Theater zum Fürchten: Diese Bretter sollen brennen!

September 27, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Theaterarzt ist nur einen Lacher entfernt

Loriots "An der Opernkasse": Julian Schneider, Jörg Stelling, Gabi Stomprowski, Bernie Feit und Hermann J. Kogler Bild: Bettina Frenzel

Loriots „An der Opernkasse“: Julian Schneider, Jörg Stelling, Gabi Stomprowski, Bernie Feit und Hermann J. Kogler. Bild: Bettina Frenzel

„Wie legen Sie ihn an?“ – „Hintergründig.“ Es darf an diesem Abend auch der vierte Zwerg nicht fehlen. Helmut Qualtingers „Der Menschheit Würde ist in eure Hand gegeben …“ ist einer der Texte, die Bruno Max und Marcus Ganser für ihre Revue „Diese Bretter sollen brennen!“ rausgesucht haben. Hassgesänge und Liebeslieder auf das Theater aus zweitausendfünfhundert Jahren, die das Theater zum Fürchten nun an seiner Wiener Spielstätte, der Scala, zum Besten gibt. Zum Allerbesten.

Herr Prinzipal und sein Leib- und Magenregisseur präsentieren ein Panoptikum der Bühnenverrückten. Die Diva und die Rampensau, die Selbstdarsteller und die Entleiber, im Unterschied zu denen, die über Leichen gehen, selbst wenn das Stück keine vorschreibt, die Autoenthusiasten und die Publikumslieblinge. Große Satiregaranten und Berufszyniker wie Erich Kästner, Thomas „Was hier, in dieser muffigen Atmosphäre?“ Bernhard und Daniil Charms verschaffen sich gewaltig Theaterluft, aber auch köstliche Kleindarsteller ballen ohnmächtig die unterbeschäftigten Fäuste. Dargeboten werden Wahrheit und inszenierter Wahnsinn, die Qualen der Quälgeister, die Nöte der Nutzlosen, Kämpfe, Krämpfe, die ganz großen Gefühle sowieso, sowie Bestechungsversuche beim Beleuchter. Wenn’s Zwerchfell reißt, ist das Programm. Der Theaterarzt ist nur einen Lacher entfernt.

Ganser und Max gelingt naturgemäß viel mehr als dramaturgische Nummernreihung, sie verknüpfen die Nummern zu einem Reigen, „Putting it Together“ à la Stephen Sondheim. Den Reigen haben sie ganz reizend verwienerischt, er hat seine schönsten Momente, wenn die Schauspieler vermeintlich etwas von sich erzählen. Ach, das liebt man als Publikum, diesen Schlüssellochblick in die Kulissen. Auch wenn die Gaukler einem was vorgaukeln, ist der frische Wind ums Auge doch die Bindehaut, an der sich die Begeisterung fürs Dramatische entzündet. So darf Irene Halenka im heimischen Seewinkel vom Schauspielerdasein träumen, doch auch ein Besuch von Mr. Karps Method-Acting-Kurs brachte sie nicht in Marvin Hamlischs „Chorus Line“. Klara Steinhauser versucht mit ihrer beeindruckenden Musicalstimme die Klippen eines Vorsingens zu umschiffen. Laut Jason Robert Brown tut sie das schon „Die letzten fünf Jahre“ und glaubt: „Es geht was voran!“ Leider wird der Spagat, den der Beruf einem oft ab-, hier tatsächlich verlangt. Ja, in dieser Produktion wird sich auch körperlich nicht geschont. Und (fast) keine Kosten gescheut. Für Monty Python’s Tortenwurf- und Brett-vorm-Kopf-Szenen wurde mit Kathleer Bauer sogar eine Choreografin verpflichtet.

Gabi Stomprowski fragt sich zwar mit Eric Idle „Was ist mit meiner Rolle los?“, weiß aber, dass es keine schlechten, sondern nur schlechtes Licht gibt. Als Vollblut kann sie schließlich auch aus einer Ein-Satz-Rolle alles und zwar wirklich alles raus holen. Und sollte man hier nicht verstehen sie schätzen zu wissen, wirft sie trotzig den Kopf zurück, dann eben Deutschland. Bitte keine gefährlichen Drohungen. Was „die Piefke“ dem Theaterbetrieb mit ihrer Betriebsamkeit angetan haben, erklärt niemand besser als Jörg „Maria“ Schelling mit Ephraim Kishon. Seit 38 Jahren die Stütze des Hauses – an dieser Stelle leichtes Oskar-Werner-Näseln mitdenken – lässt sich der Kammerschauspieler von einem Deutschen mit Doppelnamen doch kein X für ein U, nicht wahr, schließlich wäre auch Gert Voss kein Gegner, nicht wahr. Julian Schneider stimmt das „Lamento für einen jungen Schauspieler“ an.

