehrere Plätze sind für Schauspieler reserviert, auch Bernie Feit oder Hermann J. Kogler werden sich noch unter die Zuschauer mischen, die zahlreich erschienen sind. Felix Mitterers galgenhumorige Komödie ist ausverkauft. Das liegt an der Qualität des Stücks. Vor allem aber an der der Darsteller. TzF-Prinzipal Bruno Max hat ein feines Ensemble um sich versammelt, das hier einmal mehr sein ganzes Können ausspielt. Allen voran Rüdiger Hentzschel, der in der „Doppelrolle“ des jüdischen Schauspielers Arthur Kirsch und seiner Verkleidung als Tiroler Naturbursch Benedikt Höllrigl brilliert.

Hinter Mitterers Tragifarce steckt eine wahre Geschichte. Im Sommer 1936 sprach der zünftige Bergbauer Kaspar Brandhofer bei Max Reinhardt in Salzburg vor. Der, enthusiasmiert ob des ungeschliffenen Talents, vermittelte seine Entdeckung nach Wien. Es folgte ein Engagement am Theater in der Josefstadt unter Direktor Ernst Lothar und Schnitzlers „Fräulein Else“ in der Regie von Hans Thimig. Goebbels war ganz im Glück – frische deutsche Höhenluft umwehte eine miefig-österreichische Bühne. Doch Schnitzler-Sohn Heinrich ließ den Schwindel auffliegen: Brandhofer war in Wirklichkeit Leo Reuss. Er emigrierte 1937 nach Amerika.

Preissler stellt ein Panoptikum skurriler Gestalten auf die Bühne. Mitläufer und Opportunisten, Antisemiten aus Leidenschaft und über diesen Ungeist Verzweifelte, Aufbegehrer und Durchlavierer, solche mit Rückgrat und Wirbellose. Das Theater, es ist stets ein Abbild der Gesellschaft, in guten wie in bösen Zeiten. Schauspieler tragen plötzlich Uniform, und wenn Bernie Feit als Direktor Meisel sagt: „Was ist Theater anderes als Weltanschauung?“, dann ist das kein Missverständnis, oder besser gesagt: nur seinerseits, denn die kulturpolitischen Soldaten sind längst in Stellung gegangen. Preisslers gewitzte Inszenierung entwickelt an diesen Stellen eine Drastik, dass einem das Lachen im Hals stecken bleibt.

Der Meisel also muss Arthur Kirsch nach dem „Kaufmann von Venedig“ entlassen, er war dem Mob zu wenig jiddelnd, wenn man schon einmal „typgerecht“ besetzt. Kogler wird als Kollege Polacek einspringen und eine Persiflage dessen hinlegen, was man sonst zum Glück nur noch von Filmaufnahmen kennt, aber wenig später wird der Höllrigl am Bühnentürl stehen und als Wilhelm Tell das Theater gleichsam neu erfinden. Hentzschel gestaltet das erst extrem zurückgenommen, sozusagen sprachlos gegen die Schreihälse, ein feiner Mensch, den eine grobe Zeit überrollt.“Ich liebe diese Bretter, warum soll ich sie nicht zum Abschied putzen“, sagt er leise, als er den Bühnenboden schrubben muss.

Bernie Feit, Christina Saginth, Georg Kusztrich und Rüdiger Hentzschel Bild: Bettina Frenzel

Höllrigls „Tell“ hat hervorragende Kritiken: Bernie Feit, Christina Saginth, Georg Kusztrich und Rüdiger Hentzschel. Bild: Bettina Frenzel

Dann aber trumpft er auf. Aus Resignation und Angst entsteht Zorn – und eine Idee. Er wird die Unterweisung übertreffen und den Nazis ein Paradebeispiel ihrer eigenen Engstirnigkeit vorführen. Hentzschel ist herrlich als „Reschpektsperson“ für die Führergläubigen, die er mit seinem Fanatismus für den Faschismus in Furcht und Schrecken versetzt. Als Anderl-Hofer-Lookalike, als einwandfreier Ötztaler gestaltet er schon das Vorsprechen als Kabinettstückl.

