Akademietheater: Volksvernichtung oder Meine Leber ist sinnlos

Dezember 1, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Grotesk ≠ Groteske

Die böse Göttin und ihre Kreatur in der Plastikblase – Frau Grollfeuer mit Herrmann Wurm: Barbara Petritsch und Nikolaus Habjan. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Nun lag es also an Barbara Petritsch, zu zeigen, was der Mensch kann, was die Puppe nicht kann. Die Grande Dame für kantige Charaktere macht aus Werner Schwabs „Volksvernichtung oder Meine Leber ist sinnlos“ am Akademietheater ihr persönliches Bravourstück. Entgegen dem alten Aberglauben, niemals mit Puppen aufzutreten, würden die einen Schauspieler schließlich doch nur an die Wand spielen, dreht sie in der Rolle der Frau Grollfeuer den Spieß um.

Sie dominiert die Bühne als archaisch-gefährliche Muttergöttin, die ihre Kreaturen mit unsichtbarer Hand würgt, hängt und ihnen am Ende die Luft nimmt. Wie sich die Petritsch von der sich vom Pöbel distanzierenden feinen, alten Dame zur zeternden Säuferin zur durchtriebenen Mörderin wandelt, dann aus dem letzten Moment einen hingetanzten Hauch Liebe macht, das ist große Kunst. Dabei ist diese Strippenzieherin in Nikolaus Habjans Inszenierung die einzige, die keine Puppe führt. Habjan hat als Regisseur, Puppenbauer und Puppenspieler für sein Hausdebüt kunstvoll deformierte, degenerierte Figuren erdacht, hässliche Klappmaulaufreißer, für die Francis Bacon Pate gestanden sein könnte, in ihren Fehlbildungen grandios – und dennoch den Werner Schwab’schen Krüppelmenschen, seinem Schwabischen, seinem abgrundtiefen Blick in ungustiöse Seelen nicht gewachsen.

Ist ihr Verhalten zwar vordergründig brutal, doch nie hintergründig bösartig. Was den Figuren abgeht, ist das abgefeimt Gfeanzte. Beständig wird sich gegenseitig mit Bierflaschen auf die Schädel geschlagen, wird wie beiläufig Inzest betrieben, droht der Sohn der Mutter an, sie erst zu töten und ihr dann in den Kopf zu brunzen. Das alles ist grell und plakativ und voller Drastik, doch fehlen dem Puppenspiel die Zwischentöne, fehlt das Doppelbödige. Fehlt das unmissverständlich Missverständliche dieser Davonvogelsprache, von der es anzunehmen gilt, dass sie die Schwab’schen Fäkaliendramen, dieses hier vom Autor „Radikalkomödie“ genannt und vom Regisseur mit dem heiligen Ernst eines Schwab-Hochamts zelebriert, ausmacht.

Frau Wurm mit Krüppelsohn Herrmann: Nikolaus Habjan und Dorothee Hartinger. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Familie Kovacic: Dorothee Hartinger, Alexandra Henkel, Nikolaus Habjan und Sarah Viktoria Frick. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Mag sein, dass, so wie Satire in der Regel nicht allzu viele Regiegimmicks verträgt, hier die Verfremdung der Verfremdung nicht funktioniert. Grotesk – die Puppen ≠ Groteske – das Stück. Als ausgewiesenen Nikolaus-Habjan-Fan erfreut, besser gesagt: berührt und aufrüttelt, einen dieser Abend nur halbwegs.

Nichtsdestotrotz ist anzumerken, wie fabelhaft dem Ensemble der Umgang mit den Figuren gelingt, wie bemerkenswert es ist, dabei zuzusehen, wie die Burgschauspieler hinter die Puppen zurücktreten, die ihnen an der Hüfte aus dem Körper entspringen, und wie sie diesen sozusagen den Spielraum überlassen. Dorothee Hartinger agiert als hartleibige, bigotte Frau Wurm, Nikolaus Habjan als deren klumpfüßiger Künstlersohn Herrmann.

Sarah Viktoria Frick macht aus Herrn Kovacic eine Mannsbildkarikatur, Alexandra Henkel ist eine proll-chice Frau Kovacic, und zusammen bewegen Frick und Henkel auch noch die Tussi-Töchter der Familie. Die Hölle im Zinshaus hat Bühnenbildner Jakob Brossmann zweigeschossig angelegt. Unten, und damit unter einer Plastikblase, wohnen die Wurms und die Kovacics.

Erstere in einer ärmlichen, kargen Stube, eine Kredenz, ein Grablicht auf dem Küchentisch, zweitere in einem Fototapetenalbtraum mit Federplüschlampe, in den pink-leopardscheckigen Outfits von Cedric Mpaka. Darüber thront die Grollfeuer, lange Zeit unbewegt und im Wortsinn außen vor bleibend, bis sie die zu beiden Seiten befindliche hölzerne Prunktreppe für ihren großen Auftritt nutzt.

