Werk X-Petersplatz: Carrying A Gun

Januar 28, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Radikales Gedicht mit rabiaten E-Gitarren

Sound trifft Sprache: Eva Lakits, Katharina Weinkamer, Julia Gradl, Chili Tomasson, im Hintergrund: Tim Luger und Luk Kofler. Bild: © Alexander Gotter

Die Beschwerde gleich zu Beginn: Die Performance der Band kommt zu kurz. Viel länger noch, als es der 60-minütige Abend hergibt, hätte man Chili Tomasson and the Cinema Electric zuhören wollen, versteht es die Post-Prog-Formation doch auch diesmal mit ihren zwischen wuchtigem Gitarrensound und filigran lyrischem Zwischenspiel changierenden Tonstücken zu begeistern. Die Kompositionen sind wie stets anspruchsvoll, die Arrangements aufs Feinste durchdacht.

Die Musik ist für sich schon ein großes Ganzes. Doch weil eben Lyrik ein dominantes Element ihrer Auftritte ist, hat Chili Tomasson seine Klang-Art um drei Sprechpositionen erweitert. „Carrying A Gun“ heißt die so entstandene Aufführung, die im Werk X-Petersplatz ihre Wien-Premiere hatte. Clara Schulze-Wegener, Eva Lakits und Maria Sendlhofer teilen unter sich ein Gedicht, besser: eine in ihrer Radikalität bemerkenswerte Gedankenfolge, die um die Definitionsmacht Sprache und das Wort als Waffe kreist. Aus Sicht der Sprecherinnen werden patriarchale Gesellschaftsstrukturen und tradierte Normen auf ihre Ungültigkeit untersucht, wird der Wille zum Widerstand gegen diese verhandelt. Und weil jede Frage die Antwort auf sie einschränkt, oder so, wie Meinung keine Haltung und Ungleichheit nicht gleich Unterschiedlichkeit ist, geben sich die drei nie mit nur einer Lösung zufrieden.

Julia Gradl, Chili Tomasson, Katharina Weinkamer und Tim Luger. Bild: © Alexander Gotter

Maria Sendlhofer ist eine der drei Sprecherinnen. Bild: © Alexander Gotter

Während derart Begrifflichkeiten überprüft werden (etwa: im Vergleich Macht vs Ohnmacht, ist zweitere die deutlich präzisere Benennung), entfaltet der Sound von Chili Tomasson and the Cinema Electric einen suggestiven Sog. Der in seiner Wirkung an Queensrÿche’s „Operation: Mindcrime“ heranreicht. Rabiate, eindringliche Riffs, ein Schlagzeug, das die Band gekonnt vor sich hertreibt, eine elektrische Orgel bestreitet das Poetische – und über allem schwebt die Stimme eines Saxophons. Wie gesagt, 60 Minuten sind …

werk-x.at          chilitomasson.wixsite.com/chili-tomasson

  1. 1. 2019

Jennifer Clement: Gun Love

Oktober 13, 2018 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Währung des White Trash ist die Waffe

„Meine Mutter war eine Tasse Zucker. Man konnte sie jederzeit ausleihen.“ Mit diesen Sätzen beginnt Pearl ihre noch kurze Geschichte. Das ist stark und macht die Verhältnisse sofort klar. 14 Jahre ist die Ich-Erzählerin alt. Sie lebt in einem Auto auf dem Besucherparkplatz vor dem Indian Water Trailerpark in Florida, in einem Dreieck zwischen zwei Highways und einer giftigen Mülldeponie, dahinter ein von Alligatoren verseuchter Fluss. Auf die Tiere werden Schießübungen veranstalten. Auf Bäume auch. Manchmal auf die Polizei. „Das Leben war wie ein Schuh am falschen Fuß“, sagt Pearl. „Meine Mutter sagte, … meine Mutter hatte recht …“, diese Form der indirekten Rede ist Pearls bevorzugte Distanz zu den Geschehnissen, die in den nächsten 250 Seiten auf den Leser zukommen.

US-Autorin Jennifer Clement hat mit „Gun Love“ einen unvergleichlichen Roman über die amerikanische Armut geschrieben, über Menschen, die, seit Trump in den Vereinigten Staaten das Sagen hat, sogar wissenschaftlich als White Trash bezeichnet werden. Eine Unterschicht, über die Hillary Clinton im Wahlkampf meinte, „sie klammern sich an Schusswaffen oder an die Religion oder an Antipathien gegenüber Leuten, die nicht so sind wie sie“. Was sie später öffentlich bedauerte.

Clement lässt sich Zeit, bis sie zur Waffe greift. Erst berichtet sie, dass auch, wer offiziell als obdachlos gilt, sich in ein beinah glückliches Dasein tagträumen kann. Pearl nennt das ein „Ein-Dollar-Leben“ voller „Geburtstagskerzen-Wünsche“. Die Mutter, Margot, begüterte, aber brutale Herkunft, als Teenager vom verheirateten Klavierlehrer geschwängert, ergo Ausreißerin aus dem gefühlskalten Elternhaus, einzige aktuelle Sorge, die Angst vor dem Jugendamt, hat viele Weisheiten für Pearl parat. Sie durchschaut andere. Im Wortsinn. Also: esoterisch angehaucht. Nur einen nicht, aber dazu kommt Clement später. Erst erfährt man, wie man einen Wagen zur Wohnstatt macht, mit Büchern auf dem Armaturenbrett, der Kleidung in Einkaufssackerln und den Waschsachen im Handschuhfach. „Da meine Mutter mir die Welt übersetzte, wusste ich, dass die Menschen Geheimnisse und kaputte Knochen und verletzende Worte mit sich herumtrugen, die man mit Seife nicht wegwaschen konnte“, sagt Pearl.

