Theater der Jugend: Krieg der Welten

Juni 2, 2021 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Im Garten Erde schmarotzt der Parasit Mensch

Rette sich, wer kann, die Aliens rücken an: Maria Astl, Uwe Achilles, Johanna Hainz, Enrico Riethmüller, Soffi Povo und Valentin Späth. Bild: © Rita Newman/TDJ

„Der Krieg der Welten“ ist als 1898 veröffentlichte Dystopie von H. G. Wells ein Klassiker der Sci-Fi-Literatur. Legendär auch das Hörspiel von Orson Welles, die fiktive Reportage über den Alien-Angriff, der zu Halloween 1938 eine Massenpanik und die höchst zeitgemäße Frage nach der Medien Kompetenz und Verantwortung auslöste. Verfilmungen gibt’s en masse, Stephen Spielberg mit Tom Cruise, Roland Emmerichs Wells-Hommage „Independence Day“, die Satire

„Mars Attacks!“ von Tim Burton … Mark Slee machte aus dem Stoff eine Mockumentary, die einen Angriff von Marsianern nach Wells‘schem Vorbild als Alternativszenario zum Ersten Weltkrieg entwarf. Nun also eine Uraufführung im Theater der Jugend. Regisseur Jethro Compton hat entlang der Vorlage eine neue Bühnenfassung erarbeitet, übersetzt von Birgit Kovacsevich, in der die Außerirdischen nicht mehr landen, um Ressourcen zu plündern, sondern um diese zu bewahren. Das erfährt man am Ende dieser Aufführung, die die großen Themen dieser Tage auf einwandfreie Weise zu verbinden weiß.

Von der Flüchtlings- zur Klima- zur Regierungskrise, von Entsolidarisierung zu Individualisierung zu Ignoranz, Covid-19, die pandemische Plage. Der weltberühmte Roman, entstanden als kraftvolle Metapher über die britische Kolonialpolitik des 19. Jahrhunderts, ist in Zeiten globaler Katastrophen, die der Kooperation der gesamten Menschheit über alle ideologischen Gräben hinweg bedürfen, von erschreckender Aktualität, stellt Wells doch darin die nicht enden wollende Selbstgefälligkeit menschlichen Handelns einer unumstößlichen Wahrheit gegenüber: Hybris kommt vor dem Fall.

Beim britischen Theatermacher Compton sind es nun drei Teenagerinnen im dritten Wiener Bezirk, die mit der Invasion aus dem All konfrontiert werden: Johanna Hainz spielt eine Art Fridays-For-Future-Aktivistin, Julia, die von der Sorge um den ökologischen Fußabdruck ihrer Vielflieger-Mutter umgetrieben wird. In die Fußstapfen ihres xenophoben Vaters tritt Maria Astl als Laura, an der der Text großartig die ererbten Vorurteile samt deren Widersprüchlichkeiten durchdekliniert: „Die Ausländer sind allesamt arbeitsscheue Sozialschmarotzer“ vs. „Die Ausländer nehmen uns Österreichern die Arbeitsplätze weg“.

Enrico Riethmüller, Soffi Povo und Maria Astl. Bild: © Rita Newman/TDJ

Uwe Achilles als Orchideenzüchter. Bild: © Rita Newman/TDJ

Maria Astl, Soffi Povo und Johanna Hainz. Bild: © Rita Newman/TDJ

Kein Wunder, dass die Wutbürgerstochter in Streit mit der von Soffi Povo dargestellten Amira gerät, ein muslimisches Mädchen, das von den Eltern aus einem Kriegsgebiet auf die lange Reise ins sichere Europa geschickt wurde. Amira mit ihrer Flucht- und Kriegserfahrung, so wird man noch sehen, ist einerseits traumatisiert, aber andererseits eine, die sich bedrohlichen Situationen auszusetzen, zu widersetzen weiß. Enrico Riethmüller, Valentin Späth und Uwe Achilles bestreiten alle weiteren Rollen, Soldat und Schuldirektorin, einen Botaniker, den geheimnisvollen Adam, Fernseh- und Radioreporter, NASA-Wissenschaftler, vor allem auch als Wells-Welles’sche Erzähler …

Es kommt zum Angriff, den Laura sofort als einen islamischen deklariert. Der Stephansdom wird zerstört, und ganz fabelhaft ist, wie die auf der Bühne natürlich „unsichtbare“ Gefahr mittels Licht- und Soundeffekten, „Stimmen“ wie griechisch-migrantenfeindliche Schallkanonen, dem Publikum durch Mark und Bein fährt – Bühne: Diana Zimmerman, Licht: Lukas Kaltenbäck, Musik: Jonny Sims, Kostüme: Andrea Bernd. Dass die Marsianer die Menschen via der GPS-Systeme ihrer Smartphones ausmachen, um sie alsdann auszuradieren, die Protagonistinnen die ihren aber dennoch nicht von sich schmeißen, macht einen fast lachen. Es gibt in der Pause keinen unter Dreißig, der nicht am Mobilgerät daddelt. Generation Handy, halt.

