Volkstheater: Verteidigung der Demokratie

Oktober 26, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Frontalunterricht zu Zeitfragen

Nils Hohenhövel, Christoph Rothenbuchner, Thomas Frank, Birgit Stöger und Katharina Klar. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Ein Theater findet nicht statt, nicht in dem Sinne, dass es Stück und Rollen gibt. Drama wird aber genug gemacht, und zwar mit einer deklamatorischen Aufgeregtheit, die dem thesenpapierenen Diskurs wohl etwas Leben einhauchen soll. Die Übung gelingt, zeigt der eine oder andere schwergewordene Kopf im Publikum, nicht gänzlich, „Verteidigung der Demokratie“ am Volkstheater ist wie Frontalunterricht zu Zeitfragen, erfordert fast zwei Stunden Höchstkonzentration, und das wird durch das Fehlen jeglichen Dialogs, jeglicher Spannungssituation nicht einfacher.

Dabei hat Regisseurin Christine Eder wie immer viel zu sagen, sie tut es in ihrer aktuellen Textcollage ausschließlich über Zitate, aus Reden, Aufsätzen, Artikeln, die sich mit Verfassung und Freiheit, Besitz, Markt und Politik befassen, und in denen das Demokratieverständnis auf dem Prüfstand steht. Der Titel von Eders von ihr so genannter „Politshow“ ist einer Schrift von Hans Kelsen entliehen, der Rechtswissenschaftler war Architekt der 1920 in Kraft getretenen österreichischen Verfassung, und dessen Biografie folgt der Abend umrisshaft.

Von seiner Vertreibung aus Österreich bereits 1929 über das Verunmöglichen seiner Lehrtätigkeit in der Schweiz durch nationalsozialistische Studenten bis zum Exil in den USA, wo Kelsen, nunmehr Professor in Berkeley, vor dem McCarthy-Ausschuss aussagen muss. Hierzulande wiederum kam es immer wieder zu antisemitischen Äußerungen über Kelsen, der umstrittene Hochschulprofessor Taras Borodajkewycz sagte, „Er hieß ja eigentlich Kohn“, was zu Demonstrationen und zum Tod Ernst Kirchwegers führte, erst im Vorjahr wiederholt der FPÖ-Politiker Johannes Hübner den Ausspruch, gab danach – nach „Totschlag-Kampagne“ und „beinharter Zerstörungsstrategie“ gegen ihn – den Rücktritt bekannt, sehr bedauert von Herbert Kickl.

Fünf Schauspieler, Thomas Frank, Nils Hohenhövel, Katharina Klar, Christoph Rothenbuchner und Birgit Stöger, und vier Musiker, „Gustav“ Eva Jantschitsch, Didi Kern, Imre Lichtenberger Bozoki und Elise Mory, gestalten das Geschehen, und Rothenbuchner beginnt, kaum auf der Bühne erschienen, als Kelsen schon zu dozieren. Über Grundrechte, Kompromissfindung zwischen Mehr- und Minderheiten, über seine Reine Rechtslehre und seinen Glauben an den Staatssozialismus. Rothenbuchner macht diesen Kelsen bescheidwisserisch prophetisch zum Vehikel seiner Lebensthemen, alle längst vorformuliert und nun für die unwissende Zuschauerschaft wiedergekäut.

Kartonquader vor dem Zusammensturz: Symbol- wie Bühnenbild von Monika Rovan. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Didi Kern, Elise Mory, Frank, Hohenhövel, Eva Jantschitsch und Imre Lichtenberger Bozoki. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Rund um ihn reden andere Denker und Taktiker. John Locke, Friedrich von Hayek und Kelsens Schulfreund Ludwig von Mises, abgehandelt werden die Mont Pelerin Society, Maggie und ihr Thatcherismus, Michael Friedman und die Chicago Boys. Dass Kelsen 1973 gestorben ist, tut da nichts zur Sache, übrigens und apropos Chicago Boys im selben Jahr wie Salvador Allende, der chilenische Staatspräsident hier leuchtendes Vorbild für seinen Versuch, eine sozialistische Gesellschaft zu etablieren, schließlich von den USA und dem von ihr unterstützten Pinochet’schen Militärputsch in den Suizid getrieben.

