Akademietheater: Hotel Strindberg

Januar 27, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Misanthropen beim Misstrauisch-Sein beobachten

Franziska Hackl, Caroline Peters und Martin Wuttke, Roland Koch und Michael Wächter, Barbara Horvath und Simon Zagermann. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Die Wucht, die ganze Wut des Autobiografischen enttarnt sich erst am Ende. Davor ist’s fast Sport Querverweise und Verbindungen zu suchen. Da gerinnt ein „Gespenstersonaten“-Thema zu jenem von „Der Vater“, dort blitzt ein „Pelikan“ auf, da scheint eine Figur aus „Nach Damaskus“ zu der „Stärkeren“ zu werden, und nachdem zwei „Mit dem Feuer spielen“ tritt prompt der „Gläubiger“ auf …

Mit seinem „Hotel Strindberg“ versucht Theatermacher Simon Stone den ganzen Kosmos des schwedischen Schriftstellers zu fassen. Eine Übung, die angesichts der Uraufführung am Akademietheater als aufs Vorzüglichste gelungen bezeichnet werden kann.

August Strindberg, der Frauenhasser und darob vielfach Geschiedene, der oft dem Wahnsinn Nahe, von Obsessionen Besessene, von seinen eigenen Dämonen Gejagte, der nicht nur Theaterstücke, Romane, Erzählungen schrieb, sondern auch als Maler und Fotograf seiner Zeit weit voraus war, inspirierte Stone entlang von dessen Stücken einen eigenständigen Text zu verfassen. In sechs übereinander geschachtelten Hotelzimmern und einem Stiegenhaus (Bühne: Alice Babidge), in Betten, auf Sofas und vor dem Fernseher führt er Paare und deren Krisen vor. Wie ein Voyeur blickt man durch Fenster auf diese mal tragischen, mal komischen, stets aber leicht grotesken Begegnungen.

Fast fünf hochemotionale, mitunter überreizte Stunden lässt sich Stone Zeit, um die Schicksale seiner Figuren darzulegen; getrennt von zwei Pausen gilt es diese Misanthropen beim Misstrauisch-Sein zu beobachten, der zweite Teil dabei der stärkste, der letzte schon ein wenig zerfasert und deshalb schwerer zu fassen. Dies Panoptikum mit Beziehungsgeschädigten gestalten neun Schauspieler mit ganzer Spielfreude und in unzähligen Rollen. Sie sind Fernsehmacher, Dramatiker, Fotografen, Fremdgeher, Ehefrauen, (Ab-)Wartende, sie ergehen sich in Grausamkeiten aller Art, Sex inbegriffen, tragen ihre Psychoduelle aus, und der Tod, der kommende wie der schon geschehene, ist ihnen ein beinah ständiger Begleiter.

Barbara Horvath und Franziska Hackl, Martin Wuttke, Max Rothbart und Simon Zagermann. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Caroline Peters und Martin Wuttke, Max Rothbart, Simon Zagermann und Barbara Horvath. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

All das besticht durch Sprachwitz und Situationskomik. Vor allem Caroline Peters und Martin Wuttke verstehen es, mittels eines Satzes vom Anrührenden ins Absurde zu kippen. Als Alfred und Charlotte tragen sie einen immerwährenden Ehestreit ums Kind und dessen Künstlerkarriere aus, wunderbar, wie sie ihn zwar mit Gemeinheiten bewirft, dabei aber in Sorge ist, er könnte über seine runtergelassenen Hosen stolpern und sich verletzen, als Julia und Erik sehen sie sich mit der Endlichkeit des Lebens konfrontiert. Eine weitere Szene mit der Peters, die man nicht missen möchte, ist, wenn sie ihren Schwiegersohn auf der Treppe verführt … Franziska Hackl schreit die ganze Verzweiflung ihrer Figur heraus, als diese, schwanger, erkennen muss, dass sie keine Verlobte, sondern nur ein Seitensprung ist. Dies die eindrücklichsten, intensivsten Leistungen des Abends.

Mit der von Roland Koch, der als spooky zuvorkommender Concierge, als Charlottes Bruder Klaus oder Jakobs Schwager über die Gänge schleicht. Letzterer, Michael Wächter als Autor in der Schaffenskrise, hat gerade seine noch nicht ganz Ex-Frau gewürgt und braucht mit dem ohnmächtigen Körper dringend Hilfe … Barbara Horvath, Simon Zagermann und Max Rothbart gestalten unter anderem eine Dreiecksgeschichte, bei der in die Herzen Zank und Zerwürfnis gepflanzt wird. „Sie wollen keine Gleichberechtigung, sie wollen Rache“, stellt ein Mann über die Frauen in einer von Stones Miniaturen fest, die immer öfter parallel statt nur nebeneinander verlaufen. Immer wieder auch steigen die Schauspieler in das Zimmer ein, das der Musik von Bernhard Moshammer vorbehalten ist, und greifen dort zu den Instrumenten.

