Das Volkstheater zeigt David Bowies Musical „Lazarus“

März 27, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Miloš Lolić inszeniert, Günter Franzmeier spielt

Christoph Rothenbuchner, Günter Franzmeier und Katharina Klar. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Das Volkstheater schießt hoch hinaus: Am 9.Mai feiert das Erfolgsmusical „Lazarus“ von David Bowie und Enda Walsh Premiere. Gemeinsam mit seinem Leading-Team inszeniert der Regisseur Miloš Lolić Bowies letzten Gruß an seine Fans in einer Österreichischen Erstaufführung.

Beim gestrigen von Produktionsdramaturg Roland Koberg moderierten Pressegespräch gaben Regisseur Miloš Lolić, der musikalische Leiter Bernhard Neumaier, Bühnenbildner Wolfgang Menardi und Kostümbildnerin Jelena Miletić erste Einblicke in die Produktion, die seit knapp drei Wochen auf der Probebühne in Simmering entsteht. Volkstheater-Ensemblemitglieder Günter Franzmeier (Hauptfigur Newton), Katharina Klar (Mädchen) und Christoph Rothenbuchner (Valentine) teilten erste Überlegungen zu ihren Figuren mit dem Publikum und präsentierten ihre Solo-Songs „Lazarus“, „Life on Mars?“ und „Dirty Boys“, am Klavier begleitet von Ryan Thomas Carpenter.

„Ich bin ein riesiger David-Bowie-Fan, sein musikalisches Vermächtnis zu inszenieren ist mir eine große Ehre“, schwärmt Regisseur Miloš Lolić von seiner Aufgabe. „Deswegen habe ich mich überhaupt entschlossen, zum ersten Mal in meinem Leben ein Musical zu inszenieren.“

Neben dem elfköpfigen Ensemble stehen acht Live-Musiker auf der Bühne: Gemeinsam verbinden sie die lose an den Film „The Man Who Fell To Earth“ von 1976 anknüpfende Spielhandlung mit 17 fantastischen David-Bowie-Songs aus vier Jahrzehnten zu einem außergewöhnlichen Theaterabend. Neben bekannten Hits des mutigsten aller Rockstars finden sich auch einige eigens komponierte Stücke und unbekanntere experimentelle Rocksongs in „Lazarus“.

Günter Franzmeier. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Christoph Rothenbuchner, Katharina Klar und Günter Franzmeier. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

„Der besondere Reiz an der musikalischen Arbeit mit den Schauspielerinnen und Schauspielern ist die Annäherung an die Musik Bowies aus ihrer Rolle im Stück heraus: So imitieren wir nicht den Gesang oder die Gestik Bowies, sondern finden einen theatralen Zugang zum Œuvre von David Robert Jones“, so der musikalische Leiter Bernhard Neumaier.

Volkstheater-Intendantin Anna Badora: „Wir alle am Haus freuen uns, dass wir dieses beeindruckende Musical, das auf der ganzen Welt große Erfolge feiert, als Österreichische Erstaufführung zeigen dürfen. Insbesondere können wir der Stadt mit diesem Musical unser talentiertes Ensemble von einer zusätzlichen Seite präsentieren. Es war der ausdrückliche Wunsch des Verlags, dass „Lazarus“ an einem Schauspielhaus und nicht an einem Musiktheater aufgeführt wird. Und mit Miloš Lolić haben wir einen Regisseur gefunden, der große Musikalität und einen guten Regiezugriff auf moderne Texte hat.“

www.volkstheater.at

27. 3. 2018

Leopold Museum: Egon Schiele. Die Jubiläumsschau

Februar 22, 2018 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Im Vergleich mit Günter Brus und Thomas Palme

Egon Schiele, Sitzender Männerakt (Selbstdarstellung), 1910 © Leopold Museum, Wien. Bild: Leopold Museum, Wien

Im Jahr 2018, ab 23. Februar, 100 Jahre nach seinem Tod, ist dem zentralen Künstler aus der Sammlung des Leopold Museum, Egon Schiele, eine besondere Ausstellung gewidmet: einzigartig durch die Kombination von Gemälden, Papierarbeiten und zahlreichen Archivalien präsentiert die Ausstellung die wichtigsten Themen im Schaffen des Künstlers: zunächst sein selbstbewusstes Heraustreten aus der Tradition und seine Findung als Ausdruckskünstler, in der Folge Motivgruppen wie die ambivalente Figur der Mutter oder die Tabubrüche in Form der Darstellung junger Mädchen und Buben, des weiteren Themen wie Spiritualität und Verwandlung, seine enigmatischen Häuser und Landschaften oder etwa seine spannungsvoll komplexe Analyse in seinen Porträtdarstellungen.

