Volkstheater: Peer Gynt

Dezember 8, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Bizarres Treiben in der kleinen grauen Zelle

Günter Franzmeier, Nils Hohenhövel, Jan Thümer, Stefan Suske, Evi Kehrstephan, Andreas Grötzinger und Günther Wiederschwinger. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

„Die Welt in meinem Kopf, durch die ich Ich bin“, weist Peer im vierten Akt gegenüber der illustren Runde Master Cotton, Monsieur Ballon nebst Frau von Eberkopf und dem Trumpeterstraale als das „Gyntsche Prinzip“ aus – die ihn darob zum Dichter und Denker küren, bevor sie den skrupellosen Schweinskerl im nunmehr Ex-Geschäftspartner entdecken. Auf diese Innen- schau fokussiert Viktor Bodó bei seiner Interpretation des dramatischen Gedichts von Henrik Ibsen: „Peer Gynt“ als vorerst letzte Inszenierung des

Budapester Regisseurs am Volkstheater. Der sich, von Anna Badora über Düsseldorf und Graz nach Wien mitgebracht, am Premierenabend sichtlich gerührt für die stets freundliche Aufnahme seiner Szputnyik Shipping Company bedankte – und es steht zu hoffen, dass einem irgend Verantwortlichen eine Eingebung kommt, wie dieser Ausnahmekünstler in der Stadt zu halten ist. Bodó selbst ist um Ideen nie verlegen, sind andere, auch höchst renommierte Regisseure oft genug One-Trick Ponys, hat man von ihm noch keine zwei Arbeiten gesehen, die sich auch nur annähernd ähneln. Und so hat Bodó auch diesmal eine völlig neue Gedankenwelt erfunden, eben die von Peers Gehirn, so ist zu deuten.

Dieses ist eine am Haus natürlich nicht so kleine graue Zelle, das Bühnenbild von Ágnes Bobor, ein in seiner Schlichtheit – mit sozusagen in der Unendlichkeit liegendem Fluchtpunkt – spektakulärer Raum, dessen Perspektiven sich zu immer wieder ungeahnten Öffnungen verschieben, um den ganzen Kosmos des Selbst-, nicht Sinnsuchers zu illustrieren. Deren drei in drei Lebensaltern sind Bodós Peers. Nils Hohenhövel, Jan Thümer und Günter Franzmeier gleich dem alten, dem jungen und dem kleinen Stanislaus – und es ist erstaunlich bei zugegeben physiognomisch perfekter Passform, wie sehr das Darsteller-Trio ein Geist und Körper ist, in brillanter Interaktion, im Infight mit sich selbst, wie sie da mit Gesten oder aus voller Kehle das eigene Tun zu anderer Zeit kommentieren, einander in Schreckmomenten im Stich lassen, sich auch im Zwiegespräch selbst entlarven.

Jan Thümer, Nils Hohenhövel und Günter Franzmeier. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Dorka Gryllus als Ingrid und ihr Entführer Nils Hohenhövel. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Schiffbruch im Schlauchboot: Günter Franzmeier als Peer. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Jedem sind dabei seine Momente geschenkt. Hohenhövel, als er Braut Ingrid auf den zweiten Rang entführt und sie dort zum Gaudium des Publikums lautstark liebt, und anrührend bei der Himmelskutschenfahrt mit der sterbenden Mutter Aase. Thümer im Aufeinanderprallen mit der Grüngekleideten, samt Sex und versuchtem Augenausstechen im Troll-OP, und großartig als reicher Sklavenhändler in Marokko, wo er mit seinem hochmütigen Geschwätz die ganze Hohlheit der Figur Peer Gynt ausstellt. Franzmeier unter anderem beim schlussendlichen Schiffbruch, und freilich darf der Schauspielstar einmal mehr mit seinem Können als E-Gitarrero glänzen. Die Peers werden nämlich zu Rockband-Propheten, der jüngste am Schlagzeug, der mittlere sich immerhin tapfer an der Six-String festhaltend.

Wortgewandt wirft man einander Flunkereien und Lügengeschichten zu, um die große, die des Lebens zu übertünchen, wann immer den einen seine Verkommenheit in eine Sackgasse führt, wissen die anderen beiden einen Fluchtweg. Bodó erzählt ein surreales Lügen-Märchen. „Peer Gynt“ ist in dieser Aufführung buchstäblich ein Schelmen-Stück, ein bizarr-poetischer Albtraum, und Ibsens Anti-Held, wiewohl eine Ur-Ich-AG von derart überheblicher Arroganz und Selbstgefälligkeit, dass ihn diese Egomanie zu einem sehr heutigen Charakter macht, ein durchaus nicht unsympathischer Protagonist.

