Karikaturmuseum Krems: „Volltreffer“ aus der Sammlung Grill und ein Exkurs zu Gerhard Haderer

März 2, 2021 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Zwei neue Ausstellungen zu den Großmeistern der Satire

Gerhard Haderer: Wohnlandschaft mit Pferdekopfpolster, 1984. © Gerhard-Haderer/ Landessammlungen NÖ

Seit mehr als 40 Jahren sind Humor und Komische Kunst nach Art von Meisi und Helmut Grill die treibende Kraft für ihre Sammlung satirischer Kunstwerke. „Erstmals in Österreich gibt das Karikaturmuseum Krems Einblicke in die Sammlung Grill. Die Ausstellung spürt mit knapp 200 Arbeiten von 42 Künstlerinnen und Künstlern der Sammelleidenschaft von satirischer Kunst nach“, so Gottfried Gusenbauer, künstlerischer Direktor Karikaturmuseum Krems.

Die Ausstellung „Volltreffer! Satirische Meisterwerke der Sammlung Grill“ beleuchtet ab 6. März einerseits das Münchner Umfeld und Vertreterinnen

wie Vertreter der Komischen Kunst, die dem Sammlerehepaar nahestehen.Unverkennbar im Zeichenstrich sind Paul Floras getuschte tragikomische Traumwelten. Mit frechem Augenzwinkern zitiert Rudi Hurzlmeier in seinen Arbeiten Generationen von Meistern. Die eigens für Meisi und Helmut Grill angefertigten Werke zeugen von Loriots häufigen Besuchen bei den beiden. Die Vielfalt der satirischen Kunst verdeutlichen in der Ausstellung andererseits internationale Positionen.

Saul Steinbergs teils nur mit einem Strich und scharfsinnigem Humor gemachten Arbeiten zeugen von dessen technischer Virtuosität. Mit Tomi Ungerers Bild eines Manns, der sich in ein riesiges Schneckenhaus zurückzieht, blickt man auf die Anfänge der Sammelleidenschaft von Meisi und Helmut Grill zurück. Aus dem Gruselkabinett Freud’scher Tiefenpsychologie vermögen Roland Topors gezeichnete Tagträume zu entstammen. Die Erfolgsgeschichte von Meisiund Helmut Grill nimmt im sagenumwobenen Jahr 1968 mit der Gründung ihres extravaganten Kuriositätenladens Etcetera ihren Anfang. Bekannt war die von André Heller so bezeichnete Spezialitätenhandlung ersten Rangs nicht nur für ihre satirischen Objekte undpatriotischen Bavaricas.

Zwischen künstlerischem Porzellan und selbstverlegten Büchern gingen berühmte Gäste wie Uschi Glas, der ehemalige Bundes-präsident Deutschlands Walter Scheel und Loriot aus und ein. Nicht selten entstanden in diesen Runden neue Ideen für außergewöhnliche Produkte. Für Furore sorgte beispielsweise das Shirt mit Aufdruck „Ich bin gegen alles!“, auf das der Stern auf-merksam wurde und eine kreative Reihe bestellte. Der Künstler Jean-Jacques Sempé erfand später das Shirt „Ich ertrage nur das Glück“. Janosch steuerte „Fürchtet Euch nicht vor Meisi Grill!“ und „Kommet zu mir“ bei. Kultstatus haben auch die von Sis M. Koch und Paul Flora gestalteten Porzellane, Franziska Bileks bayerische Freiheitsstatue und Janoschs Puzzlebox mit fast vergessenen Miniaturspielen.

Gerhard Haderer: Letzter Stempel, 2000. © Gerhard-Haderer/ Landessammlungen NÖ

Papan: Das Leben im Jenseits, o.D. © Papan/ Sammlung Grill

Rudi Hurzlmeier: Widmung: Intelligenzbestie, 2005. © Rudi Hurzlmeier/Bildrecht/ Sammlung Grill

Zeitungen, Zeitschriften und Verlage waren ab 1950 die bevorzugten Auftraggeber von Satirikerinnen und Satiriker. Während in Frankreich der Comicstrip als Begleitung der Publikationen fungierte, dominierte in Deutschland und Österreich das zunehmend farbige und großformatige Bild zum Text. Nicht zwangsläufig war der Inhalt politisch oder kritisch, sondern – je nach Veröffentlichung – auch gerne humoristisch. Als bedeutendste Verlegerstadt Europas zieht München permanent Künstlerinnen und Künstler an, die in der bayrischen Landeshauptstadt Erfolg haben. Damit floriert das Münchner Umfeld als Kreativzentrum wie kein anderes im deutschsprachigen Raum.

