Werk X: Dunkel lockende Welt

Oktober 25, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Creepy Zirkus um einen kleinen Zeh

Als wär‘ die dunkel lockende eine unter der realen liegende, ins Irreale verzerrte Welt: Constanze Passin als Kieferchirurgin Corinna Schneider. Bild: © Matthias Heschl

Pianola, Salonflügel, Akkordeon. Wojo van Brouwer tastet sich an die Tasteninstrumente heran, rangiert und arrangiert sie auf der Spielfläche, positioniert sich erst als Klavier- falschspieler, bevor er zur Quetschkasten-Kakophonie übergeht. Das Gesicht gekalkt, die Lippen blutrot, um die Augen einen Hauch Blau, heißt so viel wie – Manege frei für die Händl-Klaus-Clowns! Diese allerdings sind nicht die von der heiteren, sondern von der horriblen Sorte, also: mehr Pennywise als Pierrot.

Nurkan Erpulat hat im Werk X die „Dunkel lockende Welt“ des Tiroler Dramatikers inszeniert, und der Zirkus, der im Text um einen kleinen Zeh gemacht wird, ist bei ihm definitiv creepy. Changiert das Stück, 2006 von Theater heute zu dem des Jahres gewählt, zwischen bestialischer Lakonie und banaler Abgründigkeit, so trifft der Regisseur diesen Ton genau. Das Stafettenspiel dreier Zweierbegegnungen gerät ihm großartig – monströs, morbid, makaber. Erpulat entwickelt die kuriose Komödie zur Krimigroteske, formt aus den Händl-Klaus’schen Charakteren Kunstfiguren, scheut weder Kaugummi-Slapstick noch Plattitüden-Smalltalk.

Im gleichen Geiste erkunden die Darsteller Constanze Passin, Wiltrud Schreiner und Woja van Brouwer die Grenzen zum Outrieren, genussvoll loten sie die Untiefen ihrer Rollen aus, Passin als fahrige Kieferchirurgin Corinna Schneider, die ihren ersten Auftritt als saubermach‘-süchtige Bodenturnerin absolviert; van Brouwer als schrecklich schrulliger Vermieter Joachim Hufschmied, der jederfrau Mutters abgetragene Garderobe aufzwingen will, diese tot und eingeäschert, die Urne irgendwo in den Kartons mit dem guten Porzellan, gegen die er so gern tritt; Wiltrud Schreiner als Corinnas Mutter Mechtild, eine ans Anpacken gewöhnte Biologin, deren Stärke nicht das aktive Zuhören ist.

Es erklingt Kakophonie auf dem Akkordeon: Wojo van Brouwer als Vermieter Joachim Hufschmied. Bild: © Matthias Heschl

Ein sehr großes Gerüst für nur einen kleinen Zeh: Constanze Passin. Bild: © Matthias Heschl

Suada über Photosynthese: Wiltrud Schreiner als Mutter Mechtild mit Constanze Passin. Bild: © Matthias Heschl

Späte Erkenntnis über ein Kennen von früher: Wiltrud Schreiner und Wojo van Brouwer. Bild: © Matthias Heschl

Unfassbares könnte passiert sein. Corinna, vorgeblich auf dem Weg in den peruanischen Dschungel, um dort „Hasenscharten auszumerzen“, will ihre Leipziger Wohnung Herrn Hufschmied übergeben, doch findet der in einer Ecke einen abgehackten kleinen Zeh, eindeutig menschlich, sie sagt von Anatomiestudien, aber – Fingerzeig: Freund Marcel ist schon die Wildnis vorausgeflogen. Das an sich schon schräge Gespräch mit dem Hausherrn wird für die Putzteufelin zum Spießrutenlauf durch immer abstrusere Ausreden. Man findet sie, tatsächlich job- wie obdachlos, bei Mutter in München wieder, die sie beauftragt, vom südlichen in den östlichen Freistaat zu reisen, um „einen Gegenstand“ zu holen.

