Burgtheater: Die Hermannsschlacht

November 29, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Zersägte Jungfrau in fünfzehn Einfriersackerln

Im Liebesblutrausch nach der Jagd auf den Auerochsen: Bibiana Beglau als Thusnelda und Bardo Böhlefeld als Ventidius, Legat von Rom. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Auf der Innenseite des Programmhefts sind die Standorte der Cherusker, Sueven und Cimbern verzeichnet, und mitten drin der Stamm der Miss- vergnügten, und nein, das ist kein Feixen punkto Zuge- hörigkeiten, so dramatisch ist es nicht. Eher ist es das zu wenig. Weshalb mit folgenden Anmerkungen begonnen werden soll, nämlich, dass zum einen kaum jemals ein Burgtheater-Ensemble seinen Text so wortundeutlich vor sich hingemurmelt hat.

Als auf der Bühne der Satz fällt „Ich verstehe kein Wort“, ertönt aus dem Publikum ein belustigtes „Wir auch nicht!“ – und Lacher!, und nur, weil das Nachbarhaus genau dafür seit Jahren gescholten wird, Ringseitenwechsler Rainer Galke als Sueven-Fürst Marbod ist der bei Weitem Bestverständliche. Zum anderen aber, und das scheint tatsächlich schwerer zu wiegen, ist die Lesart der Thusnelda eine fatale, nicht nur aus frauenbewegter Sicht, sondern auch aus dramaturgischer, wurde der Figur doch jede tragische Fallhöhe genommen. Bei einem werkeinführenden Gespräch leitete Darstellerin Bibiana Beglau vom einstigen Kosenamen ihres Charakters zum nunmehr salopp abwertenden „Tussi“ über – und bei dieser Rollenzuschreibung ist sie auch geblieben.

So weit, so … also: Martin Kušej hat gestern seine erste Neuinszenierung für Wien präsentiert, der Chef, weil die Betitelung Direktor mag er gar nicht, der sich gern als kontroversieller Regisseur gibt, ein ebensolches Stück für diese Auftaktarbeit ausgewählt, Heinrich von Kleists „Hermannsschlacht“, und am Ende mit gutgelaunter Castorf’scher Geste die gelegentlichen Buh-Rufer zu einem „Mehr! Mehr!“ eingeladen. Allein, dazu verebbte der Applaus allzu bald.

Von Kleist 1808 geschrieben und angesiedelt 9 n. Chr., verweist der stets jenseits der etablierten Literaturlager stehende Außenseiterautor mit der Vernichtung der Varus-Legionen im Teutoburger Wald auf der Deutschen Virtualität gegen die napoleonischen Truppen, die „Hermannsschlacht“ ein fünfaktiger Aufruf zu Widerstand und Waffengang, die Cherusker ganz klar die Preußen, die Römer gleich den Franzosen und die Sueven eine Handvoll Österreicher. Doch waren’s nicht Kleists Zeitgenossen, sondern erst die Nationalsozialisten, die das Historiendrama als teutschen Mythos und Appell zum totalen Krieg freudig aufführten.

Aufgedonnert für die Römer: Markus Scheumann und Bibiana Beglau. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Die Ehe ist ein Ringelspiel: Markus Scheumann und Bibiana Beglau. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Feldherr Varus hat „Tussi“ Thusnelda reich beschenkt: Bibiana Beglau. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Zwischen diesem ideologisch kontaminierten Pol und dem des baskenbemützten Peymann’schen Partisanenkämpfers aus dem Jahr 1982 bewegt sich Kušej, der als seine Referenz die Schriften von Barbara Vinken, vor allem ihre Monografie „Bestien. Kleist und die Deutschen“ nennt, und in Kenntnis dieser wird offenkundig, dass Kušej deren Thesen vollinhaltlich spielen lässt. Heißt: „Die Hermannsschlacht“ nicht als Propaganda-, sondern als Lehrstück in Sachen derselben, heißt: Hermann als zynischen Hetzredner, Vinken nennt seine bevorzugte Rhetorik die der Rhetoriklosigkeit, Kušej ihn einen „Bruder im Geiste aller Fake-News-Populisten“, Hermann ein Kriegs-Führer ohne Schlachtenmoral, ein Gatte, der seine Frau Thusnelda systematisch vom sexuellen Lockvögelchen für Ventidius zur Bestie entmenscht.

Auf der Bühne des Burgtheaters hat Martin Zehetgruber einen Wald aus phallischen Betonwellenbrechern aufgebaut, und ein rotierendes Pferdekarussell. Doch bevor dies zu sehen ist, findet Stefan Wieland als Römer Scäpio in der den Abend dominierenden Düsternis noch einen ausgeweideten Frauenkörper. Das Opfer einer Kulthandlung, mit Hirschgeweih/Dornenkrone und in Blut gezeichnetem, hakenkreuzähnlichem Symbol auf der Schulter, eine Warnung an alle, dass weitere Gräueltaten folgen werden. Siehe die bei Kušej eindeutig von Hermann als Befehl an seine Schergen ausgegebene und den Gegnern angelastete Massenschändung eines germanischen Mädchens.