Die Fülle des Szenenchaos findet sich schließlich im so zu nennenden dritten Akt zusammen. Da werden im Erdgeschoss die Rezeption und im ersten Stock der Frühstücksraum nach und nach ausgeräumt, der Mensch so nackt wie die Bühne, und die Welt endlich, was sie ist: ein Irrenhaus. Figuren verschwimmen, Falsche erkennen einander, Klaus wird erst der Concierge, dieser dann der von Julia gefürchtete David, die von Jakob bis zum Sterben strangulierte Sylvie wieder taucht auf; auch andere Gespenster irren durch dies Haus der Halluzinationen.

Max Rothbart und Anne Schwarz, Michael Wächter und Franziska Hackl, Simon Zagermann und Ensemble, Martin Wuttke. Bild: Reinhard Werner/Burgtheater

Und inmitten all der verlorenen Seelen gibt Martin Wuttke den Nick-Cave-Klon. Sein nach einer Offenbarung Charlottes seiner Identität verlustig gegangener Alfred wird zu Holger, dem abgefuckten, von Aenne Schwarz erotisch umringten Punkopa, der noch einmal ein Album aufnehmen will und an Songtexten bastelt. Oder ist das alles nur ein Albtraum? Umringt von hysterischen bis besorgten (Ex-)Ehefrauenfiguren kreischt und tobt und zetert sich Wuttke dem Ende entgegen.

Also wird nun klar, von wo aus August Strindberg die Simon-Stone-Storys die ganze Zeit beobachtet hat. Nämlich, wenn der virtuose Wuttke zum Schluss kommt. „Ich hab‘ das geschrieben …“

www.burgtheater.at

  1. 1. 2018

Regisseur Michael Sturminger im Gespräch

Mai 18, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Zwei Juni-Premieren in Perchtoldsdorf, danach ein neues Musiktheaterprojekt mit John Malkovich

Ein Sommernachtstraum: Andreas Patton verwandelt sich in Oberon. Bild: Lalo Jodlbauer

Ein Sommernachtstraum: Andreas Patton verwandelt sich in Oberon. Bild: Lalo Jodlbauer

40 Jahre Sommerspiele Perchtoldsdorf, das ist ein guter Grund das Theater zu feiern. Intendant Michael Sturminger inszeniert zu diesem Anlass Shakespeares „Ein Sommernachtstraum“. Doch bevor der Komödienklassiker ab 29. Juni im neu gestalteten Burghof aufgeführt werden wird, zeigt der Regisseur als Gastspiel seine Arbeit vom Stadttheater Klagenfurt: „Der Gott des Gemetzels“ mit seinem späteren „Oberon“ Andreas Patton und Burgschauspielerin Sabine Haupt. Premiere dieser Produktion ist bereits am 13. Juni im Neuen Burgsaal. Ein Gespräch über den Geschlechterkrieg oben und unten, Geld und die Gunst des Publikums, und ein neues, Sturmingers viertes Projekt mit Schauspielstar John Malkovich: „Call me God“ – der Monolog eines abtretenden Diktators:

MM: 40 Jahre Sommerspiele Perchtoldsdorf, das dritte Jahr der Intendanz Michael Sturminger. Was haben Sie bisher gelernt?

Michael Sturminger: Dass man wenig Spielraum hat und viel Geld verdienen muss. Die Subventionen sind knapp, und im Vergleich zu 2001, wo ich das erste Mal in Perchtoldsdorf inszeniert habe, nicht einmal mehr die Hälfte wert. Damals haben wir richtig gute Gagen zahlen können, jetzt müssen wir mehr als 50 Prozent erwirtschaften und haben eine Gemeinde, die sehr streng schaut, dass wir keinen Groschen zu viel ausgeben. Es gibt viele, die uns begeistert unterstützen, aber auch solche mit dem Was-brauch‘-ma-des-Gesicht, zwei Parteien also, und wir brauchen tatsächlich auch Unterstützung von außen, damit den Perchtoldsdorfern klar wird, dass sie da eine Institution haben.

MM: Sie kommen in Europa viel herum. Ist dieses Herabschauen auf den hauseigenen Kulturbetrieb nicht eine generelle Tendenz?

Sturminger: Ja, das hat für mich in Italien begonnen, wo der Berlusconismus befunden hat, dass er Theater nicht mehr braucht. Bei uns beginnt das alles erst. Denn niemand in der Politik lebt mehr vor, dass Theater etwas wert ist, dass Theater Werte vermittelt. Man muss doch vor allem jungen Leuten erklären, dass Theater nicht etwas ist, das man macht, wie die dritte Urlaubsreise im Jahr, wenn sich’s mit dem Geld ausgeht, gut, wenn nicht, dann eben nicht. Sondern, dass Theater den Mensch zum Menschen macht. Weil es ihn zwingt, sich mit Verstand und Gefühl Themen auszusetzen, das persönliche Spektrum zu erweitern, neue Dinge kennenzulernen. Theater ist ein Kennenlernen der Welt. Wenn das zur Disposition steht, verlieren wir alles, was unser Zusammenleben ausmacht und werden engstirnig und intolerant.

MM: Wie hoch ist Ihr Budget?

Sturminger: Alles in allem 575.000 Euro. Das klingt nicht schlecht, aber wenn man die Kosten für die Bühne bedenkt, die Anmietung der Tribüne, mehr als die Hälfte der Ausgaben sind Steuern … da bleibt für Schauspielergehälter nicht viel übrig. Dabei hatten wir vergangenes Jahr beinah 10.000 Zuschauer.

