Nevrland

September 7, 2019 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Coming-of-Age der Verlorenen Jungs

Vom Sex-Cam-Chat zur Liebe live: Simon Frühwirth als Jakob und Paul Forman als schön-mysteriöser Kristjan. Bild: © Filmladen Filmverleih

„Ein absoluter Brainfuck!“, schwärmte die Jury des Max-Ophüls-Preises in ihrer Begründung, Simon Frühwirth als Besten Schauspielnachwuchs 2019 auszuzeichnen. Dass auch der diesjährige Schauspielpreis der Diagonale an den Filmnewcomer ging, sagt dann wohl schon alles. Frühwirth ist in seiner Rolle als Jakob so intensiv wie irritierend, er legt in „Nevrland“ eine beinah beängstigend extreme darstellerische Leistung hin.

Spielt – scheint’s – bis zur Selbstaufgabe – und mit einer Leinwandpräsenz, um die ihn manch Kinoroutinier nur beneiden kann. Ab 13. September ist Gregor Schmidingers erster Spielfilm im Kino zu sehen, der Regisseur und Drehbuchautor, wenn’s schon um Dekorierungen geht, dafür mit dem Thomas-Pluch-Drehbuchpreis belohnt, das Doppel-Debüt ein Stück rigoroser Kreativität, ein komplexer, komplizierter Psychothriller, gleichzeitig die Coming-of-Age-Story der Verlorenen Jungs auf ihrem Trip nach „Nevrland“, der Infantilitätsinsel, auf der Romancier J. M. Barrie die seinen absetzte. Für den 17-jährigen Jakob ist die Welt ein tristes Purgatorio, in dem er tagsüber als Aushilfskraft im Schlachthof arbeitet und sich nächtens sein soziales Leben auf Sex-Cam-Chats mit anderen jungen Männern beschränkt.

Jakob lernt die blutige Arbeit im Schlachthof: Simon Frühwirth mit „Chef“ Anton Noori. Bild: © Filmladen Filmverleih

Die Beerdigung des Großvaters: Simon Frühwirth mit „Vater“ Josef Hader. Bild: © Filmladen Filmverleih

Derart online begegnet er zu einer späten Stunde dem von Brit-Beau Paul Forman gespielten Videokünstler Kristjan, charismatisch, selbstbewusst, in Charmeoffensive, das exakte Gegenteil zum sensiblen Jakob, dem nicht nur seine Schüchternheit, sondern auch eine immer stärker werdende Angststörung, man erfährt im Laufe der Handlung, wie sie zustande kam, zu schaffen macht.

Jakobs psychischer Ausnahmezustand ist denn auch Schmidingers eigentliches Thema, mehr als die Post-Gay-Perspektive des Films, der die Homosexualität der Protagonisten nicht ins Zentrum rückt und schon gar nicht problematisiert, litt der Filmemacher doch selbst zehn Jahre lang unter schlimmsten Panikattacken. Ein autobiografischer Bezug, diese Krankeit der Millenial-Generation, der in „Nevrland“ deutlich spürbar und von Kameramann Jo Molitoris sowie Sounddesigner Thomas Pötz von Cosmix visuell und akustisch fulminant umgesetzt ist.

In Form verstörender Bilder, delirierend in Szene gesetzter Sequenzen im Stroboskop-Dauerfeuer, unterlegt mit pochendem Technobeat. Kommt die Angst, wird die Optik von den Rändern her unscharf; sie selbst manifestiert sich vor Jakob als schwarzes Loch. Zum mentalen Meltdown kommt es, als Jakobs geliebter Großvater, Wolfgang Hübsch verkörpert die Rolle, stirbt. Nunmehr allein gelassen mit dem verschlossenen, schweigsamen Vater, Josef Hader skizziert gewohnt genial, mit der ihm eigenen Präzision und gekonntem Minimalismus dessen Ahnungs- und Hilflosigkeit, verschwimmen Jakobs Grenzen zwischen Wahn und Wirklichkeit mehr und mehr. Die Dosis des Surrealen steigert sich ins Lyncheske, die Wunden der Seele brechen auf, Zeit- und Bewusstseinsebenen überlagen sich, Schweinehälften mit Sexfantasien.