Die Zunft nimmt sich auch an den Randzonen herzerwärmend unernst. Theaterleiter und Theaterkritiker werden, letztere von Mel Brooks, als ebenbürtig ahnungslos enttarnt. Das Publikum weiß nach Loriot nicht, was es will, aber das will es unbedingt. Billeteurinnen wissen, was sie wollen, kriegen’s aber nicht. Einzig die seltsame Spezies der Bühnenportiere entgeht hier der E-Loge. Dabei hat man noch keinen kennengelernt, der nicht Herr übers Haus war. Hermann J. Kogler ist als „Der Souffleur“ der wahre Auskenner; aus André Hellers Chanson ist die titelgebende Textzeile. Der großartige Bernie Feit groovt sich mit Christian Tschirners „Dramaturgen-Rap“ ein. Eine Ironie. Heute ist der Dramaturg vielerorts nur noch der Assi von Regieassi. Apropos, grooven: Feit, mit britischer Bardenperücke, und Kogler führen an Stelle von Rowan Atkinson und Hugh Laurie auch noch vor, wie es zu Shakespeares „Sein oder Nichtsein“ kam – ein paar kleine Striche. Musikalisch begleitet werden Bruno Max‘ glorreiche Bühnen-Sieben von Andreas Brencic am Klavier, Julius Chitta am Bass und Fritz Rainer am Schlagzeug. Schneider und Feit greifen zum Schluss auch noch selbst in die Saiten. Für etwaige p. t. Sponsoren. Bei der Kunst geht’s eben immer um die Wurscht.

„Wenn Sie einen Schauspieler sehen, sagen Sie ihm etwas nettes“, heißt es an einer Stelle. Nun, die Wahrheit wird’s wohl auch tun: Sie waren glänzend!

www.theaterzumfuerchten.at

Wien, 27. 9. 2015

Scala: Moonlight & Magnolias

Januar 9, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Wie „Vom Winde verweht“ entstand

Hermann J. Kogler, Leopold Selinger, Bernie Feit Bild: Bettina Frenzel

Hermann J. Kogler, Leopold Selinger, Bernie Feit
Bild: Bettina Frenzel

Diese Rezension wagt es, ein wenig privat zu sein. Weil das Stück so sehr gemocht wird. Weil der Film so sehr auf die Nerven geht. Wenn Mutter Bügelnachmittage hatte und ihr – weil sie ohnedies schon gereizzzzzt war – niemand die Auswahl der (damals noch) VHS-Kassetten aus der Hand nahm, lief er: „Vom Winde verweht“. (Oder „Die Dornenvögel“) Uäh! Immerhin: Die Hollywood-Schnulze aus dem Jahr 1939 nach dem Roman von Margaret Mitchell war mit fast vier Stunden Laufzeit seinerzeit der Film mit der längsten Spieldauer, außerdem mit etwa vier Millionen US-Dollar der teuerste Film überhaupt. Vom American Film Institute wurde er auf Platz 4 der „größten US-Filme aller Zeiten“ gewählt. Er wurde seit seiner Uraufführung mehrfach wieder in die Kinos gebracht und ist mit einem Einspielergebnis von an die 3,8 Milliarden US-Dollar bis heute das kommerziell erfolgreichste Werk der Filmgeschichte. Und nicht nur das: Auch „künstlerisch“ wurde die Schmonzette als auserlesen betrachtet: „Vom Winde verweht“ ging mit einer Rekordzahl von 13 Nominierungen in die Oscarverleihung 1940 und wurde mit zehn Oscars ausgezeichnet, darunter als Beste Nebendarstellerin Hattie McDaniel, mit der erstmals ein afro-amerikanischer Künstler die begehrte Trophäe gewann.

