Volkstheater: Der gute Mensch von Sezuan

Oktober 13, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Von Brechts Parabel bleiben ein paar illegale Teigtascherl

Im Schatten des im Wortsinn großen Bert Brecht: Andreas Patton, Steffi Krautz, Claudia Sabitzer, Nils Hohenhövel, Jan Thümer, Constanze Winkler, Lukas Watzl, Isabella Knöll und Günther Wiederschwinger. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Wenn zum Schluss der Kurz’sche Satz fällt „Sozial ist, was stark macht“, dann ist die mutmaßliche Stoßrichtung des Abends endlich formuliert. Klar, Bert Brechts „Der gute Mensch von Sezuan“ ist das Stück der Stunde, Robert Gerloff hat’s nun am Volkstheater inszeniert, wo man auch höchst p.c. die Autorinnen- schaft von Ruth Berlau und Margarete Steffin anführt. Einen Konnex zum „kapitalistischen Surrealis- mus“, wie ihn Markus Metz und Georg Seeßlen beschreiben, gibt der Regisseur als Referenz an.

Was bedeutet, wo’s früher „Ohne Fleiß kein Preis“ hieß, sind die Systemmacher heute die mit der größten Fähigkeit, aus nichts ein Etwas zu kreieren – Stichwort: Erfindungs/Reichtum. In dieses Konzept wird nun gezwängt, was sich nicht wehren kann. Gerloff schraubt seine extrem stilisierte, durchchoreografierte Inszenierung bis zum Anschlag auf artifizielles Konstrukt, als könne maximale Künstlichkeit ein Mehrwert fürs Zur-Kenntlichkeit-Entstellen sein. Dies ist wohl, was er unter epischem Theater versteht, und passend zu dieser fixen Idee ist das Bühnenbild von Gabriela Neubauer eine Art „Turm zu Babel“-Baustelle, von welcher der übermenschengroße, tatsächlich Zigarre qualmende Kopf des Godfather auf seine Kreaturen blickt, und sind es die Kostüme von Johanna Hlawica aus einem zu eigener Körperhaftigkeit gestärkten Kunst-Stoff.

Das tollste Teil trägt die „achtköpfige Familie“ in Form eines riesigen Ponchos mit je einem Kopfdurchschlupf für jeden von der Verwandtschaft – die Mischpoche als ein mächtiger Parasit. Das alles ist von ansprechender Ästhetik, allerdings verheddert sich Gerloff im Bemühen, Brechts Protagonistin Shen Te einer Gesellschaftsanalyse à la Metz/Seeßlen zu unterwerfen. Selbstverständlich kann man der Figur den Versuch einer aberwitzigen Verbindung von Profitgier mit humanistischem Gedankengut in die Schuhe schieben, freilich will die von der Prostituierten zur Tabakhändlerin Avancierte mittels eines imaginären Vetters ihre wirtschaftliche Interessen mit ihren Moralillusionen synchronisieren.

Nur steckt im Brecht-Text mehr Kritik an wachstumsimmanenten Unsinnigkeiten, sozialen Ungerechtigkeiten, am Primat permanenter Profitmaximierung, ergo an der Ausbeutung von Arbeitskraft, als die postfaktische Schulweisheit sich träumt. Was, während der Zuschauer in der Reihe hinter einem, weiß, männlich, offensichtlich wohlsituiert, laut über das längst überfällige Abschaffen von Arbeitnehmervertretungen angesichts „der zunehmenden Zufriedenheit der Berufstätigen mit dem Zwölf-Stunden-Tag“ philosophiert, hätte sich über die Verhältnisse in Sezuan nicht alles anmerken lassen?

Shen Te verwandelt sich Shui Ta: Claudia Sabitzer. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Jan Thümer als mit seinem Schicksal hadernder Flieger Yan Sun. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Über Abgehängte, Arbeitslose und den diesen aufgezwungene Ich-AGs, über Gehaltsschere und Schere im Kopf, über die sogenannten betrieblichen Umstrukturierungen, die immer beim Personalabbau in der Belegschaft beginnen … Doch ein wirkliches weiteres Ausführen der Parabel bis zur Situation der Gegenwart passiert nicht. Wiewohl Shen Te die Götter natürlich fragt, „Wie soll ich gut sein, wo alles so teuer ist?“, und diese vor der kapitalistischen Ökonomie kapitulieren. Am Volkstheater springinkerln sie ihr fröhliches Liedchen trällernd über die sich beständig drehende Bühne. Imre Lichtenberger Bozoki hat Paul Dessaus Musik für die dreiköpfige Band Raphael Meinhart, Oliver Stotz und er selbst der Trompeter eingerichtet, und wechselt den Sound zusätzlich von Genesis‘ „I Can’t Dance“ – samt dazu ausgeführtem Video-Walk – zum „The End“ der Doors.

