Zelinzki: Das neue Bandprojekt mit Beatrix Neundlinger

November 23, 2016 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Konzert als Reise „Zwischen Wut und Übermut“

Die Band Zelinzki präsentiert ihre erste CD mit einem multimedialen Konzertabend. Bild: Oswald Wintersteller

Die Band Zelinzki mit Beatrix Neundlinger (re.) präsentiert ihre erste CD „Die Weltformel“ mit zwei multimedialen Konzertabenden. Bild: Oswald Wintersteller

Beatrix Neundlinger, Stefan Schubert, Alex Meik, Robert Kainar und Friedrich Pürstinger untersuchen mit ihrem neuen Band-Projekt “Zelinzki” die aktuellen Befindlichkeiten der Österreicher in Zeiten der  zweiten allgemeinen Verunsicherung. Ihre musikalischen Aufmucker gibt es unter dem Titel „Die Weltformel“ bereits auf CD.

Nun folgt deren Präsentation in Form eines multimedialen Konzerts am 26. November im Wiener Theater Akzent und am 30. November in der Argekultur Salzburg. Mit diesem Abend laden die Musiker zu einer Reise „Zwischen Wut und Übermut“, zu einem Musikvarieté, das „den Aufhetzern Einhalt gebieten, den Feiglingen Mut machen und die Träumer aufwecken“ soll. Dazu ist der Band so ziemlich jedes musikalische Mittel Recht, von Liebeslieder über Muntermacher zu Hymnen. Den raschen, oft überraschenden Wechsel der Gefühle und Musikrichtungen kann sich die Band locker leisten. Die Musiker überspringen mit professioneller Leichtigkeit jeden Grenzzaun der Genres. Und wenn es sein muss, wird er auch eingerissen oder einfach überrannt.

Zelinzki war selbst ein Flüchtender. Ein Asylsuchender. Ein Heimatloser. „Zelinzki“ trägt seine Ideen weiter. Macht Musik aus seinen Geschichten. Und aus den Geschichten seiner Freunde.

Beatrix Neundlinger, Stefan Schubert, Alex Meik, Robert Kainar und Friedrich Pürstinger. Bild: Anna Reisinger

Beatrix Neundlinger, Stefan Schubert, Alex Meik, Robert Kainar und Friedrich Pürstinger. Bild: Anna Reisinger

Eine Reise "Zwiscen Wut und Übermut". Bild: Anna Reisinger

Keine Zeit für Koffer: Eine Reise „Zwischen Wut und Übermut“. Bild: Anna Reisinger

Die Texte sind von Heinz Rudolf Unger, von ihm auch „Die Weltformel“, von Else Lasker-Schüler, Christine Nöstlinger, Robert Gernhardt, Bert Brecht oder H. C. Artmann. Im Unger-Blues „Weckt Nicht Den Kleinen“ erlarvt sich das vermeintliche Kind als „der Faschist in mir“, der die Türen verrammelt und auf den baldigen Bau einer Mauer hofft. „Erinnerungen“ von Bert Brecht klingt, als hätte Wolf Biermann Pate gestanden; der Text ist auf der CD-Hülle abgedruckt: „Wenn ich es denken könnte, wüsste ich es bereits, doch könnte es dir nicht erklären. Denn wenn du es denken könntest, dann wüsstest du es bereits und müsstest nicht auf mich hören …“  In „Wia Geds Da Denn“ nach der Nöstlinger wiederum wird von einer Generation erzählt, die nicht gelernt hat, eine Meinung haben zu dürfen, die lieber „stad“ ist als sich Gedanken zu machen über Politik und die Welt.

Und sofort hat man beim Zuhören wieder Schmetterlinge im Bauch, der Politrock der 1970er-Jahre und sein Protestsongpotential sind noch lang nicht ausgeschöpft. Man hört es der Formation an, dass es immer noch und schon wieder Arenen zu besetzen und zurückzuerobern gibt. So ist die CD ein Schlachtruf für alte Mitstreiter – und eine Empfehlung für neue, die dazukommen wollen.

www.zelinski.at

Wien, 23. 11. 2016

Catalin Dorian Florescu: Der Mann, der das Glück bringt

August 16, 2016 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Im Sehnsuchtsland ist es zum Sterben schön

buch 1Die große Kunst des Catalin Dorian Florescu ist es, ein Buch geschrieben zu haben, das sich zwischen einer rumänischen Leprakolonie und 9/11 bewegt, und das es einem trotzdem warm um die Seele macht. „Der Mann, der das Glück bringt“ ist ein Roman, so poetisch und so voll melancholischer Heiterkeit, dass man gar nicht anders kann, als ihn zu lieben. Dabei erzählt Florescu von Überlebenskampf und Aberglaube und Armut und davon, dass es am unteren Broadway genauso Ghettos gibt, wie im unteren Donaudelta.