Habjans hässliche Klappmaulaufreißer bevölkern die Geburtstagstafel der Grollfeuer. Herrmann, Frau und Herr Kovacic und deren Töchter. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

In diesem Setting, und diese „Speisekammer voller Schmerzen“ ist eines von Schwabs als Grazer Hausmeisterinnenkind höchstpersönlichen, sieht man, wie Mutter und Sohn Wurm ihre Hassliebe ausleben, sich mit Beschimpfungen und Demütigungen an- und beherrschen, sich Familie Kovacic kollektiv in den Rausch trinkt, und deren Vater tatsächlich zum horriblen Hamsterkiller wird.

Bis im dritten Akt endlich, während sich Kyrre Kvams Musik zum Furioso steigert, Petritschs Grollfeuer herabsteigt, und zu ihrer Geburtstagstafel samt vergifteter Torte bittet. Und während die Puppen im Ausdruck stets gleich bleiben müssen, nichts den Druck zur Selbst- und gegenseitigen Zerfleischung deutlich macht, der Schwab’sche Überdruck ergo nie entstanden ist, weiß die Petritsch, wie man eine ungehemmt ausschweifende Schwabiade pointiert und akzentuiert. Die Hexe mit dem Silberhaar, die ihre Mieter wie Tiere in einem Gehege betrachtet und sie mit Gehstockhieben gegen dieses quält, ihnen das Konfettikanonenblut aus den Körpern schleudert, enthüllt nun ihr schnapsgetränktes, wirres Weltbild aus Übermenschenfantasien und Untermenschengefasel. Und weil derart Denken ein ewig untotes ist, auferstehen auch die Puppen. Um zu singen: „Der morgige Tag ist mein“.

www.burgtheater.at

30. 11. 2018

Volkstheater: Wien ohne Wiener

Oktober 12, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Heimatlieder eines Heimatlosen

„Der Tod muss ein Wiener sein“: Gábor Biedermann, Claudia Sabitzer, Isabella Knöll, Stefan Suske und Günter Franzmeier mit Puppe. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Das Lachen bleibt einem nicht im Hals stecken, nein, viel mehr: es dreht einem denselben um. Der Tod muss ein Wiener sein, in diesem Fall ein Wienerlied, weil mörderischer als Georg Kreisler kann man mit einer gewesenen und nie wieder wirklich gewordenen Heimat nicht abrechnen.

So zu hören im Volkstheater, wo Nikolaus Habjan unterstützt von der Musicbanda Franui und einem exzellenten fünfköpfigen Ensemble eine fabelhafte Hommage an den Meister des gallbitteren Humors zur Uraufführung brachte. Dem Premierenpublikum präsentierte sich Habjan auch auf der Bühne; der Regisseur und Puppenbauer übernahm den Part des erkrankten Christoph Rothenbuchner – und bewies sich einmal mehr als großartiger Schauspieler, Kavalierbariton und selbstverständlich Kunstpfeifer. Das Team, das der Tausendsassa um sich versammelt hat, ist mit Claudia Sabitzer, Gábor Biedermann, Günter Franzmeier, Stefan Suske und – Neuzugang am Haus – Isabella Knöll nicht nur handverlesen, sondern zu Teilen auch handgenäht.

Denn natürlich bevölkert Habjan das grausliche Kreisler-Universum mit seinen grotesken Klappmaulpuppen. Da darf weder die desillusionierte Chansonette noch das einäugige Elschen fehlen, da haben kriecherische Staatsbeamte, verzweifelte Triangelspieler und original Wiener Grantscherm ihren Auftritt. Und der Sensenmann. Logisch. Einer muss ja die Goldenen Herzerln am Schlagen hindern und die Wiener in die ewige Walzerseligkeit befördern. Oder so. Genau weiß man’s nicht, was Kreisler, Überlebender, Weltdurchschauer, Einzelgänger, und vor allem dies: ein Anarchist, mit seinen Zeitgenossen vorhatte. Von wegen: Vom End‘ an geht’s bergab …

„Die Geflügelzucht“: Stefan Suske und Günter Franzmeier. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Isabella Knöll interpretiert das messerscharfe „Ich kann tanzen“ – mit Günter Franzmeier. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

1938, mit der Machtübernahme durch die Nationalsozialisten, musste Kreisler in die USA emigrieren. Er nahm die amerikanische Staatsbürgerschaft an, arbeitete in New York als Nachtclubmusiker, später in Hollywood, und kehrte 1955 nach Österreich zurück. Dagegen aber, Österreicher zu sein, hat er sich seither verwehrt,denn im Jahre 1945, nach Kriegsende, wurden die Österreicher, die 1938 Deutsche geworden waren, automatisch wieder Österreicher, aber diesmal nur diejenigen, die die Nazizeit mitgemacht hatten. Wer unter Lebensgefahr ins Ausland ,geflüchtet wurde‘, also auch ich, bekam seine österreichische Staatsbürgerschaft nicht mehr zurück.“