Gerloff lässt sein Ensemble dazu hopsen und im Gleichschritt tänzeln. Louis de Funés‘ berühmtes „Nein! – Doch! – Oh!“ kommt zu Ehren, und da das Ganze bekanntlich in China angesiedelt ist – hurra, was ein Spaß! -, die berüchtigten sich illegal in Österreich aufhaltenden Teigtascherl. In dieser Sinnspruchszenerie spielt Claudia Sabitzer die Shen Te mit einem Anstand und einer Würde, die alles überstrahlt, und um nichts schlechter ihren ausgeklügelt gemeinen Cousin Shui Ta, ihr gewinnorientiertes zweites Ich, das der gutmütigen Wohltäterin die Schmarotzer vom Leib schneidet. Die neben Sabitzer eindrücklichste Rollengestaltung gelingt Gertrud Roll, die als die Shin die Ereignisse mit staubtrockenem Sarkasmus kommentiert – und trotzdem für Momente die warmherzige Mitmenschlichkeit dieses Charakters aufblitzen lässt.

Jan Thümer gibt den Flieger Yang Sun gebrochen genug, um seinen Weg vom schäbigen Liebhaber zum kleinlaut die bösartigen Einflüsterungen seiner Mutter befolgenden Söhnchen zum Peitschen schwingenden Vorarbeiter in der Tabakfabrik nachvollziehbar zu machen. Ein Anti-Held, wie er bei Brecht steht. Steffi Krautz ist als Mutter Yang wie Hausbesitzerin Mi Tzü geldgierig und intrigant, und versteht es, beide Frauen messerscharf gezeichnet über die Rampe zu bringen. Und apropos, Rampe: Immer wieder treten die Schauspielerinnen und Schauspieler auf Brecht-Manier in einen Lichtspot und aus ihren Rollen, um sich mit ihren Bemerkungen direkt ans Publikum zu wenden.

So tut’s auch „die achtköpfige Familie“, mit Thümer sind es Isabella Knöll, Günther Wiederschwinger, Constanze Winkler und Lukas Watzl, die wiederholt für witzige Einlagen sorgen. Sie alle agieren vielfach, wie Andreas Patton unter anderem als zwielichtiger Barbier, der gedenkt, sich durch eine Heirat mit Shen Te deren „Marke“ der Ehrbarkeit einzukaufen, oder Nils Hohenhövel, der als Schreiner vom zahlungsunwilligen Shui Ta in den Konkurs getrieben wird. Watzl bestreitet als Wasserverkäufer auch die erste Begegnung mit den Göttern.

„Die Shin“ Gertrud Roll kommentiert staubtrocken das Geschehen; hinten: Claudia Sabitzer und Steffi Krautz als Hausbesitzerin Mi Tzü. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Aber, wie gesagt: Mehr Sinnieren über Ursache und Wirkung vom Geld-regiert-die-Welt ist nicht, auch nicht über das mit dem Abhacken des ganzen Arms endende Reichen des kleinen Fingers, oder über Wohltätigkeit als Wertschöpfungsmaßnahme, oder über politische Veränderung, die im Kleinen gern beginnen kann, aber im Großen weitergehen muss. Der pädagogische Fingerzeig, der am Volkstheater mitunter überschnell zur Stelle ist, hinkt den hehren Absichten der Aufführung diesmal gehörig hinten nach. Schade. Über „Sezuan ist überall und insbesondere im neoliberalistischen Hierzulande“ wäre Ausführlicheres zu sagen gewesen.

Ein Satz zu Beginn dieser Rezension, einer zum Schluss: „Mir ist nicht so wichtig, wer mit wem regiert, mir ist wichtig, wer wofür regiert“, so Bundespräsident Van der Bellen bei der Erteilung des Regierungsbildungsauftrags an Sebastian Kurz. Hoffentlich steckt dieser Spruch in der Lichtenfelsgasse schon hinter einem der Spiegel.

www.volkstheater.at

  1. 10. 2019

Theater zum Fürchten: Der gute Mensch von Sezuan

Dezember 18, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Bert Brecht hochaktuell interpretiert und brillant gespielt

Die Schmarotzer machen sich in Shen Tes Tabakladen breit: Robert Stuc, Christoph Prückner, Marion Rottenhofer, Claudia Marold und Johanna Rehm. Bild: Bettina Frenzel

Bruno Max und das Theater zum Fürchten zeigen nun auch in der Wiener Spielstätte, der Scala, ihre Inszenierung von „Der gute Mensch von Sezuan“, und sie zeigen wie hochaktuell die Parabel von Bert Brecht immer noch ist, wenn man sie richtig interpretiert. Regisseur Bruno Max macht aus dem antikapitalistischen Lehrstück eines über den Neoliberalismus.

