Schauspielhaus Graz/ORF III-Stream: jedermann (stirbt)

April 17, 2021 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Schlagerschulzen am Würstelstand

Die Tafel des reichen Mannes hier als Tresen einer Imbissbude: Nico Link, Katrija Lehmann, Fredrik Jan Hofmann, Raphael Muff. Lukas Walcher und Evamaria Salcher. Bild: © Lex Karelly

ORF III zeigte gestern im Rahmen der Reihe „Wir spielen für Österreich“ Ferdinand Schmalz‘ zeitgenössisches, grandios wortwitziges Gaukler-Spiel über die Gier und andere Todsünden: „jedermann (stirbt)“ aus dem Schauspielhaus Graz. Die Inszenierung von Daniel Foerster, nominiert für den Nachspielpreis des Heidelberger Stückemarkts 2020, ist noch sechs Tage in der ORF-Mediathek abzurufen. Schrill, schräg, exaltiert und exzentrisch, so präsentiert sich hier die Tischgesellschaft

des reichen Mannes, anderes als in der schwarzgoldenen Uraufführung von Stefan Bachmann am Burgtheater (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=28390), ein Video macht den Anfang, als hätt‘ der Herrgott die Sache immer schon auf dem (Bild)-Schirm gehabt. Aus den Garderoben, der Kantine, dem Regieraum eilt sie herbei, die High Society, der Hochfinanzhai hat zur Gartenparty geladen – die Ausstatterinnen Miriam Haas und Lydia Huller haben ihm dafür statt Weltbühne eine Imbissbude aufgestellt.

Schmalz hat seinen Hofmannsthal studiert, bevor er dessen Werk über- und ergo fortschrieb. Derart ist ein Zeitgeist-Zerrspiegel entstanden, der das Original weder zur Seite schiebt noch unkenntlich macht, sondern vielmehr die akuten Verhältnisse zur Kenntlichkeit entstellt. Dafür hat Schmalz die Figuren neu gruppiert – zur Buhlschaft-Tod, zum armen Nachbar Gott, zu den Werken-Charity, die gleichzeitig der Mammon ist, ganz erschöpft von den vielen Charity-Veranstaltungen: die füße wund vom walzertanzen / die hände krumm vom vielen schütteln / die nase rau vom vielen pudern / die stimme heiser vom palavern …

… und dennoch kein Spendenfluss ohne seitenblickendes Fressen und Saufen und Steuervorteile … wobei oder weshalb der Obolus derzeit lieber an gemeinnützige Vereine, vornehmlich solche ohne jegliche im Ibiza-Ausschuss nachzuweisende Verbindung zur einen oder anderen Partei, entrichtet wird … Katrija Lehmann – auch fabelhaft in „Zitronen Zitronen Zitronen“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=45582, nächster Stream-Termin am 29. April) und „Krasnojarsk: Eine Endzeitreise in 360°“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=44995, VR-Brille nun österreichweit zu bestellen) – Katrija Lehmann hat als Charity einen Oscar-reifen Melodram-Auftritt, bevor sie ermattet in Jedermann Raffael Muffs Arme sinkt.

Der arme Nachbar Gott: Henriette Blumenau. Bild: © Lex Karelly

Raphael Muff als Jedermann in der Neonlichtdämmerung. Bild: © Lex Karelly

Lukas Walcher, Katrija Lehmann und Raphael Muff. Bild: © Lex Karelly

Und apropos, arm: In Jedermanns blitzeblank-weißem Paradies, im Dorado des obszönen Lifestyles sind Krethi und Plethi nicht willkommen. Heißt im speziellen Fall, der arme Nachbar-Gott (ist weiblich): Henriette Blumenau mit Perlenbart, die zwar ihren alttestamentarischen Senft zu Jedermanns bevorstehendem Ableben gibt, ansonsten aber mit der Würzpaste ausgiebig besudelt wird. Die diesbezügliche Squeeze-Flasche ist rasch zur Hand, weil: Imbissbude. „Swallow“ steht in Neonschrift über dem Kiosk, Schlucks!, Schlucks runter! Das Friss-oder-stirb gilt denen vorm Zaun, dort wo’s brodelt, wo es Krieg und Kriegsopfer geben soll.

Doch das kriegt er, der’s mit der Wirtschaft-Treibende, der Börsentitan, der sich die Erde als Investment Untertan macht, der eitle Hedgefonds-Hero, nur sehr peripher mit. Zu sehr umgarnt ihn Buhlschaft-Tod, Lukas Walcher als Schwarze Witwe im kleinen Schwarzen, als unheimliche, androgyne Erscheinung die Sensation des Abends. Lasziv lockend, macht er Jedermann glauben, er sei der siebte Sohn des siebten Sohnes, während er in Wahrheit schon den Herzkasperl-Griff à la Domplatz trainiert. Welch eine Performance, die nur so vor Gift trieft.

Auch Raphael Muff spielt grandios als Jedermann, der Kapitalismusgewinnler ein Großkotz, der gar nicht anders kann, weil er nichts anderes kann, als Geld anzuhäufen, und dennoch zeigt Muff auch sympathische Seiten, kann in stillen Momenten Empathie erweckten. Prätentiös, prahlsüchtig, proletenhaft, am Ende des Tages aber verängstigt und klein, gestaltet Muff im Wortsinn einen jedermann, wie ihn sich Salzburg kaum besser wünschen kann, der Spekulant, der sich punkto Lebenszeit verspekuliert hat, und nun fürchtet, was alle fürchten: alleine gehen zu müssen. In einem Gnadenbild gewährt ihm Göttin Blumenau deshalb eine Pietà.

Foersters Inszenierung schmiegt sich stimmig um die Schmalz’schen Wortkaskaden, und spickt mit Verve die sprachgewaltigen, poetischen Verse mit einem flotten Liedchen hie und da. Schlagerschnulzen am Würstelstand, sozusagen. Höhepunkt: eine Ode an den Fleischkonsum, Musik: Jan Preißler, wen kümmert schon die Klimabilanz solang die eigene stimmt? Wie schön, dass neben Sarkasmus auch der Schenkelklopf-Humor zu seinem Recht kommt.

