Landestheater NÖ streamt: Gandhi – Der schmale Grat

März 5, 2021 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Große Seele mit kleinen Rissen

Bettina Kerl schlüpft nicht nur in verschiedene Rollen – hier in die des Enkel Arun Gandhi, sie spielt auch die Shrutibox. Bild: Screenshot „Gandhi – Der schmale Grat“

Satyagraha, das lernt man als Erstes, heißt satya – die Wahrheit und ā-graha – das Festhalten daran. Mahatma Gandhi hat diese Wortneuschöpfung erdacht, als Ausdruck seines zivilen Ungehorsams. Liebe, sagte er einmal sinngemäß, sei Wahrheit und Gewaltlosigkeit, die Liebe, die seinen politischen Kampf ausmache, und Satyagraha dabei die Waffe der geistig und moralisch Stärksten. Das mit dem „passiven Widerstand“, den ihm der Westen so gern

anheftet, hörte er gar nicht so gern, hielt er ihn doch für ein Mittel der Schwachen. Bei der berühmten Rede zur Einweihung der Universität Benares 1948 nannte Gandhi sich einen Anarchisten „der anderen Art“. Mahatma, die Große Seele …

Dies alles erfährt man schon in den ersten Minuten der Inszenierung „Gandhi – Der schmale Grat“ des Landestheater Niederösterreich. Regisseurin und Dramaturgin Evy Schubert und Schauspielerin Bettina Kerl haben die Produktion fürs Klassenzimmertheater erdacht und konzipiert, nun wurde das Ganze extra für den Stream von Johannes Hammel neu aufgenommen. Derzeit wird dieser für Schulen inklusive einer Online-Nachbereitung der Theaterpädagogik angeboten www.landestheater.net/de/theatervermittlung, an dieser Stelle schwelt allerdings die Hoffnung, dass der Stream noch einmal für alle freigeschaltet wird – und natürlich die Aufführung bald live zu sehen ist.

Nun könnt‘ man sagen, Bettina Kerl spielt großen Pazifisten und Asketen, wahr ist aber vielmehr: sie performt ihn. Zu Bollywood-Musik und mit Goldmikro malt sie erst die Buchstaben in die Luft G-A-N-D-H-I, bevor sie ein Bild des Anführers der indischen Unabhängigkeitsbewegung zeichnet. Von dessen Zeit als Rechtsanwalt in Südafrika, wo er sich für die Gleichberechtigung der indischen Minderheit einsetzte, bis zur Loslösung Indiens aus der britischen Kolonialherrschaft. Der Salzmarsch (gegen das britische Monopol) darf da nicht fehlen, seine bis an die Grenze zum Sterben durchgehaltenen Hungerstreiks, die er stets dann begann, wenn er eine Idee durchsetzen wollte, sein selbstgewebtes Gewand, der Khadi, ein Zeichen für die Emanzipation der indischen Textilarbeiterinnen.

Bettina Kerl agiert eindringlich, an Gandhi, versteht man schnell, war alles Symbol. Er war ein Meister der Geste, der seine komplexen Botschaften in schlichter Weise unters Volk brachte. Diese Kunst beherrschten in den 1920er-, 1930er-Jahren anderswo die Falschen, und so ist es bis heute geblieben, und wenn Kerl im Namen Gandhis sagt, die Nation müsse lernen Nein zu sagen, dann schlägt man das Buch zur europäischen Zeitgeschichte beschämt zu.

Doch „Gandhi – Der schmale Grat“ verklärt den Bapu, den Vater der Nation, nicht. Schon seine elf Gelübde werden ihr zum Yoga-Matten-Spagat. Eins davon, das der Keuschheit, ist besonders brüchig. Denn nicht nur, dass er seine Ehefrau Kasturba erst gar nicht übers Vorhaben informierte, er ließ sich, um seine Enthaltsamkeit auf die Probe zu stellen, nächtens nackte Mädchen ins Bett legen – aber sich tagsüber mehr und mehr als religiöse Figur feiern. Die Große Seele, sie hatte durchaus Risse. Schließlich kam Gandhis große Niederlage: Die Unabhängigkeit Indiens 1947 als Zweistaatenlösung.

Bettina Kerl mit Goldmikro performt den Gandhi. Bild: © Landestheater Niederösterreich

Bettina Kerl als Gandhi-Attentäter und Hindu-Nationalist Nathuram Godse. Bild: © Landestheater Niederösterreich

Flugs wechselt Bettina Kerl die Position, sie entfernt den Klebestreifen-Schnauzbart, wird zum Attentäter, zum Mörder Nathuram Godse, einem Hindu-Nationalisten. Und wie sie da breitbeinig steht, den Tikala auf der Stirn, frech, ohne Reue, Godses Standpunkte wie eine Strafverteidigerin vertretend, da kann man nur sagen: Verwandlung gelungen. Und wieder dockt die Aufführung am Heute an: Die Teilung des Landes ins hinduistische Indien und ins muslimische Pakistan, erklärt Kerl, ist die größte Flüchtlingsbewegung der Geschichte.

