Theater Nestroyhof Hamakom: Zu ebener Erde und im tiefen Keller

Dezember 12, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine Freizeitgesellschaft für alle Workaholics

Der französische Sozialist Paul Lafargue mit seiner Ehefrau und Karl-Marx-Tochter Laura beim Tango de la mort: Hubsi Kramar und Jaschka Lämmert. Bild: © Marcel Koehler, 2019

Während das Publikum noch zwischen vorweihnachtlichem Negroni oder doch dem klassischen Glas Rotwein schwankt, sich vielleicht auch über den ausgesprochen zuvorkommenden Service freut, laufen auf den Videowänden schon erste Filme schwer schuftender Menschen. Traditionell im Dezember hat sich das Theater Nestroyhof Hamakom wieder in Sam’s Bar verwandelt, und einer deren freundlicher Keeper ist selbstverständlich Schauspieler Florian Haslinger.

Der einem beginnend mit Zitaten von Oscar Wilde über Sully Prudhomme, seines Zeichens französischer Lyriker und Philosoph und erster Literaturnobelpreisträger, bis Boris Becker Sinn und Zweck des Abends beibringt. „Zu ebener Erde und im tiefen Keller“ heißt die von Hausherr Frederic Lion erdachte Inszenierung, eine Gegenüberstellung des Prinzips Arbeit mit der Abscheu vor ebendieser, ein buchstäbliches Gegeneinander-Ausspielen von Adam Smiths Schrift „Wohlstand der Nationen“ aus dem Jahr 1776 versus Paul Lafargues Spottpamphlet „Das Recht auf Faulheit“ von 1880. Zwei visionäre Texte – und auch zwei fantastisch verstaubte Sackgassen, deren Abschreiten einen durch die gesamte Architektur des Hamakom führt.

Wobei bei dieser performativen Bildbeschreibung dem Kapitalismus nur das Parterresein, dem Kommunismus hingegen nur noch die Katakomben bestimmt sind. Und so erklimmt Haslinger als sozusagen Adam Smith die Bühne, und versucht als deklarierter „Vater der Nationalökonomie“ wie ein Evangelist des Liberalismus und per Balken- und anderen Grafiken seine Theorien zu erklären. Die da wären, den Ursprung allen Wohlstands in der menschlichen Arbeit zu sehen, weshalb durch Anheizen der Produktivität auch dieser ansteigen werde. Heiß und kalt überläuft es einen, wenn der schottische Aufklärer vorrechnet, wie ein Hackler kaum mehr als eine Nadel pro Tag fertigen könne, aber bei Arbeitsteilung … und ruckzuck ist der Wettbewerbler bei schwindelerregenden 48.000 Stück und schnell steigen einem nicht nur die Grausbirn‘ auf, sondern auch Fließbandbilder, die eintönig vorbeirasenden „Modern Times“.

Das Schlagwort von der „unsichtbaren Hand“ hat Smith postuliert, und während Darsteller Haslinger gerade ausführt, der Mensch sei seinem Wesen nach träge, denn „der Mensch trödelt gewöhnlich ein wenig“, versagt der freien Marktwirtschaft die Technik, stockfinster wird’s im Saal, bis eine Handvoll mit Stirnlampen ausgerüstete Performerinnen und Performer die Zuschauer aus der misslichen Lage erlöst. Sie sind aus dem Augustin-Team, sind über dessen 11% K.Theater zur Kultur gekommen und schreiben wie das Ehepaar Traude und Rudi Lehner für die Rubrik „KulturPASSage“, oder wie Christian Sturm im „Dichter Innenteil“. Es ist tatsächlich der schönste Teil der Aufführung, nach dieser mit den Augustin-Akteuren ins Gespräch zu kommen, ein Gedankenaustausch über Lebenspläne und Werdegänge und die Umleitungen, auf die man geschickt wird.