Doch die, die da am Rande von Sulina und Sfintu Gheorghe leben, wissen davon nichts, wollen davon auch nichts wissen. Für sie ist Amerika das Sehnsuchtsland, zum Sterben schön, während die anderen, die dort sehr unschön sterben mit dem städtischen Totenschiff zum Armenfriedhof Potters’s Field auf Hart Island geschippert werden. Ungefähr 800.000 Tote sind hier bestattet, etwa 1500 kommen bis heute jährlich dazu, das Betreten ist verboten …

Zwei sich abwechselnde Ich-Erzähler führt der Autor ein, Ray und Elena, er New Yorker Kleinkünstler jenseits der besten Jahre, so er je welche hatte, sie Touristin mit einem Auftrag. Sie will die Asche ihrer Mutter hier beerdigen, aus einem ganz bestimmten Grund, der mit betrogener Liebe zu tun hat. Doch dann stürzen die Türme ein, Elena flüchtet sich in Rays Kellertheater, es gibt plötzlich zu viel Asche, um die private Katastrophe von der weltpolitischen zu trennen, es gibt kein Rauskommen, also erzählt man einander Geschichten. Um die Angst zu überwinden und Vertrauen zu schaffen. Von der Familie und der eigenen Vergangenheit.

Und es ist dies die einzige kritische Anmerkung zu diesem großartigen Text: Über Elena, die sich lange als Waisenkind wähnte, hätte man gerne mehr gelesen, gerne hundert Seiten mehr. Ihr Herumgereichtwerden von einer Pflegefamilie zur anderen, vom intellektuellen Nomenklatura-Lehrerpaar über die systemkonform betrunkenen Bauersleute bis zur linientreuen Arbeiterfamilie, sieht sie selbst als Leben im „Querschnitt des kommunistischen Rumäniens“. Dazu Abscheu und Neugier bei der endlichen Annäherung an ihre leibliche Mutter, die im letzten Leprosorium Europas bei Tulcea weggesperrt wurde; noch heute leben in der Anlage etwa zwei Dutzend Patienten, seit dem Ende des Kommunismus steht es ihnen frei zu gehen, doch sie sind alt und schwach und entstellt …

Über diese Elena also wollte man mehr wissen, diese Textilarbeiterin über Vierzig, über die ihr Schöpfer sagt, sie sei ein Mensch, der sich keine schmerzlindernde Lebenslüge zugestehe und diese Strenge habe ihre Gesichtszüge geformt. Doch Florescus Herz hängt an dem „Mann, der das Glück bringt“, eine schillernde Persönlichkeit, Rays Großvater, er tatsächlich elternlos, lange ein Namenloser, weil er je nach Gelegenheit einen irischen, jüdischen, italienischen annimmt, und der mit seiner kindlichen Caruso-Stimme zum Tröster gefallener Mädchen und zum Helfer eines Bestatters wird, der sich auf kriminellen Abwegen die Kundschaft selbst besorgt, aber niemals zu dem großen Vaudeville-Künstler, der er sein möchte. Das alles beginnt im Jahr 1899. Und Florescu fügt seiner Geschichte die sogenannte große hinzu.

So entsteht ein Zeitbild, in das Gerhart-Hauptmann-Premieren in Berlin einfließen, Theodor Herzls Ankunft in Jerusalem, die Ermordung Rosa Luxemburgs und die Parteigründung eines gewissen Mussolinis, die Protagonisten haben keine Ahnung, was das alles bedeutet, und ein Bericht der Times über das erste Automobil. Mit viel Gespür für Zeitströme und Grenzgänge zeichnet Florescu die USA als eine von politischen und Wirtschaftsflüchtlingen geschaffene Nation, er zitiert The Herald: „Es ist grausam, die vielen unglücklichen Kreaturen zu sehen, die täglich ohne einen Penny und unfähig, sich selbst zu ernähren, an unsere Küste gespült werden.“ Er zeigt eine Welt, in der die Bevölkerung der einen Hälfte schon immer und immer wieder in deren andere gelangen will.

Die Donau wird dafür ebenso zum Sinnbild wie der Hudson River. An einer Stelle heißt es über erstere, dieser „Abwasserkanal“ lagere im Osten alles ab, was ihr weit entfernt im Westen übergeben werde, „die Ausscheidungen der Menschen, den Abfall und die Abflüsse aus Tausenden von Fabriken.“ Die Sprache, in der dies geschrieben ist, hat einen teils fernen, teils vertrauten Klang, die von Ray und Elena und ihrer Mutter und seinem Großvater ist jedes Mal anders und doch eins. An manchen Stellen überschlagen sich die Stimmen vor Fabulierlust, an anderen stellen die Charaktere unsentimental ihre Schicksale dar, und ihre vergeblichen Versuche, jeder auf seine Art, dem Vorgezeichneten zu entgehen. Eines, man bewegt sich schließlich in Varieté-Kreisen, betrifft den Fahrradakrobaten Joe Jackson. Der „starb auf der Bühne, nachdem ihn das Publikum fünf Mal zurückgeholt hatte, damit er seine Nummer wiederholte. Seine letzten Worte waren: ,Mein Gott, sie klatschen immer noch.‘“

Ray erzählt Elena diese Anekdote, der Satiriker wird die Existenz der Spaßbefreiten auf den Kopf stellen, ihr Dasein so kräftig durchschütteln, bis sie weiß, wie sich Lebendigsein anfühlt. Denn Ray ist nun der „Mann, der das Glück bringt“, er kann Drama zumindest in Tragikomödie wandeln, und er tut dies nicht im Mittelpunkt, sondern gleichsam am Ende der Welt. So münden die beiden Lebensströme in einem Liebesmärchen; Florescus Buch ist eine Reverenz an die Fähigkeit des Menschen, dies allen Widrigkeiten zum Trotz zu tun: aufbegehren und einander zu begehren. „Er stand neben meinem Bett mit einem Kissen in den Armen und schaute mich an … Ich hob die Decke an und machte ihm Platz.“

Über den Autor:
Catalin Dorian Florescu, geboren 1967 in Timisoara in Rumänien, lebt als freier Schriftsteller in Zürich. Er veröffentlichte die Romane „Wunderzeit“, „Der kurze Weg nach Hause“, „Der blinde Masseur“ und zuletzt den bereits in neunter Auflage veröffentlichten „Jacob beschließt zu lieben“. Er erhielt zahlreiche Preise – unter anderem den Anna-Seghers-Preis und 2011 den Schweizer Buchpreis. Im Jahr 2012 wurde er mit dem Josef-von-Eichendorff-Literaturpreis für sein Gesamtwerk geehrt. Für das Manuskript seines neuen Romans erhielt er das Werkjahr der Stadt Zürich.