Die einen wollten nach hüben, die anderen nach drüben, eine Million Tote, 20 Millionen Vertriebene, und man muss begreifen, dass niemand seine Heimat aus Jux und Tollerei verlässt. „Niemand flüchtet freiwillig“ schreibt auch UNHCR Österreich, und weist in der aktuellen Statistik 80 Millionen Menschen weltweit als Flüchtlinge aus. Wobei – dies all jenen ins Stammbuch geschrieben, die vor dem Überrannt-Werden Europa warnen – 73 % davon in den Nachbarländern bleiben. Die meisten Flüchtlinge nehmen neben der Nummer eins

Türkei die ärmsten Länder auf: Uganda in Afrika am meisten, der Libanon, Bangladesch, das sich 1971 von Pakistan abspaltete – und weltweit auf Platz zwei: Pakistan selbst. Dies eine kurze Kritik an dieser ansonsten fabelhaften Arbeit, und ohne Schülerinnen und Schüler mit Mountbatten-Plan, Churchill-Intrigen und Clement Attlee strapazieren zu wollen. Doch gehörte die Ursache für die meisten blutigen Konflikte, politische Schieflagen, beides oft wegen willkürlich gezogener Grenzen, schlechte Wirtschaftslagen und damit kaum Aussicht auf Arbeitsplätze – siehe das Unwort: Wirtschaftsflüchtling/Migrant, deutlicher herausgestellt: der Kolonialismus, die Herrschaft des weißen Mannes und seine Ausbeutung von Mensch und Land. Auch zwischen Indien und Pakistan gibt es keinen Frieden. Seit 1948 befehdet man sich wegen Kaschmir.

Einen dritten Charakter stellt Bettina Kerl noch dar: den Gandhi-Enkel Arun. Die Shrutibox spielend erzählt sie als dieser vom verehrten Großvater. Als 12-Jähriger kam er in dessen Haus und blieb zwei Jahre. Zeit genug, um vom Friedensaktivisten die wichtigsten Lektionen zu lernen, davon die erste „Wut ist ein Geschenk“, und da stutzt man kurz. Bevor man sich der flammenden Reden der 18-jährigen Klimaschutzaktivistin Greta Thunberg – deren indische Mitstreiterin Disha Ravi (21) ein Online-Kontakt mit Greta übrigens gerade erst hinter Gitter brachte -, der 21-jährigen Emma Gonzales, die unter Zornestränen schärfere Waffengesetze in den USA fordert, und nicht zuletzt der pakistanischen Frauenrechtsaktivistin und Friedensnobelpreisträgerin Malala Yousafzai (23) entsinnt.

Gandhis Vermächtnis wird fortgeführt. Eine Botschaft, sagt Kerl als Arun, hätte ihm sein Großvater noch mitgegeben, nämlich, dass zu viele Menschen zu viel Zeit darauf verwenden, ihre kleine private Welt zu schützen. „Doch der einzelne überlebt nur, wenn auch der Rest der Welt überlebt.“

www.landestheater.net

  1. 3. 2021

Landestheater NÖ online: „Molières Schule der Frauen“ als Silvester-Vorstellung

Dezember 11, 2020 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Willkommen im Cirque de l’Obscurité!

Am Ende heißt’s „Alles Tango!“ Laura Laufenberg als Agnès und Tobias Artner als Oronte. Bild: Alexi Pelekanos

In seiner Reihe #wirkommenwieder bietet das Landestheater Niederösterreich zu Silvester ab 19.30 Uhr und danach für 24 Stunden Ruth Brauer-Kvams „Molières Schule der Frauen“ als kostenlosen Online-Stream auf der Homepage www.landestheater.net an. Hier Auszüge aus der Premieren-Kritik:

Und jetzt einen Gang hochschalten, bis die Kurbelwelle rotiert. Das kann Ruth Brauer-Kvam. Sie hat am Landestheater Niederösterreich „Molières Schule der Frauen“ inszeniert, und man merkt ihrer Regiearbeit an, dass sie an der Volksoper auch diese Spielzeit höchst erfolgreich als „Cabaret“-Conférencière über die Bühne spuken wird. Willkommen, Bienvenue, Welcome also im Cirque de l’Obscurité!