Die Hally-Szene, die hier darin gipfelt, die zersägte Jungfrau als sozusagen fachmännisch aufgebrochene Jagdtrophäe in fünfzehn Einfriersackerln den ebenso vielen Stämmen zu übermitteln – ein Anblick, der je nach Betrachtung von freiwillig gewählter oder unfreiwilliger Komik ist, während Kušej den Ventidius‘schen Bärenfraß deutlich dezenter andeutet, ist im lichtlosen Zwinger ja nichts zu erkennen, dafür umso mehr zu erahnen. Thusnelda wurde von Hermann zu dieser hasserfüllten Handlung heißgemacht, der Bärendienst einer Barbarin, und Kušej lässt, wie im Fall Hally, keinen Zweifel daran, dass der Brief, in dem Thusneldas römischer Lover seiner Kaiserin Livia deren Goldhaar als Kriegsbeute verspricht, vom Cherusker-Fürsten fingiert ist.

Wie gesagt, Bibiana Beglau macht die manipulierte Rachsüchtige, erst mit Ventidius halbnackt-erotisch vom rohen Auerochsenfleisch fressend, dann hundehechelnd zu Hermanns Füßen, wenig später sich blöd-begeistert mit Varus‘ Goldgeschenken behängend, der Dressurakt von Weib zu Weibchen zu wildem Tier frühzeitig vollzogen, vorweggenommen, Effekt im Eimer. Wobei von der von Kušej angekündigten einzigen Humanistin weit und breit von Anfang an keine Spur ist, und er letztlich auch ihr entsetzliches Ehedrama verschenkt. Stattdessen spielt die Beglau eine an die Schmerzgrenze gehende Stupidität. „Schau mal!“, schreit dieser Blondinenwitz auf Beinen den Hermann an, damit er sieht, wie sich seine Landpomeranze, in Highheels stöckelnd, mit grellblauen Augen-Makeup, ihr zerzaustes Haarnest als Römerinnen-Style ausgebend, für den Besuch der Besatzer zurechtgemacht hat.

Der römische Schreiber Scäpio findet im Wald ein ausgewaidetes Frauenopfer: Stefan Wieland und Valerie Martin. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Gipfeltreffen: Scheumann, Wieland, Falk Rockstroh als Varus, Böhlefeld, Wolfram Rupperti als Aristan und Till Firit als Septimius. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Fackelzug in Gauleitergelb: Dietmar König als Egbert, Scheumann, Paul Wolff-Plotegg als Eginhardt und Max Gindorff als gemeuchelter Bote. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Die österreichischen Sueven bei Bratwürstl und 16er-Blech: Marcel Heuperman als Attarin, Rainer Galke als Marbod und Robert Reinagl als Komar. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Markus Scheumann hingegen ist als Hermann ein intellektueller, listenreicher, vornehmlich jedoch leiser Intrigant, der fast unmerkbar fein Freund und Feind verhöhnt, und der vor der Pause vorwiegend so agiert, als ginge ihn das alles nichts an. Mit moralinsaurer Miene ordnet dieser Teflonmann die ärgsten Monstrositäten an, motiviert andere eiskalt zu Meuchelmorden, nicht ohne darauf hinzuweisen, dass das alles nicht in seinem Interesse geschehe – umso abscheulicher die Verwandlung im zweiten Teil, wenn er Gift und Galle spuckend mit den dumben, deutschen Ochsen abrechnet, die seine Intentionen nicht begreifen können, Scheumanns Hermann nun mutiert zum rechtsnationalen Demagogen, vom völkischen Beobachter zum Gewaltherrscher.

Als sein Kontrahent Varus bleibt Falk Rockstroh so blass, als hätte er sich bereits mittels des eigenen Schwertes entleibt, der Rest, Paul Wolff-Plottegg, Dietmar König, Sabine Haupt, Daniel Jesch, Till Firit, Wolfram Rupperti, Arthur Klemt …, verkörpert Diverse und dies durchwegs unauffällig. Zur Kennzeichnung der allesamt Anzugträger sind die germanischen Haudraufs barfuß, die römischen Politfunktionäre in schicken Schuhen unterwegs. Die Sueven, Rainer Galke, Marcel Heuperman und Robert Reinagl, trinken zu ihren Würsteln Ottakringer aus der Dose, einige Sätze der Römer sind in ein Küchenlatein übertragen, durch welches holpernd sich nur Bardo Böhlefeld als Ventidius mit leicht italienischem Idiom tapfer schlägt.

Es war von Kušej vorab vermeldet, er werde „Die Hermannsschlacht“ zur politischen Positionierung des Burgtheaters benutzen, ergo geschieht der Hinterhalt gegen Varus als Fackelzug in gauleitergelben Langmänteln samt Fasces-Armbinden. Unter der Montur sind die Germanen nackt, so wie die Jünglinge, die das Ringelspiel hereinrollt – ob das als Seitenhieb auf SS-Homosexualitäten zu interpretieren sein soll, bleibt einem selbst überlassen. Und das Resultat – fad: Kleists Splatterorgie kommt in Kušejs langatmiger Auslegung nur bedingt zu ihrem Recht. Zwar gelingen Zehetgruber starke, mitunter giftgrüne oder schwefelgelbe Nebelbilder, zwar dröhnt die Musik von Bert Wrede äußerst unheilvoll zu den – no na – Blackouts, doch insgesamt kommt die Angelegenheit nicht in die Gänge. Warum nur wurden die Darsteller dazu angehalten, derart zu unterspielen?