Die Marsianer kommen näher: Maria Astl, Soffi Povo und Johanna Hainz. Bild: © Rita Newman/TDJ

Valentin Späth als sinistrer Soldat, Johanna Hainz, Soffi Povo und Maria Astl. Bild: © Rita Newman/TDJ

Im Gewächshaus des Botanikers: Soffi Povo, Uwe Achilles, Johanna Hainz und Maria Astl. Bild: © Rita Newman/TDJ

Valentin Späth, Enrico Riethmüller und Uwe Achilles als NASA-Wissenschaftler nebst Reporter. Bild: © Rita Newman/TDJ

Im Military-Setting, zwischen Camouflage-Netzen und olivgrünen Schutzkoffern treffen die drei jedenfalls auf Valentin Späth als sinistren, Befehle bellenden Soldaten, dem Amira unterstellt, sein eigenes Süppchen zu kochen, später und ausgerechnet in einer Kapelle auf Enrico Riethmüller als Adam. Statt Solidarität gibt’s Streit unter den Parteien, die stets misstrauische Amira krankt an Flashbacks vom Verlust ihrer kleinen Schwester über den Budapester Bahnhof 2015 bis Traiskirchen, die zugestaute A1 Richtung Linz ist von den Maschinen menschenleer gemacht worden – und plötzlich müssen alle Beteiligten erkennen, wie klein ihre Streitereien gegen diesen numinosen Horror sind.

Man landet im Gewächshaus des Botanikers Uwe Achilles, und siehe: die Aliens rücken gegen dessen Orchideenzucht nicht vor. Der Mensch ist der Feind von Fauna und Flora, und die beiden übernehmen. Blumen statt Asphalt lautet bald das Motto. Das alles ist spannend, duster, eindrücklich. Beim Aufstand gegen die Maschinen gibt es das eine oder andere Menschenopfer. Die Dystopie des Originals hat sich um 180 Grad gedreht: Im Garten Erde sind wir die Parasiten, und die Aliens angerauscht zum Umwelt-, zum Artenschutz. Jethro Compton statuiert ein Exempel über das, was wir für selbstverständlich halten.

Es zeigt sich, ohne zu spoilern und wie in der Regel, dass das Problem ein hausgemachtes ist. Der Kreis schließt sich im „Dschungel“ von Calais, jener menschenunwürdigen Zeltstadt, in der Flüchtlinge auf eine bessere Zukunft hoffen. Das sichere Europa … mehr Science Fiction ist kaum mehr möglich, und das Theater der Jugend macht diese Zustände ohne erhobenen Zeigefinger greifbar. Was bleibt zu sagen? Dass dieser Produktion viele Zuschauerinnen und Zuschauer (ab 11 Jahren) zu wünschen ist, und dass diese es einmal besser machen werden. Menschsein ist Work in Progress. Arbeiten wir daran.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=LDiY1bt_0mI           www.tdj.at

  1. 6. 2021

H. C. Artmann – Anlässlich des 100. Geburtstags: Eine Autobiografie aus Gesprächen

April 13, 2021 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Außerdem Klangbücher, Prosa- und Gedichtbände

H. C. Artmann war eine der schillerndsten Künstlerpersönlichkeiten der Nachkriegszeit und vielleicht der letzte literarische Lebemann. Er verstand sich als „kuppler und zuhälter von worten“, beschrieb „med ana schwoazzn dintn“ die düstere Seite der Wiener Gemütlichkeit und bleibt als virtuoser Sprachakrobat und individualistischer Exzentriker unvergessen. Am 12. Juni gilt es den 100. Geburtstag des im Jahr 2000 im Alter von 79 Jahren an Herzversagen verstorbenen Schriftstellers mit Büchern von und über ihn zu feiern. Hier eine persönliche Auswahl an bereits erschienenen und noch erscheinenden Biografien, Klangbüchern, Prosa- und Gedichtbänden:

H. C. Artmann: ich bin abenteurer und nicht dichter

In „ich bin abenteurer und nicht dichter“ versammelt Kurt Hofmann, ergänzt mit Werkausschnitten, die prägnantesten Originalaussagen Artmanns über sein Leben und Schaffen. Durch nächtelange Gespräche über Jahre hinweg wurde ORF-Redakteur Hofmann zum Vertrauten und Kenner Artmanns. Aus diesen Treffen resultiert die bis heute einzige „Autobiografie“ des literarischen Genies, dessen Faszination ungebrochen ist.