Kristjan nämlich ändert den Beziehungsstatus zu Jakob von virtuell zu real, und diesem eröffnen sich nun nicht nur physisch, sondern auch psychedelisch neue Erfahrungen. „Ich habe noch nie jemanden geküsst“, stammelt er verlegen, was ganz klar die abwesende Mutter inkludiert, und in diesem Moment ist Simon Frühwirth so anrührend, die „Nevrland“-Atmosphäre so glühend, dass das Herz krampft. Immer öfter flieht Jakob aus der bedrückenden Stille des familiären Wohnzimmers zu Kristjans behutsamen Zärtlichkeiten, doch da ist dem Zuschauer schon bewusst, dass der sanfte Liebeslehrer ein letztlich mysteriöser Fremder ist.

Auf der Suche nach Kristjan taucht Jakob in Wiens illegale Technoszene ab: Simon Frühwirth. Bild: © Filmladen Filmverleih

Dessen immer wieder Abtauchen in die zwischen grellem Flackerlicht und Düsternis changierende Wiener Undergroundszene Jakob in Situationen bringt, denen er nicht gewachsen ist. Der Weg, dem er folgt, ist gesäumt von Halluzinationen, Albtagträumen, schwarz- maskierten Sadomaso-Menschen, und bald weiß man nicht mehr, was war und was wahr ist, nicht einmal, ob jemand oder etwas des in 90 Minuten Erzähltem tatsächlich existiert hat und passiert ist, oder alles Einbildung war, man weiß nur, dass Jakobs innere Dämonen jetzt jedenfalls entfesselt sind …

Wie sich in Simon Frühwirths markanten Gesichtszügen all diese Emotionen widerspiegeln, wie in ihnen allein schon Schmidingers ganzes Psycho-Drama lebt, ist großartig. Die beiden machen das Filmland Österreich um zwei fabelhafte Talente reicher. Zurecht wohl darf man sich auf ihre nächsten Projekte freuen.

 

www.nevrland.at           irrationalrealm.com

Gregor Schmidinger und Simon Frühwirth im Gespräch: www.youtube.com/watch?v=4v22gVqtGG4

  1. 9. 2019

Josef Hader in „Arthur & Claire“

Februar 13, 2018 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Einfach Sterben ist wie ein Sechser im Lotto

Josef Hader und Hannah Hoekstra. Bild: © Tivoli Film – Wolfgang Amslgruber

Mann mit Angst vor dem Sterben trifft Frau, die sich das Leben nehmen will. Das ist kurzgefasst die Grundkonstellation des Films „Arthur & Claire“, der am Freitag in die österreichischen Kinos kommt. Besagten Mann spielt Josef Hader, der gemeinsam mit Regisseur Miguel Alexandre auch das Drehbuch (nach dem Bühnenstück von Stefan Vögel) – und sich somit eine weitere maßgeschneiderte Rolle auf den Leib schrieb.

„Arthur & Claire“ ist eine leise, anrührende Tragikomödie, weniger skurril, als man Hader schon gesehen hat, aber zynisch genug und ziemlich poetisch. Mit ihm brilliert Hannah Hoekstra; die niederländische Schauspielerin war Berlinale-Shootingstar 2017. Arthur nun hat sich nach Amsterdam aufgemacht, um dort den ärztlich-kontrollierten Freitod zu begehen. Er ist unheilbar an Krebs erkrankt und will in einer Klinik vor Ort seinem Leben ein Ende setzen.

Das will auch Claire aus Gründen, die sich im Laufe des Films als nicht so unwesentlich entschlüsseln werden. Sie hat im Hotel das Nebenzimmer gebucht, die Musik bis zum Anschlag aufgedreht, die Medikamente bereit. Arthur kommt, um zu schimpfen und wird retten. Was folgt, ist ein Zug durch die Nacht mit der unkontrollierten Selbstmordkandidatin mit Coffeeshop-Erfahrung, Danceclub, Kondomladen und Rikschafahrt. Am Ende landen die beiden in einer abgefuckten Bar mit Piano und Highland Whiskey.

