Josef Hader in „Arthur & Claire“

Februar 13, 2018 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Einfach Sterben ist wie ein Sechser im Lotto

Josef Hader und Hannah Hoekstra. Bild: © Tivoli Film – Wolfgang Amslgruber

Mann mit Angst vor dem Sterben trifft Frau, die sich das Leben nehmen will. Das ist kurzgefasst die Grundkonstellation des Films „Arthur & Claire“, der am Freitag in die österreichischen Kinos kommt. Besagten Mann spielt Josef Hader, der gemeinsam mit Regisseur Miguel Alexandre auch das Drehbuch (nach dem Bühnenstück von Stefan Vögel) – und sich somit eine weitere maßgeschneiderte Rolle auf den Leib schrieb.

„Arthur & Claire“ ist eine leise, anrührende Tragikomödie, weniger skurril, als man Hader schon gesehen hat, aber zynisch genug und ziemlich poetisch. Mit ihm brilliert Hannah Hoekstra; die niederländische Schauspielerin war Berlinale-Shootingstar 2017. Arthur nun hat sich nach Amsterdam aufgemacht, um dort den ärztlich-kontrollierten Freitod zu begehen. Er ist unheilbar an Krebs erkrankt und will in einer Klinik vor Ort seinem Leben ein Ende setzen.

Das will auch Claire aus Gründen, die sich im Laufe des Films als nicht so unwesentlich entschlüsseln werden. Sie hat im Hotel das Nebenzimmer gebucht, die Musik bis zum Anschlag aufgedreht, die Medikamente bereit. Arthur kommt, um zu schimpfen und wird retten. Was folgt, ist ein Zug durch die Nacht mit der unkontrollierten Selbstmordkandidatin mit Coffeeshop-Erfahrung, Danceclub, Kondomladen und Rikschafahrt. Am Ende landen die beiden in einer abgefuckten Bar mit Piano und Highland Whiskey.

Zum Ende sagt Arthur: „Sterben ist das Letzte, was man machen kann im Leben. Das will ich gut machen.“ Es sind derlei Sätze, die dem Film die spezielle Hader-Note geben: „Wenn jemand sagt, ich kann mich entspannen, verkrampfe ich mich sofort.“ – „Ist es typisch österreichisch, dass man jammert, bevor überhaupt etwas Schlimmes passiert ist?“ Und der schönste, angesichts des Angebots „natürlicher“ Drogen in der Einrauchermetropole: „Wenn dich ein Baum erschlägt, ist es auch rein pflanzlich.“

Vom Coffeeshop geht’s … Bild: © Tivoli Film – Wolfgang Amslgruber

… auf den Dancefloor. Bild: © Tivoli Film – Wolfgang Amslgruber

Als Arthur ist Josef Hader einmal mehr in Hochform. Lakonisch und mit schwarzem Humor spielt er einen am Leben Gescheiterten (etwa in der Beziehung zu seinem Sohn, da gibt es ein Nicht-Telefonat zum Abschied, das einem vor Traurigkeit den Atem nimmt), der sich abgebrüht und zynisch gibt, um seine Einsamkeit und Verletzlichkeit zu überspielen. Mit geröteten Augen und traurig-faltigem Blick schleicht er durch die Szenerie, als ob’s für ihn, nein, weil es für ihn kein Morgen mehr gibt.

Hannah Hoekstra gibt eine impulsive, lebenssprühende Claire, die gelernt hat, Trauer und Selbstanklage tief in ihrem Inneren zu vergraben. Der Film lässt sich Zeit, zu erzählen, was passiert ist, dass die beiden so weit gekommen sind. Und so wie die Charaktere sich Schicht für Schicht vom komödiantischen Überzug befreien und sich immer tiefer in die Seelen blicken lassen, so machen es Miguel Alexandre und Kamerafrau Katharina Diessner auch mit Amsterdam.

Mehr und mehr wird der touristische, der „romantische“ Altstadtaspekt dekonstruiert, bis man schließlich im schmucklosen, „industriellen“ Neubaugebiet samt Busbahnhof landet. „Arthur & Claire“ ist ein gelungenes Kammerspiel mit exzellenten Darstellern. Und, wenn man will, mit einer unaufdringlich vorgebrachten Botschaft: Einfach zu sterben, ist wie ein Sechser im Lotto. Deshalb sollte man vorher das Leben bis zur Neige auskosten.

www.arthur-und-claire.de/

  1. 2. 2018

Der junge Karl Marx

März 23, 2017 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

August Diehl brilliert als Erfinder des Kommunismus

Stefan Konarske als Friedrich Engels, August Diehl als Karl Marx: Bild: Filmladen

Es ist eine gute Idee von Regisseur Raoul Peck, seinen Film mit einer Szene anzufangen, in der zerlumpte Gestalten im Wald Äste und Zweige zum Beheizen ihrer Behausungen sammeln. Doch das Holz, natürlich, es hat einen Besitzer – und so wird das ärmliche Volk von Berittenen gejagt, geschlagen, einige getötet. Karl Marx schrieb darüber einen frühen Artikel in der Rheinischen Zeitung von 1842 – „Debatten über das Holzdiebstahlsgesetz“.

