Theater Nestroyhof Hamakom: Orgie

Mai 10, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

50 Shades of Pasolini

Ein gewaltig guter Schauspieler: Jakob Schneider. Bild: Marcel Köhler

„Aber der Friede hinterlässt blutige Spuren wie der Krieg. Anstelle der Massenmorde steht hinter seinen Inszenierungen eine andere Ungeheuerlichkeit“, heißt es an einer Stelle im Stück. Dies, die über dem Raum schwebende Rechtfertigung für alles, was in weiterer Folge geschieht, ist gleichsam wohl die programmatische Erklärung dafür, warum sich das Theater Nestroyhof Hamakom für den Stoff interessierte. „Orgie“ von Pier Paolo Pasolini. Sexuell so explizit, dass der Abend erst für Zuschauer ab 18 Jahren empfohlen wird.

Ingrid Lang hat inszeniert. Im Vorjahr gelang ihr mit Carol Churchylls Dystopie „In weiter Ferne“ ein unerwarteter Erfolg, nun schließt sie an, mit einem der sechs Stücke, die das italienische Film- und Theatergenie 1966, nach aufgeplatztem Magengeschwür im Krankenbett ausharrend, als seine radikal-utopistische Vorstellung von Theater entwarf. Diese Nahtoderfahrung, Pasolini kippte in einem Restaurant blutig gekotzt aus der Toilettentür, kommt im Text vor. Der Schauspieler gibt einen sich kürzlich erhängt Habenden, der von sich erklärt „nicht Konformist genug“ gewesen zu sein, „um von der Macht guten Gebrauch zu machen“. Immerhin, die Möglichkeit zu Tode zu kommen, hat er gut genutzt.

Vor diesem Tod nun, jenseits aller Zeit, in einer Welt der Hypothesen und Illusionen ereignet sich – rittlings über dem eigenen Grab, möchte man sagen – ein andersartiges Leben, ein Leben von „Andersartigen“, ein sadomasochistisches Ritual, das vorgibt, kein Spiel mehr zu sein. Eine Zimmerschlacht tobt. Zwei adrette Menschen quälen sich unter Wortkaskaden bis zum bitteren Ende. „Gedemütigt sein“, sagt die Frau zum Mann, „ist eine Lust ohne Boden“. Und sie erklärt die Rollenverteilung: „Du das Opfer, das töten will, und ich der Henker, der sterben will.“ Auch sie will Rache üben – Wofür? Egal! Rituale sind die Tragikomödien der Macht.

All dies ereignet sich in einer von Peter Laher liebevoll aufgebauten Bühnenwohnung. Vorne Salon, links Badezimmer, rechts Küche, hinter dem Salon das Schlafgemach, gutbürgerlicher Wohlstandshorror. Sie sitzt in der Badewanne, er auf der Toilette. Anfangs. Jakob Schneider ist großartig im scheuen Versuch, einen Normalbürger zu mimen. Verschreckt lässt er sich von einer Regieassistentin bis aufs Hemd ausziehen, kaum nackt und bloß, muss er sich mitten im Satz auch noch das Mikrophon wegnehmen lassen. Der stets fragende Ton seiner Monologe weicht der Anklage gegen ihn, den späteren Mörder, aus.

Ein bereits Toter lässt sich an- …: Jakob Schneider. Bild. Marcel Köhler

… und kurz vor dem Erhängen auskleiden. Jakob Schneider. Bild: Marcel Köhler

Johanna Wolff als seine Frau fasziniert mit ihrer Ambivalenz und ihrer hinter aller Verwundbarkeit erkennbaren Kraft. So angreifbar zart kann sie gar nicht vor dem Manne stehen, so brüchig ihre Stimme gar nicht sein, dass man in ihr ein Opfer erkennt. Mit einem Mal wird das Prinzip Dom/Sub sonnenklar: Der Sub, sie also ist es, die die Gangart vorgibt, weil sie Bestrafung einfordert, nur so kann erotische Rollenverteilung funktionieren. Der Mann: „Es ist kein Spiel … Ich will dich wirklich töten, ich will wirklich sterben. Aus diesem Traum erwache ich nicht mehr. Er bringt wirklich das Ende von allem.“ Danach wechselt er von der Frau zum Mädchen. Mina Pecik wird die nächste sein, die in seine Falle geht, gefesselt, bedroht, ums Überleben ringend …

In Pasolinis Sechzigerjahre-Stücken, der damaligen Zeit entsprechend so hektisch wie wortreich mit Entlarvungen und Tabubrüchen beschäftigt, klingen heute manche Stellen allein beim Lesen nach Papier. Doch wenn man es nur recht laut knistern und rascheln lässt, kann man mit ihnen immer noch ein Feuer entzünden, das seine Flammen bis in heutige Tage überträgt. Ingrid Lang konterkariert die Lyrik des Textes durch darstellerischen Realismus. Er schneidet sich die Zehennägel, während sie über ihre Bettlektüre hinweg über Krieg und anders Körperliches plaudert.