Die Stoßrichtung ist also klar. Gegen latenten Faschismus und hegemonialen Neoliberalismus. Gegen den Laissez-Faire-Kapitalismus. Gegen Europa als Elitenprojekt. Gegen den „toxisch-patriotischen Hassatem“. Gegen die Verbotsgesellschaft. Die linke Faust kämpferisch in die Höh‘ gestreckt, wird gezeigt, auf welch tönernen Füßen Demokratie steht, wenn man nicht auf sie aufpasst, wie auf das Untergraben der Rechtsstaatlichkeit die Rechts-Staaten folgen, wie „präventive Sicherheitsgesetze“ die Grundrechte des einzelnen aushöhlen und so mit der Verfassung brechen.

Dazu gibt es als Symbol- das Bühnenbild von Monika Rovan, lose aufgestapelte Kartonquader, die schleichend entfernt werden, bis sie in sich zusammenkrachen. Oder von Thomas Frank umgerannt werden. Parallelen vom Historischen zum Heute – siehe etwa die ergebnislose Flüchtlingskonferenz von Évian 1938 – schafft Eder durch die slapstickartigen Anrufe ihrer Schauspieler bei der „Terrorhotline“ des „Bundesministeriums für Verteidigung der Freiheit und Demokratie“. Hier wird „besorgten Bürgern“ von „Experten“ erklärt, dass der „Gefährder“ stets dunkelhäutig ist und arabisch spricht, hier kann man wegen des „Flüchtlingsterrors“ den Ausstieg Österreichs aus der Menschenrechtskonvention fordern. Hier erfährt man, warum die Beschneidung ebendieser unabdingbar für die Aufrechterhaltung der Freiheit ist. Hier sagt Katharina Klar den unheimlichen Überwachungsstaatsatz „Waren Sie nicht auch auf der Demo gegen die Regierung?“ Dies just an dem Tag, an dem sich der Protest wieder formiert.

Wo „Verteidigung der Demokratie“ doch so etwas wie Emotion aufkommen lässt, ist in der Musik von „Gustav“ Eva Jantschitsch, die ihren Synthesizersound mit Referenzen an Delia Derbyshire oder Wendy Carlos speist. Wenn sie über den „Narzissmus der Gekränkten/vermengt mit Größenwahn“ singt, kann einem schon die Gänsehaut kommen. Wie schön wär’s erst gewesen, hätte sich Christine Eder, statt sich in die Materialschlacht zu begeben, darauf besonnen, dass Theater von Darstellen kommt. Mehr Performance statt Proseminar, das wäre Mehrwert statt Lehrwert. So aber brummt einem vom Gesagten und Widergesagten und Wiedergesagten in erster Konsequenz der Schädel.

www.volkstheater.at

  1. 10. 2018

MAK: Gustav Peichl. 15 Bauten zum 90sten

März 19, 2018 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Ideen, Skizzen, Fotografien aus 50 Jahren Schaffen

Pola Sieverding, Rehabilitationszentrum Meidling, Wien-Meidling. Erbaut 1965–1967, fotografiert 2018 © Pola Sieverding, Berlin

Anlässlich seines 90. Geburtstags widmet das MAK dem österreichischen Architekten Gustav Peichl ab 21. März die Personale „Gustav Peichl. 15 Bauten zum 90sten“. In seinem 50-jährigen Schaffen konnte Peichl, der unter dem Pseudonym Ironimus höchst erfolgreich auch als politischer Karikaturist tätig war, 70 Bauten realisieren. Für die Schau im MAK wählte er 15 Bauten aus, die exemplarisch Einblick in sein umfangreiches Lebenswerk geben. Die Gebäude werden exklusiv für das MAK von der deutschen Künstlerin Pola Sieverding in ihrem heutigen, aktuellen Zustand fotografiert und mit Skizzen, Entwürfen und Plänen aus der MAK-Sammlung kontextualisiert.