Brauer-Kvam übersiedelt die im Abgang unter ihrer Denklehre ächzende Komödie des Commedia dell’arte-affinen Dichters ins Théâtre du Grand Guignol. Alles hier ist überzeichnet, überkandidelt, überdrüber, eine Commedia dell’arte-Travestie, in der genüsslich zu verfolgen ist, wie den Protagonisten die Pi-Galle überläuft – nicht nur dem um seine sinistren Ehepläne bangenden Arnolphe, sondern auch dem kunstsinnigen Climène – im

Original eine Frau, der sich als Theaterzuschauer gar nicht genug über die „geschmacklose“ Handlung aufregen kann. Gewitzt hat Ruth Brauer-Kvam nämlich „L’école des femmes“ mit Molières „Kritik der Schule der Frauen“ und auch ein wenig „Menschenfeind“ verbandelt. Erstere eine Art Meta-Komödie, in der Molière seine Kritiker, denn ja, anno 1662 löste die Uraufführung der „Schule der Frauen“ wegen des emanzipatorischen Ansatzes und des Spotts auf den Ehestand einen handfesten Theaterskandal aus, als Heuchler und Beckmesser enttarnt.

Und so treffen nun Michael Scherff als Climène und Emilia Ruperti als Salondame Uranie aufeinander, um die Klischee-Vorstellung zur Rolle der Geschlechter samt ihrer eigenen diffizilen Beziehung zu diskutieren – und zwar nicht als Rahmen-, sondern mitten in der Handlung … Molière-logisch, dass ein Hübscher namens Horace dem ominösen Wirken des angegrauten Brautwerbers Arnolphe in die Quere kommt … Diesen spielt Tilman Rose im Sulley-Fake-Fur (© Monster AG) als manisch Besessenen, alles an ihm ist prall, laut, prahlerisch, nur im Zuflüstern seiner üblen Machenschaften ans Publikum kann er zynisch zischeln. Rund um dessen, heut‘ nennt man’s, toxische Männlichkeit lässt Brauer-Kvam das Ensemble kontrolliert eskalieren.

Auch die beiden haben ihre „maladie d’amour“: Michael Scherff und Emilia Rupperti. Bild: Alexi Pelekanos

Die Watschn trifft den Falschen: Scherff, Artner, Oberkanins, Rose, Breyvogel und Rupperti. Bild: Alexi Pelekanoss

Michael Scherff, Tobias Artner und Tim Breyvogel als „Deus ex USA“-Enrique. Bild: Alexi Pelekanos

Die Kritiker mitten im Bühnengeschehen: Philip Leonhard Kelz, Emilia Rupperti und Michael Scherff. Bild: Alexi Pelekanos

Das Setting ist kellerlochschwarz – Climènes: „Wer sperrt den heute noch Frauen ein?“ ein österreichischer Lacher – und atmet abgefuckte Varieté-Atmosphäre, Stummfilm-Elemente kommen ebenso zum Einsatz wie Multi-Percussionistin Ingrid Oberkanins, die per Schlagwerk den Sound zum immer tolleren Treiben vorgibt. Auftritt Philip Leonhard Kelz als Horace, auch gleich sein eigenes Horse also Pferd, der tänzelnd und von Eros-Ramazzotti-Musik gebeutelt von „Amore“ spricht. Ist er doch mittels Akzent als Italian Lover ausgewiesen, aber mit Marco-Mengoni-Haartolle und in dessen ESC-2013-Outfit nur ein Hauch weniger Knallcharge als das freche, fordernde, verfressene Dienerpaar Georgette und Alain:

Tobias Artner und Tim Breyvogel mit fulminanter Oberweite beziehungsweise Riesen-Ding-Dong, beide Meister im Stakkato-Sprechen und Bananen-Slapstick, beide die Urheber endgültiger Verwirrung, und auch als Notare, altes Weib, Oronte und Enrique eingesetzt. Laura Laufenbergs Agnès lässt sich ihre mädchenhaft-aufgekratzte Laune nicht verderben, selbst als ihr ihre Unterdrückung und Manipulation bewusstwird – und in keinem Moment offenbart Laufenberg, ob Agnès‘ Naivität echt oder ein gewiefter Überlebens-Trick ist -, kann ihr nichts den neckischen Spaß mit Horace nehmen … Ende gut, Rut Brauer-Kvam noch besser … die ganze Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=41393, Trailer: www.youtube.com/watch?v=eK70Z4bkrTQ

Bettina Kerl und Julia Engelmayer. Bild: Alexi Pelekanos

Spaziergang durchs jüdische St. Pölten

Bereits ab 18. Dezember, 19.30 Uhr und frei für 48 Stunden, ist der digitale Stadtspaziergang „Es gab ein jüdisches Leben in St. Pölten“ zu sehen. Schauspielerin Bettina Kerl und Dramaturgin Julia Engelmayer haben Lebensgeschichten von St. Pöltner Jüdinnen und Juden recherchiert. Nun nehmen sie das Publikum mit auf ihrem Weg durch die barocke Innenstadt, erzählen von Schicksalen und historischen Hintergründen. Ausgangs- punkt ist die ehemalige Synagoge, aufgenommen wurde das Ganze von Filmemacher Johannes Hammel.