Durch die Filmsequenz gewinnt sein Artikel soziale Anschaulichkeit. An dieser Schnittstelle von Biopic, Thesenfilm und Agitationskino bewegt sich Pecks Arbeit „Der junge Karl Marx“, die am 24. März in die heimischen Kinos kommt. Peck zeigt einen widerständigen, vor viriler Kraft strotzenden Karl, der so gar nicht ins bekannte Bild des besonnenen Rauschebartträgers Marx passt. Er zeigt den späteren Vater des Kommunismus als hingebungsvollen Familienvater und liebevollen Freund. Dass der Regisseur und Drehbuchautor bei seiner Darstellung der historischen Figur punkto Sympathiewerte das eine oder andere Auge zugedrückt hat, kann man in der Literatur nachlesen.

Der Film bewegt sich in der Zeitspanne zwischen 1843 und dem Revolutionsjahr 1848. Und er beleuchtet in erster Linie das Zusammenfinden der großen materialistischen Denker Marx und Friedrich Engels. Zeigt, wie sie die Hegel’sche Dialektik vom Kopf auf die Füße stellten, zeigt zwei, die die Welt nicht länger im Stile der Philosophen interpretieren, sondern verändern wollten. Wäre diese Begegnung nicht wahr, man hätte sie nicht besser erfinden können, hie der notorisch bankrotte Gesellschaftstheoretiker, da der dandyhafte Fabrikantensohn, der in den Familienwerken auf das Leid der Arbeiterklasse stößt, hie der „atheistisch-jüdische Sozialist“, wie ihn seine Gegner nannten, der die adelige Jenny von Westphalen heiratet und mit ihr Kind um Kind (insgesamt sieben) zeugt, da der Gutsituierte, der in geheimer Ehe mit der Baumwollspinnerin und frühen Suffragette Mary Burns lebt.

Fabrikantensohn Friedrich liebt die Arbeiterin Mary Burns: Stefan Konarske mit Hannah Steele. Bild: Filmladen

Nicht nur Genossen, sondern auch Freunde: Stefan Konarske und August Diehl. Bild: Filmladen

Bei seinen Hauptdarstellern weiß Peck diese Protagonisten in guten Händen. August Diehl gestaltet einen flamboyanten und arroganten Mann mit Zylinder; er hechtet sozusagen vom Glück des Ehebetts Richtung Schreibtisch, um dort Proudhons Schrift „Philosophie des Elends“ mit seinem Traktat „Elend der Philosophie“ zu vernichten. Er brüskiert die oberen Einhundert, berserkert in Vorträgen vor dem Volk, ist absolut glaubhaft als einer, der „endlich mit Keulen, statt mit Nadelstichen kämpfen“ will. Der Anecker und der Ausgleicher: Stefan Konarskes Engels ist dagegen der Geschmeidigere, Diplomatischere.

Und so ist es kein Wunder, dass er Marx’ Sprachrohr wird. Man hat leere Kassen, aber die mit Stil. Man lebt durchaus bourgeois – Familie Marx sogar mit Kindermädchen. Peck und seine Schauspieler haben die Charaktere fein gezeichnet, der überlebensgroße „Kapital“-ist und seine Mitstreiter sind mehr als menschlich und ergo widersprüchlich und Peck liebt sie sichtlich in all ihren Gegensätzen. Optisch hat er seinen Film an jene dekorativen Historienspektakel angedockt, wie man sie vor allem aus dem britischen Kino kennt. Er stellt die Armut und das Elend opulent aus.

Der Tonfall ist pathetisch, aber er trifft wohl den der ersten Revolutionäre – und auch den späterer Politiker. Dann wieder juxt Peck herum – es gibt komödiantische Verfolgungsjagden mit der Pariser Polizei, Marx und Engels dabei wie zwei erhitzte, übermütige Jünglinge. Eine besondere Rolle in „Der junge Karl Marx“ kommt den beiden Ehefrau zu, und so wandelt sich das dynamische Duo bald zum revolutionsdurchdrungenen, hochintellektuellen Quartett. Vor allem Vicky Krieps als Jenny Marx zeichnet das Bild einer Frau, die sich die Emanzipation nicht auf die Fahnen heften musste, weil ihr Mann sie stets als gleichberechtigte Partnerin im Alltag wie in der gesellschaftstheoretischen Diskussion gesehen hat. Hannah Steele ist als Mary Burns direkter im Angriff und kompromissloser im Ideenaustausch –die beiden werden so zu direkten Gegenparts ihrer jeweiligen Ehemänner.

