Theater in der Josefstadt: Geheimnis einer Unbekannten

Oktober 2, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Welt von vorgestern

Martina Ebm und Michael Dangl. Bild: Moritz Schell

Der erste Eindruck, charmant, wenn auch aus der Zeit gefallen, ein Kammerspiel im bewährten Josefstädter Salonton, vertieft sich zur in den Eingeweiden grummelnden Verärgerung – dies als Gegengefühl zur Protagonistin, der beständig ein Schwarm Schmetterlinge im Bauch flattern …

Der hochdekorierte Christopher Hampton ist wieder einmal in Wien angelandet, im Gepäck seine Dramatisierung von Stefan Zweigs Novelle „Brief einer Unbekannten“, als Bühnenfassung nun „Geheimnis einer Unbekannten“ genannt, von Daniel Kehlmann übersetzt, von Hampton höchstselbst inszeniert – und, nein, nicht böse sein, so geht’s wirklich nicht. Woran nicht allein Zweig und seinem Frauenbild von vorgestern die Schuld aufzuladen ist …

Da gibt es also dieses anonyme Schreiben, das ein Schriftsteller in seiner Post findet, die Nachricht einer Frau, ihn ein Leben lang und unerwidert geliebt zu haben, mehrere Begegnungen, bei denen er sie niemals wiedererkennt, ein gemeinsames und eben erst verstorbenes Kind, diese Zeilen, lässt sie ihn wissen, werde er erst nach ihrem Tod erhalten.

Der Autor versucht zu rekonstruieren, will sich erinnern, aber ach. So weit, so 1922, und diese Attitüde als weibliches Opfer kennt man bei Zweig, er hat es privat von Friederike Winternitz und Charlotte Altmann eingefordert. Jetzt aber: Theater!, Uraufführung mit Martina Ebm und Michael Dangl, eine Begegnung, eine Konfrontation, zwischen den als „Marianne“ und (bedeutsam!) „Stefan“ festgemachten Figuren muss das Inkognito fallen, ein Sich-Stellen – und … Fehlanzeige. Im makellosen Bühnenbild von Anna Fleischle findet derlei nicht statt. Hampton beginnt an der Stelle, an der sie längst „Kurtisane“ ist, vom distinguierten Upper-Classler in seine Wohnung gebeten, doch in der Mitte des Briefes entsteht kein Stück.

Folglich fast forward, das Ganze dauert eineinviertel Stunden, zum Schluss. Die Ebm in Edith-Piaf-„Je ne regrette rien“-Schwarz und im Schlepptau alle unverdauten Schicksalsschläge. Und nicht, dass man an dieser Marianne den Furor einer Rachegöttin erwartet hatte, aber dies jenseitig elegische Gesäusel: ER könne nichts dafür, ER könne für gar nichts irgendwas, ER sei eben wie er ist, ein leichtlebiger Gesellschaftsmensch und DER geborene Verführer, und sie, nur sie, heut‘ würd‘ man sagen: die von ihm besessene Stalkerin, trage Verantwortung für alles Gewesene … und dazu wimmern die Geigen mit Martina Ebm im Duett.

Man fragt sich, wozu diese Frau diesen Mann überhaupt aufsucht, man fragt sich, ob Ebm jemals Einspruch gegen diese Charakterauslegung erhoben hat. Dabei wär’s ein Einfaches gewesen, ein feiner Beiklang zu den Sätzen, ein Hauch von Anklageführen im Unterton, ein wenig Widerstand, ein wenig Wahnwitz, etwas in der Art von „… und Brutus ist ein ehrenwerter Mann“.

Bild: Moritz Schell

Bild: Moritz Schell

Bild: Moritz Schell

„Es wird immer schmerzhafter“, sagt Michael Dangl an einer Stelle, und es ist nicht die erste, an der das Publikum unwillkürlich lachen muss. Dangl, der kann’s, der geht subkutan. Weder hat er den Schalk im Nacken noch den Schelm im Auge, doch irgendetwas ist an seinem lapidaren Spiel, das erahnen lässt, dass er die Chose nicht sonderlich ernst nimmt. Und wie er am Ende auf die Knie niederbricht und Michael Schönborn als Diener Johann „den gnädigen Herrn“ fragt, ob eh alles in Ordnung sei …

Für Dangl soll’s weiße Rosen regnen, die Ebm und er wagen sich engagiert und sympathisch an diesen Macho-Murks heran, was wäre das Theater in der Josefstadt ohne seine Schauspielerinnen und Schauspieler?, und ja, zwischen Ebm und Dangl weiß die Erotik zu knistern … Hamptons Marianne wählt derweil den Freitod. Nun müsste er sie nur noch auf dem Seziertisch des unehelichen Betts aufbahren.

