Theater zum Fürchten: Der gute Mensch von Sezuan

Dezember 18, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Bert Brecht hochaktuell interpretiert und brillant gespielt

Die Schmarotzer machen sich in Shen Tes Tabakladen breit: Robert Stuc, Christoph Prückner, Marion Rottenhofer, Claudia Marold und Johanna Rehm. Bild: Bettina Frenzel

Bruno Max und das Theater zum Fürchten zeigen nun auch in der Wiener Spielstätte, der Scala, ihre Inszenierung von „Der gute Mensch von Sezuan“, und sie zeigen wie hochaktuell die Parabel von Bert Brecht immer noch ist, wenn man sie richtig interpretiert. Regisseur Bruno Max macht aus dem antikapitalistischen Lehrstück eines über den Neoliberalismus.

Er beschreibt eine Welt, in der Götter nur noch phrasendreschende Populisten sind, und der vielbeschworene „kleine Mann“, trotzdem er sie gewählt hat, auf keinen grünen Zweig kommen wird. Von 1938 bis 1940 hat Brecht mit Ruth Berlau und Margarete Steffin an seinem Theatertext getüftelt, wohl nicht ahnend und sicher kaum hoffend, dass der fast 80 Jahre später nichts an Gültigkeit verloren haben wird. Seine Gesellschaftskritik in eine fiktive chinesische Provinz verlegt, erzählt er von der Prostituierten Shen Te, die als einzige bereit ist, drei durchreisenden Göttern Obdach zu gewähren. Als Dank dafür gibt es einen Geld-Segen, sie kauft darum einen Tabakladen, doch kaum Kleinunternehmerin geworden, stellen sich die Schnorrer aus der Nachbarschaft ein, um ihren Teil am neuen Glück einzufordern.

Die gutmütige Seele sieht sich in die Enge getrieben – und erfindet deshalb einen hartherzigen Vetter namens Shui Ta, der für sie alles Ungemach aus der Welt räumen soll. Als solcher steigt sie sogar zum Fabriksbesitzer auf. Und die einstmals Ausgebeutete wird zum Ausbeuter … Brecht macht es einem mit diesem Werk schwerer als üblich, der berühmte Schlusssatz vom „Vorhang zu und alle Fragen offen“ beschreibt schon, wie sich der Autor jeder Sym-, aber auch Antipathiebekundung für eine seiner Figuren entzieht.

Bei Bruno Max tritt das deutlich zu Tage: Der Turbokapitalismus holt sich ein Opfer nach dem anderen, heißt aber: diese Opfer werden Täter, die alsbald selbst einer „Was geht mich anderer Leute Not an“-Philosophie huldigen. Der starke Mann Shui Ta erscheint zwar ungerufen, doch kommt der Hardliner vor allem in der kleinbürgerlichen Mitte als Stütze für Recht und Ordnung gut an. Dass er das Lumpenpack zu billigen Lohnsklaven umfunktioniert, wird von dieser Seite gerne gesehen. Wer täglich seine Schale Reis will, ist schließlich schon Sozialschmarotzer!

Bernie Feit brilliert als Wasserverkäufer Wang. Bild: Bettina Frenzel

Vetter Shui Ta trifft den Flieger Sun: Johanna Rehm, Regis Mainka und Claudia Marold. Bild: Bettina Frenzel

Schuldig geworden vor allem dadurch, so Brecht/Bruno Max, dass sie die Welt nicht ändern wollen, sondern stehen bleiben, wo man sie hinstellt. Und dem Wasserträger Wang, dem einzigen, der trotz tiefster Armut unbeschadet seinen Götterglauben lebt, wird von den Erleuchteten beschieden, sie seien nur „Betrachtende“ …

Gespielt wird wie stets auf höchstem Niveau. Und jenseits aller Geschlechtergrenzen. Johanna Elisabeth Rehm ist eine filigrane Shen Te, als Shui Ta im Herrenanzug aber fast noch besser und prägnanter. Regis Mainka gibt als Flieger Sun den Kraftlackel vom Dienst, von Anfang an zeigt er, wie berechnend er ist, auch in der Liebe zu Shen Te, so dass sein Wandel zum antreibenden Vorarbeiter in der Fabrik nicht verwundert.