Für Kreisler muss man den Begriff Evergreen neu formulieren als Everblack, in der Marietta-Bar sang er seine „Nichtarischen Arien“, die Heimatlieder eines Heimatlosen, seine höllisch gemütlichen Hassliebeserklärungen an die Stadt und ihre Bürger. Seine Sehnsucht darüber, wie schön „Wien ohne Wiener“ wäre, ist nicht nur titelgebend für die Inszenierung am Volkstheater, sondern auch eingangs zu hören. Der von Habjan gestaltete Liederabend ist eine schräge, schrille Revue, zu 100 Prozent Kreisler, seine Texte auch zwischen den Chansons platziert – und die Musik von Franui unter der Leitung von Andreas Schett exakt passend. Wie schon Kreisler selbst zitiert und interpretiert man, mal klingt’s wie geschrammelt, mal beinah kurt-weill’isch, volkslied- oder operettenhaft mit Harfe, Zither und Hackbrett, mal geht’s im Tangorhythmus, mal im Dreivierteltakt –  und wenn ein Ton ganz besonders daneben fährt, dann darf man annehmen, dass der Kreisler seine Freud‘ daran gehabt hätte.

In paillettenschillernden Conferencierfracks treten die Darsteller auf, die Attitüde: gefeanzt, das heißt vordergründig freundlich, aber tatsächlich das Gegenüber sarkastisch verspotten. Einem schmierigen Fremden-an-der-Nase-Führer fällt Habjan ins Wort: „Der Stephansdom ist nicht das Wahrzeichen von Wien, sondern seine Diagnose.“ Stefan Suske hat große Chansonier-Momente mit „Bidla Buh“ als Frauenmörder und mit „Der Witz“. Günter Franzmeier tritt auf mit verwegen mephistophelischer Haar- und Barttracht. Zu zweit bewegt man die Puppen, spricht ihre Figuren, macht aber auch den Erzähler. Franzmeiers Geflügelzüchter scheitert an Suskes Beamtenschädel, reüssiert aber in der Frage „Was tut man um zu sein“.

„Bidla Buh“: Stefan Suske ist ein grandioser Frauenmörder. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Claudia Sabitzer als desillusionierte Chansonette mit Puppen-Alter-Ego: „Zu leise für mich“. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Das Frühlingslied vom „Taubenvergiften“ im Park darf nicht fehlen, Claudia Sabitzer als überlebensgroßer rachsüchtiger Vogel, der genau so zum Giftopfer wird wie die böswilligen Ausstreuer. Nikolaus Habjan böhmakelt sich durch den „Bluntschli“. Gábor Biedermann entführt seine Liebste auf eine Kopfreise in die Karibik, weil „Zu Hause ist der Tod“, und will als Ober seine Gäste mit Handgranaten beseitigen: „Dann geht’s mir gut“. Gewaltfantasien in Zeilen wieIch muss ja nicht der erste sein – Ich bleib‘ gern in der Masse! Doch werd‘ ich nicht der letzte sein – Ich weiß ja, wie ich hasse!“ klingen wieder oder immer noch erschreckend aktuell.

Die Attentätersehnsüchte des „kleinen Mannes“ im Anti-Demokratie-Song. Beim „Begräbnis der Freiheit“ hebt sich einem schon der Magen, mehr noch bei der Hexenjagd auf eine Unerwünschte, die mit Fußtritt ins Jenseits befördert wird, und wer glaubt, die Puppe, die das „Kapitalistenlied“ zum besten gibt, hätte Ähnlichkeit, mit einem, der sich am Sonntag zur Wahl stellt … tjahaha … Das „Lied für den Kärntner Männerchor“ gibt’s obendrauf. „Wien ohne Wiener“ ist ein hinreißend gerissener Abend über eine gute, alte Zeit, die schon wieder so schlecht ist, wie sie’s immer war.

Er ist ein langsam abgekletzeltes Pflaster auf der Heimatnarbe aller Blut- und Bodenlosen. Ist die Aufforderung „Niemals Vergessen – zu singen“. Habjan und seine Truppe glänzen vom ersten bis zum letzten Takt, sie geben den Puppen, aber auch sich selber Raum. Isabella Knöll singt (das persönliche Lieblings-)Lied „Ich kann tanzen“, Günter Franzmeier legt sich zum Schluss aufs „Totenbett“: „I kenn kan Strauß, kan Lipizzaner und kan ‚Knabenchor. Weil i mein Lebtog mit der Oabeit zu beschäftigt wor. I find kan Mozart und kan Haydn und kan Schubert schön – I hab a aanzigs Moi den Hitler g’sehn …“

Was man darauf noch sagen kann? Ah ja! „Haallo!“

www.volkstheater.at

  1. 10. 2017

Volkstheater: Nathan der Weise

April 8, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Glaube ist ein Kriegsschauplatz

Charakterköpfe unter sich: Günter Franzmeier und sein von Stefan Suske gesprochenes Puppen-Alter-Ego. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Es gibt Theaterabende, an denen stimmt einfach alles, und am Freitag hatte man das Glück, bei einem solchen dabei zu sein. Nikolaus Habjan inszenierte am Volkstheater Lessings „Nathan der Weise“, und wie wunderbar, der junge Theatermacher und Puppenmagier hat es nicht Not, irgendwas irgendwo drüberzustülpen. Er erzählt eine Geschichte. Klar, im positivsten Sinne „einfach“ und konsequent durchdacht.

