Burgtheater: Zdeněk Adamec

September 19, 2021 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Frank Castorfs grausiges Grand Guignol

Ein Mann in brennendem Mantel geht stoisch, schweigsam, schaurig über die Bühne: Marcel Heuperman, Mavie Hörbiger, Franz Pätzold und Hanna Hilsdorf. Bild: © Matthias Horn

Nach dem „Faust“ an der Staatsoper und Elfriede Jelineks „Lärm. Blindes Sehen. Blinde Sehen!“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=47456) schloss Frank Castorf gestern Abend am Burgtheater seinen Wien-Hattrick mit der Inszenierung von Peter Handkes „Zdeněk Adamec“ ab. Dass der Autor ein Meister der leisen Zwischentöne ist, der seinen Text demgemäß auch „eine Skizze“ nennt, kränkelte Polter-Geist Castorf nicht eine der 255 Minuten Spieldauer an.

Auf des einen feinnervige Reserviertheit antwortet der andere mit nervösem Rambazamba. Ein wilder Widerspruch der beiden das Schützenswerte im Menschen hochhaltenden Wut-Verwandten, der störrisch-spröde Literaturnobelpreisträger und der sture Bühnenexpressionist, was sich mit Blitz und Theaterdonner höchst erfrischend entlädt. Was sich auf der Bühne ereignet, ist extrem, exzentrisch, exaltiert. „Bitte macht mich nicht zum Narren“, schrieb Zdeněk Adamec als letzten Satz in seinem Abschiedsbrief. Dafür hält Castorf jetzt ein grausiges Grand Guignol ab, dies, weiß der frankophile Frank, nicht nur das gallisch-gallige Pendant zum Kasperl, sondern auch Gattungsbezeichnung für grotesk-triviales Gruseltheater.

Handkes titelgebende Figur ist ein real existiert habender Mensch. Am Abend des 5. März 2003 fuhr der 18-jährige Schüler Adamec mit einem Überlandbus von seiner Heimatgemeinde Humpolec nach Prag, um sich dort auf den Stufen des tschechischen Nationalmuseums auf dem Wenzelsplatz mit Benzin zu übergießen und anzuzünden. Zdeněk ist ein Selbstmörder, der um den historischen Bezug seiner Tat weiß: 1968 verbrannte sich ebendort der Student Jan Palach als „Fackel No.1“ aus Protest gegen die Okkupation durch sowjetische Truppen.

Adamec hingegen adressiert als „Fackel 2003“ die „lieben Bewohner der ganzen Welt“, plädiert für die „totale Demokratie“, ruft auf mit Kriegen, Kapitalismus und Korruption, heißt: sozialen Ungerechtigkeiten, der Umweltzerstörung, der Macht des Geldes Schluss zu machen … Bald ist der Fall vergessen. Bis ihn Peter Handke 2017 in seinem Roman „Die Obstdiebin“ erstmals aufgreift. Adamec ist ihm kein „verstörter Jugendlicher“, wie Vaclav Klaus versuchte, die Selbsttötung kleinzureden, kein von existentiellem Ekel befallener Unzurechnungsfähiger – doch wer dann?

Marcel Heuperman und Franz Pätzold. Bild: © Matthias Horn

Liebling, hältst du mal die Axt? Mavie Hörbiger. Bild: © Matthias Horn

Mehmet Ateşçi und Marcel Heuperman. Bild: © Matthias Horn

In seiner bei Suhrkamp erschienenen 71-Seiten-Albtraumballade sucht Handke dies nur bedingt zu ergründen, und Castorf gesteht ihm im Interview – befragt nach Handkes proserbischem Engagement, in Stück schreibt er: „Zeige niemandem deine Heimat!“ – zu, dass ein Dichter andere Tatsächlichkeiten, Ansichten und Ansätze haben dürfe als Otto Normalo. Sieben Spielerinnen und Spieler, Mehmet Ateşçi̇, Marcel Heuperman, Hanna Hilsdorf, Mavie Hörbiger, Franz Pätzold, Marie-Luise Stockinger und Florian Teichtmeister, schickt er los auf die Pirsch nach einer Geschichte, sie sind Beobachtende, Erzählende, Gestrandete im Mentalitätskaff Humpolec, Sich-ihren-Teil-von-der-Story-Nehmende – und letztlich per Rollennamen auch sie selbst.

„Eine Inszenierung von Frank ist nie kurz“, bescheidet Franz dem Florian. Gelächter. „Wo bleibt denn die Requisite?“, fragt Marcel besorgt, als der volltrunkenen Marie-Luise der Sprit – eine Plastikkalaschnikow voll Schnaps – ausgeht. „Jetzt müssen wir einmal den roten Faden wieder finden“, fordert Mavie die anderen auf. Denn Kernthema ist, besungen von Georg Danzer: „Die Freiheit“, auch die, sich das Leben zu nehmen, der Kernsatz zu Adamec‘ medialem Verschwinden: „Es scheint, als würde es nur um Aktualität gehen und hinter der Aktualität keine Welt.“ Ihrer auf Spekulationen und Mutmaßungen basierenden Aufführung des Ewig-Unbegreifbaren misstrauen sie selbst: „Woher weißt du das?“ fragen sie einander immer wieder skeptisch.