www.landestheater.net

  1. 12. 2020

Bronski & Grünberg: Die roten Augen von London

Januar 7, 2020 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der ultimative Edgar-Wallace-Irrwitz

Die üblichen Verdächtigen: Daniela Golpashin, Elias Krischke, Dominic Oley, Gerhard Kasal. Elisa Seydel, Fritz Hammel und Kimberly Rydell. Bild: © Philine Hofmann

„Hallo, hier spricht …“ muss selbstverständlich der erste Satz sein, auch wenn vors „frei nach“ nicht weniger als sieben sehr geschrieben sind. Fürs Bronski & Grünberg hat sich Theaterdreifaltigkeit Dominic Oley diesmal einen Edgar-Wallace-Fall zur Brust genommen, hat aus den toten „Die roten Augen von London“ gemacht – und die Story um eine blinde Verbrecherbande mit dem ihm eigenen, heißt: Wahn- wie Hintersinn, bronskifiziert. A Show with everything but Ady Berber!

Die Jahresauftaktpremiere an Wiens erster Adresse für Progressiv-Boulevard ist auf Hochglanz gewixxt, Slapstick, Satire, Nebelschwaden, mit elegant-ernsthafter Einfassung an den Rändern. Es ist bemerkenswert, wie mühelos es Autor-Regisseur Oley gelingt, dem Krimi, vor allem der in punkto Skurrilität – ob Augenzwinkern, ob Unvermögen? – nicht festzumachenden Verfilmung, an Irrwitz eins draufzusetzen. Textzeilen wie, Chefinspektor Larry Holt: „Heute Morgen wurde wieder eine Leiche aus der Themse angeschwemmt.“ Sergeant Harvey: „Empörend! Wird denn in diesem Land überhaupt niemand mehr erschossen?“, muss man erst einmal toppen.

Die Aufführung fährt von Anfang bis Ende in Höchstgeschwindigkeit, der Wortwitz fliegt tief, bitte raten, was sich gunstgewerblerisch auf Roger Moore reimt, und apropos: Unvermögen, klar wird sich in diesem Spiel um Sex & Drugs & großes Geld auch ins Politische verbissen – ganz nach der Bronski-Parole, in Zeiten wie diesen, ist es Zeit für die Komödie, denn die Komödie ist immer noch der Glauben an das Gelingen in dieser Welt. Und so werden nun in der Müllnergasse so steinreiche wie steinalte wie mausetote Männer aus der Themse gefischt, offenbar ertrunkene Millionäre mit abnormal geröteten Augen.

Für Scotland Yard und seine Führungsspitze ist das eine verflixte Sache, ist die brillanteste Doppel-Null-Agentin doch auf Zwangsurlaub geschickt worden, nachdem sie die Innenministerin beim Staatsverhökern auf einer spanischen Insel beschattet hat. Meanwhile muss eine ambitionierte, kleine West-End-Bühne mangels Subventionierung beinah schließen, doch wird der selbstironische Seitenhieb von einem geheimnisvollen Spender abgefangen, der dem Theater allmonatlich einen großzügigen Betrag überbringen lässt.

Bild: © Philine Hofmann

Bild: © Philine Hofmann

Bild: © Philine Hofmann

Von einem – Achtung! – blinden Boten, womit die Spur ins nächstgelegene Blindenheim führt, das sich zufällig im selben Haus befindet, wie jene Assekuranz, bei der die ums Leben gebrachten Geldsäcke versichert waren. Während eine Todesliste in Brailleschrift auftaucht, unpassende Aphorismen gerade noch die Kurve kratzen, und die neurotisch-erotische Superermittlerin Colt, Kimberly Rydell, ihr Pantscherl mit dem Chefpathologen Stefan Lasko pflegt, muss der in erster Linie mit Ehefrau und Einkäufen bei Carrotts beschäftigte Polizeichef Fritz Hammel – „Meine Fresse, die Presse!“ – vor ebendieser seine Unfähigkeit rechtfertigen.

Vom Feinsten ist sein Zwiegespräch mit dem zum Friseur mutierten einstigen Flimmer-Fred, ein Philosophieren um bedingungsloses Grundeinkommen, Vermögensobergrenze und eine Welt, in der die Menschen ihr Zuviel teilen. Und da die Morde ja kein zack-zack Einzelfall sind, stellt sich nun schon die Frage, ob hier Umverteilung – natürlich nicht vom Staat, mehr privat – in großem Stil betrieben wird. Im durchwegs großartigen Ensemble ist Elias Krischke nicht nur als Freddy, sondern im Mehrfacheinsatz brillant, ob er als dienstbeflissen-dämlicher Sergeant Eddi Arent alle Ehre macht oder als blinder Benny was vom „bösen Ort“ stammelt, bevor er stunttechnisch einwandfrei von der Bühne fällt.