Peichl schenkte dem MAK 2013 einen umfassenden Bestand von mehr als 8000 Entwurfszeichnungen, Skizzen, Plänen und Konzepten für seine österreichischen Bauten. Darunter befinden sich Ideenskizzen ebenso wie öffentliche Bauaufträge, städtebauliche Planungen, nicht realisierte Projekte, soziale Wohnbauten und repräsentative Einfamilienhäuser. Im digitalen Zeitalter, in dem meist am Computer geplant wird, postuliert Peichl das Skizzieren als Nachdenken auf dem Papier.

Für ihn sind „Bauen und Architektur die Summe aus Form, Funktion, Material, Farbe und Licht. Es gilt nach einer sinnlichen Architektur zu streben, nach einer Architektur unter Bezugnahme auf Eros“. Als Vertreter der klassischen Moderne verfolgt Peichl technische Ästhetik, klassische Proportionen, Witz und Sinnlichkeit – und damit eine unverkennbare, eigenständige Linie.

Die Ausstellung folgt einer chronologischen Ordnung: vom ersten realisierten Bau, dem gemeinsam mit Wilhelm Hubatsch und Franz Kiener entworfenen Verwaltungsgebäude der NEWAG-NIOGAS (1958–1960), über die legendären ORF-Landesstudios (1970er und 1980er Jahre) bis zur markanten Kindertagesstätte des Deutschen Bundestags an zentraler Stelle im Berliner Regierungsviertel (1998–2002). Die gezeigten Skizzen, Entwürfe und Einreichpläne werden großteils erstmals öffentlich zugänglich gemacht. Die Fotografien der Künstlerin Pola Sieverding schaffen ungewohnte Perspektiven und verdeutlichen die starke Materialität und die prägnante Formensprache von Peichls Architektur. Den ursprünglichen, bis zu 60 Jahre alten Ideenskizzen und Bauplänen stehen Bilder von deren Ergebnissen gegenüber, wie sie noch heute Orte, Städte und Umgebungen prägen.

Pola Sieverding, ORF-Landesstudio Vorarlberg, Dornbirn. Erbaut 1969–1972, fotografiert 2018 © Pola Sieverding, Berlin

Pola Sieverding, Bundeskunsthalle, Bonn. Erbaut 1986–1992, fotografiert 2018 © Pola Sieverding, Berlin

Auch in Deutschland feierte Peichl große Erfolge: Er gewann im Rahmen der Internationalen Bauausstellung (IBA) in Berlin den Wettbewerb um die Errichtung der Phosphateliminationsanlage PEA in Berlin-Tegel (1980–1987), plante die Bundeskunsthalle in Bonn (1986–1992) und entwarf den Zubau zum Städelschen Kunstinstitut in Frankfurt am Main (1987–1990) sowie das Werkraumtheater der Münchner Kammerspiele (1990–1993). Als Leihgaben der Akademie der Künste in Berlin, die seit 2013 etwa 3100 Pläne, Zeichnungen, Skizzen und Modelle zu Peichls Bauprojekten in Deutschland verwahrt, fließen diese Bauten in die MAK-Ausstellung ein. Peichl nahm zweimal an der Architekturbiennale in Venedig und an der documenta in Kassel teil. Er wurde mit zahlreichen internationalen Preisen ausgezeichnet, unter anderem mit dem Reynolds Memorial Award. Von 1973 bis 1996 unterrichtete er als Professor an der Akademie der bildenden Künste Wien, von 2002 bis 2003 als Gastprofessor an der Harvard School of Design in Boston.
www.mak.at

19. 3. 2018

Bronski & Grünberg Theater: Vor dem Fliegen

Februar 23, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Claudia Kottal variiert „Thelma & Louise“ auf Wienerisch

Bewaffnet und gefährlich: Julia Schranz als Louise/Christiane. Bild: Monika Rovan

Es ist schon etwas Besonderes, sich über eine Theaterneugründung zu wagen. Schauspieler Alexander Pschill und seine berufliche wie private Mitstreiterin Kaja Dymnicki haben’s gewagt, haben das Bronski & Grünberg Theater aus der Taufe gehoben – und das Besondere beginnt schon Foyer. Der morbide Charme der nach den Underdogs aus Lubitschs Kinotragikomödie „Sein oder Nichtsein“ genannten Bühne ist unvergleichlich.