Auf die Drehbühne hat Castorfs Longtime Companion Aleksandar Denić, die mal königlichen, mal klobigen Kostüme sind von Adriana Braga Peretzki, Handkes „Feierabendleuten“ diverse Spielorte gestellt. Unorte an der städtischen Peripherie, eine Autobushaltestelle, eine grün gestrichene Baracke mit Hinterhof-Ausschank und Außendusche, eine Deponie voller Benzinfässer. Darüber große Werbetafeln für bosnische und serbische Zigaretten, wo viel Rauch, da auch viel Feuer, und Handke erinnert in seinem Text an die großen Leuchtreklamen internationaler Konzerne am Wenzelsplatz, die den jungen Mann im letzten Augenblick darin bestärkten, das ihm richtig erscheinende zu tun.

Florian Teichtmeister, Hanna Hilsdorf, Mavie Hörbiger und Marie-Luise Stockinger. Bild: © Matthias Horn

Mehmet mit den Scherenhänden: Florian Teichtmeister und Mehmet Ateşçi. Bild: © Matthias Horn

Im Chaos gleich einem klassischen Calderón-Helden: Marcel Heuperman und Franz Pätzold. Bild: © Matthias Horn

Bude zerlegt: Hilsdorf, Hörbiger, Stockinger, Heuperman, Teichtmeister, Ateşçi und Pätzold. Bild: © Matthias Horn

Castorf setzt darüber als ohnmächtige Verhöhnung des unantastbaren Systems ein riesiges Billboard: „Let’s Start Burning“, womit die in Flammen stehende Sportlerin allerdings die Fettverbrennung beim Workout meint. Trostlosigkeit also in Humpolec, auf der Leinwand das „berühmte“ Autocrossrennen des Ortes samt ohrenbetäubendem Heavy Metal, jede verständliche Bemerkung die eine oder einer macht, kommentieren, relativieren die anderen als „… oder auch nicht!“-Chor. Ein derartiges Textkaleidoskop über die Rampe zu bringen, gelingt nur mit einem großartigen Ensemble wie diesem.

Hanna Hilsdorf etwa, die Castorf von der Volksbühne mitgebracht hat, worüber sie auch ein reminiszentes Tränlein vergießen darf, Castorf, der Feminist anorektischer Frauenfiguren, der den Damen hier inhaltlich mehr zu spielen gibt, als den Herren. Nach der Pause gesellt sich zum lakonisch vorgetragenen Nonsens-Hintersinn eine häppchenweise Adamec-Abhandlung, Mavie gebiert unter Schmerzen das Baby Zdeněk, das als Spielzeugpuppe gespenstisch auf und davon krabbelt, Franz macht sich zum Alter Ego punkto der Angelegenheit „sich selbst abzuschaffen“, schön und gut, dass Castorf Handkes Hang zum Pathos plattgemacht hat, doch er tut’s an dieser Stelle auch mit dem Performer.

Ziehen doch die rätselhaften Bilder einer Postapokalypse aus Jan Schmidts tschechischem 1967er-Schwarzweiß-Spielfilm „Ende August im Hotel Ozon“ die Aufmerksamkeit auf sich. Ansonsten ist Castorf um Ideen nie verlegen. Ein Mann in brennendem Mantel geht stoisch, schweigsam, schaurig über die Bühne. Im Inneren des grünen Häuschens, Wohnküche und Stockbetten-Schlafzimmer, und für seine Begriffe setzt Castorf Andreas Deinerts Live-Kameras diesmal relativ spät ein, kocht Florian ein Karottensüppchen, das ihm Mehmet mit den Scheren- händen später, da ersterer auf der Toilette sitzt, über den Unterleib kippt. Auch dies wohl eine Art Metapher fürs Brennen, wie Castorf überhaupt einmal mehr klar macht, woraus der Mensch besteht: Blut und Scheiße.

Marie-Luise Stockinger und Ensemble. Bild: © Matthias Horn

Mehmet Ateşçi und Ensemble. Bild: © Matthias Horn

Hilsdorf und Hörbiger, auf der Leinwand: Pätzold und Heuperman. Bild: © M. Horn

Ebenfalls ungewöhnlich für den Godfather des deutschsprachigen Diskurstheaters ist der sparsame Einsatz von Fremdtexten. Castorf unterfüttert Handke mit Handke, ein wenig Céline kommt vor, Schillers ästhetische Briefe, das Darker Manifest, Adam Smiths „mitten im Schoße der Gefühligkeit hat der Egoismus sein Sein begründet“. Ivo Robic singt „Morgen“, Hans Albers „La Paloma“ und Karel Gott „… oder auch nicht“ die Modřanská Polka „Škoda lásky“ aka „Rosamunde“. Am Ende erklingt das ursprünglich russische Arbeiterlied, später NSDAP-Propagandalied, früher und später der Hit der sozialistischen Bewegung: „Brüder, zur Sonne, zur Freiheit“, verfasst 1895 von Leonid Petrowitsch Radin im Moskauer Taganka-Gefängnis. Dies für alle, die sich nach der Beschaffenheit des Castorf’schen Humors fragen.

Und apropos, Ende: Es gibt jede Menge schöner Schlussbilder. Pätzold spielt das nunmehrige Chaos allüberall wie einen Klassiker. „Das Leben ein Traum“, hänselt ihn darob Heuperman (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=41295). Auf ein Leintuch schreibt die Hörbiger wie einen Demoslogan auf Tschechisch „Bitte mach‘ mich nicht verrückt“ – und wird anschließend mit dem Rest des Ensembles im Regen stehen gelassen. Ein Video zeigt das reale Humpolec von heute als nettes Provinz-Städtchen, doch Mehmet Ateşçi̇ reagiert hysterisch schreiend: „Neiiiin!! Ich will nicht aufhören! Ich spiele weiter!“ Ein Lacher angesichts von Castorfs Endlos-Arbeiten, aber auch ein Appell ans Niemals-Vergessen. Dazu skandiert das Ensemble gemeinsam den Zungenbrecher „strc prst skrz krk“/Steck deinen Finger in den Hals.