Gerhard Glück: Landverschiebung, 1989. © Gerhard Glück/Sammlung Grill

Rudi Hurzlmeier setzte mit seinen Publikationen, etwa dem Titanic-Magazin oder dem Stern, und in Ausstellungen neue Maßstäbe. Er malt Tafelbilder wie im 19. Jahrhundert, nur eben mit einem kleinen oder größeren Scherz darauf. Gekonnt zitiert er Generationen von Meistern. Eine Hommage an Wilhelm Busch stellt sein Bild mit dem darauf befindlichen Spruch „Hans Huckebein und Fips, der Affe, vergreifen sich an Wein und Kaffee“ dar. In Frankreich reiften in den 1960/70er-Jahren große Talente heran. Roland Topor, Enfant terrible und rares Multitalent, brachte seine Tagträume zu Papier.

Dem gebürtigen Franzosen Tomi Ungerer waren Grenzen in seinem zeichnerischen Schaffen fremd. In dessen „Meat the Peable“ verschwindet beispielsweise ein Mann in einem überdimensional groß dargestellten Schneckenhaus. Besonders ist dieses Bild auch als eines der ersten Werke in der Sammlung Grill. Wiederum Ungerers erste Ausstellung in Deutschland arrangierten Meisi und Helmut Grill in der Villa Stuck.

Mit Blick über den atlantischen Ozean spürt die Ausstellung „Volltreffer!“ einem der wichtigsten satirischen Zeichner der Geschichte nach: Saul Steinbergs Arbeiten erschienen fast sechs Jahrzehnte im Magazin The New Yorker. In seinem Experimentierdrang glich er Pablo Picasso. Oftmals erinnert sein Stil an die Art-Deco-Epoche und ist für Betrachterinnen und Betrachter stets eines –anspruchsvoll. Vertiefend zur Ausstellung „Volltreffer!“zeigt das Karikaturmuseum Krems Werke Gerhard Haderers aus den Landessammlungen Niederösterreich.

Haderers geniale Cartoons – bis ins kleinste Detail künstlerisch perfektioniert und meist ausgeführt in Acryltusche – halten der Gesellschaft gekonnt ihren Spiegel vor. Bilder mit Titeln wie“ Quotenfrauen“, „Angesehene Leute“ oder sein „Letzter Stempel“ mit dem darauf befindlichenSatz „Sturheit währt am längsten“ entlarven Missstände und Allmachtsgedanken, bis hin zum tragikomischen Moment. Die Arbeiten des österreichischen Künstlers können getrost als Abrechnung mit Tabus und einer Doppelmoral verstanden werden, und gleichermaßen als Chronik vergangener Jahre mit all ihren Höhepunkten, Widrigkeiten und Skandalen. So beispielsweise seine „Ausgelassene Feier unter Facebookfreunden“, in der ein Mann allein vor seinem Laptop sitzend mit einem Energy Drink virtuell anderen zuprostet.

Corona-bedingt finden aktuell keine Ausstellungseröffnungen statt. Das Karikaturmuseum Krems lädt Interessierte stattdessen zu einem Eröffnungstag bei freiem Eintritt am Samstag, 6. März, ein.

www.karikaturmuseum.at

2. 3. 2021

Der Rabenhof auf fm4 – Lesemarathon: Albert Camus‘ „Die Pest“ ab Karfreitag als Videostream

April 7, 2020 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

120 Stimmen in zehn Stunden

Bild: pixabay.com

„Ein monumentales Projekt in Tagen des Ausnahme- zustands“ plant der Rabenhof am Karfreitag ab 12 Uhr
auf fm4.orf.at: „Die Pest“ des französischen Nobelpreis- trägers Albert Camus als Videostream, als Marathonlesung von 120 Stimmen in zehn Stunden. Nach einer Idee von Claus Philipp und Thomas Gratzer sind unter anderem zu sehen und zu hören:

Elfriede Jelinek, Martin Kušej, Birgit Minichmayr, Michael Maertens, Klaus Maria Brandauer, Andrea Breth, Karl Markovics, Michael Heltau, Branko Samarowski, Peter Simonischek, Erwin Steinhauer, Josef Hader, Cornelius Obonya, Wolfgang Ambros, EsRAP, Martin Grubinger, Heinz Fischer, Christoph Schönborn, Herbert Föttinger, Dirk Stermann und Christoph Grissemann, Daniel Kehlmann, Michael Köhlmeier, Stefanie Sargnagel, David Schalko, Clemens J. Setz, Ruth Beckermann, Arik Brauer, Ruth Brauer-Kvam, Adele Neuhauser, Robert Palfrader, Willi Resetarits, Sophie Rois, Manuel Rubey, Robert Stachel und Peter Hörmannseder, Werner Gruber, Gerhard Haderer, Christoph Krutzler, Paulus Manker, Ernst Molden, Katharina Strasser, Ursula Strauss, Oliver Welter und Armin Wolf. „Die Pest“-Marathonlesung wird einen Monat lang abrufbar sein.