Als Schlussbild jedenfalls stehen die geeinten Mannen als Burschenschafter im Festwichs und mit glänzenden Stiefeln da, Thusnelda nun ein BDM-Gretchen in grau-biederem Kostüm, und rufen ihrem Hermann „Heil!“. Die Grußbotschaft verstanden? Aber ja!

www.burgtheater.at

TV-TIPP: ORF III zeigt am 1. Dezember, 20.15 Uhr, eine Aufzeichnung der Inszenierung „Die Hermannsschlacht“: tv.orf.at/program/orf3

  1. 11. 2019

Josef Hader im Gespräch

Februar 20, 2015 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Der neue Brenner: „Das ewige Leben“

Josef Hader  Bild: © Dor Film

Josef Hader
Bild: © Dor Film

Am 5. März startet in den heimischen Kinos „Das ewige Leben“: Gestern stand er am Rande des Abgrunds, heute ist er einen Schritt weiter: In Wolfgang Murnbergers vierter Verfilmung eines Krimis von Wolf Haas verschlägt es den Brenner zurück in seine Heimatstadt Graz – wo ein dunkles Geheimnis aus der Vergangenheit auf ihn lauert. Mit dabei: Tobias Moretti, Roland Düringer, Johannes Silberschneider, Hary Prinz und Nora von Waldstätten.

Jetzt wär’s echt schön, wenn eine Zeitlang einmal nichts passieren würde. Der Brenner (Josef Hader, wer sonst) ist nun vollinhaltlich eine gescheiterte Existenz, nur das kleine Haus seiner verstorbenen Mutter im Grazer Nicht-sehr-Nobelbezirk Puntigam ist ihm geblieben, eine erbärmliche Bruchbude ohne Strom, dafür mit undichtem Dach. Also zieht er um, von der Hauptstadt in die Heimatstadt. Back to the roots, sozusagen. Die sind durch eine Jugendsünde ziemlich angefault, genau wie sein Dachstuhl. Als Brenner nämlich seinen alten Polizeischulfreund Köck (Roland Düringer), heute als zwielichtiger Altwarenhändler tätig, aufsucht, um sich Geld auszuborgen, steht auf einmal auch der Aschenbrenner (Tobias Moretti) da – auch einer von damals, und immer noch einer von denen: Aschenbrenner ist jetzt Chef der Kriminalpolizei. Tja, und wenig später ist der Köck tot, und der Brenner liegt mit einem Kopfschuss im Krankenhaus …
.

Das Leben ist hart, aber unfair. In seinem vierten Kino-Abenteuer als trauriger Sturschädel Brenner ähnelt Josef Hader mehr denn je den Anti-Helden aus den großen Tragödien – Hirn, Herz und Seele werden ihm ordentlich hergebeutelt in diesem furios inszenierten Krimi, in dem neben Tobias Moretti als beängstigend moralbefreitem Amtsfürsten, Nora von Waldstätten als ebenso charismatischer wie tatkräftiger Medizinerin und Roland Düringer als herrlich grindigem Kleinkriminellen auch die steirische Hauptstadt Graz in all ihrer Pracht zur Geltung kommt: Ein filmischer Hochgenuss, bis zum bitterbös-brachialen Ende. Josef Hader im Gespräch:

MM: Vor zwei Wintern bin ich in dieses Caféhaus gekommen und Hader, Murnberger, Haas saßen an einem Tisch. Ich dachte: Jetzt fotografieren und twittern: Jetzt wird wieder was passieren. Der flotte Dreier funktioniert also noch?

Josef Hader: Er hat funktioniert. Es war kein leichtes Schreiben, wir haben zwei-, zweieinhalb Jahre gebraucht, um die Geschichte dort zu haben, wo wir sie wollten. Also, einfach war’s nicht, aber wir haben uns nicht zerstritten und sind noch immer gute Freunde.

MM: Im Drehbuch wird Ihr Name als erster genannt. Ist das, weil Sie so berühmt oder so berüchtigt sind? Wie laufen Kreativprozesse bei euch ab?

Hader: Am Beginn ist es so, dass wir uns ein bissl kasernieren und überlegen, wie die Filmgeschichte ausschauen soll, wie weit wir vom Roman weggehen wollen, dann schreiben Wolfgang Murnberger und ich abwechselnd Fassungen, die dann zu dritt diskutiert werden. Bei Meinungsverschiedenheiten gibt’s eine eindeutige Mehrheit.

MM: Der Brenner ist eine Figur, die Sie – natürlich mit Abständen – seit 14 Jahren verkörpern. Ist er Ihnen zur zweiten Haut geworden?

Hader: Nein, überhaupt nicht. Bevor man die Rolle spielt, muss man sich vom Drehbuch abnabeln. Man muss sich nicht mehr, wie als Drehbuchautor für die Szene, sondern für die Figur interessieren. Also nicht, wie die Szene besser werden soll, sondern wie’s meiner Figur in der Situation geht, welche Interessen sie im Moment hat. Das ist ein schwieriger Prozess, den Drehbuchautor hinter sich zu lassen und Schauspieler zu sein. Da gibt es keine Routine. Noch dazu, wo der Brenner in jedem Film vor neue Probleme gestellt wird.

MM: Aber in Summe kann man schon sagen, Josef Hader ist gereift wie guter Rotwein und der Brenner eher wie Camembert.