Fazit: Grandseigneur Frank Castorf, früher standfest in Buh-Orkanen, nun im elegant-dunklen Anzug von Bravorufen begleiteten Applaus entgegennehmend, entfesselt ein Ensemble wie kein zweiter. Wie sie alle x-e Male die Masken wechseln, ihre Haltungen und Tics, das ist großes Kino. Am Burgtheater scheint sich dafür bereits eine Stammcrew herauszukristallisieren, samt Florian Teichtmeister, den man selten so brillant expressiv gesehen hat wie hier. Und weil eingangs vom Gruseltheater die Rede war: Für seine Darstellerinnen und Darsteller wandelte sich der Frank im Jubel gar zum Kuss-Monster. Und was das enthusiasmierte Publikum betrifft: Der Gemeinschaft der Unzufriedenen und nach Veränderung Strebenden gab die Aufführung ganz castorfesk in jedem Augenblick die Wahrnehmung dazuzugehören. Merci beaucoup et plus encore.

www.burgtheater.at           Teaser: www.youtube.com/watch?v=zAb-FXICTGw          Probeneinblicke: www.youtube.com/watch?v=7w76t1xcjM8

  1. 9. 2021

Peter Handke: Bin im Wald. Kann sein, dass ich mich verspäte

November 29, 2016 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Poet putzt Herrenpilze

Bild: © Stadtkino Filmverleih

Bild: © Stadtkino Filmverleih

Frage. Widerrede. Neuer Versuch einer Frage. In diesem Beckett’schen Sinne ereignen sich Gespräch mit Peter Handke. Die Wahl der Worte ist ihm wie eine Wahl der Waffen. Und wehe dem, der sich für die plumpe Duellpistole entschied, während der Dichter in Diskussionen doch mit dem elegant schneidenden Florett ficht.

Ständig überprüft Handke die Abnutzungserscheinungen der Sprache, also nur keine Floskeln, Allgemeinplätze, Ungenauigkeiten im Ausdruck! Statt „Schreiben“ sagt er „Tun“. Für den ORF stellt, das heißt: setzt sich immer wieder Katja Gasser heldinnenmutig vor Handke hin. „Ich bin froh, wenn Sie wieder in Ihrem Flieger sitzen“, hat ihr der in der Pariser Vorstadt Lebende schon gesagt. Man kennt einander seit Jahren, und niemals schönt Gasser bei Ihren Beiträgen die Blößen, die ihr Handke ins Journalistinnenoutfit reißt. Hört man genau hin: Er liebt sie. Väterlich.

Nun also Corinna Pelz. Der Filmemacherin, die 2011 mit „Gerhard Richter Painting“ ins Universum des öffentlichkeitsscheuen Malers vordrang, gelang nun Gleiches mit Peter Handke. Ihre Hommage „Bin im Wald. Kann sein, dass ich mich verspäte“, die ab 2. Dezember in den heimischen Kinos läuft, ist keine dokumentarische Sicht von außen auf den Autor, sondern sein privater Blick auf die Welt. Deren kaleidoskopartige Wahrnehmung durch einen eigenwilligen, eigensinnigen Kauz. Handke beim Herrenpilze putzen, bei der Gartenarbeit, als Alleinerzieher von Amina, beim Zeitung lesen, beim Stricken (!) und natürlich als Schreibender. Seine Notizbücher füllen die Leinwand, seine Handschrift bestimmt die Stimmung der Szene. Es schreibt ihn, wird klar.

Pelz‘ Bildsprache bleibt dabei lakonisch, so spröde wie der Schriftsteller in der Außenwirkung. Das gemeinsame Werk ist wie ein Hochamt auf die Stille, es beschreibt eine tiefe Verehrung und Kultivierung der Einsamkeit. Als Instrument, um sich selbst zu denken und diese Gedanken später in Sätzen zu strukturieren. Solche wie „Erfinden ist Materieschaffen“ oder „Irgendwann habe ich beschlossen, dass alles fremd ist und unentdeckt“ entstehen wie aus dem Nichts und nehmen beinah unmerklich Raum. Eine „Chronik der laufenden Ereignisse“ nennt Handke sein „Tun“; in dieser geht es ihm nicht nur um die ewig stehenbleibende Frage „Wie sollen wir leben?“, sondern auch um die hochaktuelle „Wie sollen wir miteinander reden?“.

Bild: © Stadtkino Filmverleih

Bild: © Stadtkino Filmverleih

Mit Regisseurin Corinna Belz. Bild: © Stadtkino Filmverleih

Mit Regisseurin Corinna Belz. Bild: © Stadtkino Filmverleih

Mittels Archivmaterial zeigt Pelz Handkes Weg vom angry young man zum grumpy old one. Handkes Kosmos heute, gedacht in einer künstlichen Klammer zwischen „Publikumsbeschimpfung“ und seinem Stellung beziehen für Kriegsverbrecher Slobodan Milosevic, ist ein kleinteiliger. Die Dinge interessieren, faszinieren ihn. Der Titel der Doku stammt tatsächlich von einem Zettel, den Handke am Gittertor zu seinem Haus angebracht hat; Pelz und ihrem Team wird später der Ritterschlag zuteil – die Bewirtung mit der legendären Schwammerlsuppe nach mehr als drei Jahren Drehzeit. Mit Handke lässt sich nicht gut „planen“, Telefonzeit gewährt er Anrufern morgens zwischen 10 und 11 Uhr, Emails sind nicht erwünscht.