Die Theaterwelt, unendliche Weiten. Wir schreiben das Jahr 2020. Dies sind die Abenteuer des Theaters in der Josefstadt, das mit seiner Frau-und-Mann starken Besatzung unterwegs ist, um unbekannte und neu zu entdeckende Texte zu erforschen … Thalia, bitte schenke uns ein gelungenes „Konzert“!

www.josefstadt.org           Video: www.youtube.com/watch?v=RZYJJoEYtM4

  1. 10. 2020

Kammerspiele: All About Eve

März 2, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Vom Zelebrieren der Zwischentöne

Diva Margo Channing chrasht die Party: Sandra Cervik, Raphael von Bargen, Joseph Lorenz, Gioia Osthoff und Fritz Egger. Bild: Sepp Gallauer

Im Wortsinn gemacht für die Kammerspiele ist die bitter-bissige Komödie „All About Eve“ die Donnerstagabend am Haus uraufgeführt wurde. Starautor Christopher Hampton hat die Bühnenfassung des Mankiewicz-Films mit Bette Davis aus dem Jahr 1950 erstellt, ob seiner Erkrankung führte Herbert Föttinger Regie – und der hat das Stück nicht nur als Vehikel für zehn hervorragende Schauspieler inszeniert, sondern als so kultivierte wie spöttische Satire auf den Theaterbetrieb an sich interpretiert.

Vorgeführt wird das Personal, das sich hinter der Bühne so tummelt. Von der Garderoberin bis zur Schauspieldiva, vom Dramatiker bis zum Kritiker, den Fan nicht zu vergessen, und das Ensemble füllt diese klischierten Figuren lustvoll mit eigenständigem Leben und zelebriert genüsslich die Zwischentöne. Denn Hamptons Text strotzt vor trockenem Humor. Die Gemein- und Frechheiten werden mal subtil, mal hinterhältig an den Mann oder an die Frau gebracht. Alles wird hier so gesagt, wie’s gemeint ist, nur ausgesprochen als ob nicht. Das Publikum reagierte auf all die Kabalen höchst amüsiert und dankte am Ende mit viel Applaus.

Die im Titel angesprochene Eve ist eine Verehrerin von Bühnenstar Margo Channing. Durch einen glücklichen Zufall in deren Haushalt verfrachtet, macht sie sich dort unentbehrlich und nimmt mehr und mehr die Gepflogenheiten der Hausherrin an. Während sie die Übernahme vorbereitet, macht sie sich durch Intrigen den Hofstaat der Channing zu eigen. Bald ist sie im Erfolgsstück „Gereift in Holz“ deren Zweitbesetzung, und spätestens jetzt ist klar, Eve hat die ganze Angelegenheit von langer Hand geplant. Margo wird sich zurückziehen und der jüngeren ihren Platz an der Rampe überlassen müssen. Doch da ist nicht nur ein Theaterkritiker, der die Wahrheit über Eves Vergangenheit kennt und zum Erpresser wird, an der Bühnentür wartet auch schon der nächste Fan. Und diesmal auf Eve …

Martina Ebm und Joseph Lorenz. Bild: Sepp Gallauer

Martina Ebm und Sandra Cervik. Bild: Sepp Gallauer

An den Kammerspielen brillieren Sandra Cervik und Martina Ebm als durchaus sympathische, wenn auch exaltierte Margo Channing und bei ihr Einschmeichlerin und gewiefte Karriereplanerin Eve Harrington. Ebm vollführt die Verwandlung vom bescheidenen Mauerblümchen zum pelztragenden Starlet mit viel Fingerspitzengefühl für den Werdegang ihrer Figur, während die Cervik vormacht, wie elegant Sarkasmus sein kann. Berührend eine Szene, in der sie allein und weinend im „Gereift in Holz“-Bühnenbild zusammenbricht, großartig, wenn sie im Zorn eine Party crasht, weil sie Eves Unterwürfigkeit längst als Manipulation enttarnt hat. Auf dem Höhepunkt der Divenzwistigkeiten muss zweitere ersterer einen Schauspielpreis überreichen – ein Kabinettstück.