Geld regiert die Welt: Florian Haslinger erklärt Adam Smiths ökonomische Theorien. Bild: © Peter Katlein

Die Lafargues vor dem gemeinsamen Selbstmord: Jaschka Lämmert und Hubsi Kramar. Bild: © Peter Katlein

Laura Lafargue mit der Grammophonstimme ihres Mannes: Jaschka Lämmert. Bild: © Marcel Koehler, 2019

Der Kommunist im Keller: Hubsi Kramar als Paul Lafague auf der Publikums-Borschtsch-Tafel. Bild: © Peter Katlein

Zuvor freilich geht’s vom Jugendstilsaal in den Backsteinkeller, an hoher, langer Tafel wird Borschtsch serviert, der Alkohol braucht schließlich eine Unterlage, also Eintopf schlürfen und aufmerksam lauschen. Wenn Hubsi Kramar und Jaschka Lämmert als Paul Lafargue und dessen Ehefrau und Karl-Marx-Tochter Laura seine Ideen exemplifizieren, die mitwirkenden Augustinerinnen und Augustiner in diesen Szenen das Salz in der Suppe. Wunderbar, wie sie zu Lukas Goldschmidts Akkordeonklängen den Tango als Totentanz schwofen, Kramar und Lämmert ohnedies auf Leiche geschminkt, denn die Lafargues werden sich mittels Selbstmords von dieser Welt verabschieden. In einer hinterlassenen Notiz steht zu lesen: „Gesund an Körper und Geist, töte ich mich selbst, bevor das unerbittliche Alter mir eine nach der anderen alle Vergnügungen und Freuden des Daseins genommen und mich meiner körperlichen und geistigen Kräfte beraubt hat …“

Auf dem Höhepunkt derselben allerdings ist Kramars Lafargue kämpferisch, der französische Sozialist und Konsumkritiker, der Schwiegervaters Marxismus in seiner Heimat zur Parteigründung verhalf, der auf Kuba geborene, „Mulatte“ geschimpfte Manifesthalter, der die kapitalistische Ideologisierung des Begriffs Arbeitsmoral ablehnte, als dessen Grundübel er die Überproduktion sah. Es hat etwas Bemerkenswertes, wenn der Mitstreiter der Ersten Internationalen vor dem aufgepinseltem Antlitz des „bärtigen und sauertöpfischen Gottes“ – meint er den Allmächtigen oder den Arbeiterbewegten? – die Bergpredigt Christi zitiert: Sehet die Lilien auf dem Felde … Es wirkt absonderlich, wenn Laura/Lämmert am Grammophon Frauenrollen runterkurbelt, die Qualwahl zwischen entweder naturverbunden-gesunde Gebärmaschine oder hohlwangig-ausgelaugte Fabrikarbeiterin.

„O jämmerliche Fehlgeburt der revolutionären Prinzipien der Bourgeoisie!“, so Lafargue in seinem „Recht auf Faulheit“, und ist der philosophischen Auseinandersetzung im Hamakom eins vorzuhalten, dann dass einem Frederic Lion die weibliche Perspektive vorenthält. Ob nun Laura Lafarge tatsächlich keine eigenständige Meinung hatte oder ihr keine zugebilligt wurde, auch Marxisten sind Machos, so ist Wien doch die Stadt des Erdarbeiterinnenaufstands, der ersten Frauendemonstration in Österreich, der am 23. August 1848 in der sogenannten „Praterschlacht“ blutig endete.

Traditionell im Dezember wird der Jugendstil-Theatersaal umfunktioniert zu Sam’s Bar, wo’s außer Programm auch Cocktails und Snacks gibt. Bild: © Nick Mangafas

Sagt Lion darauf angesprochen, politische Theaterabende können nicht jede rundum glücklich machen, so fordert alldieweil Kramar als grau gepuderter Untoter Lafargue den Drei-Stunden-Tag und Zeit für flotten Müßiggang für des Tages Rest, und weil Smith davor die Leistungsstärke der Maschine gelobt hat, fällt einem zum Computerzeitalter ein, dass vor allem wichtig, dass die Workstation werktätig ist, der Mensch an der Tastatur hastet schon irgendwie hinterher.

„Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen“, sagen die Bibel und August Bebel, sagen Adolf Hitler und die Stalin-Verfassung, wer’s aber tut, belohnt sich mit von eben jener Wirtschaft, die er mit seiner Arbeitskraft befeuert, künstlich erzeugten Konsumbedürfnissen. Hinauf und zurück in Sam’s Bar, wo zwischenzeitlich die Titanic wie der Teufel an die Wand gemalt worden ist, ein Symbol für den gemeinsamen Schiffbruch aller Klassen, und man fragt sich, wie eine Lafargue’sche Freizeitgesellschaft der Smith’schen Workaholics funktionieren kann, prognostizieren Zukunftsforscher doch erstere, bei gleichzeitiger unternehmerischer Erwartung, der Arbeitnehmer möge via Neuer Medien twentyfourseven erreichbar und einsatzbereit sein.