Das Ambiente changiert zwischen abgehaustem Etablissement und heimeliger Wohnzimmeratmosphäre anno psychedelic Seventies. Die Garderobe bedient man bitte selbst, am Buffet dafür der berühmte Fred Pschill, der in dieser neuen Rolle nicht nur völlig aufgeht, sondern – ein Glück – auch seinen erlesenen Weingeschmack ans Haus mitgebracht hat. Der Spielplan liest sich spannend, die Schauspielernamen auch, hat Alexander Pschill doch etliche seiner Josefstadt-Kollegen zum Mitmachen animieren können. Doch nicht nur die wissen die Intimität des neuen Spielraums zu schätzen.

Donnerstagabend brachte Claudia Kottal „Vor dem Fliegen“ zur Uraufführung. Das Stück stammt von ihr, sie hat auch die Regie übernommen und mit Julia Schranz und Anna Kramer zwei hervorragende Darstellerinnen besetzt. Der Text ist eine Paraphrase von Ridley Scotts Meisterwerk „Thelma & Louise“, ganze Dialogpassagen sind dem Drehbuch von Callie Khouri entnommen. Dazu verwendet Kottal Zitate aus Interviews, die das Team mit Frauen und Männern geführt hat, und Stellen aus Laurie Pennys Buch „Unsagbare Dinge: Sex, Lügen und Revolution“.

Aus diesem Mix ist ein gewitzter, auch witziger Abend entstanden, der Geschlechterrollen und -klischees hinterfragt und dabei die Männer wie die Frauen aufs Korn nimmt. Es geht um Rollenprägungen, um schmerzfreie Indianer und mitleidheischende Heulsusen, um männliches Machtgefühl und die Bequemlichkeit der weiblichen Opferhaltung – und die Frage, ob das alles genetisch oder gesellschaftlich bedingt ist. „Emanze, ist das ein Superwort?“, will Julia Schranz eruieren. Und dann, apropos: aufs Korn nehmen, ist plötzlich eine Pistole im Raum, und wer den Film kennt, weiß, dass damit auch geschossen werden wird.

Überhaupt ist es von Vorteil, den Film zu kennen. Die versteckten Anspielungen auf das Roadmovie machen bei Entschlüsselung einfach zu viel Spaß. Kottal hat ihre Protagonistinnen von Arkansas-am-A***-der-Welt an die Wiener Peripherie übersiedelt, der Trip soll entsprechend zum Annaberg gehen, doch natürlich wird auch diesmal der harmlose Wochenendausflug zweier Freundinnen und Mediamarkt-Verkäuferinnen zur Höllenfahrt.

Statt im US-Provinzkaff Kellnerinnen nun Mediamarkt-Verkäuferinnen an der Wiener Peripherie: Claudia Kottal und Anna Kramer. Bild: Monika Rovan

Auch die Fast-Vergewaltigungsszene aus dem Film fehlt auf der Bühne nicht. Schranz und Kramer wechseln dazu blitzschnell die Rollen. Bild: Monika Rovan

Christiane und Michelle heißen sie, und holen sich ihr Publikum als Flyer verteilende „Hühner“ aus dem Vorraum ins Innere des Geschehens. In einen mit zwei Kloschüsseln ausgestatteten Mitarbeiteraufenthaltsraum (Bühne: Monika Rovan), der je nach Bedarf zur Bar oder zum Motelzimmer wird, beziehungsweise zur jeweils dazugehörenden Toilette. So wandlungsfähig wie die diversen Häusln müssen auch die Schauspielerinnen sein. Des Hühnerkostüms entledigt gestalten sie nicht nur die beiden Frauenrollen, sondern wechseln blitzschnell die Position, um auch in die Haut der Männer zu schlüpfen. Beeindruckend gelingt das in der Fast-Vergewaltigungsszene in der Bar, Anna Kramer als Angegriffene, Julia Schranz als Angreifer, dann plötzlich als bewaffnete Christiane, deren Trauma sich – siehe Louise – nach und nach enthüllt.