C. H. Beck, Catalin Dorian Florescu: „Der Mann, der das Glück bringt“, Roman, 327 Seiten.

www.chbeck.de

www.florescu.ch

Wien, 16. 8. 2016

Schubert Theater: Parterre-Akrobaten

April 6, 2016 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Puppenspiel nach Texten von Artmann und Schwitters

Die Parterre-Akrobaten und ihre Puppenspieler Manuela Linshalm und Christoph Hackenberg Bild: Schubert Theater

Die Parterre-Akrobaten und ihre Puppenspieler Manuela Linshalm und Christoph Hackenberg
Bild: Schubert Theater

Wien-„bradnsee“ und Hannover. Der „Don Quijote fon da schwoazzn dintn“ und der „Caspar David Friedrich der dadaistischen Revolution“. Erster und Zweiter Weltkrieg. Zwei Bürgerschrecke, 34 Lebensjahre liegen zwischen ihnen, die gegen die Unfreiheit und den Kleingeist ihrer Gesellschaft angeschrieben und gelebt haben. Am 8. April hat im Schubert Theater „Parterre-Akrobaten“ Premiere, die neue Figurentheater- produktion mit Texten von H.C. Artmann und Kurt Schwitters.

Mit Puppen von Nikolaus Habjan und Manuela Linshalm.

Der Abend ist eine Reise durch die Panoptika, Geisterbahnen und Fundbüros des Wiener Praters und der Waldhausenstraße 5. Im Rahmen einer „soirée noire“ wird dem poetischen, absurden und makabren Akt gefrönt. Das Anliegen ist, die enge Verwandtschaft zwischen diesen beiden Sprach- und Lebensforschern aufzuzeigen, denen die mentalen Grenzen Österreichs und Deutschlands stets zu eng waren und die politische Sprengkraft ihrer Texte lustvoll wiederzubeleben.

Für dieses Projekt haben sich die passenden Künstler auf der Artmann-Schwitters-Landkarte gefunden: Die Wiener Puppenspielerin Manuela Linshalm gehört fix zum Ensemble des Schubert Theaters in der Währinger Straße. Der Innsbrucker Christoph Hackenberg  ist freier Film- und Fernsehschauspieler und arbeitet als Puppenspieler seit 2008 mit dem Schubert Theater zusammen. Die aus Omsk gebürtige Musikerin Jana Schulz hat in Wien bereits durch ihre Band „Jana & Die Piraten“ auf sich aufmerksam gemacht. Und zu guter Letzt reiht sich in den „danse absurde“ die aus Transsylvanien stammende Regisseurin Martina Gredler ein, die am Residenztheater in München und am Burgtheater Regieassistentin war.

schuberttheater.at

Wien, 6. 4. 2106

Neu am Volkstheater: Katharina Klar und Christoph Rothenbuchner

März 10, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Spielen in „Isabelle H. (geopfert wird immer)“

Katharina Klar und Christoph Rothenbuchner Bild: © Robert Polster / Volkstheater

Katharina Klar und Christoph Rothenbuchner
Bild: © Robert Polster / Volkstheater

Am 10. März startet das Volkstheater gemeinsam mit dem Max Reinhardt Seminar und den Wiener Wortstaetten das Festival Neues Wiener Volkstheater. In dessen Rahmen wird Thomas Köcks mit dem Else-Lasker-Schüler-Dramatikerpreis ausgezeichnetes Stück „Isabelle H. (geopfert wird immer)“ aufgeführt.

Katharina Klar (mehr: www.volkstheater.at/person/katharina-klar/) und Christoph Rothenbuchner (mehr: www.volkstheater.at/person/christoph-rothenbuchner/) spielen den aus dem Afganistan-Einsatz heimgekehrten Soldaten Daniel C. und eine illegale Immigrantin, die sich nach der französischen Schauspielerin Isabelle Huppert nennt. Das Verhältnis der beiden, gefangen in einer Schicksalsgemeinschaft, scheint von klaren gesellschaftlichen Vorzeichen geprägt. Doch der traumatisierte Soldat und die eigenwillige Flüchtlingsfrau offenbaren Seiten an sich, die gängige Klischees unterlaufen. Die Machtfrage wird in jeder Situation neu verhandelt. Regie führt Felix Hafner, Student der Schauspielregie am Max Reinhardt Seminar, Premiere ist am 12. März. Ein Gespräch mit den Darstellern:

MM: „Isabelle H. (geopfert wird immer)“ ist Teil des neuen Festivals Neues Wiener Volkstheater. Was verstehen Sie darunter?