Dann wieder bricht Lang ihr sorgsam geschaffenes Set, lässt eine Visagistin live und in aller Ruhe Blutergüsse und Striemen schminken. Ein Video zeigt die dazu passenden Momente von Gewalt, Schmerz und Lust. In der erschreckendsten Szene des Abends sitzen einander Mann und Frau im Halbdunkel gegenüber und verhandeln ihre nächste Misshandlung durch ihn. Dazu Klassik vom Plattenspieler, von dem später ihre eigenen Stimmen kommen werden. Dazu tanzen sie; sprachlos; gespenstisch ist das, soghaft in der Wirkung. Aus derlei Pausen entsteht der Psychothrill, entschwindet auch das Mitleid für den oder die ProtagonistInnen. Er zieht sich ihre Unterwäsche an und legt sich die Schlinge um den Hals. Ausflucht folgt auf Erklärung folgt auf Weltanklage. Seine selbstgerechte Suada ist, als würde er sich sinnbildlich einen runterholen …

Und die Frage, wer bei Sadomaso der Stärkere ist: Johanna Wolff und Jakob Schneider. Bild: Marcel Köhler

Naivität heißt bei Pasolini Reinheit. Ihr Ende, die „Orgie“. In seiner autobiographischen Erzählung „Unkeusche Berührungen“ klagt er: „Die Verzweiflung heute Nacht gleicht genau der Verzweiflung jenes Sonntags; es sind dieselben Gründe, die sie hervorrufen. Doch 43, noch jungfräulich im Körper, nicht gänzlich meiner selbst bewusst, hatte ich ein Schauspiel inszenieren können, mich nach etwas außerhalb oder in mir auf die Suche machen können. Nun bin ich eine ganz erforschte Wüste, bin ganz Bewusstsein; es gibt kein Mittel mehr, mich zu retten.“

Wie zur Zeit der Reinheit das Sendungs-, gehört zur Zeit der Verzweiflung das Schändungsbewusstsein. Ingrid Lang hat das verstanden, sie reißt der „Orgie“ die pornographische Maske vom Gesicht, sie kokettiert mit dem Armageddon. Pasolini duldet keine falsche Scham. Und Langs Inszenierung weiß das, sie ist skandalös plastisch, psychologisch präzise, von unglaublicher Intensität. Pasolinis Vision war ein asketisches Theater ohne Bühnenbild, ein leerer Raum ohne Effekte und Musik. Dieser Vorgabe, gleich der klassischen griechischen Tragödie, folgt Lang nicht. Auch nicht seiner Vorstellung eines „Theaters des Skandals“, das funktioniert anno 2017 wohl nur noch schwer. Doch an sein „Theater des Wortes“ hält sie sich, an die Debatte, und das mit drei herausragenden Darstellern. So muss Theater sein. Auf ins Hamakom!

Trailer: www.youtube.com/watch?v=SfapM9Gcda0

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Wien, 10. 5. 2017

Theater Nestroyhof Hamakom: Man sage nicht, es wäre der Mühe nicht wert gewesen

März 15, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Mensch ist des Menschen Affe

Grantscherben im Konfettiregen: Michael Gruner spielt Kafka und Beckett an einem Abend. Bild: Nathan Spasic

Im Hamakom herrscht Endzeitstimmung. Im Hamakom herrscht Aufbruchstimmung. Erstere bedingt durch die aktuelle Produktion, Zweitere durch die akute finanzielle Situation und das „Jetzt erst recht“, das sich Intendant Frederic Lion dagegen auf die Fahnen geschrieben hat. 300.000 Euro, sagte er in einem Interview mit dem Standard, fehlten ihm für eine adäquate Bespielung der Bühne; im Herbst, so liest man, soll das brut „als Mieter“ einziehen.