Das Opferlamm ist auserkoren: Blumenau, Muff, Walcher, Lehmann, Link, Hofmann und Salcher. Bild: © Lex Karelly

Schenkelklopfen mit dickem und dünnem Vetter: Frederik Jan Hofmann, Raphael Muff und Nico Link. Bild: © Lex Karelly

Link als Jedermanns Mutter, Jedermann rechtet mit Gott um sein Überleben: Muff und Blumenau. Bild: © Lex Karelly

Im Wortsinn ein Totentanz: Wenn Link, Muff, Blumenau, Walcher und Salcher tanzen, ist’s ein „Thriller“. Bild: © Lex Karelly

Diesen besorgen vor allem Frederik Jan Hofmann und Nico Link als dicker und dünner Vetter, zwei Volksverdreher, äh: Vertreter in Badehosen, die Schulden für eine Politkampagne angehäuft haben, erst schmeicheln, sich gar demütigen und hündisch züchtigen lassen, aber die Kurve kratzen, als es ans Sterben geht. Nicht ohne anzukündigen, dass sie nun wohl Jedermanns Konzerne übernehmen werden. Link übernimmt mit geflochtenem Haarkranz und im Trachtendirndl auch den Part von Jedermanns bigott-ländlich-sittlicher Mutter, Lehmann lässt als Mammon die Jedermann-Marionette an ihren Fäden zappeln. Evamaria Salcher will als Jedermanns Frau, man möcht‘ sie für den Glauben halten, dessen Sünden jedenfalls nicht ausbaden.

„jedermann (stirbt)“ vom Grazer Schauspielhaus schillert in allen Farben der Gegenwart, überzeugt durch ein fabelhaftes Ensemble, hervorragende Regieeinfälle und zombieösen Michael-Jackson-Thriller-Totentanz. Daniel Foerster hat aus Ferdinand Schmalz‘ Vorlage ein absurdes Theater, ja, ein Grand Guignol gemacht, samt Kasperl, Gretel, Krokodil jenseits aller Gendergrenzen. Doch bei all dem – siehe Würstelstand – blunznfetten Champagnisieren schreit die gesellschaftspolitische Brisanz laut auf: die Finanzoligarchie ist eine vielköpfige Hydra, sie zu bezwingen eine Herkules-Aufgabe.

„die eigentliche lehr, / die wir aus diesem spiele ziehen können, / ist, dass einer hier geopfert wird, / um unsere gemeinschaft rein zu waschen“, heißt es bei Schmalz, und ein Schelm, wer da ans Tagesaktuelle denkt. „Für all die lebenden Toten, für all die toten Lebenden“, sagt Buhlschaft Walcher singe man jetzt. Auf Deutsch, die ersteren in Europa, die zweiteren hinterm Festungswall. „Wir sind die Welt, wir sind die Kinder, wir haben den besseren Tag, also fangt an zu geben …“ Wahre Worte, die niemand leugnen kann.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=O6SDIlBXUyM           schauspielhaus-graz.buehnen-graz.com           tvthek.orf.at

  1. 4. 2021

Burgtheater: Des Kaisers neue Kleider / Junge Akademie

Februar 5, 2021 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Widersprechen – Regeln brechen

Des Kaisers neue Kleider: Arthur Klemt und Felix Kammerer. Bild: © Susanne Hassler-Smith

Das Burgtheater stellt von 5. bis 7. Februar noch einmal sein Familienstück im kostenlosen Stream zur Verfügung: „Des Kaisers neue Kleider“ frei nach Hans Christian Andersen in der Regie von Rüdiger Pape mit Arthur Klemt als Kaiser, Felix Kammerer als Lakai, Hanna Binder und Stefan Wieland als Ministerin für Reichtum und Geld und Minister für Ruhe und Ordnung, Lukas Haas und Annina Hunziker als Paul und Marie.

Der Stream ist über die Website des Burgtheaters oder den YouTube-Kanal abrufbar, es ist keine separate Anmeldung erforderlich. Für Menschen ab sechs Jahren.

Inhalt: Der Kaiser interessiert sich für Mode, Stoffe und Kleider. Er hat alles und von allem zu viel. Das Volk hat nichts und davon noch weniger. Misswirtschaft der Minister, Verschwendung der Ressourcen und kein transparentes und demokratisches politisches System schaffen Not und Missstände. Not macht erfinderisch. Marie und Paul haben einen genialen Einfall.

Mit diesem und ihrem Mut und mit Hilfe des Lakaien bringen sie das ganze System zu Fall. Am Ende wird der Kaiser nach Strich und dem sprichwörtlichen Faden hinters Licht geführt.

Das berühmte Märchen „Des Kaisers neue Kleider“ von Hans Christian Andersen ist eine allgemeingültige Geschichte über die Angst, nicht genug zu sein und nicht genug zu haben und darüber, wie viel der Einzelne mit Mut und Humor erreichen kann. Rüdiger Papes Kinder- und Jugendtheater-Inszenierungen werden regelmäßig von Festivals im In- und Ausland eingeladen und ausgezeichnet, das Familienstück der Saison 2020/21 ist seine erste Inszenierung für das Burgtheater.

Arthur Klemt, Hanna Binder, hi.: Stefan Wieland, Felix Kammerer. Bild: © Susanne Hassler-Smith

Stefan Wieland, Arthur Klemt und Hanna Binder. Bild: © Susanne Hassler-Smith

Die Abschlusspräsentation der Jungen Akademie im Stream

Am 6. Februar um 19 Uhr hat die digitale Präsentation der Jungen Akademie und ihrer insgesamt fünf Projekte Premiere – als Film, als Stream, als Hörspiel – moderiert von den Burgtheater-Ensemblemitgliedern Lilith Häßle und Felix Kammerer. Der Stream ist im Anschluss an die Premiere noch 72 Stunden auf der Burgtheater-Website und via Burgtheater-YouTube-Kanal abrufbar. Während der Premiere kann live via YouTube diskutiert und kommentiert werden, im Anschluss an die Premiere findet ein Publikumsgespräch via Zoom statt. Die Teilnahme an der Premiere ist kostenfrei – wer „nur zuschauen“ möchte, kann dies via Burgtheater-Website oder YouTube-Kanal des Burgtheaters tun, wer live während der Präsentation kommentieren möchte, benötigt dafür einen YouTube-Account.