Die Gewichtung der Ausstellung ergibt sich aus jener der Sammlungen Leopold, die Kunstgeschichte schrieben: bei den Ölbildern wie den Papierarbeiten liegt der Schwerpunkt auf den expressionistischen Jahren 1910–1914, wobei die Blätter zu je einem Drittel den Selbstdarstellungen, den Porträts und Akten der Mädchen und schließlich jenen erwachsener Frauen gewidmet sind. Demgegenüber umfassen die Gemälde die genannten Themen. Neben dem umfassenden Sammlungsbestand, deren Papierarbeiten aus restauratorischen Gründen in drei Durchläufen gezeigt werden, sind einzelne herausragende Schiele-Werke von internationalen Sammlungen als „noble Gäste“ in die Jubiläumsausstellung integriert.

Günter Brus, Aktionszeichnung, 1966 © Privatsammlung. Bild: N. Lackner/UMJ

Thomas Palme, No Text, 2014 © Neue Galerie Graz, Universalmuseum Joanneum. Bild: N. Lackner/UMJ

Am 3. März folgt dies Schau „Schiele – Brus – Palme“. Egon Schiele, Günter Brus (geboren 1938) und Thomas Palme (geboren 1967) – Enfant terribles ihrer jeweiligen Generation – erweiterten mit ihren Arbeiten den herkömmlichen Kunstbegriff. Schieles schonungslose Beschäftigung mit dem Individuum, mit dem Selbst, war der notwendig verstörende Auftakt für das von zwei Weltkriegen erschütterte 20. Jahrhundert. In den 1960er-Jahren nimmt Günter Brus den Körper als Kapital für die Kunst wieder auf und radikalisiert Schieles Analyse des Ichs, indem er bald Papier und Leinwand verlässt und sich wortwörtlich einer Zerreißprobe stellt. Eine Generation später ist es Thomas Palme, der das Erbe von Schiele und Brus in seinen Grafiken weiterführt, indem er jene zitiert, weiterdenkt oder ihnen antwortet. In der Ausstellung entsteht ein fiktiver – zwischen Brus und Palme auch direkter – Dialog, der zeitliche, räumliche und gesellschaftliche Grenzen bei aller existentialistischen Pein oft auch spielerisch hinter sich lässt.

www.leopoldmuseum.org

22. 2. 2018

Belvedere 21: Günter Brus. Unruhe nach dem Sturm

Januar 31, 2018 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Umfassende Retrospektive zum 80. Geburtstag

Günter Brus: Portfolio Ana IV, 1964/2004. Bild: Khasaq (Siegfried Klein), © Belvedere, Wien mit Anna Brus

Anlässlich seines 80. Geburtstags würdigt das Belvedere 21 ab 2. Februar das Gesamtwerk von Günter Brus mit einer umfassenden Retrospektive. „Passend zum Jahresmotto ‚Spirit of ’68‘, das 2018 als Klammer für die gesamten Aktivitäten des Hauses fungiert, wird mit dieser Ausstellung Günter Brus als großer Kunstrebell der 1960er-Jahre gewürdigt. Fünfzig Jahre nach der radikalen Aktion ,Kunst und Revolution‘ zeigen wir, dass Brus nie aufgehört hat sich weiterzuentwickeln“, so Generaldirektorin Stella Rollig.

Günter Brus gehört heute zu den wesentlichen internationalen künstlerischen Positionen in Österreich. Als Vertreter des Wiener Aktionismus thematisiert der Künstler in den 1960er-Jahren mit eindringlicher Präsenz die physische und psychische Verfasstheit des Menschen und die Ausgesetztheit des Individuums gegenüber gesellschaftlichen Regelwerken. Mit seinem radikalen, körperbezogenen und performativen Werk gelingt es ihm, sich von der „Marke“ Wiener Aktionismus zu lösen und sich als wesentlicher Wegbereiter der internationalen Aktions- und Performancekunst in die Geschichte einzuschreiben. 1970 wendet sich Günter Brus von der Aktionskunst ab und beschäftigt sich zunehmend mit dem Medium Zeichnung, mit „Bild-Dichtungen“ und Theaterarbeiten.