Eintreffen Mechtilds bei Joachim, die beide zu spät erkennen, dass man einander von früher kennt. Noch ein schauriges Geheimnis, und weil das Ganze eben vom Händl Klaus ist, kommt am Ende natürlich ein Kater vor. Carlos, der dem Konflikt-Zeh kotzend den Garaus macht. Diesen hat Turgut Kocaman in gigantischen Ausmaßen designt, ein riesiges, schwarzweißes Kunstwerk, das auf zwei übermannsgroße Gerüste montiert ist, auf denen – siehe Szene drei – ein Koitus zur Schwerstarbeit wird. Die Bühne hat Ausstatter Renato Uz mit glänzender Folie ausgeschlagen, in der sich die allesamt weiß gewandten Schauspieler wiederspiegeln, als wär‘ die dunkel lockende eine unter der realen liegende, ins Irreale verzerrte Welt. Van Brouwers Vermieter trägt selbstverständlich auch Tania Blixens Buch unter den Arm geklemmt.

Für jede Episode hat Erpulat einen eigenen Dialogstil, anderes Temperament, anderes Tempo vorgegeben. Zwischen Corinna und Joachim ergießen sich Inhalte Über-Leben, er schwadroniert sich ins Elegische, sie antwortet gedrängt, und keine Übereinkunft nirgendwo, spricht sie von entzündetem Zahnfleisch, dann er von seiner ebensolchen Seele. Im spektralfarbenen Prismaschatten antwortet Corinna ihrer Mutter in Stakkato-Halbsätzen. Die monologisierende Mechtild ist nämlich kaum zu unterbrechen, für ihre akademische Suada über Photosynthese bekommt Wiltrud Schreiner sogar Szenenapplaus, alldieweil Frau Dr. im Vortragmodus die verzweifelten Hilferufe ihrer heimgeflüchteten Tochter geflissentlich ignoriert.

Morbid, makaber, alkoholisiert: Wojo van Brouwers Joachim und Constanze Passins Corinna geben sich per Hochprozentigem die Kante. Bild: © Matthias Heschl

„Dunkel lockende Welt“ ist ein fabelhaftes Totsein- oder Taubstellen-Stück, ein Text über die Abwesenheit von Geborgenheit, übers Fehlen von Gefühlen, diese zwei verwandten Wesen, deren Darbietung nicht als Kraft-, sondern Luftakrobatik – samt Lügennetz unterm Trapez – vonstatten geht. Die Artisten-Akteure turnen ohne Punkt und Komma von Satz zu Satz, Sätzen, in denen ein Bonmot das andere ergibt, wo man einander nach dem Mund redet, sich ins Wort fällt, ergänzt und unterbricht.

Hinter laut ausgesprochenen Unwahrheiten lauert die unausgesprochene Wahrheit, und diese ist zumindest für die Zuschauer nur schlecht versteckt. Händl Klaus und Nurkan Erpulat hantieren Wiederholungen wie drollige Requisiten. Die ständig aufs Neue malträtierten Klaviertasten. Das Abwarten und Alkoholtrinken. Die von Joachim als absonderlichen Schatz angebotene Altkleidersammlung seiner Mutter, ein Stoffhaufen von dem Mechtild knapp vor Sex kippt, was die Schreiner mittendrin zum Lachen bringt. Erpulat zieht Händl Klaus‘ durchdrehende Sprechschraube bis zum Anschlag an. Herrlich ist es, wie sich Wiltrud Schreiner und Wojo van Brouwer in der Schlussszene in die Höhe lizitieren. Allein ihr Exkurs über finnische Wintergräber, sie werden solange die Erde weich ist prophylaktisch ausgehoben, um Verstorbene später im hartgefrorenen Boden beerdigen zu können, ist den Besuch dieses Theaterabends wert.

„Ich schöpfe aus der Lücke“, sagt Joachim, und „Soll ich die Luke öffnen?“, wird Mechtild aufs improvisierte Kleiderlager gebettet rückfragen. Ringsum Schutt und Mutters Asche und ein bestens amüsiertes Publikum. Das mit viel Jubel und Applaus diesen skurrilen Schwank ums Sein oder Nichtsein und Nichtmehrsein bedankte.

werk-x.at

  1. 10. 2019

Wiener Festwochen: Bluthaus

Mai 14, 2014 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Händl Klaus im Gespräch