Die Nervosität steigt. Denn der beinharte Blut-und-Boden-Hund mit dem angeborenen „Rasseninstinkt“ gibt der Mörderbrut ihr eigenes Geistesgift zum Schlucken. Umso berührender dann, wenn Hentzschel in sehr subtilen Szenen das echte „Ich“, den Kirsch aus dem Höllrigl hervorbrechen lässt. Ihm gelingt eine wunderbar präzise Darstellung dieses Doppelcharakters: Hentzschel spielt auch Kirschs Anstrengung diesen Höllrigl den ganzen Tag durchzuhalten, und er spielt dessen Seelenleere angesichts des Triumphs seines Tiroler Golems.

Famos wie immer ist natürlich Bernie Feit als Direktor Meisel, dem Theater als Diktatur keine Fortune bringt. Er ist ein Überlebens-Künstler zum Gotterbarmen, ein zappeliger Um-sein-Leben-Reder, aber das mit einer Süffisanz, dass man ihm seine Naivität, mit der er das System letztlich düpiert, ohnedies nicht glauben mag. Er durchschaut bald, was Sache ist. So wie der Bühnenmeister Eder, den Georg Kusztrich als raubeinigen Wiener Hackler mit dem Herzen am linken Fleck anlegt. „Je klana da Künstler, umso greßa da Nazi“, hat ihn das Leben gelehrt, also ist auf seine Diskretion Verlass.

Doch das Chaoskarussel dreht sich immer schneller und die Wadlbeißereien unter den hehren Mimen werden aggressiver. Die „Herrenmenschen“ mit den original-arischen Namen Strassky, Polacek und Jakschitz, gespielt von Wolfgang Lesky als seine Abgötter fürchtender Bösewicht, Hermann J. Kogler als übel zugerichteter Intrigant und Valentin Schreyer als jugendlichem Liebhaber von Jacqueline Rehak, verlieren zunehmend die Nerven. Christina Saginth gibt die Kirsch-Ehefrau als eine, die alles für die Karriere opfert. Egal welches Regime, Hauptsache: im Rampenlicht. Dabei mangelt es ihrer Diva durchaus nicht an Selbsterkenntnis.

Michael Reiter, Maksymilian Suwiczak, Hermann J. Kogler und Philipp Schmidsberger Bild: Bettina Frenzel

Glänzende Goebbels-Studie: Michael Reiter mit Maksymilian Suwiczak, Hermann J. Kogler und Philipp Schmidsberger. Bild: Bettina Frenzel

Michael Reiter hat als Goebbels einen kurzen, aber prägnanten Auftritt. Er zeigt keine – wie viel zu oft zu sehen – Karikatur des Reichsministers, sondern gestaltet einen Machtmenschen und verhinderten Theaterautor, der Höllrigl sogar zwei seiner Stücke anbietet. Reiter hat sich die Rolle einverleibt und entwickelt eine so glänzende Studie des Dritten-Reichs-Architekten, wie man sie manch hochkarätig besetzter Kinoproduktion nur wünschen könnte.

Am Ende hat das Schelmenstück für Kirsch zwar kein Happy End, aber eines in der Schweiz. Das Publikum hingegen wird mit dieser Produktion voll und ganz beglückt. Regisseur Preissler findet für seine Arbeit die Mitte zwischen Sarkasmus, Spannung und Sentiment, seine Schauspieler treffen den von ihm vorgebenen Ton zwischen komödiantischer Outrage und sensibler Nachdenklichkeit perfekt. Das Theater zum Fürchten empfiehlt sich einmal mehr als Ort für Unterhaltung mit Haltung, als zeitgenössische Bühne für Herz und Hirn. Man hat etwas zu sagen und man sagt’s ohne Genierer. Im Programmheft ist ein Aushang aus einem öffentlichen österreichischen Bad abgedruckt, der „Menschen mit Migrationshintergründen“ den Eintritt nur mit „entsprechenden Begleitpersonen“ gestattet. Der Aushang ist vom Jänner 2016.

www.theaterzumfuerchten.at

www.rüdiger-hentzschel.com

Wien, 30. 3. 2016

Theater in der Josefstadt: Fräulein Julie

Oktober 7, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Sex, Gewalt & Rock’n’Roll