Derart gibt einem „Zu ebener Erde und im tiefen Keller“ zu denken, die Nestroy-Paraphrase im Nestroyhof, die Localposse, in der auch der Volksdichter zeigt, wie schnell ein Schiff sinken und man von der Beletage im Souterrain landen kann.

www.hamakom.at           augustin.or.at

  1. 12. 2019

Theater Nestroyhof Hamakom: Zeck

November 15, 2019 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Kafkas Käfer als parasitärer Künstler

Der Stage Manager besingt den in einen Riesenzeck verwandelten Gregor Samsa: Konrad Rennert und W. V. Wizlsperger. Bild: © Johannes Novohradsky

„kafkas werk?“, sagt der Stage Manager mittendrin, „opfer einer massenvergewaltigung! durch drei armeen von ,interpreten‘!“ Er zählt sie auf, die soziale, die psycho- analytische, die religiöse, zitiert sogar Susan Sontags Spruch, diese machten Kunst manipulierbar und bequem … Ein fishing for applause, weil: was das Kommod-Sein betrifft, kann man „Zeck“ sicher keiner Schandtat bezichtigen, der vorgeführte Frevel ist ein höchst vergnüglicher, verrückter, und vergeht in einem Karacho, dass sich einem der Kopf dreht.

Komponist Hannes Löschel und Librettist Peter Ahorner haben diese hinterfotzige Paraphrase auf Franz Kafkas Erzählung „Die Verwandlung“ erdacht, ihr Werk eine surreale musikalische Familienaufstellung, dank Ahorners Kollegium-Kalksburg-Kollegen W. V. Wizlsperger dargeboten in breitestem Wienerisch, „Zeck“ – eine Dialekt-Orgien-Oper, die nun im Theater Nestroyhof Hamakom uraufgeführt wurde. Wobei Wizlsperger sowohl in die Figur des Gregor Samsa als auch von dessen Vater schlüpft, Mezzosopranistin Anna Clare Hauf die Rollen der Mutter und von Schwester Grete übernimmt, und der großartige, sich in Countersphären singende Konrad Rennert neben dem Stage Manager auch als Inkassant und Generaldirektor auftritt.

Statt alleiniger Ernährer seiner Sippschaft zu sein, ist Gregor anno 2019 allerdings ein erfolgloser Fotograf, der, wiewohl nicht wenig angegraut, nach wie vor mietfrei im Hotel Mama logiert, Kafkas Käfer ein parasitärer Künstler und auf Koks, der arbeitslose Vater ein Alkoholiker, Schwester Grete eine Malerin, nach deren Talenten ebenfalls kein Hahn kräht, während die darob verzweifelnde Mutter versucht, mit ihrem Putzfrauenjob die Mischpoche durchzufüttern – ihr Dienst-Herr Generaldirektor ausgerechnet der ehemalige Arbeitgeber ihres versoffenen Mannes, der, apropos: Dienste und anlassig wie er ist, bald mehr als nur deren saubere verlangt.

Grete und Gregor sind als Malerin wie Fotograf erfolglos: Anna Hauf und W. V. Wizlsperger. Bild: © Johannes Novohradsky

Gregor findet sein künstlerisches Genie von Gott und der Welt verkannt: W.V. Wizlsperger. Bild: © Johannes Novohradsky

Derart blickt man verächtlich aufeinander herab, doch durch die Abgründe der anderen gleichzeitig der eigenen Bodenlosigkeit ins Auge. Das Künstlerduo verspottet die Vulgarität des Elternpaars, das Ganze ein Sittenbild über Kunst, im Sinne von: Kunst ma ned an Schilling borgen?, alldieweil Gregor und Grete ihr Wälsungenblut in den Adern kocht. Bis der Bruder eines Morgens zum – O-Ton – „Parasit mit Mordsappetit“ mutiert ist. Ahorner setzt auf calembourleskes Halbsatzgestammel, und vor allem Wizlsperger versteht es prächtig, das Publikum mit dessen gewitzten Reim-dich-oder-ich-fress-dich-Versen à la „Wen wundert’s, dass

ich tschecher‘, die Alten werden immer frecher“ oder „Mich macht das alles furchtbar fertig, das Leben ist so minderwertig“ zu amüsieren. Löschl hat Ahorners groteske Kasperliade in einen parodistischen Klangteppich gewoben, mal tönt’s nach Volkstümlichkeit und Wienerlied, mal trällert Rennert Fifties-Schlager oder macht auf Zauberer von Oz, mal heißt‘s „Parole parole“, mal „La donna è mobile“. Wozu Wizlsperger nicht nur mit rauer Schnapsstimme singt, sondern auch das Euphonium bläst und auf der E-Gitarre schrammelt, ein falcoesk-arrogantes Enfant terrible, in Wahrheit aber nicht weniger Prolet als der dessen angeklagte Vater.