Ein Anliegen dieser Schau ist die umfassende Präsentation der ausgewählten Serien. Neben den bekannten Aktionsfotos, ergänzt um bisher kaum gezeigtes Material, werden Brus’ serielle Zeichnungen und „Bild-Dichtungen“, darunter der 160-teilige Zyklus „Leuchtstoffpoesie und Zeichenchirurgie“, in ihrer Gesamtheit gezeigt. Insgesamt sind rund 120 Werkzyklen und Werke mit mehr als 700 Einzelobjekten in der Ausstellung zu sehen, darunter Filme und bisher unbekannte Werkserien. „Die Ausstellung  wirft einen Blick auf das gesamte Œuvre des Künstlers und macht Zusammenhänge sichtbar. So sind die Theaterprojekte, die Zeichnungszyklen und die Künstlerbücher genauso wie die frühe gestische Malerei und die bekannten Aktionen Indizien für Brus’ radikale Kunstauffassung einer konsequenten Zerstörung des Kunstwerks, genauer gesagt seiner traditionellen Gestalt als Tafelmalerei“, erläutert Kurator Harald Krejci.

Günter Brus, Portfolio Ana IV, 1964/2004. Bild: Khasaq (Siegfried Klein), © Belvedere, Wien (Bild: Johannes Stoll) mit Anna Brus

Günter Brus, Portfolio Ana IV, 1964/2004. Bild: Khasaq (Siegfried Klein), © Belvedere, Wien (Bild: Johannes Stoll) mit Anna Brus

Die Retrospektive öffnet sechs Themenfelder: Malerei im erweiterten Feld, Günter und Anna Brus, Bild und Narration, Kollaborationen, Theater und Psyche sowie die Berliner Zeit. Einen besonderen Fokus legt die Ausstellung auf Günter Brus’ Zusammenarbeit mit seiner Frau Anna, der Namensgeberin seiner ersten Performance. Aufgezeigt wird Anna Brus’ Anteil an der Erarbeitung der Aktionen. Anders als seine Mitstreiter Mühl oder Nitsch, die in ihren Arbeiten und im Umgang mit ihren Modellen dem Machismus verhaftet waren, hat Günter Brus immer mit seiner Frau kooperiert. Anna Brus sicherte den Lebensunterhalt für ihre Familie und wirkte in ihrer Freizeit bei Aktionen mit – ein Familienmodell, das in den frühen 1970er-Jahren sehr unüblich war. Inwieweit diese Form der Partnerschaft eine bewusste Entscheidung mit emanzipativer Grundhaltung war, bleibt offen. Fakt ist, dass Günter Brus Geschlechterrollen in seinem Werk immer wieder aufgreift und damit stereotype Zu schreibungen und Rollenbilder hinterfragt.

www.belvedere.at

1. 2. 2018

Theater in der Josefstadt: Maria Stuart

Januar 7, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Reclamheft hätte man mitbringen sollen

Elisabeth Rath und Sandra Cervik. Bild: Moritz Schell

Vorsicht, hier wird Theater gespielt! Auf diesen Punkt bringt es Regisseur Günter Krämer von Beginn seiner „Maria Stuart“-Inszenierung an der Josefstadt. Lautsprecherdurchsagen von der Abendregie, noch wird auf der Bühne Staub gesaugt, da tritt sie auf, die Diva, memoriert ihren Text, muss im Reclamheft nachlesen. Minuten später, mit weiß geschminktem Gesicht, wird sie Königin Elisabeth sein. Eine unerbittliche Herrscherin.

„Das ist neu“, flüstert jemand im Publikum. Und tatsächlich muss man sich in dieser Aufführung an vieles Neue gewöhnen. Manches erschließt sich, doch ebenso vieles nicht. Krämer hat sich von Schiller weitgehend gelöst, leider auch von dessen Sprache. Zwar versteht er „Maria Stuart“ sehr schön als Kammerspiel, macht daraus einen Kraftakt für eine Handvoll großartiger Schauspieler, zeigt eine durchgestylte, durchchoreografierte Arbeit, in der jede Geste sitzt – doch Motivationen? Nebbich! Wer was warum tut, geht in der würzigen Kürze unter. Vor allem die Handlungen der Herren erschließen sich nicht.

