Academy Awards Streaming: Neues aus der Welt

April 7, 2021 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Paul Greengrass‘ Western ist nominiert für vier Oscars

Captain Jefferson Kyle Kidd will Johanna zu ihren Verwandten bringen: Tom Hanks und Helena Zengel. Bild: Bruce Talamon – © 2020 Universal Studios. All Rights Reserved.

Zwar in keiner der Hauptkategorien, aber immerhin in vieren ist Paul Greengrass‘ Westerndrama „Neues aus der Welt“ mit Tom Hanks und Helena Zengel nominiert. Am 25. April, bei den Academy Awards 2021, könnte es punkto Beste Kamera für Dariusz Wolski, Bestes Szenenbild für David Crank und Elizabeth Keenan, Beste Filmmusik für James Newton Howard und Bester Schnitt für Oliver Tarney und Team „and the Oscar goes to“ heißen. Hier noch mal die Filmkritik vom Februar 2021:

Die Frohe Botschaft im Vorhof der Hölle verkünden

Eine Kinopremiere blieb Regisseur und Drehbuchautor Paul Greengrass‘ Westerndrama „Neues aus der Welt“ Corona-bedingt versagt, und so kam Netflix die Ehre zu, die Produktion der Universal Studios ins Programm zu nehmen. Oscar-Preisträger Tom Hanks und Helena Zengel, die bereits in „Systemsprenger“ von Nora Fingscheidt mit ihrer schauspielerischen Stärke beeindruckte (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=34792), fahren als Sezessionskriegsveteran und Waisenmädchen durch tief gespaltene Vereinigte Staaten.

Ein Western als Gegenwartskritik. Diesbezüglich angesprochen auf „Lügenpresse“ und Fake News, auf #BlackLivesMatter und Verschwörungstheorien, Stickwort: Mauer zu Mexiko, sagte ein schmunzelnder Greengrass zu deadline.com, er hätte den Roman von Paulette Jiles gelesen und seine „Wünschelrute“ habe eben reagiert. In seinem epischen Werk der wenigen Worte schickt er Tom Hank als ehemaligen Südstaaten-Helden auf ein Himmelfahrtskommando; dies das Bild, das dieses Roadmovie bestimmt:

Mitten im Post-Bürgerkriegs-Purgatorium steht Jefferson Kyle Kidd im Wortsinn mit dem Rücken zur Wand, umringt von einem volltrunkenen Lynchmob verrohter Büffelschlächter, Mexikaner-Mörder, Schwarzen-Killer und Indianer-Hasser. In den Augen der Männer kocht heiß die durch das Unionsheer erlittene Schmach, die Demütigung durch den Norden, als wär’s nicht schon fünf Jahre her und immer noch hat der Feind in der Heimat das Sagen, ein wahrer Hexersabbat, ein Teufelstanz ist in Erath County zugange.

Herr und Meister über dies gesetzlose Niemandsland ist ein diabolischer Uncle Sam namens Mr. Farley, Darsteller ist Thomas Frances Murphy, der seine „Familie“ mit eiserner Faust befehligt, und damit dies auch so bleibt Kidd und Johanna mit gezogener Waffe in seine Stadt bittet … Johanna? Ah ja! Zurück auf Anfang: Als gewesener Konföderierten-Captain Jefferson Kyle Kidd kutschiert Tom Hanks im Jahr 1870 kreuz und quer durch Texas, um sich seinen bescheidenen Lebensunterhalt zu verdienen, indem er Unterhaltsames, Wundersames, Grausames aus den aktuellen Zeitungen vorliest – im Schummerlicht der Gaslaterne und mit Vergrößerungsaugenglas fürs Kleingedruckte.

Er berichtet vom Eisenbahnbau, von tödlichen Epidemien und Abenteuern aus fernen Welten, für sein leseunkundiges Publikum meist hochdramatisch aufbereitet – und mit Cheers! und Boohs! und „Texas first!“ bedankt, letzterer ein Ruf, bei dem die Yankee-Soldaten am Eingang in Habtachstellung gehen. Kidd bringt den Bildungsfernen im Wilden Westen laut Titel „Neues aus der Welt“, Infotainment für einen Dime, Nachrichten von jenseits des Horizonts samt den „Federal News“, die hier keiner hören mag, die Forderung von Präsident Ulysses S. Grant, in Texas endlich die Sklaverei abzuschaffen, heißt: die Ratifizierung des 13. Zusatzartikels der Verfassung, ein Muss, damit die Region wieder Teil der Union und ein Bundesstaat werden kann.

Captain Kid und Johanna wehren sich … Bild: Bruce Talamon – © 2020 Universal Studios. All Rights Reserved.

… gegen Almays Männer: Michael Angelo Covino. Bild: Bruce Talamon – © 2020 Universal Studios. All Rights Reserved.

Leonberger: Neil Sandilands und Winsome Brown. Bild: Bruce Talamon – © 2020 Universal Studios. All Rights Reserved.

Abschiedsschmerz: Helena Zengel und Tom Hanks. Bild: Bruce Talamon – © 2020 Universal Studios. All Rights Reserved.