Zum Ende sagt Arthur: „Sterben ist das Letzte, was man machen kann im Leben. Das will ich gut machen.“ Es sind derlei Sätze, die dem Film die spezielle Hader-Note geben: „Wenn jemand sagt, ich kann mich entspannen, verkrampfe ich mich sofort.“ – „Ist es typisch österreichisch, dass man jammert, bevor überhaupt etwas Schlimmes passiert ist?“ Und der schönste, angesichts des Angebots „natürlicher“ Drogen in der Einrauchermetropole: „Wenn dich ein Baum erschlägt, ist es auch rein pflanzlich.“

Vom Coffeeshop geht’s … Bild: © Tivoli Film – Wolfgang Amslgruber

… auf den Dancefloor. Bild: © Tivoli Film – Wolfgang Amslgruber

Als Arthur ist Josef Hader einmal mehr in Hochform. Lakonisch und mit schwarzem Humor spielt er einen am Leben Gescheiterten (etwa in der Beziehung zu seinem Sohn, da gibt es ein Nicht-Telefonat zum Abschied, das einem vor Traurigkeit den Atem nimmt), der sich abgebrüht und zynisch gibt, um seine Einsamkeit und Verletzlichkeit zu überspielen. Mit geröteten Augen und traurig-faltigem Blick schleicht er durch die Szenerie, als ob’s für ihn, nein, weil es für ihn kein Morgen mehr gibt.

Hannah Hoekstra gibt eine impulsive, lebenssprühende Claire, die gelernt hat, Trauer und Selbstanklage tief in ihrem Inneren zu vergraben. Der Film lässt sich Zeit, zu erzählen, was passiert ist, dass die beiden so weit gekommen sind. Und so wie die Charaktere sich Schicht für Schicht vom komödiantischen Überzug befreien und sich immer tiefer in die Seelen blicken lassen, so machen es Miguel Alexandre und Kamerafrau Katharina Diessner auch mit Amsterdam.

Mehr und mehr wird der touristische, der „romantische“ Altstadtaspekt dekonstruiert, bis man schließlich im schmucklosen, „industriellen“ Neubaugebiet samt Busbahnhof landet. „Arthur & Claire“ ist ein gelungenes Kammerspiel mit exzellenten Darstellern. Und, wenn man will, mit einer unaufdringlich vorgebrachten Botschaft: Einfach zu sterben, ist wie ein Sechser im Lotto. Deshalb sollte man vorher das Leben bis zur Neige auskosten.

www.arthur-und-claire.de/

  1. 2. 2018

Arman T. Riahi : Die Migrantigen

Juni 10, 2017 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Am Schauplatz Filmsatire

Benny und Marko machen auf „Migrationshintergrund“: Faris Rahoma und Aleksandar Petrović. Bild: © Golden Girls Filmproduktion

Vorgestellt werden die beiden Protagonisten so: Szene 1, der Schauspieler: Benny, der Typ mit den pechschwarzen Haaren, der nach irgendwo zwischen Ägypten und Arabien ausschaut, erdreistet sich für die Rolle eines Wiener Strizzi vorzusprechen. Ja, dass es da einen Taxifahrer Omar im Skript gibt, hat er gelesen, aber er doch nicht …!