Die beiden lachen. Christoph Rothenbuchner: Entschuldigung, aber diese Frage haben wir uns bei den Proben auch schon gestellt. Ich weiß nicht, ob das Stück genau ins Wiener Volkstheater reinpasst, aber es betrifft das Volk und Wien und es ist neu. Also insofern sind alle drei Aspekte erfüllt.

Katharina Klar: Wir hatten eine Diskussion darüber, dass man den Begriff weit fassen muss. Wir haben uns dann geeinigt, dass es Stücke mit aktuellem Zeitbezug sind, die vielleicht auch etwas mit Wien zu tun haben. Ich habe zum Begriff Volkstheater bisher keine Beziehung, außer, dass unser Theater eben so heißt. Hoffentlich bin ich nach dem Festival klüger. Ich finde die Fragestellung fast ein bisschen künstlich, warum man hier Volkstheater machen sollte. Die Frage nach Relevanz für die Zeit und auch den Ort muss sich Theater sowieso immer stellen.

Rothenbuchner: Und gerade unter einer neuen Intendanz, die mit neuem Konzept und neuer Besetzung kommt. Die Frage ist, wie wir hier Theater machen, nicht ob das Volkstheater ist. Für mich ist eine schöne Nische, die Rote Bar zu bespielen, da kann man sich anders ausdrücken als am großen Haus. Da habe ich letztens etwas gemacht, einen Syrien-Abend, der meiner Meinung nach ins Volkstheater passt. Weil es ein halb aufklärerischer Abend war, ein sinnlicher Aufklärungsabend, simpel und einfach gehalten, das passt für mich in ein Volkstheater.

MM: Ist das eine Qualität dieses Hauses? Die vielen Spielorte, an denen man sich in mehreren Schienen erproben kann? Frau Klar, Sie haben sich in der Roten Bar schon als Autorin und in einem musikalischen Abend gezeigt. Herr Rothenbuchner, wann wird man Sie in Wien als Tänzer sehen?

Rothenbuchner: Nächste Spielzeit, vielleicht.

Klar: Ich hoffe, dass es uns gelingt, die Rote Bar und das Volx/Margareten in der Außenwahrnehmung wieder stärker zu einem Teil des Volkstheaters werden zu lassen. Das ist ein großer Wunsch des Ensembles. Wir hatten in Graz zwei gut funktionierende Nebenspielstätten, die Probebühne und die Ebene 3, und das soll es in Wien auch geben. Wir wollen die beiden Spielorte zum Leben erwecken und nicht immer nur diesen riesigen Kasten bespielen.

Rothenbuchner: Man kann in kleineren Räumen intimer arbeiten, sich anders präsentieren und auch ganz andere Inszenierungen zeigen.

Klar: Bei kleineren Inszenierungen werden ganz andere Risiken eingegangen und das ist etwas, das ich mir sehr wünsche.

Rothenbuchner: Insofern ist, zumindest für mich, die Hoffnung da, dass es nächstes Jahr vielseitiger wird. Und dass es, um Ihre Frage zu beantworten, vielleicht zum Tanzen kommt.

MM: In „Isabelle H.“ geht es um …

Klar: … einen Soldaten und eine Flüchtlingsfrau. Sie verschanzen sich in einer Lagerhalle vor der Polizei, nachdem sie sich zufällig an einer Raststätte kennengelernt haben. Daniel C. hat einen Polizisten erschossen und jetzt überlegen die beiden, wie sie aus der Sache wieder rauskommen. Wie sie weiter vorgehen werden. Wir erfahren sehr viel über Daniel C.s Geschichte, aber weniger über Isabelle H., weil sie das verweigert. Die Figur steigt immer wieder aus der Handlung aus und stellt sie und die ganze Geschichte permanent infrage. Und ihre Rolle als Opfer, weil sie so nicht besetzt sein will.

MM: Wie stellt Thomas Köck das dar?

Rothenbuchner: Nicht als Betroffenheitsstück. Er spielt mit den Ebenen des Theaters und damit, wie Geschichten erzählt werden. Es geht ihm um Rollenzuschreibungen in unserer Gesellschaft und da hat er als Beispiel den Flüchtling gewählt, den man glaubt zu kennen und dem man alles Mögliche zuschreibt. Dazu kommt der psychisch Kranke. Ich finde die Bilder, die Köck findet, teilweise sehr brutal, sehr stark. Aber es ist sicher nicht Betroffenheitstheater.

Klar: Es ist sogar eine Abrechnung damit. Thomas Köck stellt das total infrage, das Einzelschicksal, von dem man sich kurz rühren lässt, bevor man wieder nach Hause geht …

Rothenbuchner (unterbricht): Dagegen verwehre ich mich. Ich möchte den Daniel C. schon als berührendes Schicksal zeigen.

Klar: … Thomas Köck war mal bei einer Probe und hat da erklärt, dass die beiden Charaktere für ihn damals, als er das Stück geschrieben hat, beide für das standen, was eine Gesellschaft ausblendet. Wie für Abgrenzung gesorgt wird und was ausgegrenzt wird. Durch die aktuellen Ereignisse hat aber die Flüchtlingsseite so einen Fokus bekommen, dass sie auch die Gewichtung im Stück verschiebt. Wie werden sehen, ob das interessant ist, oder seltsam.

MM: Sie wollten was sagen?