Da, eines Tages auf dem Weg, ein umgestürzter Wagen, ein erhängter Schwarzer, der wohl auf Beamte der Indianerbehörde hoffte, aber offensichtlich Gegnern der Sklavenbefreiung in die Hände fiel, an die Brust geheftet ein Zettel: „Texas sagt Nein! Das ist das Land der Weißen“, und ein blondes Mädchen, gekleidet wie eine Indianerin, die Kidds Fragen in schlechtem Deutsch oder perfektem Kiowa beantwortet.

Zikade nennt sich die Kleine, als die Helena Zengel den großen Tom Hanks ziemlich an die Wand spielt, und einem Schreiben entnimmt er, dass „Johanna Leonberger“, deren deutschstämmige Siedler-Eltern vor Jahren von den Kiowa abgeschlachtet und sie als Kleinkind vom Stamm entführt worden waren, zu Verwandten nach Castroville gebracht werden soll. Die Aufmerksamkeit des internationalen Filmbusiness‘ ist der Zwölfjährigen mit diesem Auftritt als Findelkind gewiss. Zengel schlüpft in die Rolle der doppelt verwaisten, denn nun haben die Weißen ihre Kiowa-Eltern getötet, der Sprachbarrieren wegen fast stummen Johanna wie diese in ihr Lederkleid.

In den Augen den wissenden Blick einer jahrhundertealten Weltenkenntnis, das Temperament, die Temperatur wechselnd von Verletzlichkeit zu Verzweiflung, von Sturheit zu Trotz zu einer stolzen Eiseskälte, mit der die junge Frau der First Nation die Errungenschaften der Neuen Nation ablehnt, Rüschenkleidchen, Essbesteck etc., derart ist Zengel die Sensation des Films. Greengrass braucht Johannes Story nicht in Flashbacks erzählen, er erzählt sie einzig und allein über Helena Zengels Gesicht.

Welch ein Sittenbild. Rebellen unterm Blood-Stained Banner auf Kriegspfad gegen die Washingtoner Gesetzeshüter – das Hinterland, durch das Kidd zieht, fühlt sich damals wie heute vom Kapitol verraten -, die Native Americans bis zur Grenze des Genozids verfolgt, eine Besatzungsarmee, der alles egal ist, solang der Eisenbahnbau voranschreitet, eine verheerte, verkehrte Welt – und zwischendrin Tom Hanks‘ Kidd, der wie die sprichwörtliche Jungfrau zum Kind kommt.

Denn niemand will die „Wilde“, keiner fühlt sich zuständig. Bei diesem selbstbestimmten, aufmüpfigen Kind endet die christliche Nächstenliebe. Kidd und Johanna, die keiner der sich hysterisch befehdenden Gruppen zugehören, mussten im Lone Star State zueinanderfinden, ihre Annäherung erfolgt in der Einsamkeit der weiten Prärie, womit „Neues aus der Welt“ alle Westernelemente hat, die’s braucht. Er lehrt sie „Zivilisation“, sie bringt ihm die Natur in ihrer Ganzheit und deren Schützenswürdigkeit nahe.

Winsome Brown. Bild: Bruce Talamon – © 2020 Universal Studios.

Tom Hanks. Bild: Bruce Talamon – © 2020 Universal Studios.

Helena Zengel. Bild: Bruce Talamon – © 2020 Universal Studios.

Hanks wirft sein komplettes Guter-Kerl-Sein in die Waagschale, wie ein Prediger verkündet Vorleser Kidd Greengrass‘ Frohe Botschaft im Vorhof der Hölle: Nur wenn alle bereit sind, einander zuzuhören, voneinander zu lernen, kann Frieden entstehen. Allein Humanität und Respekt vor allem Lebendigen – und das inkludiert Mutter Erde – machen aus den Schlacht- wieder Erntefelder. Schade, dass diverse FilmkritikerInnen diesen Gedanken alsbald als „totgeritten“ empfanden.

Greengrass bedient sich gleichnishafter Szenen: In Dallas, wo man erfährt, dass Witwer Kidd durchaus kein Heiliger ist, da er in Saloonbesitzerin Miss Gannett, Elizabeth Marvel, eine Bettgenossin hat, will ihm der Schurke Almay mit seinen Kumpanen, schön sinister: Michael Angelo Covino mit Clay James und Cash Lilley, Johanna für 50 Dollar abkaufen. Die Kunde von der verwaisten „Rothaut“ aus Wichita Falls hat bereits die Runde gemacht, die Männer wollen sich mit einem exotischen Spielzeug vergnügen, erst „die Blauen“ beenden die Schlägerei.

Dass Almay blutige Rache schwört, führt zu einer der wohldosierten Actionszenen im Film, ein Shootout, bei dem sich Johanna als erfahrene Kämpferin erweist. Die Bildmacht, mit der Kameramann Dariusz Wolski zu überwältigen weiß, ist überbordend. Vom Himmel her fängt er entgrenzende Panoramen ein, Landschaftsgemälde von einem Viehtrieb oder einem Planwagentreck, alle unterwegs dorthin, wo das Gras grüner sein soll. Wolski drückt sich im Halbdunkel an Türöffnungen mit freiem Blick auf Liebeslager vorbei, er rast mit einer sich überschlagenden Kutsche den Berg hinunter und duckt sich bei Schusswechseln hinter Felsen.