Filmszenen durchbrechen die Bühnenrealität, Erstere durch Zweitere auch ein wenig persifliert, etwa wenn „Bradl Pitt“ am Straßenrand links liegen gelassen wird oder der Kauf von „Safepants“, den versperrbaren Unterhosen gegen sexuelle Übergriffe, angekurbelt werden soll. Sehr pointiert wird das alles vorgebracht, oft sehr konkret in der Darstellung und daher umso zwingender. Sowohl Schranz als auch Kramer wissen das Publikum zu packen, wissen, wie’s funktioniert, dass einem das Lachen im Hals stecken bleibt. Für Thrilleratmo sorgt die Musik von Eva „Gustav“ Jantschitsch.

Während Kramer weibliche Rückzugsszenarien aus unangenehmen Situationen durchexerziert, stellt Schranz lapidar fest: „Die ideale Frau ist fickbar, fickt aber nie selber.“ Dies ihrem Ratgeber „Was Männer wirklich wollen“ entnommen, denn die Ratgeberinnenpose gegenüber den Zuschauern wird selbstverständlich eingenommen. Sind ja auch Männer im Raum. Die keineswegs „mitgenommen“, sondern zum Schluss dieser klugen, aber nie belehrenden Aufführung genauso gut unterhalten waren wie ihre Begleiterinnen. Das Bronski & Grünberg Theater hat mit „Vor dem Fliegen“ eine großartige schwarze Komödie auf dem Programm. Deren Titel bezieht sich auf Thelmas letzte Worte: „Steig aufs Gas!“ Das ließ sich das Trio Kottal, Schranz und Kramer nicht zwei Mal sagen. Bravo!

www.bronski-gruenberg.at

Wien, 23. 2. 2017

Volkstheater: Alles Walzer, alles brennt

Oktober 17, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Von der linken Faust zum rechten Arm

Thomas Frank, Jutta Schwarz, Jan Thümer, Katharina Klar, Steffi Krautz und Luka Vlatkovic. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Thomas Frank, Jutta Schwarz, Jan Thümer, Katharina Klar, Steffi Krautz und Luka Vlatkovic. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Am Volkstheater brachte Christine Eder ihre Politrevue „Alles Walzer, alles brennt“ zur Uraufführung. Der Abend ist so etwas wie die kleine Schwester ihrer fabelhaften Arbeit über Heinz Rudolf Ungers „Proletenpassion ff.“, nur dass Eder diesmal präziser und konkreter auf die Jahre 1883 bis 1934 fokussiert. Jene Jahre, die also das Schlachtfeld Europa vorbereiteten. Und erst einmal ist man, bevor man sich zum satirischen Lachen zurücklehnen kann, schockiert wie sich die Themen gleichen.

Eder verwendet für ihre Collage Originaltexte von Zeitgenossinnen und -genossen, Kaiser Franz Joseph, Viktor Adler, Engelbert Dollfuß, Otto Bauer, Julius Tandler … Durch die Geschichte führen als im Wortsinn rote Fäden die Biografien von Adelheid Popp, Arbeiterkind, Sozialistin und Begründerin der proletarischen Frauenbewegung; Elisabeth Petznek, Tochter von Kronprinz Rudolf und überzeugte Sozialdemokratin, da der „roten Erzherzogin“ in der Kapuzinergruft keine Kränze gewunden werden, ist ihre Entdeckung die spannendste der Aufführung; und ein fiktives Dienstmädchen, das entlang des Lebens der Widerstandskämpferin und KZ-Überlebenden Rosa Jochmann entworfen wurde.

Der Sound ist Wienerisch, wozu nicht zuletzt die großartige Musik von Eva Jantschitsch beiträgt. Das Ensemble agiert hochmusikalisch, mit viel Lust auf Klamauk und Klamotte. Jan Thümer, der Vielspieler, der sich von Inszenierung zu Inszenierung als unverzichtbarer für das Haus erweist, changiert zwischen Trotteladel und Viktor Adler, ebenso Christoph Rothenbuchner, der sich einmal mehr auch als vorzüglicher Balletteuser erweist und einen zunehmend desillusionierten Otto Bauer gibt. Thomas Frank ist als Stimme des Volkes mal eine Art Bratfisch, mal ahnungsloser Gewerkschafter, vor allem aber auch ein gewichtiger alter Herr in der Hofburg.