MM: Darunter auch sehr viele junge. Überall wird bejammert, dass man junge Leute nicht ins Theater bringt, Sie haben gegen diesen Trend ein Projekt ins Leben gerufen: Theater macht Schule.

Sturminger: Man muss die jungen Leute informieren, aber auch hören, und das tun wir. Wir laden sie zu den Proben ein, bieten eine Werkeinführung, und lassen dabei aber die Jugendlichen zu Wort kommen. Wir machen auch Einführungen für alle vor der Vorstellung, da waren vergangenes Jahr jeden Abend mehr als 150 Leute, also ein Viertel unseres Publikums. Wir gestalten dicke Programmhefte, weil wir Streber sind, und den Zuschauern vermitteln wollen, was wir nicht alles wissen, und die kommen so gut an, dass wir sie vergangenes Jahr nach zweieinhalb Wochen nachdrucken mussten. Das alles funktioniert, weil wir total auf die Leute zugehen. Hoffentlich kriegen wir so ein Stammpublikum zusammen. Wenn ich denke, welch tolle Schauspieler hier einmal begonnen haben, Gerti Drassl, Franziska Hackl, Gregor Bloéb …  ich wünsche mir ein Theaterpublikum, das in zehn Jahren irgendwo in einer österreichischen Bühne sitzt, einen Star sieht und sagt: Jesses, kannst dich erinnern, wie der in Perchtoldsdorf angefangen hat.

Der Gott des Gemetzels: Andreas Patton, Franziska Hackl, Sabine Haupt und Roman Blumenschein. Bild: © Karlheinz Fessl

Der Gott des Gemetzels: Andreas Patton, Franziska Hackl, Sabine Haupt und Roman Blumenschein. Bild: © Karlheinz Fessl

Gastspiel im Neuen Burgsaal: Patton, Haupt und Blumenschein. Bild: © Karlheinz Fessl

Erstmals ein Gastspiel im Neuen Burgsaal: Patton, Haupt und Blumenschein. Bild: © Karlheinz Fessl

MM: Damit zu den diesjährigen Aufführungen: Zum ersten Mal gibt es heuer eine eigenständige Produktion im Neuen Burgsaal: „Der Gott des Gemetzels“ mit Andreas Patton, Sabine Haupt, Franziska Hackl und Roman Blumenschein. An drei Terminen ab 13. Juni.

Sturminger: Das ist eine Produktion vom Stadttheater Klagenfurt, wir könnten uns eine eigene ja gar nicht leisten, dafür habe ich kein Budget mehr. Die Aufführung ist fantastisch, hat auch sehr gute Kritiken und vier tolle Schauspieler, deshalb traue ich mich das im Jubiläumsjahr. Florian Scholz und das Stadttheater Klagenfurt sind uns gegenüber sehr großzügig. Wenn wir etwas Gewinn machen sollten, kriegen sie auch was ab, wenn nicht …

MM: Geschlechterkampf oben und unten – war das eine programmatische Überlegung?

Sturminger: Jetzt, wo Sie’s sagen (er lacht) … nein … ich hatte einfach diese sehr schöne Produktion, als ich das geplant habe, wusste ich vom „Sommernachtstraum“ noch nichts. Ich mag diese Inszenierung einfach so gern, dass ich sie dem Perchtoldsdorfer Publikum zeigen wollte. Nun passt es natürlich ausgezeichnet, der Ehekrieg auf allen Spielplätzen.

MM: Denn am 29. Juni folgt „Ein Sommernachtstraum“ nach dem „Sturm“ 2015. Wird das eine Shakespeare-Pflege oder ist es Zufall?

Sturminger: Naja, zu 40 Jahren Sommerspiele dachte ich, ich will ein Stück über Theater-auf-dem-Theater machen. Ich wollte heuer auch wieder einen populären Titel, vielleicht können wir uns dann kommendes Jahr was trauen.

MM: Die Bühnenlösung wird neu sein? Die ersten Bilder schauen sehr unkonventionell aus.

Sturminger: Das Publikum sitzt heuer im Kreis um die Bühne, im Hintergrund bleibt die Burgruine. Ich will zeigen, wie man ins Theater immer mehr hineinstolpert. Wenn der Abend beginnt, sind wir alle noch bei Sinnen, wenn der Abend endet, haben wir die Normalität, die Rationalität verlassen, haben Dinge erlebt, die wir so nicht erwartet haben, die uns aus dem Tritt bringen, aber hoffentlich als Menschen kompletter machen. Ich will ja jetzt gar nicht so viel verraten, aber wir fangen an, wie Besucher der Sommerspiele und casten uns ein Ensemble zusammen. Das Ensemble verführt die Zuschauer mitten hinein in die Zauberwelt des Theaters, es nimmt sie mit auf eine Reise, das ist der Plan.

MM: Aber was wollen Sie erzählen? Den „Sommernachtstraum“ hat jeder x-Mal gesehen. Was daran ist wichtig?