Hader: Ein schönes Bild. Da kann i gar nichts sagen dazu, so schön ist die Metapher.

MM: In „Das ewige Leben“ ist der Brenner endlich total am Sand. Dazu haben Sie sich Äußerlichkeiten überlegt.

Hader: Wolfgang und ich haben uns das überlegt. Es sollte neu sein: Also Vollbart, das war mein Vorschlag. Und Wolfgang sagte: Das passt, besser kann man sozialen Abstieg nicht mit einem modischen Accessoire kombinieren.

MM: Ist Ihnen der Brenner über die Jahre sympathischer geworden?

Hader: Ich glaub’, dass er mir nicht sympathischer geworden ist. Man erfährt von Film zu Film mehr über ihn – und je mehr man über jemanden erfährt, um zu schwieriger ist es, ihn zu mögen. Wenn er ein realer Mensch wäre, würde man ihn für ein Oarschloch halten.

MM: Ich sehe das etwas anders: Sie haben es geschafft, das österreichische Kinopublikum von der Schadenfreude über diese tragische Figur Brenner zum Mitleiden zu bringen. Sie erfüllen da fast eine katholische Funktion.

Hader (er lacht): Dazu kann ich kaum was sagen. Der Film hat seine Zauberregeln, und eine davon ist, dass einen Figuren, an denen man im Leben nicht einmal anstreifen möchte, im Kino zum Weinen bringen. Dass man sie am liebsten umarmen möchte. Das liegt sicher daran, dass man sich emotional in Situationen hineinziehen lassen kann, die weit weg auf der Leinwand stattfinden.

MM: Der erste Brenner-Film war eine Krimi-Komödie, der zweite ein Thriller, der dritte ein Horrorfilm. Ist „Das ewige Leben“ nun ein Cop-Story?

Hader: Wir versuchen nie Seriencharakter zu haben, jede Anspielung auf frühere Filme zu vermeiden. Jeder Film soll sein eigener Genremix sein. Ein Teil davon ist Cop-Film. Diese alten, gescheiterten Männer kann man am besten in diesem Genre zeigen. Weil’s vielleicht einmal gute Polizisten waren. Das lässt ihnen einen Rest von Würde.

MM: Sie haben diesmal zwei sehr prominente Kombattanten Tobias Moretti und Roland Düringer. Wie war die Zusammenarbeit? Ein steter Wechsel von der finnischen Sauna ins Eiswasserbecken?

Hader: Johannes Silberschneider ist auch dabei. Als Brenners nerviger Nachbar. Und alles war natürlich total harmonisch. Ich würde auch, wenn die Sesseln geflogen wären und wir uns niedergebrüllt hätten, sagen, dass alles super war. Aber es war tatsächlich so. Wir haben alle eine Gemeinsamkeit: Wir sind Improvisierer, Musikanten, haben gern wenn der Partner einmal was anderes macht und man anders regieren muss. Von daher sind wir, obwohl wir sehr unterschiedliche Menschen sind, sehr ähnlich von der Schauspielweise. Wir haben uns beim Arbeiten sehr gut verstanden. Den Roland kenne ich ja schon immer; wir haben im Kabarett Niedermair miteinander in den 80er-Jahren angefangen. Den Tobias habe ich neu kennen gelernt, wir waren anfangs ein bisschen vorsichtig miteinander. Aber spätestens, wenn wir über Musik oder über Hans Brenner (österr. Schauspieler, † 1998, Vater von Moritz Bleibtreu, Anm.), den wir beide gekannt und sehr geschätzt haben, und der ja auch der Namensgeber der Figur ist, haben wir jede Scheu fallen gelassen. Tobias ist ein richtig lässiger Jazzer als Schauspieler, er spielt aus dem Bauch, hat noch wunderbare Ideen, knapp bevor sich die Kamera einschaltet: Sagt, schau’, mach’ da des anders. Des is total einmalig in der Zusammenarbeit.

MM: Was man von der Handlung verraten kann: Es gibt mehr Tote, als in einem durchschnittlichen „Dirty Harry“, und es gibt mehr als einen Täter.

Hader: Leute, kommt ins Kino! (Er lacht wieder.) Aber im Vergleich dazu, dass es in jedem „Tatort“ nur mehr Serienkiller gibt, sind wir sehr bescheiden. Wir machen ja keine Whodunits, die sind dem Wolfgang und mir zu sehr Mathematikrätsel. Wir wollen Drama, Brenners Kampf , davonzukommen, zeigen und menschliche Beziehungen in den Mittelpunkt stellen.

MM: Der Brenner leidet in diesem Film stärker denn je an Migräne …

Hader: Ja, deswegen habe ich auch mit Menschen gesprochen, die das Gefühl kennen, dass einem der Schädel explodiert. Weil, i hab’ nie Kopfweh. Selbst noch durchzechten Nächten nicht.

MM: Sie machen als Brenner diesmal Dinge, die ich Ihnen nicht zu getraut hätte: mit einer Kettensäge hantieren und Moped fahren. Haben Sie Gefahrenzulage bekommen.