Er versteht sich exzellent auf Schauspielerführung, versteht es aus den Blankversfiguren Charaktere zu entwickeln, die einen heute berühren und am Heute rühren, und hat sich von Denise Heschl und David Brossmann eine Bühne bauen lassen, die gewaltige Bilder zulässt und die Situation auf einen Blick beschreibt. Die Situation ist – Dauerkrise, ein wackeliger Waffenstillstand, die tagtägliche Berichterstattung über religiösen Fanatismus und seine Folgen. Der Glaube ist ein Kriegsschauplatz, das zeigt die Brandruine, die hier mehr als nur Nathans Haus, sondern sinnbildlich für die Gesamtheit des Nahen Osten ist. An der Rampe verkohlte Menschenkörper. Auftritt Nathan mit Koffer und einem Verzweiflungsschrei. Und wie er dann Recha herzt und an seine Brust zieht und sie blutet und ihr die Haare ausfallen und sie in sich zusammenklappt, bleibt fraglich…

Ob sie überhaupt noch lebt? Oder doch Leiche ist? Ob nicht eher aus Nathans Trauma gerade ein Wunschtraum entsteht? Schließlich ist Lessings Schluss, der alle drei abrahamitischen Religionen in einer Familie versöhnt, ja ohnedies traumhaft. Nathan beginnt, die Toten mit Tüchern zuzudecken, und das wird er am Ende mit den wie in Stasis gefallenen Darstellern wieder tun.

Macht sich Nikolaus Habjan an eine Theaterproduktion, so ist die Erwartungshaltung natürlich, dass er seine Puppen mitbringt. Diesmal sind es zwei. Günter Franzmeier als Nathan hat ein Puppen-Alter-Ego, dem Stefan Suske, schwarz verhüllt wie beim Bunraku, die Stimme leiht. Franzmeier ist ein einsamer Nathan, er bleibt auf Äquidistanz zu seinen Mitmenschen, seine Haltung zum Geschehen drückt im doppelten Wortsinn Beherrschtheit aus. Er spielt den Nathan, wie Saladin einmal sagt, tatsächlich „stolz bescheiden“. Nur mit seinem eigenen Charakterkopf kann er in Diskussion treten, kann er „er selber“ sein; er führt mit ihm Zwiegespräche, und die Puppe ist ihm dabei Gewissen, Einflüsterer und nicht unbedingt immer ein guter Ratgeber. Dass Franzmeier ganz fantastisch agiert, versteht sich. Er ist wahrlich ein Weiser, ein verwaister Weiser, und wie es dieser Art Mensch auch inne ist, verloren im Versuch in Intrige, Neid und Verrat Freund und Feind auseinander zu halten.

Der junge Tempelherr beim Picknick mit Recha: Christoph Rothenbuchner und Katharina Klar mit Claudia Sabitzer als Daja. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Familienaufstellung vor verkohlten Körpern (li.): Gábor Biedermann, Steffi Krautz, Katharina Klar, Christoph Rothenbuchner und Günter Franzmeier. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

In dieser Grauzone Nathans bewegt sich Gábor Biedermann als Sultan Saladin. Biedermann gestaltet den muslimischen Herrscher weniger mit der oft üblichen melancholisch-gelassenen Gleichgültigkeit, sein Saladin ist ein Macher, der in seinem Reich gern die Fäden in der Hand hat. Dafür ist er bereit, Bündnisse über Konfessionsgrenzen hinweg einzugehen. Biedermanns Sultan gibt sich dann fast väterlich-gütig, denn er hat dabei die Tilgung seiner finanziellen Schwierigkeiten im Auge. Die Ringparabel spielt entsprechend zwischen diesem Nathan und diesem Saladin eine weniger übermächtige Rolle, als in anderen Inszenierungen.

Auch Steffi Krautz versteht es ihrer Figur neue Facetten abzugewinnen. Ihre Sultansschwester Sittah ist kein berechnendes Biest, sondern eine kluge Manipulatorin, eine moderne, emanzipierte Frau, die sich kein Blatt vor den Mund nimmt und zu ihrem Wort auch steht. Noch nie, so erscheint es einem, war eine Sittah so stark auf der Bühne. Claudia Sabitzer ist eine verbindliche Daja, die für alle nur das Beste will – auch für sich, mit der angedachten Ausreise nach Europa -, und von der man fast den Eindruck hat, dass sie den Nathan liebt. Sehr intensiv deutet Habjan mit seiner Arbeit darauf hin, wie die Menschen sich verstehen könnten, wenn die Systeme nicht wären.