Die Junge Akademie lädt die Menschen der Stadt ein, Akteurinnen und Akteure auf ihren Bühnen, in ihren Bezirken zu werden. In Zusammenarbeit mit Künstlerinnen und Künstlern des Burgtheaters, in Kooperation mit sozialen und kulturellen Einrichtungen der Stadt, arbeiten verschiedene Gruppen zum Thema Macht & Körper. Eigene Geschichten sollen auf die Bühne gebracht werden. Die Projekte sind so unterschiedlich, wie die Bezirke in denen geprobt wurde. In „Spieglein, Spieglein an der Wand, wer ist die Schönste im ganzen Land?“, in Kooperation mit dem Gleis 21, hat Theaterpädagogin Katrin Artl den Teilnehmerinnen die Frage gestellt: Wer bestimmt, wie Frauen sein sollen? Das Projekt richtete sich an Mädchen und Frauen ab 14. Was macht mich zur Frau, wer prägt mich und meine Kultur, meine Religion, meine Familie, meine Freundinnen? Wer möchte ich gerne sein? Was bedeutet es überhaupt Frau zu sein? Wie steht es mit Solidarität und wie entsteht Konkurrenz?

Burgtheaterstudio. Bild: © Daniela Trost

Junge Akademie: Regeln ändern. Bild: © Burgtheaterstudio

„Es war einmal …“ – in Zusammenarbeit mit dem Verein JUHU! haben junge Menschen unterschiedlicher Herkunft mit der Schauspielerin Monika Haberfellner und der Journalistin Katrin Wimmer an einem Hörspiel und kurzen Videosequenzen zum Thema Märchen gearbeitet. Das Projekt „Wer darf Widerspruch“ in Kooperation mit der Brunnenpassage und der Kunsthalle Wien setzte sich filmisch und performativ mit Mechanismen von Macht und Ohnmacht auseinander, unausgesprochene Regeln der gesellschaftlichen Ordnung in Österreich wurden dabei unter die Lupe genommen. Wie ist es möglich über Rassismen, Sexismen, Diskriminierungen zu sprechen? Was braucht es dazu? Und vor allem – Wer darf es? Und auch wann? Wer darf Widerspruch. Geleitet wurde das Projekt von der Theater- und Filmregisseurin Nina Kusturica.

Das vierte Projekt ist ein Chor-Projekt in einer digital-tauglichen Adaption, umgesetzt von der Theaterpädagogin Raphaela van Bommel. In „Regeln ändern“ wurde mit Elementen und Texten aus dem aktuellen Spielplan des Burgtheaters gearbeitet. Das Tanz-Projekt „Über die Grenzen in die Freiheit“ beschäftigte sich mit dem Thema Selbstständigkeit, Freiheit und Grenzen. Werden Grenzen durch Worte festgelegt? Welche Grenzen braucht die Freiheit? Im Rahmen der Jungen Akademie am Burgtheater wurde das Tanz-Projekt an mehreren aufeinanderfolgenden Workshop-Tagen mit der Choreografin Daniela Mühlbauer erarbeitet.

www.burgtheater.at           www.youtube.com/user/BurgtheaterWien

5. 2. 2021

Maria Haas: Matriarchinnen / Matriarchs

Januar 29, 2021 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Gesichter und Geschichten von Frauen

„Wir werden von den Familien in ihre Clanhäuser eingeladen, die rund um den See kleine Dörfer bilden. In den großen Innenhöfen wird gearbeitet, gespielt und die Ernte aufgetürmt – jeder folgt einer unsichtbaren Ordnung, die unsere Anwesenheit nicht zu stören scheint. Oberhaupt des Clans ist die Großmutter – Ah mi genannt, um die sich alle Kinder und Enkelkinder scharen. Die Ah mi erhält und verwaltet sämtliche Einkünfte des Clans und ihr gehört das gesamte Anwesen samt Land – ein Besitz, den sie an ihre Töchter weitergibt, wenn sie die Zeit dafür reif findet.“

So schildert die Klosterneuburgerin Maria Haas ihre Begegnung mit den Mosuo, einem matriarchal geführten Volk in China, das die Fotografin auf ihren Reisen für den Bildprachtband „Matriarchinnen / Matriarchs“ besuchte. „Mir ist bei dieser Reise eine Härte und Kargkeit begegnet, die in unserer westlichen Wohlfühlwelt kaum vorstellbar ist. Aber auch Herzlichkeit und besondere Gastfreund- schaft sowie ein unbändiger Wunsch nach Freiheit“, sagt Haas.

Und weiter: “Ich interessiere mich sehr für einzigartige Menschen, Kulturen und Gesellschaftsformen. Bei meinen Recherchen habe ich festgestellt, dass es noch ein paar wenige mit matriarchalen Strukturen gibt. Fasziniert von diesem Thema beschloss ich, sie kennen zu lernen und zu dokumentieren. Die letzten drei Jahre bereiste ich China, Indien, Indonesien und West Afrika. Ich fotografierte unterschiedlichste Völker wie die Mosuo, Bijagos, Minangkabou, Khasi, Garo und Jaintia.“ Zu den ausdrucksstarken Gesichtern erzählt Maria Haas sagenhafte Geschichten. Über Feminismus und Emanzipation in Regionen der Welt, wo man diese Begriffe gar nicht kennt.