Hader: Die kriegt man nicht beim österreichischen Film, aber sie wäre tatsächlich notwendig gewesen, weil dieses Moped ein altes war. Die Hinterachse hat’s immer gewandlt. Ich musste recht wild damit herumfahren, und ich war oft froh, wenn eine Mopedszene im Kasten war, wenn ich wusste, ich muss mich jetzt nicht wieder auf der Verfolgungsjagd im Tunnel zwischen LKW und Wand durchdrücken. Ohne Sturzhelm und hoffentlich ohne Reifenplatzer. Aber Motorsäge und Moped, sind etwas, das man einfach lernt, wenn man am Land aufwachst. Des kann jeder von an Bauernhof.

MM: Es gibt zwei nachfolgende Wolf-Haas-Brenners: „Der Brenner und der liebe Gott“ und „Brennerova“, in dem er heiratet. Was wäre für Sie schlimmer? Gott oder Ehe?

Hader: Interessanter ist sicher, den lieber Gott zu treffen. Das haben noch wenige erlebt.

MM: Wie geht’s jetzt weiter?

Hader: Mit einer Pause. Das ist wie bei einer Geburt. Nach zwei, drei Jahren, wenn man vergessen hat, wie schwer das war, geht man’s wieder an. Vorausgesetzt, die Resonanz beim Publikum ist entsprechend.

MM: Und Kabarett? Wann kommt was Neues?

Hader: Ich habe eine Idee, aber nicht das Gefühl, ich muss das jetzt unbedingt sofort machen. Ich habe mich ans Teamwork beim Film so gewöhnt. Ich mache als nächstes mit Erni Mangold und Maria Hofstätter einen „Landkrimi“ in Oberösterreich – und ich freu’ mich schon sehr darauf. Das sind zwei Schauspielerinnen, mit denen ich schon so gern so lang’ was machen wollte, und jetzt hat es sich ergeben.

MM: Sie werden doch auf Ihre alten Tage nicht noch gesellig werden?

Hader: Nur beim Arbeiten, nicht im Leben.

MM: Wie finden Sie Ihre Rolle als Ikone des Kabaretts? Junge Kollegen zitieren Sie oder Sie sprechen in deren Programmen vom Band. Wie fühlen Sie sich in dieser Rolle?

Hader: Dadurch, dass i immer mit mir z’samm’ bin, kenn’ i mi besser als andere. Und dadurch ist keine Gefahr gegeben, dass ich mich selber als irgendetwas empfinde, das an der Wand hängt.

http://dasewigeleben.at/

Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=FnUyX6zyV8o

Wien, 20. 2. 2015

Schauspielhaus Graz: Wolf Haas und Yael Ronen

Dezember 3, 2014 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Zwei Uraufführungen im Dezember

Bild: Lupi Spuma

Bild: Lupi Spuma

Wolf Haas‘ Roman VERTEIDIGUNG DER MISSIONARSSTELLUNG ist am 12. Dezember erstmals auf der Bühne zu sehen: die österreichische Regisseurin und Nestroy-Preisträgerin Susanne Lietzow hat die Bühnenfassung für die Uraufführung am SCHAUSPIELHAUS GRAZ erarbeitet. Benjamin Lee Baumgartner (Marc Fischer als Senior und das neue Ensemble-Mitglied Jan Gerrit Brüggemann als Junior) hat in der Liebe nichts als Pech – denn jedes Mal wenn er sein Herz verliert, erkrankt er an einer Seuche. Die Uraufführung von VERTEIDIGUNG DER MISSIONARSSTELLUNG erfolgt am 12. Dezember, 20 Uhr, Probebühne.

Zum Stück

Benjamin Lee Baumgartner kämpft einen aussichtslosen Kampf gegen die Liebe: „Als ich mich das erste Mal verliebte, war ich in England, und da ist die Rinderseuche ausgebrochen. Als ich mich das zweite Mal verliebte, war ich in China, und da ist die Vogelgrippe ausgebrochen. Und drei Jahre später war ich das erste registrierte Opfer der Schweinegrippe.“ Der preisgekrönte Roman Verteidigung der Missionarsstellung von Wolf Haas ist ein virtuoses, literarisches Vexierspiel, das auf der Bühne mit verschiedenen Videoebenen gespiegelt wird. Regisseurin Susanne Lietzow gewann bereits 2006 einen Nestroy und konnte ihn auch in diesem Jahr für ihre Inszenierung von Nestroys Höllenangst am Theater Phönix Linz in der Kategorie „Beste Bundesländer-Aufführung“ erringen. VERTEIDIGUNG DER MISSIONARSSTELLUNG ist ihre erste Inszenierung am Schauspielhaus Graz.

Es spielen Jan Gerrit Brüggemann, Marc Fischer, Evi Kehrstephan, Steffi Krautz und Seyneb Saleh.

 

Am 20. Dezember kommt die israelische Theaterregisseurin Yael Ronen bereits zum dritten Mal ans SCHAUSPIELHAUS GRAZ: Nach HAKOAH WIEN und NIEMANDSLAND begibt sie sich auch in COMMUNITY (AT) wieder gemeinsam mit dem Ensemble auf Theaterrecherche. Die Ausgangslage: Gemeinschaften von damals und heute, von der klassischen bis zur modernen Familie über Liebesgeschichten bis hin zu Arbeitsbeziehungen. Altbewährtes wird auf den Kopf gestellt und Neues wird ausgelotet. Das Ergebnis ist ab 20. Dezember um 19.30 Uhr auf der Hauptbühne zu sehen.