Die Aufführung hat auch Humor. Der eine oder andere lapidar hingeworfene Satz, 1779 so wahr wie 2017, macht das Publikum lachen. Entzückend ist eine Rendezvous-Szene von Recha und dem jungen Tempelherrn, mit Kofferradio, Keksen – und der unvermeidlichen Daja als Anstandsdame. Katharina Klar spielt Recha als teenagerisches Trotzköpfchen, das sich auch zu Boden wirft, um seinen Willen durchzusetzen. Christoph Rothenbuchner stattet den liebesgierigen Ordensritter mit der Forschheit der Jugend aus, weiß aber auch pointiert Momente der Ohnmacht inmitten des Glaubenswahns anzuspielen. Stefan Suske schließlich ist der Klosterbruder, der die Verwicklungen einst ins Rollen brachte. „Was man ist und was man sein muss in der Welt, das passt ja wohl nicht immer“, sagt er an einer Stelle, an der er über den Juden Jesus philosophiert.

Der Patriarch von Jerusalem ist ein unversöhnlicher Fanatiker: die Puppenspielerinnen Steffi Krautz, Katharina Klar und Claudia Sabitzer mit Stefan Suske und Christoph Rothenbuchner. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Die zweite Puppe, sie weiß einen Kurzauftritt effektvoll zu nutzen, ist der Patriarch von Jerusalem. An den Rollstuhl gefesselt, wird der alte, verbitterte Mann von einer Dreifaltigkeit der Frauen bewegt – Steffi Krautz ist Kopf und Stimme, Katharina Klar die linke, Claudia Sabitzer die rechte Hand.

Doch dass die drei Schauspielerinnen gleichsam die drei religiösen Varianten der einen Sache verkörpern, bringt den Fundamentalisten, der mit kühlem, pragmatischem Hass alles verfolgt, das nicht in seiner Richtung liegt, nicht von seinem rechten Weg ab. Dass die Puppenspieler und Puppenspielerinnen in schwarzer Kleidung als Individuen unkenntlich gemacht sind, erklärt Habjan im Programheft-Interview auch als Querverweis auf den Dresscode terroristischer Vereinigungen.

Lessings Ideendrama wird als das humanistische Werk gelesen, als der aufklärerische Appell für Gedankentoleranz. Und da sitzt ein Gottesmann mit böse blitzenden Augen, abstinent gegen alle Argumente, und hat für Nathan immer nur den einen Glaubenssatz: „Tut nichts, der Jude wird verbrannt!“ Es gruselt einen vor der Grausamkeit der Puppe, deren Präsenz in diesen Augenblicken übermächtig, übermenschlich sowieso ist. Nikolaus Habjan holt das Publikum mit seinem düsteren „Nathan“ aus der Klassiker-Wohlfühlzone, er entzieht ihm die Möglichkeit des simplen Abnickens von Lessings froher Botschaft. Der Jude mit dem „Judenkoffer“, die Leben nur noch Schutt und Asche, das sorgt für Assoziation und Irritation. Draußen vorm Theater wurden all diese Anmerkungen Habjans laut weitergedacht, da hatten sich der Regisseur, sein Team und die fulminanten Schauspieler den tosenden Applaus aus dem Zuschauerraum aber schon abgeholt.

www.nikolaushabjan.com

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Wien, 8. 4. 2017

Rabenhof: Kottan ermittelt

November 18, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Kultkiberer lässt diesmal die Puppen tanzen

Kottan ermittelt für Polizeipräsident Pilch nicht schnell genug: Christian Dolezal und Manuela Linshalm. Bild: Rita Newman/Rabenhof

Kottan ermittelt für Polizeipräsident Pilch nicht schnell genug: Christian Dolezal und Nikolaus Habjan. Bild: Rita Newman/Rabenhof

Im Rabenhof wird seit Donnerstagabend von „Kottan ermittelt“. Jan und Tibor Zenker wandeln trittfest in den Spuren ihres Vaters und haben nicht nur eine skurrile Show rund um den Kultkiberer auf die Beine gestellt, sondern auch einen einwandfrei spannenden Kriminalfall verfasst. Gesucht wird der „Hannibal Lecter von Hernals“ und gegen den sind von Tom Harris bis Bret Easton Ellis erdachte Literaturpsychopathen ehrlich gesagt ein Bemmerl.

Am Ende schockiert die Puppe, für die mutmaßlich in mehr als einer Hinsicht der grandiose Schauspieler Oskar Werner Pate stand, mit ihren ganz persönlichen grauenhaften „Körperwelten“. Puppentheater, wenn der diesbezügliche Großmeister Nikolaus Habjan seine Finger im Spiel hat, ist halt nichts für Warmduscher.