„Matriarchale Gesellschaften sind egalitär und zeichnen sich durch nicht-hierarchische Sozialstrukturen aus. Ihre wirtschaftlichen Werte basieren auf Ausgleich und Solidarität, private sowie politische Entscheidungen werden stets im Konsens getroffen. Somit ist das Matriarchat alles andere als die bloße Umkehr des Patriarchats“, erklärt Haas im Buch. „Die Matriarchin ist Oberhaupt der Sippe und Verwalterin des Sippenbesitzes. Die Matriarchin gibt Anweisungen und ist Ratgeberin. Sie genießt natürliche Autorität statt Befehlsmacht und sieht ihren Einfluss als Verpflichtung zum Wohlergehen des Clans.“

Kind und Karriere zu vereinbaren, ist im Gegensatz zum westlichen Kleinfamilienmodell im Clan kein Problem – wobei den Onkeln, also den Brüdern der Frauen, mehr von einer Vaterrolle zukommt, als den leiblichen Vätern. “Bei uns gibt es keine Heirat – wir leben sogenannte ,Besuchsehen‘. Unsere Männer besuchen uns die Nacht über und kehren früh morgens in die Häuser ihrer Mütter zurück“, sagen die Mosuo-Frauen.

Drei Generationen Mosuo. Bild: © Maria Haas / Kerber Verlag

Bei den Minangkabau. Bild: © Maria Haas / Kerber Verlag

Frauen des Jaintia-Reiches. Bild: © Maria Haas / Kerber Verlag

Mädchen der Minangkabau. Bild: © Maria Haas / Kerber Verlag

Die Minangkabau in West-Sumatra, Indoniesien, sind mit mehr als drei Millionen Menschen die größte matrilineare Ethnie auf Erden – und auch eine der spannendsten, da sie doch mühelos Koran und Matriarchat verbinden. „Der Islam stieg von den Küsten auf, während Adat [so die Bezeichnung der traditionellen Regeln, Anm.] von den Bergen herunterstieg“, sagen sie. „Auch als Muslima haben wir Frauen der Minangkabau eine starke Rolle inne, denn für uns zählt die Kultur weit mehr als die Religion.“ Wie lange noch, ist allerdings fraglich: der Einfluss des modernen Lebens in den Städten unterhöhlt die Kultur der Minangkabau.

Von den Mentawai, den letzten Ureinwohnern Indonesiens, und den Bijagos in Guinea Bissau, die zwischen Animismus und Christentum, Frauenrat und Dorf-Monarchie leben, und bei denen die Frauen für die Rituale, Zeremonien, Feiern und auch Begräbnisse zuständig sind – „denn nur Frauen haben die Fähigkeit, den verstorbenen Seelen den Weg in den Himmel zu zeigen“, geht es zu den Khasi, Garo und Jaintia in Indien. Die Jaintia im Osten und Nordosten Meghalayas, die die weitgereiste Gruppe um Maria Haas „freundlich, aber ein wenig reservierter empfangen. Seit Jahrhunderten leben sie vom Bergbau und erlangten dadurch etwas größeren Wohlstand, der in gemauerte und bunt getünchte Häuser und geordnete Wege investiert wurde.“

Viele Mythen und Legenden ranken sich um die Region, das einstige Königreich Jaintia, über dessen Aufstieg und Fall in der Mahābhārata, dem wichtigsten Sanskrit-Epos, berichtet wird. Auch sollen die Jaintia ihren Namen vom Schrein der Jayanti Devi oder Jainteswari, einer Inkarnation der Göttin Durga, ableiten, der Allmutter und weiblichen Urkraft, die in ihrer zornigen Manifestation als Kali auftritt – und der angeblich das letzte Mal im anglo-birmanischen Krieg 1832 drei Briten geopfert worden sind …

Kämpferisch sind auch die Mannfrauen in Albanien. „Schon im 19. Jahrhundert haben Reisende von den Burrneshas berichtet, denen sie im Norden des Landes begegneten“, ist in Maria Haas‘ Buch nachzulesen. „Frauen, die ihre weibliche Identität niederlegen, um wie Männer zu leben. Mit dem historisch tradierten Rollentausch stehen ihnen die Rechte der Männer zu und innerhalb der strikt patriarchalen Gesellschaft wird den Mannfrauen eine respektvolle Sonderstellung zuteil. Dieser Schritt in die Freiheit hat seinen Preis – Burrneshas leben zölibatär, ohne Heirat und Kinder.“

Matriarchin der Mosuo. Bild: © Maria Haas / Kerber Verlag

Matriarchin der Mosuo. Bild: © Maria Haas / Kerber Verlag

Matriarchin der Minangkabau. Bild: © Maria Haas /Kerber Verlag

Wer nicht heiraten möchte – weil etwa häusliche Gewalt gegenüber Frauen als Recht des Ehemannes geduldet wird – hat keine andere Wahl. Denn als Frau unverheiratet zu bleiben, gilt in den archaischen Clanstrukturen als Entehrung der Familie. Mancherorts spielen auch äußere Umstände mit – wenn der Vater oder ein männlicher Nachfolger fehlen, kann nur eine Burrnesha die Position des Familienoberhaupts einnehmen. Einzigartig in ganz Europa wird ihnen offiziell ein hoher sozialer Status zugeschrieben.

„Niemand traute sich, eine Hochzeit für mich zu arrangieren. Mein Vater hat meiner Mutter befohlen, mich so sein zu lassen wie ich sein wollte – ein Junge“, sagt Hajdar, mit ihren 90 Jahren die älteste Burrnesha, die Haas aufsucht: „Stolz und breitbeinig sitzt sie in der weißen Männertracht vor uns. Von all unseren Gesprächspartnerinnen pflegt sie die alten patriarchalen Sitten am stärksten. In ihrem Haus gibt es heute noch das Herrenzimmer, in dem sich die Männer treffen und Frauen keinen Zutritt haben, um den Raum nicht zu entweihen. Auch das Essen dürfen sie nur bis zur Schwelle tragen – ein Abbild der tradierten wie antiquierten Geschlechter­verhältnisse.“

Welch ein Unterschied zu beispielsweise den Mentawai, bei denen Haas „die Achtsamkeit, mit der die Mentawai allen Wesen begegnen“ beobachtet, den lebenden, wie den verstorbenen, selbst tote Tiere werden mit Respekt beerdigt. „Das hat mich besonders berührt.“  Solcherart führt einen die Fotografin durch eine Welt der Frauen, von denen „vor allem die alten mit ihrer vom Leben gezeichneten Schönheit und Aura stolz und ohne Scheu in die Kamera blickten, während die jüngeren kicherten und verlegen waren.“ Zum Bildprachtband und zum Abschluss passt ein Zitat von Marie von Ebner-Eschenbach: Wenn eine Frau sagt „Jeder“, meint sie: jedermann. Wenn ein Mann sagt „Jeder“, meint er: Jeder Mann.