Zum Stück

Die bürgerliche Gesellschaft wartet mit mehreren Institutionen auf, um das menschliche Bedürfnis nach Gemeinschaft zu befriedigen: von der Verfassung über Religionsgemeinschaften bis zur Kleinfamilie. Und doch bleibt da diese Sehnsucht nach Lebensformen, die dem Einzelnen mehr Freiheit und Sinnhaftigkeit bieten. Mit fröhlicher Unerschrockenheit stellen die SchauspielerInnen gemeinsam mit der Regisseurin Yael Ronen bislang unverrückbare Tatsachen in Frage: Wirtschaftskreisläufe, Währungen, Familienkonstruktionen und die Behauptung der monogamen, ewig währenden, romantischen Liebe. Ein spannungsvoller Selbstversuch mit ungewissem Ausgang.

Es spielen Katharina Klar, Sebastian Klein, Kaspar Locher, Michael Ronen, Birgit Stöger und Jan Thümer.

www.schauspielhaus-graz.com

Wien, 3. 12. 2014

Schauspielhaus Graz: Anna Badora inszeniert

September 23, 2014 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Götter weinen

Udo Samel Bild: Lupi Spuma/Schauspielhaus Graz

Udo Samel
Bild: Lupi Spuma/Schauspielhaus Graz

Nach der Sommerpause öffnet das Schauspielhaus Graz mit  zwei Österreichischen Erstaufführungen und einer Autorenlesung seine Türen: Die Saison startet mit Anna Badoras Eröffnungsinszenierung „Die Götter weinen“ von Dennis Kelly am 25. September. Am  28. Septembereröffnet die Probebühne mit „Wir sind keine Barbaren!“ von Philipp Löhle in Regie von Christine Eder. Ebenfalls am 28. September liest Wolf Haas um 18 Uhr auf der Hauptbühne aus seinem neuesten Brenner-Krimi „Brennerova“.

Österreichische Erstaufführung

DIE GÖTTER WEINEN von Dennis Kelly

Am Verhandlungstisch eines weltweit agierenden Konzerns ereignet sich etwas Unerhörtes. Colm, der das Unternehmen über Jahrzehnte mit unbeugsamem Willen geleitet hat, verkündet den überraschenden Entschluss, sich zurückzuziehen. Seinen eigenen Sohn übergeht er und übergibt die Leitung von heute auf morgen an zwei seiner Manager. Was als firmeninterner Machtkampf zwischen den beiden CEOs beginnt, stürzt schließlich die ganze Welt in einen Krieg. Udo Samel spielt den Firmenmogul Colm in dem an Shakespeares King Lear angelehnten Endspiel einer entfesselten Weltwirtschaft.

Regie: Anna Badora,  mit Marco Albrecht, Jan Gerrit Brüggemann, Philine Bührer, Christian Dolezal, Martin Gerdenitsch, Dominik Jedryas, Katharina Klar, Sebastian Klein, Verena Lercher, Kaspar Locher, Udo Samel, Noa Schmidt, Jann Siefken, Franz Solar, Samouil Stoyanov, Birgit Stöger.

Österreichische Erstaufführung

WIR SIND KEINE BARBAREN! von Philipp Löhle

Zwei Ehepaare leben freundschaftlich Tür an Tür. Doch damit ist es vorbei, als ein mysteriöser Flüchtling um Asyl bittet. Wer ist dieser Ausländer? Und was will er? Ist er bedauernswertes Opfer oder eine Bedrohung? Der Heimatchor tönt: »WIR sind glücklich, WIR sind viele, WIR sind anders als die andern.« Sind wir das wirklich?

Regie: Christine Eder,  mit Steffi Krautz, Florian Köhler, Seyneb Saleh, Christoph Rothenbuchner und dem Chor Musica con GRAZia (Zuzana Ronck).

Zu Gast im Schauspielhaus
WOLF HAAS LIEST BRENNEROVA

Ob du es glaubst oder nicht. Zuerst wird der Brenner von einem Zehnjährigen bewusstlos geschlagen. Und dann versucht seine Freundin, ihn vor den Traualtar zu schleppen. Es läuft nämlich gerade ausgesprochen gut zwischen den beiden. Einziges Problem: mit seiner anderen Freundin läuft es ebenfalls verdammt gut. Da ist es für den Brenner ein Glück, dass auch noch eine dritte Frau in sein Leben tritt, indem sie verschwindet. Vermutlich ist sie von einem Mädchenhändlerring entführt worden und die Suche nach ihr hilft dem Detektiv bei der Lösung seiner privaten Probleme, sprich Flucht in die Arbeit. Denn nie kannst du besser über das Glück nachdenken, das ein Ehering bietet, als wenn der berüchtigtste Zuhälter der Stadt gerade dazu ansetzt, dir die Hände abzuhacken.

www.schauspielhaus-graz.com

Wien, 23. 9. 2014

Wiener Festwochen: Bluthaus

Mai 14, 2014 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Händl Klaus im Gespräch