Sein Gregor einer, der die Hauf mit dem Genäsel „Werd‘ ned hysterisch, bleib‘ lieber ätherisch“ an die Wand fährt. Dies, weil diese als Mutter wie als Grete im Streit ums Von-hint‘-und-vorn‘-Bedienen in schrille Spitzentöne kippt, der Generationenkonflikt möglich gemacht durch die Visuals von Johannes Novohradsky, die den Darstellern das Zwiegespräch zwischen Leinwand- und Live-Ich erlauben. Ausstatter Simon Skrepek illustriert die ärmliche Bedürftigkeit der Samsas mit teilgemalter Zimmer-Küche-Kabinett, mit Abwasch, uraltem Tragbar-TV und Festnetztelefon, das Faun-und-Nymphe-Gemälde Gretes eine Arbeit von Raja Schwahn-Reichmann.

„Ein Gliederfüßer ist kein Lückenbüßer“, weiß Gregor noch zu formulieren, als Grete ihm ihre Liebe aufkündigt. Zwar hat ihn der Vater zuvor mit Weihweißwein besprengt, doch hat das trotz aller gesegneten Kraftausdrücke nichts genützt. Und so emanzipiert sich Grete, wie in der literarischen Vorlage, vom uneinsichtigen Egomanen.

Herr Generaldirektor findet Gefallen an der Mutter: Konrad Rennert und Anna Hauf. Bild: © Johannes Novohradsky

„Zeck“, dieses Schimpf- und Trotzwort für Andersdenkende, passt perfekt ins Programm des Hamakom. Am Ende dieses etwas abrupt endenden Abends sparten die Zuschauer nicht mit Applaus, so skurril fanden sie’s, einem echten Wiener beim Untergehen zuzusehen. Selten hat der Begriff kafkaesk besser auf eine Bühnenproduktion gepasst.

www.hamakom.at          www.hannesloeschel.com

15. 11. 2019

Theater Nestroyhof Hamakom: Der letzte Mensch

Oktober 9, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Selbstverdauung als positivstes Zukunftsszenario

Erinnerungsarbeit mit alten Fotos: Theresa Martini, Ana Grigalashvili und Daria Ivanova sind drei Mal die Protagonistin Liv van der Meer:. Bild: © Alina Amman

Vorstellung for Future, das ist im doppelten Wortsinn, heißt: Fantasie wie Aufführung, der Leitgedanke mit dem das Theater Nestroyhof Hamakom gestern in die Jubiläumssaison zu seinem zehnjährigen Bestehen startete. Uraufgeführt wurde Philipp Weiss‘ Stück „Der letzte Mensch“, Weiss bekannt als der Autor, der vergangenen Herbst mit tausend auf fünf Bände verteilten Seiten seinen Debütroman vorlegte: „Am Weltenrand sitzen die Menschen und lachen“.

Ein literarischer Größenwahn auf höchstem Niveau, der vom Feuilleton gehypt zum Sensationserfolg avancierte. Weiss‘ Ansinnen, sich nun mit einem auf ferne Zukünfte gerichteten Text, das Thema der Gegenwart vorzunehmen, ist ein hehres, soll doch der Klimawandel, der besorgte Bürger allüberall um- und auf die Straße treibt, endlich auf der Bühne verhandelt werden. Allein, der Wille steht fürs Werk. Weiss‘ neuerlicher Ausflug ins Dramatische – nach „Ein schöner Hase ist meistens der Einzellne“ 2013 (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=8475) – ist kein großer Wurf. Immerhin: „Der letzte Mensch“ ist eine Frau in dreifacher schauspielerischer Ausführung, die Figur Liv van der Meer, für die ihr Schöpfer drei hypothetische Verläufe des 21. Jahrhunderts und innerhalb dieser Paralleluniversen drei mögliche Leben erdacht hat.