Er beschreibt eine Welt, in der Götter nur noch phrasendreschende Populisten sind, und der vielbeschworene „kleine Mann“, trotzdem er sie gewählt hat, auf keinen grünen Zweig kommen wird. Von 1938 bis 1940 hat Brecht mit Ruth Berlau und Margarete Steffin an seinem Theatertext getüftelt, wohl nicht ahnend und sicher kaum hoffend, dass der fast 80 Jahre später nichts an Gültigkeit verloren haben wird. Seine Gesellschaftskritik in eine fiktive chinesische Provinz verlegt, erzählt er von der Prostituierten Shen Te, die als einzige bereit ist, drei durchreisenden Göttern Obdach zu gewähren. Als Dank dafür gibt es einen Geld-Segen, sie kauft darum einen Tabakladen, doch kaum Kleinunternehmerin geworden, stellen sich die Schnorrer aus der Nachbarschaft ein, um ihren Teil am neuen Glück einzufordern.

Die gutmütige Seele sieht sich in die Enge getrieben – und erfindet deshalb einen hartherzigen Vetter namens Shui Ta, der für sie alles Ungemach aus der Welt räumen soll. Als solcher steigt sie sogar zum Fabriksbesitzer auf. Und die einstmals Ausgebeutete wird zum Ausbeuter … Brecht macht es einem mit diesem Werk schwerer als üblich, der berühmte Schlusssatz vom „Vorhang zu und alle Fragen offen“ beschreibt schon, wie sich der Autor jeder Sym-, aber auch Antipathiebekundung für eine seiner Figuren entzieht.

Bei Bruno Max tritt das deutlich zu Tage: Der Turbokapitalismus holt sich ein Opfer nach dem anderen, heißt aber: diese Opfer werden Täter, die alsbald selbst einer „Was geht mich anderer Leute Not an“-Philosophie huldigen. Der starke Mann Shui Ta erscheint zwar ungerufen, doch kommt der Hardliner vor allem in der kleinbürgerlichen Mitte als Stütze für Recht und Ordnung gut an. Dass er das Lumpenpack zu billigen Lohnsklaven umfunktioniert, wird von dieser Seite gerne gesehen. Wer täglich seine Schale Reis will, ist schließlich schon Sozialschmarotzer!

Bernie Feit brilliert als Wasserverkäufer Wang. Bild: Bettina Frenzel

Vetter Shui Ta trifft den Flieger Sun: Johanna Rehm, Regis Mainka und Claudia Marold. Bild: Bettina Frenzel

Schuldig geworden vor allem dadurch, so Brecht/Bruno Max, dass sie die Welt nicht ändern wollen, sondern stehen bleiben, wo man sie hinstellt. Und dem Wasserträger Wang, dem einzigen, der trotz tiefster Armut unbeschadet seinen Götterglauben lebt, wird von den Erleuchteten beschieden, sie seien nur „Betrachtende“ …

Gespielt wird wie stets auf höchstem Niveau. Und jenseits aller Geschlechtergrenzen. Johanna Elisabeth Rehm ist eine filigrane Shen Te, als Shui Ta im Herrenanzug aber fast noch besser und prägnanter. Regis Mainka gibt als Flieger Sun den Kraftlackel vom Dienst, von Anfang an zeigt er, wie berechnend er ist, auch in der Liebe zu Shen Te, so dass sein Wandel zum antreibenden Vorarbeiter in der Fabrik nicht verwundert.

Bernie Feit berührt als Wang, wie immer ist er brillant, vor allem auch im Gesang, den das gesamte Ensemble zu Live-Musik in bester Dessau’scher Manier darbietet.

Grandios auch Hermann J.Kogler, egal, ob er den Barbier als Drogendealer, einen abgehobenen Gott oder eine aufsässige Nachbarin spielt. In Frauenkleidern ebenfalls prachtvoll ist Hans Steuzner als Vermieterin Mi Tsü mit hochmütiger Attitüde. Immer ihren Vorteil zu Nutze macht sich Claudia Marold als Die Shin. Christoph Prückner, Tobias Eiselt, Sonja Sutor, Marion Rottenhofer und Robert Stuc gefallen in jeweils mehreren Rollen als Leute aus dem Viertel.