Probenfoto: Nurith Wagner-Strauss

Probenfoto: Nurith Wagner-Strauss

Am 21. Mai wird im Theater an der Wien die Oper „Bluthaus“ uraufgeführt. Nach dem Tod von Vater und Mutter möchte Nadja ihr Elternhaus verkaufen. Gemeinsam mit einem Makler führt sie die Interessenten durch die Räume. Nachbarn treten hinzu, und allmählich entschleiert sich ein so unfassbares wie grausames Geheimnis: das inzestuöse Verhältnis des Vaters zu seiner Tochter.
Dieses Bluthaus der Erinnerungen voller Schatten und Geister lässt ganz unmittelbar an Alfred Hitchcocks „Psycho“ oder Stanley Kubricks „Shining“ denken. Auch die Musik von Georg Friedrich Haas schreckt keineswegs vor lautmalerischen Gesten oder dem Klangarsenal des Horrorgenres zurück. Sprachlich aufs Äußerste reduziert, spannt sie einen Bogen vom Sprechgesang hin zu unwirklich schönen Gesangspartien, naturalistischen Beschwörungen des Windes, pochenden Klopfzeichen, gleisend-irisierenden Klangschichten und dunklen orchestralen Farbbändern. „Bluthaus“ ist die erste Zusammenarbeit zwischen dem Schriftsteller Händl Klaus und dem Komponisten Georg Friedrich Haas. Nach der Premiere 2011 bei den Schwetzinger Festspielen wird bei den Wiener Festwochen die Uraufführung der neu komponierten Fassung präsentiert. Ein Gespräch mit Händl Klaus:

MM: Wie kamen Sie auf die Idee zum Libretto für „Bluthaus“? Die Leute denken an Hitchcocks „Psycho“, „Shining“, Brittens „Turn of the Screw“, manche an Natascha Kampusch. Woran haben Sie gedacht?

Händl Klaus: Es ist Gespenstermusik – im Kopf einer jungen Frau, Nadja, die von ihren Eltern zerstört worden ist. Diese Eltern sind zwar gestorben – aber die Tochter kann sich nicht lösen, von ihrer eigenen Vergangenheit, die ihr eingeschrieben ist. Nach wie vor hört sie die Stimmen der Toten, die zerstörerisch weiterwirken. Und die Musik ermöglicht, dass diese Gespenster leibhaftig auftreten und tatsächlich wieder zugreifen und sprechen, wie auch das Haus spricht mit all seinen Gegenständen. Mir ist das eingefallen, kurz nachdem ich „Nacht“ gehört hatte, die erste Oper von Georg Friedrich Haas, in der er schon mit Sprech- und Singstimmen arbeitet anhand von Hölderlin-Fragmenten. Das war ein so starkes Erlebnis – das hat mich drei Wochen später auf die Grundsituation von „Bluthaus“ gebracht. Obwohl es in „Nacht“ um etwas ganz anderes ging. Das war vor mittlerweile sechzehn Jahren – und ich hätte nie geglaubt, dass ich Georg eines Tages begegnen und diesen Stoff vorstellen dürfen würde. Ich hab zwar Notizen für „Bluthaus“ gesammelt, aber gedacht, das werde, wie so vieles andere, in der Schublade bleiben. Doch es hat mich immer wieder beschäftigt. Und schließlich hat uns Georges Delnon, der Intendant von Basel und Schwetzingen, den ich von Beat Furrers „Wüstenbuch“ her kannte, zusammengebracht. Er schickte mir einfach ein SMS: „Hättest du Lust, ein Libretto für G.F.Haas zu schreiben?“ Ohne zu ahnen, wie viel mir Georgs Musik bedeutet! Und zwei Tage später war es soweit, da trafen wir uns, und ich rannte offene Türen ein.

MM: Wie funktioniert das Projekt nun?

Händl Klaus: Die Handlung ist einfach und eigentlich zielstrebig – Nadja will das „böse“ Haus, in dem auf Schritt und Tritt das Blut der Eltern klebt, abstoßen. Sie selbst, die Eltern und der Makler, der ihr nahekommt, haben Singstimmen – quasi eine Familienmusik – während die Kaufinteressenten, die das Haus begutachten, von Schauspielern verkörpert werden, die trocken sprechen, eingebettet in Nadjas Musik, ihr Empfinden. Dank der Musik sind wir „im Innern“ – wir hören und fühlen mit Nadja. Es gibt keine „Außensicht“ auf das Opfer – das hätte Nadja erneut zum Opfer gemacht. Und das ist die Leistung dieser unglaublichen Musik – sie macht hörbar, wie diesem Menschen geschieht, die nicht mehr in Worte faßbaren, einander widerstrebenden Empfindungen.

MM: Die Wiener Festwochen nennen die Produktion Uraufführung einer Neufassung von Schwetzingen. Das heißt?

Händl Klaus: Georg hat etwa vierzig Minuten Musik neu komponiert – die Stimmen der Eltern anfangs, die Begleitumstände der Kaufinteressenten, die Stimmen der drei Maleta-Buben, und vor allem den Liebesakt mit dem Vater. Am Text aber hat sich nichts geändert.

MM: Was ist der Dreh- und Angelpunkt der Geschichte? Wie wird das Innenleben der sexuell missbrauchten Nadja dargestellt? Wie kann man das machen?

Händl Klaus: Es ist, als würde Nadja in einen Spiegel schauen, der ständig zerbirst – es ist unerträglich geworden. Sie steht wie im Auge des Taifuns, dauernd schwirren Splitter des eigenen Spiegelbilds um sie her, sie kann kaum noch agieren. Dieses Bewußtsein schafft die Musik. Auch die Sprache löst sich auf, sie greift ins Leere.