Der Film lässt sich entsprechend viel Zeit, um zu erzählen; sein Panorama des Phänomens Handke ist von atmosphärischer Dichte und ergo impressionistischer, inspirierender Intimität. Er ist eine bedachte, behutsame Annäherung an Handke, als gelte es ein scheues Wild am Waldesrand nicht zu verschrecken. Der reagiert entsprechend handzahm, wird nahbar und glänzt in seiner intellektuellen Aura. Dass dennoch eine Distanz zum Menschen Handke bleibt, dass Rätsel bleiben, die sich – und auch das nur vielleicht – in der Beschäftigung mit seiner Literatur überwinden lassen werden, macht den Film umso wertvoller.

www.bin-im-wald.de

Wien, 29. 11. 2016

Burgtheater: Die Unschuldigen, ich und die Unbekannte am Rand der Landstraße

März 21, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Mit Theaterdonner und Regiegeistesblitzen

Die Unschuldigen und "Ich" - Christopher Nell Bild: Monika Rittershaus

Die Unschuldigen und „Ich“ – Christopher Nell
Bild: Monika Rittershaus

Als gleich zu Beginn die Ruine einer Imbissstube oder Bushaltestelle oder Bedürfnisanstalt mit Getöse aus dem Boden fährt, ist klar: Hier wird mit Theaterdonner und Regiegeistesblitzen ans Werk gegangen. Ein Glück. Denn ohne Claus Peymann und seinen Ideenreichtum und die glänzenden Schauspieler des Burgtheaters und des Berliner Ensembles wäre dieser Abend nicht auszuhalten. Auch so fielen ringsum einige Augenpaare zu, wurde die Pause von etlichen zum geeigneten Fluchtzeitpunkt erwählt. „Die Unschuldigen, ich und die Unbekannte am Rand der Landstraße“ ist naturgemäß nicht Peymanns erster Peter Handke. Aber mutmaßlich noch nie musste der gewiefte Theaterfuchs so tief in die Trickkiste greifen, um gegen das autobiografische Therapieschreiben des großen Dichters anzuinszenieren.

Freilich ist der pseudopoetische Text, der drei Stunden lang an sich selbst entlangmäandert, kein ausgewiesenes Alter-Ego-Drama, und doch … eine tiefenpsychologische Nasenbohrung, eine verquatschte Nabelschau. Denn Handke entwirft sein Bühnen-„Ich“ – im Wechsel zwischen „Ich, Erzähler“ und „Ich, der Dramatische“, entwirft also sich als eine Art Wladimir ohne Estragon, der Gott an sich und der Welt im Besonderen seinen Senf beigibt. Das ist in der ersten Stunde neckisch, dann ein Spiel von der Frage, wie lange das szenisch durchzubringen ist. Peymann hat alles dazu unternommen und viel erreicht. Es ist in diesem neuerlichen Kräftemessen der beiden alten Kampfgefährten so, als würde Peymann eine Seite an Handke (er)kennen, die der selbst gar nicht so sieht: er macht den Moralisten zum Humoristen, zum sanften Satiriker am Menschsein. Und erste Kräfte stehen ihm dabei zur Seite.

Christopher Nell beschreitet als „Ich“ die lebenslangen Kalvarienbergstationen dieses anderen, autorenschaftlichen Ichs. Und er tut das umwerfend großartig. Kein Sommerbrand, kein Winterwind kann ihn aus der von Karl-Ernst Herrmann hell erleuchteten Steilkurve tragen, stets spielt er an der Kippe des Möglichen, sich selbst aufs Spiel setzend. Seine mit Kleinodien aus dem klassischen Zitatenschatzkästchen und Kirchenliedern gespickte Suada weist ihn als geschwätzig altkluges Bildungsbürscherl aus, und diesbezüglich bleibt er kein rarer Vogel, wenn er sich derart zugerüstet in Kapitalismus-, Kulturismus-, wasauchimmer-ismuskritik übt, immer noch stürmisch kollektiv-kärntnerische Erinnerungsarbeit leistet, sich am Mutter-Sohn- und weiteren Mann-Frau-Konflikten abarbeitet. „Nofretete!“ ruft er beim Anblick von Maria Happel, „heißt das nicht: Die Schönheit ist erschienen!? La beauté est apparue. La belleza e aparecida.“ Ein Schelm, wer dabei an sich selbstvergewissernde Hirnwichserei denkt. Dass Nell zu alldem ein Orchester an darstellerischen Instrumenten bedienen kann, mal im Big-Band-Sound, mal wie als Violinsolo die Gemütsregungen eines sich der Öffentlichkeit Aussetzenden durchleidet, ist große Kunst. In seinen schönsten Momente lässt der Schauspieler dessen latent allmachtsfantastische Anwandlungen durchscheinen, alles kontrollieren zu wollen, was an der Landstraße passiert. Das Genie glaubt sich zwischen Wahn und Sinn.