„Sie treibt im Kollaps-Szenario auf einem aus Müll zusammengeflickten Floß unter der glühenden Sonne des Nordpolarmeers. Sie driftet im Transzendenz-Szenario in einer technisch transformierten Welt durch den Asteroidengürtel des Sonnensystems. Zuletzt schwimmt Liv im Utopie-Szenario in der Tiefsee – als ein Hybrid aus Mensch, Maschine, Koralle und Oktopus – und widmet sich der Heilung auf den Trümmern einer geschundenen Welt“, heißt es dazu im Programmheft. Tatsächlich aber ängstigt einen auch die letzte Fiktion als eine dystopische, wird schließlich als positivste Vision und ergo letzte Chance auf Selbstrettung die Selbstverdauung ausgewiesen …

„Der letzte Mensch“ ist eine verquaste, quasselige Cli-Fi-Story, die sich höflich enigmatisch nennen ließe, weil das als Synonym fürs durchs Nebulöse irrende Nichtauskennen immer gut kommt. Neben der Schilderung von Tentakelsex in der Tiefsee, spricht aus dem Off ein Androide, der einzige „Mann“ im Ganzen, während sich die Darstellerinnen mal Chimäre, mal Kinder der Nemesis nennen, mal Zwiegespräche mit inneren Stimmen, mal miteinander führen. Das alles ist so futuristisch wie das Futur II, das Weiss für seine Szenenabfolge verwendet, „Was wird einmal gewesen sein?“, so klinisch-kühl, so steril, dass Emotion und Empathie gar nicht erst aufkommen. Dies sehr zum Schaden einer publikum’schen Betroffenheit über die Weltlage, denn wo kein Gefühl, da auch kein Mitgefühl.

Auf den Trümmern einer geschundenen Welt: Theresa Martini, Ana Grigalashvili und Daria Ivanova. Bild: © Alina Amman

Ana Grigalashvili schwebt als Astronautin in der Schwerelosigkeit. Bild: © Marcella Ruiz Cruz

Der Glücksstrahl an der Sache ist die Inszenierung von Ingrid Lang, die mit viel Feinsinn für Weiss‘ Fantastik an das Stück herangeht, und mit enormer Einbildungskraft diese Arbeit stemmt – indem sie die gedämpfte Stimmung, die fast schon bleierne Schwere des Abends mit ein paar gezielt platzierten Ideen wie Unterwasservideos der nackten Liv, hypnotischen Bildern vom Kampf mit dem Element, oder einem Spiegel, in dem „Schwerelosigkeit“ stattfinden kann, bricht. Komparsen mit Papiertierköpfen erscheinen, ein schwarzer Projektionsquader wird durch eine Änderung des Lichts durchlässig und entpuppt sich als Spielfläche, alte Fotos fallen von oben auf die Zuschauer herab.

Da sind Weiss und Hamakom-Co-Direktorin Lang bei der Erinnerungspflege, der sich das Theater verschrieben hat, wenn Livᶟ von einer Inhaftierung im Lager berichtet, von Todeszonen und Gewaltakten von Herrenmenschen, vom Einsatz von Giftgas und von Pogromen. Zum ersten Jahrzehnt Hamakom erweitert das Haus seine Perspektive von den immer noch schwärenden Traumata der Vergangenheit zu möglicherweise bevorstehenden, denn ohne Behandlung der ersteren, kein Abwenden der zweiten.

Livs Dasein in der Klimaapokalypse, später ihre Maschinenträume von der technologischen Selbstüberwindung, am Ende ihre Metamorphose zu einem neu zu definierenden Wesen gestalten Theresa Martini, Ana Grigalashvili und Daria Ivanova, Martini dabei die Frau vom Meer, stark bis zum Schluss, ein noch im Sterben selbstbestimmtes Individuum, Ivanova danach das symbiontische Flechtwerk, ein Hybrid von hohem Alter, der keinen sozialen Sinn mehr kennt. Wie sie unter Zuckungen zu diesem Meeresriesen evolviert, wird nur übertroffen von Ana Grigalashvili als einer Art Astronauten-Liv.

Liv wird zum Hybrid aus Mensch, Maschine, Koralle und Oktopus: Daria Ivanova. Bild: © Alina Amman

Allein auf dem Nordpolarmeer: Theresa Martinis Liv ist ein starkes, selbstbestimmtes Individuum. Bild: © Alina Amman

Die in Georgien geborene Künstlerin ist ausgebildete Tänzerin, und das merkt man ihrer Performance an, wenn sie sich, auf einem schwarz glänzenden Podium liegend, in aberwitzige Körperpositionen bringt, die von einem Deckenspiegel zurückgeworfen wirken, als würde sie wirklich durchs All gleiten. Wenn am Ende das Oktopodenallerlei eine Rede ans globale Parlament hält, kommen die Sätze von einem blechernen Lautsprecherorgan, zu dessen Playback die Schauspielerinnen nur die Lippen bewegen. Die auffordernde Botschaft: „Wir können etwas verändern. Zusammen. Und es geschieht. Heute. Jetzt.“