Amalthea Verlag, H. C. Artmann: „ich bin abenteurer und nicht dichter. Aus Gesprächen mit Kurt Hofmann“, Autobiografie, 240 Seiten mit zahlreichen Abbildungen. Erscheint am 15. April amalthea.at

Kurt Hofmann im Amalthea-Gespräch:

Wie kam es zu den Treffen mit H. C. Artmann, und stand von Anfang an fest, dass eine Art Autobiografie aus den Gesprächen entstehen soll?
Hofmann: Als junger ORF-Redakteur in Salzburg wollte ich „den letzten literarischen Lebemann“ vors Mikrofon bekommen, wohl wissend, wenn er so etwas macht, dann sehr ungern. Die, die ihn näher kannten, rieten von so einem Projekt ab. Die, die ihn bisher interviewten, erst recht! Als er 1982 nach vielen vergeblichen Versuchen doch einwilligte, es probieren zu wollen, war wenig „Sendbares“ dabei. Da er viel zu viel überlegt hat und viel zu wenig er selbst dabei geblieben ist. Im Laufe der Jahre – mit monatelangen Pausen – wurde das Vertrauen größer bis zu dieser bei ihm seltenen Offenheit, die dann die Perspektive Richtung Buch erst ermöglichte. Die intensiven nächtelangen Interviews haben wir bis wenige Monate vor seinem Ableben geführt. Als er das Manuskript las, erschrak er: „Was haben wir gemacht!“ und: „Bring das erst raus, wenn ich nicht mehr bin!“

Warum war es so schwer, an H. C. Artmann ranzukommen?
Hofmann: In einer besinnlichen Minute zwischen drei und vier Uhr morgens, die Flasche Rotwein war längst leer, habe ich ihn genau das gefragt und bekam zur Antwort: „Weißt du … (lange Pause), ich bin menschenscheu, sehr menschenscheu. Bei einfachen Dingen zu meiner Person habe ich schon Schwierigkeiten. Ich bin kein Selbstdarsteller. Diese Selbst-Zur-Schau-Stellung, wie auf einer Schlachtbank. Da liegen die Kadaver, seht her. Und wer da alles mit dem Messer auf dich zugeht, mit einem stumpfen, damit es ja wehtut. Und dann wird in den Wunden herumgerührt und das Blut spritzt und die Leute begeilen sich daran. Auskunft geben über mich bereitet mir Übelkeit und Schmerzen. Sich vor Reportern und dem Fernsehen und all dem zu schützen, das ist Notwehr.“

Wie lässt sich die Faszination H. C. Artmanns erklären?
Hofmann: Man kann es nicht besser ausdrücken, als dies Klaus Reichert bei Artmanns Begräbnis getan hat: Kein Dichter in diesem mit ihm zu Ende gehenden Jahrhundert hat so bedingungslos wie H. C. Artmann die Existenz und die Würde des Dichtens noch einmal vorgelebt. Kein Dichter, auch Ezra Pound nicht, hat wie er auf andere gewirkt, weil er keine Richtung verfolgte, keine Prinzipien verkündete, außer solchen, die im nächsten Gedicht wieder aufgelöst werden konnten. So kam es, dass so viele Talente und große Begabungen sich von ihm herschreiben konnten, indem sie, durch ihn, zu ihrer eigenen Stimme fanden. Und das Erstaunlichste: Er war ein altersloser Dichter, dessen Zeit immer gekommen war. Jede Generation, bis herab zur jüngsten, konnte mit ihm, durch ihn, den Funken der Dichtung neu entfachen.

H. C. Artmann: um zu tauschen vers für kuss. Klangbuch mit CD von Erwin Steinhauer

H. C. Artmanns 100. Geburtstag ist auch für Erwin Steinhauer und seine Musiker-Freunde Georg Graf, Joe Pinkl und Peter Rosmanith Anlass, sich abermals mit dessen umfangreichem Werk zu beschäftigen. Für Alfred Kolleritsch ist „das werk h. c. s … die gesammelte rettung der poesie, die weite der sprache reicht hin in alle moeglichen welten der phantasie. sie schafft sich diese welten und erzählt ihre vielfalt. was freiheit des schreibens, des erfindens, des verzauberns ist, fand ich in seinem werk – dem freundlichsten anarchismus, den man sich vorstellen kann.“ Steinhauer erforscht gemeinsam mit seinen musikalischen Reisebegleitern diese fantastischen Welten des H. C. Artmann, die hier zu einer turbulenten, poetischen und humorvollen Text-Musik-Collage verwoben werden. Die Musik ist vielschichtig wie die Geschichten, jongliert mit vielen Stilen und zaubert Kino für die Ohren. Ein poetisches Klangabenteuer.

Mandelbaum Verlag, H. C. Artmann: „um zu tauschen vers für kuss“ Klangbuch mit einer CD von Erwin Steinhauer, Georg Graf, Joe Pinkl und Peter Rosmanith. 32 Seiten mit zahlreichen Abbildungen von Linda Wolfsgruber.  Erscheint im Mai www.mandelbaum.at         Trailer:www.youtube.com/watch?v=SdNu_xd3E9M         www.youtube.com/watch?v=ZjnwuMqZxXA

Von H. C. Artmann im Mandelbaum Verlag bereits erschienen sind: Dracula, Dracula, Klangbuch mit CD, gelesen von Erwin Steinhauer. Die von Georg Graf und Peter Rosmanith komponierte, und auf zahlreichen Perkussions- und Blasinstrumenten interpretierte Musik, bezieht ihre Einflüsse aus osteuropäischer Volksmusik, dem Jazz, Ambient- und der Minimalmusic.  Aus Sprache und Musik entsteht eine Symphonie des Grauens. Es empfiehlt sich daher beim Hören dieses Klangbuches immer etwas Knoblauch in Reichweite zu haben.