Neun Figuren hauchen er und seine Mitstreiterin Manuela Linshalm Leben ein. Vom rechtspopulistischen Vizebürgermeister über einen sächselnden Dresdner Muslimpunk bis zur osteuropäischen Puffmutter. Habjans Puppen-Panoptikum bevölkert dieses aberwitzige Trash-Musical, in dem Kyrre Kvam als One-Man-Orchester unter der Discokugel die größten Hits von Kottans Kapelle und andere L’amour-Hatscher, von Heino bis Drahdiwaberl als genau die Art schmieriger Alleinunterhalter zum besten gibt, den man seinem schlimmsten Feind nicht als Hauptact auf der Geburtstagsparty wünscht. Natürlich gibt’s den mit Fliegenklatsche ausgestatteten Polizeipräsident Pilch und den intrigant-dümmlichen Schrammel, die Ilse und die Mama – und es ist erstaunlich, wie sehr sich Habjan vor allem den Sprachduktus von Bibiana Zeller und den Tiroler Dialekt von Kurt Weinzierl einverleibt hat.

Einmal mehr schaut man ihm begeistert zu, wie er mit seinen Klappmaulpuppen mitlebt und -leidet, manchmal sichtlich selbst erstaunt über deren Treiben, manchmal ihren Gesichtsausdruck annehmend, wenn in Momenten höchster Emotion das Temperament mit ihm durchgeht. Den Menschen hinter der Puppe zu vergessen, ist nicht einfach, wenn ein Schauspieler wie Habjan am Werk ist. Dass die Zuschauer seine Arbeit zu schätzen wissen, machten sie erst kürzlich durch die Verleihung des Nestroy-Publikumspreis publik.

Die Mama hat die "Wunderkammer" des Frauenmörders längst entdeckt: Puppenspieler Nikolaus Habjan ... Bild: Rita Newman/Rabenhof

Die Mama hat die „Körperwelten“ des Frauenmörders längst entdeckt: Puppenspieler Nikolaus Habjan … Bild: Rita Newman/Rabenhof

... da tappt der Schrammel immer noch im Dunkeln: Puppenspielerin Manuela Linshalm. Bild: Rita Newman/Rabenhof

… da tappt der Schrammel noch immer im Dunkeln: Puppenspielerin Manuela Linshalm. Bild: Rita Newman/Rabenhof

Als quasi einziger Darsteller aus Fleisch und Blut spielt Christian Dolezal den Kottan, ein cooler, zynischer Hund, mehr zu Hause zwischen Peter Vogel und Franz Buchrieser, als ein Haberer vom Lukas Resetarits. Er lässt in seiner Hommage an den legendären Major die Puppen tanzen und singen und schrammelt auch auf der Stromgitarre. Und der Schiach geht ihn erst an, als sich ein gewisser Edgar an die sich ungeliebt fühlende Ilse heranpirscht, der – das weiß das Publikum, aber nicht der Inspektor-gibt’s-kann – seine Opfer mit dem Gift der Goldwespe gefügig macht.

Da wird er der Dolferl ganz klein und raunzig und weint nach der Mama, die in bewährter Gusti-Wolf-Manier aber eh schon längst alles aufgeklärt hat. Nebstbei löst der Kottan noch einen Fall von Korruption in den eigenen Reihen, ein paar Zeitbezüge dürfen da ebenso wenig fehlen wie die zeitlose Chris Lohner, die einmal mehr mit viel Selbstironie aus dem Fernsehkastl schaut. Am Schluss gibt’s ein Peckinpah’sches Zeitlupenfinish und Jubel-Trubel beim begeisterten Publikum, von dem zumindest die leicht angegrauten Semester vorher schon den „Supersheriff“ mitgesungen hatten.

Verantwortet wird dieser fabelhaft verrückte Abend von Hausherr Thomas Gratzer, der als Regisseur auf den Punkt genau inszeniert hat. Jede Pointe sitzt – und deren gibt es viele, das Tempo und das Timing stimmen, der Mordspaß bricht spätestens nach der Pause durch die Decke. Wer sich eineinhalb Stunden nonstop amüsieren will: Ab in den Rabenhof. Und zwar Ruck-Zuck.

www.rabenhoftheater.com

Wien, 18. 11. 2016

Neue Oper Wien: Staatsoperette

September 14, 2016 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Servus, „Grüß Gott“ und Auf Wiedersehen

Gernot Heinrich als Starhemberg, Dieter Kschwendt-Michel als Schuschnigg, Hagen Matzeit als Dollfuß mit der Dollfuß-Puppe von Nikolaus Habjan. Bild: © Armin Bardel

Die Dollfuß-Puppe fistelt ihre Befehle: Gernot Heinrich als Starhemberg, Dieter Kschwendt-Michel als Schuschnigg und Hagen Matzeit als Dollfuß. Bild: © Armin Bardel

Die Neue Oper Wien zeigt ihre „Staatsoperette“ nach der vielbejubelten Uraufführung bei den Bregenzer Festspielen nun im Wiener Theater Akzent. Und über diese so eindringliche wie unterhaltsame Geschichtslektion in Sachen Zwischenkriegszeit ist nicht weniger zu sagen, als dass ihr Besuch quasi Pflichtfach werden sollte. Von wegen dieser Tage, wiewohl sich das neue künstlerische Team sehr klug jedem zwanghaften Bezüge-Herstellen entzogen hat. Man hat’s da aber auch leicht, man braucht nur hinzuzeigen, um aufzuzeigen.