Jan Plewka, Sona MacDonald, Bea Brocks, Florian Teichtmeister Bild: Astrid Knie

Jan Plewka, Sona MacDonald, Bea Brocks, Florian Teichtmeister
Bild: Astrid Knie

Es ist von Anfang an ein Wow! Vorhang hoch, Vogelkäfig, die Musik wummert bedrohlich, das Licht ist sepia. Ein Stummfilm läuft: Jean und Kristine in der Kammer, Mimik und Gestik zur Wirkung überhöht. Auftritt Fräulein Julie – eine Frau Dr. Seltsam. Dann! Jan Plewka. Der Vogel. Des Fräuleins Manns-Bild vom Eingesperrtsein. Ihr Vorstellung von Love Kills. In Federjacke und Mörder-Highheels wie eine Kreatur von John Galliano. The sexiest bird alive. So geht es weiter. Schlag auf Schlag. Mit Oral- und anderem Sex, Selbst- und Fremdverletzung und richtig geiler Musik. Anna Bergmann hat am Theater in der Josefstadt August Strindbergs „Fräulein Julie“ inszeniert.

Das ist: Sehr viel Make-up. Aber hinter den Masken kein Tiefgrund. Psychologische Figurenkonzeption ist Anna Bergmanns Sache in dieser Sache nicht. Dass die Regisseurin für Wien von Matthias Hartmann entdeckt wurde, wundert nicht. Ihr Stil ist ähnlich: Tausend tolle Einzelideen werden nicht zu einem großen Bogen gebunden. Es gibt zu schauen und zu staunen und zu grausen, aber warum Bergmann diese Geschichte erzählt und warum sie sie so erzählt, erklärt sich nicht. Was will sie – nicht Strindberg -, dass die Schauspieler da vorne miteinander verhandeln? Der sonst stets so bühnensichere Florian Teichtmeister wirkt in dieser Produktion seltsam verloren. Bergmanns Arbeit hat Momente, da ist sie wie ein hysterischer Pubertierender, der strampft und schreit, um seinen wasauchimmer Willen durchzusetzen, während Mutti sagt: Ich komme wieder, wenn du dich beruhigt hast.

Der „Sohn der Magd“ schrieb sich mit dem Kammerspiel persönlichen Frust von der Seele. Die Tragödie ist ein Machtspiel, ein Klassenkampf. Mann gegen Frau. Diener gegen Herrin. Beide wollen Normen entfliehen, die Adelige eskapistisch den familiären Verkorksungen durch den Unfug eines Mittsommernachtsexs; der Knecht hat Proletarierträume, er will mit einem Hotel Eigentümer seiner selbst werden. Bei den Wiener Festwochen brachte die brasilianische Regisseurin Christiane Jatahy zusätzlich das Rassenthema ein. Ihr Jean war ein Schwarzer: www.mottingers-meinung.at/?p=4091 Bergmann setzt auf Zeit. Sie hat die Altersangaben des Autors umgedreht, zeigt das Verhältnis eines jüngeren Jeans zu einer älteren Julie, jagt das Stück durch drei Zeitebenen von 1888 bis SM, zwingt Köchin Kristine durch alle Epochen zu einer Existenz als Julie-Klon. Ein choreografiertes Korsett. Kristine-Darstellerin Bea Brocks bleibt entsprechend unauffällig. Im Interview mit dem Standard sagte Bergmann: „Ich habe mich entschieden, das Thema zuzuspitzen“. Dazu hätt’s mehr gebraucht als kalte, nackte Leiber.

Bleibt: Sona MacDonald, die sich als Titelantiheldin entleibt. Nicht wörtlich, in dieser Inszenierung wird aus Jean ein biblischer Johannes, aber als eine, die Strindbergs Wort von der Anstrengung, die er der Julie-Darstellerin ansehen will, verinnerlicht hat. Sie ist depressive Alkoholikerin und Ritzerin, Herbstzeitlose und Lustsubjekt. „Hab‘ ich gelacht?“, ist keine Frage, sondern ihre Feststellung zu den, ihre Festschreibung der Dinge. Sie ist bösartig intensiv bis zum finalen Shootout. Da heißt es Kopf um Kopf, Finger um Finger. Sie treibt Teichtmeister von devot zu süffisant. Bergmann, dazu ein Bravo, ringt Strindbergs Text freiwillige Komik ab. Weil hier alle den Verstand verlieren, sind bald alle wunderbar vom Wahnsinn umzingelt. „Scheiß‘ dich nicht an“, sagt Jean nach dem Koitus zu Julie. Bleibt: Jan Plewka mit der Musik von Hannes Gwisdek. Mehr vom Selig-Frontmann hätte man hören wollen. Im Duett mit Sona MacDonald ist klar, Freisein heißt Singen. Plewka soll ja, hat’s gemunkelt, mal eine Julie-ähnliche Phase durchlebt haben, vielleicht daher das abgründige Verständnis … Bleibt: Eine Inszenierung, die einen erst vom Stuhl fegt, wie ein scharfer Schaps. Die man mag, sogar gierig säuft, weil sie süffig runterbrennt. Leider folgt aufs Trunkensein Ernüchterung, post-Klarer Katzenjammer, schal und mau.