Begleitet wird dieser von drei Akteurinnen und drei Akteuren, die mit überbordender Spiellust jeweils mehrere der zum Narren gehaltenen Narren verkörpern: Steffi Krautz ist unter anderem eine resolute Mutter Aase, im Rollstuhl zwischen Festnetztelefon und Röhrenfernseher, deren lapidares „Läg‘ ich doch im schwarzen Sarg“ auf Peers Bocksritt-Schwindel der erste Lacher des Abends ist, und macht ihr Erscheinen als ägyptische Säule zum dadaistischen Kabinettstück. Evi Kehrstephan ist vor allem eine kesse, Wind und Wetter beherrschende Grüngekleidete, ein Monsterauftritt, den nicht einmal Stefan Suske als deren Vater und verbeamteter Trollkönig, der Dovre-Alte, toppt. Suske macht auch den lautmalerisch parlierenden Haegstadbauer, der seinem Bräutigam/ Sohn auf die Sprünge, heißt: ins Hochzeitsbett helfen will – Günther Wiederschwinger, der, ob Eheaspirant, Troll oder Master Cotton, beständig über dasselbe, selbstverständlich nicht vorhandene Hindernis stolpert.

Tête-à-Tête mit des Trollkönigs Tochter: Evi Kehrstephan, Günter Franzmeier, Nils Hohenhövel und Jan Thümer. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Im Troll-OP: Grötzinger, Kehrstephan, Suske, Thümer, Wiederschwinger, Hohenhövel und Franzmeier. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Habgierige Handelspartner aus aller Welt: Suske, Steffi Krautz, Thümer, Grötzinger und Wiederschwinger. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Für mich soll’s schwarze Bälle regnen: Günter Franzmeier, Stefan Suske und Nils Hohenhövel. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Was Bodó zeigt, ist im besten Sinne Absurdes Theater, seine konzise Spielfassung irr witzig, detailverliebt und ausgestattet mit einer ausgeklügelten Bewegungschoreografie, besonders für die drei Peers, die die stets nur flüchtige Begegnung mit Kehrstephans Solvejg auf der Stelle tretend, den Messerkampf mit der Troll-Prinzessin in Zeitlupe absolvieren. Dorka Gryllus lässt sich als Braut Ingrid allzu bereitwillig vom ersten Peer verführen, und raubt als exotisch-erotisches Groupie Anitra den dritten bis zu den Hi-Hats aus. Sollte jemals Ibsens Intention die Satire gewesen sein, so erfüllt Andreas Grötzinger diese Vorgabe vom Feinsten. Egal, ob als Haudrauf-Schmied Aslak, Peers hässlicher Troll-Sohn oder bärbeißiger Schiffskapitän, er ist in jeder Szene ein Gewinn. Und ein Hauptgarant fürs Gelingen des Bodó’schen Slapstick – herrlich allein schon sein Strickmützentrick.

Schwarze Bälle regnet’s vom Himmel, gegen die Suske flugs einen Regenschirm aufspannt, die profitgierigen Businessmenschen, nicht die Trolle tanzen zu Edvard Griegs entsprechendem Marsch, im Nebel schälen sich die Peers aus der Zwiebel, legen Schicht für Schicht ihre Kleidung ab, bis sie im Halbdunkel nackt dastehen, als wär’s ein Ecce homo des Homo mendax. Im Kairoer Irrenhaus wird dem Selbstsuchtkaiser Peer eine Zahnkrone aufgesetzt. In dieser Groteske nämlich lässt Bodó die Reise enden, beim Tod der absoluten Vernunft, ein Wiedersehen mit, die Erlösung durch Solvejg gönnt er Peer nicht. Das Ensemble schleppt sich erst wie wiedergängerische Geisteskranke an die Rampe, dann starten Kehrstephan und Krautz die Psychoanalyse. Suske gibt einen schusseligen Doktor Begriffenfeldt. Die kleine graue Zelle, Peer muss nicht dem Knopfkönig, sondern seinen Alter-Egos Rechenschaft ablegen, hier schließt sich der Kreis. Der Premierenjubel war groß.