Probenfoto: Nurith Wagner-Strauss

Probenfoto: Nurith Wagner-Strauss

Am 21. Mai wird im Theater an der Wien die Oper „Bluthaus“ uraufgeführt. Nach dem Tod von Vater und Mutter möchte Nadja ihr Elternhaus verkaufen. Gemeinsam mit einem Makler führt sie die Interessenten durch die Räume. Nachbarn treten hinzu, und allmählich entschleiert sich ein so unfassbares wie grausames Geheimnis: das inzestuöse Verhältnis des Vaters zu seiner Tochter.
Dieses Bluthaus der Erinnerungen voller Schatten und Geister lässt ganz unmittelbar an Alfred Hitchcocks „Psycho“ oder Stanley Kubricks „Shining“ denken. Auch die Musik von Georg Friedrich Haas schreckt keineswegs vor lautmalerischen Gesten oder dem Klangarsenal des Horrorgenres zurück. Sprachlich aufs Äußerste reduziert, spannt sie einen Bogen vom Sprechgesang hin zu unwirklich schönen Gesangspartien, naturalistischen Beschwörungen des Windes, pochenden Klopfzeichen, gleisend-irisierenden Klangschichten und dunklen orchestralen Farbbändern. „Bluthaus“ ist die erste Zusammenarbeit zwischen dem Schriftsteller Händl Klaus und dem Komponisten Georg Friedrich Haas. Nach der Premiere 2011 bei den Schwetzinger Festspielen wird bei den Wiener Festwochen die Uraufführung der neu komponierten Fassung präsentiert. Ein Gespräch mit Händl Klaus:

MM: Wie kamen Sie auf die Idee zum Libretto für „Bluthaus“? Die Leute denken an Hitchcocks „Psycho“, „Shining“, Brittens „Turn of the Screw“, manche an Natascha Kampusch. Woran haben Sie gedacht?

Händl Klaus: Es ist Gespenstermusik – im Kopf einer jungen Frau, Nadja, die von ihren Eltern zerstört worden ist. Diese Eltern sind zwar gestorben – aber die Tochter kann sich nicht lösen, von ihrer eigenen Vergangenheit, die ihr eingeschrieben ist. Nach wie vor hört sie die Stimmen der Toten, die zerstörerisch weiterwirken. Und die Musik ermöglicht, dass diese Gespenster leibhaftig auftreten und tatsächlich wieder zugreifen und sprechen, wie auch das Haus spricht mit all seinen Gegenständen. Mir ist das eingefallen, kurz nachdem ich „Nacht“ gehört hatte, die erste Oper von Georg Friedrich Haas, in der er schon mit Sprech- und Singstimmen arbeitet anhand von Hölderlin-Fragmenten. Das war ein so starkes Erlebnis – das hat mich drei Wochen später auf die Grundsituation von „Bluthaus“ gebracht. Obwohl es in „Nacht“ um etwas ganz anderes ging. Das war vor mittlerweile sechzehn Jahren – und ich hätte nie geglaubt, dass ich Georg eines Tages begegnen und diesen Stoff vorstellen dürfen würde. Ich hab zwar Notizen für „Bluthaus“ gesammelt, aber gedacht, das werde, wie so vieles andere, in der Schublade bleiben. Doch es hat mich immer wieder beschäftigt. Und schließlich hat uns Georges Delnon, der Intendant von Basel und Schwetzingen, den ich von Beat Furrers „Wüstenbuch“ her kannte, zusammengebracht. Er schickte mir einfach ein SMS: „Hättest du Lust, ein Libretto für G.F.Haas zu schreiben?“ Ohne zu ahnen, wie viel mir Georgs Musik bedeutet! Und zwei Tage später war es soweit, da trafen wir uns, und ich rannte offene Türen ein.

MM: Wie funktioniert das Projekt nun?

Händl Klaus: Die Handlung ist einfach und eigentlich zielstrebig – Nadja will das „böse“ Haus, in dem auf Schritt und Tritt das Blut der Eltern klebt, abstoßen. Sie selbst, die Eltern und der Makler, der ihr nahekommt, haben Singstimmen – quasi eine Familienmusik – während die Kaufinteressenten, die das Haus begutachten, von Schauspielern verkörpert werden, die trocken sprechen, eingebettet in Nadjas Musik, ihr Empfinden. Dank der Musik sind wir „im Innern“ – wir hören und fühlen mit Nadja. Es gibt keine „Außensicht“ auf das Opfer – das hätte Nadja erneut zum Opfer gemacht. Und das ist die Leistung dieser unglaublichen Musik – sie macht hörbar, wie diesem Menschen geschieht, die nicht mehr in Worte faßbaren, einander widerstrebenden Empfindungen.