Und nun erlaubte sich Ron Hutchinson mit „Moonlight & Magnolias“ – ein Begriff, der den Sklavenhalter-Süden romantisiert und außerdem einem Zitat der Figur Rhett Butler entliehen ist – eine Hollywoodfarce über die Entstehungsgeschichte des Leinwandklassikers zu schreiben. Und die ist einfach großartig. Und derzeit in der Wien-Dependance des Theaters zum Fürchten, der Scala, in einer Inszenierung von Marcus Ganser zu sehen. Inhalt: Produzent David O. Selznick (Leopold Selinger) hat die Rechte für den Roman erworben und plant aus dem 600-Seiten-Wälzer den größten Film aller Zeiten zu machen. Clark Gable und Vivien Leigh sind schon besetzt, eine ganze Filmstadt ist gebaut und abgefackelt, die Presse hat Blut geleckt, viel Geld wurde investiert: das Ganze muss einfach der Jahrhundert-Erfolg werden, sitzt Selznick doch auch sein Schwiegervater Louis B. Mayer im Nacken. Drehbuchautoren und Regisseure wurden im Dutzend gefeuert. Nun droht die Jahrhundert-Pleite. Also sperrt sich Selznick fünf Tage lang mit seinem Starregisseur Victor Fleming (Hermann J. Kogler), der am Set vom „Zauberer von Oz“ gerade Judy Garland geohrfeigt hat, und Ben Hecht (Bernie Feit), Hollywoods bestem Drehbuch-Autor, in seinem Büro ein. Doch Hecht hat den Roman weder gelesen noch überhaupt Lust, sich mit diesem „Rassismus verherrlichendem Kitsch“ näher zu befassen, während in Europa der Zweite Weltkrieg vor der Tür steht. Also greift der Produzent zu drastischen Mitteln. Bei einer Bananen- und Erdnüsse-Diät, geliefert von Sekretärin Miss Poppenghul (Irene Halenka), spielen Fleming und er Hecht die Schlüsselszenen aus dem Buch vor …  Ron Hutchinsons rasantes „Making Of“ der legendären Südstaatenfrechheit ist ein so unglaubliches und aberwitziges Szenario, dass es glatt erfunden sein könnte – aber genau so wird die Story in Hollywood noch heute erzählt … vermutlich …

Was nach Klamauk klingt, ist es über weite Strecken auch. Slapstick folgt auf Handgreiflichkeiten. Filmemacher am Rande des Nervenzusammenbruchs. Der Wahnsinn sickert durchs Schlüsselloch. Ganser lässt dies alles in seinem Bühnenbild, einer Filmrolle, in die Selznicks Büro eingebettet ist, und mit einem Original-Wochenschaubericht beginnen. Doch ihm gelingt mit Bernie Feit etwas, das anderen Inszenierungen weniger am Herzen lag: das Herausarbeiten der „Rassenfrage“. Zwei Juden arbeiten angesichts Nazi-Deutschlands an einem Stoff, in dem das „Nigger“-Dienstmädchen von der Hauptdarstellerin einfach so geohrfeigt wird, in dem die Problematik Schwarz-Weiß in einem Traum aus Technicolor untergehen soll? Feit ist ganz wunderbar als Ben Hecht. Lakonisch macht er sich über den Inhalt, den er im Schnelldurchlauf verwursten soll, lächerlich. Ein Humanist, dem die rassenideologische Hetzjagd in Übersee nicht aus dem Kopf geht, gleichzeitig wie stets ein großer Komödiant, den der Scarlett liebt Ashley – der heiratet Melanie – die stirbt – Ashley liebt Scarlett trotzdem nicht – und mit Rhett hat sie sich’s auch verscherzt – Plot immer wieder vom Schreibmaschinenband wirft. Bis schließlich nicht nur das Hirn, sondern auch die Finger verknotet sind.