Luka Vlatkovic, seit dieser Saison festes Ensemblemitglied, ist die Revolution in Fleisch und Blut übergangengen. Steffi Krautz spielt die Popp. Katharina Klar die Elisabeth und Jutta Schwarz, eine der Grandes Dames der Wiener Off-Szene, Kriegskind, 68erin, Theaterschaffende, die immer und so auch hier ihr Selbst in die Rolle einbringt, das Dienstmädchen, heißt: die Gemeindebaulerin. Nun ließe sich manches Sagen über Rap-Sessions vom Frank, der sich mit gefakter Goldkette als Ottakringer Elendsjugend sein Schicksal von der Seele reimt, über Agitprop meets musicalvienna und Christine Eders Talent dem Publikum die Ungeheuerlichkeiten des Lebens als Travestie zu servieren.

Luka Vlatkovic, Jan Thümer, Thomas Frank, Steffi Krautz und Christoph Rothenbuchner. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Luka Vlatkovic, Jan Thümer, Thomas Frank, Steffi Krautz und Christoph Rothenbuchner. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Thomas Frank, Jan Thümer, Luka Vlatkovic, Katharina Klar und Christoph Rothenbuchner. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Thomas Frank, Jan Thümer, Luka Vlatkovic, Katharina Klar und Christoph Rothenbuchner. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

 

Doch unterm Strich, vor allem wenn ein Originalfilm die Errungenschaften der Sozialdemokratie preist, bleibt der Geschmack im Mund ein bitterer. Sehr schön etwa eine Szene, die zeigt, wie weit der bis heute gültige Nationalstolz Klimt-Schnitzler-Freud vom Volk entfernt war. Großes Gelächter, wenn Dollfuß wegen verlangter Wahlwiederholung das Parlament ausschaltet. So geht’s von der Forderung nach einer Gesamtschule über leistbare Wohnungen bis zur Gesundheitsreform. Vom Schattendorfer Urteil über Justizpalastbrand bis zur steigenden Arbeitslosigkeit. Die, die die linke Faust stolz emporreckten, werden bald den rechten Arm heben. Eine Partei wird ihren Grundsätzen untreu – und dies sogar noch ohne fadenscheinige Mitgliederbefragung. Die Zögerlichkeit der Linken öffnet der Rechten den Raum …

Ein Lehrstück. Eine verpflichtend sehenswertes.

www.volkstheater.at

Wien, 17.10. 2016

„Maikäfer flieg“ ist der Eröffnungsfilm der Diagonale

März 1, 2016 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Nöstlinger-Autobiografie als Antikriegsfilm

Zita Gaier als Christine. Bild: © Oliver Oppitz

Zita Gaier als Christine. Bild: © Oliver Oppitz

Die Urgroßmutter hatte einst das Wesen der Menschheit in zwei Sätzen zusammengefasst. „Ma kann ned alle über an Kampl scheren“, hieß der für bessere Tage. „Depperte gibt’s überall“ der für schlechtere.

Miriam Unger hat Christine Nöstlingers großteils autobiografischen Roman „Maikäfer, flieg! Mein Vater, das Kriegsende, Cohn und ich“ aus dem Jahr 1973 verfilmt.