Lion setzt dagegen ein starkes theatrales Zeichen. Er inszeniert Kafka und Beckett an einem Abend, lässt erstmals die Monologe „Ein Bericht für eine Akademie“ und „Das letzte Band“ aufeinanderprallen. „Man sage nicht, es wäre der Mühe nicht wert gewesen“, diesen letzten Satz des sich vermenschlicht habenden Affen Rotpeter stellt Lion über seine Arbeit, sein Haus, über seine Amour fou zum Theater. Der große Michael Gruner gestaltet als Schauspieler erst den Rotpeter, dann den Krapp. Lion hätte nicht besser wählen können, um die unbedingte Notwendigkeit des Hamakom in der Wiener Theaterlandschaft unter Beweis zu stellen. Hamakom heißt auf Hebräisch „Der Ort“ und dieser hat eine bewegte Geschichte, hat ein jüdisches Schicksal – Lion will ihm mit seinem Programm gerecht werden, mit seinem „fremdnahen“ Blick auf den Begriff Heimat, mit Stücken über Identitätssuche und -verlust in den Wirren der Zeitgeschichte und mit gewitzten Dramen über die Diskrepanz von Weltanschauung und Lebensrealität beim Menschen.

So viel nun also gleichsam zu Rotpeter und Krapp, der eine versunken in der Selbstaufgabe, in der schmerzhaften Aufgabe sich zu assimilieren, und welches Unwort könnte heutiger sein, der andere ein ewig Unangepasster, ein Unbequemer, ein Querulant. Der eine ein dystopischer Sendbote vom Planet der Affen, der andere bereits postapokalyptisch. Der eine der gelungene Versuch, der andere das Versagen, Außenseiter aber beide; Becketts „Band“ kann im Hamakom als die Kehrseite von Kafkas „Bericht“ verstanden werden. Der Mensch ist des Menschen Affe, und wenn Krapp-Gruner eine Banane (fr)isst, dann verschwimmen die ohnedies höchst durchlässigen Grenzen zwischen Hominide und Homo sapiens, dann wird aus dem manierlichen Affen ein unappetitlicher alter Mann. Nicht von ungefähr besteht die Rückwand des von Andreas Braito gestalteten Spielraums aus einem riesigen Zerrspiegel. Man sieht sich – als den anderen. Ein „King Kong“-Film aus den 1930er-Jahren läuft auf der gläsernen Leinwand, und eine vergreiste „Frankenstein“-Version ungefähr gleichen Datums. Davor – Michael Gruner.

Der Affe Rotpeter rechnet mit der ganzen Menschheit ab, … Bild: Nathan Spasic

… der Mensch Krapp per Tonband mit seinem früheren Ich. Bild: Nathan Spasic

Der Regisseur von Graden hat bei der Vorjahresproduktion „Dunkelstein“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=17940) wieder Schauspielerblut geleckt und kehrt nun als Mime zu seinen künstlerischen Anfängen zurück. Sein Auftritt ist überwältigend. Und das nicht nur, weil Gruner ein präziser, ein prägnanter Sprecher ist. Wie er sich eben noch auf den Gehstock stützt, dann leichtfüßig übers Parkett tänzelt, später in Affengangart fällt, wenn sich die Natur Bahn bricht, wie er sich unters Publikum schleicht, um seine vom Leben geschlagenen Narben hautnah zu zeigen, sich dabei bis auf eine Windelhose entblößt, das ist so berührend wie bösartig. Gruner möchte einem nichts angenehm machen, Er drangsaliert mit unvorhersehbaren Wutausbrüchen, er schlägt beim Zusammenbeißen seine Zähne ins Zuschauerfleisch, er macht betroffen, wenn er von erlittenen Demütigungen erzählt. Konfetti aus der Sakkotasche macht das Schicksal, dieses „allzu erschöpfte“, erträglicher. Gruner ist stark darin, Schwäche zu (über)spielen. Sein Spiel ist unmittelbar, angriffig, auch eine eitle Wonne – und, ja, er selbst hat sich ein bisschen in es verliebt. Er stellt sein Wissen um die Texte, deren Bedeutung und seine Deutung, gern „zur Schau“ …

Für ihre szenischen Echokammern haben Lion und Gruner im Schönbrunner Primatenhaus recherchiert (Trailer: www.facebook.com/theaternestroyhofhamakom/videos/1244812368935084/). Gruner, der alte Fuchs, als Method Actor. Seine Rückkehr auf die Bühne, ist eine Beglückung, wie sie nur im Hamakom stattfinden kann. „Man sage nicht, es wäre der Mühe nicht wert gewesen“ ist der lebhaft helle Lebensschrei einer gefährdeten Existenz. Die Wiener Kulturpolitik braucht nur hinzuhören.