Mit Marx‘ Ehefrau Jenny: Vicky Krieps mit August Diehl und Stefan Konarske. Bild: Filmladen

Erstaunlich, um nicht zu formulieren erschreckend, ist die Aktualität des Films. Wie wenig hat sich bewegt! Und wenn, dann nur Richtung sogenannter „Dritter Welt“. Peck zeigt eine Zeit, in der sich der Wert des Menschen im Wert seines Besitzes manifestiert – und setzt dagegen das kommunistische Manifest.

Er zeigt, eine Gesellschaft, in der „Das Kapital“ immer an der gleichen Stelle wächst. Er zeigt einen „Markt“, der ja nichts anderes als der Schulterschluss der Wohlhabenden ist, der wie ein Lebenwesen betrachtet wird, das ohne die Verfütterung billiger Arbeitskräfte keinem Profit erbringen kann. Peck zeigt auch, wie Marx und Engels den Bund der Gerechten sprengen, Vordenker wie den Anarchisten Bakunin oder den moderaten Sozialisten Weitling aus ihren Positionen hieven. In einer Schlüsselszene, einer Versammlung, reißen sie das Banner des Bundes von der Wand und heften das ihre an: Proletarier aller Länder, vereinigt euch! Es gibt Graben- und Flügelkämpfe und immer wieder den Wunsch, „nicht eine intolerante Religion durch die nächste zu ersetzen.“ Das ist, lässt sich retrospektiv sagen, nicht geglückt.

Am Ende des Films schreibt Karl Marx die berühmten Zeilen „Ein Gespenst geht um in Europa …“ – wie anders das heute klingt, dies „Gespenst“ des Kommunismus, da man weiß, wie Marx’ hehre Ideen vom Ungeist der ausführenden Apparatschiks zu Tode gebracht wurden. August Diehl jedenfalls brilliert als Karl Marx. Und seine prägnante Darstellung macht eines klar: Menschenwürde ist kein Tauschwert auf dem Finanzmarkt der Eitelkeiten. Die Zweifel am kapitalistischen System nehmen dieser Tage wieder zu – und womit? Mit Recht!

www.der-junge-karl-marx.de

Wien, 23. 3. 2017

Die Blumen von gestern

Januar 9, 2017 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine Liebeskomödie unter Holocaustforschern

Eine Reise zurück zu den Wurzeln: Die Holocaustforscher Toto und Zazie arbeiten ihre Familiengeschichten auf: Lars Eidinger und Adèle Haenel: Bild: © Dor Film

Eine Reise zurück zu den Wurzeln: Die Holocaustforscher Toto und Zazie arbeiten ihre Familiengeschichten auf: Lars Eidinger und Adèle Haenel: Bild: © Dor Film

Wenn im Abspann Hauptdarsteller Lars Eidinger endgültig aus der Rolle fällt und gekonnt ein paar Stunts hinlegt, über ein Fahrrad springt, über eine Kühlerhaube turnt, dann ist damit der Film in einem Moment erklärt. Hier wollten ein paar spielen, der Schwere des Themas eine ganz besondere Leichtigkeit unterjubeln, das Leben feiern und die Liebe – und das Leben, das aus dieser Liebe entsteht. Am 13. Jänner kommt Chris Kraus‘ neuer Film „Die Blumen von gestern“ in die heimischen Kinos.

Nach „Poll“ oder „Vier Minuten“ arbeitet sich der Regisseur und Drehbuchautor einmal mehr an seiner eigenen Familiengeschichte ab. Kraus‘ Großvater war bei der SS, und diesen Umstand unterschiebt er nun seinem Protagonisten Totila „Toto“ Blumen. Der ist wie zur Sühne Holocaustforscher, ein schlecht gelaunter, sogar aggressiver, impotenter noch dazu. „Ich verdiene mein Geld damit, negativ zu sein“, ist der Satz, den Toto zu sich selbst zu sagen hat. Als ein anderer statt er zum Chef der Zentralstelle zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen befördert wird und der für einen Auschwitz-Kongress als Sponsor eine ehemals in Nazigeschäfte verwickelte Autofirma an Land zieht, schlägt Toto blindlings zu.