Was der Regisseurin gelungen ist, ist weit mehr als die Geschichte einer Kindheit im Jahr 1945. „Maikäfer flieg“ – am 8. März Eröffnungsfilm der Diagonale, ab 11. März in den Kinos – ist ein starker Antikriegsfilm. Er ist ein Plädoyer für Mitmenschlichkeit, eine Aufforderung zur Zivilcourage und dieser Tage eine Erinnerung daran, dass jeder, egal woher er kommt, welcher Hautfarbe oder Religion er ist, das Recht auf ein Leben in Frieden hat. Er ist eine Liebeserklärung an die Heldin unserer frühsten Leseabenteuer, eine Erfahrung, die wir, erwachsen geworden, mit mehr Sinn für die Gerechtigkeitssätze dieser in dieser Frage unnachgiebig sturen und streitbaren Autorin wiederholen. Und er ist Erinnerung und Liebeserklärung an die eigene Urgroßmutter, die zwei Weltkriege gesehen hat. Sie war eine von denen, über die die Nöstlinger schreibt, ausgebombte Mutter von fünf Kindern, Mutterkreuzverweigerin, weder jüdisch noch nationalsozialistisch, daher weder den Tätern noch den Opfern zugerechnet, eine einfache Überlebende des Wahnsinns.

Zita Gaier spielt die neunjährige Christine. Es ist April, bald 8. Mai, die Rote Armee kündigt sich schon als Siegermacht in Wien an, und die Christl geht mit ihrer Mutter und ihrer Schwester nach Neuwaldegg, wo es sicher sein soll. In eine Villa, in der die Mutter geputzt hat, und deren Besitzerin samt Sohn auch bald vor der Tür steht, wie der aus dem deutschen Lazarett desertierte Vater – und die Russen. Einquartierung. Versorgung der Truppen. Doch die Befreier sind auch Zerstörer. Und die Konflikte mit einigen „angehauchten“ Neuwaldeggern vorprogrammiert. Das alles wird erzählt aus Christls Perspektive, und Zita Gaier ist ein Glücksfall für die Rolle. Sie verkörpert die perfekte Mischung aus nervig altklug und für ihre jungen Jahre überraschend weise. Die trotzige Naivität ihrer Christl, ihr Widerspruchsgeist und ihr Aufbegehren gegen alles, was ihr dumm und sinnlos erscheint, lässt schon die Nöstlinger dahinter erahnen. Sie ist unbeirrbar in ihrer Überzeugung, nein: dem Wissen, dass alle Leut‘ gleich sind. Also geht sie zum Schrecken der Mutter auch offen und ehrlich auf die sowjetischen Soldaten zu und freundet sich mit ihnen an. Vor allem mit dem vom russischen Filmstar Konstantin Khabensky gespielten jüdischen und daher sekkierten Koch Cohn. Auch in der Sowjetunion war der Antisemitismus Alltag.

„Maikäfer flieg“ wird von Frauen gemacht. Neben Miriam Unger waren Co-Drehbuchautorin Sandra Bohle, Kamerafrau Eva Testor, Ausstatterin Katharina Wöppermann, Kostümbildnerin Caterina Czepek, Musikerin Eva „Gustav“ Jantschitsch und für den Schnitt Niki Mossböck verantwortlich. Produziert hat Gabriele Kranzelbinder, der die Diagonale in der gleichnamigen neuen Programmreihe ein „Zur Person“ widmet. Punkto Budget habe man eine „für Frauen“ bis dahin gläserne Decke durchbrochen, sagt Regisseurin Unger. Doch nicht nur hinter, sondern auch vor der Kamera führen die Frauen. Bettina Mittendorfer ist als Villenbesitzerin Frau von Braun die Witwe eines Fliegerasses – „Ich hätte meinen Gatten auch gern versteckt, aber er hat das nicht gewollt“, kommentiert sie erschütternd schlicht die Anwesenheit von Christls Vater. Sie wird sich dem russischen Major ins Bett werfen, um ihren blonden Sohn, und blonde Buben sind bei den Russen ohne Ausnahme Hitlerjungen, zu schützen. Hilde Dalik spielt eine führerverehrende Nachbarin, Krista Stadler Christls Großmutter, der die Schrecken rund um sie allmählich den Verstand rauben, Paula Brunner die große Schwester, Lissy Pernthaler die Soldatin Ludmilla. Als sie erzählt, wie die Wehrmacht in ihrer Heimat gehaust hat, reicht’s der Mutter. „Na, des kann i ma nimmer anhören“, schreit sie und rennt aus dem Zimmer. Die Menschen brauchen Zeit, um zu begreifen, wie sehr die jahrelange Lüge ihr Denken bestimmt hat.