www.volkstheater.at

  1. 12. 2019

Akademietheater: Der Henker

Dezember 5, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Nichts anderes als die Pflicht getan

Itay Tiran changiert als Mörder zwischen Psychopath und posttraumatischer Belastungsstörung. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Fast scheint es, als hätte Maria Lazar, als sie 1921 ihren Einakter „Der Henker“ veröffentlichte, eine dysto- pische Vorahnung gehabt auf all jene, die diese Welt noch heimsuchen werden, all jene, die ihre Taten mit dem Erschlagwort vom „Nichts anderes als die Pflicht getan zu haben“ zu kaschieren trachten. Denn darum dreht sich’s im ersten Theatertext der Wiener Autorin, hinter einer „Arbeitsmoral“, die das Ums-Leben-Bringen eines Menschen ermöglicht, die ethische Haltung des

Durchführenden zu entdecken. Lazars Fazit liest sich wie eine visionäre Antizipation der „Banalität des Bösen“, die Hannah Arendt anhand des Eichmann-Prozesses, auch der Spediteur in den Tod laut Eigendefinition lediglich ein Pflichterfüller, einer Maschinerie braver Befehlsempfänger und Bürokraten zuschrieb, die ohne groß nachzudenken Anordnungen bis zum Äußersten ausführen. Leicht macht es einem Lazar nicht, ist doch der Mann, der in ihrem Stück auf seine Hinrichtung wartet, ein verurteilter Mörder. Ein Verbrecher, der darauf besteht, den Scharfrichter sprechen zu dürfen, sein letzter Wunsch, zu überprüfen, ob da tatsächlich einer ohne Emotion, Inbrunst, Hass, Genugtuung, seinem Handwerk nachgehen kann.

Die Nestroypreisträger Regisseurin Mateja Koležnik und Bühnenbildner Raimund Orfeo Voigt, die Hausdebütantin und ihr Lieblingsausstatter, gehen am Akademietheater der Frage nach den Abscheulichkeiten im Allzumensch- lichen nach. Lazar, Jüdin, Jüngerin der Wiener Moderne, der Kunstszene rund um Loos, Canetti, Kokoschka, verheiratet mit Strindberg-Sohn Friedrich, im Exil mit Brecht und Helene Weigel, schließlich schwedische Staatsbürgerin und schlussendlich in den Suizid gegangen, setzt sich in ihrem Werk mit der politischen Beweglichkeit eines Bürgertums auseinander, das aus Angst vor links rechtsautoritäre Strukturen in Kauf nimmt.

Koležniks Inzenierung verleiht dem scharf formulierten, radikal expressiven Dramolett eine surreale Sinnlichkeit. Im Bunde mit Voigt nähert sie sich dem Kammerspiel mit einem hyperrealistischen Minimalismus, macht aus Lazars Gesellschaftsstudie gleichsam einen Psychothriller, der die Trivialität dämonischer Abgründe entlarvt. Nicht zu viel soll verraten sein. „Der Henker“ ist ein Reigen fataler Begegnungen des Mörders mit Staatsanwalt und Priester, einer Prostituierten, aus dem Gefängnis wird eine Bluttat befohlen, die freilich misslingt, aber eine andere nach sich zieht. Koležnik beginnt die Aufführung mit einem albtraumhaften Vater unser des Henkers, Martin Reinke im Halbdunkel, bevor Itay Tiran in Voigts klinischem Grau-in-Grau mit dem Staatsanwalt rechtet.

Gunther Eeckes als Priester und Itay Tiran. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Itay Tiran und Sarah Viktoria Frick als Dirne. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Itay Tiran und Martin Reinke als Henker. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Das hat durchaus Galgenhumor, wie Hans Dieter Knebel als ebendieser versucht, telefonisch eine höhere Instanz im Ministerium zu erreichen, um nur ja jede Verantwortung an den im Wortsinn „Apparat“ abzugeben, doch als Antwort nur das Freizeichen ertönt. Itay Tiran, der sein Burgtheater-Engagement als Regisseur der „Vögel“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=34508) antrat, changiert als Mörder zwischen Psychopath und posttraumatischer Belastungsstörung. Er macht aus Lazars Antihelden, der ihren Namen sogar auf die Finger „tätowiert“ hat, einen maliziösen Charismatiker, einen manipulativen Charakter, von dem bewusst im Ungenauen bleibt, ob er selbst Opfer eines solchen Systems ist.