Joseph Lorenz fungiert als Erzähler am Mikrophon wie als Mitwirkender am Ränkespiel. Er gestaltet den Kritiker Addison DeWitt als distinguierten, selbstverliebten Snob, der meint alle nach seiner Pfeife tanzen lassen zu können. Als Meister des verbalen Schlagabtausches zeigen sich auch Alexander Pschill als schrulliger Erfolgsdramatiker Lloyd Richards und Martina Stilp als dessen Frau Karen, er aus Geldnot ein Überläufer zu Eve, sie die ehrliche und loyale Freundin Margos. Raphael von Bargen gibt Margos angesichts von Eves Avancen unerschütterlichen Liebhaber und Regisseur Bill Sampson, Susa Meyer burschikos die gute Seele und Garderoberin Birdie. Gioia Osthoff als ewiges Talent Claudia Caswell, Fritz Egger als Produzent Max Fabian und Swintha Gersthofer als Phoebe komplettieren den Cast.

Eve Harrington eignet sich Margos Hofstaat an: Martina Ebm, Martina Stilp, Raphael von Bargen, Joseph Lorenz und Gioia Osthoff. Bild: Sepp Gallauer

Für all das hat Walter Vogelweider ein sehr klares Bühnenbild erdacht, das mit jeweils einem Versatzstück – ein Klavier, gespielt von Belush Korenyi, ein Schminkspiegel, eine Bar – den Spielort kennzeichnet, die aufgestellten Scheinwerfer wirken wie eine Reminiszenz an die sechsfach Oscar-prämierte Kinoversion. Die Kostüme von Birgit Hutter erinnern an deren Entstehungszeit in den Fifties.

„All About Eve“ an den Kammerspielen punktet mit treffsicheren Dialogen und fulminanten Schauspielerleistungen. Der traditionsreiche Tempel Theater wird geistreich aufs Korn genommen, seine Protagonisten charmant und liebevoll ironisiert. Dass der Stoff auch über die Tragödie des Älter- und Ausrangiertwerdens geht, lässt die Cervik in einigen wichtigen Momenten aufblitzen. Vor allem um sie aber bräuchte man sich keine Sorgen zu machen, sie wird von Arbeit zu Arbeit besser.

Video: www.youtube.com/watch?time_continue=3&v=SLIOBEMI9Hg

www.josefstadt.org

  1. 3. 2018

Theater in der Josefstadt: Eine dunkle Begierde

November 28, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Alles sehr Komplex

Martina Ebm (Sabina Spielrein) und Herbert Föttinger (Sigmund Freud) Bild: Sepp Gallauer

Martina Ebm (Sabina Spielrein) und Herbert Föttinger (Sigmund Freud)
Bild: Sepp Gallauer

Es ist der Stofff, aus dem die 500-Seiten-Schmöker sind: Der Beginn der Psychoanalyse. Deren Vertreter sogar nach einen Begriff für ihre Heilmethode suchen. Skeptiker und sexuelle Störungen (und das einer/meiner Generation, der auch noch Rückenmarkschwund beim „Selbermachen“ angedroht wurde) allüberall. Der gottgleiche Sigmund Freud, der seine Jünger vom Glauben abfallen sieht: C. G. Jung, Otto Gross, die eigene Ideen entwickeln, was der Altmeister gar nicht tolerieren mag. Jung, der seine Libido nicht unter Kontrolle hat. Sondern ein Patientinnenpantscherl nach dem anderen. Darunter Sabina Spielrein. Die, bevor sie von Nazis, weil Jüdin, ermordet wird, eine Therapie für Kinder entwickelt …

