Lucia Berlin: Was ich sonst noch verpasst habe

August 17, 2016 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine längst fällige literarische Wiederentdeckung

buch1„Keine Gefühle zeigen. Nicht weinen. Lass niemanden an dich ran“, so beschrieb Lucia Berlin ihren Schreibstil in einem Brief an ihren Dichterfreund August Kleinzahler. Dass nun der Arche Verlag die Geschichten der 2004 verstorbenen amerikanischen Erzählerin, dreißig ihrer Shortstories, veröffentlicht hat, darf als eine der literarischen Sensationen der Saison gewertet werden. Lucia Berlin, das ist keine Wieder-, sondern vielmehr eine Neuentdeckung einer viel zu lange unter Wert geschlagenen Autorin. Mittlerweile wird sie mit Raymond Carver, Richard Yates oder William Faulkner verglichen.

Berlins Geschichten sind gnadenlos, rücksichtslos gegenüber ihren Figuren und ihren Lesern; zartbesaitete werden weinen, wenn Neugeborene sterben und Frauen an den Rand der Existenz getrieben werden, an dem ihre Männer schon dahinvegetieren. Die meist zehn, fünfzehn Seiten langen Texte, „Makadam“ kommt gar mit einer Seite aus, bieten weder Auf- noch Erlösung. Berlin weiß um die Schrecken des Lebens, es ist ein Wunder, wie sie über Widerliches, Widerwärtiges so warmherzig schreiben kann, doch sie kann offenbar das Absurde in der Verzweiflung sehen und darüber lachen.

Es ist ein Lachen, „das vom Schmerz in jeder Freude wusste und sich darüber lustig machte“, wie sie in „Tigerbisse“ über die Südstaatenschönheit Bella Lynn berichtet. Berlin ist eine Zeugin, eine Chronistin des allzu Menschlichen. Ihre Ich-Erzählerinnen sind Sekretärinnen in Notaufnahmen, mexikanische Migrantinnen, missbrauchte Mädchen, Sprechstundenhilfen in Entzugskliniken, Drogensüchtige, Alkoholikerinnen … Berlin nennt sie ihre Nicht-Ichs und die Frage, ist, ob man ihr auf den Leim geht, wenn man Autobiografisches aus ihren Geschichten herausliest oder wenn nicht. Ein Körnchen Wahrheit ist jedenfalls, dass Berlin an all diesen Orten war, erst als Erkrankte, später als Mitarbeiterin. „Ich mag die Tatsache, dass in der Notaufnahme alles reparabel ist – oder nichts“, schreibt sie im „Notaufnahme-Notizbuch, 1977“. Und wie eine Therapeutin, die weiß, dass Kranken mit Mitleid nicht geholfen ist, denn wem wäre schon geholfen, wenn noch einer leidet, spornt Berlin ihre Charaktere mit liebevoller Härte an.

Die schnelle Prosa hat die jeweilige Alltagssprache der von ihr porträtierten Frauen, verknappter Slang steht neben kultivierten Stimmen, als sichere der Wechsel im Tonfall den Figuren ihr angestammtes Terrain. „Ihre Erzählungen fauchen“, nannte es The New York Times Book Review. Tatsächlich sind die Texte teilweise wie gesprochen, weshalb Berlin auch auf Satzzeichen wenig wert legt. Ein Beistrich?, den hörte man doch sowieso nicht. Zur Meisterschaft vollendet sie ihren Stil in „Mijito“, indem sie eine minderjährige mexikanische Mutter und eine US-Krankenschwester aus deren unterschiedlichen Perspektiven sprechen lässt. Die Angst und Naivität der einen, die gesetzlich vorgeschriebene Ohnmacht der anderen, das beiderseitige Missverstehen, der schlampige Umgang mit „Zugewanderten“, das alles macht einen so wütend, dass es einem den Atem nimmt. Auf der Strecke bleibt das Unschuldige, das Verletzlichste, das Baby.