Eine beeindruckende, eine bestechend starke Darstellung, umso mehr an ihrem „schwächsten“ Moment in der endgültigen Konfrontation mit dem Henker, die de facto keine ist, weil sich die Reinke-Figur als ohne alle Freude am Beruf erweist, und statt in die Rechtfertigung für ihr Tun zu verfallen, ins Plaudern gerät – über den Vorgarten, die Ehefrau und irgendwas mit Vogerlsalat. Im Interview mit der Bühne spricht die in Slowenien geborene Koležnik über Balkankrieg und Paramilitär und Grenzbarrieren, sie nennt Lazars Szenario „retrofuture“, heißt: eine zeitgeschichtliche Version der nahen Zukunft, und wirklich wirkt es, als wolle Koležnik via Lazar ausweisen, dass die Unheilanrichter und Urteilsvollstrecker stets die austauschbaren, unscheinbaren Jedermänner sind.

Nicht nur agieren Knebel und Reinke annährend sprachident, Voigt lässt die kalt-neonbeleuchtete Todeszelle samt sargähnlicher Schlafnische und aseptischer Edelstahltoilette in einer Art waagerechtem Paternoster-Prinzip am Publikum vorbeiziehen, dazu eine gespenstische Hinter-Gitter-Geräuschkulisse, der immer gleiche Raum, die immer selben Szenen, die sich von lapidar zu leidenschaftlich dehnen, die Spielweise der Schauspieler dabei von Durchfahrt zu Durchfahrt anders differenziert – fantastisch, wie Koležnik den Text derart zur Parabel über Zucht und Ordnung, Gesetz und Sitte erweitert, und auch, die fabelhaften Akteure bei der Detailarbeit zu sehen.

Die grauen Herren: Itay Tiran als Mörder, Tilman Tuppy als Kerkermeister, Hans Dieter Knebel als Staatsanwalt und Gunther Eckes als Priester. Bild: Matthias Horn / Burgtheater

Am feinsten ist die von Sarah Viktoria Frick, die die Dirne mal als Schnitzler-süßes Mädel, mal als verhuschte Zwangsprostituierte, mal Kaugummi-kauend als abgebrühte Hure, die gunstgewerblerisch nach Hosentürln grapscht, gibt. Gunther Eckes lugt als bigotter Priester ab und an durch die sich beständig verschiebenden Kerkeröffnungen. Mit Tilman Tuppy als Kerkermeister liefert sich Itay Tiran einen Infight der Augen, ein Hide-and-Seek von Bespitzeln, Belauern und Beobachtetwerden.

Etwa, wenn der Mörder Fuß für Fuß den ihm verbliebenen Freiraum abmisst, im Wissen die zwischen- menschliche Beziehung zu seinem Bewacher ist allein dem unmenschlichen Strafrecht geschuldet. „Der Henker“, wie ihn Mateja Koležnik zeigt, ist das bis dato herausragendste Ereignis der ersten Spielzeit Kušej, die gesellschaftspolitische Botschaft nicht mit dickem Pinsel aufgetragen, sondern subtil und tiefsinnig ausgelotet, gespielt von einem Ensemble, das es versteht, die Intentionen der Regie Schicht für Schicht – und so die Spannung steigernd – offenzulegen. Bravo.

www.burgtheater.at

  1. 12. 2019

Volkstheater: Der gute Mensch von Sezuan

Oktober 13, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Von Brechts Parabel bleiben ein paar illegale Teigtascherl

Im Schatten des im Wortsinn großen Bert Brecht: Andreas Patton, Steffi Krautz, Claudia Sabitzer, Nils Hohenhövel, Jan Thümer, Constanze Winkler, Lukas Watzl, Isabella Knöll und Günther Wiederschwinger. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Wenn zum Schluss der Kurz’sche Satz fällt „Sozial ist, was stark macht“, dann ist die mutmaßliche Stoßrichtung des Abends endlich formuliert. Klar, Bert Brechts „Der gute Mensch von Sezuan“ ist das Stück der Stunde, Robert Gerloff hat’s nun am Volkstheater inszeniert, wo man auch höchst p.c. die Autorinnen- schaft von Ruth Berlau und Margarete Steffin anführt. Einen Konnex zum „kapitalistischen Surrealis- mus“, wie ihn Markus Metz und Georg Seeßlen beschreiben, gibt der Regisseur als Referenz an.