Oscarpreisträger Christopher Hampton hat daraus ein Theaterstück gemacht, dann ein Drehbuch, aus dem ein grottiger (wenn auch in Wien gedrehter) Hollywoodschmarrn entstand. Nun hat er „Eine dunkle Begierde“ für die Uraufführung im Theater in der Josefstadt neu geschrieben. Die deutsche Fassung entstand in Zusammenarbeit mit Daniel Kehlmann. Hampton hat selbst Regie geführt. Und er weiß, was er von und mit seinem Drama will. Autor und Regisseur haben einander Atemluft gelassen. „The Talking Cure“ heißt das Ganze im Original. Was schon darauf schließen lässt, dass Hampton seinem Zuschauer Sitzfleisch abverlangt. Vor und hinter Schreibtischen wird nämlich viel geredet. Zweidreiviertel Stunden lang. „Action“ gibt es so gut wie keine. Das hier ist Sprech-Theater im Wortsinn. Und man braucht ein herausragendes Ensemble, wie das Josefstädter, an der Spitze Direktor Herbert Föttinger als Freund, um das „freudvoll“ über die Rampe zu bringen. Nichts zwischen-, un- und anderer Art menschliches wird ausgelassen. Der Zuschauer fällt mit den Figuren von Höhen in Tiefen. Gefühlen wird im Unterdrücken Ausdruck verliehen. Und eine Frau steht plötzlich zwischen zwei Analytikern, was wahrscheinlich noch schlimmer ist, als zwischen zwei Liebhabern … Dazu – man bleibt optisch zeitlos in der Zeit – als Bühnenbild von Tim Goodchild eine Art Narrenturm, der sich zu vier drehbaren Räumen öffnet. Vom Behandlungsraum zum Bettgeflüsterkämmerlein. Die Kostüme sind von Birgit Hutter.

Die schwierigste Rolle kommt Martina Ebm zu. Und sie meistert sie mit Bravour. Sie braucht kein Keira-Knightley’sches Zähneknirschen und wildes Treten, um die seelischen Qualen der Sabina Spielrein glaubhaft darzustellen. Ebm spielt eine hochgebildete, im Herzen bereits emanzipierte, emotional aber verkrüppelte junge Frau. Wie sie stockend ihre Geschichte erzählt, statt um sich zu schlagen – das hat sie vom jähzornigen Vater oft genug erlebt. Wie sie deshalb jede Berührung von „Krankenschwester“ Therese Lohner scheut. Wie sie Jung verfällt – und später, als er die Bindung löst, zum Zynismus findet, um dann doch Freundschaft mit ihm zu schließen … Ebm, die am Haus nach der Kathi im „Zerissenen“, ihre zweite Rolle absolviert, sollte damit bewiesen haben, dass sie für Komödie und Tragödie gleichermaßen einsetzbar ist. Eine Autodidaktin der Extraklasse.

Stark agiert auch Alma Hasun als Emma Jung. An der Seite eines Mannes, der kein Interesse mehr an ihr hat, außer seinem Lustprinzip folgend unvermeidlich ein Kind nach dem anderen mit ihr zu zeugen, bietet sie ihm sarkastisch Paroli. Und dem Publikum am Ende einen Hoffnungsschimmer: Auch sie wird sich, die Kleinen sind ja jetzt groß genug, dem Berufsleben zuwenden. Sie, der zuvor in Gesellschaft, mit intelligenteren Aussagen aufzutreten als ihr Mann, untersagt war. Der „Ungustl“ ist Michael Dangl als Carl Gustav Jung. Ein Arzt als Oberlehrer, der vierbuchstäblich zum Zuchtmeister wird, weil Sabina auf Popoklatschen mit dem Lederriemen steht. Dabei findet zwischen den beiden kaum erotisches Knistern statt; was Jung für Frauen so attraktiv gemacht haben soll, hält Dangl wie hinter einer Maske im Verborgenen. Soll das schweizerisch-steif sein? Nur einmal, als sie ihn verlässt und er auf dem eben noch Liebeslager in Tränen ausbricht, regt sich etwas.

Ist Jung der Oberlehrer, ist Freud natürlich „der Herr Professor“. Mit sehr gelungener, fast perfekter „Ähnlichkeit“ zeigt Herbert Föttinger die Ganze Bandbreite seines Könnens. In seinem der Berggasse nachempfundenen Arbeitszimmer agiert er ruhig, überlegt, wortgewandt – und hat dabei Widersacher und Widersprüchler im strengen Blick. Ein Aposteleinsammler, dessen Dialoge mit Dangl-Jung nicht unkomisch sind. Gelungen auch, wie Föttinger die schwere Krankheit des schweren Rauchers schon vorwegnimmt. Sabina Spielrein landet schließlich unter seinen Fittischen, auch, wenn er ihre Theorien … Die kluge Frau schweigt und macht Karriere. Der Bruch mit Jung erfolgt als sich dieser Mystik, Esoterik, Parapsychologie zuwendet. Von den mehr Dingen zwischen Himmel und Erde will Freud nichts wissen. Sondern die Wissenschaft rein halten, nicht über ihre Grenzen gehen. Föttinger ist auch im freud’schen Zorn über den Unfug seines von ihm ernannten Kronprinzen großartig.