„Man kann’s auch übertreiben mit der Integration“, befindet „Regisseur“ Josef Hader trocken. Und draußen ist Benny bei der Tür. Szene 2, der Werbefachmann: Marko hat für das „Dr. Mate“-Getränk eine neue Kampagne entworfen. Doch „der Kunde“ Dirk Stermann ist enttäuscht. Er hat sich von Marko „etwas Tschuschenhaftes“ erwartet. Und weg ist der Auftrag. So trifft sich der eine mit der Clique zum laktosefreien White Russian, der andere mit seiner Lebensgefährtin zum Kinderwagenkauf, weil sie: hochschwanger. Ach, wie hart ist das Bobo-Leben, wenn die anderen in einem in erster Linie den Migrationshintergrund sehen …

Mit „Die Migrantigen“, ab 9. Juni in den heimischen Kinos, ist Filmemacher Arman T. Riahi eine fantastische Satire auf die Dysfunktionalität der Multikultigesellschaft gelungen. In einem rasanten Bilderbogen schickt er seine großartigen Hauptdarsteller Faris Rahoma und Aleksandar Petrović auf eine Tour de Farce, in der er genüsslich alle möglichen Klischees und Vorurteile, Schubladendenken und Stereotype bedient, um sie anschließend in ihre Bestandteile zerlegt. Auf aberwitzige Art zeigt er, wie anfällig Zusammenleben ist, und wie allzu leicht man sich ein Bild macht, wenn es das ist, an das man ohnedies glauben will. Die Fehlerhaftigkeit dieses Ansatzes zeigt Riahi auch, indem er keine Rolle in einem Herkunftsland verortet, es wäre für den Film auch völlig gleichgültig. Nur Marko wird als „Ex-Jugo“ ausgewiesen, weil er gar so verbissen gegen seine Wurzeln, heißt eigentlich: gegen seinen Vater ankämpft.

Herr Bilic lässt sich durch sein Grätzel chauffieren: Zijah A. Sokolović. Bild: © Golden Girls Filmproduktion

Wie sich Ausländer-Gangsta halt so aufführen: irgendwie wild und weird. Bild: © Golden Girls Filmproduktion

Marko und Benny, die Freunde, sind also pleite. Und gerade als sie im Glasscherbenviertel Rudolfsgrund ein altes Sofa von Markos Vater entsorgen, steht sie da: die beflissene Fernsehredakteurin Weizenhuber, Doris Schretzmayer, die „jemand Authentisches“ für eine TV-Serie über das Grätzel sucht. Für so eine ultimativ integrativ leiwande Story. Da greifen die beiden zu, der eine, weil er Ruhm, der andere, weil er Geld wittert. Sie geben der naiv-sensationsgeilen Weizenhuber, was sie sehen will.

Und verwandeln sich in die beiden Kleinkriminellen Tito und Omar Sharif. Das heißt: So einfach ist es nicht, denn die beiden haben ja keine Ahnung. Sie müssen unter den „Brüdern“ recherchieren. Irrwitzige „Wir tauchen in die Szene ab“-Szenen folgen, wenn Rahoma und Petrović mit Prolo-Lederjacke und Trainingsanzug um die Häuser ziehen, laut kurdische Musik vor einem türkischen Lokal spielen, aus einem „Tschuschenbeisl“ fliegen.

Weil sie die Männer ringsum anstarren. Oder einen Stand mit Bio-Kebap suchen. Lieblingsdialog: „Mit scharf?“ – „Nein, mit Lamm.“ Schließlich engagieren sie sogar Juwel (Mehmet Ali Salman) als Ausländercoach. Dass der die beiden Möchtegern-Migranten verarscht, wird Folgen haben … Riahi verschont in seinem Film niemanden. Weder die Zuagrasten, die in ihrer mitgebrachten Welt steckenbleiben, noch die Hiesigen, die nicht über den Tellerrand hinaussehen wollen. Und schon gar nicht die Medien, die sich auf der Suche nach Berichtenswertem aus sozialen Brennpunkten, nach dem Culture-Clash, wie die Trüffelschweine durch Blut und Boden wühlen. In einer sehr schönen Szene spricht Prekariatsösterreich in die Kamera. Und klagt, was sonst? Dass der Asylant ebenso viel Mindestsicherung kriegt. Man selber dafür keinen Leberkäs und keinen Schweinsbraten mehr auf dem Markt. Und der Wirt, dass es kein G’schäft sei, weil die alle keinen Alkohol trinken.