Kerber Verlag, Maria Haas: „Matriarchinnen / Matriarchs“, Bildprachtband mit 116 farbigen Abbildungen, 164 Seiten. Mit Texten von Maria Haas, Brigitte Krizsanits und Christina Schlatter.

www.kerberverlag.com           mariahaas.at

  1. 1. 2021

Burgtheater: Die Hermannsschlacht

November 29, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Zersägte Jungfrau in fünfzehn Einfriersackerln

Im Liebesblutrausch nach der Jagd auf den Auerochsen: Bibiana Beglau als Thusnelda und Bardo Böhlefeld als Ventidius, Legat von Rom. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Auf der Innenseite des Programmhefts sind die Standorte der Cherusker, Sueven und Cimbern verzeichnet, und mitten drin der Stamm der Miss- vergnügten, und nein, das ist kein Feixen punkto Zuge- hörigkeiten, so dramatisch ist es nicht. Eher ist es das zu wenig. Weshalb mit folgenden Anmerkungen begonnen werden soll, nämlich, dass zum einen kaum jemals ein Burgtheater-Ensemble seinen Text so wortundeutlich vor sich hingemurmelt hat.

Als auf der Bühne der Satz fällt „Ich verstehe kein Wort“, ertönt aus dem Publikum ein belustigtes „Wir auch nicht!“ – und Lacher!, und nur, weil das Nachbarhaus genau dafür seit Jahren gescholten wird, Ringseitenwechsler Rainer Galke als Sueven-Fürst Marbod ist der bei Weitem Bestverständliche. Zum anderen aber, und das scheint tatsächlich schwerer zu wiegen, ist die Lesart der Thusnelda eine fatale, nicht nur aus frauenbewegter Sicht, sondern auch aus dramaturgischer, wurde der Figur doch jede tragische Fallhöhe genommen. Bei einem werkeinführenden Gespräch leitete Darstellerin Bibiana Beglau vom einstigen Kosenamen ihres Charakters zum nunmehr salopp abwertenden „Tussi“ über – und bei dieser Rollenzuschreibung ist sie auch geblieben.

So weit, so … also: Martin Kušej hat gestern seine erste Neuinszenierung für Wien präsentiert, der Chef, weil die Betitelung Direktor mag er gar nicht, der sich gern als kontroversieller Regisseur gibt, ein ebensolches Stück für diese Auftaktarbeit ausgewählt, Heinrich von Kleists „Hermannsschlacht“, und am Ende mit gutgelaunter Castorf’scher Geste die gelegentlichen Buh-Rufer zu einem „Mehr! Mehr!“ eingeladen. Allein, dazu verebbte der Applaus allzu bald.

Von Kleist 1808 geschrieben und angesiedelt 9 n. Chr., verweist der stets jenseits der etablierten Literaturlager stehende Außenseiterautor mit der Vernichtung der Varus-Legionen im Teutoburger Wald auf der Deutschen Virtualität gegen die napoleonischen Truppen, die „Hermannsschlacht“ ein fünfaktiger Aufruf zu Widerstand und Waffengang, die Cherusker ganz klar die Preußen, die Römer gleich den Franzosen und die Sueven eine Handvoll Österreicher. Doch waren’s nicht Kleists Zeitgenossen, sondern erst die Nationalsozialisten, die das Historiendrama als teutschen Mythos und Appell zum totalen Krieg freudig aufführten.

Aufgedonnert für die Römer: Markus Scheumann und Bibiana Beglau. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Die Ehe ist ein Ringelspiel: Markus Scheumann und Bibiana Beglau. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Feldherr Varus hat „Tussi“ Thusnelda reich beschenkt: Bibiana Beglau. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Zwischen diesem ideologisch kontaminierten Pol und dem des baskenbemützten Peymann’schen Partisanenkämpfers aus dem Jahr 1982 bewegt sich Kušej, der als seine Referenz die Schriften von Barbara Vinken, vor allem ihre Monografie „Bestien. Kleist und die Deutschen“ nennt, und in Kenntnis dieser wird offenkundig, dass Kušej deren Thesen vollinhaltlich spielen lässt. Heißt: „Die Hermannsschlacht“ nicht als Propaganda-, sondern als Lehrstück in Sachen derselben, heißt: Hermann als zynischen Hetzredner, Vinken nennt seine bevorzugte Rhetorik die der Rhetoriklosigkeit, Kušej ihn einen „Bruder im Geiste aller Fake-News-Populisten“, Hermann ein Kriegs-Führer ohne Schlachtenmoral, ein Gatte, der seine Frau Thusnelda systematisch vom sexuellen Lockvögelchen für Ventidius zur Bestie entmenscht.

Auf der Bühne des Burgtheaters hat Martin Zehetgruber einen Wald aus phallischen Betonwellenbrechern aufgebaut, und ein rotierendes Pferdekarussell. Doch bevor dies zu sehen ist, findet Stefan Wieland als Römer Scäpio in der den Abend dominierenden Düsternis noch einen ausgeweideten Frauenkörper. Das Opfer einer Kulthandlung, mit Hirschgeweih/Dornenkrone und in Blut gezeichnetem, hakenkreuzähnlichem Symbol auf der Schulter, eine Warnung an alle, dass weitere Gräueltaten folgen werden. Siehe die bei Kušej eindeutig von Hermann als Befehl an seine Schergen ausgegebene und den Gegnern angelastete Massenschändung eines germanischen Mädchens.