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Wien, 15. 3. 2017

Salon5 im Theater Nestroyhof Hamakom: Morsch

Mai 12, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Fußgetrampel für das Vernichtungslager-Musical

Generation zwei: die Alltagsfaschistenfamilie. Martin Schwanda, Jan Nikolaus Cerha, Saskia Klar. Bild: Andrea Klem

Generation zwei: Die Alltagsfaschistenfamilie am Mittagstisch. Martin Schwanda, Jan Nikolaus Cerha und Saskia Klar. Bild: Andrea Klem

Es beginnt mit dem Ende, und es beginnt in der Zukunft. Ein Mann und eine Frau auf einer Pritsche, sie warten auf ihren Tod, darauf, dass sie abgeholt werden. Ein nicht näher benanntes totalitäres Regime hat sie ausgesondert, für „unwert“ erklärt, warum, sie wissen es nicht, aber weiß man das je?, und nun … Kuchen essen und abwarten.

Jérôme Junod, der Schweizer Dramatiker und Regisseur, hat im Theater Nestroyhof Hamakom seinen Text „Morsch“ inszeniert, und die Produktion der Gesellschaft für Musische Unterhaltung und des Salon5 erweist sich als grandioser Abend. Fünf Szenarien hat Junod nebeneinander entworfen, ineinander verschachtelt, fünf Generationen, die an einer Geschichte kranken, doch das entschlüsselt sich erst am Schluss, und, nein, das Ganze ist keine Dystopie. Endzeit ist immer jetzt. „Morsch“, das heißt eben nicht nur verrottet, sondern auch verkommen – oder verfallen. Einer Ideologie zum Beispiel. Fünf Stationen sind auf der Bühne aufgebaut, das lässt ein hohes Spieltempo zu, und die Darsteller Martin Schwanda, Saskia Klar und Jan Nikolaus Cerha turnen sich mit Verve durch dieses theatralische Zirkeltraining. Jeder von ihnen in mindestens vier Rollen.

In eine von der Inszenierung nicht vorgesehene Chronologie gebracht zeigen sie fünf Generationen: Da sind Maier und Luchs, zwei Insassen in einem Foltergefängnis, die auf ihre Befreiung durch oppositionelle Truppen warten. Eine Alltagsfaschistenfamilie am Mittagstisch, vor allem der Vater trägt Trauer um die vergangenen, glorreicheren Tage, und Maier ist sein Nachbar. Schließlich ist Maier verstorben, er hat ein Buch über seine Haft verfasst, und ein Literarisches Terzett befindet im Fernsehen darüber, ob die beschriebenen Schrecken nicht eigentlich Fiktion sein müssen. In Generation vier ist Maier schon Schullektüre, allerdings eine für fad befundene, wie auch die Verfilmung, zum Glück aber gibt’s ein fetziges Musical darüber … Und später? Zurück auf … Der Mensch wird aus der Geschichte nicht lernen, weil sich Geschichte nicht wiederholt, sondern immer wieder von vorne anfängt.“Wie damals. Niemals vergessen“, spottet Schwanda.

Junod erzählt das alles parallel, im Minutentakt wechseln seine Schauspieler zwischen Bretterverschlag, Ledercouch und Spielplatz – Bühne und Kostüme sind von Lydia Hofmann. Mit jeder Szene ändert sich gleichsam die Temperatur, von Tragödie zu Komödie, von Satire zu Sarkasmus. Wunderbar wandelbar ist Jan Nikolaus Cerha, der einmal als angsterfüllter Maier, einmal als schnippische Mutti mit Lockenwicklern die große Bandbreite seines Könnens zeigt. Szenenapplaus gibt’s es für ihn und Saskia Klar, als sie den großen Hit des Vernichtungslagersingspiels zum besten geben. Liebe ist die Antwort, Liebe wird uns retten. Da ist aus Luchs bereits ein Engel geworden, weil soviel Schmalz muss sein, und Lachen ist bei dieser Produktion nicht erlaubt, sondern erwünscht. Wie es sich für Fans des Genres gehört, dankt das Publikum für diese Sequenz mit Fußgetrampel und Bravopfiffen – die Musik ist von Christian Mair.