Bleibt Florian Teichtmeister als Otto Gross, ein rotzfrecher Schlurf, der, weil drogensüchtig in Jungs Apothekerschrankerl nach dem ihm Allerheiligsten sucht. Er ist Täter, nicht „Talker“, bringt die Drehzahl der Inszenierung auf  Touren, jeder seiner Auftritte eigentlich ein Kabinettstück. Verführerisch neurotisch haut er mit der Krankenschwester ins Nobelhotel auf ein Tête-à-Tête ab. Und schickt Jung die Rechnung. Man soll im Leben nichts unterdrücken, ist sein Credo. Mit vielen dergestalt liebevollen „Kleinigkeiten“ sorgt Hampton auch für Lacher im Publikum.

Die rundum geglückte Aufführung muss den Streit zwischen Freud und Jung natürlich offen lassen. Er ist bis heute nicht gelöst. Immer noch werden Symptome behandelt, nicht Ursachen. Da schließt sich der Narrenturm mit Getöse.

www.josefstadt.org

Trailer: http://youtu.be/B4bT5IDyaMI

www.mottingers-meinung.at/martina-ebm-im-gespraech

Wien, 28. 11. 2014

Martina Ebm im Gespräch

November 25, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Theater in der Josefstadt: Eine dunkle Begierde

Michael Dangl (C. G. Jung), Martina Ebm (Sabina Spielrein) Bild: Sepp Gallauer

Michael Dangl (C. G. Jung), Martina Ebm (Sabina Spielrein)
Bild: Sepp Gallauer

Am 27. November wird in der Josefstadt „Eine dunkle Begierde“ uraufgeführt. Die Väter der modernen Psychoanalyse in einem neuen Stück. Spannende Rivalität zwischen Sigmund Freud und C. G. Jung, Dreiecksbeziehungen und Psychoduelle. Oscarpreisträger Christopher Hampton inszeniert sein Stück „Eine dunkle Begierde“ (deutsche Übersetzung von Daniel Kehlmann) über C. G. Jung, seinen „Übervater“ Sigmund Freud und das Verhältnis zur „Hysterie“-Patientin und späteren Psychoanalytikerin Sabina Spielrein. „Eine dunkle Begierde“ erzählt wie sich Sigmund Freud (Herbert Föttinger) und sein „Lieblingsschüler“ Carl Gustav Jung (Michael Dangl) entzweiten; einerseits wegen der 18-jährigen Sabina (Martina Ebm), aber auch wegen Jungs Neigung zu erotischen, esoterischen und mystizistischen Abwegen. Und wie aus der einstigen Hysterie-Patientin eine Pionierin der Psychoanalyse wurde. Im Kern aber berichtet „Eine dunkle Begierde“ von der Tragödie des revolutionären Denkers Sigmund Freud, der in einer Welt, die seinen Lehren und Erkenntnissen meist feindlich begegnete, an den Rand der Resignation gerät. In weiteren Rollen: Alma Hasun (Emma Jung), Florian Teichtmeister (Otto Gross), Therese Lohner (Eine Krankenschwester). Ein Gespräch mit Martina Ebm:

MM: Zu Beginn gleich die ganz private Frage: Jung oder Freud?

Martina Ebm: Jung hat seinen Reiz, weil er so ein schöner, intelligenter, verständnisvoller Mann war, der Empathie hatte mit seinen Patienten. Ich kann mir schon vorstellen, dass man sich in so einen verliebt. Auch vom Alter her. (Sie lacht.)

MM: Ich denke, es ist eine ziemliche Herausforderung, Sabina Spielrein darzustellen. Ihre Krankheit, ihre Ticks, ohne zu übertreiben, diese Verwundungen der Kindheit, die in der einen oder anderen Form jeder in sich trägt. Wer hat seine Kindheit schon ohne „Tick“ hinter sich gebracht?