Rothenbuchner: Nämlich, dass sich auch Daniel C. nicht als Opfer sehen will. Er erzählt seine Geschichte, die von außen betrachtet vielleicht simpel und typisch ist. Deshalb empfinde ich diese Form von Theater auch als Volkstheater, und dieser Geschichtenaufbau funktioniert absolut, da muss man Kitsch und Tragik hernehmen, um zu erzählen und um diese Erzählung wieder brechen zu können. Mich interessiert, dass man sich immer gemütlicher damit abfindet, Opfer zu sein. Mit diesem “Man kann ja nichts machen, Geld haben wir nicht, Zeit auch nicht, was sollen wir also schon groß ausrichten”. Ich merke auch bei mir, dass ich mich mit solchen Argumenten rechtfertige, warum ich das und das nicht tue. Das ist im Grunde eine Opferhaltung. Die Rolle macht mir das Leben einfacher. Alles, was ich mache, ist dadurch legitimiert, dass ich Leid erfahren habe. Und das ist die Rolle, die Isabelle H. ganz klar zugeschrieben wird, und die der Soldat sich über die Theatererzählung einverleibt.

Klar: Das macht Opfersein zu einer begehrten Rolle, weil man in diesem Opferstatus unangreifbar ist. Andererseits wird die Opferrolle ja oft extrem zurückgewiesen. Niemand will Mitleid, wenn’s wirklich schlimm ist, oder?

MM: Das klingt alles so wahnsinnig ernst. So schreibt Thomas Köck doch gar nicht.

Rothenbuchner: Das Publikum wird schon lachen können.

Klar: Das Stück unterläuft sich ja ständig selber. Es gibt sehr viele sehr gut geschriebene Pointen drin. Es wird immer wieder etwas aufgebaut und dann kaputt gemacht, was ja doch meistens witzig ist.

MM: Wie ist das Arbeiten mit Felix Hafner, der im letzten Jahr seines Schauspielregie-Studiums am Max Reinhardt Seminar ist? Während Sie schon fertig und geprüft sind?

Klar: Er ist der erste Regisseur, der jünger ist als ich.

Rothenbuchner: Es ist sehr entspannt. Es gibt einen guten Umgang miteinander. Wir können auch nicht den Mund halten, manchmal, also meistens, und so haben wir oft Spaß.

Klar: Er ist überhaupt sehr humorbegabt, deshalb sind die Proben sehr witzig.

Rothenbuchner: Er ist aber andererseits in aller Ernsthaftigkeit keiner, der einen Vorschlag nicht annimmt, nur weil die Idee nicht von ihm ist.

MM: Wie sind Sie beide Schauspieler geworden?

Klar: Ich bin übers Wiener Kindertheater zum Theater gekommen, eher zufällig damals. Und irgendwie irgendwann wollte ich dann unbedingt Schauspielerin werden.

Rothenbuchner: Ich hatte ein Erlebnis …

Klar: Wirklich, hattest du das? Ich möchte auch so gern erzählen können, das hat mich zur Bühne gebracht, aber so war das bei mir irgendwie nicht.

Rothenbuchner: Doch, das war eine Inszenierung am Wiener Schauspielhaus. Da sind die Zuschauer in Zwanzigergruppen mit je einem Darsteller zum Westbahnhof gezogen und wir waren wie in einer Prozession hinter einer spanischen Schauspielerin her und ich dachte, das ist es. Ich habe dann studiert, ein Jahr, und noch ein Jahr, und dann bin ich ans Theater und dachte, mal schauen, ob mir der Beruf überhaupt gefällt, und jetzt komme ich langsam dorthin, nicht mehr zu sagen, ich will Schauspieler sein, sondern ich bin Schauspieler.

MM: Sie beide sind nun vom Schauspielhaus Graz nach Wien gekommen. Sie sind aber ursprünglich Wiener. Aus Döbling und Floridsdorf. Wie war das Heimkommen in die Stadt?

Klar: Für mich sehr schön. Ich war lange in Graz, weil ich dort auch die Ausbildung gemacht habe, und ich genieße es, jetzt wieder in einer großen Stadt zu sein. Ich hatte erst Befürchtungen, dass das Nachhause kommen eng wird. Aber Wien ist wie eine neue Stadt, in der aber auch Menschen leben, die man schon lange kennt.

MM: Eng wird, im Sinne von: Die Mutti weiß wieder, was man macht?

Klar: Nein, davor habe ich keine Angst, ich bin sehr antiautoritär erzogen. Eng, weil man es aufgibt, ein Doppelleben zu führen. Ich hatte immer in Graz Arbeit, in Wien Urlaub, ein Leben da, ein Leben dort, getrennt, mit verschiedenen Personenkreisen. Ich mochte das auch gern, zwischen zwei Welten zu wechseln, jetzt mischt sich das mehr, aber: läuft.

Rothenbuchner: Ich war davor in Bern, dann Graz. Das war von 126.000 auf 260.000, jetzt sind’s 1,7 Millionen Menschen. Das hat mich anfangs schon geflasht. Ich bin sehr naturverbunden, ich mochte in Graz Mountainbiken, laufen, spazieren gehen, das geht mir in Wien ein bisschen ab. Ich bin halt ein Landei geworden. Aber Großstadt ist schon super. Ich bin extra nicht mehr in den 17., 18. Bezirk gezogen, sondern nach Favoriten, um nicht in alte Denkmuster und Gewohnheiten zu fallen. Ich muss sagen, es ist ein bisschen gewöhnungsbedürftig. Ich wohn‘ beim Reumannplatz, das ist okay, aber die Distanzen sind enorm … Ich muss mir einfach ein gutes Rad besorgen.