Bild: pixabay.com

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1947 verfasst, schildert Camus den Verlauf der Pest in der algerischen Küstenstadt Oran aus Sicht seines Protagonisten Dr. Bernard Rieux, der sich jedoch erst am Ende des Romans als „Verfasser der Chronik“ zu erkennen gibt. Die Geschichte beginnt im Jahre „194…“. Einige tote Ratten und ein paar harmlose Fälle einer unbekannten Krankheit sind die Anfänge einer schrecklichen Epidemie, die die Stadt in den Ausnahmezustand bringt, die Bewohner von der Außenwelt abschottet und unter ihnen mehrere tausend Todesopfer fordert. Die Pest bedroht das Menschssein der Bevölkerung und wird so zum gemeinsamen Gegner. Jeder nimmt den schier ausweglosen Kampf gegen den Schwarzen Tod auf seine Weise in Angriff.

Rieux ringt als Arzt gleich einem Sisyphos mit der Krankheit und gerät darüber in Disput mit Pater Paneloux, der die Pest als Strafe Gottes deutet. Camus entwickelt dies alles als politische Allegorie, als existenzialistische Parabel. Er seziert hellsichtig das menschliche Handeln im Angesicht der Katastrophe und zeichnet dabei ein erstaunlich vergleichbares Bild der derzeitigen, einer „neuen Normalität“. Das Absurde bleibt dabei sein steter Begleiter. Unschuldige Kinder sterben genauso wie Menschen, die es „verdient hätten“, obwohl sich insgesamt das Prinzip erkennen lässt, dass die Pest bevorzugt solche ohne Solidarität tötet …

Nikolaus Habjan mit Berti Blockwardt. Bild: Screenshot/w24-Rabenhof Theater/Abgesagt?-Angesagt!

Auf www.w24.at zeigt das Rabenhof-TV-Studio unter dem Titel „Abgesagt? Angesagt!“ und moderiert von Manuel Rubey eine Auswahl aktuell gecancelter Produktionen – als Appetizer auf die Acts, sobald Performer und Publikum wieder live zusammen- kommen können. Die jüngste Folge mit unter anderem Nikolaus Habjans „Berti Blockwardt“, Marius Zernatto als „#Werther“ (mehr zu diesem großartigen Goethe-Konzept: www.mottingers-meinung.at/?p=24657), Poetry-Slammerin Yasmo und – abgesagt bei der Biennale, angesagt in Erdberg – Doris Uhlich mit dem „Pudertanz“: www.w24.at/Sendungen-A-Z/Abgesagt-Angesagt/Alle-Folgen?video=17879

www.rabenhoftheater.com           fm4.orf.at           www.w24.at

7. 4. 2020

Karikaturmuseum Krems: Gerhard Haderers „Think Big!“

Februar 18, 2016 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Das Kleingedruckte des Lebens lesen

Gerhard Haderer, Vorweihnachtliche Herbergsuche auf Lampedusa, 2012. Copyright: Gerhard Haderer, 2016, Landessammlungen Niederösterreich. Bild: Christoph Fuchs

Gerhard Haderer, Vorweihnachtliche Herbergsuche auf Lampedusa, 2012. Copyright: Gerhard Haderer, 2016, Landessammlungen Niederösterreich. Bild: Christoph Fuchs

Das Karikaturmuseum Krems präsentiert ab 28. Februar den Star-Karikaturisten Gerhard Haderer. „Think Big!“ – Haderers bislang umfangreichste Ausstellung ist Programm und beweist, dass Satire weit über gezeichnete Cartoons und Kabarett hinausgeht. Neben Haderers pointierten und treffsicheren Cartoons zu gesellschaftspolitischen, kulturellen und zwischenmenschlichen Themen oder seiner Kritik am religiösen Bodenpersonal werden in der Ausstellung erstmals seine großformatigen Ölgemälde präsentiert – Satire in malerischer Anmutung und Opulenz, ganz in der Manier der Alten Meister.