Juwel hat von der TV-Tante bald die Nase voll: Doris Schretzmayer und Mehmet Ali Salman. Bild: © Golden Girls Filmproduktion

Und so machen Marko und Benny auf Gangsta und merken gar nicht, dass sie mit ihrem übertriebenen Gehabe, nämlich weil sie ihrerseits jeden Schwachsinn, den Juwel ihnen über Drogen-Sex-Geldwäschegeschäfte erzählt, glauben, dem Ruf des Viertels ernsthaft schaden. Derart outrieren sie, derart gehen sie in ihren Rollen auf, dass die Stadt Wien von einer geplanten Revitalisierung wieder Abstand nehmen will.

Als dann auch noch unbescholtene Marktstandler ins Visier der Behörden geraten, weil jedermann die TV-Serie für echt nimmt, eskaliert die Situation … „Die Migrantigen“ ist nicht nur eine herrlich komische, hundsgemeine  Chaos-Komödie, sondern befasst sich scharfsinnig und mutig mit Identitätsfragen und eben jener, ob Herkunft und Nationalität zum bestimmenden Charakteristikum eines Menschen zu erklären sind. Der Film ist von einer wilden Wahrhaftigkeit. Mit Rahoma, Petrović, Salman und Schretzmayer spielt eine tolle Truppe: Zijah Sokolovic ist als Markos Vater, Herr Bilic, der in den 1970er-Jahren als Gastarbeiter ins Land kam, Daniela Zacherl als Markos Freundin Sophie zu sehen. Margarethe Tiesel ist Bennys Mutter Monika. Maddalena Hirschal und Mahir Jamal geben ein befreundetes Paar, das Benny und Marko zu Hilfe kommen will, indem sie das Spiel für die Weizenhuber mitspielen. Sie als Ostblocknutte Olga, er als schwarzer Drogendealer Jambo. Wie die beiden – schon wieder Klischees – bei ihren Bemühungen übers Ziel hinausschießen, ist das Kabinettstück des Films.

Die Message desselben bringt Herr Bilic auf den Punkt: „Weißt du was diese Stadt wäre, wenn sie keine Menschen wie uns hätte? Was dieser Bezirk ohne uns wäre? Diese Stadt würde nicht funktionieren. Keine Stadt der Welt würde funktionieren.“

www.diemigrantigen.at

Wien, 10. 6. 2017

Wilde Maus: Josef Haders großartiges Regiedebüt

Februar 11, 2017 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Auch Intellektuelle haben niedrige Instinkte

Ein Selbstmordversuch mit Whiskey auf Eis geht natürlich schief: Regisseur Josef Hader schonte sich als Schauspieler nicht. Bild: © Wega Film

Heute Abend hat die „Wilde Maus“ Weltpremiere bei der Berlinale, am 17. Februar läuft sie in den heimischen Kinos an. Dass Josef Hader mit seinem Regiedebüt um den diesjährigen Goldenen Bären wetteifert, hat wohl, wie er in der ihm eigenen höflichen Bescheidenheit zu Protokoll gab, nur ihn selbst erstaunt.

Die Tragikomödie, in der Hader erstmals als Dreifaltigkeit Regisseur-Drehbuchautor-Hauptdarsteller wirkt, ist schlichtweg großartig. Wie jede seiner Arbeit hält auch diese die Waage zwischen Klamauk und Konflikt, zwischen Tollheit und Tiefgang, und wie immer wirft Hader einen amüsiert lakonischen und doch liebevollen Blick auf die dargestellte Menschheit. Sich selbst hat Hader eine Figur auf den Leib geschrieben, die ihre mangelnden Sympathiewerte durch Dackelblick ausgleicht, in solchen Rollen ist er auf der Bühne und auf der Leinwand erprobt, die batzweichen Zyniker, die Arschlöcher mit Herz. Der Oberösterreicher hat sein „Breaking Bad“ lang vor den Amerikanern erfunden.