Und wie um nicht an sich selber zu ersaufen gibt’s deshalb Texteinsprengsel à la „Ich meines Mannes um und auf, und er mein Drum und Drauf“ (Happel als kichernd-glucksende „Wortführerin“) oder, und dies der persönliche Favorit, „Die Schnepfe des Lebens schwebt vorbei, nur ein guter Schütze kann sie fassen“ (Regina Fritsch als domina-nte „Unbekannte“). Derlei ornithologische Ausführungen lassen einen doch fassungslos zurück. Peymann zeigt dazu die Unschuldigen als an Handyfonitis leidend, was ältere Herren am heute halt so aufregt. Müsste man in Verzweiflung anfangen in Allegorien zu denken, man könnte das „Ich“ als Autor interpretieren, den „Wortführer“ als dessen Regisseur, quasi Fundi und Realo des Bühnenbetriebs, weshalb zwischen beiden auch eine existenzielle Degenfechterei stattfindet, und die „Wortführerin“, sich anbietend, anbiedernd, verletzt bis zur Vernarbung, als das Theatrale an sich. Dann bliebe für die „Unschuldigen“ die Rolle des unbedarften Publikums, der Part einer von der Künstlergeistesgröße unterstellt ahnungslosen Mehrheitsbewegung, die Masse liebt Dichte, nicht Dichter. Die „Unbekannte“ aber ist das Erklärende, Rezensierende oder zumindest sich daran Versuchende. Nur ein Gedankenspiel, während es an der Rampe more of the same und eine Handvoll Plastikkletten gab …

Martin Schwab gibt den „Wortführer“ rülpsend und Kaugummifäden ziehend mit Alt-68er-Zopferl. Er ist ein Bedeutungsgläubiger, der die Anklage führt, dass hier weder Antworten noch Informationen geboten werden, und muss sich deshalb als „ewig Heutiger“ schimpfen lassen. Das alles ist der typische Fall, wo einer oberg’scheit vor sich hin salbadert und die, die nix verstehen vorsichtshalber „Ja, ja!“ sagen, um angesichts der Großwortssucht nicht dumm dazustehen. Muss ich mir’s dort dazu denken, wo man mir nichts zu sagen hat? Von der Seite schneit es alte Fahrscheine, Rechnungen, Kinokartenabrisse, Einkaufsgutscheine, Papierschnipsel des Lebens, man kann sie an der Literaturlandstraße auflesen. Explodiert mitten im Handke-Hochamt prätentiös eine Monstranz. Stirbt die Happel mit zuckenden Beinchen den Theatertod, als wär’s eine Reminiszenz an Heinrich Schweiger als Claudius im Brandauer-Hamlet. Als schließlich mit dem Ende kein Ende gefunden werden kann, fühlt man sich in diesem Beliebigkeitskanon an Ressentiments und Räsonierereien endlich aufgenommen, das kennt man, schon die Hände zum Schlussapplaus in die Höh‘ gerungen, und doch kriegt man noch eins drauf.

Unterm Strich also: Hat Peymann Handke von seiner Bedeutungsschwangerschaft entbunden. Hat mit verschmitzter Verspieltheit den verzwickten Diskurs der Prosa/Drama-Queen applaniert. Hat den Abgehobenheitstext des weltflüchtigen nicht Wut-, sondern vielmehr Grummelbürgers geerdet. Dass das aufgrund der mangelnden Kohärenz der Vorlage eine ebenso sinnbefreite Kunstgewerbeübung ist, wie manche meinen, lässt sich so nicht sagen. Immerhin kann man sich von viel Theaterzauber behexen lassen.

www.christopher-nell.de

www.burgtheater.at

Wien, 21. 3. 2016

Neu am Volkstheater: Stefanie Reinsperger

Oktober 27, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Masochistin in Handkes „Selbstbezichtigung“-Monolog

Stefanie Reinsperger Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Stefanie Reinsperger
Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Sie ist „Beste Schauspielerin des Jahres“ und „Beste Nachwuchsschauspielerin“, als hätten sich die Kritiker-Juroren von Theater heute nicht entscheiden können, ob sie zu jung für so viel Können oder zu alt für ein so großes Talent ist. Sie ist gebürtige Badenerin und mit dieser Saison von der Burg ans Volkstheater gewechselt. Stefanie Reinsperger (mehr: www.volkstheater.at/person/steffi-reinsperger/) begeistert Presse und Publikum. Nach ihren Erfolgen in „Fasching“ und „Nora³“ probt sie derzeit schon wieder: Peter Handkes „Selbstbezichtigung“ in der Regie von Dušan David Pařízek. Darin vergegenwärtigt sich jemand, ein Mann oder eine Frau, man weiß es nicht, die Ereignisse seines oder ihres Lebens. Irritierenderweise erfährt man nichts Persönliches, sondern eine Auseinandersetzung mit höheren und niederen Ordnungsmächten. Spielerisch schickt Handke seine(n) Sprecher(in) zur Beichte und nötigt ihm oder ihr eine Selbstbezichtigung ab, wie totalitäre Regime sie ihren Sündern abnehmen. Damit zeigt er etwa die Nähe von Katholizismus und Kommunismus auf und diskutiert die bigotten gesellschaftlichen Schuldbegriffe. Zur Sprache kommen Verhaltensmuster – und unausweichliche Fehler. Der Monolog hat am 31. Oktober im Volx/Margareten Premiere. Stefanie Reinsperger im Gespräch:

MM: Warum kam es zu der Entscheidung vom Burgtheater ans Volkstheater zu gehen?

Stefanie Reinsperger: Am Burgtheater zu spielen, ist für mich nach wie vor ein großes Geschenk. Aber ich habe schon nach der Schauspielschule am Schauspielhaus Düsseldorf gemerkt, dass es für mich wichtiger ist, dass die künstlerischen Zusammenhänge stimmen und in welcher Konstellation man arbeiten kann, als dass ein „großer“ Name vorne am Theater draufsteht. Mein Glück war es, Regisseur Dušan David Pařízek in Düsseldorf zu treffen. Die Entscheidung an die Burg zu gehen, lag für mich auch darin, dass ich mit ihm und „Die lächerliche Finsternis“  dorthin gegangen bin, denn ich hatte natürlich Angst als junge Schauspielerin in diesem Riesenapparat unterzugehen. Als er sich entschied ans Volkstheater zu wechseln und ich ebenfalls ein Angebot von Anna Badora hatte, war’s eigentlich klar. Was ich in der ersten Spielzeit hier machen darf, auch die Chance diesen Soloabend der „Selbstbezichtigung“ zu spielen, ist natürlich großartig. Das ist eine andere Plattform, um mich künstlerisch weiter zu entwickeln.