Flieger, grüß mir die Sonne, Klangbuch mit CD. Ein nicht gerade mit Vorzügen gesegneter Mann verwandelt sich mit Hilfe einer falschen Identität und unzähliger Prothesen in einen verwegenen Flieger und begibt sich auf Eroberungen. Doch glücklos wie er ist, kommt ihm einiges in die Quere und bald ist aller Lack ab. Georg Graf an diversen Blasinstrumenten, Peter Rosmanith mit seiner vielfältigen Perkussion und Joe Pinkl an Posaune, Tuba und Keyboard sorgen für manch gewagten Höhen­flug, ohne vor der unausweichlichen Bruchlandung zurück- zuschrecken. Tango, Walzer und Rumba dienen als rhythmischer Background für männliches Balzverhalten und treiben den Flieger zu mutigen Taten voran. Virtuos gesprochen wird der Text von Erwin Steinhauer.

Schreibe mir, meine Seltsame, schnell. Briefe an Didi 1960–1970. Mit Illustrationen von Susanne Schmögner – herausgegeben von Didi Macher und Ulf Birbaumer. 1960 schrieb H.C. Artmann Sehnsuchtsbriefe, denen er oft später veröffentlichte Liebesgedichte beilegte, aber auch aufmunternde, witzige Postkarten, adressiert an die junge Kärntner Schauspielerin Didi Macher in Klagenfurt, wo sie gerade eine längere Krankheit auskurieren musste und die der Dichter dort regelmäßig besuchte. Seine brieflichen und lyrischen Verbarien ergänzte er durch ausgerissene Karikaturen, durch Passagen in Sanskritschrift, die beide lesen und schreiben konnten. Auch getrocknete Sommerblüten klebte er in die Briefe und machte sie so zu einem poeti­schen Sehnsuchtsherbarium.

Veronika Premer, Marc-Oliver Schuster: H. C. Artmann. Eine Biografie

Veronika Premer und Marc-Oliver Schuster erzählen auf spannende Weise das unkonventionelle Leben H. C. Artmanns, der in seinem Werk den Bogen von Dialektdichtung bis zu Populärkultur spannte. Der Sohn eines Schuhmachermeisters schuf ein neues sprachliches Universum und polarisierte damit eine ganze Generation. Als Vorstadt-Poet und literarischer Weltbürger schrieb er sich in die Herzen seiner Anhänger und erneuerte die traditionelle Mundartlyrik mit gewitzten Sprachspielen. Er war ein Mitbegründer der legendären Wiener Gruppe, ein Reisender und unkonventioneller Dichter, der von Moden unbeeindruckt Worte, Stile und Sprachen mischte.

Residenz Verlag, Veronika Premer, Marc-Oliver Schuster: „H. C. Artmann. Eine Biografie“, 504 Seiten mit zahlreichen Abbildungen. Erscheinungstermin 2022 www.residenzverlag.com

Von H. C. Artmann im Residenz Verlag bereits erschienen ist: Klaus Reichert (Hg.): „H. C. Artmann. Gesammelte Prosa“. Zwei Bände im Schuber. 1458 Seiten. H. C. Artmanns Zauber wirkt noch immer unvermindert und nirgends stärker, überraschender und facettenreicher als in seiner Prosa. Unzählige Seiten, und in jeder Zeile der sprühende Geist, der immense Reichtum an Formen und Einfällen, die subtile Komik einer Ausnahmeerscheinung der österreichischen Literatur.

H. C. Artmann: Übrig blieb ein moosgrüner Apfel – Gedichte und Prosa

Magische Dinge geschehen in diesem Buch: Ein Schierling wird entgiftet, Küsse werden gegen Beeren getauscht, und der Farn redet mit Zungen. Und überall sprießen Knospen, stehen Blüten in voller Pracht und leuchten Früchte. Es sind die schönsten Naturgedichte und Prosastücke H. C. Artmanns, die dieser Band versammelt. Sie zeigen den Dichter in seiner ganzen Poesie: als Zauberer, der sich an den Traditionen bedient und aus fremden Sprachen und Dialekten schöpft, aber auch klassisch und formvollendet dichtet. Dass sein Zauber unvermindert fortwirkt, ist sich Clemens J. Setz beim Aufsagen der Verse und Zeilen sicher. Die Holzschnitte von Christian Thanhäuser sind zu den Gedichten entstanden.