Dann wieder ist Berlin unverblümt sexistisch. Sie pflegt einen weiblichen Machismo, wenn sich eine ihrer Protagonistinnen den in einigen Geschichten wiederkehrenden Taucher César nimmt. In „Leid“ – und Berlin betreute die ihre wirklich bis zu deren Ableben – führt sie ihn für eine Liebesnacht ihrer an Krebs sterbenden Schwester zu. In „Eine Liebesaffäre“ schützt die Ich-Erzählerin eine fremdgehende Kollegin so intensiv, dass deren Ehemann sie für die Geliebte seiner Frau hält. Dass es da einen anderen Mann geben könnte, auf die Idee kommt er gar nicht. So viel auch zu Berlins sonderlichem Sinn für Humor.

Der Titel des Buches stammt von der Shortstory „Nach Hause finden“, einer von Berlins letzten. Eine alte Frau, das tragbare Sauerstoffgerät neben sich, sitzt auf der Veranda ihres Hauses. Das heißt: diesmal auf der vorderen, obwohl sie normalerweise die hintere bevorzugt. Da sieht sie zum ersten Mal die vielen Vögel in einem Baum, die kommen, sich versammeln, um gemeinsam wegzufliegen. Dorthin, wo es wärmer, schöner, besser ist. „Was habe ich sonst noch verpasst? Wie oft war ich in meinem Leben gewissermaßen auf der hinteren Veranda statt auf der vorderen? Was hat man mir gesagt, ohne dass ich es hörte? Welche Liebe mag es gegeben haben, die ich nicht spürte?“ Und wieder rührt Berlin an eine persönliche Schmerzgrenze, überschreitet sie, nur um zu zeigen, wie schutzlos Leben ist, steckt den Finger in die Wunde der Selbsterkenntnis und lässt nicht zu, dass diese herzblutende Stelle je vernarben könnte. Das muss man als Leser aushalten, wenn man ihre Geschichten lesen will. Und man kann sich keinen vorstellen, der das nicht möchte.

Über die Autorin:
Lucia Berlin wurde 1936 in Alaska geboren. Nach dem Zweiten Weltkrieg zog die Familie nach Chile, wo Berlin im Alter von zehn Jahren an einer Skoliose erkrankte. Ihre Kindheit zwischen einer depressiv-aggressiven Mutter, einem als Bergbauingenieur permanent abwesenden Vater und einem Großvater, der sich an den weiblichen Wesen der Familie vergriff, war der blanke Wahnsinn. Berlin war dreimal verheiratet und Mutter von vier Söhnen, die sie allein großzog. Sie arbeitete als Lehrerin, Sprechstundenhilfe, Putzfrau, Sekretärin, verlor ihre Jobs aber immer wieder schnell, weil sie ein Leben lang mit ihrer Alkoholsucht kämpfte. Und ein Leben lang begleitete Berlin auch die Sorge, sie könnte werden „wie sie“ – ihre Mutter. Die Erzählungen, entstanden in den 1960er- bis 1980er-Jahren, wurden in Zeitschriften und später in drei Erzählungsbänden veröffentlicht. Von 1994 bis 2000 war Berlin Dozentin an der Universität von Boulder in Colorado. Sie starb 2004 im kalifornischen Marina del Rey.

Arche Verlag, Lucia Berlin: „Was ich sonst noch verpasst habe“, Roman, 384 Seiten. Aus dem Amerikanischen von Antje Rávic Strubel.

www.arche-verlag.com

www.luciaberlin.com

Wien, 16. 8. 2016

Ibrahim Amir: „Habe die Ehre“

August 28, 2013 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Wiederaufnahme der Ehrenmordkomödie

Astrit Alihajdaraj, Tania Golden Bild: Anna Stöcher

Astrit Alihajdaraj, Tania Golden
Bild: Anna Stöcher

Ab 13. September wird im Theater Nestroyhof Hamakom die Ehrenmordkomödie „Habe die Ehre“ wieder aufgenommen. Als Autor der WIENER WORTSTAETTEN entwickelte der junge Syrer Ibrahim Amir in einem intensiven Arbeitsprozess den Überraschungserfolg der Wiener vergangenen Off-Saison. Ein Hit bei Presse und Publikum.