Was bedeutet, wo’s früher „Ohne Fleiß kein Preis“ hieß, sind die Systemmacher heute die mit der größten Fähigkeit, aus nichts ein Etwas zu kreieren – Stichwort: Erfindungs/Reichtum. In dieses Konzept wird nun gezwängt, was sich nicht wehren kann. Gerloff schraubt seine extrem stilisierte, durchchoreografierte Inszenierung bis zum Anschlag auf artifizielles Konstrukt, als könne maximale Künstlichkeit ein Mehrwert fürs Zur-Kenntlichkeit-Entstellen sein. Dies ist wohl, was er unter epischem Theater versteht, und passend zu dieser fixen Idee ist das Bühnenbild von Gabriela Neubauer eine Art „Turm zu Babel“-Baustelle, von welcher der übermenschengroße, tatsächlich Zigarre qualmende Kopf des Godfather auf seine Kreaturen blickt, und sind es die Kostüme von Johanna Hlawica aus einem zu eigener Körperhaftigkeit gestärkten Kunst-Stoff.

Das tollste Teil trägt die „achtköpfige Familie“ in Form eines riesigen Ponchos mit je einem Kopfdurchschlupf für jeden von der Verwandtschaft – die Mischpoche als ein mächtiger Parasit. Das alles ist von ansprechender Ästhetik, allerdings verheddert sich Gerloff im Bemühen, Brechts Protagonistin Shen Te einer Gesellschaftsanalyse à la Metz/Seeßlen zu unterwerfen. Selbstverständlich kann man der Figur den Versuch einer aberwitzigen Verbindung von Profitgier mit humanistischem Gedankengut in die Schuhe schieben, freilich will die von der Prostituierten zur Tabakhändlerin Avancierte mittels eines imaginären Vetters ihre wirtschaftliche Interessen mit ihren Moralillusionen synchronisieren.

Nur steckt im Brecht-Text mehr Kritik an wachstumsimmanenten Unsinnigkeiten, sozialen Ungerechtigkeiten, am Primat permanenter Profitmaximierung, ergo an der Ausbeutung von Arbeitskraft, als die postfaktische Schulweisheit sich träumt. Was, während der Zuschauer in der Reihe hinter einem, weiß, männlich, offensichtlich wohlsituiert, laut über das längst überfällige Abschaffen von Arbeitnehmervertretungen angesichts „der zunehmenden Zufriedenheit der Berufstätigen mit dem Zwölf-Stunden-Tag“ philosophiert, hätte sich über die Verhältnisse in Sezuan nicht alles anmerken lassen?

Shen Te verwandelt sich Shui Ta: Claudia Sabitzer. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Jan Thümer als mit seinem Schicksal hadernder Flieger Yan Sun. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Über Abgehängte, Arbeitslose und den diesen aufgezwungene Ich-AGs, über Gehaltsschere und Schere im Kopf, über die sogenannten betrieblichen Umstrukturierungen, die immer beim Personalabbau in der Belegschaft beginnen … Doch ein wirkliches weiteres Ausführen der Parabel bis zur Situation der Gegenwart passiert nicht. Wiewohl Shen Te die Götter natürlich fragt, „Wie soll ich gut sein, wo alles so teuer ist?“, und diese vor der kapitalistischen Ökonomie kapitulieren. Am Volkstheater springinkerln sie ihr fröhliches Liedchen trällernd über die sich beständig drehende Bühne. Imre Lichtenberger Bozoki hat Paul Dessaus Musik für die dreiköpfige Band Raphael Meinhart, Oliver Stotz und er selbst der Trompeter eingerichtet, und wechselt den Sound zusätzlich von Genesis‘ „I Can’t Dance“ – samt dazu ausgeführtem Video-Walk – zum „The End“ der Doors.

Gerloff lässt sein Ensemble dazu hopsen und im Gleichschritt tänzeln. Louis de Funés‘ berühmtes „Nein! – Doch! – Oh!“ kommt zu Ehren, und da das Ganze bekanntlich in China angesiedelt ist – hurra, was ein Spaß! -, die berüchtigten sich illegal in Österreich aufhaltenden Teigtascherl. In dieser Sinnspruchszenerie spielt Claudia Sabitzer die Shen Te mit einem Anstand und einer Würde, die alles überstrahlt, und um nichts schlechter ihren ausgeklügelt gemeinen Cousin Shui Ta, ihr gewinnorientiertes zweites Ich, das der gutmütigen Wohltäterin die Schmarotzer vom Leib schneidet. Die neben Sabitzer eindrücklichste Rollengestaltung gelingt Gertrud Roll, die als die Shin die Ereignisse mit staubtrockenem Sarkasmus kommentiert – und trotzdem für Momente die warmherzige Mitmenschlichkeit dieses Charakters aufblitzen lässt.