www.josefstadt.org

Sona MacDonald im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=15131

Jan Plewka gibt am 16. Oktober ein Wien-Konzert im Werk X: Infos werk-x.at

Wien, 7. 10. 2015

Theater in der Josefstadt: SonaMacDonald im Gespräch

Oktober 5, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

„Fräulein Julie“ als Borderlinerin

Sona MacDonald als Julie, Florian Teichtmeister als Jean Bild: Astrid Knie

Sona MacDonald als Julie, Florian Teichtmeister als Jean
Bild: Astrid Knie

Am 6. Oktober hat am Theater in der Josefstadt August Strindbergs „Fräulein Julie“ Premiere. Das Kammerspiel handelt von der adeligen Julie und ihrem Diener Jean und ihrem Verhalten und Verhältnis während einer Mittsommernacht und am darauffolgenden Morgen. Julie versucht, ihrem durch gesellschaftliche Normen geprägten Dasein zu entfliehen und etwas Spaß zu haben, indem sie auf dem jährlichen Fest mit der Dienerschaft tanzt. Während der Nacht entwickelt sich das anfängliche Flirten zwischen Julie und Jean zu einer vollendeten Liebesbeziehung. Doch während sie die Herrin ist, ist er der Mann – und so bleibt am Ende … der Tod.

Zu erwarten ist eine Inszenierung der anderen Art, führt doch die weder um Worte noch um Taten verlegene Anna Bergmann Regie. Die Süddeutsche Zeitung nennt sie „das explodierende Fräuleinwunder des deutschen Theaterbetriebs“; 2013 präsentierte sie ihre unkonventionelle Ibsen-Arbeit „Die Frau vom Meer“ an der Burg. Sona MacDonald spielt die Julie, Florian Teichtmeister den Jean. Als Jeans Verlobte Kristine ist Bea Brocks zu sehen. Hannes Gwisdek und Selig-Sänger Jan Plewka machen Musik. Sona MacDonald im Gespräch:

MM: Erste Bilder zeigen, dies wird ein anderes „Fräulein Julie“, als man’s kennt. Es geht sehr viel um Selbstverletzung.

Sona MacDonald: Das ist wie eine Überschrift in dieser Arbeit. Ja, Julie verletzt sich. Wir spielen, was nicht im Stück steht: Sie will sich Schmerz zufügen. Das hat psychologisch bedingte Ursachen und ich bin sehr aufgeregt, diese zu untersuchen.

MM: Ist sie verrückt?

MacDonald: Sie hat etwas von einer Borderlinerin. Sie ist manisch-depressiv. Das ist eine Form der Verrücktheit. Sie ist nicht völlig außer sich, aber sie ist immer wieder völlig „außer sich“.

MM: Das Stück ist ein Macht-Spiel, ein Klassen-Kampf. Wer hat bei Ihnen das Sagen? Ihre Julie oder Florian Teichtmeisters Jean?

MacDonald: Sie stellt etwas an und kriegt es zurück. Es ist ein Kampf der Geschlechter, ein Kampf innerhalb der Hierarchien. In der Sexualität gibt es keine Demokratie, da verschmelzen Diener und Herrin im Unheil, in einer gegenseitigen Nötigung. In unserer Inszenierung hat sie vor dem Beischlaf die Hand oben, da muss er machen, was sie will. Danach gewinnt er an Boden. Florian ist ein wunderbarer Partner, um das zu spielen: Es ist etwas aufgebrochen, es ist etwas zerstört und man ist sich nicht mehr klar, wie mit dem anderen umgehen. Sie geht also weg. Sie entschwindet. Wohin, wird man sehen …

MM: Strindberg wird oft als Frauenfeind beschrieben. Schließen Sie sich dem an?