Dieses hat Marcus Ganser ganz fabelhaft auf die Bühne gestellt. Es nimmt fast Wunder, was diesmal in der Scala alles möglich ist. Der Tabakladen fährt auf Rollen, und sogar regnen kann es immer wieder. Auch dafür gab es am Ende viel Applaus. „Der gute Mensch von Sezuan“ in der Spielart des Theaters zum Fürchten ist ein rundum gelungener Abend. Sehenswert!

www.theaterzumfuerchten.at

  1. 12. 2017

Alles Gute zum Geburtstag, liebe Michaela!

August 22, 2016 in Ausstellung, Buch, Bühne, Film, Klassik, Tipps

alles-gute-zum-geburtstag-rote-backgound_1055-27Salzburg, 22. 8. 2016

 

Alles Gute zum Geburtstag, lieber Rudi!

April 19, 2016 in Ausstellung, Buch, Bühne, Film, Klassik, Tipps

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Wien, 19. 4. 2016

MuTh: Es weihnachtet schon

Dezember 4, 2014 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Sängerknaben als „Gute Hirten“

Bild: HelmutPokornig

Bild: HelmutPokornig

Advent, Advent, im Muth: In diesem Monat besonders hörenswert die „Oper für Einsteiger und Kenner“, die einen guten Querschnitt durch die Materie bietet. Das diesjährige Weihnachtskonzert der Wiener Sängerknaben steht unter dem Motto „Gute Hirten“. Das „Krippenspiel“ mit lebensgroßen Puppen des Figurentheaters Marijeli macht das Geschehen der Heiligen Nacht lebendig und bereitet stimmungsvoll auf den 24. Dezember vor.

Oper für Einsteiger und Kenner – 7. Dezember

Ein Streifzug durch die Welt der Oper, rund um Mozart, Verdi, Wagner, Puccini und R. Strauss. Den großen Sopran-Arien werden Instrumentalstücke der Opernliteratur gegenübergestellt: Ouvertüren, Zwischenakt- und Verwandlungsmusik. Dieses Programm ist bestens geeignet für ,,Einsteiger‘‘, die einen Überblick in das Repertoire erhalten, bietet aber auch Kennern die  Gelegenheit, in der durchsichtigen, kammermusikalischen Darbietung neue Details der Kunst der genialen Tonsetzer zu entdecken, die im großen Rahmen leicht untergehen können.

Caroline Wenborne und das Wiener Grabenensemble (Violine: Dominik Hellsberg, Adela Frasineanu, Viola: Robert Bauerstatter, Gerhard Marschner, Violoncello: Peter Somodari, Raphael Flieder Harfe: Ursula Fatton) Moderation: Mario Stöck

Gute Hirten – Weihnachten mit den Wiener Sängerknaben – 10. /11./12./13. Dezember

Den Zauber der Vorweihnachtszeit entdecken. Das diesjährige Weihnachtskonzert der Wiener Sängerknaben steht unter dem Motto „Hirten“ und spannt den Bogen vom mittelalterlichen Hirtenlied bis zu Nomadengesängen aus dem Heiligen Land. Neben berühmten traditionellen Weihnachtsliedern ist auch eine Uraufführung zu hören. Kernstück sind Chöre und Arien aus Händels Messias, die das Hüten der Herde zum Thema haben. Beim berühmten Hallelujah zum Schluss ist die Unterstützung des Publikums gefragt. Ein besinnlich-schöner Abend im Advent.

Wiener Sängerknaben und Gäste / Chorus Juventus / Chorus Viennensis / Wiener Sängerknaben Sinfonietta / Orchester: Schubert Akademie / Musikalische Leitung: Gerald Wirth

Krippenspiel – 20./21. Dezember

Warum feiern wir Weihnachten? Das MuTh lässt mit dem Figurentheater Marijeli die Tradition des vorweihnachtlichen Krippenspiels wieder aufleben. Von der Verkündigung bis zum Besuch der Heiligen Drei Könige an der Krippe wird die Weihnachtsgeschichte in Form eines Schattenspiels dargestellt. Lebensgroße Figuren machen das Geschehen der Heiligen Nacht lebendig und sorgen mit der Erzählerin Elisabeth Orth, dem Wiener KinderKammerChor und einem Cello Ensemble für besinnliche Momente.

www.muth.at

Wien, 7. 12. 2014