MM: Die Wiener Festwochen nennen die Produktion Uraufführung einer Neufassung von Schwetzingen. Das heißt?

Händl Klaus: Georg hat etwa vierzig Minuten Musik neu komponiert – die Stimmen der Eltern anfangs, die Begleitumstände der Kaufinteressenten, die Stimmen der drei Maleta-Buben, und vor allem den Liebesakt mit dem Vater. Am Text aber hat sich nichts geändert.

MM: Was ist der Dreh- und Angelpunkt der Geschichte? Wie wird das Innenleben der sexuell missbrauchten Nadja dargestellt? Wie kann man das machen?

Händl Klaus: Es ist, als würde Nadja in einen Spiegel schauen, der ständig zerbirst – es ist unerträglich geworden. Sie steht wie im Auge des Taifuns, dauernd schwirren Splitter des eigenen Spiegelbilds um sie her, sie kann kaum noch agieren. Dieses Bewußtsein schafft die Musik. Auch die Sprache löst sich auf, sie greift ins Leere.

MM: Georg Friedrich Haas hat in einem Interview gesagt, er habe entlang Ihres Textes komponiert. Das ist ein großes Kompliment.

Händl Klaus: Das hat mich wahnsinnig gefreut. Es ist ja in erster Linie für mich das große Glück, ihm begegnet zu sein, da sich durch seine Musik Vorgänge ausdrücken lassen, die ich sprachlich nur anreißen kann. Wir befinden uns aber im selben Raum, wir denken beide sowohl sprachlich als auch musikalisch. Ich denke schon im Schreiben an die Musik – es ist ja auch so, dass ich die Sänger kenne, das hilft. Da gehe ich von etwas Vertrautem aus und gemeinsam in etwas Fremdes hinein.

MM: Das ist Ihr erstes gemeinsames Werk …

Händl Klaus: Aber wir gehen weiter. Wir haben letztes Jahr in Schwetzingen „Thomas“ gemacht, der mir noch näher als „Bluthaus“ ist. Auch da geht es um den Tod, um unser Leben mit den Toten. Da ist es Thomas, dessen Freund Matthias stirbt. Mit seinen letzten Atemzügen beginnt die Oper – Matthias atmet sein Leben aus. Und nun greifen alle möglichen Vorgänge, die im Todesfall vorgesehen sind, von der Totenbeschau durch den Arzt über die Waschung, Totenwache, den Besuch der Bestatterin…letzte Handlungen am geliebten Toten. Der hier wieder erwacht, zum Leben, und spricht – und Thomas erschüttert, der das nicht glauben kann. Georg hat ausschließlich Zupfinstrumente verwendet, die von ihrer Natur her ja beständig reißen, also Fragilität erzählen, aber auch eine gleißende Wärme schaffen – Zithern, Harfen, Cembali, Gitarren, Schlagwerk und ein stimmloses Akkordeon. Die Musik ist in allem Schmerz überirdisch schön, die Liebe selbst. „Thomas“ ist wirklich das Glaubensbekenntnis, meine liebste Arbeit.

MM: Ihre Stoffe scheinen alle mythologisch, archaisch …

Händl Klaus: Das springt aber gleich in eine konkrete Nähe. Sicher klopft zum Beispiel in „Thomas“ das Evangelium an, aber es geht sofort darum, wie spät es ist, wenn man den Herzstillstand verzeichnet – „um dreizehn Uhr acht“ oder „dreizehn Uhr zwölf“ oder „dreizehn Uhr dreizehn“? Oder dass die Seife schwach nach Mandarine riecht, dass die Minestrone mit Liebstöckel gewürzt ist…es ist immer die handfeste Umgebung. Wir leben mit unseren Toten, aber – wir leben.

MM: Zurück zu „Bluthaus“: Regisseur Peter Mussbach ist ein ganz wichtiger Dritter im Bunde.