„Neues aus der Welt“ ist ein Kinostart von Herzen zu wünschen, auf der großen Leinwand wird das alles besser zur Geltung kommen: die Verfolgungsjagd durch die potenziellen Kidnapper Johannas, die Schießerei und die Prügelei. Das macht Tempo, bevor sich Raum und Zeit auf dem Marsch unter gleißender Sonne wieder zerdehnen. Wie ein Geistbild wirkt Johannas Gang ins Haus der Toten; Kidd und sie finden eine zerstörte Kiowa-Siedlung; Johanna entdeckt in Chaos und Gerümpel eine Strohpuppe und behält sie. Nur wer sich erinnert, kann nach vorne blicken, sagt sie im Kiowa-Englisch-Deutsch-Gemisch, das ihre gemeinsame Sprache mit Kidd wird.

Im beredten Schweigen finden sich Kidd und Kind. Nur einmal verlieren sie einander, in einem Sandsturm, der auf zauberische Art und Weise einen Indianerstamm auf dem Zug in die Reservate materialisiert, Schemen von zermürbten Gesichtern und zerlumpten Gestalten – und wieder verweht. Noch ein Geistbild, und kein stolzer Krieger, nirgendwo. Message kann Greengrass auch in der eingangs beschriebenen Farley-Szene. Der Clan-Chef will Kidd als Propagandist seiner zu Heldentaten stilisierten Gräueltaten missbrauchen.

Der Indianerbeamte als Opfer eines Lynchmob. Bild: Bruce Talamon – © 2020 Universal Studios. All Rights Reserved.

Im Wagentreck: Helena Zengel und Tom Hanks. Bild: Bruce Talamon – © 2020 Universal Studios. All Rights Reserved.

Die Metropole Dallas anno 1870. Bild: Bruce Talamon – © 2020 Universal Studios. All Rights Reserved.

Umzingelt von Mr. Farleys „Familie“. Bild: Bruce Talamon – © 2020 Universal Studios. All Rights Reserved.

Doch statt aus Farleys County-Postille vorzulesen, beginnt Kidd mit einer Parabel aus Pennsylvania. Dort hätten sich nach einem schweren Minenunglück einige wenige der lebendig Begrabenen aus der Tiefe ans Licht, in die Freiheit gekämpft, worauf die Kohlekumpel gegen die schlechten Arbeitsbedingungen protestierten, ja, sogar eine Gewerkschaft gründeten! Was Wunder, dass Mr. Farley sich alsbald mit einem Aufstand in den eigenen Reihen konfrontiert sieht. Kurioser lässt sich das „Alle Menschen sind frei und gleich an Würde und Rechten geboren“ kaum illustrieren.

Bleibt: Castroville, wo Kidd Johanna den seltsamen, bigotten Onkel und Tante Wilhelm und Anna Leonberger, Neil Sandilands und Winsome Brown, aushändigt [um ein Haar hätte man geschrieben: ausliefert]. Sie mögen das traumatisierte Kind, das Menschlichkeit und Wärme braucht, in seinem Wissensdrang befördern und ihm Bücher geben, empfiehlt Kidd. „Sie muss arbeiten“, befindet der Onkel, und da das nicht funktioniert und sie immer wieder wegläuft, wird Johanna wie ein Tier mit einem Strick an einen Pfosten gebunden. Zum Glück kommen Kidd, der seit Tagen unterwegs nach San Antonio ist, Zweifel, ob seine Entscheidung Johanna den Leonbergers zu überlassen richtig war. Die wilde Waise hat sein vom Krieg gebrochenes Herz kuriert …

Mit „Neues aus der Welt“ ist der Zuschauer, die Zuschauerin unterwegs in einer Welt der Weißen, und es wird an keiner Stelle so getan, als hätten die Vertriebenen oder eben noch Versklavten schon Anspruch auf einen Platz darin bekommen. Präsent sind sie dennoch, die Schuld steht verdrängt im Raum. Das Elend der vermeintlich Privilegierten allerdings auch. Nur schlimmste Verbrecher, wie Almay und Mr. Farley, sind von Grund auf böse, allen anderen gewährt Greengrass eine zweite Chance.

Trotz Zeitbezug vermeidet „Neues aus der Welt“ tagesaktuelle Predigten und lässt stattdessen lieber Tom Hanks seine ganze Gravitas in der ersten (!) Wildwest-Variante seines Good American ausspielen. „Ich verstehe euch ja“, sagt der vernunftbegabte Kidd zu seinen Zuhörern, „wir alle leiden“, doch es könne nicht länger um den Nord-Süd-Konflikt gehen, man müsse endlich eins werden. Dass Kidd nach 1865 auf der Verliererseite und nicht auf der der Gewinner steht, ist ein Kunstgriff von Autorin Jiles, den Hanks mit breitgekautem Texas-Idiom zu bedienen weiß.

Zu Helena Zengel entwickelt der Hollywood-Star eine natürlich wirkende distanzierte Nähe, die den Film mühelos über zwei Stunden trägt. Des alten weißen Mannes und des sich indigen fühlenden Mädchens vorsichtige, versöhnliche Annäherung und ihre stoisch-melancholische Heilsgeschichte ist genau der Western, den die Welt gerade braucht.