Insel Bücherei/Suhrkamp, H. C. Artmann: „Übrig blieb ein moosgrüner Apfel – Gedichte und Prosa“, 97 Seiten mit Illustrationen von Christian Thanhäuser und einem Nachwort von Clemens J. Setz. Erschienen am 8. März. www.suhrkamp.de

Über den Autor: H. C. Artmann, geboren am 12. Juni 1921 in Wien-Breitensee, gestorben am 4. Dezember 2000 in Wien. Schon früh ist er in vielen Sprachen bewandert. Längere Aufenthalte in Stockholm, Lund, Berlin, Malmö, Bern, Graz. Seit seiner ersten Lyrikveröffentlichung 1947 schreibt er Gedichte, Theaterstücke, Prosa. Er gehört zu den Mitbegründern der Wiener Gruppe. Sein erster Gedichtband „med ana schwoazzn dintn“ im Jahr 1958 macht Artmann berühmt. Neben vielen anderen Auszeichnungen erhält er 1997 den Georg-Büchner-Preis. Bis zu seinem Tod im Dezember 2000 lebte Artmann vor allem in Wien und Salzburg.

amalthea.at           www.mandelbaum.at           www.residenzverlag.com           www.suhrkamp.de

13. 4. 2021

Streaming: American Gods, Staffel drei

Januar 13, 2021 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Grotesk-komisch, grausam und nach wie vor großartig

Shadow und Mr Wednesday unterwegs mit Betty the Barbarian: Ricky Whittle, Ian McShane und ein zum Wohnmobil mutierter Cadillac. Bild: © 2020 Starz Entertainment, LLC

Seit 11. Jänner streamt Amazon die dritte Staffel der Starz-Television-Serie „American Gods“ nach der Vorlage von Neil Gaiman, jeden Montag eine neue der zehn Folgen, deren Anfang nun „A Winter’s Tale“ machte. Lange genug musste man drauf warten, hinter den Kulissen gab es Streit, bis „Dexter“- und „Dark Angel“-Mastermind Charles H. Eglee Jesse

Alexander als Showrunner ersetzte und Season 3 nach seinen Vorstellungen adaptierte. Die Story folgt Shadow, Ricky Whittle vor der Rache der Neuen Götter nun mit Haupthaar und Vollbart getarnt, der versucht, sich von den Machenschaften Mr Wednesdays loszureißen. Als Mike Ainsley verdingt er sich in Milwaukee als Stahlarbeiter, doch trotz seines trotzigen „Ich folge deinen Geboten nicht mehr“, erscheint der Allvater vor Ort, um ihn – im Wortsinn: Gott weiß warum – nach Lakeside, einem Kaff in the Middle of Nowhere von Wisconsin zu verfrachten.

[Spoiler – Im Weiteren wird sich der Odinssohn dort mit seiner eigenen Göttlichkeit auseinandersetzen müssen, viele Fans halten ihn ja für Balder, man weiß es nicht – eine spirituelle Reise, auf der ihn die Orishas aus der Heimat seiner Mutter begleiten … – Spoiler Ende]

Bis dahin chauffiert ihn Mr Wednesday mit der vom schnittigen Cadillac zum schäbigen Wohnmobil mutierten, da reinkarnierten Betty the Barbarian rund um den nomen-est-omen Spirit Lake. In der ersten Szene sieht man Ian McShane mit irritierend strahlenden Dritten, heißt: neuem Gebiss, angetan mit Wotans Walleumhang, beim Stagediving während eines Konzerts der Viking-Metal-Band „Blood Death“ – deren Leadsänger Johan Wengren kein Geringerer als Marilyn Manson ist. Ein nordischer Musikberserker mit der AC/DC-Parole „Let There Be Blood“, der bei Gaiman nicht vorkommt, und aus dessen Shows Mr Wednesday Kraft schöpft.

Die Welt wird weiblich …: Dominique Jackson als Ms World. Bild: © 2020 Starz Entertainment, LLC

… kann bei Bedarf aber auch als Mann inkarnieren: Danny Trejo. Bild: © 2020 Starz Entertainment, LLC

Blythe Danner als Göttin Demeter mit „Shadow“ Ricky Whittle. Bild: © 2020 Starz Entertainment, LLC

Für die immer noch ausstehende Schlacht mit den „Parasiten der menschlichen Selbstzerstörung“, mit deren Vollzug es auch für Odin und Konsorten mit der Verehrung Essig wäre, den Neuen Göttern also, deren Reihen um so illustre Namen wie „Viral“ und „Trending“ erweitert wurden. Die globalisierte Welt ist höchst zeitgemäß eine weibliche Person of Color, Dominique Jackson als Ms World noch mächtiger, noch gefährlicher, noch gewalttätiger, die sich in Gestalt von Danny Tejo aber auch als Mann zeigen kann.

„American Gods 3“ ist unverändert grotesk-komisch, grausam und nach wie vor großartig. Das verschmitzte Schlitzohr und der mürrische Sohnemann sind, alldieweil Ms World mit „Technical Boy“ Bruce Langley und der ihm verpflichteten Königin von Saba, Yetide Badaki als Bilquis, an ihren sinistren Plänen zur Unterwerfung der Menschheit werkt, unterwegs zu Whiskey Jack – ideal besetzt mit All-Time-Indianer und Kind der irokesischen Oneida Graham Greene. Er natürlich in Wahrheit der Gott Wisakedjak, der Kranich Manitu, und wie alle Götter auf Wednesday nicht gut zu sprechen. Haben doch dessen Gläubige, siehe Leif Eriksson, weiland die seinen abgeschlachtet.