Mit einem verschmitzten Lächeln die größten Gemeinheiten zu servieren, das ist die große, in seinen Kabarettprogrammen lupenrein geschliffene Kunst, in der Hader nun Meister ist. Dazu hat er einen skurril-schwarzhumorigen Plot erdacht, die Dialoge klingen einem wie quasi O-Töne in den Ohren, und einen handverlesenen Cast um sich versammelt. Dass der politisch stets wache Kopf die großen Themen dieser Tage nur als Nebengeräusch anklingen lässt, hat fast etwas von Koketterie. Flüchtlingssituation, Terrorkrise, Globalisierungskritik, all das kommt als beiläufige Fernsehnachricht vor, Zeitgeistiges wie Fitness-Wahn oder Vegan-Welle kriegen im Vorbeigehen ihr Fett weg.

Hader spielt den von Starallüren aufgeblasenen Musikkritiker Georg, doch geht ihm schnell die Luft aus, als er gekündigt wird. Alles bitten und betteln beim „Piefke“-Chef hilft nichts, und Georg schämt sich seiner Arbeitslosigkeit so sehr, dass er sie vor seiner Frau Johanna verheimlicht. Es beginnt eine Talfahrt in den Wahnsinn, der geschasste Journalist schwankt zwischen Selbstmord- und Mordgedanken, doch wird er nicht nur zur „Wilden Maus“, sondern auch Mitbesitzer einer solchen. Im Prater lernt er den ehemaligen Liliputbahnfahrer Erich kennen, ebenfalls ein zu Unrecht Entlassener.

Der wird jenseits aller Bildungsunterschiede bald zu einem Bruder im Geiste, und so machen sich die beiden Männer, die nun ja über ausreichend Tagesfreizeit verfügen, an die Renovierung einer maroden Achterbahn. Nächtens aber begeben sie sich auf einen Rachefeldzug gegen Georgs Chef – was mit kleinen Sachbeschädigungen beginnt, wird bald zu großangelegtem Vandalismus, und Georg samt seiner (klein-)bürgerlichen Existenz aus der Kurve getragen …

Ein Achterbahn-Mitbesitzer im Prater führt ein Leben voller Action: Josef Hader mit Georg Friedrich. Bild: © Ioan Gavriel

Dafür ist daheim in jeder Hinsicht tote Hose: Josef Hader mit Pia Hierzegger. Bild: © Wega Film

„Ich wollte eine elementare Situation – Arbeitslosigkeit, die Geschichte sollte aber im Mittelstand spielen. Ich wollte kein Sozialdrama machen, sondern schon ein bissl eine Satire über die ,neuen Bürger‘“, so Josef Hader im Gespräch mit mottingers-meinung.at. „Um das miteinander zu vereinen, habe ich überlegt, welcher Beruf ist derzeit schwer gefährdet, wo werden dauernd Arbeitsplätze abgebaut, was ist die Stahlindustrie des Mittelstands? Und das sind die Printmedien.“

Der Regisseur Hader hat den Schauspieler Hader nicht geschont. Der Multitasker spielt mit vollem Körpereinsatz, sei’s nackt eine Sexszene, sei’s halbnackt eine Verfolgungsjagd durch den Schnee. Er hat seinen Kauzigkeitsregler bis zum Anschlag aufgedreht, heißt: je weniger man Georgs Handlungen gutheißen oder verstehen kann, umso armseliger, umso bemitleidenswerter erscheint er einem, dabei gleichzeitig auch lächerlich – man lacht über die Tragik eines verkorksten Lebens.

Pia Hierzegger, sie auch im wirklichen Leben Haders Partnerin, ist in der Rolle der Johanna zu sehen, eine unterkühlte Psychotherapeutin, der nur warm in der Seele wird, wenn sie Georg zum Eisprung einbestellt. Die Frau wünscht sich nämlich, was der Mann unter keinen Umständen will: ein Baby. Auch von dieser Seite also nichts als Druck, der immerhin zu erregten verbalen Schlagabtäuschen führt. Georg Friedrich ist als Schausteller Ernst in seinem schauspielerischen Element, diesmal kein Strizzi, sondern eine ehrliche Haut – und wie immer natürlich topauthentisch. Hubsi Kramar hat einen Kurzauftritt als Polgar-begeisterter Polizist.