Bernie Feit berührt als Wang, wie immer ist er brillant, vor allem auch im Gesang, den das gesamte Ensemble zu Live-Musik in bester Dessau’scher Manier darbietet.

Grandios auch Hermann J.Kogler, egal, ob er den Barbier als Drogendealer, einen abgehobenen Gott oder eine aufsässige Nachbarin spielt. In Frauenkleidern ebenfalls prachtvoll ist Hans Steuzner als Vermieterin Mi Tsü mit hochmütiger Attitüde. Immer ihren Vorteil zu Nutze macht sich Claudia Marold als Die Shin. Christoph Prückner, Tobias Eiselt, Sonja Sutor, Marion Rottenhofer und Robert Stuc gefallen in jeweils mehreren Rollen als Leute aus dem Viertel.

Dieses hat Marcus Ganser ganz fabelhaft auf die Bühne gestellt. Es nimmt fast Wunder, was diesmal in der Scala alles möglich ist. Der Tabakladen fährt auf Rollen, und sogar regnen kann es immer wieder. Auch dafür gab es am Ende viel Applaus. „Der gute Mensch von Sezuan“ in der Spielart des Theaters zum Fürchten ist ein rundum gelungener Abend. Sehenswert!

www.theaterzumfuerchten.at

  1. 12. 2017

Alles Gute zum Geburtstag, liebe Michaela!

August 22, 2016 in Ausstellung, Buch, Bühne, Film, Klassik, Tipps

alles-gute-zum-geburtstag-rote-backgound_1055-27Salzburg, 22. 8. 2016

 

Alles Gute zum Geburtstag, lieber Rudi!

April 19, 2016 in Ausstellung, Buch, Bühne, Film, Klassik, Tipps

Foto-0027

Wien, 19. 4. 2016

MuTh: Es weihnachtet schon

Dezember 4, 2014 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Sängerknaben als „Gute Hirten“

Bild: HelmutPokornig

Bild: HelmutPokornig

Advent, Advent, im Muth: In diesem Monat besonders hörenswert die „Oper für Einsteiger und Kenner“, die einen guten Querschnitt durch die Materie bietet. Das diesjährige Weihnachtskonzert der Wiener Sängerknaben steht unter dem Motto „Gute Hirten“. Das „Krippenspiel“ mit lebensgroßen Puppen des Figurentheaters Marijeli macht das Geschehen der Heiligen Nacht lebendig und bereitet stimmungsvoll auf den 24. Dezember vor.

Oper für Einsteiger und Kenner – 7. Dezember

Ein Streifzug durch die Welt der Oper, rund um Mozart, Verdi, Wagner, Puccini und R. Strauss. Den großen Sopran-Arien werden Instrumentalstücke der Opernliteratur gegenübergestellt: Ouvertüren, Zwischenakt- und Verwandlungsmusik. Dieses Programm ist bestens geeignet für ,,Einsteiger‘‘, die einen Überblick in das Repertoire erhalten, bietet aber auch Kennern die  Gelegenheit, in der durchsichtigen, kammermusikalischen Darbietung neue Details der Kunst der genialen Tonsetzer zu entdecken, die im großen Rahmen leicht untergehen können.