Dass dem Burgtheater-Bakchen-Chorist mit seinem „Die Sache mit den Laufbändern habe ich nicht verstanden“ ein Insidergag und darob amüsiertes Lachen geschenkt ist, ist nur eine der geglückten Petitessen dieser zwischen herzhaft groteskem Humor und geschliffener Politpointe changierenden Produktion. Gerhard Kasal verkörpert in Personalunion Reverend Dearborn und Rechtsanwalt Judd, und per Erscheinungsbild auch des Edgar-Wallace-Publikums liebsten Bösewicht. Again the Ringer! Die somit drei Sehkraftlosen lassen Elisa Seydel als religiös-sadistische Klosterschwester Agnes über, nein – nicht die Klinge, den Blindenstock springen. Virtuos im Dialog-Ping-Pong und in komödiantischer Höchstform sind auch Daniela Golpashin und Florian Carove.

Die zwei gescheiterte West-End-Existenzen, wie Wladimir und Estragon auf Oley-Art, die auf der Suche nach einem Papagei mit Opernsängerqualitäten auf den Plappervogel im Blindenheim stoßen, der immerhin die Uhrzeit sagen und ungarische Kantaten singen kann. Ob der Kriminalfall am Schluss als geklärt zu betrachten ist, bleibt dem Urteil des einzelnen überlassen, jedenfalls taucht weder der unheimliche noch der Mönch mit der Peitsche, aber Stefan Lasko wie ein Frosch ohne Maske aus dem Nass auf. An Schuldigen werden dingfest gemacht: politische Gleichgültigkeit, fehlende soziale Utopien und schlechtes Benehmen. Nach gebührendem Jubel-Trubel zog’s die Zuschauer weiter – ins Gasthaus an der Themse aka die Flamingo-Bar.

www.bronski-gruenberg.at           Little extra for nostalgics: www.youtube.com/watch?v=6l_2D6CpbCo

tv-thek.orf.at/profile/Seitenblicke/4790197/Seitenblicke/14037213/Premiere-im-Bronski-Gruenberg/14619689

  1. 1. 2020

Sommerspiele Perchtoldsdorf: „Der Revisor“

Juli 4, 2013 in Bühne

Witzfiguren einmal ernst genommen

Raphael von Bargen (M.) und die Größen der Provinz Bild: Barbara Palffy

Raphael von Bargen (M.) und die Größen der Provinz
Bild: Barbara Palffy

Mit Gogols „Der Revisor“ verabschiedet sich Barbara Bissmeier als Intendantin der Sommerspiele Perchtoldsdorf. Christine Wipplinger führte Regie in dem nach einer Puschkin-Anekdote (der Dichter wurde in einer Provinzstadt tatsächlich einmal für einen geheimen Moskauer Beamten gehalten) 1835 verfassten Stück. Und sie tat es mit Verve und Augenzwinkern und mit historischen Kostümen. Weil man Korruption und Bestechung dieser Tage ja kaum mehr kennt, oder? Die Verhältnisse, sie sind nicht so, wenn die Motten ein Irrlicht umschwirren … Und so gelang es Wipplinger einerseits das Groteske an Gogols Satire herauszukitzeln, andererseits seine Honoratioren, allesamt Witzfiguren, sehr ernst zu nehmen. Lachen mit Köpfchen (statt Schenkelklopfhumor) ist an diesem Abend angesagt. Dazu beglückte die Regisseurin mit perfektem Komödien-Timing. Und: Die prächtige Perchtoldsdorfer Burg war wieder als wichtiger Teil der Kulisse (Bühnenbild: Erich Uiberlacker) im Spiel. Die neue Übersetzung von Andrej Iwanowski lässt zwischen den Zeilen auch Zotiges zu.

Raphael von Bargen gibt den „Revisor“ Chlestakow, Sven Dolinski seinen Diener Ossip. Einer ein größeres Schlitzohr als der andere leben sie zwischen Streit und Subversion. Wobei Ersterer vom hochtrabenden Hochstapler in Sekundenschnelle zu weinerlich-wehleidig changieren kann, wenn er sich enttarnt glaubt, während sich die Loyalität des Zweiteren in Grenzen hält, so lange finanzielle Zuwendungen in seine Tasche fließen. Beide liefern ein Kabinettstück ab, vor allem Dolinski, der seinem Ossip völlig neue Farben gibt.