So nimmt Weiss sein stoisches „praemeditatio malorum“ doch noch raus aus seinen Überlegungen. In Summe aber ist dies Durchspielen von Worst-Case-Szenarien zu wenig atmosphärisch, zu wenig beseelt, um sich zum Stimmungsbarometer der allgemeinen Wetterlage zu machen. Weniger Hirnakrobatik, mehr Herzenswärme hätte diesem After-Endzeit-Drama nicht geschadet.

TIPP: Mit einem umfangreichen Begleitprogramm rund um „Der letzte Mensch“ widmet sich das Theater Nestroyhof Hamakom von 13. bis 27. Oktober in Zukunftsgesprächen den Folgen des Klimawandels, Exodusgelüsten der Menschheit ins Posthumane sowie der Möglichkeit einer technologischen Transformation. Autor Philipp Weiss diskutiert mit jeweils einer Expertin. Am 22. Oktober liest Weiss aus seinem Roman „Am Weltenrand sitzen die Menschen und lachen“.

Mehr dazu: www.youtube.com/watch?v=V9uKyPRkTJ4           www.hamakom.at           www.philippweiss.at

  1. 10. 2019

Theater Nestroyhof Hamakom: Falsch

März 6, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Dämonischer Totentanz im dichten Theaternebel

Im Wortsinn eine Familienaufstellung: Barbara Gassner, Jakob Schneider, Florentin Groll, Katalin Zsigmondy, Thomas Kolle, Franz Xaver Zach und Marlene Hauser. Bild: © Marcel Köhler

Die Atmosphäre beim Eintritt in den Spielort – gespenstisch. Finsternis, die Schauspieler nur Schemen, dichte Nebelschwaden wabern durch den Raum, so dass die Zuschauertribüne fast nicht zu finden ist, also auf!, unsicheren Schrittes, denn der symbolisch ausgebreitete Ascheboden ist weich und uneben … Später werden Neonstäbe das Spiel erhellen, doch kein Licht ins Dunkel bringen, denn die Geschichte, die hier erzählt wird, hat sich vorgenommen, enigmatisch zu bleiben.

„Falsch“ heißt das Stück des jüdisch-belgischen Autors René Kalisky, geschrieben 1980, ein Jahr bevor er jung an Lungenkrebs starb, und es ist das unschätzbare Verdienst von Hausherr Frederic Lion diese wichtige Stimme für Wien wiederentdeckt zu haben. Dass er „Falsch“ im Theater Nestroyhof Hamakom als österreichische Erstaufführung zeigt, ist kaum zu glauben, und dennoch; in Frankreich haben die Brüder Dardenne den Stoff bereits 1986 verfilmt. Kalisky, Sohn eines in Auschwitz ermordeten Vaters, entwirft hier ein surreales Szenario, Untote, die im Hamakom durch den von Andreas Braito geschaffenen Raum geistern, um das letzte gelebt habende Familienmitglied in ihren Kreis aufzunehmen.

Dieses heimgekehrte „Kind“, Josef, Joe, stürzt in New York aufs harte Pflaster, ob das Folgende Komatraum oder schon das Sterben ist, entschlüsselt sich nicht, hält Kalisky in seinen hybriden Welten doch an der Nichtendgültigkeit des Todes fest, ein Trauma erleidet Joe jedenfalls – denn als er aufwacht, in einer Nicht-Zeit, an einem Nicht-Ort, ist er umringt von der Verwandtschaft, die ihm bescheidet, es sei Berlin 1938. In einer dämonischen Tanzbar, mit Tomas Kolle an den Turntables, entwickelt sich nun eine erbarmungslose Generalabrechnung über Schuld und den Schutt verblasster Erinnerungen und die Realitätsverweigerung derer, die „vergessen, was sie vergessen wollen“.