Die Austrotragödie von Otto M. Zykan und Franz Novotny war einmal ein Film und war einmal ein Skandal. 1977 war das, da fühlten sich manche ob ihrer eigenen Rolle in den Jahren zwischen 1918 und 1938 noch auf den Schlips getreten, Nackerpatzln gab’s auch zu sehen, und einen Club 2, in dem Heribert Steinbauer der Empörung stellvertretend für seine Wählerschaft Luft machte. Der Film verschwand im Archiv. Zykans Weggefährtin Irene Suchy und Komponist Michael Mautner haben das Werk nun inhaltlich und musikalisch ergänzt, für Zweiteres aus dem reichen Schaffen Zykans geschöpft, und eine die Handlung erklärende Ebene eingezogen.

Neu sind nun ein Nestroy-hafter Kommentator, Stephan Rehm, der aus dem Stück erst recht ein Lehrstück macht, und zwei Frauenfiguren, die Linke und die Rechte, Laura Schneiderhan und Barbara Pöltl in Kittelschürze vs Trachtenkostüm, die entlang von Bassena-Räsonierereien die vox populi zum besten geben. Eingefügt sind Szenen, die damalige Fernsehverantwortliche schon im Vorfeld der zu erwartenden Erregung entfernen ließen, etwa das Schattendorfer Urteil oder Schuschniggs Besuch bei Hitler auf dem Obersalzberg.

Zykan zitiert Zeitgeschehen, zitiert Kirchen- oder Heurigenliedern, montiert Atonales mit Operettenhaftem, er reißt mit seiner Musik Witze. Sehr schön ist da eine Sequenz zum Nicht-miteinander-Können der politischen Lager, für deren Darstellung es heute einen ganzen desaströsen Runden Tisch brauchen würde; Zykan genügen zwei Worte, „Grüß Gott“ – und schon hat Ignaz Seipel den Otto Bauer abgefertigt. NOW-Intendant Walter Kobéra versteht es meisterlich diesen vertonten Sarkasmus umzusetzen, mit ihm am Pult flirrt und flimmert das amadeus ensemble-wien einmal mehr, dass es eine Freude ist.

Camillo dell’Antonio spielt Ignaz Seipl mal zwei. Bild: © Armin Bardel

Prälat-Bundeskanzler: Camillo dell’Antonio spielt Ignaz Seipel mal zwei. Bild: © Armin Bardel

Dieter Kschwendt-Michel im Zwiegespräch mit der Schuschnigg-Puppe. Bild: © Armin Bardel

Dieter Kschwendt-Michel im Zwiegespräch mit der Schuschnigg-Puppe. Bild: © Armin Bardel

In den Händen von Regisseur Simon Meusburger kommt die Groteske auch inszenatorisch zur Geltung. Er hat mit Bühnenbildner Nikolaus Webern als Ort des Geschehens einen devastierten Sitzungssaal erdacht, ein nachroyales Palais, verstaubt und überlebt, der Kronleuchter auf dem Boden, das Telefon an der Decke, denn das Unterste ist nach oben gekehrt, die Welt steht auf dem Kopf. Mit Graphic Novels à la Sin City werden die Protagonisten eingeführt, der „Blutprälat“ und der „Fürst der Finsternis“, und wenn diese dann auftreten, haben sie als Alter Ego eine Puppe von Nikolaus Habjan im Arm. Die Klappmäuler als politische Großmäuler, Ignaz Seipel, Engelbert Dollfuß, Kurt Schuschnigg, Benito Mussolini und als Anfang vom Ende Adolf Hitler, erfahren so eine karikaturhafte Überhöhung und bringen als solche ihre verqueren Botschaften über die Rampe. Das Fürchterliche ist ja auch immer lächerlich, sagt Thomas Bernhard. Das ist hier eindrücklich demonstriert.

Die Darsteller treten ins Zwiegespräch mit ihren zweiten Gesichtern, und wenn man bedenkt, wie vieles des Gesagten Original-Text ist, wird die „Staatsoperette“ zum Schwank zwischen Schaudern und Entsetzen. Es ist ein erschrecktes Auflachen, mit dem das Publikum auf die Komik der Situationen reagiert. Wenn’s über den Déjà-vu-Streit der großen Koalition heißt, er gehe eigentlich um belanglose Gründe. Wenn darüber debattiert wird, das sich „der kleine Mann von Stammtischgestammel verführen ließ“. Wenn im Wiener Kammerchor die einen die Haydn-Hymne noch auf Gott, Kaiser und Vaterland, die anderen schon als Deutschlandlied singen. Auf „Führer“, Völkisch, Vaterland.