Sturminger: Wir wollen Mut machen, sich als ganzer Mensch zu begreifen, und Begrenzungen nicht zu ernst zu nehmen, ich glaube, es ist das, was Shakespeare erzählen will. Es geht um Perspektivenänderung. Sich finden, indem man sich selbst verliert. Im Kern des Stücks sind die Schauspieler, und die sind wir, und sie werden uns über 400 Jahre Menschsein und dass sich daran nichts geändert hat, erzählen. Und wir wollen natürlich gemeinsam ein Fest feiern, darum geht’s ja auch im „Sommernachtstraum“, um ein Hochzeitsfest. Das Stück ist ein Hoch-Leben-Lassen des Theaters – und daher für ein Jubiläum so geeignet.

Markus Kofler. Bild: Lalo Jodlbauer

Markus Kofler. Bild: Lalo Jodlbauer

Theater macht Schule: Das Ensemble geht mit dem jungen Publikum in Tuchfühlung. Bild: Lalo Jodlbauer

Theater macht Schule: Das Ensemble geht mit dem jungen Publikum in Tuchfühlung. Bild: Lalo Jodlbauer

Schauspieler und Musikant: Raphael Nicholas. Bild: Lalo Jodlbauer

Raphael Nicholas. Bild: Lalo Jodlbauer

MM: Sie haben sich wieder ein feines Ensemble zusammengestellt. Wie versammeln Sie Ihre Truppe um sich?

Sturminger: Es sind einige, die schon vergangenes Jahr dabei waren, und einige, die ich noch nicht kenne, diese Challenge brauche ich. Ich suche für jeden eine Rolle, mit der er gefordert ist, damit sich alle drauf freuen. Andreas Patton und Veronika Glatzner spielen Oberon und Titania beziehungsweise Theseus und Hippolyta, die Handwerker sind Nikolaus Barton, Markus Kofler und Raphael Nicholas, der natürlich Akkordeon spielen wird. Markus Kofler als Squenz ist sozusagen unser „Regisseur“, der auch für das Fest verantwortlich ist. Bei den jungen Schauspielern habe ich lange gesucht, mich jetzt für Jan Hutter, Julia Richter, Sophie Aujesky und Benjamin Vanyek entschieden. Ich habe versucht, vier Leute zu finden, die nicht so typische junge Schauspieler sind, sondern „Typen“, ein wenig seltsam, ein wenig spleenig. Ich finde das sehr förderlich für junge Schauspieler, wenn sie nicht der kleinste gemeinsame Nenner von allem sind, sondern etwas besonderes.

MM: Das ist sicher einer der Vorzüge von Sommertheater, dass man sich sein Team selbst zusammenstellen kann, und nicht wie beim Stadttheater aus dem bestehenden Ensemble zu wählen hat.

Sturminger: Ja, und auch das Team liebt das, einmal in ganz neuen Konstellationen arbeiten zu dürfen. Da ist niemand dabei, weil er muss, weil er vor 19 Jahren unvorsichtigerweise einen Ensemblevertrag unterschrieben hat, da ist jeder dabei, weil er will. Das schweißt unglaublich zusammen. Alle sind mit großer Begeisterung und irrsinnig kollegial bei der Sache.

MM: Sie planen außerdem nach „The Infernal Comedy“ und „The Giacomo Variations“ ein neues Projekt mit John Malkovich?

Sturminger: Es heißt „Call me God“, was angeblich ein Zitat von Idi Amin ist, der auf die Frage, wie man ihn denn ansprechen soll, sagte: Just call me God. Wir zeigen es nächstes Jahr beim Eröffnungsfestival der Hamburger Elbphilharmonie, dann kommt’s nach Wien, Luxemburg, Amsterdam, und so weiter. Es ist ein Stück, das einen abtretenden Diktator porträtiert, und es kombiniert Schauspiel, mit dem großen Instrument der Macht, der Orgel.

MM: Womit dann der Dritte im Bunde, Martin Haselböck, ins Spiel kommt.

Sturminger: Genau, beim dritten Teil der Trilogie haben wir diesmal kein Orchester, sondern Martin Haselböck an der Orgel. Das Textbuch ist wieder von mir, wobei, die letzte Szene fehlt mir noch. Ich wollte das schon lang machen, vor drei Jahren, aber dann kam uns der Casanova-Film dazwischen (mehr dazu: www.mottingers-meinung.at/?p=13305)

MM: Malkovich und Sie, das wird eine Liebe fürs Leben …

Sturminger: Wir haben eine echte Arbeitsliebe. Ich habe ihm gesagt, er soll sich gut überlegen, ob er das machen will, denn wir hatten unzählige Vorstellungen mit den anderen beiden Stücken, rund um den Globus, und wir werden diesen Sommer auch wieder nach Kanada und in die USA fahren, aber er sagte. Ja, ja, ja. Also machen wir’s.

MM: Fehlt nur noch Malkovich in Perchtoldsdorf.