Generation eins: Jan Nikolaus Cerha und Martin Schwanda als Maier und Luchs. Bild: Andrea Klem

Generation eins: Jan Nikolaus Cerha und Martin Schwanda als Maier und Luchs. Bild: Andrea Klem

Generation fünf oder zurück auf Anfang: Saskia Klar und Martin Schwanda. Bild: Andrea Klem

Generation fünf oder zurück auf Anfang: Saskia Klar und Martin Schwanda. Bild: Andrea Klem

„Morsch“ behandelt von der Vergangenheit bewältigte Menschen, und in seinen Rück- und Vorblenden, die die Geschehnisse allmählich aufdröseln, die großen Fragen der Zukunft Europas. Wie überheblich über das Leid anderer diskutiert wird, wie leicht man über den Terror hinwegsieht, wenn er nicht in der eigenen Haustür stattfindet, wie schnell eine Gesellschaft zur entsolidarisierten Zone wird. Sind die Menschen noch nicht oder schon wieder nicht bereit für … Menschlichkeit? Junod stellt Fragen nach Identität und deren Verlust, nach plötzlichem „Fremdsein“ und danach, wie dünn der Firnis der Zivilisation tatsächlich ist. Er empfiehlt sich mit dieser atemberaubenden Arbeit für größere Aufgaben. Mit denen er auch bereits betraut wurde.

Martin Schwanda brilliert als Luchs und später als Vati, der sich mit sich selber in eine Täter-Opfer-Debatte verstrickt. „Alle sind sie dieselben“ ist ein gedankliches Erbe, das manche mitgekommen haben, in einer Welt, in der für manch andere das Wort „Schuld!“ eine Begrüßungsfloskel geworden ist. Nach 75 Minuten dann ein Twist in Generation eins, der alles bisher gesehene in ein neues Licht taucht. Junod ist ein Fuchs.

In Generation fünf enttarnen sich Verfolgte und Verfolger als alte Bekannte. Wie sich die Bilder nun gleichen. In Russland erwacht ein neuer Stalin-Kult, in Deutschland marschieren besorgte Patrioten, und in Österreich, man wird sehen, machen fürs Erste die Klettermaxe mobil. Heimat steht auf jedem Wahlplakat. Doch: Heimat ist nicht Raum, Heimat ist nicht Freundschaft, Heimat ist nicht Liebe – Heimat ist Friede. Das ist von Paul Keller.

Das Ensemble im Gespräch: vimeo.com/164706925

Trailer: vimeo.com/159630016

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Wien, 12. 5. 2016

Theater Nestroyhof Hamakom: In weiter Ferne

April 7, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Folteropfer tragen Designerhüte

Matthias Mamedof und Johanna Wolff Bild: Marcel Köhler

Eine Pussy-Riot-Maske entsteht: Matthias Mamedof und Johanna Wolff. Bild: Marcel Köhler

Sacco und Vanzetti waren zwei aus Italien in die USA eingewanderte Tagelöhner, die sich der anarchistischen Arbeiterbewegung angeschlossen hatten. Sie wurden, nachdem in ihrem Umfeld, etwa einer einschlägigen Druckerei, viel verhört und gefoltert worden war, des doppelten Raubmordes angeklagt. Obwohl keine Beweise gefunden werden konnten und die beigebrachten Zeugen einander widersprachen, wurden die Männer am 22. August 1927 in Massachusetts auf dem elektrischen Stuhl hingerichtet. Das steht hier, weil Joan Baez Sacco und Vanzetti einen Song gewidmet hat, „Here’s To You“, dessen Refrain die letzten Zeilen aus Vanzettis Abschiedsbrief an seine Frau wiedergibt: “The last moment belongs to us, that agony is our triumph!”

Das Protestlied der berühmten Politaktivistin ist der Soundtrack zu Ingrid Langs Inszenierung von „In weiter Ferne“ im Theater Nestroyhof Hamakom, er ist gleichsam die Baseline der Produktion. Die britische Dramatikerin Caryl Churchill entwirft in ihrem Stück ein politisches Horrorszenario. An einem weder zeitlich noch räumlich näher beschriebenen Ort übernimmt eine „Opposition“, „eine Bewegung, die sich der Verbesserung der Umstände verschrieben hat“, die Macht. Zuerst, scheint es, werden nicht-systemkonforme Subjekte aus dem Weg geräumt, weshalb die Masse bald brav Richtung Mitmarschieren einschwenkt, am Ende steht der totale Krieg. Wobei sich Churchill allzu offensichtliche Verbindungen zur Sportpalastrede verbietet. Ihr Text lässt Assoziationen in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu. Genaueres wird ohnedies nicht gesagt. Das Unfassbare steht unsagbar präzise zwischen den Zeilen.