Trailer dt./engl.: www.youtube.com/watch?v=yGod2iwZQCs           www.youtube.com/watch?v=ZfrO7za1MBY           www.netflix.com

BUCHTIPP:

Sebastian Barry: „Tage ohne Ende“ und „Tausend Monde“: Die Bürgerkriegssoldaten Thomas McNulty und sein Geliebter John Cole adoptieren die Indianerwaise Winona – und finden in all dem Horror ein stilles Glück (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=31215); in der Fortsetzung leben sie glücklich auf einer Tabakfarm in Tennessee – doch alte Feinde lassen nicht lange auf sich warten (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=42818).

7. 4. 2021

Ein Hologramm für den König

April 25, 2016 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Tom Hanks findet den Brunnen in der Wüste

Tom Hanks als Alan Clay Bild: © X Verleih

Der Clash of Cultures hat anfangs etwas Faszinierendes: Tom Hanks freut sich als Alan Clay über den neuen Job in Saudi-Arabien. Bild: © X Verleih

Es ist schon eine Freude. Tom Tykwer hat in Dave Eggers Roman „Ein Hologramm für den König“ den Humor entdeckt. Einen feinen, leisen, der dem Freund und Autor selber gar nicht recht aufgefallen zu sein scheint. So gelingt es dem Filmemacher, und ab 29. April ist das in den heimischen Kinos zu sehen, aus der literarischen Skepsis über die Welt an sich und die Menschen im besonderen eine warmherzige Tragikomödie zu machen, eine gutgelaunte Satire über die Groteske des Lebens.

Tykwer erweitert Eggers „Andere Länder, andere Sitten, anderes Zeitgefühl“-Thema. Bei näherer Betrachtung, sagt er, sind die anderen nämlich gar nicht so anders. Man muss nur hinschauen, hinhören, verstehen wollen, auf die Leute zugehen – und schon … gibt es ein vollkommen unrealistisches Happy End, eine schöne Utopie über etwas, das in der Realität mit schlimmsten Strafen zu büßen wäre. Aber egal. Alle werden nicht, nein: sie sind längst schon Brüder. Mit seligem Lächeln gleitet man aus dem von Frank Griebe unaufgeregt, fast stoisch fotografierten Film, zurück in die eigene Wirklichkeit, aufgerufen und angespornt, es selber ein bisschen mehr zu versuchen, ein bisschen besser zu machen. Was sonst darf man sich von Kino wünschen? Dass diese Übung gelingt, ist im hohen Maße einmal mehr das Verdienst des wunderbaren Tom Hanks in der Hauptrolle.

Tom Hanks spielt Alan Clay, das ist nach „Cloud Atlas“ seine zweite Zusammenarbeit mit Tykwer. In Rückblenden, bestimmte Ereignisse rufen Erinnerungen wach, wird erzählt, was er alles verloren hat. Den Job in der Vorstandsetage, das Haus, die Ehefrau, die Studiengebühren der Tochter sind derzeit nicht zu bezahlen. In einer Albtraum-Achterbahnfahrt singt Hanks davon. Inspiriert vom Talking-Heads-Songs, … and you may ask yourself, how did I get here? Clay, der mittelmäßige Mittfünfziger, ausgestattet mit einem altmodischen Ehrenkodex übers Geschäftemachen, Verlierer der Bankenkrise, vom Arbeitsplatz Ausgestoßener ob der chinesischen Weltwirtschaftsübernahme, hat in einer neuen Firma eine neue Aufgabe zugeteilt bekommen. Die Bewährungsprobe. Die Überlebenschance eines Handlungsreisenden. Er soll in Saudi-Arabien eine IT-Anlage verkaufen, innovativste Hologramm-Kommunikationstechnologie für das Prestigeprojekt von König Abdullah, der mitten im Nirgendwo der arabischen Wüste eine strahlende Metropole errichten lässt. Das heißt, noch ist alles Baustelle, eine von Uli Hanisch tatsächlich in der Westsahara aus dem Boden gestampfte, und Clays Mitarbeiter darben und dursten in einem nichtklimatisierten Zelt. Aber die Präsentation wird vorbereitet, money is money, und die Amerikaner haben nicht vor in Saudi-Arabien auf Sand zu bauen. Nur der König kommt nicht und nicht.

Es ist ein gelungener Kunstgriff von Tykwer Eggers Metapher für die Komplettvernetzung der Welt als analogen Film angelegt zu haben. Tom Hanks, erklärt er im Interview, sei halt auch ein analoger Antiheld. Und so sieht man diesem wandelnden Anachronismus beim Scheitern zu, wie sich die Kummerfalten immer tiefer ins Gesicht graben, wie sein Lächeln ständig bemühter wird. Hanks wohldosiert das US-Hoppla-jetzt-komm‘-ich-Gehabe, sein Clay ist längst kein Macher mehr, sein angezählter Körper unter der Dusche symbolisiert deutlich, Amerika ist nicht mehr der Kraftmeier im Gefüge der Mächtigen. Die Saudis lachen sich sowieso einen weg, wenn er empört durch die Ödnis stampft, wenn er sich müht, im Stillstand Vollgas zu geben und dabei nicht an den Fleck kommt, wo er endlich sein vom Geld-Gott gegebenes Recht durchsetzen könnte. Die Saudis haben die gleiche Religion in anderer Aufmachung, und man kann immer den am wenigsten leiden, der einem tatsächlich am ähnlichsten ist.