Sturminger: Vielleicht bringe ich ihn als Gast zur Premiere. Wir werden sehen, ob wir das schaffen.

www.sommerspiele-perchtoldsdorf.at

www.sturminger.com

Wien, 18. 5. 2016

Schauspielhaus Wien: Das Gemeindekind

März 6, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Abend zum Weiterdenken

Thiemo Strutzenberger, Franziska Hackl Bild: © Alexi Pelekanos / Schauspielhaus

Thiemo Strutzenberger, Franziska Hackl
Bild: © Alexi Pelekanos / Schauspielhaus

Der 1887 veröffentlichte Roman „Das Gemeindekind“ gilt als das Hauptwerk der österreichischen Schriftstellerin Marie von Ebner-Eschenbach (1830–1916). Die adelige Autorin erlangte Bekanntheit durch ihre psychologischen Erzählungen mit gesellschaftskritischem Inhalt, verbunden mit der Forderung nach Emanzipation. Der Titel „Das Gemeindekind“ steht für den energischen Protagonisten Pavel Holub, der der Gemeinde zur Last fällt, weil sein Vater gehenkt und seine Mutter mit Kerker bestraft wird. Thema der Geschichte ist der Einfluss der Erziehung und des Milieus, aber auch des Willens eines Individuums auf seine Entwicklung: Trotz wiederholten Rückschlägen gelingt Pavel der Aufstieg von einem abgeschobenen Gemeindekind zu einem respektierten Gemeindemitglied. Dieser Werdegang widerlegt die Auffassung, dass negative Eigenschaften und Verhaltensweisen vererbt würden. Marie von Ebner-Eschenbach übt mit dem Roman Kritik an der gesellschaftlichen Einstellung gegenüber Kindern aus Problemfamilien, den Vorurteilen, die ihnen entgegengebracht werden und ihrer Zurückweisung oder Abschiebung. Dabei nimmt sie weder Kirche, Adel noch Dorfgemeinschaft von ihrer Kritik aus. Rezensenten sehen in dem Werk große Erzählkunst, verknüpft mit humanitärem Denken und pädagogischer Absicht der Dichterin. Das zeigt sich insbesondere in der authentischen Schilderung sozialer Umstände, einer gedämpften Verklärung und der abschließenden Darstellung einer sich frei entwickelnden Persönlichkeit.

Anne Habermehl (Libretto), Gerald Resch (Komposition) und Rudolf Frey (Regie) versuchten aus der Prosa nun ein Singspiel für fünf Sänger und fünf Instrumente zu machen. Keine Aktualisierung des Ebner-Eschenbach‘schen Werks, keine Adaption des Romans für die Bühne sollte es werden, sondern eine Neudichtung. Der Ansatz ist sehr gelungen, wiewohl er in 75 Minuten unmöglich die Wichtigkeit des Werks entsprechend würdigen kann. Es musiziert das Ensemble PHACE. Es singen und spielen Thiemo Strutzenberger (Pavel), Franziska Hackl, Florian von Manteuffel, Barbara Horvath und Katja Jung. Habermehl, die den Stoff in den Postkommunismus versetzt, schuf ein Konzentrat, ein Lehrbeispiel für mangelndes Vertrauen, fehlende Solidarität und Fremdenfeindlichkeit. Kunovice ist nicht nur heute, sondern überall. Und der Mensch hat Talent darin, die Schuld anderen in die Schuhe zu schieben.

Doch zunächst teilen sich die Frauen das sozial verstörte Gemeindekind auf. „Bildungsarmut ist behandelbar“, teilt die Lehrerin Habrecht (Katja Jung) mit. Sie, die kommunistische Waisenhausleiterin, ist zur Zusammenhängesucherin mutiert. Weniger edel sind die Motive der Virgilova (Barbara Horvath), die nicht mehr als eine gierige Ziehmutter ist, die Pavel in ihrer Bar auf den Strich schickt. Der, gewohnt der Sündenbock zu sein, prostituiert sich gerne. „Geld ist ein verdammt gutes Gefühl“. Und er will seiner angebeteten Vinska (Franziska Hackl) doch so ein Wischdings-Handy kaufen. Doch die rotzfreche Göre, die sich selbst auf dem Marktplatz für die Burschen auszieht, spielt nur mit ihm. Florian von Manteuffel als Stänkerer Peter, der vor lauter Kraft die Beine nicht zusammenbringt, komplettiert das Panoptikum. Pavel ist und bleibt der Sündenbock. Strutzenberger spielt das in trotziger James-Dean-Pose. Trotz aller Bemühungen, sein Benehmen zu verbessern, auf den Ruf zu achten, zeigt sich bei der Mehrheit der Dorfbewohner keine Einsicht, was wiederum Aggressionen in Pavel auslöst und in einer Schlägerei endet. Er liegt in seinem Blut. Die Gemeinde tritt zum Totentänzchen an. Und Pavel geht.

Eine intensive Aufführung – nicht zuletzt dank der Musik von Gerald Resch, einem der wesentlichen Protagonisten der österreichischen zeitgenössischen Musik; „Das Gemeindekind“ ist seine erste musiktheatralische Arbeit. Der man zur Entfaltung mehr Zeit gewünscht hätte. Das sagt man dieser Tage auch nicht alle Tage.

www.schauspielhaus.at

Wien, 6. 3. 2015

Schauspielhaus Wien: Johnny Breitwieser

November 29, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine Verbrecher-Ballade aus Wien

Martin Vischer, Thiemo Strutzenberger Bild: © Robert Polster / Schauspielhaus

Martin Vischer, Thiemo Strutzenberger
Bild: © Robert Polster / Schauspielhaus

Es ist der Text des Jahres. Dramatiker Thomas Arzt hat mit „Johnny Breitwieser. Eine Verbrecher-Ballade aus Wien“ schon einen spannenden Lesestoff erdacht. Wiewohl das Ganze auf einer wahren Geschichte beruht. Ein Glück für das Publikum im Schauspielhaus Wien, das das Stück zur Uraufführung brachte, dass noch niemand an eine Verfilmung dieser Unglaublichkeit dachte. Nun wäre die Zeit dafür. Nachdem Komponist Jherek Bischoff und Regisseur Alexander Charim Arzts Vorlage noch spannender gemacht haben.