Klar: So groß ist Wien auch wieder nicht. Man kann doch eh nicht durch die Burggasse gehen, ohne zwei Schauspieler zu treffen. Da weiß ich auch nicht, wie lange das gemütlich ist …

MM: Was wollen Sie vom Beruf? Was erwarten Sie sich?

Rothenbuchner: Dass ich ihn mit spannenden Projekten, mit Herausforderungen mein Leben lang ausüben kann. Ohne Angst. Dass ich nichts zum Essen habe. Dass ich ihn verliere. Sag‘ ich jetzt einmal so grad heraus.

Klar: Das Schöne an dem Beruf ist, als Gruppe in einen gemeinsamen Prozess zu gehen und etwas entstehen zu lassen, von dem man nicht weiß, wo es hinführt. Ich hätte gerne, dass das möglichst oft der Fall ist. Dass man ergebnisoffen arbeitet und, dass man wirklich zusammenkommt. Und vielleicht etwas erzählen kann, das für den Zuschauer die Perspektive verschiebt.

MM: Sie sind hier am Haus in zwei Produktionen, „Zu ebener Erde und erster Stock“ und „Romeo und Julia“, denen von der Kritik nicht einstimmig zugejubelt wurde. Wie gehen Sie damit um?

Klar: Es weht hier ein schärferer Wind als in Graz. Was ja auch bis zu einem gewissen Punkt interessant ist. Wir arbeiten daran, Produktionen auch intern gemeinsam auszuwerten. Wir besprechen, was wir von Inszenierungen halten, unabhängig davon wie sie draußen ankommen. Das ist mir sehr wichtig. Mir hilft es, wenn ich weiß, was ich in einer Sache sehe, wenn ich dahinter stehe, dann ist mir ein bisschen egaler, ob sie bei der Presse ankommt oder nicht. Was mich zuletzt geärgert hat, war, dass wir Schauspieler als Opfer eines Regiekonzepts dargestellt wurden. Keiner will das Opfer sein, siehe oben. Und es stimmt auch so nicht. Ich weiß schon, was ich tu.

Rothenbuchner: Ich fühle mich nicht persönlich angegriffen, wenn ein Abend generell verrissen wird. Gut, es steigert jetzt nicht die Motivation oder die Lust so einen Abend zu spielen. Es ist schon ein Dämpfer, es hat eine andere Energie in einer gefeierten Produktion rauszugehen.

Klar: Es macht auch etwas mit der Produktion. Schlechte Kritiken brauchen ein paar Vorstellungen, bis sie aus den Köpfen raus sind. Man kann sich aber nicht nur danach richten. Wichtig ist, in welche Richtung sich das Haus entwickeln soll.

MM: Womit wir wieder bei Neues Wiener Volkstheater wären. Wie bekommt man dazu neues Wiener Publikum? Was hat „Isabelle H.“ einer jungen Zuschauergeneration zu bieten?

Rothenbuchner: Das ist die alte Frage, warum junge Leute wenig ins Theater gehen. Außer in Schülervorstellungen und da sind sie ja quasi gezwungen. So wie meine Freunde, die ich nötige. Wenn ich da ein Patentrezept wüsste … „Isabelle H.“ eröffnet einen Diskurs über die aktuelle Flüchtlingssituation. Das dürfte ja schon mal interessieren.

Klar: Das Stück hat Irritationen zu bieten. Wenn man sich das ansieht, werden viele Fragen offen bleiben. Ich glaube, das ist etwas Gutes. Und ich hoffe auch, man ist gut unterhalten.

Rothenbuchner: Ich würde es mir auf jeden Fall anschauen. Das Schicksal des Daniel C.s allein ist es wert, sich das anzuschauen.

Klar: Ja, ja.

MM: Herr Rothenbuchner, Sie haben am Haus auch ein Projekt Junges Volkstheater im Rahmen der „Spieltriebe“ (mehr: www.volkstheater.at/junges/spieltriebe-die-spielclubs-des-jungen-volkstheaters/).

Rothenbuchner: Genau, „Generationen“, gemeinsam mit Bérénice Hebenstreit. Da machen Menschen um die 17 bis 21 mit Menschen ab 65 gemeinsam Theater. Da ist sehr spannend, wir arbeiten viel über Improvisation und Tanz. Sehr viel geht um die Begegnung, um die Auseinandersetzung miteinander. Es ist schön so viele unterschiedliche Menschen auf der Bühne zu sehen, und deren Freude und Interesse ist so groß, dass ich gar keine Inszenierung bräuchte.Aber wir werden konkret werden und ein Stück unserer Arbeit zeigen, bei einem Festival im Mai. Wir sind sehr entspannt, weil wir so viel Material, so viele Geschichten haben, die wir erzählen können. Der Kurs ist immer am Dienstag. Ein Lichtblick in der Woche.

Klar: Das ist doch ein wunderschöner Abschluss eigentlich.

Rothenbuchner: Ich weiß nicht, ich bin noch nicht zu Ende … Die beiden lachen.