Händl Klaus: Und Dirigent Peter Rundel ein ganz wichtiger Vierter, der übrigens auch die Uraufführung von „Nacht“ dirigiert hat. Ich habe erst eine Klavierprobe gesehen und ein gutes Gefühl – knock on wood!

MM: Sie tun sich in den vergangenen Jahren als Librettist sehr hervor. Ist das nicht eine unbedankte Aufgabe?

Händl Klaus: Im Gegenteil, für mich ist es das Schönste – Musik ist das Größte! Manche Musik. Gute Musik. Dann ist es ganz klar – „prima la musica e poi le parole“. Wobei – so einfach ist es auch wieder nicht. Ich hatte sehr großes Glück mit den Komponisten, leider nur Männer bislang, für die ich schreiben durfte. Deren Musik mir nahe geht – ich gehe ja in meinem Schreiben von ihrer Musik aus, die bereits existiert, die ich aus Konzerten und von Aufnahmen kenne, und die mich berührt. Die mit mir zu tun hat auf eine unerfindliche Weise, die zu mir spricht – und das geschieht gar nicht so oft, obwohl es viele Komponisten gibt. Dass man diese Nähe verspürt, die man braucht, damit etwas Neues entstehen kann – von dem man ja nicht wissen kann, ob es aufgehen wird – Vertrauen, und auch Mut, auf beiden Seiten. Dann ist es lohnend und vielleicht sogar beglückend. Am Ende verschwindet man natürlich in der Musik, als Autor, und genau das suche ich.

MM: Sie drehen derzeit in Wien auch einen Film: „Kater“.

Händl Klaus: Auch da geht es um Musik, die Hauptfiguren sind in einem Orchester beschäftigt – als Hornist und Disponent, gespielt von Philipp Hochmair und Lukas Turtur, und man erlebt einerseits so etwas wie den musikalischen Arbeitsalltag, andererseits das Leben mit dem titelgebenden Kater. Wir haben das große Glück, dass wir mit dem RSO drehen dürfen, einzelne Musikerinnen und Musiker verkörpern sogar den Freundeskreis, und sie machen ihre Sache so gut! Den Großteil der Orchesterbilder haben wir bereits im Feber gedreht, nun kommt noch ein Sommer voller Katzenszenen auf uns zu… Den Kater spielt mein eigener, der Toni. Er ist ein bissl aufdringlich, das kommt uns also entgegen. Die Schauspieler freunden sich gerade mit ihm an.

www.festwochen.at

www.mottingers-meinung.at/wiener-festwochen-2014

www.mottingers-meinung.at/wiener-festwochen-geschichten-aus-dem-wiener-wald/

www.mottingers-meinung.at/festspielsommer-in-salzburg-interview-mit-handl-klaus/

Wien, 14. 5. 2014

Festspielsommer in Salzburg: Interview mit Händl Klaus

Februar 8, 2013 in Bühne

17.08.2012, Von Michaela Mottinger, http://kurier.at/autor/mag-michaela-mottinger/8.527/4

Salzburg: Ein Stück wie ein Bienenschwarm

„Meine Bienen. Eine Schneise“: Händl Klaus’ neues Stück wird am 23. August bei den Salzburger Festspielen uraufgeführt. Der Autor im Interview.

Der Mensch“, sagt Händl Klaus und muss lachen, wenn man ihm sagt, dass er mit diesem Weltsatz genau genommen den Titel zur Story geliefert hat, „der Mensch ist ja nicht denkbar ohne Biene.“

So sind sie, die Bemerkungen, die der Tiroler Dramatiker in ein Interview streut. Während er gleichzeitig unentwegt Notizen an sich selbst in eine Zettelwirtschaft schreibt. „Schon fürs nächste Projekt. Mir fällt oft assoziativ was ein, das ich sofort festhalten muss, sonst ist es weg.“

Im KURIER-Gespräch geht’s nun um dieses Projekt: „Meine Bienen. Eine Schneise“, Auftragswerk der Salzburger Festspiele, sprich ihres neuen Schauspielchefs Sven-Eric Bechtolf, das am 23. August im Landestheater uraufgeführt wird.