Zum Stück:

VATER: Wie hast du es getan?

EHEMANN: Ich habe die Waffe gezogen und ihn erschossen.

VATER: Einfach so? Du hast die Waffe gezogen und PUM? Sonst nichts?

EHEMANN: Ja. Ich meine, es war PUM-PUM. Zweimal PUM. Für zwei Kugeln.

Die Ehre der gesamten Familie wurde durch das schamlose Verhalten der  Ehefrau in den Dreck gezogen. Glücklicherweise konnte ein gezielter Schuss auf ihren Liebhaber das Schlimmste verhindern. Zur vollständigen Wiederherstellung der Familienehre fehlt nun nur noch die Tötung der Ungetreuen, so wie es dem alten, ungeschriebenen Gesetz der Urväter entspricht. Doch wer soll die Hinrichtung vollziehen? Während im Nebenraum die Frau unter dem Einfluss von Schlafmitteln ihrer Tötung entgegendämmert, ringt der Familienrat, bestehend aus Vater, Mutter, Bruder, Ehemann und Schwiegervater um eine Entscheidung. Doch es ist gar nicht so einfach, jemanden geplant kaltblütig zu töten. Jeder versucht, sich der vermeintlichen Pflicht zu entziehen: Faule Ausreden … alte Geschichten … plötzliche Krankheiten … jedes Mittel ist recht, um nicht zum Mörder der eigenen Tochter, Schwester oder Ehefrau zu werden. Und dann steht auch noch die Polizei vor der Tür, der vermeintlich tote Liebhaber mit einer Pistole im Zimmer und von der Tochter fehlt auch jede Spur. In diesem Chaos beginnt sich „der alten Väter Ordnung“ gänzlich aufzulösen. Jeder gegen jeden und alle um die Ehre.

In der Komödie des jungen, in Wien lebenden, syrischen Arztes und Schriftstellers Ibrahim Amir gibt es kein Tabu und kein Klischee, das nicht durch den Kakao gezogen wird. Seine Dialoge sind klug, knapp und griffig. Dem Autor gelingt mit seinem Theater-Debüt das Kunststück, eine Geschichte vom Ausmaß einer antiken Tragödie ins Wien von heute zu holen. Und seinen anspruchsvollen Stoff in eine grotesk-komische, schwarze Komödie zu verwandeln Ganz nebenbei  kreiert er dabei ein neues Genre: Die „Parallelgesellschaftskomödie“.

Mit Paola Aguilera, Maya Henselek, Alev Irmak, Elisabeth Veit;  Astrit Alihajdaraj, Oktay Günes, Marcel Mohab, Boris Popovic, Michael Smulik, Erol Ünsalan. Inszenierung: Hans Escher.

Zum Autor:

Ibrahim Amir ist Kurde und wurde 1984 in Aleppo (Syrien) geboren. Studium der Theater- und Medienwissenschaft an der Universität Aleppo, dessen Fortsetzung ihm nach drei Semestern aus politischen Gründen verboten war. Kam 2002 nach Wien, wo er das Studium der Medizin aufnahm, das er mittlerweile abgeschlossen hat. 2009 ausgezeichnet mit dem exil-Literaturpreis „schreiben zwischen den
kulturen“ für die Kurzgeschichte „In jener Nacht schlief sie tief“ (Anthologie: Preistexte 09, edition exil, Wien 2009). 2010/11 Autor der WIENER WORTSTAETTEN: Entwicklung des Stücks „Habe die Ehre“ (Per H. Lauke Verlag, Hamburg). 2012 Theaterperformance „Die Irren“ im KunstSozialRaum Brunnenpassage in Wien.

www.wortstaetten.at

www.hamakom.at

Wien, 27. 8. 2013