Tykwer bringt vieles als Fußnote an. Die Nichtbeachtung der Menschenrechte, die Unterdrückung der Meinungsfreiheit, der Frauen, die Haftstrafen ohne Anklage und Gerichtsverfahren für politisch Oppositionelle, all das webt er in den Stoff ein, ohne dafür mahnend einen Zeigefinger heben zu müssen. In einer für das saudische System bezeichnenden, sehr stillen Szene verirrt sich Hanks‘ Clay in einem Hochhausskelett, landet in einem Streit junger philippinischer Gastarbeiter und alter Araber, ärmliche, erbärmliche Randexistenzen im Land der reichen Scheichs, um schließlich in einer luxuriös ausgestatteten Musterwohnung empfangen zu werden. Ein kühles Bier? Kein Problem. Das strikte Alkoholverbot? Kein Problem.

Alexander Black als Yousef mit Tom Hanks Bild: © X Verleih

„Yousef“ alias Alexander Black erklärt Clay einiges über Land und Leute. Bild: © X Verleih

Sarita Choudhury als Zahra mit Tom Hanks Bild: © X Verleih

Zahra, die Ärztin, lädt ihren Patienten in ihr Haus ein: Sarita Choudhury und Tom Hanks. Bild: © X Verleih

Tom Hanks als Alan Clay Bild: © X Verleih

Und Alan Clay findet den Brunnen in der Wüste. Bild: © X Verleih

„Es macht die Wüste schön“, sagt Antoine de Saint-Exupérys kleiner Prinz, „dass sie irgendwo einen Brunnen birgt.“ Und natürlich findet Alan Clay den seinen. Dave Eggers hat für sein Buch vor Ort recherchiert und die Menschen porträtiert, wie er sie getroffen hat. Clay lernt so Yousef kennen, seinen Fahrer. Und, weil ihm eine „Beule“ vom Rücken entfernt werden muss, die Ärztin Zahra. Beide brillant gespielt, vom gebürtigen Ägypter und Comedian Alexander Black und der bengalisch-indischen Schauspielerin Sarita Choudhury, beide angedacht als Sinnbild des Aufbruchs in einer Gesellschaft, in der Tradition über allem steht.

Zwischen diesen Polen lässt Black seine Figur pendeln. Diesen Studenten mit dem All-American-Musikgeschmack, von Elvis über „Chicago“ bis ELO, diesen Schelm, der sich nichts böses denkt, einen Ungläubigen Richtung Mekka und in die eigene Familie zu schmuggeln, der ändern und bewegen und politisch die Initiative ergreifen will. Würdet ihr uns unterstützen, wenn wir für Demokratie eintreten?, stellt er dem einen Amerikaner stellvertretend die Gretchenfrage. Das geht nicht runter wie Öl. Doch als er ihn, nun ein Freund, allein mit einer fremden Frau sieht, der Zornausbruch – es ist nicht leicht, ererbte Regeln neu zu denken. Kinodebütant Black ist eine Entdeckung für die Leinwand.

Die fremde Frau, die Ärztin, hat sich bereits auf den Weg in die Emanzipation gemacht. Sie lässt sich scheiden, sie hofft ihren Sohn zu einem besseren Mann zu machen, als es ihr Ehemann ist. Man kann Sitten auch unterworfen sein, lernt Clay, und Zahra zeigt ihm, wie man sie subtil unterlaufen kann.

Unter Wasser kommt es zum Kuss. Sarita Choudhury, bekannt aus der TV-Serie „Homeland“, spielt das mit großer Würde und Eleganz, gestaltet prägnant das Bild einer modernen Muslima, die ihre Chancen zu nutzen und Grenzen auszuloten und auszudehnen weiß. Hinter dem Schleier steckt viel mehr, als westliche Vorurteile sich vorzustellen zulassen. Dieses Verwirrspiel, es wird sich für Alan Clay am Ende lösen, er wird erkennen, dass die tausendundeine Nacht keine verklärt gefährliche Geschichte bleiben muss, wenn man sich auf sie einlässt. In einer Schlüsselszene geht er mit Yousef und dessen Cousins auf die Jagd, ein die Schafe reißender Wolf muss erlegt werden. Doch die Familie beginnt das Abendgebet, Clay sieht das Raubtier, legt an und – drückt nicht ab. Der Amerikaner hat verstanden, dass ihm dieser Schuß nicht zusteht. Als wisse zumindest er, dass man mit Waffen der Welt nicht Gesetz und Ordnung bringen kann. Hier noch ein Songtipp für Yousefs und Alans nächsten Roadtrip: Triumph – „Fight the Good Fight“.

einhologrammfuerdenkoenig.x-verleih.de

Wien, 25. 4. 2016

Die Kinohighlights im Herbst

August 6, 2015 in Film, Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Das flimmernde Dutzend

The hateful Eight: Kurt Russell und Samuel L. Jackson Bild: The Weinstein Company

The hateful Eight: Kurt Russell und Samuel L. Jackson
Bild: The Weinstein Company

Alles wird leinwand: Neben dem neuen James-Bond-Abenteuer „Spectre“ und „Star Wars – Das Erwachen der Macht“ gibt es im Kinoherbst allerlei Sehenswertes. mottingers-meinung.at freut sich auf folgende zwölf Filme:

September

Black Mass

Endlich einmal ohne Dreadlocks! Johnny Depp besinnt sich auf seine Kernkompetenz, nämlich Schauspieler statt Berufspirat zu sein, und gibt in Halbglatze den skrupellosen US-Verbrecher Joseph „Whitey“ Bulger, der seine lange Karriere auch dem Umstand zu verdanken hatte, dass er dem FBI als Informant im Kampf gegen die Mafia – die in seinem Territorium wilderte – diente. Verspricht ein spannender Mix aus Gangsterfilm und Biopic zu werden. An Depps Seite agieren unter anderem Benedict Cumberbatch und Kevin Bacon. Regie: Scott Cooper. Die Bostoner Unterweltlegende Bulger diente übrigens schon als Vorbild für Jack Nicholsons Figur Frank Costello in „Departed – Unter Feinden“.

www.blackmassthemovie.com

Oktober

Macbeth

Justin Kurzels Adaption von Shakespeares schottischem Stück ging beim diesjährigen Rennen um die Goldene Palme in Cannes zwar leer aus, das bildgewaltige Epos scheint aber allemal sehenswert zu sein. Michael Fassbender, derzeit im Western „Slow West“ in den heimischen Kinos zu sehen, und Marion Cotillard geben Macbeth und seine Lady. Laut Trailer sehr duster und sehr schön vom Wahnsinn umzingelt.

www.macbeth-movie.com

Hotel Transsilvanien 2

Teil eins des Animationsspaßes füllte 2012 weltweit die Kinokassen mit knapp 360 Millionen Dollar. Nun kommt die Fortsetzung der Gruselkomödie: Hotelbesitzer und Oberblutsauger Dracula hat, da sein Schwiegersohn ja einer ist, sein Haus nun auch für Sterbliche geöffnet. Sorgen macht ihm allerdings sein Enkel Dennis, der die Vampirsache nicht so recht ernst nimmt. Dracs Freunde Werwolf, Mumie und Frankensteins Monster sollen dem Nachtschattensprößling auf den Spitzzahn fühlen. Sicher wieder ein Riesenspaß.

www.hoteltmovie.com

Life

Anton Corbjins Biopic über James Dean lief schon bei der Berlinale. Dort war die Handlung manchen zu blutleer, allgemein gelobt wurden aber die schönen Bilder. Teenieschwarm Robert Pattinson schlüpft in die Rolle von Magnum-Fotograf Dennis Stock, der für das Life-Magazine Film-Enfant-terrible James Dean (Dane DeHaan, Variety nannte sein Spiel „magnetisch“) ablichten soll. Der Auftrag führt die beiden Männer, die unterschiedlicher kaum sein könnten, quer durch die USA. Das Leben des mit seinen 26 Jahren schon ziemlich biederen Familienvaters Stock wird von der Kinoikone kräftig zentrifugiert – bis aus Staunen Freundschaft entsteht. True Story! Mal schauen.

lifethefilm.com

The Walk

1974 balancierte der französische Hochseilartist Philippe Petit in schwindelnder Höhe zwischen den New Yorker Twin Towers. Robert Zemeckis (Drehbericht samt Aufnahmen des und Interview mit dem echten Philippe Petit: www.mottingers-meinung.at/?p=10367) machte aus dessen Buch „To Reach The Clouds“ einen hoffentlich spannenden Film. Joseph Gordon-Levitt spielt den Wolkenkraxler.

thewalkmovie.tumblr.com

November

Spectre

Wie’s im Geheimagentenbusiness nun mal so ist, ist das Meiste streng geheim. Da kann man trotzig ein Schnütchen ziehen wie Daniel Craig, hilft alles nix. Aber egal. Ist ja nicht anzunehmen, dass das jüngste James-Bond-Abenteuer „Spectre“ in den bewährten Händen von Regisseur Sam Mendes, der auch schon für „Skyfall“ verantwortlich zeichnete, nicht wieder zum Riesenspektakel wird. Handlung: Eine mysteriöse Botschaft aus Bonds Vergangenheit bringt den Superspion auf die Spur einer sinistren Organisation. Während M – Ralph Fiennes folgte bekanntlich auf Judy Dench – gegen Politkräfte kämpfen muss, die dem Secret Service ans Leder wollen, enthüllt die Doppelnull die Machenschaften von „Spectre“. Monica Bellucci fungiert als „Bond-Girl“, Ben Whishaw wieder als Q, Christoph Waltz gibt den Bösewicht mit dem österreichischen Namen Oberhauser. Ob der Blofeld ist oder nicht, sagt uns erst .. Auch darüber, wer den Bond-Song singt, brodelt derzeit noch die Gerüchteküche.

www.007.com/spectre

The hateful Eight

Pflichtprogramm! Quentin Tarantino zum zweiten Mal auf der Fährte der beiden Sergios. Mit „The hateful Eight“ schuf er wohl wieder eine astreine Hommage an den Italowestern, diesmal im Schnee wie weiland Corbuccis Meisterwerk „Leichen plastern seinen Weg (Il grande silenzio)“. Wie Klaus Kinski ist auch Kurt Russell als Kopfgeldjäger mit Postkutsche und Verbrecherin (Jennifer Jason Leigh) unterwegs, allerdings will er die Holde nicht à la Vorbild im Schnee tieffrieren, sondern sie – um eben dies zu verhindern – in einer Stagecoachstation zwischenparken. Dort gibt sich bereits allerlei lichtscheues Gesindel ein Stelldichein: Man hat noch eine Bürgerkriegsrechnung miteinander offen. Mit Samuel L. Jackson, Tim Roth, Channing Tatum und dem großartigen Bruce Dern als abgehalftertem General. Ennio Morricone macht die Musik.