Seit mehr als 30 Jahren stochert Gerhard Haderer in den Innereien der Welt, reißt Tabus nieder und bringt zeichnerisch auf den Punkt, was viele denken, aber nicht auszusprechen wagen: den alltäglichen Wahnsinn. Sein „Think Big!“ macht mobil gegen Verschwendungssucht, Umweltzerstörung und Größenwahn. Es ist eine Aufforderung gegen die Gutgläubigkeit und für das Lesen von „Kleingedrucktem“ im Leben. Die meisterhaften Arbeiten sind klare Aussagen gegen Menschenhatz und politische Gedankenlosigkeit.

Kuratiert von Direktor Gottfried Gusenbauer beleuchtet die opulente und hochkarätige Werkschau mit etwa 140 Original-Cartoons, sechs großformatigen Ölgemälden, vielen weiteren Skizzen, Vorstudien, Büchern, Trickfilmen und Videos die Vielseitigkeit des Künstlers und präsentiert eine Chronik zur Zeit mit all ihren Höhepunkten, Widrigkeiten und Skandalen.

www.karikaturmuseum.at

www.scherzundschund.at

Wien, 18. 2. 2016

Theater Phönix Linz: Der Herr Novak

März 31, 2014 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Gerhard Haderer inszeniert Ferry Öllinger

Bild: Christian Herzenberger

Bild: Christian Herzenberger

Wir treffen den Novak in einem Wiener Kaffeehaus, und schon legt er los. Der Herr Novak, ein kleingeistiger Opportunist, hat zu allem was zu sagen. Sei es zum Thema Nichtrauchen, Integration „wie es sich für Ausländer gehört“, Patriotismus oder Sport. Ganz stolz ist er auf seine Erlebnisse mit seinem Onkel Kurt Waldheim. Ein wilder Rocker war Novak, damals, dann ist er doch Beamter im Innenministerium geworden.  Beim Interpretieren von Fendrichs „I am from Austria“ aber geht die Emotion doch mit ihm durch und er beginnt in aller Öffentlichkeit, geschüttelt von intensiven Heimatgefühlen, laut zu schluchzen. „Der Herr Novak“, das Bühnenstück zum gleichnamigen Buch von Gerhard Haderer, feiert im Theater Phönix Premiere. Mit diesem Stück hält Haderer unserer Gesellschaft auf schmerzhafte, aber geniale Weise mit einer deftigen Portion Humor erneut den Spiegel vor. Denn in jedem von uns schlummert ein kleiner Novak. Es spielt Ferry Öllinger alias Chefinspektor Kroisleitner (SOKO Kitzbühel).

www.theater-phoenix.at

www.onlinemoff.at

www.ferryoellinger.com

Wien, 31. 3. 2014

Rabenhof: maschek. sind zurück

November 20, 2013 in Tipps

VON  MICHAELA MOTTINGER

„Bye-bye, Österreich!“

Bild: Ingo Pertramer

Bild: Ingo Pertramer

Die Rabenhof-Haderer-maschek.-Puppenshow ist zurück. Ab 21. November im Rabenhof. Das Wahlergebnis ein Desaster, Stronach und die Neos in der Regierung und Josef Cap demnächst gemeinsam mit Maria Fekter bei „Dancing Stars“! Die politische Elite des Landes ist bruchlandungsreif. Deshalb sagt sie: „Bye-bye, Österreich!“ Über dem Nordpol dann das Unfassbare: Schubumkehr – auf einem öden Eiland im Eismeer notgelandet, nimmt die Katastrophe ihren weiteren Verlauf…

www.youtube.com/watch?v=jHQLFEvEhLM&feature=youtu.be

www.youtube.com/watch?v=9bz0XYlNnEw&feature=youtu.be

www.rabenhof.at

mit: Werner Faymann, Michael Spindelegger, H.C. Strache, Frank Stronach, Eva Glawischnig, Matthias Strolz, Fiona Swarovski, Michael Häupl, Erwin Pröll, Maria Fekter, Adolf Hitler, Karl-Heinz Grasser,  Niki Lauda und vielen, vielen anderen…
Stimmen: maschek.
Puppenspiel: Original Wiener Praterkasperl
Buch: Peter Hörmanseder
Idee und Regie: Thomas Gratzer
Puppendesign und Ausstattung: Gerhard Haderer
Puppenbau: Brigitte Schneider
Musik: Eva Jantschitsch