Johann Breitwieser wurde in die stad schauende Welt vor dem Ersten Weltkrieg geboren. 1891, als sechstes von 16 Kindern. Der vorstädtischen Elendsbevölkerung diente der „Eisenschlitzer“, heißt: Tresorknacker, bald für Mythen und Legenden. Einer der ihren war zum König von Wien aufgestiegen, nahm’s den Reichen (deren Frauen er’s auch besorgte) und gab’s den Armen. Filzschuhe hat er gestohlen und Brot. Aber nicht nur. Er, der sich um den Frontdienst drückte, lieber als einer mit nervösem Tick nach Steinhof ging – und natürlich ausbrach (16 Mal soll ihm das insgesamt gelungen sein), nahm sich auch der Nobelvillen und Ringstraßenwohnungen an. Nach einem Coup in der Hirtenberger Waffen- und Munitionsfabrik, bei dem er eine halbe Million Goldkronen erbeutete, zog er sich samt Familie ins Landleben zurück. Gemüsebeete in St. Andrä-Wördern. Er wurde verraten und 1919 erschossen. Je nach Quelle sollen 8000 bis 40.000 Menschen seinem Leichenzug durch Wien gefolgt sein.

Arzt und Charim verbieten sich nun jede Sozialromantik. Der eine hat einen Kunstdialekt aufgeschrieben, auch ohne Meidlinger Llll eine desaströse Sprache. Hat zwei allegorische Figuren eingeführt, die verkrüppelte Luise (Nicola Kirsch) als Johnnys „Volk“, Greta (Katja Jung) als wohlhabende In-regelmäßigen-Abständen-Witwe, als deren Tröster sich Breitwieser immer wieder gerne einfindet. Selbst bei ihrer späteren Erwürgung kann sie noch ganz Zicke sein. Als könne dem Kapital keiner die Luft abschnüren. Charim ließ von Ivan Bazak dazu kein Bühnenbild bauen, sondern eine bewegliche Schnürlvorhangwand, ein „Shimmering Beast“ wie von Nicolas Field, die Töne spuckt. Für die aber tatsächlich das Streichquarett Ensemble Lux und Schlagzeuger Mathias Koch unter der Leitung von Belush Korenyi zuständig sind. Moderne Moritaten und Protestgesänge, Weill es so schön zum Thema passt, lässt Bischoff die Schauspieler anstimmen. Aber auch lateinamerikanische Rhythmen und ein von Gideon Maoz vorgetragenes sehr wienerisches Lied vom Leichenzug. Und einen Ersten-Welt-Krieg-Song à la ancestors of The Andrews Sisters. Und bei wem sich bei Franziska Hackls (als Johnnys große Liebe Hure Anne) flehendlichem „Gib‘ mir dein Herz“  innerlich kein Taschentuchalarm auslöst, der hat eins aus Erz. Das Schauspielhausensemble spielt und singt – Martin Vischer als Johnny hat diesbezüglich die schönste Stimme – mit einer Intensität, dass es weh tut.

Doch Johnny entsagt sich jeder Sentimentalität. Wie soll man Einbrecher sein, in einer Welt, die einbricht? Wie ein Räuber, wenn die viel größeren Verbrecher an viel höherer Stelle sitzen? Mancher aufgeschweißte Tresor ist leer, das immerwährende Geld anderswo in Sicherheit. Charim arbeitet aus dem Arzt’schen Konvolut einige Konflikte großartig heraus. Da ist der der Brüder im Moor-ast. „Carl“ Thiemo Stutzenberger, Engelmacher, um den Frauen Selbstentscheidung über ihre Körper zu geben, und Marxist verübt die Taten unter dem Überbau einer politischen Theorie. Johnny-Vischer will „im Moment“ leben. Denn mehr gibt es in dieser unsicheren Zeit nicht. Stark ist das, der eine Bruder Gauner mit Herz, der andere Bruder nur Herz. Blutendes Herz. Carl wird im Krieg ein Bein verlieren. Johnny stilisiert sich zum Rächer, der das Leid ins Gute wendet. Er arbeitet hart an seinem Dandy-Image (im Original gibt es ein Polizeifoto, auf dem er sich im edlen Mantel mit aufgestelltem Pelzkragen ablichten lässt). Er will Bobo, Bourgeoisbohemian, sein, lange bevor der Begriff erfunden wurde. Anne flüchtet sich ob aller höchsten Versprechungen längst in Sarkasmus. Höhepunkt ist ein Ball bei Greta, der von Exstase zum Überfall führt. Ein wunderbarer Moment als Polizeioberkommissar Schödl den als Dame der Gesellschaft verkleideten Carl nicht als Mann erkennt und angetrunkene Avancen macht.