MM: Anna Badora ist mit einem gesellschaftspolitisch relevanten Programm angetreten …

Reinsperger: Auch das ist mir sehr wichtig. Ich glaube ganz fest daran, dass Theater etwas verändern kann, sonst könnte ich diesen Beruf gar nicht machen. Die Themen, die diese Spielzeit am Volkstheater angedacht werden, sind Themen, mit denen ich mich identifizieren kann, sind Probleme meiner Generation. Das sind Dinge, wo ich gedanklich andocken kann, über die ich auch sprechen kann und möchte.

MM: Sie machen mit Dušan David Pařízek nun Handkes „Selbstbezichtigung“, stehen am Haus auch in seiner „Nora³“-Inszenierung auf der Bühne. Was kann er, was Sie künstlerisch brauchen?

Reinsperger: Ich hoffe, dass die Abende für sich sprechen! Ich fühle mich mit ihm in der Arbeit wohl, weil da eine große menschliche Wertschätzung stattfindet. Die Art, wie er Texte angeht und interpretiert, ist eine, die mich sehr anspricht. Wir haben derzeit sehr geschützte, fast möchte ich sagen private Proben. Auch das ist etwas, das ich schätze.

MM: Apropos, Interpretation: Was filtern Sie aus der „Selbstbezichtigung“? Was ist für Sie der Kern des Stücks?

Reinsperger: Für mich ist es eine Suche nach der Antwort, wie man in dieser Gesellschaft funktionieren soll. Wir werden geboren und in eine Wertevorstellung gedrückt, die wir lange Zeit nicht hinterfragen, weil wir als Kind und Jugendlicher einfach nur darin funktionieren möchten. Je älter man wird, desto größer wird dieses Thema, man kann sich ihm nicht mehr entziehen. Ich hätte nicht gedacht, dass dieser Text so viel mit mir macht. Ich stelle mir mitunter Fragen und denke mir, wie komm’ ich da jetzt drauf, bis mir aufgeht: Das ist Handke. Im besten Falle wird dieser Abend also ein sehr persönlicher über eine Menschwerdung, eine Hinterfragung, wer man sein möchte. Ich weiß es immer noch nicht genau. Vielleicht ist das gut. Dieser Beruf ist auch diesbezüglich ein Riesengeschenk, weil man immer wieder etwas Neues erfährt. Man erarbeitet ein Stück Leben für die Bühne. Ich bin schon mit Themen konfrontiert gewesen, auf die wäre ich ohne das Theater gar nie gestoßen. Und wenn einem die Themen einmal unangenehm sind, hat man immer noch diesen geschützten Probenraum, in dem man auf die Suche gehen kann. Schauspielerin sein ist für mich mit Neugier und dem Hunger nach Wissen verbunden.

MM: Das Wort Selbstbezichtigung hat etwas maoistisch Masochistisches. Wie selbstquälerisch ist es, sich in einem Monolog auf die Bühne zu stellen – oder ist es eher ein „Endlich allein!“ vor dem Publikum?

Reinsperger: Überhaupt nicht. Für mich war schon der lange Monolog in der „Finsternis“ eine Überwindung. Es ist sehr masochistisch sich einen Monolog zu erarbeiten, weil man selber für alles verantwortlich ist. Aber es macht Spaß, ich will ja dazulernen. Es ist immer ein Geschenk einem Spielpartner in die Augen zu schauen und das ist eben diesmal auf der Bühne nicht so. Aber es kommen ja Menschen zuschauen, also sind sie meine Spielpartner. Wir  machen die „Selbstbezichtigung“ ja im Volx/Margareten, und ich finde es sehr schön auf einer kleinen Bühne zu arbeiten und den direkten Kontakt zum Publikum zu haben – obwohl ich natürlich immer versuche, mit den Zuschauern zu interagieren. Ich spiele wahnsinnig gern mit dem Publikum. Sie sind für den Abend, für die Atmosphäre, für die Stimmung verantwortlich, ich habe richtig gelernt, den Kontakt zu suchen. Ich finde es schön, jetzt konkret so nahe zu sein.

MM: Wessen würden Sie sich selbst bezichtigen?

Reinsperger: Ich mache mir immer sehr viel Druck. Das kann manchmal anspornen und qualitativ wichtig sein, das kann aber auch selbstzerstörerisch sein.

MM: Sie sind bis jetzt von Presse und Publikum sehr geliebt worden. Was, wann es einmal nicht so wäre?

Reinsperger: Diese Angst habe ich vor jeder Premiere. So schnell die Leute einen mögen, so schnell wird man wieder fallengelassen. Es ist ein Glück, dass die Wiener so theaterverliebt sind, aber wir sind in diesem Beruf so wahnsinnig austauschbar. Ich kann gar nicht fassen, was vergangenes Jahr alles passiert ist, doch ich habe nicht angefangen Theater zu spielen, um von allen geliebt zu werden, wiewohl es natürlich sehr viel schöner ist. Deshalb gewöhne ich mir auch ab, nachzuschauen, welche Kritik gut oder schlecht ist, wie ich es früher getan habe. Es sitzen ja immer Leute in der Vorstellung, die diese Kritiken nicht gelesen haben. Um 19 Uhr 30 heißt es, frisch im Kopf sein und rausgehen.