Hätte man ein Reclamheft mitbringen sollen? Krämer verzichtet auf den einleitenden ersten Akt, verzichtet auf alle guten Geister rund um Maria, die den Finsterlingen am Londoner Hof Widerpart zu geben bereit sind. Er beschränkt sich auf Leicester, Davison, Mortimer und den französischen Gesandten. Die Stuart tritt mit einer halben Stunde Verspätung auf, und zwar mit jenem Monolog aus Goethes „Iphigenie“, in dem sie das Land der Griechen mit der Seele sucht. Ein typischer Fall von „originell“ statt Original … Krämer verschiebt ganze Textpassagen, oktroyiert sie anderen Figuren auf, dichtet auch noch dazu.

Immerhin: Mit Sandra Cervik als Elisabeth und Tonio Arango als Leichester steht ihm ein erprobt großartiges Bühnenpaar zur Seite. Die Strippenzieherin und der Puppenspieler. Sie, Beherrscherin der in ihre Intrigen verstrickten Militärs, er, Politiker und Opportunist. Zu deren exaltiertem Tonfall, Cervik wird über Strecken zum Grimassenschneiden bis zur Knallchargigkeit verdammt, findet Elisabeth Rath als schottische Königin, als „die Fremde“, einen gänzlich anderen Klang. Angesiedelt zwischen fröhlicher Verzweiflung und einem Hauch Wahnsinn bietet sie ihre Sätze an, und immer hat man im Hinterkopf, dass dieser fabelhaften Schauspielerin bei mehr Anleitung mehr möglich gewesen wäre.

Sandra Cervik mit Tonio Arango. Bild: Moritz Schell

Am Höhepunkt der Aufführung treffen die beiden aufeinander, eine Wildsau blutet aus, Elisabeth kommt von der Jagd mit Armbrust und Schießbrille. Maria wird eine Gipsmaske zerbrechen, als sie von der endlich vorgesehenen Vollstreckung des Todesurteils erfährt. Was noch? Papierflieger. Sie verkünden Leichesters Flucht nach Frankreich. Roman Schmelzer als Davison ist ein sturschädeliger Uniformträger, Raphael von Bargen als Mortimer alles andere als ein hitzköpfiger Liebender und gänzlich charmebefreit, Florian Carove bleibt als Graf Aubespine blass. Der Applaus war enden wollend.

Video: www.youtube.com/watch?v=MF0F9LXWAlk

www.josefstadt.org

  1. 1. 2018

Volx/Margareten: Heimwärts

Januar 6, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Mit Vollgas durch die tragikomische Groteske

Unter der Fuchtel des tückisch-türkischen Beamten: Günther Wiederschwinger, Kaspar Locher, Sebastian Pass, Isabella Knöll, Günter Franzmeier, Oktay Güneş. Bild: © Alexi Pelekanos / Volkstheater

Die Geschichte ist so abenteuerlich absurd, dass sie so ähnlich passiert sein muss. Und das ist sie auch. Mit einem Onkel von Autor Ibrahim Amir. Zwei knappe Wochen, bevor im Werk X die vom Volkstheater aufgegebene Wien-Premiere von „Homohalal“ stattfinden wird, zeigt das Haus im Volx/Margareten dessen Stück „Heimwärts“. Darin macht sich eine Gruppe Menschen auf, den todkranken Hussein von Wien zurück nach Aleppo zu bringen.

Mehr als 40 Jahre hat der in Österreich gelebt, ist längst Staatsbürger, doch will er umgeben von seiner Familie in der Heimat beerdigt werden. Allein, Hussein stirbt schon unterwegs. Ausgerechnet in der Transitzone in der Türkei. Und so beginnt ein steiniger Behördenweg um die Ausstellung eines Totenscheins, der die Weiterreise mit der Leiche ermöglicht, um den letzten Wunsch des Onkels zu erfüllen …

Die junge deutschtürkische Regisseurin Pinar Karabulut legt mit dieser Inszenierung ihre erste Arbeit in Österreich vor. Sie überdreht Amirs tragikomische Groteske, dreht am Rad bis zum Anschlag. Alles ist bunt, laut und schrill, das verwischt nicht wenig Amirs Zwischentöne, überplärrt seine melancholische Baseline, mit der er die Begriffe Herkunft, Heimat und die aus beiden resultierende Identität durchdekliniert. Denn diese sind, ja diese bedeuten für alle Figuren im Stück etwas anderes.