Bechtolf ernannte Händl Klaus zum ersten Festspielschreiber seiner Amtszeit: „Sven lässt mich alles machen. Und das ist fast das Schlimmste, was er mir antun kann. Wenn du solche Freiheit hast – wo fängst du an?“

Zunächst am Theater. Eine seltsame Familiengeschichte, die Beschreibung einer Naturzerstörung, einen Krimi hat der Autor dafür abgeliefert. „Spurensuche“, meint er, wäre ihm als Wort allerdings lieber als Krimi, denn: „Ein Krimi würde eine Lösung anbieten.“

Phantomschmerz

Bei Händl stehen die Zuschauer am Schluss mit vier Verdächtigen da. Der Inhalt? „Ein gewaltiger Phantomschmerz. Ein Kind, das seinen Vater nicht kennt und deshalb mit einer Leerstelle lebt, die entsetzlich weh tut.“

Weil es seine Eigenschaften, Eigenheiten auf niemanden zurückführen kann.

Die Mutter zieht mit dem durchaus verhaltensoriginellen Knaben an den Waldesrand, wo er, so hofft sie, wie es seiner Natur entspräche, möglichst wenig anstellen kann. Die Folge ist Vernichtung. Von Bäumen und vierzehn Bienenstöcken. Weshalb ein Inspektor auftritt und der Imker – die Erwachsenen ebenfalls allesamt keine Naturfreunde, sondern mögliche Täter …

Die Sprache, in der diese Geschichte erzählt wird, ist ein Gesamtkörper. Wie ein Bienenschwarm. Und löst sich im Stück so wie dieser auf. Händl Klaus verteilt den Text nicht nach Sätzen oder Worten auf seine Figuren.

Sondern nach Silben.

Eine beträchtliche Aufgabe, die er den Schauspielern Brigitte Hobmeier, André Jung und Stefan Kurt damit stellt. Über die Frage, ob die drei noch mit ihm reden, muss der Dramatiker deshalb schon wieder lachen.

„Ja“, sagt er. „Sie sind sofort eine verschworene Gemeinschaft geworden, in dem Sinne, dass sie den Text gemeinsam gelernt haben. Im stillen Kämmerchen kommt man da nicht weit. In der ganzen Arbeit hat sich ein tolles Gruppengefühl entwickelt, wir alle sind jetzt Teil eines Organismus.“

Zu dem gehört an Leben erhaltender Stelle die Franui Musicbanda. Deren Mitbegründer Andreas Schett, Imkersohn und wie Händl Tiroler, war der eigentliche Ideengeber fürs Stückthema Biene. Als Bub entwischte Schett ein Schwarm. Erst Vaters Rat, das rhythmische Aufeinanderschlagen zweier Topfdeckel, brachte das Volk zurück in den Heimatstock.

Bienen haben den Groove.

Herzschlagmusik

Zu Schetts „betörend schöner Herzschlagmusik“ (Zitat Händl Klaus), in die Alban Bergs wenig bekannte Jugendlieder einsickern, wird sein Werk nun von den Darstellern dargeboten. Die Bilder dazu, der Autor nennt es „die Unterströmung“, erfindet Regisseur Nicolas Liautard. „Spielräume“, wünscht sich Händl, soll er den Zuschauern dabei offen halten.

„Damit der Abend für sich spricht und blüht.“

Zu den Personen: Ein tolles Tiroler Duo

Händl Klaus: Geboren 1969 in Rum bei Innsbruck. War erst Schauspieler am Schauspielhaus Wien, bevor er als Autor begann, Preise zu gewinnen. U. a. 1994 den Robert-Walser-Preis für seinen Erzählband „Legenden“ oder 1996 für „Kleine Vogelkunde“ den für das Hörspiel des Jahres . Zu seinen wichtigsten Stücken gehören „(Wilde) Mann mit traurigen Augen“ und „Dunkel lockende Welt“. 2006 wurde Händl Klaus vom Branchenblatt Theater heute zum Dramatiker des Jahres gewählt.

Andreas Schett: Geboren 1971 in Innervillgraten. Komponist, Trompeter, Kornettist und Sänger der Musicbanda Franui. Die Truppe, benannt nach einer Alm bei Innervillgraten, ist für ihre Anders-Interpretationen von Schubert, Brahms und Mahler bekannt, versteht sich aber auch auf Volksmusik. Begleitet Sven-Eric Bechtolf bei Lesungen. Schett gestaltete auch den Festspielkatalog Close Up .