Ebm: Das war die schwierigste Aufgabe, da einen Weg zu finden, der emotional ist, der auch den Zuschauer packen wird, der aber kein „Theater“ ist. Man muss in den eigenen Wunden kramen, sonst kann es nicht funktionieren, dass das Publikum mitfühlt. Jeder hat aus seiner Kindheit ein Packerl zu tragen, das man aufzuarbeiten versucht. Manche verstecken, weil’s ihnen besser geht, wenn sie diese Box nicht öffnen. Mir gibt diese Rolle sehr viel, ich habe schon davor viel über Psychoanalyse gelesen und alles immer auf mich bezogen – und dachte mir dann, was ist das, das Sabina ausmacht. Wie zeigt man diese Hysteriediagnose, wie sie damals war – heute. Denn die „Frauenkrankheit Hysterie“ gibt es heute nicht mehr. Damals lebten Frauen in anderen Korsetten und Konventionen, hatten wenig Freiraum, dafür viel Freizeit,  in der sie erst recht nichts tun durften. – vielleicht hat sich dieser Begriff daraus entwickelt. Eine Situation, in die man sich mehr und mehr hineinsteigert … Wir waren bei einem Psychiater, der meinte, heute würde man es am ehesten definieren als Borderline mit Psychose, bipolare Störung … Ich begann dann, mir zu überlegen, wie sehr man den inneren Schmerz äußerlich noch zeigen muss. Wie notwendig das ist. Ich habe viele Sachen ausprobiert und bin zu dem Schluss gekommen, dass das Emotionale vor dem „Körperlichen“ der Krankheit im Vordergrund ist.

MM: Das heißt?

Ebm: Weniger Vasenzerschmeißen als Stimmungsschwankungen. Von ganz oben nach ganz unten –sehr sprunghaft. Ich wollte mehr von innen agieren als die „Ticks“ zu zeigen. Ich hoffe, es transportiert sich in den Zuschauerraum. Wenn man Gefühle zeigt, sollten die auch in der hintersten Reihe noch erspürbar sein. Sabina musste ja ein halbes Leben lang ihre Sexualität unterdrücken, ihre Mutter war sogar bei ihrem Biologielehrer, um ihm zu sagen, dass er über das „Schmutzige“ vor ihrer Tochter nicht reden darf. Und wenn man dann in die Pubertät kommt und beginnt, seinen Körper zu erfahren, und alle sagen, das ist Böse, dann kann man schon ex- beziehungsweise implodieren. Weil man nicht weiß, wie man mit der von aussen oktroyierten „Schuld“ umgehen soll.

MM: Später war die Spielrein sehr emanzipiert, hat als erste Frau in der Psychoanalyse promoviert, hat eigene Ideen entwickelt, hat Freud (!) widersprochen, der ihr aber dennoch, oder gerade deshalb Patienten zukommen ließ … Wie haben Sie sich in sie eingelesen?

Ebm: Ich habe Tagebücher quergelesen, Freud, Jung; das ist das Spannende an der Figur, dass sie hochintelligent ist – g’scheiter als Freud und Jung zusammen -, dass sie nach ihrer Heilung ein klares Berufsziel vor Augen hat, aus ihrer eigenen Geschichte heraus, Kinderpsychologin wird, weil sie glaubt, dass man nicht früh genug zu heilen beginnen kann, um unsägliches Leid abzuwenden. Ich glaube, dass sie auch emotional sehr großzügig war. Mit solchen Leuten passiert etwas Großes. Sie musste sich erst zerstören, um sich neu zu erschaffen.

MM: Was konnte ihr Freud geben, was ihr Jung nicht mehr geben konnte?

Ebm: Im Stück sage ich zu Jung: „Ich gehe zu Freud, weil du für mich nicht mehr verfügbar bist.“ Das war so eine starke Liebesbeziehung, so ein starkes Freiheitsgefühl, das die beiden miteinander entwickelt haben. Dennoch ist Jung nie zu dieser Beziehung gestanden und hat gleich danach die nächste angefangen und dazwischen schon welche gehabt. Er hat mit allen geliebäugelt. Das macht mich persönlich so traurig. Gut, ich revidiere meine Antwort von der ersten Frage: Freud. Eindeutig. Mit Vollbart voll verlässlich.

MM: Sabina Spielrein heiratet, hat ein Kind. Liegt die Ruhe in der Familie?