Gemäß dem Stefan-Zweig’schen Satz, der Migrant hätte keine neue Heimat gefunden, sondern nur seine alte verloren, fühlen sich Hussein und sein – wie früher auch der Autor Medizin studierender – Neffe Khaled. Es ist einer der traurigsten und poetischsten Sätze, wenn Hussein über Wien und die Wiener sagt: „Ich kam nie dem Gefühl nah, auf Deutsch geliebt zu werden.“

Der die beiden begleitende Arzt Osman wiederum ist gebürtiger Türke und in extremem Zwiespalt zwischen seinen Gefühlen um seine türkische Identität und der Politik in seiner Heimat. Die Krankenschwester Simone ist eine Transgender-Person und definiert ihr Ichbewusstsein über ihr tatsächliches Geschlecht, ein Twist, den das Stück nicht wirklich auch noch gebraucht hätte. Und schließlich sind da ein Hitler gutheißender Grenzer und sein höherer Beamter Bekir, Gastarbeiterkind und Türkeirückkehrer und als solcher nicht ernst genommen und ergo ein besonders radikaler Verfechter des Türkentums …

Selfie mit Leiche: Günter Franzmeier und Oktay Güneş. Bild: © Alexi Pelekanos / Volkstheater

Khaled argumentiert um sein Leben: Günter Franzmeier und Kaspar Locher. Bild: © Alexi Pelekanos / Volkstheater

Für dieses Roadmovietheater hat Aleksandra Pavlović einen plüschroten Mix aus zu überwindendem Berg, Bürokratenthron und verwachsenem Auto erdacht, dazu eine Moscheenuhr, auf der die Zeit(en) immer wieder neu zu stellen ist beziehungsweise sind. Die überzeichneten Charaktere agieren mit ebensolcher Mimik und Gestik, so dass mitunter weniger Vollgas mehr gewesen wäre (was auch auf die Kostüme zutrifft).

Einzig Günter Franzmeier bleibt bei sich und macht aus Hussein eine Art Nathan den Weisen II. Dass die Figur nicht versteht, dass sie verstorben ist, sondern sich immer erneut ins Geschehen um sie einmischen will, macht wohl den Reiz der Rolle aus. In Rückblenden erzählt dieser Hussein sein Leben, dabei auch der schönste, einzig stille Moment der Aufführung, als er von seiner flüchtigen Liebe zur Polin Annamaria berichtet, er dem Faschismus Syriens, sie dem Kommunismus entkommen. Eine Liebe ohne Happy End, denn: „Wie sollen gebrochene Menschen in einer gebrochenen Sprache übers Gebrochensein reden?“

Übertitel, auf die das Volkstheater so stolz ist, gab es diesmal keine. So erfährt man in den langen, auf Türkisch gesprochenen Passagen das „Fremdsein“ aus erster Hand. Ein gewollter Effekt und die Ahnung, dass etwas Lustiges abläuft, wenn das kundige Publikum rundum auflacht. Nur manche Szenen werden auf Deutsch wiederholt.

Klar wird die Truppe für Politaktivisten, und da Hussein und Khaled Kurden sind, auch noch für Terroristen gehalten. Kaspar Locher als Khaled und Günther Wiederschwinger als Osman spielen daher die meiste Zeit knapp am Rande des Nervenzusammenbruchs. Isabella Knöll ist als anpassungswillige Simone schön peinlich. Ein Kabinettstück als tückisch-türkische Beamte versuchen Oktay Güneş und Sebastian Pass als Bekir.

Am Ende kommt der Putschversuch gegen Erdogan und mit ihm das Chaos. Ein entwurzelter Toter hält die vaterländische Rede an das Volk und Heimat hat plötzlich mit Ehre, Treue und Glauben zu tun. Und einmal mehr verwundert, dass die, die mit den selben Schlagworten um sich schlagen, jene sind, die sich am wenigsten leiden können …

Isabella Knöll im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=27780

www.volkstheater.at

  1. 1. 2017