Festspielsommer in Salzburg

Februar 8, 2013 in Bühne

Der Hirsch ist nur Requisite, die wahren Opfertiere sind die Bienen: „Verführerin“ Brigitte Hobmeier und ein lustiger, listenreicher Stefan Kurt, Hinten: „Godfather“ André Jung
24.08.2012, Von Michaela Mottinger, http://kurier.at/autor/mag-michaela-mottinger/8.527/4

Salzburg: Gesamtkunstwerk mit Sex und Gewalt

15 Minuten tosender Applaus bei der Uraufführung von Händl Klaus’ „Meine Bienen. Eine Schneise“ in Salzburg.

Am Anfang war das Wort. Das nahm der Tiroler Dramatiker Händl Klaus, drechselte daraus kunstvolle Sätze – nur um sie durch seinen Sprachhäcksler zu jagen, der sie in einzelne Silben schredderte.

Diese teilte er auf vier Figuren, die sie als eine Art Sprechgesang wiedergeben sollten. Und zwar zur Musik der Musicbanda-Franui-Komponisten Andreas Schett und Markus Kraler. Unter Zuhilfenahme von Alban Bergs „Jugendliedern“.

Inhalt von „Meine Bienen. Eine Schneise“, einem Auftragswerk der Salzburger Festspiele: Alleinerziehende Mutter zieht mit verhaltensoriginellem, aber schön singendem Sohn (weil der Wiltener Sängerknabe David) an den Waldrand. Es brennt. Bäume und Bienenstöcke werden ein Raub der Flammen, die absichtlich gelegt wurden. Auftritt: ein ermittelnder Inspektor und der Imker. Verdächtig: sind mit ihren rußigen Händen alle.

Lösung: gibt es keine.

 

Archaische Kraft

Klingt akademisch. War bei der Uraufführung am Landestheater aber von archaischer Kraft. Ein Gesamtkunstwerk aus Text, Schauspiel, Musik und Bildern. Ein heidnisches Ritual um Sex und Gewalt. Defintiv der Höhepunkt des diesjährigen Salzburger Schauspielprogramms.

Im Sog der drei großartigen Darsteller Brigitte Hobmeier (Mutter), Stefan Kurt (Inspektor) und André Jung (Imker) liest sich die Story nämlich so: Junger Krieger/Gott entwindet durchaus williges Naturwesen dem alten Krieger/Gott. Der ist längst ein Feind seiner Völker, will seine Völker nicht mehr pflegen – und stiftet den Knaben an, sein Zerstörungswerk zu vollenden.

Erlösung gibt es keine.

Tanz um den Tatort

Regisseur Nicolas Liautard, der gemeinsam mit Giulio Lichtner auch das Bühnenbild ersann, inszeniert das Drama unter Aufgebot aller Mittel. Auch derer der Komik. Etwa, wenn Kurt verzweifelt tänzelnd versucht, seinen „Tatort“ vor diversen Drübertramplern zu schützen. Oder die Hobmeier seinen Spurensicherungskoffer auspackt, wie ein Kind ein Weihnachtsgeschenk. Sie, die als kommende Buhlschaft gehandelt wird, ist das Herzstück. Eine Lügnerin und Verführerin, eine Hexe mit dem Gesicht einer Heiligen, das „Weib“ an sich.

Trunken macht sie den alten Imker, um den Neuen zu umgarnen. Als Jung auftritt (und wer könnte besser „auftreten“ als Jung?), begleitet ihn ein Lichterzauber, der eines Odin würdig wäre. Liautard hat dafür als Hintergrund eine milchige Wand geschaffen, die Durchblick ebenso nur vorgaukelt, wie der Rest des Ganzen.

Gesumm und Gesang

Bleibt die zehnköpfige Franui-Truppe zu würdigen. Die mit Berg und Bienengesumm, mit Gesang, Hackbrett, Harfe und picksüßem Hölzl, von Volksliedklängen über Beinah-romantischer-Oper bis Klezmersound alles gibt.

Ein so anspruchsvoll artifizieller wie lustvoller Abend.

Bravo an alle Beteiligten, Dank an Schauspielchef Sven-Eric Bechtolf, der diese Konstellation zusammengeführt hat.