Marily Manson als Johan Wengren, Sänger der Viking-Metal-Band „Blood Death“. Bild: © 2020 Starz Entertainment, LLC

Laura und Mad Sweeney teilen sich ein Leben: Emily Browning und Pablo Schreiber. Bild: © 2020 Starz Entertainment, LLC

Salim muss ohne seinen Dschinn auskommen: Omid Abtahi (re.) mit Mousa Kraish. Bild: © 2020 Starz Entertainment, LLC

Graham Greene (li.) als Whiskey Jack aka Wisakedjak, der Kranich Manitou. Bild: © 2020 Starz Entertainment, LLC

Whiskey Jack hat ergo kein Interesse am Kampf, umso mehr an Wednesdays bestem Kämpfer Shadow, in den surreal-schönen Bildern eines Zauberwalds fordert er ihn auf (erster Hinweis!) sein Schicksal zu erforschen und seine Mission anzunehmen, dazu der bewährte Country-Soundtrack von Nelson, Strait, Cash & Young. Und apropos, Wednesday: In Zeiten von „Fridays for Future“ wird es Zeit für den Auftritt von Demeter, Blythe Danner als griechische Göttin der Fruchtbarkeit der Erde, des Getreides, der Saat und der Jahreszeiten, die Hüterin von Wald und Flur und – welche Schönheit denn nicht? – eine ehemalige Odin-Geliebte.

An Menschen neu ist Ashley Reyes als Wednesdays „Verlobte“ Cordelia, Eric Johnson als Lakeside-Sheriff Mulligan und Julia Sweeney ebendort als Gemischtwarenladenbesitzerin. Die untote Laura Moon, Emily Browning, muss sich mit dem mausetoten Mad Sweeney, Pablo Schreiber, herumschlagen, der ja Odins Speer Gungnir, mit dem sie diesen niederstrecken will, kurz vorm Sterben in seinem geheimen Hort versteckt hat; Salim, Omid Abtahi, sich ohne seinen Lover-Dschinn durchschlagen, da Mousa Kraish ebenso seinen Job verlor, wie „Mr. Nancy aka Gott Anansi“ Orlando Jones.

Darüber gab’s in den Social Media allerhand böse Posts, die Fans entsetzt, dass zwei ihrer liebsten Stars aus dem Cast gestrichen wurden, Starz erklärend, dass diese Charaktere abgespielt seien – für Jones „die eindeutig falsche Botschaft ans afroamerikanische Publikum“, hinsichtlich Kraish in diesem Sinne keine frohe fürs nahöstliche und die LGBTQ-Community. Mit Rapper Wale als Orisha Chango und Herizen Guardiola als Yoruba-Göttin Oshun geht es nun weiter. Nächste Folge am 18. Jänner, Titel frei nach David Bowie: „Serious Moonlight“. Staffel eins und zwei sind ebenfalls via Amazon abrufbar.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=7Vb8QUqvhWk           www.starz.com/us/en/series/31151          www.amazon.de          Leitfaden für Einsteiger: www.youtube.com/watch?v=-d0XXPkm9Ts

BUCHTIPPS: Neil Gaiman, „Nordische Mythen und Sagen“, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=35531, Neil Gaiman: „Zerbrechliche Dinge. Geschichten und Wunder“, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=32704, Neil Gaiman: „Der Ozean am Ende der Straße“, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=32704

  1. 1. 2021

Zelinzki: Das neue Bandprojekt mit Beatrix Neundlinger

November 23, 2016 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Konzert als Reise „Zwischen Wut und Übermut“

Die Band Zelinzki präsentiert ihre erste CD mit einem multimedialen Konzertabend. Bild: Oswald Wintersteller

Die Band Zelinzki mit Beatrix Neundlinger (re.) präsentiert ihre erste CD „Die Weltformel“ mit zwei multimedialen Konzertabenden. Bild: Oswald Wintersteller

Beatrix Neundlinger, Stefan Schubert, Alex Meik, Robert Kainar und Friedrich Pürstinger untersuchen mit ihrem neuen Band-Projekt “Zelinzki” die aktuellen Befindlichkeiten der Österreicher in Zeiten der  zweiten allgemeinen Verunsicherung. Ihre musikalischen Aufmucker gibt es unter dem Titel „Die Weltformel“ bereits auf CD.

Nun folgt deren Präsentation in Form eines multimedialen Konzerts am 26. November im Wiener Theater Akzent und am 30. November in der Argekultur Salzburg. Mit diesem Abend laden die Musiker zu einer Reise „Zwischen Wut und Übermut“, zu einem Musikvarieté, das „den Aufhetzern Einhalt gebieten, den Feiglingen Mut machen und die Träumer aufwecken“ soll. Dazu ist der Band so ziemlich jedes musikalische Mittel Recht, von Liebeslieder über Muntermacher zu Hymnen. Den raschen, oft überraschenden Wechsel der Gefühle und Musikrichtungen kann sich die Band locker leisten. Die Musiker überspringen mit professioneller Leichtigkeit jeden Grenzzaun der Genres. Und wenn es sein muss, wird er auch eingerissen oder einfach überrannt.