Das zweite Traumpaar des Abends sind I Stangl und Horst Heiss als Gutsbesitzer Bobtschinski und Dobtschinski, ein Duo wie weiland Laurel und Hardy. Dann natürlich die gewichtigen Männer: Fritz Hammel ist ein bösartig katzbuckelnder, cholerischer Stadthauptmann, der nicht seine mit wenig Intelligenz gesegnete Truppe an die Kandare nehmen muss, sondern auch Frau (Petra Strasser) und Tochter (Katharina Haudum), die sich alsbald um die Zuneigung des Feschak Chlestakow in den Haaren liegen bzw. an diesen ziehen. Oliver Huether ist ein selbstgerechter, sich seiner zwischen Aktenbergen verborgenen Sache sehr sicherer Richter; Georg Kusztrich ein ängstlicher Armenanstaltsverwalter, setzt er doch auf die Devise: Wozu Medizin? Wen die Natur nicht heilt, den holt Gott eben zu sich … Ein Panoptikum menschlicher Grauslichkeiten, das Wipplinger da auf die Bühne stellt. Und zwar so, dass die „Anfütterung“ des vermeintlichen Revisors durchaus für Erheiterung sorgt. Am Schluss ist der, sattgefressen und die Taschen voller Geld, schon wieder unterwegs – aber das Unheil für die Stadt, in der jeder Dreck am Stecken hat, noch nicht zu Ende …

Wieder einmal sieht man in Perchtoldsdorf also Unterhaltung mit Haltung. Mit Niveau. Bissmeiers Nachfolger, Michael Sturminger, will diesen erfolgreichen Weg 2014 mit „Das Kätchen von Heilbronn“ fortsetzen.

www.sommerspiele-perchtoldsdorf.at

www.mottingers-meinung.at/barbara-bissmeier-und-michael-sturminger-im-gesprach/

Von Michaela Mottinger

Wien, 4. 7. 2013

Barbara Bissmeier und Michael Sturminger im Gespräch

Juni 27, 2013 in Bühne

Sommerspiele Perchtoldsdorf: „Der Revisor“

Barbara Bissmeier Bild: Barbara Palffy

Barbara Bissmeier
Bild: Barbara Palffy

Barbara Bissmeier verabschiedet sich mit Gogol Satire (Premiere ist am 3. Juli) von Perchtoldsdorf. Ihr Nachfolger als Intendant wird Michael Sturminger. Ein Gespräch:

MM: Sie verlassen Perchtoldsdorf als Intendantin. Warum jetzt der Abschied? Überwiegt das lachende oder das weinende Auge?

Barbara Bissmeier: Ach, im Moment bei diesen Wetterkapriolen das lachende. Es wird schön sein, nicht jeder Juli zum Himmel zu schauen ob er weint, ob man die Leute in den unterirdischen Saal scheuchen muss. Dem Juli ein bissl entspannter entgegen zu sehen, darauf freue ich mich schon. Ich hab’s wahnsinnig gern gemacht, aber es halt eine Nervengeschichte. Was ich immer mochte war, dass wir mit den Kollegen eine Superfamilie sind. Ich bin nicht die Chefin, ich bin eine von ihnen, ich gehöre zur Truppe und bin halt die „Oberhex’“ – durch mein Alter und durch meine Tätigkeiten verstehe ich halt relativ viel von Theater. Und dadurch und durch meinen Mann (den Burgtheaterschauspieler Joachim Bissmeier) kenne ich viele Kollegen auch privater. Das ist einfach sehr, sehr gut.

MM: Warum nun zum Abschluss „Der Revisor“?

Bissmeier: Das ist eine lustige Geschichte. Es hatte mich unsere jetzige Regisseurin Christine Wipplinger eingeladen, mir in Kobersdorf den „Eingebildeten Kranken“ anzuschauen. Ich hatte von ihr schon Arbeiten gesehen, denn ich bin  ja unentwegt unterwegs, und habe diese weibliche Hand schon zu schätzen gewusst. Ich fand die Inszenierung fulminant mit Fritz Hammel und Petra Strasser, die heuer bei uns spielen. Wir sind nachher ins Reden gekommen, was gemeinsam zu machen, was anzudenken, und ihre erste Idee war „Der Revisor“. Der steht bei mir schon ganz lang auf der Wunschliste. Christine hat ein Jahr in Moskau gelebt, hatte dort auch einen Freund, der uns jetzt das Stück neu übersetzt hat. Sie hat einen speziellen Umgang mit dem Stoff, erklärt uns bei jeder Silbe, wie man sie richtig ausspricht. Die Frau hat einfach a guate Pratzn.

MM: Raphael von Bargen spielt die Titelrolle. Wessen Idee war das?

Bissmeier: Meine. Natürlich. Ich kenne ihn ja. Er hat mit meinem Mann im „Woyzeck“ gespielt, beide waren für den Nestroypreis nominiert. Über den Raphael bin ich sehr froh, weil er eine Mordsspiellust hat, unentwegt anbietet, zeigt und macht, und die anderen gehen drauf ein. Es sind die Proben schon so lustig, weil sie so eine Spielfreude haben und so gern miteinander spielen. Egal, ob bei der Riesenhitzewelle, die wir hatten, oder bei Regen.