Noch sind die beiden Widersacher bei verbaler Gewalt: Josef Hader und Jörg Hartmann. Bild: © Petro Domenigg

Als Widerpart hat sich Hader den wunderbaren Jörg Hartmann gewählt. Hierzulande in erster Linie bekannt als Chef des Dortmunder „Tatort“-Teams, weniger als Mitglied der Berliner Schaubühne, an der er gerade Schnitzlers „Professor Berhardi“ gibt. Er gestaltet Georgs Chefredakteur erst als Fiesling, bevor er beginnt, einem liebenswürdig zu erscheinen. Wie Haders besteht auch Hartmanns Komik darin, eben nicht komisch zu sein; wie zwei wütende Kinder gehen sie aufeinander los, statt, was logisch wäre, die Polizei einzuschalten, folgt aufs Faustrecht die Lynchjustiz. Dass Ende darf nicht nur nicht verraten werden, es bleibt in gewisser Hinsicht auch offen …

Für einen Film über einen Musikkritiker galt es die passende auszuwählen. Josef Hader entschied sich für einen Mix von Beethoven bis Bilderbuch. Für einen Auftritt im Konzerthaus, das Georg noch als Rezensent besucht, konnte er das Ensemble Quatuor Mosaïques gewinnen. Schön ist das, wie die Musiker Franz Schuberts Streichquartett in d-moll spielen, und die Musik, nunmehr Filmmusik, in Georgs Kopf zu einer zornigen Variation, zum Schlachtruf gegen den Chef wird. Gerade sind ihm bei Schuberts melancholischen Klängen noch die Tränen gekommen, schon drischt er auf ein Cabriodach ein. Der Firnis der Zivilisiertheit ist dünn, Kunst und Kultur nur ein Feigenblatt über dem Urmenschentum, sagt Hader genussvoll: Ja, selbst Intellektuelle haben niedrige Instinkte. Auch diesbezüglich geht also die „Wilde Maus“ ab.

wildemaus.derfilm.at

Wien, 11. 2. 2017

„Vor der Morgenröte“ mit Josef Hader wird Österreichs Beitrag für den Auslandsoscar

September 6, 2016 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Maria Schrader verfilmte Stefan Zweigs Zeit im Exil

Im Exil in Brasilien: Josef Hader als Stefan Zweig. Bild: © Filmladen Filmverleih

Im Exil in Brasilien: Josef Hader als Stefan Zweig. Bild: © Filmladen Filmverleih

Maria Schraders Stefan Zweig-Porträt „Vor der Morgenröte“ mit Josef Hader in der Hauptrolle wird als österreichischer Beitrag für den Auslandsoscar eingereicht.

„Der Film setzt sich mit der letzten Lebensphase des österreichischen Schriftstellers auseinander und thematisiert auf sensible und eindringliche Weise seine Erfahrungen von Fremd-Sein, Exil und Entwurzelung. Josef Haders herausragende Darstellung des im brasilianischen Domizil zunehmend an Halt verlierenden Schriftstellers wird auf kongeniale Weise durch Wolfgang Thalers subtile Kameraarbeit unterstützt“, so die Begründung der Jury.

„Vor der Morgenröte“ trifft allerdings vor dem historischen Hintergrund einer durch den Nationalsozialismus zerrütteten Welt auch zutiefst aktuelle Aussagen zum Thema Flucht und Verlust von Heimat. Ganz im Sinne Stefan Zweigs reicht der Film über seine zeitgeschichtliche Dimension hinaus, und liefert ein tiefgehendes Plädoyer zu den brisanten Fragen unserer Zeit.

Die Filmrezension: www.mottingers-meinung.at/?p=20437

Josef Hader im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=20252

www.vordermorgenroete.x-verleih.de

Wien, 6. 9. 2016