thehatefuleight.com

Irrational Man

Woody Allen kann auch mit beinah 80 nicht aus seiner Haut, muss er auch nicht, er hat ja Erfolg damit. „Irrational Man“ heißt sein jüngster Alter-Ego-Film, Joaquin Phoenix darf diesmal den Stadtneurotiker spielen, allerdings in einem beschaulich-ländlichen College, wo er als Philosophieprofessor am Sinn-des-Lebens-Bezweifeln und Zwischen-zwei-Frauen-Stehen laboriert. Und deshalb (?) an Erektionsstörungen. Die angeblich schwarzhumorige Komödie, die sich zum Krimi entwickelt, soll bissfester sein als ihr Vorjahrsvorgänger „Magic in the Moonlight“.  UK- und US-Kritiken waren nicht durchwegs freundlich, also selber ein Urteil bilden.

www.sonyclassics.com/irrationalman

The Martian

Ridley Scotts Ankündigung den faden „Prometheus“ mit einem Sequel zu adeln, darf zwar als gefährliche Drohung verstanden werden, trotzdem ist Science Fiction vom „Alien“-Altmeister ein Cineastenmuss. Des Sirs jüngste Mission führt zum Mars, er hat Andy Weirs Weltraumroman „The Martian“ für die Leinwand gebannt. Der Marsianer ist kein grünes oder andersfarbiges Männchen, sondern der von Matt Damon gespielte NASA-Astronaut Mark Watney, der von seinen Kollegen irrtümlich auf dem roten Planeten vergessen wird. Ohne Möglichkeit zur Kommunikation und mit beschädigter Ausrüstung beginnt für den Botaniker auf dem unwirtlichen fremden Himmelskörper der Überlebenskampf. Mit Jessica Chastain, Jeff Daniels und Sean Bean, der hier nach „Herr der Ringe“ und „Game of Thrones“ den Film mutmaßlich überstehen wird. Wir freuen uns auf erwartungsgemäß tolle Bilder und eine klaustrophobische Stimmung.

www.foxmovies.com/movies/the-martian

Steve Jobs

Gerade erst hat die Oper von Santa Fe für 2017 die Premiere von „The (R)evolution of Steve Jobs“ aus der Feder von Komponist Mason Bates angekündigt, da kommt auch schon der nächste Film über das Apple-Genie ins Kino. Dem kann man nur mehr Glück wünschen als Ashton Kutchers abgestürztem „jOBS“. Garanten für ein vielschichtiges Werk über einen faszinierenden Zeitgenossen wären Autor Aaron Sorkin, Regisseur Danny Boyle und Hauptdarsteller Michael Fassbender jedenfalls. Dem gewieften Charakterdarsteller, dem keiner so schnell einen Apple für ein Ei vormacht (Tschuldigung, konnte nicht widerstehen 😉 ), sollte es doch möglich sein, Jobs überbordenden Geist, sein gefürchtetes Temperament, seine Kompromisslosigkeit und seinen Alleinherrscheranspruch in eine Figur zu gießen.

www.stevejobsthefilm.com

Dezember

Star Wars: Episode VII – The Force Awakens

Hurra, Harrison Ford, Carrie Fisher und Mark Hamill sind wieder da! Nach den unsäglichen Episoden I bis III geht’s nun mit Han, Leia und Luke hoffentlich in bewährter Manier flottilotti weiter. Über die Handlung des ersten Teils der dritten Trilogie ist nicht viel bekannt: Wiewohl der Todesstern hin ist, lebt das Imperium als „The First Order“ weiter. Prinzessin Leia schickt Piloten auf Erkundungsflüge, ein geheimnisvolles Lichtschwert soll der Schlüssel zu einem Grab der bösen Sith sein, weshalb Rebellenheld Han Solo sich der Sache annimmt. Der braucht die Hilfe von Jedi Luke Skywalker. Doch sein alter Freund und Schwager ist im Exil … Mit J. J. Abrams als Regisseur dürfen die Erwartungen ruhig hoch liegen. Harrison Ford hat nach Beinbruch am Set zwischenzeitlich bewiesen, dass er alles überleben kann, auch selbstfabrizierte Flugzeugabstürze. Carrie Fischer möge in ihrer berüchtigt grummeligen Leiar, äh Leier, für feministischen Touch sorgen. Das „Oh, Anakin!“-Gesäusel ihrer unemanipierten Mutter Padmé Amidala war ja nicht zum Aushalten. In diesem Sinne: Möge die Macht mit uns sein!