Die Hally-Szene, die hier darin gipfelt, die zersägte Jungfrau als sozusagen fachmännisch aufgebrochene Jagdtrophäe in fünfzehn Einfriersackerln den ebenso vielen Stämmen zu übermitteln – ein Anblick, der je nach Betrachtung von freiwillig gewählter oder unfreiwilliger Komik ist, während Kušej den Ventidius‘schen Bärenfraß deutlich dezenter andeutet, ist im lichtlosen Zwinger ja nichts zu erkennen, dafür umso mehr zu erahnen. Thusnelda wurde von Hermann zu dieser hasserfüllten Handlung heißgemacht, der Bärendienst einer Barbarin, und Kušej lässt, wie im Fall Hally, keinen Zweifel daran, dass der Brief, in dem Thusneldas römischer Lover seiner Kaiserin Livia deren Goldhaar als Kriegsbeute verspricht, vom Cherusker-Fürsten fingiert ist.

Wie gesagt, Bibiana Beglau macht die manipulierte Rachsüchtige, erst mit Ventidius halbnackt-erotisch vom rohen Auerochsenfleisch fressend, dann hundehechelnd zu Hermanns Füßen, wenig später sich blöd-begeistert mit Varus‘ Goldgeschenken behängend, der Dressurakt von Weib zu Weibchen zu wildem Tier frühzeitig vollzogen, vorweggenommen, Effekt im Eimer. Wobei von der von Kušej angekündigten einzigen Humanistin weit und breit von Anfang an keine Spur ist, und er letztlich auch ihr entsetzliches Ehedrama verschenkt. Stattdessen spielt die Beglau eine an die Schmerzgrenze gehende Stupidität. „Schau mal!“, schreit dieser Blondinenwitz auf Beinen den Hermann an, damit er sieht, wie sich seine Landpomeranze, in Highheels stöckelnd, mit grellblauen Augen-Makeup, ihr zerzaustes Haarnest als Römerinnen-Style ausgebend, für den Besuch der Besatzer zurechtgemacht hat.

Der römische Schreiber Scäpio findet im Wald ein ausgewaidetes Frauenopfer: Stefan Wieland und Valerie Martin. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Gipfeltreffen: Scheumann, Wieland, Falk Rockstroh als Varus, Böhlefeld, Wolfram Rupperti als Aristan und Till Firit als Septimius. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Fackelzug in Gauleitergelb: Dietmar König als Egbert, Scheumann, Paul Wolff-Plotegg als Eginhardt und Max Gindorff als gemeuchelter Bote. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Die österreichischen Sueven bei Bratwürstl und 16er-Blech: Marcel Heuperman als Attarin, Rainer Galke als Marbod und Robert Reinagl als Komar. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Markus Scheumann hingegen ist als Hermann ein intellektueller, listenreicher, vornehmlich jedoch leiser Intrigant, der fast unmerkbar fein Freund und Feind verhöhnt, und der vor der Pause vorwiegend so agiert, als ginge ihn das alles nichts an. Mit moralinsaurer Miene ordnet dieser Teflonmann die ärgsten Monstrositäten an, motiviert andere eiskalt zu Meuchelmorden, nicht ohne darauf hinzuweisen, dass das alles nicht in seinem Interesse geschehe – umso abscheulicher die Verwandlung im zweiten Teil, wenn er Gift und Galle spuckend mit den dumben, deutschen Ochsen abrechnet, die seine Intentionen nicht begreifen können, Scheumanns Hermann nun mutiert zum rechtsnationalen Demagogen, vom völkischen Beobachter zum Gewaltherrscher.

Als sein Kontrahent Varus bleibt Falk Rockstroh so blass, als hätte er sich bereits mittels des eigenen Schwertes entleibt, der Rest, Paul Wolff-Plottegg, Dietmar König, Sabine Haupt, Daniel Jesch, Till Firit, Wolfram Rupperti, Arthur Klemt …, verkörpert Diverse und dies durchwegs unauffällig. Zur Kennzeichnung der allesamt Anzugträger sind die germanischen Haudraufs barfuß, die römischen Politfunktionäre in schicken Schuhen unterwegs. Die Sueven, Rainer Galke, Marcel Heuperman und Robert Reinagl, trinken zu ihren Würsteln Ottakringer aus der Dose, einige Sätze der Römer sind in ein Küchenlatein übertragen, durch welches holpernd sich nur Bardo Böhlefeld als Ventidius mit leicht italienischem Idiom tapfer schlägt.

Es war von Kušej vorab vermeldet, er werde „Die Hermannsschlacht“ zur politischen Positionierung des Burgtheaters benutzen, ergo geschieht der Hinterhalt gegen Varus als Fackelzug in gauleitergelben Langmänteln samt Fasces-Armbinden. Unter der Montur sind die Germanen nackt, so wie die Jünglinge, die das Ringelspiel hereinrollt – ob das als Seitenhieb auf SS-Homosexualitäten zu interpretieren sein soll, bleibt einem selbst überlassen. Und das Resultat – fad: Kleists Splatterorgie kommt in Kušejs langatmiger Auslegung nur bedingt zu ihrem Recht. Zwar gelingen Zehetgruber starke, mitunter giftgrüne oder schwefelgelbe Nebelbilder, zwar dröhnt die Musik von Bert Wrede äußerst unheilvoll zu den – no na – Blackouts, doch insgesamt kommt die Angelegenheit nicht in die Gänge. Warum nur wurden die Darsteller dazu angehalten, derart zu unterspielen?

Als Schlussbild jedenfalls stehen die geeinten Mannen als Burschenschafter im Festwichs und mit glänzenden Stiefeln da, Thusnelda nun ein BDM-Gretchen in grau-biederem Kostüm, und rufen ihrem Hermann „Heil!“. Die Grußbotschaft verstanden? Aber ja!

www.burgtheater.at

TV-TIPP: ORF III zeigt am 1. Dezember, 20.15 Uhr, eine Aufzeichnung der Inszenierung „Die Hermannsschlacht“: tv.orf.at/program/orf3

  1. 11. 2019

Josef Hader im Gespräch

Februar 20, 2015 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Der neue Brenner: „Das ewige Leben“

Josef Hader  Bild: © Dor Film

Josef Hader
Bild: © Dor Film

Am 5. März startet in den heimischen Kinos „Das ewige Leben“: Gestern stand er am Rande des Abgrunds, heute ist er einen Schritt weiter: In Wolfgang Murnbergers vierter Verfilmung eines Krimis von Wolf Haas verschlägt es den Brenner zurück in seine Heimatstadt Graz – wo ein dunkles Geheimnis aus der Vergangenheit auf ihn lauert. Mit dabei: Tobias Moretti, Roland Düringer, Johannes Silberschneider, Hary Prinz und Nora von Waldstätten.