Die Tante als Vaters Geliebte, die Mutter hat’s immer gewusst: Barbara Gassner und Florentin Groll. Bild: © Marcel Köhler

Die Brüder Joe und Gustav sind sich uneins in ihren Erinnerungen: Franz Xaver Zach und Thomas Kamper. Bild: © Marcel Köhler

Frederic Lion, zurückhaltend im szenischen Zugriff, hat Kaliskys großangelegtes Werk klug auf seine Essenz reduziert, hat den poetisch-brutalen Text in der ihm typischen Sprödheit inszeniert, ohne Schmus, ohne Sentiment, weil er immer dort, wo dies möglich gewesen wäre, auf Distanz zum Geschehen geht – doch gerade dadurch schafft er Momente einer Zerbrechlichkeit, eine Dünnhäutigkeit, ein Erspüren-Können von Vernichtung, das berührt und betroffen macht. Die sich versammelt haben, und nomen est omen, sind „die Falschs, die in die Geschichte des Jahrhunderts mehr tot als lebend eingegangen sind“:

Vater Jakob (Florentin Groll), Mutter Rachel (Katalin Zsigmondy), Tante Minna (Barbara Gassner), die in den Konzentrationslagern gestorben sind. Die beiden Brüder Georg und Gustav (Jakob Schneider und Thomas Kamper), die 1938 mit Joe (Franz Xaver Zach) nach New York emigriert waren, der jüngste, Benjamin (Thomas Kolle), der ebenfalls ermordet wurde. Und auch Lilli (Marlene Hauser) hat sich eingefunden, Joes Jugendliebe, die bei der Bombardierung Berlins umgekommen ist. Im Zwischenreich des Nachtlokals hat man nun beschlossen, einander die Wahrheiten – oder was man dafür hält – zu sagen.

Übers „Desertieren“ aus Deutschland, übers Überleben in Tagen, als in Berlin statt der Linden die Wachtürme die Schatten geworfen haben, übers Nicht-Leben-Können zwischen judenrein und „Juden raus!“. Zentraler Vorwurf: Warum hat der Vater damals nicht zum Aufbruch gedrängt? Warum wurden daher so viele in der Familie Opfer des Holocausts? „Das Kind liebte eine Deutsche. Der Vater liebte Deutschland“, ist die schlichte Begründung, einer der zahlreichen bemerkenswerten Sätze, die sich in „Falsch“ finden. „Wenn man den Kopf verliert, kommt die Seele zum Vorschein“, lautet ein anderer. Minnas Liebesaffäre zu Jakob wird aufgedeckt, die immer noch währende Eifersucht Rachels, Bens Verbitterung, wenn er den Brüdern aus den USA entgegenschreit „Ihr stinkt nach Leben!“, die Tatsache, dass Gustav, der so gern ein Broadway-Star geworden wäre, nur Wehrmachtsoffizier im Film sein durfte. Dies dafür 45 Mal.

Das letzte gemeinsame Sabbatfest eskaliert auch in der Wiederholung: Thomas Kolle, Marlene Hauser, Jakob Schneider und Thomas Kamper. Bild: © Marcel Köhler

Und während das letzte gemeinsame Sabbatfest wiederholt wird, Rachel Lilly als Nazi-Kind beschimpft und sogar posthum von der Tafel verstößt, die Existenzen in Übersee sind als mit Kokain und im Hudson River beendet entpuppen, hält das großartige Ensemble bei seiner Darstellung der Falschs wunderbar die Waage zwischen absurd, abstrakt und abgrundtief zärtlich zueinander. Gewalt und deren Schilderung folgt auf grausame Vorwürfe folgen auf grenzenlose Liebe.

In ihrem Nachruf schrieb LeMonde über Kalisky „alles ist Ironie, clownesk, großes metaphysisches Konzert in dieser unvollendeten Arbeit, die er uns hinterlässt“. Dem ist angesichts des Abends im Hamakom nichts hinzuzufügen, außer, wie beeindruckend er ist, zu Zeiten, da der Begriff Erinnerungskultur immer mehr zum bizarr-populistischen Modewort wird.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=dCBtQl8nGz0

www.hamakom.at

  1. 3. 2019

Theater Nestroyhof Hamakom: Dibbuk

Dezember 8, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Geister, Glückskekse und „Küchen“-Kabbalah

Besessen vom Dibbuk: Katharina Knap erzählt und spielt. Bild: © Marcel Köhler

Der Dibbuk ist der oftmals böse Totengeist eines vor der Zeit Verstorbenen, der sich dort an einen Lebenden heftet, wo eine Schuld nicht abgetragen ist. Dessen Körper wird in Besitz genommen, der Dibbuk spricht durch den Besessenen. „Der Dibbuk“ ist ein Theaterstück von Salomon An-Ski, der Klassiker der jiddischen Literatur, und schildert die Heimsuchung der Händlerstochter Leah durch den Dämon des vor Gram dahingeschiedenen Jeschiwa-Studenten Chanan.