Mann ohne Nerven: Toto verprügelt seinen Chef: Eidinger mit Jan Josef Liefers. Bild: © Dor Film

Mann ohne Nerven: Toto verprügelt seinen Chef: Eidinger mit Jan Josef Liefers. Bild: © Dor Film

Und auch das Zusammenleben mit der Ehefrau geht vor die Hunde: Eidinger mit Hannah Herzsprung. Bild: © Dor Film

Und auch das Zusammenleben mit der Ehefrau geht vor die Hunde: Eidinger mit Hannah Herzsprung. Bild: © Dor Film

Seine Frau hat einen genehmigten Lover, doch nun wird, was nur Sex sein sollte mehr, weil die Angetraute die „Traumata-Scheiße“ daheim nicht mehr aushält. Und als wär’s noch nicht genug bekommt Toto eine Assistentin zugeteilt, eine Französin namens Zazie, die ihm lang schon auf der Spur ist, weil sein Großvater ihre Großmutter ins Gas schickte. Es entwickelt sich eine Amour Fou, man begibt sich auf eine Reise rückwärts in die Familiengeschichte; auch in Wien wurde gedreht für Toto und Zazies Spurensuche in der Vergangenheit …

Was nach großem Drama klingt, verwandelt sich in Kraus‘ Händen zur subtilen Tragikomödie. Der Filmemacher hat seinen Stoff mit einem sehr eigenen Humor unterfüttert, einem, der sich deutlich von den obligaten deutschen Nazi-Satiren unterscheidet. Kraus nähert sich dem Thema mit großem Respekt, weiß einen auch zu berühren, doch die dazu unter der Oberfläche brodelnden aberwitzigen Dialoge und die teilweise fast schon obskure Situationskomik machen‘s aus, dass „Die Blumen von gestern“ ein kleines Meisterwerk sind. Getragen von den beiden Ausnahmeschauspielern Lars Eidinger und Adèle Haenel. Die zweifache César-Gewinnerin, in Frankreich längst ein Star, nahm für die Rolle der Zazie sogar Deutschunterricht, um nicht auf einen Sprachcoach angewiesen und deshalb im Ausdruck authentischer zu sein.

Lars Eidinger brilliert als schrulliger Jungprofessor im Burn-Out-Beruf. Kaum jemals war die erste Kraft der Berliner Schaubühne auf der Leinwand seinem Theater-Ich an Kraft und Intensität näher denn als Toto Blumen. Er changiert zwischen bierernst und betroffen, gibt mit ebenso viel Verzweiflung wie Zorn einen Nach-Sich-Suchenden, einen Täterenkel, der um Befreiung aus der Familienschuld ringt. Das hat Humor, weil Toto eben keinen hat. Eidinger weiß das fulminant darzustellen.

Seiner Misanthropie setzt Haenel als Opferenkelin Zazie eine charmante Verrücktheit entgegen. Gemeinsam bedienen Eidinger und Haenel das Instrumentarium der Screwball-Comedy; Kraus hat ihnen dazu Dialoge geschrieben, die zwischen befreiender Frechheit, tiefempfundenem Mitgefühl und deutscher Gedenkroutine hin und herflitzen. Kraus ist einer, der dem Menschlichen und dem Allzumenschlichen stets ein Lächeln schenkt.

Dazu glänzt die Riege der Nebendarsteller. Jan Josef Liefers spielt mit Verve gegen Eidingers Toto an, ist doch der neue Chef der Zentralstelle nicht der auf ihn projizierte Unsympath, sondern eigentlich ganz nett. Hannah Herzsprung ist für die Rolle von Totos Ehefrau in den Fatsuit gestiegen, Bibiana Zeller gibt die über die Familienvergangenheit nur vorgeblich verwirrte Großmutter. Rolf Hoppe und Burgtheaterlegende Sigrid Marquardt sind zwei Holocaust-Überlebende. Großartig sind die Szenen mit Marquardt und Eidinger; er muss um ihre Teilnahme als Zeitzeugin beim Kongress ringen, doch sie frühstückt ihn ab: „Sie amüsieren mich nicht.“ Den fertigen Film konnte die Marquardt nicht mehr sehen, sie starb knapp vor Fertigstellung mit 91 Jahren.

blumenvongestern08„Eine Komödie über Wunden und ihre Herkunft“ nennt Chris Kraus seinen Film. Er zeigt auf, dass in Deutschland wie in Österreich die öffentlich betriebene Vergangenheits- bewältigung mit ihren feierlichen Zeremonien nur das amtlich-anonyme Pflaster auf dem Schorf des Dritten Reichs ist.