Mehr zum Festival Neues Wiener Volkstheater: www.mottingers-meinung.at/?p=17988

www.volkstheater.at

Wien, 10. 3. 2016

Mike Smith: Boko Haram. Vormarsch des Terror-Kalifats

September 24, 2015 in Buch

VON RUDOLF MOTTINGER

Ein Augenzeugenbericht über Nigerias unheiligen Krieg

9783406682193_coverSchätzungen zufolge sind mehr als eine Million Menschen, darunter viele Kinder, auf der Flucht. Mehr als 10.000 Menschen sind seit 2009 in Nigeria, dem mit ca. 170 Millionen einwohnerreichsten Staat Afrikas, ums Leben gekommen – das Werk der Terror-Miliz Boko Haram. Doch woher kommt diese fundamentalistische islamische Gruppe, die so viel Schrecken, Angst und Gewalt in Nigeria und seinen Nachbarstaaten verbreitet? Der amerikanische Journalist Mike Smith hat sich drei Jahre lang auf die Spuren dieser Fanatiker geheftet und seine Eindrücke und Ergebnisse in dem brandaktuellen Buch „Boko Haram – Der Vormarsch des Terror-Kalifats“ niedergeschrieben.

Und diese geben großen Anlass zur Sorge, für die Menschen in Nigeria, aber auch weltweit. Denn eines ist sicher: Eine zufällig zusammengewürfelte Bande, wie manche nigerianische Politiker und Militärs der Weltöffentlichkeit weiß machen möchten, sind Boko Haram sicher nicht. Das wäre auch eine allzu einfache Erklärung. Die Wurzeln und Gründe für ihr Entstehen bzw. ihr Erstarken in den letzten Jahren liegen tiefer. Sowohl in der nigerianischen Gesellschaft als auch in der leidvollen Geschichte des westafrikanischen Staates, der 1960 seine Unabhängigkeit von den britischen Kolonialherren erhielt. „Boko Haram ist ein Problem, das seine Wurzeln in Nigeria hat und das die Nigerianer lösen müssen“, weiß der Autor und Kenner des Landes.

Smith geht auf Spurensuche. Er befragt nigerianische Politiker, Militärs, Einwohner, Sympathisanten und Opfer von Boko Haram, die aus ihrer Sichtweise die Ereignisse schildern. Er reist an die Orte der Gewalttaten und macht sich ein Bild. Er besucht, trotz Behinderungen der lokalen Behörden, die Millionenstadt Kano im Norden des Vielvölkerstaates, wo Anfang 2012 einige Tage bürgerkriegsähnliche Zustände herrschten und sich die Armee und Boko-Haram-Kämpfer wilde Gefechte lieferten, Abuja, die Hauptstadt, wo 2011 ein Sprengstoffanschlag von Boko Haram auf ein UN-Gebäude mindestens 23 Todesopfer forderte oder Chibok und die Schule, aus der am 14. April 2014 300 Mädchen von den Islamisten verschleppt wurden. Viele von ihnen sind bis heute nicht aufgetaucht. Damit entsteht ein lebhaftes Bild der Ereignisse und ein Buch, das weit über das Sollen und Wollen eines Sachbuches hinausgeht.

Nigeria ist heute Afrikas größte Volkswirtschaft, doch das bedeutet für die Mehrheit der Nigerianer, die weiterhin von weniger als einem Dollar pro Tag leben muss, wenig oder gar nichts. Sie ist gezwungen, sich irgendwie über Wasser zu halten, während ihre Führer und korrupten Wirtschaftsmagnaten sich, von der Polizei eskortiert, mit ihren Geländewagen gewaltsam den Weg durch den Verkehr bahnen und hinter den Schutzmauern ihrer Wohnanlagen verschanzen. Schmiergelder gehören in Nigeria ebenfalls zum Alltag, und dann gibt es noch den Unterschied zwischen dem großteils muslimischen Norden und dem christlichen Süden, in dem sich die Erdölvorkommen des Landes befinden. Gewalt prägte und prägt die Geschichte des westafrikanischen Staates. Auch nach der Unabhängigkeit 1960, die im Sezessionskrieg Biafras (1967-1970) und dessen Scheitern gipfelte. Die Kultur des Nordens unterscheidet sich stark von der des Südens, da sich im Mittelalter zusammen mit dem Handel auch der Islam in den Savannengebieten südlich der Sahara ausgebreitet hat. Im Großteil des heutigen Nordens wurde Anfang des 19. Jahrhundert nach einem bewaffneten Dschihad unter der Führung von Usman dan Fodio, einem islamischen Geistlichen, das Kalifat Sokoto errichtet, das erst von den Briten beendet wurde. Der Norden und Süden wurden eins. Das heutige Nigeria ist nur dem Namen nach ein Nationalstaat. Es wurde vielmehr aus diversen traditionellen Gesellschaften und Hunderten von ethnischen Gruppen zusammengewürfelt.

Smith: „Neben kulturellen und historischen Faktoren sind jedoch vor allem die legendäre Korruption und Misswirtschaft in Nigeria verantwortlich für den desolaten Zustand des Nordostens und des Landes insgesamt. Nigerianer aus allen Ethnien und Regionen haben jegliches Vertrauen in die Regierung, das Rechtssystem und die Sicherheitskräfte des Landes verloren, das sie vielleicht einmal hatten.“ Viele im Norden betrachten die Demokratie inzwischen als System, das sie in Armut belässt und unwürdige, korrupte Führer reich macht. Zusammengefasst: Armut, keine Bildung, Korruption auf allen Ebenen, dazu unzählige Staatsstreiche und Umstürze, die gescheitete Sezession Biafras im Osten des Landes, die Millionen Tote forderte: In dieser Atmosphäre begann Mohammed Yusuf, Boko Harams erster Führer, damit, seine Anhänger um sich zu scharen.