Womit man beim Psychoduell der Angelegenheit wäre. Breitwieser hat Schödl (von Arzt genannt „sein Mörder“) einst die Hand zerschossen. Florian von Manteuffel gibt ergo einen Fanatiker auf der Suche nach dem Täter – und den Polizeihund gleich mit. Eine fabelhafte Leistung eines Zerrissenen, der brutal sein will, aber es in der Seele nicht kann. Der im Gefängnis die Nähe, fast die Absolution seines Häftlings sucht. Eine schauspielerische Glanzvorstellung. Wie stets bei Manteuffel mit viel Ironie für die eigene Figur. Er, der nicht zu den „Gründervätern“ des Schauspielhauses gehört, ist so ein Gewinn für die Truppe. Und wird, nachdem ihm Wenzl-Maoz das Versteck verraten hat, Johnnys Kleinbürgerglück – laut Greta reaktionäre Idiotie – mit einer Kugel zerschießen. Der Knall bleibt ungehört. Breitwieser stirbt als Video-Leich‘. Auch das ein kluger Einfall, die Systemgegner nicht auf offener Bühne abknallen zu lassen. Bravo!

Und eine unbedingte Empfehlung. Viel zu wenig hat die Wiener Kultur in all ihren Sparten aus der Perspektive der Armut erzählt. Im Vergleich zu Émile  Zola oder Toulouse-Lautrec oder Jack London oder Horatio Alger. Schnell, es ist Zeit, dass die Funken wieder fliegen. Bevor das Proletariat endgültig tot ist – und nur noch die Proleten übrig sind!

www.mottingers-meinung.at/thomas-arzt-im-gespraech

www.schauspielhaus.at

Wien, 29. 11. 2014

Das Schauspielhaus Wien spielt Theresia Walser

April 11, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

„Ich bin wie ihr, ich liebe Äpfel“

Bild: © Alexi Pelekanos / Schauspielhaus

Bild: © Alexi Pelekanos / Schauspielhaus

Der Satz, der Titel von Theresia Walsers Stück, das am Schauspielhaus Wien in der Regie von Sebastian Schug seine österreichische Erstaufführung erlebte, klingt schon nach Märchen: „Ich bin wie ihr, ich liebe Äpfel“. Das Zitat wird dem libyschen Revolutionsführer Muammar al Gaddafi zugeschrieben. Drei böse Königinnen hat die Autorin versammelt, sie vor die Vergrößerungsspiegel ihrer Schreckensbilder gestellt, das Publikum über sie lachen lassen, um das Bizarre, das Komische im doppelten Sinn ihrer Gedanken und Argumentationen zu verdeutlichen – und die Frage im Raum stehen zu lassen: Wie konnten solche Leute je an die Macht kommen? Die Bühne beschreibt die Walser als „Ort für Wahrnehmungsschärfe von gesellschaftlichen Witterungsverhältnissen“. Und obwohl ihr natürlich nicht an einem Dokutheater gelegen war, hat sie doch das biografische Material ihrer Protagonistinnen eingehend studiert. Das ist derart monströs, dass man zuweilen gar nicht viel dazu erfinden muss. Daher hier ein kurzer Abriss über die Damen der Gesellschaft:

Margot Honecker: Geboren 1927. War Ministerin für Volksbildung in der DDR und bestimmte die Einführung eines einheitlichen, sozialistischen Bildungssystems. Sie setzte Wehrkundeunterricht, praktische Übungen an der Waffe  und Zwangssport für „unbelehrbare Kinder“ durch. Wegen ihrer arbeiter- und bauernstaatlichen Haartönung wurde sie insgeheim als „blaue Eminenz“ oder „lila Drache“ verspottet. Bis heute versteht sie nicht, „wie manche so blöd sein konnten, über die Mauer zu klettern“. Am heutigen Deutschland – sie lebt bei ihrem Enkel in Chile und bezieht aus Deutschland eine Hinterbliebenen- und Altersrente – vermisst sie nur „die Wälder und die Pilze“. Und natürlich Erich.

Imelda Marcos: Geboren 1929. War nach der Wahl zur Miss Manila mit dem zweiten Platz nicht zufrieden und ließ sich vom Damals-noch-nicht-Gatten Ferdinand zur „Muse der Philippinen“ ausrufen. Sie erfreute Staatsgäste gern mit ihrer Gesangskunst, was nichts mit dem Attentat auf sie (zwölf Messerstiche; sie beschwerte sich später über die Hässlichkeit der Klinge) zu tun haben dürfte, aber vielleicht mit ihrem Spitznamen „The Iron Butterfly“. Sie besitzt 3000 Paar Schuhe und einen schussfesten BH, für die 1998 ein eigenes Museum errichtet wurden. Nach der Rückkehr aus dem Exil wurde sie 2010 und 2013 wieder ins Repräsentantenhaus gewählt. Ihr Sohn Ferdinand jr. ist Senator; viele Familienmitglieder bekleiden wichtige politische Ämter. Imeldas schönster Satz: „Das Volk lebt nicht vom Brot allein, es braucht auch sehr, sehr schöne Sachen.“ Von Kuchen war an dieser Stelle nicht die Rede.