Jetzt wär’s echt schön, wenn eine Zeitlang einmal nichts passieren würde. Der Brenner (Josef Hader, wer sonst) ist nun vollinhaltlich eine gescheiterte Existenz, nur das kleine Haus seiner verstorbenen Mutter im Grazer Nicht-sehr-Nobelbezirk Puntigam ist ihm geblieben, eine erbärmliche Bruchbude ohne Strom, dafür mit undichtem Dach. Also zieht er um, von der Hauptstadt in die Heimatstadt. Back to the roots, sozusagen. Die sind durch eine Jugendsünde ziemlich angefault, genau wie sein Dachstuhl. Als Brenner nämlich seinen alten Polizeischulfreund Köck (Roland Düringer), heute als zwielichtiger Altwarenhändler tätig, aufsucht, um sich Geld auszuborgen, steht auf einmal auch der Aschenbrenner (Tobias Moretti) da – auch einer von damals, und immer noch einer von denen: Aschenbrenner ist jetzt Chef der Kriminalpolizei. Tja, und wenig später ist der Köck tot, und der Brenner liegt mit einem Kopfschuss im Krankenhaus …
.

Das Leben ist hart, aber unfair. In seinem vierten Kino-Abenteuer als trauriger Sturschädel Brenner ähnelt Josef Hader mehr denn je den Anti-Helden aus den großen Tragödien – Hirn, Herz und Seele werden ihm ordentlich hergebeutelt in diesem furios inszenierten Krimi, in dem neben Tobias Moretti als beängstigend moralbefreitem Amtsfürsten, Nora von Waldstätten als ebenso charismatischer wie tatkräftiger Medizinerin und Roland Düringer als herrlich grindigem Kleinkriminellen auch die steirische Hauptstadt Graz in all ihrer Pracht zur Geltung kommt: Ein filmischer Hochgenuss, bis zum bitterbös-brachialen Ende. Josef Hader im Gespräch:

MM: Vor zwei Wintern bin ich in dieses Caféhaus gekommen und Hader, Murnberger, Haas saßen an einem Tisch. Ich dachte: Jetzt fotografieren und twittern: Jetzt wird wieder was passieren. Der flotte Dreier funktioniert also noch?

Josef Hader: Er hat funktioniert. Es war kein leichtes Schreiben, wir haben zwei-, zweieinhalb Jahre gebraucht, um die Geschichte dort zu haben, wo wir sie wollten. Also, einfach war’s nicht, aber wir haben uns nicht zerstritten und sind noch immer gute Freunde.

MM: Im Drehbuch wird Ihr Name als erster genannt. Ist das, weil Sie so berühmt oder so berüchtigt sind? Wie laufen Kreativprozesse bei euch ab?

Hader: Am Beginn ist es so, dass wir uns ein bissl kasernieren und überlegen, wie die Filmgeschichte ausschauen soll, wie weit wir vom Roman weggehen wollen, dann schreiben Wolfgang Murnberger und ich abwechselnd Fassungen, die dann zu dritt diskutiert werden. Bei Meinungsverschiedenheiten gibt’s eine eindeutige Mehrheit.

MM: Der Brenner ist eine Figur, die Sie – natürlich mit Abständen – seit 14 Jahren verkörpern. Ist er Ihnen zur zweiten Haut geworden?

Hader: Nein, überhaupt nicht. Bevor man die Rolle spielt, muss man sich vom Drehbuch abnabeln. Man muss sich nicht mehr, wie als Drehbuchautor für die Szene, sondern für die Figur interessieren. Also nicht, wie die Szene besser werden soll, sondern wie’s meiner Figur in der Situation geht, welche Interessen sie im Moment hat. Das ist ein schwieriger Prozess, den Drehbuchautor hinter sich zu lassen und Schauspieler zu sein. Da gibt es keine Routine. Noch dazu, wo der Brenner in jedem Film vor neue Probleme gestellt wird.

MM: Aber in Summe kann man schon sagen, Josef Hader ist gereift wie guter Rotwein und der Brenner eher wie Camembert.

Hader: Ein schönes Bild. Da kann i gar nichts sagen dazu, so schön ist die Metapher.

MM: In „Das ewige Leben“ ist der Brenner endlich total am Sand. Dazu haben Sie sich Äußerlichkeiten überlegt.

Hader: Wolfgang und ich haben uns das überlegt. Es sollte neu sein: Also Vollbart, das war mein Vorschlag. Und Wolfgang sagte: Das passt, besser kann man sozialen Abstieg nicht mit einem modischen Accessoire kombinieren.

MM: Ist Ihnen der Brenner über die Jahre sympathischer geworden?

Hader: Ich glaub’, dass er mir nicht sympathischer geworden ist. Man erfährt von Film zu Film mehr über ihn – und je mehr man über jemanden erfährt, um zu schwieriger ist es, ihn zu mögen. Wenn er ein realer Mensch wäre, würde man ihn für ein Oarschloch halten.

MM: Ich sehe das etwas anders: Sie haben es geschafft, das österreichische Kinopublikum von der Schadenfreude über diese tragische Figur Brenner zum Mitleiden zu bringen. Sie erfüllen da fast eine katholische Funktion.

Hader (er lacht): Dazu kann ich kaum was sagen. Der Film hat seine Zauberregeln, und eine davon ist, dass einen Figuren, an denen man im Leben nicht einmal anstreifen möchte, im Kino zum Weinen bringen. Dass man sie am liebsten umarmen möchte. Das liegt sicher daran, dass man sich emotional in Situationen hineinziehen lassen kann, die weit weg auf der Leinwand stattfinden.