Inge Maux und Johanna Wolff Bild: Marcel Köhler

Die große, böse Wölfin überzeugt das Unschuldslamm von ihrer Wahrheit: Inge Maux und Johanna Wolff. Bild: Marcel Köhler

Lang folgt Churchill bei ihrem Regiedebüt mit großem Einfallsreichtum in die Rätselhaftigkeit. Von Anfang an sind zwar Angst und Erschrecken da, schwere Schritte und Hubschrauberlärm, aber der Schrei in der Nacht kann doch nur von einer Eule gewesen sein. Und jener Mann dort, der Onkel – ist er Folterer oder Fluchthelfer? Joan, so auch der Name der Protagonistin des Dramas, wird vom misstrauischen Kind zur kampferprobten Mordmaschine.

Johanna Wolf spielt sie mit hoher Intensität, eindringlich gestaltet sie eine naive Aufgewühltheit ob der gesellschaftlichen Zustände, die sich in Abscheu und Zorn verwandelt. Die Frage ist allerdings, wovor und worüber, denn Churchill führt das Publikum permanent aufs Glatteis. Wen auch immer man als Widerstandskämpfer vermutet, enttarnt sich im nächsten Satz als Kollaborateur, wer auch immer auf der richtigen Seite zu stehen scheint, hat tatsächlich diese Grenze längst überschritten. Lediglich Tante Harper, keine Schreckenssage ohne große, böse Wölfin, darf sich relativ rasch gefährlich zeigen. Inge Maux changiert bravourös zwischen betulich und bedrohlich, während ihr immer wieder neue Lügen einfallen. Mit lauernder Ruhe spricht sie ihre Warnung aus: „Manchmal sind auch Kinder Verräter.“ Bald wird ihre ideologische Verbissenheit sich Bahn brechen und sie dem neuen totalitären Regime offen huldigen.

Peter Laher hat wie als Synonym für den vom System durchleuchteten Menschen einen drehbaren Glaskubus als Bühnenbild erdacht. Nach Tantes Wohnung dient er im zweiten Bild als Modistenwerkstatt, denn Joan wird Hutmacherin – und begegnet nun Todd alias Matthias Mamedof. Der ist ein Aufbegehrer, ein Aufwiegler, über die Gewerkschaft spricht er und über gerechte Arbeitsbedingungen und darüber, dass er nächtens im Fernsehen „die Prozesse“ verfolgt. Eine Art Pussy-Riot-Maske entsteht, Joan und Todd werden Liebende, doch da ist man schon gewarnt, auf nichts mehr zu vertrauen. Und in der stärksten, schmerzhaftesten Szene lässt Lang eine Kolonne von Komparsen defilieren. Sie tragen die künstlerischen Kreationen von Joan und Todd wie mittelalterliche Schandhüte, auf dem Weg vom Gefängnis zum Gericht, die halbnackten Körper der Folteropfer mit Blutergüssen und Schrammen übersät, mit Blüten und Vögelchen auf den geschundenen Köpfen der Lächerlichkeit preisgegeben. „Schade“, sagt Joan, „dass man mit ihren Leichen auch die schönen Hüte verbrennt.“

Matthias Mamedof und Johanna Wolff Bild: Marcel Köhler

Die Gefangenen werden auf ihrem Weg zur Hinrichtung lächerlich gemacht. Bild: Marcel Köhler

Churchill, von ihr gibt es unter anderem auch Stücke über Großbritanniens Kolonialvergangenheit und den „Rechtsruck der Labourpartei“ unter Tony Blair, hat ihre Politparabel in dem ihr eigenen Stil verfasst. Die Feministin und Sozialistin lässt sich von keinen Konventionen einengen. „In weiter Ferne“ ist ein fantastisch experimenteller Entwurf, so skurril surreal wie sarkastisch realistisch. Im dritten Teil kippt das Geschehen ergo in einen Nonsense-Text über den Krieg.

Jeder ist nun gegen jeden, jeder kann Täter oder Opfer sein. Lettische Zahnärzte genauso wie Marokkaner in Frankreich. Die Terroranschläge von Daressalam werden erwähnt, das Stück ist aus dem Jahr 2000, und Mamedof erzählt von „Menschen, die kopfüber an den Füßen baumeln“. Elefanten und Niederländer haben sich gegen die Stare und die Computertechniker verbündet, das Wetter kämpft auf Seiten der Japaner – doch bevor sich dieser globale Krieg ad absurdum führen kann, fällt einem ein, dass Pol Pot die Brillenträger ermorden ließ. Durch ihre Fehlsichtigkeit als „Intellektuelle“ ausgewiesen, waren sie todgeweiht. Es gibt nichts am Theater, das es im Leben nicht schlimmer gibt. Und dann hat Todd den Überblick verloren, wer aktuell der Feind ist, und Joan steht im Drillich in der Tür. Paranoid, aber gehorsam … oder? Regierung oder Rebellen, an einem bestimmten Punkt der Grausamkeiten angekommen, ist es egal, wer sie begangen hat, sie sollen nur aufhören.