Zelinzki war selbst ein Flüchtender. Ein Asylsuchender. Ein Heimatloser. „Zelinzki“ trägt seine Ideen weiter. Macht Musik aus seinen Geschichten. Und aus den Geschichten seiner Freunde.

Beatrix Neundlinger, Stefan Schubert, Alex Meik, Robert Kainar und Friedrich Pürstinger. Bild: Anna Reisinger

Beatrix Neundlinger, Stefan Schubert, Alex Meik, Robert Kainar und Friedrich Pürstinger. Bild: Anna Reisinger

Eine Reise "Zwiscen Wut und Übermut". Bild: Anna Reisinger

Keine Zeit für Koffer: Eine Reise „Zwischen Wut und Übermut“. Bild: Anna Reisinger

Die Texte sind von Heinz Rudolf Unger, von ihm auch „Die Weltformel“, von Else Lasker-Schüler, Christine Nöstlinger, Robert Gernhardt, Bert Brecht oder H. C. Artmann. Im Unger-Blues „Weckt Nicht Den Kleinen“ erlarvt sich das vermeintliche Kind als „der Faschist in mir“, der die Türen verrammelt und auf den baldigen Bau einer Mauer hofft. „Erinnerungen“ von Bert Brecht klingt, als hätte Wolf Biermann Pate gestanden; der Text ist auf der CD-Hülle abgedruckt: „Wenn ich es denken könnte, wüsste ich es bereits, doch könnte es dir nicht erklären. Denn wenn du es denken könntest, dann wüsstest du es bereits und müsstest nicht auf mich hören …“  In „Wia Geds Da Denn“ nach der Nöstlinger wiederum wird von einer Generation erzählt, die nicht gelernt hat, eine Meinung haben zu dürfen, die lieber „stad“ ist als sich Gedanken zu machen über Politik und die Welt.

Und sofort hat man beim Zuhören wieder Schmetterlinge im Bauch, der Politrock der 1970er-Jahre und sein Protestsongpotential sind noch lang nicht ausgeschöpft. Man hört es der Formation an, dass es immer noch und schon wieder Arenen zu besetzen und zurückzuerobern gibt. So ist die CD ein Schlachtruf für alte Mitstreiter – und eine Empfehlung für neue, die dazukommen wollen.

www.zelinski.at

Wien, 23. 11. 2016

Catalin Dorian Florescu: Der Mann, der das Glück bringt

August 16, 2016 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Im Sehnsuchtsland ist es zum Sterben schön

buch 1Die große Kunst des Catalin Dorian Florescu ist es, ein Buch geschrieben zu haben, das sich zwischen einer rumänischen Leprakolonie und 9/11 bewegt, und das es einem trotzdem warm um die Seele macht. „Der Mann, der das Glück bringt“ ist ein Roman, so poetisch und so voll melancholischer Heiterkeit, dass man gar nicht anders kann, als ihn zu lieben. Dabei erzählt Florescu von Überlebenskampf und Aberglaube und Armut und davon, dass es am unteren Broadway genauso Ghettos gibt, wie im unteren Donaudelta.

Doch die, die da am Rande von Sulina und Sfintu Gheorghe leben, wissen davon nichts, wollen davon auch nichts wissen. Für sie ist Amerika das Sehnsuchtsland, zum Sterben schön, während die anderen, die dort sehr unschön sterben mit dem städtischen Totenschiff zum Armenfriedhof Potters’s Field auf Hart Island geschippert werden. Ungefähr 800.000 Tote sind hier bestattet, etwa 1500 kommen bis heute jährlich dazu, das Betreten ist verboten …

Zwei sich abwechselnde Ich-Erzähler führt der Autor ein, Ray und Elena, er New Yorker Kleinkünstler jenseits der besten Jahre, so er je welche hatte, sie Touristin mit einem Auftrag. Sie will die Asche ihrer Mutter hier beerdigen, aus einem ganz bestimmten Grund, der mit betrogener Liebe zu tun hat. Doch dann stürzen die Türme ein, Elena flüchtet sich in Rays Kellertheater, es gibt plötzlich zu viel Asche, um die private Katastrophe von der weltpolitischen zu trennen, es gibt kein Rauskommen, also erzählt man einander Geschichten. Um die Angst zu überwinden und Vertrauen zu schaffen. Von der Familie und der eigenen Vergangenheit.