MacDonald: Ich glaube, dass Strindberg überfordert war, als die Ideen der Gleichberechtigung aufkamen. Er beschreibt die Figur der Mutter der Julie als Frauenrechtlerin – und, dass schon Julies Vater nicht damit klar kam. Ich glaube, dass er sich da spiegelt. Er wollte geliebt werden: Bitte, liebe Frau, sei für mich da und hinterfrage nicht immer alles! Ich wette, die Kämpfe, die wir auf der Bühne haben, fanden in seinem Leben statt. Er war ein junger Mann, als er die Julie schrieb, lebte in Scheidung, da muss es zugegangen sein: Liebe bis aufs Messer!

MM: Jean und Julie klingt ja eigentlich auch mehr nach Truffaut, als nach Skandinavien 😉

MacDonald: Jean heißt Johannes – und die Johannesnacht, die Mittsommernacht, in der die Dinge eskalieren, so lass’ ich mir von Regisseurin Anna Bergmann sagen, ist eine, in der die Frauen in Skandinavien wild werden. Sexuell aktiv werden. Es ist die längste helle Nacht des Jahres. Ein Schnittpunkt, nach dem es wieder dunkel wird in den Leben.

MM: Anna Bergmann hat die Altersangaben umgedreht. Im Stück wird Julies Alter mit 25 angegeben, das von Jean mit 30. Sie sind Jahrgang 1961, Florian Teichtmeister Jahrgang 1979. Was gewinnt die Produktion daraus?

MacDonald: Etwas Trauriges, etwas sehr Tragisches. Als man mich besetzte, dachte ich zuerst: Ein Irrtum? Aber Anna bleibt dabei: Julie ist ein übrig gebliebenes Mädchen. Vielleicht war ihr nie jemand gut genug, vielleicht hat sie viele abgewiesen. Sie hat sich halt nie selbstständig gemacht.

MM: Ist das ein Thema für die Frauen heute?

MacDonald: Anna Bergmann stürzt sich und uns nicht einfach ins Moderne hinein. Wir gehen durch die Epochen, wir fangen sozusagen 1888 an und enden 2015.

MM: Sieht man das? Ich meine beispielsweise kostümlich?

MacDonald: Total! Auch im Bühnenbild. Die Kostümbildnerin Lane Schäfer kleidet auch die Band „Käptn Peng und die Tentakel von Delphi“ ein. Da gibt es einiges zum Schauen.

MM: Käptn Peng ist ein Projekt von Johannes Gwisdek, Corinna Harfouchs Sohn, der für die Produktion die Musik macht. Es singt Jan Plewka – den Kanarienvogel. Das wird der männlichste Kanarienvogel, den man jemals gehört hat.

MacDonald (sie lacht): Er personifiziert für Julie tatsächlich das männliche Prinzip. Sie wird auch, ich werde auch mit Jan Plewka singen. Die Musik ist rockig, wie sie Plewkas Stimme entgegenkommt. Ich finde sie sehr mystisch, bedrohlich auch. Für mich ist es gesanglich ein ganz neuer Stil.

MM: Apropos, Gesang: Sie sind am Burgtheater in „Spatz und Engel“ als Marlene Dietrich zu Gast. Am 26.  November folgt an den Kammerspielen „Blue Moon – Eine Hommage an Billie Holiday“, dafür müssen Sie sich wieder einen anderen Klang aneignen.

MacDonald: Ich wäre nie auf die Idee gekommen, dass ich das spielen und singen könnte. Torsten Fischer hat mich gefragt, er hat eine Idee dahinter, er will damit auf Ferguson reagieren, das Rassenthema aufgreifen. Ich werde in keiner Weise versuchen, etwas zu imitieren, sondern versuchen, mich anzunähern. Billie Holiday wurde gezwungen, sich heller zu malen. Das ist eines der Dinge, die wir ans Licht bringen wollen. Da werden sich viele wundern. Ich finde das sehr spannend.

MM: Ein toller Theaterherbst.

MacDonald: Mit zwei Rollen, an die ich nie im Leben gedacht hätte. Meistens suche ich mir Dinge aus, die mir zu nahe sind. Jetzt ist es anders. Mal sehen. Ich bin sehr beschenkt dieses Jahr.

www.josefstadt.org

Trailer: https://youtu.be/11Isruja3rQ

Wien, 5. 10. 2015