Regisseurin Lang lässt im Sinne der Autorin viele Fragen offen. Sie lässt die Aufführung in einem vagen Nicht-Wissen-Können oder Nicht-Wissen-Wollen verschwimmen, ins Dunkel abdriften, obwohl man so gerne noch mehr gewusst hätte über was und wie und wer jetzt ein guter. Klarheit immerhin gibt es über die symbolisch dünne Folie, die den Modistenberuf von Mitläufertum und Mördersein trennt. Mitmenschlichkeit und Mitleid sind nur ein leicht abzukratzender Firnis auf den Gedankengebäuden westlicher Zivilisation. Soll man etwas schreiben über den immer noch fruchtbaren Schoß? Churchill weiß, welche Gesellschaft sie möchte: „… dezentralisiert, nicht autoritär, gemeinschaftlich, nicht sexistisch – eine Gesellschaft, in der Leute auf ihre Gefühle vertrauen und Kontrolle über ihr Leben haben …“ In diesem Sinne: ein eindrücklicher Abend.

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Trailer: www.youtube.com/watch?v=5shmfWO2xNc

Wien, 7. 4. 2016

Theater Nestroyhof Hamakom: Dunkelstein

März 2, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Grauen ohne Geigengeschluchze

Heinz Weixelbraun, Michael Gruner, Rouven Stöhr, Florentin Groll, Dolores Winkler, Lilly Prohaska, Eduard Wildner und Alexander Julian Meile Bild: Nick Mangafas

Heinz Weixelbraun, Michael Gruner, Rouven Stöhr, Florentin Groll, Dolores Winkler, Lilly Prohaska, Eduard Wildner und Alexander Julian Meile
Bild: Nick Mangafas

„Gegenwärtig brauchen die Juden ein paar Teufel, um zu überleben“, sagt er. Und später: „Wenn der Krieg kommt, werden die eine Waffe in die Hand nehmen gegen unsere Herrschaften.“ Die – waren die Wiener Juden, denen er die Ausreise ermöglicht hatte, sie – die hiesigen Nationalsozialisten. Er, das war Benjamin Murmelstein, und wahrscheinlich war er beides, ein Gottseibeiuns und ein Gottseisgelobt.

128.000 Menschen soll er bis November 1941 die Emigration ermöglicht haben. Robert Schindel hat 2010 ein Theaterstück über ihn geschrieben, „Dunkelstein“ heißt es und wurde nun im Theater Nestroyhof Hamakom uraufgeführt. Eine diesbezügliche Zusammenarbeit mit dem Volkstheater kam nicht zustande, und es verwundert, welch ein Auftragswerk sich das Haus da entgehen ließ. Aber es bedurfte wohl eines Frederic Lion und eines Karl Baratta, um aus dem komplexen Stoff die bestechende Spielfassung zu erstellen, die nun zu sehen ist.

Mehr als 42 Figuren haben die beiden für acht Schauspieler aufbereitet, immerhin 22 Rollen sind für sie geblieben. Mit ihnen wird ein Einblick in die jüdische Gemeinde jener Tage gewährt. Lion und Baratta lassen sich lange Zeit, bis sie Dunkelstein auftreten lassen. Vorher geht es ihnen um das Vermitteln von Atmosphäre, um das Vorführen von Denkweisen; sie zeigen das Negieren und das Nichtwissenwollen, eine Szenencollage bewegt sich von Fall zu Fall. Die Geschichte des psychisch kranken Nathan. Eine Wirtshausdiskussion, dass Zwetschenröster niemals Kompott sein kann. Polgar im Kaffeehaus, Friedells Fenstersturz, Torberg wird zitiert. Eine Bridgepartie von Vater und Tochter Singer. Die Flucht in die Religiosität oder den Kommunismus. Gisela Winter kommt vor, und Esther Rebenwurzel. Und am Ende werden alle Geschichten zu einer werden, und Nathan wird nackt ins Gas gehen, und Esther, die eigentlich Franzi Danneberg-Löw hieß und damals Fürsorgerin der Israelitischen Kultusgemeinde war, den Säugling von Gisela-Gerty Schindel gerettet haben. Und er wird Robert Schindel geworden sein.