Man war einander versprochen worden, doch dann erwählte Leahs Vater den reichen Menasche zum Bräutigam. 1938 zeigte die in Wien bei Publikum und Presse beliebte hebräische Truppe Habimah das Drama als Gastspiel im heutigen Theater Nestroyhof Hamakom, damals „Jüdische Künstlerspiele“. Es ist dies die letzte belegte Produktion am Haus, bevor es im Zuge des „Anschluss“ von den Nationalsozialisten geschlossen wurde.

„Der Dibbuk“ ist auch eine Kurzgeschichte der polnischen Schriftstellerin Hanna Krall aus ihrem Buch „Existenzbeweise“. Angesiedelt in Kalifornien erzählt die Short Story vom erfolgreichen Architekten Adam, dessen im Warschauer Ghetto umgekommener Halbbruder Abram nun in ihm wohnt. Der ehemals Sechsjährige weint, wie verlassene Kinder weinen – und natürlich soll er ausgetrieben werden. Aber im letzten Moment besinnt sich der Besessene und ruft ihn zurück.

Szenenfoto einer Aufführung der Rolandbühne aus dem Jahr 1925. Bild: © KHM-Museumsverband, Theatermuseum, Wien

Die „Jüdischen Künstlerspiele“ im Nestroyhof. Bild: © YIVO Institute for Jewish Research / Michael Preiss

All das, dazu Texte von Shahar Arzy, Moshe Idel bis zu Frederic Lion und Zeitungsausschnitten aus dem Jahr 1938, verweben Regisseurin Milena Michalek und Schauspielerin Katharina Knap nun im Theater Nestroyhof Hamakom zum Abend „Dibbuk“. Der hat es sich im Setting von Sam’s Bar gemütlich gemacht, als das Publikum, versehen mit Speis‘ und Trank, zu den Bistrotischen strömt. Größtenteils humorvoll, dann wieder ans Herz rührend, wenn es nicht zerreißend, wird Knaps Geisterbeschwörung nun sein – gegenüber der Bar die einstige Bühne, ein leerer Raum, als Andenken an die Darsteller, die von dieser vertrieben wurden.

Knap erweist sich als großartige Entertainerin. Wie ein Irrwisch wirbelt sie zwischen den Zuschauern umher, verteilt an diese Glückskekse, fragt sie nach Befindlichkeiten, versucht sich an „Küchen“-Kabbalah und mittels Schultafel die Sache mit den Sephiroth, den zehn göttlichen Emanationen entlang des Lebensbaums, zu erklären, oder zeigt den Mizwe-, den chassidischen Hochzeitstanz. Von Knaps Temperament verschont bleibt niemand, das wird spätestens dann klar, wenn sie die „Dibbuk“-Rollen, es sind nicht weniger als vierzig, unter den Anwesenden verteilt. „Jeder schlechte Gedanke, der gegen einen selbst gerichtet ist, ist nicht von einem selbst“, sagt sie.

Und wechselt von der Dibbuk-Therapeutin zu „Patient“ Adam und Abram zu Leah und Chanan, ihr orangefarbenes Outfit dabei einmal der Sanghâti des buddhistischen Mönchs, der Abram endlich ins Licht schicken soll, einmal ein Schal für Leah. Knap verschiebt die Ebenen von Mythos und Mystik, zwischen Schmerz und Scherz. Fürs Jahr 2019 will sie einem mitgeben, sagt sie, dass es da draußen mehr gibt, als man sich denken mag. Dass der Schein trügt. Und dass die Dinge Bedeutung haben. Und ganz im Sinne des Orts, ha-Makom, ruft sie dazu auf, sich mit den Geistern der Vergangenheit auseinanderzusetzen, damit die Zukunft neu werden kann.

Ingrid Schmoliner sorgt für den Sound. Bild: © Marcel Köhler

Begleitet wird Katharina Knap von der wunderbaren Live-Musik der Ingrid Schmoliner. Die Töne, die die Klangkünstlerin ihrem – unter anderem mit Stäbchen und Klebeband – Präparierten Klavier entlockt, wie sie singt, das erst erschafft die perfekte Atmosphäre für diese Uraufführung. „Dibbuk“ im Theater Nestroyhof Hamakom ist ein Abend, den man unbedingt gesehen haben sollte. Es folgen noch sieben Aufführungen bis 21. Dezember.

www.hamakom.at

  1. 12. 2018