MM: Der erste Brenner-Film war eine Krimi-Komödie, der zweite ein Thriller, der dritte ein Horrorfilm. Ist „Das ewige Leben“ nun ein Cop-Story?

Hader: Wir versuchen nie Seriencharakter zu haben, jede Anspielung auf frühere Filme zu vermeiden. Jeder Film soll sein eigener Genremix sein. Ein Teil davon ist Cop-Film. Diese alten, gescheiterten Männer kann man am besten in diesem Genre zeigen. Weil’s vielleicht einmal gute Polizisten waren. Das lässt ihnen einen Rest von Würde.

MM: Sie haben diesmal zwei sehr prominente Kombattanten Tobias Moretti und Roland Düringer. Wie war die Zusammenarbeit? Ein steter Wechsel von der finnischen Sauna ins Eiswasserbecken?

Hader: Johannes Silberschneider ist auch dabei. Als Brenners nerviger Nachbar. Und alles war natürlich total harmonisch. Ich würde auch, wenn die Sesseln geflogen wären und wir uns niedergebrüllt hätten, sagen, dass alles super war. Aber es war tatsächlich so. Wir haben alle eine Gemeinsamkeit: Wir sind Improvisierer, Musikanten, haben gern wenn der Partner einmal was anderes macht und man anders regieren muss. Von daher sind wir, obwohl wir sehr unterschiedliche Menschen sind, sehr ähnlich von der Schauspielweise. Wir haben uns beim Arbeiten sehr gut verstanden. Den Roland kenne ich ja schon immer; wir haben im Kabarett Niedermair miteinander in den 80er-Jahren angefangen. Den Tobias habe ich neu kennen gelernt, wir waren anfangs ein bisschen vorsichtig miteinander. Aber spätestens, wenn wir über Musik oder über Hans Brenner (österr. Schauspieler, † 1998, Vater von Moritz Bleibtreu, Anm.), den wir beide gekannt und sehr geschätzt haben, und der ja auch der Namensgeber der Figur ist, haben wir jede Scheu fallen gelassen. Tobias ist ein richtig lässiger Jazzer als Schauspieler, er spielt aus dem Bauch, hat noch wunderbare Ideen, knapp bevor sich die Kamera einschaltet: Sagt, schau’, mach’ da des anders. Des is total einmalig in der Zusammenarbeit.

MM: Was man von der Handlung verraten kann: Es gibt mehr Tote, als in einem durchschnittlichen „Dirty Harry“, und es gibt mehr als einen Täter.

Hader: Leute, kommt ins Kino! (Er lacht wieder.) Aber im Vergleich dazu, dass es in jedem „Tatort“ nur mehr Serienkiller gibt, sind wir sehr bescheiden. Wir machen ja keine Whodunits, die sind dem Wolfgang und mir zu sehr Mathematikrätsel. Wir wollen Drama, Brenners Kampf , davonzukommen, zeigen und menschliche Beziehungen in den Mittelpunkt stellen.

MM: Der Brenner leidet in diesem Film stärker denn je an Migräne …

Hader: Ja, deswegen habe ich auch mit Menschen gesprochen, die das Gefühl kennen, dass einem der Schädel explodiert. Weil, i hab’ nie Kopfweh. Selbst noch durchzechten Nächten nicht.

MM: Sie machen als Brenner diesmal Dinge, die ich Ihnen nicht zu getraut hätte: mit einer Kettensäge hantieren und Moped fahren. Haben Sie Gefahrenzulage bekommen.

Hader: Die kriegt man nicht beim österreichischen Film, aber sie wäre tatsächlich notwendig gewesen, weil dieses Moped ein altes war. Die Hinterachse hat’s immer gewandlt. Ich musste recht wild damit herumfahren, und ich war oft froh, wenn eine Mopedszene im Kasten war, wenn ich wusste, ich muss mich jetzt nicht wieder auf der Verfolgungsjagd im Tunnel zwischen LKW und Wand durchdrücken. Ohne Sturzhelm und hoffentlich ohne Reifenplatzer. Aber Motorsäge und Moped, sind etwas, das man einfach lernt, wenn man am Land aufwachst. Des kann jeder von an Bauernhof.

MM: Es gibt zwei nachfolgende Wolf-Haas-Brenners: „Der Brenner und der liebe Gott“ und „Brennerova“, in dem er heiratet. Was wäre für Sie schlimmer? Gott oder Ehe?

Hader: Interessanter ist sicher, den lieber Gott zu treffen. Das haben noch wenige erlebt.

MM: Wie geht’s jetzt weiter?

Hader: Mit einer Pause. Das ist wie bei einer Geburt. Nach zwei, drei Jahren, wenn man vergessen hat, wie schwer das war, geht man’s wieder an. Vorausgesetzt, die Resonanz beim Publikum ist entsprechend.

MM: Und Kabarett? Wann kommt was Neues?

Hader: Ich habe eine Idee, aber nicht das Gefühl, ich muss das jetzt unbedingt sofort machen. Ich habe mich ans Teamwork beim Film so gewöhnt. Ich mache als nächstes mit Erni Mangold und Maria Hofstätter einen „Landkrimi“ in Oberösterreich – und ich freu’ mich schon sehr darauf. Das sind zwei Schauspielerinnen, mit denen ich schon so gern so lang’ was machen wollte, und jetzt hat es sich ergeben.

MM: Sie werden doch auf Ihre alten Tage nicht noch gesellig werden?

Hader: Nur beim Arbeiten, nicht im Leben.

MM: Wie finden Sie Ihre Rolle als Ikone des Kabaretts? Junge Kollegen zitieren Sie oder Sie sprechen in deren Programmen vom Band. Wie fühlen Sie sich in dieser Rolle?

Hader: Dadurch, dass i immer mit mir z’samm’ bin, kenn’ i mi besser als andere. Und dadurch ist keine Gefahr gegeben, dass ich mich selber als irgendetwas empfinde, das an der Wand hängt.

http://dasewigeleben.at/

Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=FnUyX6zyV8o

Wien, 20. 2. 2015