„Wir leben in einer Zeit, in der man dem rechten Wahnsinn mit allen Mitteln die Stirn bieten muss, warum also nicht mit Mitteln anarchischer Fröhlichkeit …“, lautet eine Regienotiz von Kraus. „Glücklich das Leben feiern, das so schwierige und schmerzvolle, naiv auf Versöhnung hoffen, die Bekloppten in ihre Schranken weisen und politische Schönheit schaffen: Das kann so verkehrt nicht sein.“ Ist es auch nicht.

Lars Eidinger im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=23768

www.DieBlumenVonGestern.de

Wien, 9. 1. 2017

Die Blumen von gestern: Lars Eidinger im Gespräch

Januar 7, 2017 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Er spielt den Holocaustforscher Toto Blumen

Zwei Holocaust-Forscher auf Spurensuche: Adèle Haenel und Lars Eidinger. Bild: © Dor Film

Zwei Holocaustforscher auf Spurensuche: Adèle Haenel und Lars Eidinger. Bild: © Dor Film

Am 13. Jänner kommt der neue Film von Chris Kraus in die heimischen Kinos. In „Die Blumen von gestern“ erzählt der Filmemacher von der Amour Fou zweier Holocaustforscher, sie Opferenkelin, er Täterenkel, sein Großvater schickte ihre Großmutter ins Gas. Was nach großem Drama klingt, wird bei Kraus zur skurril-leichten Tragikomödie. Sein Film ist eine Ode an das Leben und die Liebe, und das feiert er auf höchst groteske und kuriose Art.

Dass die Übung gelingt, liegt nicht zuletzt an Hauptdarsteller Lars Eidinger. Er spielt den Jungprofessor Toto Blumen, mit ihm der französische Leinwandstar Adèle Haenel dessen Assistentin Zazie, Hannah Herzsprung die Ehefrau, Jan Josef Liefers den Vorgesetzten, Bibiana Zeller die Großmutter und Rolf Hoppe den Mentor; Burgtheaterlegende Sigrid Marquardt ist mit 91 Jahren als Holocaust-Überlebende in ihrer letzten Rolle zu sehen. Lars Eidinger im Gespräch:

MM: Aus Deutschland kamen in den vergangenen Jahren immer wieder aberwitzige Komödien, die sich mit dem Dritten Reich und dem Holocaust befassen, „Die Blumen von gestern“ aber hat eine ganz eigene Atmosphäre. Was meinen Sie?

Lars Eidinger: Regisseur Chris Kraus ist ein Schüler von Rosa von Praunheim, und der bringt seinen Schülern bei, dass man als Filmemacher für den Film seine Persönlichkeit zur Verfügung stellen muss. Ich hatte in der Arbeit mit ihm immer das Gefühl, auch wenn ich natürlich meinen Beitrag geleistet habe, dass es am Ende die Persönlichkeit von Chris Kraus ist, die man auf der Leinwand sieht. In all ihrer Widersprüchlichkeit. Der Film hat was Skurriles, was Verzweifeltes, hat Aggression, aber auch extremen Witz und ein hohes Maß an Emotionalität. Womit „Die Blumen“ aufwarten, ist wahnsinnig komplex und nicht so leicht einzuordnen. Das gefällt mir.

MM: Welche Reaktionen erwarten Sie auf diesen unkonventionellen Film?

Eidinger: Ich habe Probleme damit, wie große Teile des Filmgeschäfts in Deutschland den Holocaust verhandeln. Vieles unterläuft die Dimension des Themas, indem sie auf vordergründigen und parodistischen Witz setzen, dafür ist dieses Phänomen aber viel zu schwer und kompliziert. Natürlich eignet sich eine Figur wie Hitler gut für die Persiflage, aber man darf nie vergessen, was da an Gräuel tatsächlich passiert ist, und da verbietet sich für mich eine gewisse Form von Humor. Unser Film würde auch funktionieren, wenn keiner lacht, weil sich die Figuren ihrer Komik nicht bewusst sind. Gerade ich, als Totila Blumen, habe die Aufgabe, die Dinge aus einer humorlosen Distanzlosigkeit zu sehen, dass heißt: das Publikum lacht, aber Totila lacht nicht.

MM: Wie würden Sie diesen Toto charakterisieren? Ist er spaßbefreit von Berufs wegen? War dieser grundaggressive Misanthrop einfach herzustellen?