Jan Thümer gibt den Flieger Yang Sun gebrochen genug, um seinen Weg vom schäbigen Liebhaber zum kleinlaut die bösartigen Einflüsterungen seiner Mutter befolgenden Söhnchen zum Peitschen schwingenden Vorarbeiter in der Tabakfabrik nachvollziehbar zu machen. Ein Anti-Held, wie er bei Brecht steht. Steffi Krautz ist als Mutter Yang wie Hausbesitzerin Mi Tzü geldgierig und intrigant, und versteht es, beide Frauen messerscharf gezeichnet über die Rampe zu bringen. Und apropos, Rampe: Immer wieder treten die Schauspielerinnen und Schauspieler auf Brecht-Manier in einen Lichtspot und aus ihren Rollen, um sich mit ihren Bemerkungen direkt ans Publikum zu wenden.

So tut’s auch „die achtköpfige Familie“, mit Thümer sind es Isabella Knöll, Günther Wiederschwinger, Constanze Winkler und Lukas Watzl, die wiederholt für witzige Einlagen sorgen. Sie alle agieren vielfach, wie Andreas Patton unter anderem als zwielichtiger Barbier, der gedenkt, sich durch eine Heirat mit Shen Te deren „Marke“ der Ehrbarkeit einzukaufen, oder Nils Hohenhövel, der als Schreiner vom zahlungsunwilligen Shui Ta in den Konkurs getrieben wird. Watzl bestreitet als Wasserverkäufer auch die erste Begegnung mit den Göttern.

„Die Shin“ Gertrud Roll kommentiert staubtrocken das Geschehen; hinten: Claudia Sabitzer und Steffi Krautz als Hausbesitzerin Mi Tzü. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Aber, wie gesagt: Mehr Sinnieren über Ursache und Wirkung vom Geld-regiert-die-Welt ist nicht, auch nicht über das mit dem Abhacken des ganzen Arms endende Reichen des kleinen Fingers, oder über Wohltätigkeit als Wertschöpfungsmaßnahme, oder über politische Veränderung, die im Kleinen gern beginnen kann, aber im Großen weitergehen muss. Der pädagogische Fingerzeig, der am Volkstheater mitunter überschnell zur Stelle ist, hinkt den hehren Absichten der Aufführung diesmal gehörig hinten nach. Schade. Über „Sezuan ist überall und insbesondere im neoliberalistischen Hierzulande“ wäre Ausführlicheres zu sagen gewesen.

Ein Satz zu Beginn dieser Rezension, einer zum Schluss: „Mir ist nicht so wichtig, wer mit wem regiert, mir ist wichtig, wer wofür regiert“, so Bundespräsident Van der Bellen bei der Erteilung des Regierungsbildungsauftrags an Sebastian Kurz. Hoffentlich steckt dieser Spruch in der Lichtenfelsgasse schon hinter einem der Spiegel.

www.volkstheater.at

  1. 10. 2019

Volkstheater/Bezirke: Der Raub der Sabinerinnen

Februar 28, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Hymnus auf die Schmiere

Eleonora Striese lässt sich beim Regieführen verführen: Doris Weiner mit Katrin Grumeth und Günther Wiederschwinger. Bild: © Barbara Pálffy / Volkstheater

Was Katharina Thalbach vor ein paar Jahren in Deutschland mit Verve gelang, nämlich Theaterdirektor Striese nebst Gattin darzustellen, mit dieser Kunst beeindruckt nun auch Doris Weiner bei der Bezirke-Tournee des Volkstheaters. Dass die Leiterin ebendieser in Lukas Holzhausens Inszenierung von „Der Raub der Sabinerinnen“ ein Stück weit auch sich selbst spielt, vergrößert den Spaß an der Persiflage nur noch – ein geplagter Prinzipal in Geldnöten.