MM: Sie haben immer Sommertheater mit Anspruch gemacht, mit Haltung. Das ist Ihnen offensichtlich ein Anliegen.

Bissmeier: Absolut. Mein lieber Mann zerwuzzelt sich immer, wenn ich mich aufrege, wenn jemand das Wort Sommertheater erwähnt. Er sagt: Ich spielt’s doch im Sommer, also ist es Sommertheater. Aber für mich ist der Begriff so mit Schenkelklopfkomödien besetzt und genau das wollte ich nicht. Perchtoldsdorf ist auch ein anderer Ort. Wir sind vor den Toren Wiens, unser Publikum gehen ins Burgtheater, in die Josefstadt … die schätzen diesen Anspruch. Weltliteratur mit guten Schauspielern. Und wenn es von der Gemeinde so angenommen wird, wenn wir die erste Riege an Schauspielern da haben, dann habe ich etwas richtig gemacht. Wir haben einen sehr guten Ruf in der Theaterlandschaft. Das ist mir sehr wichtig.

MM: Das stimmt. War’s dadurch immer einfacher, diese Schauspielstars nach Perchtoldsdorf zu bringen?

Bissmeier: Oh ja, das kann ich schon sagen. Wenn man anruft und sagt: ‚Hallo, Bissmeier …’ und die Antwort ist: ‚Jö!’, da hat man schon einen anderen Zugang. Begonnen habe ich ja mit Dr. Löhnert, der nicht aus dem Metier ist, sondern Rechtsanwalt mit großer Liebe zu den Künsten. Als er mich gefragt hat, ob ich’s mit ihm mache, hab’ ich nicht lange nachgedacht. Ich habe ihm drei Regisseure vorgestellt, er hat sich den Sturminger, der jetzt mein Nachfolger wird, ausgesucht. So haben wir begonnen mit „Geschichten aus dem Wienerwald“. Als erstes habe unseren Uraltfreund Branko Samarovski gefragt, ob er den Zauberkönig spielen will. Wenn du einen seriösen Namen hast, ist es leichter ein tolles Ensemble zusammen zu kriegen. So folgten Karl Markovics als Oskar, Gerti Drassl als Marianne, Erni Mangold als Großmutter, Brigitte Krenn als Mutter … Andreas Lust war der Alfred … eine sehr schöne Inszenierung. Im zweiten Jahr haben wir „Was ihr wollt“ gemacht,  wieder mit dem Karl, der Gerti, Georg Friedrich, der dann auch beim „Tartuffe“ dabei war, und Gregor Bloéb als Sir Toby Rülp im Kilt  – und da gab’s eine Fechtszene, bei der Gregor der Kilt heruntergerissen wird. Und unterm Kilt trägt man … no … Das war sehr lustig.

 MM: Was würden Sie in all diesen Jahren als  größten Erfolg sehen?

Bissmeier: Die baulichen Maßnahmen, die Wetterunabhängigkeit durch den Saal unter dem Burghof. Früher saß ich wie die Parze am Rand, um rechtzeitig eingreifen zu können, wenn’s zum Tröpfeln anfängt. Künstlerisch: Die „Geschichten aus dem Wienerwald“, weil wir das wirklich aus dem Nichts auf die Beine gestellt haben. Dann meine erste alleinige Produktion, der „Hamlet“ mit Florian Teichtmeister und Christian Brandauer, der am Klavier seine Kompositionen gespielt hat. Da wurde während der Proben gerade umgebaut, und der arme Florian hat sein „Sein oder Nichtsein“ neben der Betonmischmaschine gesprochen. Da gab’s eine Vorstellung da gingen neben Silvia Meisterle, die die Ophelia war, die Blitze nieder. Ich sag nachher zu ihr: ‚Ich hab’ mich so um dich gefürchtet, hattest du keine Angst?“ Und sie antwortet: ‚Warum? Was wäre ein schönerer Theatertod?’ Das als Drittes: Der „Macbeth“ aus dem Vorjahr mit Dietmar König, Alexandra Henkel und ihren Buben.

 MM: Was hätten Sie gerne noch umgesetzt?

Bissmeier: „Richard III.“ hätte ich gerne gemacht. Aber das kommt vielleicht ja noch, ich hätte drei Aspiranten, die’s gerne spielen würden. 2014 steht einmal „Das Käthchen von Heilbronn“ auf dem Programm vom Michael Sturminger.

 MM: Und: Was ich Ihnen nicht glaube ist, dass Sie Ihre Theaterleidenschaft jetzt nur mehr als Zuschauerin ausleben werden.