Eidinger: Zumindest sagt er: „Ich bin Holocaustforscher, ich werde dafür bezahlt negativ zu sein.“ Toto stolpert von einer Katastrophe in die nächste. Für mich war es nicht einfach, ihn zu generieren. Ich habe nicht leicht Zugang zu ihm gefunden, was ich mir im Nachhinein damit erklärt habe, dass er mir so nah ist. Meiner Erfahrung nach fallen einem Charaktere leichter, die man gut von sich weghalten kann, deren Verhalten man reflektiert und durchschaut hat, und dass mit dem eigenen möglichst wenig zu tun hat. Bei diesen Dreharbeiten musste ich mir aber eingestehen, wie misanthropisch und soziopathisch ich eigentlich bin, und dass ich in Wahrheit viel Aufwand betreibe, um das zu verbergen.

MM: Warum?

Eidinger: Weil ich weiß, dass das nicht gerade Attribute sind, die einen sympathischer machen. Ich gebe mich als wahnsinnig zugänglich und verbindlich, bin aber eigentlich das Gegenteil. Das ist mir in die Wiege gelegt worden durch meine Erziehung, ich arbeite aber daran. Ich bin großgeworden mit einer Elterngeneration, die sagte: So sind wir halt, wir können’s nicht ändern. Ich glaube, meine Lebensaufgabe besteht darin, das zu überwinden und mich nicht hinter „Veranlagung“ zu verstecken.

MM: Das klingt, als wären die Dreharbeiten für Sie ein Psychotrip ins eigene Selbst gewesen.

Eidinger: Im Grunde sehe ich meinen ganzen Beruf darin, mich selbst zu finden; das ist die Hauptaufgabe der Kunst: sich seiner selbst bewusst zu werden. Die Leute sollen aber nicht verstehen, wer ich bin, sondern wenn sie nun beispielsweise diesen Film anschauen, verstehen, wer sie selbst sind.

Im Büro gibt's Ärger mit dem Chef: Lars Eidinger und Jan Josef Liefers. Bild: © Dor Film

Im Büro gibt’s Ärger mit dem Chef: Lars Eidinger und Jan Josef Liefers. Bild: © Dor Film

Daheim ist die Stimmung der Ehefrau nicht die beste: Hannah Herzsprung. Bild: © Dor Film

Daheim ist die Stimmung der Ehefrau nicht die beste: Hannah Herzsprung. Bild: © Dor Film

MM: Toto ist ein Täterenkel, der, wie sich herausstellen wird nicht zufällig, auf eine Opferenkelin trifft. In Deutschland und Österreich gibt es so etwas wie „Erinnerungskultur“, mit der man das Trauma Drittes Reich öffentlich überbewältigt, das Beispiel Toto und Zazie zeigt, dass das im Privaten noch lange nicht so ist.

Eidinger: Die Frage, die wir im Film stellen ist, was die Vergangenheit mit der Gegenwart macht. Inwieweit bin ich noch geprägt von dem, was mein Großvater im Krieg erlebt hat? Ich bin damit großgeworden, das komplett von mir wegzuhalten, zu sagen: was habe ich damit zu tun?, ich bin eine ganz neue Generation. Doch man irrt sich da. Ich glaube heute, es tut gut, es ist auch gesund, sich dem zu stellen. Tatsächlich ist es ja meine jüngste Vergangenheit, ich habe meinen Opa gekannt, er hat meinen Vater großgezogen, der im Krieg geboren ist, von dem bin ich wiederum erzogen und sozialisiert worden, das heißt, ich bin unmittelbar davon geprägt. Mein Opa hat nie über den Krieg gesprochen, ich erinnere mich an ihn nur rauchend im Fernsehsessel sitzend. Solcher Art Familienwunden sind der eigentliche Inhalt des Films, sie machen Totila und Zazie zu denen, die sie sind.

MM: Ist es so, dass sich jeder Deutsche und jeder Österreicher fragen muss, auf welcher Seite seine Familie gestanden hat? Haben Sie sich je gefragt?

Eidinger: Ja, und die Antwort ist, auf der falschen Seite. Weil die meisten Deutschen auf der falschen Seite gestanden haben, die Mehrheit waren Nazis, weil der Nationalsozialismus eine Massenbewegung war. Aber die Deutschen machen sich da gerne etwas vor, auch ich habe als Kind noch die Sätze gehört, man hätte nichts gewusst, nichts mitbekommen, das ist natürlich kompletter Quatsch. Rückblickend muss man sich im Gegenteil fragen, ob man in dieser Zeit nicht selbst auch Nazi gewesen wäre, denn die Leute sind mit einer Propaganda großgeworden, wie ihnen ganz andere Werte, eine ganz andere Sicht auf die Welt vermittelt hat. Wer weiß, ob nicht nachkommende Generationen zu uns einmal sagen: Kapitalismus? Wie konntet ihr den stützen? Ihr wusstet doch, auf welchem Elend und welcher Ausbeutung und Ungerechtigkeit er sich gründet!