Die „Show“ stiehlt ihm diesmal Leopold Selinger, der als Selznick alle Register zieht. Er ist Enthusiasmus wegen Erfolgdrucks in seiner schönsten Ausdrucksform. Mit Kleiderbügel und Croissant spielt er Sezessionskrieg, Scarlett samt Dekolleté und was nicht noch alles, während Hermann J. Kogler alias Fleming, verschrien als „Riesenarschloch“ hinter der Kamera, abwechselnd die gebärende Melanie und das „dumme“ Dienstmädchen gibt. Er, der Realist, der Zyniker, der brutal ist bis zur Ehrlichkeit, sich aber, weil unter Vertrag, um den „Scheißdreck“ kümmern wird. Großartig! Der Abend wird mit zunehmender Verzweiflung seiner Protagonisten, die zwischendurch auch noch die Nöte ihres jeweiligen Berufs von den anderen therapiert haben wollen, besser und besser. Lachen, bis das Zwerchfell w. o. gibt. Auch Miss Poppenghul befindet sich angefangen bei der Frisur bald in Selbstauflösung. Irene Halenka macht aus der Rolle, die im Wesentlichen aus den Worten „Ja, Mr. Selznick“ besteht, ein Kabinettstück für sich. Höhepunkt der Körperarbeit ist aber eben jene Ohrfeigen-Szene, in der sich die Eingeschlossenen zum Watschn-Trio verwandeln, weil Hecht sie überhaupt streichen will, Selznick um die Burg nicht – und Fleming den besten Kamerawinkel für den Konflikt sucht. Verraten sei, dass Feit die meisten Tätschen kassiert …

Marcus Ganser hat aus einer heißgeliebten Klamotte Unterhaltung mit Haltung gemacht. Bravo. Wer die Aufführung bis jetzt versäumt hat, kann auf Scarlett O’Haras berühmt gewordene letzte Worte setzen: Morgen ist auch noch ein Tag.

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Wien, 9. 1. 2014

Theater Scala: Picknick an der Front

Februar 16, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Hurrapatrioten und andere Idioten

Bild: © Bettina Frenzel

Bild: © Bettina Frenzel

Die grellsten Erfindungen sind Zitate. Karl Kraus

Dieser Ausspruch des Fackelträgers ist gleichsam das Motto unter das Bruno Max und sein Theater zum Fürchten ihre jüngste Arbeit in der Scala stellen. Wieder ist es eine Dinnertheaterproduktion, die siebente, und nachdem im Vorjahr „Im Schatten der Guillotine“  www.mottingers-meinung.at/scala-ein-dinner-im-schatten-der-guillotine gespeist wurde, lädt der Theatermacher diesmal zum „Picknick an der Front“. Der hundertste Jahrestag des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs wird mit einer Landpartie ins Niemandsland begangen. Auf einer Decke im Rindenmulch und mit einem mit Wein, Obst, Guglhupf und (auch britischen Gurken-)Sandwiches gut gefüllten Picknickkorb sitzt man zwischen Schützengräben und Feldlazarett, zwischen Kriegsversehrten, einem Drehorgelspieler, Krankenschwestern, zwischen Karussell und Kasperltheater. Dessen Attraktion, der Wurschtl, der englische Mr. Punch, der französische Guignol, wird Max, wie es sich für einen echten Narren gehört, als Stimme der Vernunft dienen. Ein Rufer in der Wüste, der ob des Wahnsinns der jeweiligen Befehlshaber kopfschüttelnd resignieren muss.

Bruno Max begegnet den Schrecken des Krieges durchaus mit Humor. Ironie ist, wenn man trotzdem lacht. Und weil nichts entlarvender ist als Zitate besteht seine Textcollage ausschließlich aus solchen. Eine bemerkenswerte Leistung all diese Originalquellen, von Feldpostbriefen und Soldatenliedern bis hin zu Formulierungen literarischer Zeitzeugen, zu einem zusammenhängenden „Stück“ geformt zu haben. Da gibt es Skurriles, wie das Rezitieren eines Inserats für „Diana Kriegsschokolade“, das Nachstellen der Schallplattenaufnahme „Hörbild: Im Feldlazarett“, ein Lustiges Kriegsbilderbuch, in dem die bösen Nachbarsbuben von Franz und Michl verdroschen werden, das Maturathema „Welcher unserer Feinde scheint mir der hassenswerteste?“. Unglaublich, was Max alles ausgegraben und zusammengetragen hat. Da gibt es Berührendes, wie Joan Littlewoods „Weihnachten an der Front“ und die Rede der Frauenrechtlerin Emmeline Pankhurst „Women against War“. Und natürlich die Briefe der österreichischen, deutschen, britischen und französischen Soldaten. Einige der englischen Briefe wurden erst 2006 vom britischen Justizministerium den Nachfahren ihrer Empfänger zugestellt. Sie waren von der Zensur neunzig Jahre zuvor als „zu explizit“ beschlagnahmt worden und fast ein Jahrhundert in einem Archiv verstaubt. Da gibt es Hetzerisches von den kriegsverliebten Rudyard Kipling, der der Verteidigung des Empire gegen „die Hunnen“ seinen Sohn opferte, und Nobelpreisträger Gerhart Hauptmann. Eine unrühmliche Liste großer Literaten, in die sich Emile Zola mit „Weh dir Germania“ und Rilke mit einer Ode an den Kriegsgott einreihen. Gut, dass Erich Kästner mitten im Pauschalhass die Friedensflagge hochhält. Und Karl Kraus. Und Bert Brecht. Und Jaroslav Hašeks Schwejk.