Leïla Ben Ali: Geboren 1956. Gelernte Friseurin, obwohl sie im Stück mehrfach betont, „auch französische Literatur studiert“ zu haben. Zine el-Abidine Ben Ali, durch einen Putsch – er ließ seinen Vorgänger von Ärzten für regierungsunfähig erklären – in Tunesien an die Macht gekommen, ließ sich für sie scheiden. Die zehn Geschwister von Leïlas mafiösem Trabelsi-Clan stiegen in Spitzenpositionen vom Bankenwesen über die Tourismusbranche bis zum Immobilienmarkt auf. Die Menschen nannten sie verächtlich die „Königin von Karthago“. Zum Sturz Ben Alis 2011 kam es durch die Selbstverbrennung eines Gemüsehändlers in Tunis, was Massenproteste auslöste, die als Beginn des Arabischen Frühlings gelten. Leïla flüchtete mit 1,5 Tonnen Gold im Wert von 45 Millionen Euro. Sie soll angeblich in Dubai sein.

Diese Drahtzieherinnen hinter ihren Diktatorenmännern holt Walser nun in die erste Reihe. Vor den roten Vorhang. Es soll ein Film – Imelda hätte lieber eine Oper; Leïla sieht kaum mehr Chancen, hätten sie doch nur Liz Taylor oder die junge Sophia Loren darstellen können – über sie gedreht werden. Und das sollen sie auf einer Pressekonferenz nun erzählen. Wunderbar schon Optik und Gehabe der drei: Katja Jung als Frau Imelda dominiert das Bühnengeschehen. Plump, vulgär, aber zäh, weil, wenn schon einmal ein Messerstecher vor einem stand („Zu jedem bedeutenden Leben gehört ein Attentäter!“) …, ständig in ihrer Handtasche verstaute Makronen fressend. Nicola Kirsch ist als Frau Leïla mondän-modebewusst, manieriert, arrogant; Angst hat sie nur vor dem  uah! Trinkwasser. Da wohnen doch Asseln drin und scheißen rein, oder? Franziska Hackl ist als Frau Margot kalt, streng, emotionslos, alte Kaderschmiede. Sentimental ist sie nur in Bezug auf die Urne, in der sie ihren SED-Schatz spazieren trägt. Und weil man einander sprachlich ja fremd ist, gibt es Gottfried, den Übersetzer, Florian von Manteuffel in seiner besten, heitersten Schauspielhaus-Performance bisher.

Es herrscht natürlich Zickenkrieg. Man schenkt einander nichts, sondern sich ganz schön ein. Bösartig, sarkastisch. Na, wie simma denn dort hingekommen, wo wir heute nicht mehr sind? Vor allem Jung ist eine Meisterin des Makabren. Dieses Kammerspiel des Grauens erinnert irgendwie an den – Sie wissen schon – Herrenduschgelwerbespot. Die gute, alte Zeit. Als sich Fingernägel, zwar unter Geschrei, aber doch wie von selbst gelöst haben. Unbequeme einfach verschwanden. So wie Mauerblümchen. Mit Stalin in Erinnerungen schwelgen, mit Castro Autocruisen, Maos „Pappel“-Gedichte („Bei dem war doch jede Frau eine Pappel.“) Der Staat krisenlos, das Volk kritiklos, gängelsüchtig und aufstandsdesinteressiert. So wollmas haben! Und nun: die großen Helden tot oder vor irgendeinem obskuren holländischem Gericht. Jung, Hackl und Kirsch sind sagenhaft in ihrer Solidarität der Schlächterinnen.

Doch in jedem guten Spiel gibt es einen Joker. Manteuffel, der sich als großer Komödiant entpuppt, die Rampenheulsuse aus Jena – die ergo mit Margot Extra-Hühnchen zu rupfen hat -, der normalerweise bei Fischereiverbandskongressen simultandolmetscht, aber da geht’s ja auch ums Ausnehmen, und mehr und mehr vom Wahnsinn umzingelt wird, ob der Grauenhaftigkeiten, die er hört. Also erst ganz was anderes als das tatsächlich Gesagte – zuspitzt, verharmlost, jedenfalls manipuliert, dreht und wendet, wie er will –   und später gar nicht mehr übersetzt. In einer Ecke sitzt und schmollt. Der Knecht kann nicht mehr. Aus dieser Sprachlosigkeit schaffen Schug/Walser einen grandiosen Spielraum für Situationskomik. Ein raffiniertes Lustspiel. Denn ohne Worte bleibt den Ex-First-Ladies nur Fuchteln und Deuteln. Kirsch verwandelt sich in eine kafkaeske Frau Samsa, um die Assel-Gefahr zu verdeutlichen. Ein Prachtstück! Das geht so lange gut, bis Erichs Asche fliegt und sich der Vorhang doch noch zu einer Spiegelwand öffnet …

Das ist nicht neu, dass sich das Publikum auf reflektierendem Glas sieht. Aber hier gibt’s Anlass zu reflektieren:   www.youtube.com/watch?v=pnmGTENBrzM Ein fantastischer Theaterabend mit vier formidablen Darstellern!

www.schauspielhaus.at

Wien, 11. 4. 2014