Der um schauspielerische Bravourleistungen und mit schwindendem Publikum ringt, auf der Suche nach jenem Stoff, der endlich das Zeug zum Kassenschlager hat. Im 1885er-Schwank der österreichischen Dramatikerbrüder Franz und Paul von Schönthan glaubt der Wandertruppen-Intendant Emanuel Striese diesen im Werk des Kleinstadt-Professors Gollwitz gefunden zu haben, der seinerseits seine schriftstellerischen Ambitionen vor Frau und Familie zu verheimlichen sucht. Allein, die bildungsbürgerlichen Ansprüche der Schulmeistertragödie lassen sich mit der effekthascherischen Aufführungspraxis des Striese-Ensembles nicht vereinbaren. Doch während alles auf ein Desaster zuläuft, der Gollwitz-Clan aufs Heftigste zerstritten ist, hat Frau Striese die rettende Idee. Die, in der von Anja Herden überschriebenen Textfassung, Doris Weiner einen weiteren großartigen Auftritt sichert.

Nicht nur ist ihr als Emanuel der große Striese-Monolog im zweiten Akt gegönnt, dieser Hymnus auf die Schmiere – „Mein Herr, wissen Sie überhaupt, was eine Schmiere ist? Das ist ein Plätzchen, wo auf wenigen Quadratmetern mehr Hingebung verlangt und gegeben wird, als Sie es sich in ihrem bürgerlichen Hochmut vorstellen können!“ -, sondern als Eleonora in einer Art Zwischenspiel auch eine Probenszene, in der die Direktorengattin die Kollegen vergnüglich fest an die Kandare nimmt. Die zierliche Weiner mal mit geklebtem Bärtchen als künstlerisches Leichtgewicht, mal mit langem Haar als durchsetzungsfreudige, sexy Frau zu erleben, das hat schon was.

David Oberkogler als kulturaffine Haushälterin Rosa. Bild: © Barbara Pálffy / Volkstheater

Doris Weiner als Theaterdirektor Emanuel Striese. Bild: © Barbara Pálffy / Volkstheater

Die Idee der Doppelbesetzung jedenfalls scheint es Regisseur Holzhausen derart angetan zu haben, dass er sie gleich auf den Großteil seiner Schauspieler ausdehnte. Am besten weiß diese Gelegenheiten David Oberkogler zu nutzen, der als Gollwitz-Schwiegersohn Leopold ebenfalls seine Geheimnisse hat, vor allem aber mit seinem komödiantischen Kabinettstück als Haushälterin Rosa überzeugt – Gollwitz‘ theaterbesessene Co-Autorin, jedenfalls sieht sie sich selber so, die im Moment, als der Reinfall droht, zum österreichisch-opportunistischen Kulturwendehals wird. Witzig, wenn Oberkogler seine Verwandlung durch ein nicht runtergerolltes Hosenbein oder eine zu spät aufgesetzte Perücke durchblitzen lässt.

Karin Grumeth spielt Leopolds enervierende Frau Marianne sowie deren jüngere und mit dem Vater verbündete Schwester Paula, Günther Wiederschwinger Vater und Sohn Groß, erster ein ernsthafter Spediteur, zweiter verbotenerweise zum fahrenden Volk übergelaufen – und nun schwerst in Paula verliebt. Michael Abendroth brilliert als verpeilter Professor Gollwitz, dessen verknöpfte Weste schon vieles über den Charakter sagt, der als Idealist gegen Theaterpraktiker ankämpfen muss, und der aus Nervosität über seinen wahrscheinlichen Misserfolg mehr und mehr aus der Fasson gerät. Bettina Ernst wechselt als Ehefrau Friederike von der Kleingeistigen zur – in virtuos gespieltem angetrunkenem Zustand – alles Verzeihenden. Dass das Travestiespiel in hohem Tempo ablaufen kann, ermöglichen die Kostüme von Valentina Mercedes Obergantschnig und das fürs Klipp-Klapp bestens geeignete Holzschachtel-Bühnenbild von Sofia Korcinskaja.

Kampf der Geschlechter im Hause Gollwitz: David Oberkogler, Michael Abendroth, Katrin Grumeth und Bettina Ernst. Bild: © Barbara Pálffy / Volkstheater

Und so gewährt Doris Weiner als sächselnder Striese einen höchst unterhaltsamen, satirischen Schlüssellockblick auf die Bretter, die ihr mit Sicherheit die Welt bedeuten, ja, man erlebt mit ihr, wie Bühnenzauber aus dem Fast-Nichts entsteht. „Der Raub der Sabinerinnen“ ist eine gelungene Produktion für das Volkstheater in den Bezirken, wo die wunderbare Weiner seit nun schon 14 Jahren Unterhaltung mit Haltung zeigt.