Und es ist dies die einzige kritische Anmerkung zu diesem großartigen Text: Über Elena, die sich lange als Waisenkind wähnte, hätte man gerne mehr gelesen, gerne hundert Seiten mehr. Ihr Herumgereichtwerden von einer Pflegefamilie zur anderen, vom intellektuellen Nomenklatura-Lehrerpaar über die systemkonform betrunkenen Bauersleute bis zur linientreuen Arbeiterfamilie, sieht sie selbst als Leben im „Querschnitt des kommunistischen Rumäniens“. Dazu Abscheu und Neugier bei der endlichen Annäherung an ihre leibliche Mutter, die im letzten Leprosorium Europas bei Tulcea weggesperrt wurde; noch heute leben in der Anlage etwa zwei Dutzend Patienten, seit dem Ende des Kommunismus steht es ihnen frei zu gehen, doch sie sind alt und schwach und entstellt …

Über diese Elena also wollte man mehr wissen, diese Textilarbeiterin über Vierzig, über die ihr Schöpfer sagt, sie sei ein Mensch, der sich keine schmerzlindernde Lebenslüge zugestehe und diese Strenge habe ihre Gesichtszüge geformt. Doch Florescus Herz hängt an dem „Mann, der das Glück bringt“, eine schillernde Persönlichkeit, Rays Großvater, er tatsächlich elternlos, lange ein Namenloser, weil er je nach Gelegenheit einen irischen, jüdischen, italienischen annimmt, und der mit seiner kindlichen Caruso-Stimme zum Tröster gefallener Mädchen und zum Helfer eines Bestatters wird, der sich auf kriminellen Abwegen die Kundschaft selbst besorgt, aber niemals zu dem großen Vaudeville-Künstler, der er sein möchte. Das alles beginnt im Jahr 1899. Und Florescu fügt seiner Geschichte die sogenannte große hinzu.

So entsteht ein Zeitbild, in das Gerhart-Hauptmann-Premieren in Berlin einfließen, Theodor Herzls Ankunft in Jerusalem, die Ermordung Rosa Luxemburgs und die Parteigründung eines gewissen Mussolinis, die Protagonisten haben keine Ahnung, was das alles bedeutet, und ein Bericht der Times über das erste Automobil. Mit viel Gespür für Zeitströme und Grenzgänge zeichnet Florescu die USA als eine von politischen und Wirtschaftsflüchtlingen geschaffene Nation, er zitiert The Herald: „Es ist grausam, die vielen unglücklichen Kreaturen zu sehen, die täglich ohne einen Penny und unfähig, sich selbst zu ernähren, an unsere Küste gespült werden.“ Er zeigt eine Welt, in der die Bevölkerung der einen Hälfte schon immer und immer wieder in deren andere gelangen will.

Die Donau wird dafür ebenso zum Sinnbild wie der Hudson River. An einer Stelle heißt es über erstere, dieser „Abwasserkanal“ lagere im Osten alles ab, was ihr weit entfernt im Westen übergeben werde, „die Ausscheidungen der Menschen, den Abfall und die Abflüsse aus Tausenden von Fabriken.“ Die Sprache, in der dies geschrieben ist, hat einen teils fernen, teils vertrauten Klang, die von Ray und Elena und ihrer Mutter und seinem Großvater ist jedes Mal anders und doch eins. An manchen Stellen überschlagen sich die Stimmen vor Fabulierlust, an anderen stellen die Charaktere unsentimental ihre Schicksale dar, und ihre vergeblichen Versuche, jeder auf seine Art, dem Vorgezeichneten zu entgehen. Eines, man bewegt sich schließlich in Varieté-Kreisen, betrifft den Fahrradakrobaten Joe Jackson. Der „starb auf der Bühne, nachdem ihn das Publikum fünf Mal zurückgeholt hatte, damit er seine Nummer wiederholte. Seine letzten Worte waren: ,Mein Gott, sie klatschen immer noch.‘“

Ray erzählt Elena diese Anekdote, der Satiriker wird die Existenz der Spaßbefreiten auf den Kopf stellen, ihr Dasein so kräftig durchschütteln, bis sie weiß, wie sich Lebendigsein anfühlt. Denn Ray ist nun der „Mann, der das Glück bringt“, er kann Drama zumindest in Tragikomödie wandeln, und er tut dies nicht im Mittelpunkt, sondern gleichsam am Ende der Welt. So münden die beiden Lebensströme in einem Liebesmärchen; Florescus Buch ist eine Reverenz an die Fähigkeit des Menschen, dies allen Widrigkeiten zum Trotz zu tun: aufbegehren und einander zu begehren. „Er stand neben meinem Bett mit einem Kissen in den Armen und schaute mich an … Ich hob die Decke an und machte ihm Platz.“

Über den Autor:
Catalin Dorian Florescu, geboren 1967 in Timisoara in Rumänien, lebt als freier Schriftsteller in Zürich. Er veröffentlichte die Romane „Wunderzeit“, „Der kurze Weg nach Hause“, „Der blinde Masseur“ und zuletzt den bereits in neunter Auflage veröffentlichten „Jacob beschließt zu lieben“. Er erhielt zahlreiche Preise – unter anderem den Anna-Seghers-Preis und 2011 den Schweizer Buchpreis. Im Jahr 2012 wurde er mit dem Josef-von-Eichendorff-Literaturpreis für sein Gesamtwerk geehrt. Für das Manuskript seines neuen Romans erhielt er das Werkjahr der Stadt Zürich.

C. H. Beck, Catalin Dorian Florescu: „Der Mann, der das Glück bringt“, Roman, 327 Seiten.

www.chbeck.de

www.florescu.ch

Wien, 16. 8. 2016