MM: Georg Friedrich Haas hat in einem Interview gesagt, er habe entlang Ihres Textes komponiert. Das ist ein großes Kompliment.

Händl Klaus: Das hat mich wahnsinnig gefreut. Es ist ja in erster Linie für mich das große Glück, ihm begegnet zu sein, da sich durch seine Musik Vorgänge ausdrücken lassen, die ich sprachlich nur anreißen kann. Wir befinden uns aber im selben Raum, wir denken beide sowohl sprachlich als auch musikalisch. Ich denke schon im Schreiben an die Musik – es ist ja auch so, dass ich die Sänger kenne, das hilft. Da gehe ich von etwas Vertrautem aus und gemeinsam in etwas Fremdes hinein.

MM: Das ist Ihr erstes gemeinsames Werk …

Händl Klaus: Aber wir gehen weiter. Wir haben letztes Jahr in Schwetzingen „Thomas“ gemacht, der mir noch näher als „Bluthaus“ ist. Auch da geht es um den Tod, um unser Leben mit den Toten. Da ist es Thomas, dessen Freund Matthias stirbt. Mit seinen letzten Atemzügen beginnt die Oper – Matthias atmet sein Leben aus. Und nun greifen alle möglichen Vorgänge, die im Todesfall vorgesehen sind, von der Totenbeschau durch den Arzt über die Waschung, Totenwache, den Besuch der Bestatterin…letzte Handlungen am geliebten Toten. Der hier wieder erwacht, zum Leben, und spricht – und Thomas erschüttert, der das nicht glauben kann. Georg hat ausschließlich Zupfinstrumente verwendet, die von ihrer Natur her ja beständig reißen, also Fragilität erzählen, aber auch eine gleißende Wärme schaffen – Zithern, Harfen, Cembali, Gitarren, Schlagwerk und ein stimmloses Akkordeon. Die Musik ist in allem Schmerz überirdisch schön, die Liebe selbst. „Thomas“ ist wirklich das Glaubensbekenntnis, meine liebste Arbeit.

MM: Ihre Stoffe scheinen alle mythologisch, archaisch …

Händl Klaus: Das springt aber gleich in eine konkrete Nähe. Sicher klopft zum Beispiel in „Thomas“ das Evangelium an, aber es geht sofort darum, wie spät es ist, wenn man den Herzstillstand verzeichnet – „um dreizehn Uhr acht“ oder „dreizehn Uhr zwölf“ oder „dreizehn Uhr dreizehn“? Oder dass die Seife schwach nach Mandarine riecht, dass die Minestrone mit Liebstöckel gewürzt ist…es ist immer die handfeste Umgebung. Wir leben mit unseren Toten, aber – wir leben.

MM: Zurück zu „Bluthaus“: Regisseur Peter Mussbach ist ein ganz wichtiger Dritter im Bunde.

Händl Klaus: Und Dirigent Peter Rundel ein ganz wichtiger Vierter, der übrigens auch die Uraufführung von „Nacht“ dirigiert hat. Ich habe erst eine Klavierprobe gesehen und ein gutes Gefühl – knock on wood!

MM: Sie tun sich in den vergangenen Jahren als Librettist sehr hervor. Ist das nicht eine unbedankte Aufgabe?

Händl Klaus: Im Gegenteil, für mich ist es das Schönste – Musik ist das Größte! Manche Musik. Gute Musik. Dann ist es ganz klar – „prima la musica e poi le parole“. Wobei – so einfach ist es auch wieder nicht. Ich hatte sehr großes Glück mit den Komponisten, leider nur Männer bislang, für die ich schreiben durfte. Deren Musik mir nahe geht – ich gehe ja in meinem Schreiben von ihrer Musik aus, die bereits existiert, die ich aus Konzerten und von Aufnahmen kenne, und die mich berührt. Die mit mir zu tun hat auf eine unerfindliche Weise, die zu mir spricht – und das geschieht gar nicht so oft, obwohl es viele Komponisten gibt. Dass man diese Nähe verspürt, die man braucht, damit etwas Neues entstehen kann – von dem man ja nicht wissen kann, ob es aufgehen wird – Vertrauen, und auch Mut, auf beiden Seiten. Dann ist es lohnend und vielleicht sogar beglückend. Am Ende verschwindet man natürlich in der Musik, als Autor, und genau das suche ich.

MM: Sie drehen derzeit in Wien auch einen Film: „Kater“.

Händl Klaus: Auch da geht es um Musik, die Hauptfiguren sind in einem Orchester beschäftigt – als Hornist und Disponent, gespielt von Philipp Hochmair und Lukas Turtur, und man erlebt einerseits so etwas wie den musikalischen Arbeitsalltag, andererseits das Leben mit dem titelgebenden Kater. Wir haben das große Glück, dass wir mit dem RSO drehen dürfen, einzelne Musikerinnen und Musiker verkörpern sogar den Freundeskreis, und sie machen ihre Sache so gut! Den Großteil der Orchesterbilder haben wir bereits im Feber gedreht, nun kommt noch ein Sommer voller Katzenszenen auf uns zu… Den Kater spielt mein eigener, der Toni. Er ist ein bissl aufdringlich, das kommt uns also entgegen. Die Schauspieler freunden sich gerade mit ihm an.

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Wien, 14. 5. 2014