Ursula Strauss überzeugt als diese Mutter. Sie hat sich der Mentalität der Trümmerfrauen mit Sensibilität und viel Gespür für ihre Rolle angenähert und gibt nun eine von ihnen mit großer Wahrhaftigkeit wieder. Christls Mutter ist eine harte, eine vom Leben hart gemachte Frau, eine Resolte mit reschem Charme, und wenn sie mit den Russen schimpft, einer was retourmurmelt und sie sagt: „Ned deppert z’ruckreden“, dann muss man schon schmunzeln. In Miriam Ungers Film liegt die Tragi- ganz nah bei der -komödie, und es ist vor allem Ursula Strauss, die zeigt, was der Krieg für die Menschen dieser Generation irgendwann war: ein stechendes Hungerloch im Bauch, das man gelernt hatte zur Kenntnis zu nehmen. Der Strauss gehört auch einer der schönsten, berührenden Momente im Film. Die Kinder fladern im Haus des geflüchteten Forstrats eine Vorratsportion Rehragout. Und die unbeugsame Mutter bricht plötzlich in Tränen aus. Aus Freude und ob der Tatsache, dass der Nazi so eine Köstlichkeit überhaupt noch besaß. Später wird man dann beim Esstisch sitzen, der Vater ausnahmsweise im Sakko, die Frauen mit Blumen im Haar, das Grammophon spielt, die Kinder tanzen – und da springt die Mutter auf und räumt den Tisch ab. Nur nicht zu viel Freude, wer weiß, was noch alles kommen mag …

Eine bestechende Darstellung zeigt auch Gerald Votava als Christls Vater. Er spielt den Kriegsversehrten mit einer Reduziertheit, die ans Herz geht. Er ist ein stiller Beobachter der Szenerie, einer, der ja gehört hat, wohin Geplärre und große Worte führen. Trotz dieser Zurückgenommenheit ist Votavas Vater aber nicht resignativ, eher abwartend. Und er wird es auch sein, der im Moment größter Gefahr – beim betrunkenen Amoklauf des sadistischen russischen Feldwebels – die Wogen glätten wird. Christine Nöstlingers Vater muss ein bemerkenswerter Mann gewesen sein, von der Tochter im Romantitel ja auch geehrt, und Gerald Votava gelingt der schauspielerische Versuch, dem gerecht zu werden. Einmal ein Temperamentsausbruch: „Ihr wisst’s ja gar nicht, wie des war“, herrscht er die Frauen im Haushalt an, als ihm vorgeworfen wird, auch nur eines dieser kriegerischen Mannsbilder zu sein. Er säuft zum Wohle seiner Familie Wodka bis zum Umfallen, repariert Uhren und enttarnt sich als Russlandfeldzugteilnehmer, als er den Feldwebel in dessen Muttersprache besänftigt. „Kochentuberulose, ja?“, lacht der Major wegen der Rettung der Situation und der Lüge übers von Granatsplittern aufgerissene Bein und hält dem Vater die Flasche hin. Votava grinst, trinkt, schweigt und sein beredtes Schweigen ist glänzend.

Christine Nöstlinger wird im Oktober 80 Jahre alt. Und angesichts der frischen Fernsehbilder fällt es nicht schwer, sich eine Kindheit in Kriegstrümmern vorzustellen. Die Nöstlinger schreibt von den Träumen einer Kinderseele und vom Familientrauma und wie möglich ein Miteinander wird, wenn man an das Gute in den Menschen glaubt. Sie schreibt, dass man nicht alle über einen Kamm scheren kann, weil es überall Depperte und Nichtdepperte gibt. Miriam Ungers Film hat das perfekt eingefangen. „Maikäfer flieg“ ist zum Lachen und zum Weinen und vor allem zum Weiterdenken. 2016 wenn möglich weiter, als bis vor die eigene Haustür.

maikaeferflieg.derfilm.at

Trailer: www.youtube.com/watch?v=ED0tLOZeGBk

Gerald Votava im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=18019

Mehr zur Diagonale 2016: www.mottingers-meinung.at/?p=17827

Wien, 1. 3. 2016