Na, Servus. Starke Bilder sind das. Die ewige Furcht der europäischen Bourgeoisie vor links, doch nie vor rechts. Rot und Schwarz, die statt des Konsens‘ mit- den Kampf gegeneinander suchen, und so freilich dem Auftreten eines diabolischen Dritten Tür und Tor öffnen. Auch die Sozialdemokratie wird gescholten, Kolomann Wallisch und Otto Bauer, die als Arbeitervertreter auf ihren eingeschlagenen Wegen der Bewaffnung und der Beschwichtigung nicht zueinander finden können, Bauer, der es mit seinen theorieschwülstigen Formulierungen nicht schafft, sich „der Masse“ verständlich zu machen. Folge: Verlust des Gemeindebaus, Teil eins.

Die Solisten bestreiten größtenteils mehrere Rollen. Marco Di Sapia gefällt wie stets mit seinem wohlgeführten Bariton, er ist als sich selbst geiselnder Otto Bauer gleichsam die tragische Figur, der Anti?-Held des Werks, kann aber als Walter Pfrimer und Anton Rintelen wunderbar seine Qualitäten als Komödiant ausspielen und in den Rollen der verhinderten Putschisten zum allgemeinen Amüsement auch mit Steirischkenntnissen protzen. Wie es dem patscherten Sekundenkanzler nicht gelingt, sich nach der Ermordung Dollfuß‘ in seinem Hotelzimmer zu entleiben, da gelingt Di Sapia sogar ein gruseliges Kabinettstückchen.

Camillo dell‘ Antonio gibt den Seipel mal zwei, einen pitzeligen Prälat-Bundeskanzler, der politisch immer Lust auf mehr hat. Daheim knüppelt er, vor dem Duce kriecht er – ums Geld. Da ist es nur logisch, dass ihn Gernot Heinrich als Mussolini einen cretino schimpft. Heinrich gestaltet ihn als gutgelaunten „italienischen Tenor“, umringt von barbusigen Schönen und stets um die höchste Stellung bemüht. Weshalb es ihm im Sitzstreit mit Seipel auf der Schaukel auch nicht ums internationale Gleichgewicht oder politisches Die-Waage-Halten geht … Als Heimwehrführer „Fürst“ Starhemberg kann Heinrich diese süßlich-grausliche Seite dann noch deutlicher zeigen.

Der Anfang vom Ende: Hagen Matzeit als Hitler mit Hitler-Puppe, links: Laura Schneiderhan, rechts: Barbara Pöltl und der Wiener Kammerchor. Bild: © Armin Bardel

Der Anfang vom Ende: Hagen Matzeit als Hitler, links: Laura Schneiderhan, rechts: Barbara Pöltl und der Wiener Kammerchor. Bild: © Armin Bardel

Hagen Matzeit, ein famoser Opernsänger, der sowohl Bariton als auch Countertenor „kann“ (www.matzeit.de), macht aus dem Dollfuß dank seiner Puppe einen bösen Kobold mit Falsettstimme. Mit Karl-Kraus’schen Bumsti!-Rufen führt er seine Hälfte des Volkes gegen die andere, ein Ritt auf dem Kanonenrohr, während dem Thomas Weinhappel als Wallisch seinen republikanischen Schutzbund in Stellung bringt.

Beklemmend ist das, wie Meusburger zeigt, dass unter den Menschen kein Politwirrkopf, sondern die nackte Angst regiert. Sie werden aufgestellt und abgeschossen, aufgestellt und abgeschossen … Volk verliert, Volk fällt zu beiden Seiten. Die letzten Tage der Menschlichkeit. Matzeit wird zu deren Ende auch noch Adolf Hitler sein, Dieter Kschwendt-Michel sich ihm als Schuschnigg ergeben. Dem „Führer“ schenkt Matzeit kein menschliches Organ, er hat weder Sing- noch Sprechstimme, die Puppe grunzt und faucht und schnarrt, aber wenn sich im Schlussbild alles zu ihr hinwendet, ist deutlich, wie gut sie auf dem Heldenplatz einst verstanden wurde.

Beim begeisterten Applaus kann sich Matzeit der Hakenkreuzarmbinde gar nicht schnell genug entledigen, er wirft sie zu Boden und tritt danach. Ein abschließendes Statement, das beim Publikum bestens ankommt: Niemals vergessen. Dass die, die vorgeben, die Fäden in der Hand zu haben, auch nur jemandes Marionetten sind. Dass selbsternannte Heimatschützer unter dem Vorwand demokratische Mechanismen zu behüten eben diese aushebeln. Bei Zykan besingen sie als „wahre Sieger“ ihr Auf-Wiedersehen, da fehlt eindeutig ein „Nimmer“.

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Wien, 14. 9. 2016