MM: Abseits der erhaltenen Auszeichnungen, wie definieren Sie Erfolg?

Reinsperger: Wenn ich eine Probe oder eine Vorstellung hatte, wo etwas passiert ist, wo ich über eine Grenze gegangen bin, von der mir gar nicht klar war, dass sie da ist, und die ich mir aufgemacht habe, sei’s durch eine „Überforderung“ durch den Regisseur, sei’s durch ein Improvisieren mit einem Partner, dann ist etwas Neues für mich entstanden, das mich bereichert. Auch, wenn das in der Inszenierung am Ende vielleicht gar nicht vorkommt, das finde ich erstrebenswert. Auch in Vorstellungen versuche ich etwas zu machen, das neu ist. Es ist ja absurd, wenn man einen Text zum 70. Mal sagt und so tut, als wäre es das erste Mal. Ich will mich selber überraschen, damit ich wach im Kopf bleibe. Ich möchte nie irgendetwas abspulen – das ist eigentlich meine größte Angst, das möchte ich auf jeden Fall.

MM: Sie werden in Schlagworten wie „Naturgewalt“ oder „kraftvoll“ beschrieben. Das klingt alles nach „Bauch“, Sie sind aber ganz schön „Kopf“.

Reinsperger: Es ist in diesem letzten Jahr passiert, und ich war auch gar nicht darauf gefasst, dass Medien versuchen, das, was ich bin, auch auf der Bühne, in Worte zu packen. Das ist etwas, womit ich mich nie beschäftige. Ich will mich nicht beschreiben. Ich frage mich nicht, welche Art von Schauspielerin ich bin, mir ist wichtig welcher Mensch ich bin. Und auch das ändert sich immer wieder.

MM: Lieber „nackt“ auf dem Theater oder mit viel Multimedia?

Reinsperger: Ich möchte auf der Bühne Menschen sehen, die etwas miteinander verhandeln, ich möchte ihre Verhaltensweisen sehen. Wenn man das in Kombination mit Multimedia schafft, wie etwa Frank Castorf – wie er Video einsetzt, ist wirklich toll – dann ist das gut. Aber mir genügt auch, wenn zwei Darsteller miteinander reden. Wenn ich mich entscheiden müsste, so aus dem „Bauch“ heraus, dann wäre ich für das Puristische.

MM: Wären Sie etwas geworden, wenn nicht Schauspielerin?

Reinsperger: „Ich bin geworden“, ein Satz aus der „Selbstbezichtigung“ … Ich fürchte, nein. Es hat mich immer schon zu Menschen gezogen, zu Kommunikation und Austausch, es wäre also sicher etwas in diese Richtung geworden. Aber etwas anderes, das kann ich mir gar nicht mehr ausmalen. Ich wollte schon von klein auf Schauspielerin sein, mir war nur lange nicht klar, dass das ein Beruf ist, den man lernen muss. Meine Eltern haben mich immer gefördert in der Entscheidung, sie haben viel mit mir gespielt. Man hat sich zusammen verkleidet, man hat sich in Situationen begeben, also war ich dem Spielen von klein auf sehr vertraut. Meine Schwester ist sechseinhalb Jahre jünger, die fand das natürlich immer sehr uncool. Ich möchte ihr an dieser Stelle dafür danken, dass sie das alles über sich ergehen ließ (sie lacht). Die größte Angst ist, ob das ein Beruf ist, mit dem man bis ins Alter leben kann, denn angestellt sein bis zur Pension, das gibt es ja bei uns nicht. Andererseits ist es ein Beruf, den man bis ins hohe Alter ausüben kann.

MM: Wünsche für die Zukunft?

Reinsperger: Ehrlich gesagt, bin ich bis jetzt gut damit gefahren, die Dinge auf mich zukommen zu lassen. Vor der Burg wollte ich nur Klassiker spielen, nun habe ich ein Jahr lang nur Uraufführungen gemacht und finde das wahnsinnig toll. Es hat mich sehr überrascht, dass ich auch Zugang zu solchen Texten finde, und kann gar nicht sagen, wie befreiend es ist, eine Rolle als erster, ohne „Vorbilder“ zu gestalten. Ich möchte mir also bewahren, so offen wie möglich zu sein, mich von dem was kommt überraschen lassen und es annehmen. Ich wäre nur sehr froh, wenn ich mich nicht selber verraten müsste. Ich möchte gerne, so lange ich diesen Beruf mache, auch glücklich damit sein können.

www.volkstheater.at

Wien, 27. 10. 2015

Kasino des Burgtheaters: Wunschloses Unglück

Februar 20, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Katie Mitchell inszeniert sogar noch

Peter Handkes Leerzeichen

Auf der Leinwand: Liliane Amuat (Die Tochter), im Hintergrund: Ensemble Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Auf der Leinwand: Liliane Amuat (Die Tochter), im Hintergrund: Ensemble
Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Ob das stimmt? Das Burgtheater schweigt. Die FAZ nennt „monströs“, dass „gerade jetzt, nach Bekanntwerden der Finanzkrise des Burgtheaters, das britische Team ständig zwischen London und Wien gependelt sein soll. Mitchell habe dazu noch auf der Anschaffung eines neuen, sündteuren Beamers für ihr Filmspektakel bestanden.“ Die sensationssuchenden medialen Trüffelschweine suhlen sich im kaufmännischen Skandal. Dass an der Burg gleichzeitig herausragendes Theater gemacht wird, geht da mancherorts zwischen Schlag-Zeilen unter. Die britische Regisseurin Katie Mitchell, vormals von den deutschen Medien als Theaterneuerin gefeiert, Nestroy-Preisträgerin für „Reise durch die Nacht“ nach Friederike Mayröcker in Köln, Frauenthemenstückesucherin, Kameraspezialistin, Burgdebütantin, inszenierte im Kasino des Burgtheaters „Wunschloses Unglück“ nach Motiven aus der Erzählung von Peter Handke. Eine herausragende Arbeit – wenn man Film am Theater mag. Denn Mitchell verlegt Handkes Buch teilweise auf die Leinwand. Mittels Video und dreier Kameraleute (insgesamt bestand das „handwerkliche Team“ aus 30 Leuten), die den Darstellern durch das Bühnenbild, die Handkesche Familienwohnung in den 1970-ern samt der damals üblichen Augen-Aushau-Tapete, erweitert um Versatzstücke aus Griffen, dazu die passenden Retro-Kostüme, folgen.