Ebm: So habe ich das bis jetzt noch nicht gesehen. Aber Sabina hat nach der Affäre mit Jung sehr schnell geheiratet und sehr schnell ein Kind bekommen, so, dass Freud ihr Briefe schrieb, ob das die richtige Entscheidung war, wenn etwas so schnell geht. Man müsste eigentlich dran zweifeln. Wir haben aber gegen jede Form von Klischeedenken ein sehr ausgeglichenes Ende gefunden.

MM: Apropos, Ende …

Ebm: Das kommt in einer Art Traum- oder Trancesequenz oder Vision vorweggenommen auch vor: Sabina Spielrein ging ja zurück nach Russland und wurde vom Stalinregime als Jüdin, als Akademikerin, als Psychoanalytikerin geächtet, denn Stalin hat Psychoanalyse verboten, und von den Nazis erschossen. Man soll ja wissen, was mit ihr passiert ist.

MM: Wie ist es, mit einem Oscarpreisträger zu arbeiten? Das hat man ja auch nicht alle Tage.

Ebm: Stimmt. Aber Christopher Hampton ist so ein lieber, bodenständiger Mensch, so drauf bedacht, dass es uns gut geht. Ich fühle mich beschützt bei ihm. Er weiß immer, was er sagt, man kann ihm die dümmsten Fragen stellen und er behandelt sie trotzdem ernsthaft. Er kennt das Thema ja in- und auswendig. Man kann sich mit ihm Stück für Stück an seinen Gedanken abarbeiten. Er ist echt ein großer Mann.

MM: Das ist Ihre erste Saison an der Josefstadt, die zweite Rolle nach der Kathi im „Zerrissenen“ …

Ebm: Und ich glaube immer noch, ich träume. Ich war vorher in der freien Szene unterwegs, habe „Alma“ gemacht, mit Freunden das „Ensemble 08“ gegründet, wo unsere bekannteste Produktion „Shoppen und Ficken“ war, aber ich wollte immer an die Josefstadt, das ist hier wie eine Familie. Die Möglichkeit, zwei so unterschiedliche Rollen in so kurzer Zeit zu gestalten, ist ein Wahnsinn. Manchmal wache ich in der früh auf und denke mir: Arg, wie super g’rad alles ist.

MM: Man kennt Sie aber auch aus Film und Fernsehen.

Ebm: Ich hatte mehrere kleine Rollen, die größte kommt erst: die ORF-„Vorstadtweiber“ mit Maria Köstlinger, Gerti Drassl, Nina Proll und Adina Vetter. Ich bin schon ganz gespannt. Ich spiele eine umtriebige Frau, die mit ihrem älteren Mann sexuell nicht ausgelastet ist und sich ein bissl umschaut. Die „Vorstadtweiber“ sind alle guuute Freundinnen, aber keine würde ihren Schein aufgeben, alle haben ihre Geheimnisse und Intrigen. Ich hoffe, es ist lustig anzuschauen.

MM: Die berüchtigte Frage „Wo sehen Sie sich in …?“ entfällt also?

Ebm: Toi, toi, toi! Mir geht’s sehr gut, so wie es derzeit ist. Ich mag es so, wie es jetzt ist. Arg, dass ich mein Geld verdiene, mit dem was ich am Allerliebsten mache.

 

Sabina Spielrein (1885-1942)

Sabina Spielrein gilt als Pionierin der Psychoanalyse des Kindes. Sie entwickelte als Erste die These, nach welcher der Sexualtrieb aus zwei gegensätzlichen Komponenten besteht, die von Freud übernommen wurde. Ihre erste Begegnung mit der Psychoanalyse hatte sie allerdings als Patientin. Sabina Spielrein wurde 1904 mit der Diagnose „Hysterie“ in die Psychiatrie eingewiesen und von C.G. Jung behandelt. 1906 begann Jung einen Briefwechsel mit Freud über Spielrein – dies war die Geburtsstunde der Lehranalyse. Nach Spielreins Promotion wurde sie als eine der wenigen weiblichen Ärztinnen in Freuds Psychoanalytische Vereinigung aufgenommen. 1942 wurde Sabina Spielrein mit ihren Kindern von den Nazis ermordet.

www.josefstadt.org

Trailer: http://youtu.be/B4bT5IDyaMI

Wien, 25. 11. 2014