www.starwars.com/the-force-awakens

Bridge of Spies

In the shadow of war, one man showed the world what we stand for. So der erste Satz, mit dem sich der Film vorstellt. Und, ehrlich, wer möchte bei so viel US-Propaganda nicht sofort ins Kino laufen? Da ist bitte nur einem PR-Menschen der Schreiberling durchgegangen? Steven Spielberg und Tom Hanks stehen eigentlich für mehr Qualität. Und auch ihr deutschsprachiger Mitstreiter Sebastian Koch. Inhalt des Zeitgeschichtethrillers: Im Kalten Krieg wird ein amerikanisches Spionageflugzeug über der Sowjetunion abgeschossen. Anwalt Hanks soll mit den Russen in Verhandlungen treten, um den Piloten vorm Arbeitslager zu retten. Ein Austausch auf der Glienicker Brücke in Berlin wird vorbereitet …

bridgeofspies.com

Wien, 6. 8. 2015

Tom Hanks ist „Captain Phillips“

November 28, 2013 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Von Piraten gekapert

Bild: © 2013 Sony Pictures Releasing GmbH

Bild: © 2013 Sony Pictures Releasing GmbH

Sie gelten bereits als Oscar-Favoriten. Regisseur Paul Greengrass und sein Film „Captain Phillips“ und Hauptdarsteller Tom Hanks. Die Academy würde dem Charaktermimen damit den dritten Goldjungen verleihen. Oder sie kann sich einen anderen Blickwinkel gönnen und die Leistung eines jungen Darsteller in seiner allerersten Rolle ins Auge fassen: Barkhad Abdi alias „Piratenanführer Muse“. Piraten – da denkt man an Karibik und Jack Sparrow und Freibeuterromantik. Die Angriffe auf Schiffe vor der somalischen Küste haben damit nichts zu tun. Diese Piraten sind verzweifelt, ergo gewaltbereit, abhängig von lokalen Warlords; wegen gnadenloser internationaler Fischerei in ihren Heimatgewässern sehen sie in der Freibeuterei ihre einzige Chance. „Captain Phillips“ erzählt eine wahre Begebenheit. Am 8. April 2009 wurde Kapitän Richard Phillips auf seinem Containerschiff  „Maersk Alabama“ geentert. Er transportierte Lebensmittel für das UN-Welternährungsprogramm. Er brachte seine Mannschaft in Sicherheit. Er verarbeitete die Erinnerungen an seine Gefangennahme und die Todesdrohungen im Buch „Höllentage auf See“ (Heyne Verlag). Die Grundlage für Greengrass‘ Film.

Der sich jeder Eindimensionalität verschließt. Schon die Eingangssequenz erzählt die Geschichte zweier Welten – in einem staubigen afrikanischen Küstendorf werden vier Halberwachsene von Schlägertypen gezwungen „Geld zu machen“; Phillips verabschiedet sich im malerischen Vermont von seiner Frau -, später, wenn Erste und Dritte Welt kollidieren, wird es ein Überlebenskampf für alle werden. Die US-Marine macht sich auf den Weg … Eine ausweglose Pattsituation, vom Briten Greengrass gleichzeitig als Thriller und Porträt, als Infight zweier Männer aufgelöst. Tom Hanks zeigt seine beste Leistung seit „Road to Perdition“. Als Durchschnittssympathler ohne Bock auf Heldentum. Als einer, der stoisch versucht, den Durchblick zu bewahren – und doch vor Angst vergeht. Sorgenvoll, aber komptent, als er die über das Wasser fliegenden Nussschalen sieht, ein selbstmörderisches Kommando, das vor Mord nicht zurückschrecken wird. Hanks hat sich in der Vorbereitung auf die Rolle mit Richard Phillips getroffen. „Was mich an ihm am meisten erstaunte“, so der Leinwandstar, „war seine unerschütterliche Hingabe an die See. Nach allem, was ihm passiert war, war er immer noch ein Mann, der einfach seinen Job erledigt, weil ihn einer erledigen muss. Ohne groß nachzugrübeln: Warum ich? Ich wusste gleich, dass diese Charaktereigenschaft herauszuarbeiten wichtig für die Figur war, denn niemand, der’s nicht erlebt hat, kann sich vorstellen, was es heißt, eine Geisel zu sein.“

Als Hanks‘ Gegenspieler wollte Greengras, der wie stets auf den dokumentarischen Stil setzt, auf Handkameras und Stakkato-Schnitt wegen der „Authentizität“, somalische Schauspieler. Nur: Die gibt es nicht. So castete man in der größten somali-amerikanischen Gemeinde in Minneapolis, Minnesota. Und fand neben drei weiteren Talenten Barkhad Abdi für die Rolle des Muse. Geboren im Mogadischu und aufgewachsen im Jemen kam er mit seiner Familie 1999 in die USA, damals 14 Jahre alt, heute ein sehr schlanker Schlacks. Erbärmlich dürr im Vergleich zu den Marines-Muskelpaketen. Die Situation der somalischen Piraten nachvollziehbar zu machen, war ihm ein persönliches Anliegen: „Ich habe immer noch Familie dort“, so Abdi. Und weiter: „Ich möchte Piraterie nicht entschuldigen, aber ich glaube, dass Muse ein anderes Leben gelebt hätte, wenn es ihm möglich gewesen wäre, ein Fischer zu bleiben. So aber wurde er aufgrund globaler Umstände zu einem Fusssoldaten in einem Krieg, den ER ganz sicher nicht gewinnen kann. Das muss man den Leuten auch einmal erzählen.“

Und das tut Greengras. Schlicht, ohne moralischen Zeigefinger, ohne Pseudopsychologie. Statt dessen vielschichtig, aufrichtig  und spannend.

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Wien, 28. 11. 2013