Caroline Wenborne und das Wiener Grabenensemble (Violine: Dominik Hellsberg, Adela Frasineanu, Viola: Robert Bauerstatter, Gerhard Marschner, Violoncello: Peter Somodari, Raphael Flieder Harfe: Ursula Fatton) Moderation: Mario Stöck

Gute Hirten – Weihnachten mit den Wiener Sängerknaben – 10. /11./12./13. Dezember

Den Zauber der Vorweihnachtszeit entdecken. Das diesjährige Weihnachtskonzert der Wiener Sängerknaben steht unter dem Motto „Hirten“ und spannt den Bogen vom mittelalterlichen Hirtenlied bis zu Nomadengesängen aus dem Heiligen Land. Neben berühmten traditionellen Weihnachtsliedern ist auch eine Uraufführung zu hören. Kernstück sind Chöre und Arien aus Händels Messias, die das Hüten der Herde zum Thema haben. Beim berühmten Hallelujah zum Schluss ist die Unterstützung des Publikums gefragt. Ein besinnlich-schöner Abend im Advent.

Wiener Sängerknaben und Gäste / Chorus Juventus / Chorus Viennensis / Wiener Sängerknaben Sinfonietta / Orchester: Schubert Akademie / Musikalische Leitung: Gerald Wirth

Krippenspiel – 20./21. Dezember

Warum feiern wir Weihnachten? Das MuTh lässt mit dem Figurentheater Marijeli die Tradition des vorweihnachtlichen Krippenspiels wieder aufleben. Von der Verkündigung bis zum Besuch der Heiligen Drei Könige an der Krippe wird die Weihnachtsgeschichte in Form eines Schattenspiels dargestellt. Lebensgroße Figuren machen das Geschehen der Heiligen Nacht lebendig und sorgen mit der Erzählerin Elisabeth Orth, dem Wiener KinderKammerChor und einem Cello Ensemble für besinnliche Momente.

www.muth.at

Wien, 7. 12. 2014

MuTh: Valerie und die Gute Nacht Schaukel

Mai 23, 2014 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine Geschichte für Kinder, die nicht ins Bett wollen

Bild: www.mussil.com

Bild: www.mussil.com

Eine Schule, bunt wie die Welt, das ist das Sonderpädagogische Zentrum Leopoldsgasse (Wien 2). Etwa 110 Kinder aus 22 Nationen mit unterschiedlichen Fähigkeiten drücken hier die Schulbank. Etwa die Hälfte von ihnen wird nach dem Lehrplan für schwerstbehinderte Kinder unterrichtet. Das Team des SPZ Leopoldsgasse setzt alles daran, die sozialen, kognitiven, sprachlichen, motorischen, kreativen und musischen Kompetenzen behinderter wie nicht behinderter Kinder zu fördern. 2014 nimmt das Schulprojekt eine inklusive Musiktheaterversion des Kinderbuchklassikers „Valerie und die Gute-Nacht-Schaukel“ in Angriff. Die Dramatisierung des Buchs (erschienen 1981, illustriert von Winfried Opgenoorth) versteht sich auch als verspätete Hommage an den Geburtstag der Autorin. Mira Lobe (1913 – 1995) wäre am 17. September 2013 hundert Jahre alt geworden. Die künstlerische Leitung liegt in den Händen der Sängerin Agnes Palmisano, Hana und Attila Zanin vom Verein „ich bin ok“ sowie Nazir Merzo vom Studio Barada zeichnen für die Choreographie verantwortlich. Am 27. und 28. Mai  ist das Stück im Wiener MuTh zu erleben.

„Valerie und die Gute-Nacht-Schaukel“ ist eine Geschichte über und für Kinder, die nicht zu Bett gehen wollen. Die Titelheldin, das Mädchen Valerie, ist eine von ihnen. Sie setzt sich viel lieber auf ihre Schaukel: „Papa, gib mir einen Schubs! Papa, gib mir einen Stups!“ – und schon schwingt Valerie in eine aufregende, fremde Welt: ins Turbanland, wo es Kamele, Minarette und fliegende Teppiche gibt; auf ein Schiff, das von Delphinen und Seerobben begleitet wird; auf einen Bauernhof mit Kühen, Schafen und Ziegen; zum Schlitten fahren in den kalten Norden und als Dompteuse in den Zirkus … Schließlich murmelt sie: „Papa, bitte bring mich, sei so nett, schnell ins Bett!“

www.muth.at

23. 5. 2014