Max lässt zu all dem eine Diaschau – Plakate, Fotografien, Karikaturen – ablaufen, erspart einem aber die ärgsten Gräuelszenen. Die macht ohnedies sein hervorragendes Ensemble Roman Binder, RRemi Brandner, Zeynep Buyrac, Irene Halenka, Markus Hamele , Reinhold Kammerer, Christina Saginth, Leopold Selinger, Jörg Stelling und Patrick Weber im „Bühnenraum“ von Marcus Ganser anschaulich. In jeweils unzähligen Rollen spielen sie die Hurrapatrioten und anderen Idioten, die Parolennachplapperer, die Mütter, die wieder einmal die Gebenden sind, diesmal ihre Söhne nicht ins Leben bringen, sondern in den Tod schicken, die Feldkuraten, die österreichische G’mütlichkeit, die schneidigen Offiziere, denen auch noch der Schneid abgekauft werden wird, den preußischen Drill, die britisch-französische Überheblichkeit. Denn auf diesem Feld, auf dem die Ehre nie zu finden war, gibt es keine Sieger. Nur Menschlein inmitten der Unmenschlichkeit. Angst, Verzweiflung und Leid im Granatenhagel, wegen des nächsten Giftgasangriffs. Der Guglhupf steckt einem da längst in der Gurgel. Die Stimmung kippt. Mit „fliehenden“ Fahnen sind die Soldaten nun unterwegs. Werden verwundet, verrecken im Rindenmulch vor den Füßen des Publikums. Die Darsteller machen Geschichte nicht nur begreiflich, sondern greifbar. Sie spielen sich die Seele aus dem Leib. Schweben schließlich als Tote über ihren Gräbern.

Auch die Lieder, gespielt vom k.k. Prothesenorchester, ändern sich in der Tonart. Hieß es eben noch „Oh It’s A Lovely War“ und „Nach Paris“, freuten sich die USA auf „Over There“, klagt man nun „Bombed Last Night“ oder spöttelt „Ja wo steckt denn der Herr General?“. Das „Chanson de Craonne“, das traurige französische Soldatenlied, war in Frankreich bis 1974 staatlich verboten, da es „die Französische Armee herabsetzt und das Andenken der Veteranen beschmutzt“. Einer der schönsten Momente des Abends ist die Parodie „When this Lousy War is Over“, die in den Sprachen aller Beteiligten gespielt und gesungen wird. Wenn dieser beschissene Krieg vorbei ist … da gab’s noch was. Einen kleinen, verwundeten Soldaten, der die fehlende Moral der Deutschen bemängelt, als ihm der Augenverband abgenommen wird, seinen Schnauzer zum Bärtchen stutzt, die Blindenbinde gegen die mit Hakenkreuz tauscht. Adolf Hitler. „Ich aber beschloss, Politiker zu werden“. Dies wohl die Botschaft von Bruno Max‘ unvergesslichem Abend: Niemals vergessen. „Picknick an der Front“ ist die gespielte Kriegsverweigerung, saftiger als trockene Sachliteratur, anschaulicher als manche Ausstellung, ideenreicher als das x-te Widerkäuen der „Letzten Tage …“ Bravo.

Das letzte Wort hat der später im KZ Oranienburg ermordete Erich Mühsam:

Lebt wohl, ihr Brüder! Unsre Hand,
daß ferner Friede sei!
Nie wieder reiß das Völkerband
in rohem Krieg entzwei.
Sieg allen in der Heimatschlacht!
Dann sinken Grenzen, stürzt die Macht,
und alle Welt ist Vaterland,
und alle Welt ist frei!

www.theaterzumfuerchten.at

Wien, 16. 2. 2014