MM: Ist dieser Blick aus der Vergangenheit auf sich selbst der Grund, warum man einen Film wie „Die Blumen“ macht?

Eidinger: Bei Chris Kraus ist das sicher so. Aber nicht im Sinne von „Erinnerungskultur“, wie Sie gesagt haben. Mit dem Wort kann ich nichts anfangen. Es geht vielmehr um eine Form der Bewusstmachung, damit so etwas wie das Dritte Reich nie wieder passiert. Ich sehe diesen Film aber nicht als Lehrstück. Ich bin kein Missionar. Ich möchte etwas von mir erzählen, in der Hoffnung, dass der Betrachter etwas über sich versteht. Aber ja, im Zuge der Gespräche, die ich nun führe, stelle ich immer mehr fest, dass der Film selbst die beste Antwort auf diese Fragen gibt, weil er sich dem Erbe, das wir am Dritten Reich tragen, in seiner ganzen Komplexität und Widersprüchlichkeit mit filmischen Mitteln stellt.

MM: Der Film erzählt von einer Amour Fou. Toto und Zazie verlieben sich ineinander. Kann man mit Liebe Narben glätten?

Eidinger: Wir zeigen eine Versöhnung, ja. Das ist romantisch und das gefällt mir auch: die kleinste gesellschaftliche Zelle, kann die Welt verändern. Wenn man noch kleiner geht und bei sich anfängt, hat das noch größere Auswirkungen. Das unterschätzen die Leute immer, welche Macht sie als einzelner habe. Liebe und mit dieser Liebe Leben schaffen, ist das, was die Menschen verbinden sollte, so romantisierend und pathetisch das auch klingen mag, aber ich denke, dass es sich auf diese simple Formel runterbrechen läßt. Für mich war die Begegnung mit Adèle Haenel das reine Glück. Ich hatte das Gefühl, in ihr meine geistige Schwester gefunden zu haben, mein weibliches Pendant, wodurch sich eine Form von Intimität vor der Kamera ergab, die ich mit keiner anderen Kollegin bislang erlebt habe.

MM: Sie hatten noch das Privileg mit der großen Sigrid Marquardt zu drehen. War sie abseits der Kamera auch so streng und kompromisslos wie davor?

Eidinger: Ich hatte Glück, sie mochte mich (er lacht). Ich war sehr beeindruckt von ihrer Person. Sie war nicht nur eine wahnsinnig attraktive Frau, sie hatte sich auch einen Schalk und einen Witz behalten, der beinah etwas Kindliches hatte. Andererseits fand ich interessant und anrührend, wie ehrgeizig sie noch war, wie sie sich geärgert hat, wenn sie mal einen Hänger hatte. Das hat sie für mich wahnsinnig sympathisch gemacht. Leider hat sie den Film nicht mehr gesehen.

www.DieBlumenVonGestern.de

Wien, 7. 1. 2017

Werk X: Seelenkalt

November 14, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Großartige Schauspieler sind schwer zu finden

Leinwand: Daniel Wagner, Constanze Passin, Imre Lichtenberger Bozoki, Christian Dolezal;  unten: Imre Lichtenberger Bozoki, Christian Dolezal, Tim Breyvogel Bild: Yasmina Haddad

Leinwand: Daniel Wagner, Constanze Passin, Imre Lichtenberger Bozoki, Christian Dolezal;
unten: Imre Lichtenberger Bozoki, Christian Dolezal, Tim Breyvogel
Bild: Yasmina Haddad

Es gibt an diesem mehr als dreistündigen Abend zwei beglückende Momente. Der eine ist, wie Tim Breyvogel als „Ich-Erzähler“, als Moskauer Finanzdirektor, in der St. Petersburger Dependance des französischen Lebensmittelkonzerns, für den beide arbeiten, den Verantwortlichen Christian Dolezal zur Schnecke macht. Weil Schmiergelder auf Idiotenweise fließen – ergo der Untergebene, der lieber „einen Happen essen gehen wollte“, statt in die Bücher Einsicht nehmen zu lassen, endgültig Sklave seines Herrn wird: „Ich reiß‘ dir die Gedärme raus, wenn in Moskau …“ Der andere ist, wenn Daniel Wagner erklärt, dass während die Generation 1970 noch auf zwei Jahrzehnte Sozialismus bauen konnte und die Generation 1990 auf Glasnost hoffte, der heutigen nur noch „Zar“ Wladimir Wladimirowitsch geblieben ist. All das kommt über die Rampe. Schnörkellos, ohne Schnickschnack … Und es gibt noch etwas Außergewöhnliches: Ein Ensemble, das nicht nur (bis auf Breyvogel alle in mehreren Rollen) hervorragend schau-, sondern auch Instrumente spielt – als Bühnenrockband nach der Musik von Imre Lichtenberger Bozoki. Das Werk X brachte Sergej Minajews Debütroman „Seelenkalt“ („Duchless“, eine Wortneuschöpfung aus Russisch und Englisch für „geistlos“) zur Uraufführung. Das in Russland bei seiner Ersterscheinung 2007 heftig diskutierte Werk  – und, potz, da war das augenscheinlich noch was. Ein Bestseller – wurde von Regisseur Ali M. Abdullah und Hannah Lioba Egenolf für die Bühne bearbeitet.