www.volkstheater.at

  1. 2. 2019

Volkstheater/Bezirke: Emilia Galotti

April 23, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Intrigant und die Blutspur an der Wand

Marinelli und der sterbende Appiani: Peter Fasching und Dominik Jedryas. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Zum Schluss endlich gewanden sich die Herrschaften in die Rokoko-Röcke, setzen jene Perücken auf, die das Stück zeitlich vorgibt. 1772, Emilia Galotti. Zuvor zeigt sich Lessings bürgerliches Trauerspiel aber in aktueller Optik, und es ist die große Kunst von Regisseur Lukas Holzhausen, den originalbelassenen Text sprechen zu lassen, als ob er ein modernes Drama wäre. Ein Bravo dafür! Emilia Galotti, 2018 im Volkstheater in den Bezirken.

Da wird vieles im weiß tapezierten Bühnenbild nur durch Andeutungen klar gemacht, man agiert anfangs, als ginge einen das bevorstehende Drama gar nichts an, doch brechen sich erst die Gefühle Bahn, gibt es im Wortsinn ein Hauen und Stechen, das mit der (Selbst-)vernichtung der Familie Galotti endet. Deren Emilia begehrt Prinz Gonzaga, doch will sie den Grafen Appiani ehelichen, also schnell ein paar Mörder für den Zukünftigen gedungen, die Schöne aufs Lustschloss entführt, und …

Kammerherr Marinelli spinnt die Kabale, und Schauspieler Peter Fasching tut sich in dem Interview selbst Unrecht, in dem er sich den Antagonisten der Vorlage nennt. In Holzhausens Interpretation des Stoffes ist er der Hauptakteur, der Aktive in einer Gruppe passiv Abwartender. Er spinnt die Fäden, und niemals weiß man, ob das Unheil Zufall, Schicksal oder sein Marinelli war, der über die von ihm verhasste Welt hereinbricht. Denn Fasching spielt einen Buckelnden, der die Nähe zur Macht sucht, weil er aus ihr Nutzen ziehen kann, und dabei doch den Mächtigen zutiefst verachtet.

Der Prinz Gonzaga begehrt Emilia Galotti: Jan Thümer. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Vater und Tochter: Günther Wiederschwinger und Marlene Hauser. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Die Mutter durchschaut den Mörder: Martina Spitzer und Peter Fasching. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Dieser, der Prinz, wird von Jan Thümer dargestellt. Von Anfang an steht er wie ein Schatten über dem Stück, sucht mit nacktem Oberkörper Ersatz für seine abgelegte Geliebte, und weist im Tonfall eines ennuyierten, verbrecherischen Aufsichtsratsvorsitzenden seinen Untergebenen zurecht. Selbst die Türen sind seiner Hoheit zu niedrig, Holzhausen hat da mit Witz inszeniert, das Herzstück seiner Arbeit die Auseinandersetzungen des Fürsten mit Marinelli, zwei Männer, die sich aneinander reiben, dass kaum Platz für anderes bleibt.

Und da ist die gute Gegenseite: Günther Wiederschwinger als rechtschaffener Odoardo Galotti, Marlene Hauser als Tochter Emilia und Martina Spitzer als Mutter Claudia, die schon beim Gedanken an den Prinzen in Wallung gerät, bis sich das Böse offenbart, und sie die Mordsgeschichte hinter der Räuberpistole erkennt. Spitzer vor allem scheint mit Verve Holzhausens Ideen zum Stoff umzusetzen, wie sie ob der Wahrheit zaudert, zankt, zerstört wird, und auch Max Reinhardt-Seminar-Studentin Hauser spielt eine, die anfangs den Galanterien des Prinzen durchaus zugetan ist.

Was wenig verwundert, gibt Dominik Jedryas doch einen temperamentslosen Bräutigam mit Leierstimme. Das Ensemble rundet Katrin Grumeth ganz wunderbar als ordinäre Gräfin Orsina ab. Das Ganze endet wie vorgegeben. Der Intrigant schleift den sterbenen Appiani über die Wand, bis von diesem nur eine Blutspur übrigbleibt, Emilia zwingt ihren Vater zum assistierten Suizid. Mag man sagen, leicht ist das alles nicht, so wartet doch auf die Bezirke eine bemerkenswerte Aufführung, der man viele Zuschauer wünscht. Bei der Premiere im Volx/Margareten war der Jubel jedenfalls groß.

www.volkstheater.at

  1. 4. 2018