1972 schrieb Handke die Erzählung „Wunschloses Unglück“. Im Versuch, die äußerste Sprachlosigkeit in Worte zu formen, nahm der 28 Jahre alte, bereits sehr erfolgreiche Autor den Freitod seiner Mutter zum Anlass für ein literarisches Experiment. Das Ergebnis ist eine Erzählung, die Schilderung einer einzigartigen „Allerweltsgeschichte“. Entscheidend geprägt vom Anschluss Österreichs 1938, entstand so poetisch und präzise die Erinnerung an eine einst lebensfrohe Frau, die versucht ihrer bäuerlichen Herkunft im Grenzgebiet zwischen Österreich und Slowenien, inmitten sozialer Repression und ländlich-katholischem Dogmatismus, zu entkommen. Eine Mutter von vier Kindern, die vor und nach dem Zweiten Weltkrieg nach einem Leben jenseits der häuslichen Pflichten sucht und an den sogenannten Umständen scheitert. Am Ende dieses beklemmenden Frauenschicksals steht die minutiös geplante Selbsttötung als einziger Ausweg. Handke tastet sich gedankenscharf und gänzlich unsentimental an die Lebensgeschichte seiner Mutter heran; er verweigert sich einem abgeschlossenen Bild, lässt Fragen, Rätsel, Geheimnisse offen. Dies das Manko von Mitchells Inszenierung: Sie formuliert aus, wo Handke Leerzeichen stehen lässt. Jeder Gedanke der Figuren wird zum Bild, jede Emotion eingefroren.

Mitchells virtuoser Effektsicherheit kann man den Respekt nicht versagen – aber sie schießt damit auch übers Ziel hinaus. Als Zuschauer möchte man eben manches im Kopf entstehen lassen und nicht fertig vorgesetzt bekommen. Handkes schlanke Prosa wird hier – unter anderem mit melodramatischer Filmmusik – gemästet und dadurch gleichsam, ein Schock für Handke-Puristen, simplifiziert. Mitchell folgt der Mutter-Biografie, und genau das versuchte Handke durch Ich-Erzähler-Distanz am Dringlichsten zu vermeiden. Wenn es bei Handke heißt, dass „eine Arbeitsanstrengung nötig sein wird, damit ich nicht einfach, wie es mir gerade entsprechen würde, mit der Schreibmaschine immer den gleichen Buchstaben auf Papier klopfe“, klopft Handke-Darsteller Daniel Sträßer (inklusive dessen Oberlippenbärtchen aus der Zeit seiner „Publikumsbeschimpfung“) doch immer den gleichen Buchstaben auf seiner Schreibmaschine auf Papier. Überall dort, wo es in der Erzählung Angebote für mögliche Requisiten gibt, werden sie garantiert in Großaufnahme eingeblendet: die Bob-Dylan-Kassette, der Fernsehapparat mit dem Abspann von „Wenn der Vater mit dem Sohne“ … Das hätte so nicht sein müssen. Aber das ist zugegeben Jammern auf höchstem Niveau. Eine Uraufführung ist eine Uraufführung. Und jede Kunstform hat die ihr eigene Ausdrucksweise.

Mitchell versteht es nicht nur die Kamera, sondern auch ihre Schauspieler zu führen. Und die sind – wie immer an der Burg – top. Allen voran Dorothee Hartinger, die als Mutter Maria stoisch-sorgsam-pragmatisch ihren Abgang vorbereitet: An der Abwasch Tablettencocktail mixen und trinken, dann „Monatshose“ mit Binden anziehen, weil man im Sterben ja bekanntlich …, Kinn raufbinden, ins Bett legen, nur keinen Schmutz machen. Welch ein Menschendrama. Dazu Handke-Sträßer und seine Schwester, Liliane Amuat. Lautlos. Stumm. Ihre Stimme bekommen Mutter und Sohn aus dem Off, großartig gelesen von Peter Knaack und Petra Morzé. Auch dies ein Kunstgriff, der Mitchells Liebe zum Detail unterstreicht. Daneben gefallen Pfarrer Robert Reinagl und Schwiegersohn Laurence Rupp – er führt ebenso wie Amuat auch eine Kamera. Fazit: Matthias Hartmann sollte weder Personal noch großartige Erwachsenen-Arbeiten wie diese streichen, er sollte statt dessen sein seit Bochum gehütetes Bring-Your-Family-Prinzip überdenken. Denn großartiges Kinder- und Jugendtheater machen in Österreich das Theater der Jugend, der Dschungel Wien, Next Liberty … Den spannenden Experimentalort Kasino trotz einer Katie Mitchell so brachliegen zu lassen, wie es demnächst passieren wird, ist jedenfalls eine Schande. Und, Herr Hartmann, auch keine Lösung für Ihr Problem.

www.burgtheater.at

Wien, 20. 2. 2014