Bissmeier: (Sie lacht.) Ich werde heuer 70. Ich habe vier Enkelkinder, die wissen noch nicht, wie oft ich sie künftig ins Theater schleppen werde. Außerdem spielt mein Mann nächste Saison wieder an der Burg  im „König Lear“ mit Klaus Maria Brandauer. Aber Sie haben Recht: Ich komme ja von der Kinderoper, vom Musiktheater, Ioan Holender hat mich damals geholt und dann eingespart, es wird mich vielleicht wieder in diese Richtung ziehen. Herr Holender hat mir einen Brief geschrieben, wie sehr er unsere Aufführungen schätzt. Er kommt heuer auch.

MM: Ist Perchtoldsdorf ein einfaches Pflaster, um Theater zu machen?

Bissmeier: Sie lieben das Sommertheater sehr, sie unterstützen es sehr. Sie sind ein wenig vorsichtig, was die Finanzen betrifft. Jetzt wurde es zunehmend ein bissl schwieriger, weil sie, da sie ja der Veranstalter sind, ins Künstlerische eingreifen wollten. Da muss ich mich manchmal wehren, damit das Merkantile nicht überwiegt. Aber wie gesagt: Sie stehen sehr dahinter, auch mit Sachbeiträgen, haben ein Infocenter errichtet, sie unterstützen, wo’s geht. Leidenschaft zum Theater haben sie.

MM: Ihr Nachfolger ist Michael Sturminger.

Bissmeier: Wir kennen einander sehr lange. Ich habe ihn durch meinen Mann kennen gelernt. Als ich dann gefragt wurde, Kinderoper zu machen, habe ich Holender vorgeschlagen, ihn als Regisseur zu nehmen. So haben wir das „Traumfresserchen“ gemacht. Aus den Zeichnungen von Michaels Kindern haben wir damals das Bühnenbild gemacht. Er hat eine Wahnsinnsgeduld und eine Hartnäckigkeit und eine Freundlichkeit und eine sanfte Art, aber ihn kann nichts so leicht aus den Pantinen kippen. Eines Tages nun ruft mich der Sturminger an und fragt: ‚Stimmt das, du hörst auf?’ Und ich: ‚Wenn’s dich wirklich interessiert, wäre das wunderbar. Du kennst die Gegebenheiten, den Ort, die Leute – perfekt!’ Das war’s.

MM: Herr Sturminger, was hat Sie daran gereizt, die Perchtoldsdorfer Intendanz anzunehmen?

Michael Sturminger: Die Perchtoldsdorfer Sommerspiele haben mir drei wunderbare Sommer mit  sehr erfreulichen Produktionen beschert. Wenn ich an die ‚Geschichten  aus dem Wienerwald‘ oder ‚Was ihr wollt‘ mit wunderbaren Schauspielern wie Branko sSamorovsky, Gerti Drassl, Karl Markovich, Gregor Bloéb und  Georg Friedrich denke, oder an ,Tartuffe‘ mit Markus Hering und Dorothee  Hartinger, dann freue ich mich schon auf die nächsten Jahre.

MM: Frau Bissmeier hat die Latte hoch gelegt. Man sah hier immer anspruchsvolles Theater, nie seichte Sommerkomödien. In welche  Richtung wollen Sie – schon Pläne/Ideen?

Sturminger: Barbara hat mich als Referentin des Intendanten Löhnert nach Perchtoldsdorf gebracht, sie ist also direkt schuld daran, dass ich jetzt – hoffentlich ganz in ihrem Sinne – ihr Nachfolger sein werde.

MM: Sie haben sogar das Herz von John Malkovich schmelzen lassen. Wie wird sich Ihre neue Aufgabe auf Ihre anderen Arbeiten auswirken? Holen Sie die Weltstars nun nach Niederösterreich?

Sturminger: Ich hoffe absolut interessante und talentierte Schauspieler nach Perchtoldsdorf bringen zu können, die Schauspieler waren auch in den vergangenen Jahren oft die wichtigsten Argumente um nach Perchtoldsdorf zu kommen. Bei ‚Was ihr wollt‘ hatten wir eine fantastische russische Filmschauspielerin namens Chulpan Khamatova als Viola. In diesem Sinne wollen wir so weitermachen. Ich denke aber,  dass die deutsche Sprache in Perchtoldsdorf wohl die Grenze für unsere internationalen Ausflüge definieren wird.

Der Revisor: Es spielen u. a. Raphael von Bargen, Sven Dolinski, Fritz Hammel, Petra Strasser, Oliver Huether, Georg Kusztrich und I Stangl. Regie: Christine Wipplinger.

www.sommerspiele-perchtoldsdorf.at

Von Michaela Mottinger

Wien, 27. 6. 2013