Regisseur Lion hat einen Abend entworfen, der alles in einem ist. Nummernkabarett und Maskenspiel und Erzählung. Und jüdischer Witz. Eine Realfarce nennt Schindel sein Stück, und mit staubtrockenem Humor berichtet er vom Nahen der braunen Sturmflut. „Heil Hitler!“, ruft der Botenjunge, der die Mazzes bringt. Und ja, man lacht. Die Beeinflussbarkeit des Menschen scheint in solchen Momenten grenzenlos. Lions „Dunkelstein“ ist eine spröde, analytische Inszenierung dessen, die nicht mit Sentiment, sondern mit dem Verstand spielt. Er lässt die Grausamkeit sozusagen nicht in Geigengeschluchze baden, sondern stellt sie aus. Kalt und klar. Was sie umso deutlicher und beklemmender macht.

Mit der Rotte verkommener Hausknechte kommt auch Dunkelstein. Michael Gruner spielt ihn mit hoher Intensität. Seine Bühnenpräsenz ist atemraubend. Mit konzentrierten Gesten, mit einer Art verwehter Eleganz entwirft er seine Figur. Dieser Dunkelstein wankt zwischen Angeekeltsein und Größenwahn, er ist ein Gefangener seines Amtes, er kalkuliert Lebensrettungschancen so sachlich wie ein Buchhalter seine Finanzen, er ist hochmütig unfreundlich, auch jähzornig, und glaubt an seine Manipulation des Mördervereins. Dies seine größte Sünde. Benjamin Murmelstein war Funktionär der Israelitischen Kultusgemeinde Wien und nach deren Auflösung 1938 in der zwangsweise in „Jüdische Gemeinde Wien“ umbenannten Institution unter Adolf Eichmann für die Auswanderungsabteilung zuständig. Ab 1942 musste er aber auf Weisung der NS-Behörden auch die „Einwaggonierung“ der Deportationszüge in die Vernichtungslager im Osten vornehmen. „Der letzte der Ungerechten“, wie er sich 1975 selber in einem Interview nannte, gilt bis heute als ambivalente Persönlichkeit. Kollaboration nennen die einen seine Arbeit, Kooperation die anderen.

„Dunkelstein“ ist kein Versuch einer Erklärung dieser seltsamen Existenz. Jede Parteinahme wird unterlassen. In einem knappen Prolog wird kurz um die Frage gestritten, was man, wenn … und ob nicht, weil … man weiß es nicht. Ob das die Natur des Menschen ist? Spitzelwesen und Verrat von Freunden und Hass auf den, der gestern noch Nachbar war, und sich als Opfer unter den Tätern zu verstecken. Wie viel Gewissen hält der Mensch aus? In der Mašín-Familie geht seit Generationen der Satz: Man hat immer die Wahl. Florentin Groll will als Singer noch den Verkauf seines Wochenendhauses regeln, „na, nehmen wir einen späteren Zug“, sagt er zu Dunkelstein, und die Ahnung ist, der wird schon ein Viehtransporter sein.

Groll ist auch der Wirt, den Gestapomann Kalterer, verkörpert von Heinz Weixelbraun, später zwingen wird, den Zwetschenröster, der kein Kompott sein darf, vom Boden zu schlecken. Kalterer verliebt sich in die von ihm verhörte und von Lilly Prohaska gespielte Kommunistin Edith, eine Zellengenossin von Gisela Winter alias Schauspielerin Dolores Winkler; Prohaska wird später zu Esther Rebenwurzel. So schließt sich der Rettungsring um den Autor. Alexander Julian Meile gibt unter anderem den Sturmbannführer Linde süffisant-selbstverliebt und mit Eichmann-Schramme an der Wange. Rouven Stöhr ist ein eindringlicher, verstörender Nathan. Eduard Wildner versucht als Dunkelsteins Vorgesetzter Leonhardt seinen verzweifelten Sarkasmus nicht allzu offen zu zeigen. Und wenn Lukas Goldschmidt dazu „Waltzing Matilda“ auf Wienerisch singt, weiß man, wie’s gemeint ist.

Am Ende wird Linde zu höheren Weihen nach Berlin berufen und auch für Dunkelstein hat er neue Aufgaben. In Theresienstadt. Dort wurde Murmelstein 1944 zum letzten „Judenältesten“ ernannt. Und musste wieder Listen zusammenstellen. Nach Auschwitz-Birkenau. Nach dem Krieg hatte Murmelstein sein Verhalten zwei Mal vor Gerichten zu rechtfertigen, in Israel forderte man für ihn die Todesstrafe. Er starb 1989 in Rom. Der zuständige Rabbiner verweigerte das Kaddisch.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=AT-rZq9-nnk

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Wien, 2. 3. 2016