Minajew hat mittlerweile einen Buchverlag und bringt Beigbeder und Houellebecq heraus. Jubel, Yuppies! In „Seelenkalt“ taucht der Ex-Luxusweinimporteur ergo in die Welt ein, die er kennt: hochbezahlte, scheinbeschäftigte Manager, zugedröhnte Nüttchen (alle: Constanze Passin mit wechselnden Perücken), die einen Sponsor, und arme Intellektuelle, die eine Ersatzbefriedigung suchen. Der Roman entwirft eine archetypische Betriebsgeschichte, nur geht’s statt um Alk um Konserven. Daraus entsteht die Schwanzlutschkette: Mitarbeiter – mittleres Management – Oberboss – Aktionäre – Kunden. Die haben den größten und, huch, das wird sogar an die Wand geschmiert. Na, simma da im Schnellbahnhof, oder was? Dazwischen, weil Eh-nicht-Hackln auch fad ist, treibt man sich in Nobelnachtklubs herum. Bei deren Stammgästen haben Drogen und Diäten die Körper und Gehirne ausgedörrt. Mitten unter Prada und Brioni gähnt sich die Leere einen weg. Und man sich selbst mittlerweile auch. Weil mehr kommt da nicht. Minajew, als Erbe Pelewins und Sorokins kurz gehypt, ohne je deren intellektuelle Distanz und Ironie zu erreichen, bleibt bei der Konsum-Fata-Morgana. Ein kapitalismuskritischer Rundumschlag. Nichts „Exotisches“ für Menschen, die russische Gäste beispielsweise schon einmal in Kitzbühel bemerken durften.

Natürlich gibt’s einen Clou. Das heißt: zwei. Inhaltlich, dass der Ich-Erzähler und sein Freund (Dennis Cubis) von einem angeblichen Klubneugründer abgezockt werden. Gesamtheitlich: Abdullahs innovative Inszenierung. Der hat nämlich nicht nur die Bühne dreigeteilt, sondern auch eine darüber schwebende, genau so große Leinwand; auf der Bühne sieht man oft bis meist gar nichts, dafür alles oben – und das ist schon spannend zu erleben, wie so ein neues Theater auch als Kino funktionieren kann. Intensiv sind übrigens die Aufnahmen aus der Künstlergarderobe in der Pause. So gibt es etwa irgendwo hinter einer Bühnenwand ein Häusl, also eine Toilette, in der durch die Unterhose (interessanter Vorgang!) gekotet wird, den Durchfall zeigt dann die Leinwand oben in Großaufnahme. Gefickt und Muschis geschleckt wird auch immer durch Slips. Mundruczó war gestern und Ljod ist längst geschmolzen. Erregung findet nicht statt in dieser zynischen, bös- und abartigen Welt, dafür ein Pimmel Riot – also statt Pussy, ein vermummter männlicher „Widerständler“. Wogegen? Wurscht. Das ist schon sehr provokant-bieder gemacht. Eine gelungene Leistung. Gar nicht zu sprechen, von dem hingeworfenen Umgang mit den Worten KZ (Job: Arbeit macht frei!), Holocaust (Kündigung) und Heil Hitler! Minajew, der Wortverkrasser, hat Recht, man muss nicht immer im eigenen Gulag herumstirln. Bravo, Ali. M. Abdullah für den Mut, das so darzubieten. Und Bravo an Breyvogel, Dolezal und Wagner, von denen man gern mehr gesehen hätte. Bis die letzte Line um 23 Uhr gezogen war.

Irgendwann sagt Tim Breyvogel (pardon, wenn es ein anderer war, es war zwischendurch ein bissl kuddelmuddelig): „Und dann nennt man das ganze Kunst. Und ihr fresst die Scheiße.“ Und er teilt Wodka aus. Nehmen Sie sich ein paar Gramm. Nach Meidling, nach Meidling!

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Wien, 14. 11. 2014