Der Autor zeichnet seinen Aufstieg (1970 geb., 2009 nach seiner Gefangennahme vermutlich von den Sicherheitskräften erschossen) soweit es die Quellenlage erlaubt nach. Zuerst war er Gefolgsmann des Predigers Sheikh Ja’far, der den Koran auf sehr eigenwillige Weise interpretierte, bald ging er seine eigenen, radikaleren Wege (u.a. gegen alle westliche Formen von Bildung und dem Aufruf an die Muslime des Landes nicht an einer weltlichen Regierung teilzunehmen). Das war um das Jahr 2003, quasi dem Geburtsdatum der Gruppierung, die später als Boko Haram (Haussa-Ausdruck für „Westliche Bildung ist verboten“) zu trauriger Berühmtheit gelangte, auch wenn sie sich selbst als „Vereinigung der Sunniten für den Ruf zum Islam und den Dschihad“ bezeichnet. Bald danach verübte die radikal-islamische Gruppierung die ersten Anschläge auf Polizeistationen. Yusuf scharte in seinem Kreuzzug gegen westliche Einflüsse eine vor allem aus jungen orientierungslosen, arbeitslosen Menschen bestehende Anhängerschaft um sich.

Seine Hass-Predigten und Video-Botschaften wurden militanter. Er bereitete seine Anhänger auf den Kampf gegen das Böse auf der Welt und gegen den nigerianischen Staat vor. Am 26. Juli 2009 begann schließlich der Boko Haram-Aufstand, der drei Tage andauern sollte und mit der Verhaftung Yusufs und seinem Tod endete. Boko Haram ging in den Untergrund. 2010 flammte der Terror unter Abubakar Shekau, Yusufs ehemaligem Stellvertreter mit Anschlagserien in mehreren Städten Nigerias erneut auf. Die Präsidenten wechselten, der Terror blieb. Die Regierungsmacht ignorierte das Problem bzw. glaubte, es im Griff zu haben. Doch schon bald breitete sich die Welle der Gewalt vom Norden auf den Middle Belt Nigerias und auch in den Süden aus, bis 2012 der nationale Notstand ausgerufen werden musste. Shekau bekannte sich und die Boko Haram zu Anschlägen in Kano und anderen Städten. Diese richteten sich nun nicht mehr nur gegen Repräsentanten des Staates.

In den Auseinandersetzungen wurden und werden auch Verbrechen der nigerianischen Sicherheitskräfte begangen, wie Berichte von Human Rights Watch belegen. Bürgerwehren sollen für Sicherheit vor den islamischen Extremisten sorgen, die Grenzen zwischen Täter und Opfer verschwimmen und Boko Haram wendet eine neue Strategie an, die von Entführungen von Mädchen bis zu Selbstmordattentaten reicht. Auf der anderen Seite steht die Ohnmacht der nigerianischen Regierung und die hilflosen, ja kontraproduktiven Gegenmaßnahmen der Einsatzkräfte. „Tatsächlich war es doch gerade Nigerias Unfähigkeit, den Aufstand zu bekämpfen und das Vertrauen der eigenen Bevölkerung zu stärken, die es Boko Haram ermöglicht hatte, immer weiter zu wachsen und eine solche Wirkung zu entfalten ­ auch wenn es übertrieben ist, von einer Art ,al-Qaida West- und Zentralafrikas‘ zu sprechen.“, resümiert Smith.

Das Buch beginnt mit den Ereignissen in Kano 2012 und erzählt von einem Opfer der Anschläge, dem Polizeibeamten Wellington Asiayei, der für immer gelähmt bleiben wird – und endet mit dessen Tod 2015. „Die Debatte über Boko Haram, die internationalen Verbindungen und Dschihad-Ambitionen der Terrorgruppe wird und sollte weitergehen. Sie ist jedoch für jene, die tagtäglich mit der Realität der Gewalt konfrontiert sind, fast irrelevant. Das Problem ist kein Geringeres als der derzeitige Zustand Nigerias und die Art, wie das Land beraubt wird – seines Reichtums und, wichtiger noch, seiner Würde“ , schreibt Smith am Ende wenig hoffnungsvoll. Ob der seit einigen Monaten neu im Amt befindliche Präsident Muhammadu Buhari, selbst ehemaliger Militärherrscher des Landes, das Problem lösen wird, bleibt offen.

Über den Autor:
Mike Smith hat seit 2010 den Aufstieg von Boko Haram in Nigeria für die Nachrichtenagentur AFP beobachtet. Er veröffentlicht zahlreiche Artikel in großen Zeitungen und Magazinen wie „Slate magazine“ oder „The Guardian“.

C.H.Beck, Mike Smith: „Boko Haram – Der Vormarsch des Terror-Kalifats“, Sachbuch, 288 Seiten. Aus dem Englischen von Ursula Pesch, Karlheinz Dürr und Karsten Petersen

Literaturtipps:
Chimamanda Adichie: Die Hälfte der Sonne. Ein packender Roman über den Biafra-Krieg (1967-1970), München 2008
Wole Soyinka: Brich auf in früher Dämmerung. Erinnerungen des nigerianischen Literaturnobelpreisträgers, Zürich 2008
Toyin Falola: A History of Nigeria, Cambridge 2009
Richard Bourne: A New History of a Turbulent Century, London 2015

www.chbeck.de

Wien, 24. 9. 2015