Clements Story ist wie ein K.O.-Schlag, doch die Sprache, in die sie sie taucht, ist so beseelt poetisch, Worte so watteweich, dass Pearls und Margots absonderlicher Alltag etwas Anmutiges bekommt. Wie Margot im billigen, fliederpastelligen Supermarkt-Spitzennachthemd barfuß zu den Toilettenanlagen tänzelt, wie Pearl auf ihrem Abenteuerspielplatz Müllkippe ein zerbrochenes Thermometer findet und sich an den ständig die Form verändernden Quecksilberkügelchen erfreut. Sie sei „unter einem Gefahrenstern geboren“, sagt Pearl einmal, später: „Ich lebte praktisch in dem Wort ,Gefahr‘, als wäre es eine Adresse.“ Da ahnt man schon, das toxische Flüssigmetall in ihrer Tasche wird nicht die einzige bleiben. Clements Figuren sprechen wie Songtexte. Von Johnny Cash oder Neil Young. Was sie schreibt, ist skurril, wenn’s nicht so schaurig wäre. Ein Nachbarskleinkind hat ein „Waffenausmalbuch“. Man könnte das Ganze für ein Klischee halten.

Die anderen Anrainer, allesamt Wohnmobilbewohner, sind Sergeant Bob, der einbeinige Afghanistan-Veteran mit „In God we Trust“-Tattoo, samt Familie, Tochter April May Pearls beste Freundin; ein Mutter-Tochter-Gespann, Mrs. Roberta Young und Noelle, erstere eine durch die Arztrechnungen für ihr geistig behindertes Kind arm gewordene, pensionierte Lehrerin, samt Noelles Barbiepuppensammlung und ihren Glückskeckssprüchen; Pastor Rex, der für Gott Waffen kauft, „und so gewöhnten wir uns daran, dass fremde Männer mit einem Gewehr über der Schulter oder einer Pistole in der Hand durch das Eingangstor schlenderten“; und das freundlich-unnahbare Paar Ray und Corazón.

Und dann Eli. Ein alter Freund des Pastors aus Texas. Ein gefallener Mann, sagt der, keiner, der auch die andere Wange hinhält, sagt die Mutter, plötzlich ein Wild, das sich von Eli sofort erlegen lässt. „Salz trifft Wunde“, sagt Pearl. Der Fremde ändert alles, Pearls Welt gerät ins Wanken. „Zwei Wochen später hatten wir eine Waffe im Auto.“ Allmählich wird klar, wer im Trailerpark alles auf diese harte Währung setzt. Pearl findet in einem verlassenen Wohnwagen ein Waffenlager, schwarze Ware, die nach Mexiko geschmuggelt wird. So idyllisch ruhig der Roman beginnt, so rasant nimmt er jetzt Fahrt auf, eine, die für Pearl tatsächlich zum – unfreiwilligen – Roadtrip durch die Südstaaten wird. Immer weiter wird sie von dem ihr bekannten Kosmos wegkatapuliert.

Keiner ist mehr, wer er scheint, die Männer sind Bedrohung. Von „Polizistenmord. Bewaffneter Raubüberfall. Identitätsmissbrauch“, ist auf einmal die Rede. Pearl gerät in einen Gewaltstrudel, aus dem sie nicht ausbrechen kann. Das Mädchen, das nicht einmal eine Geburtsurkunde besitzt, weiß nicht wie und wohin. Und auch sie bewaffnet sich. Die Mutter wird getötet, Pearl wird töten. Beides steht nicht im „Lebensbuch des Lamms“. Leben wird Überleben, und Pearl wird nicht aus diesem Umstand ausbrechen können. Am Ende ist sie wieder in einem Auto, versteckt zwischen Gewehren und Pistolen. „In meinem Tagtraum lag ich zwischen Skeletten, die Waffenteile waren lange Oberschenkelknochen und Rippen und kurze Ellen, wie ich sie von Röntgenbildern kannte, Röntgenbilder von zerbrochenen Knochen, ich roch Schießpulver und vielleicht auch Rost und Blut und Blut und Rost.“ Der Rest bleibt offen.

Jennifer Clements „Gun Love“ pflügt mitten durchs Herz. Sie lässt einen atemlos zurück, diese Geschichte über Liebe, Hass und Einsamkeit. Und den Irrsinn, den der Zweite Zusatzartikel der US-Verfassung über den Alltag von Menschen bringt: das Recht auf Besitz und Tragen von Waffen. Dabei ist dieses Buch mehr als das literarische Stimmungsbild einer Nation. Auch in Österreich gibt es mittlerweile mehr als eine Million registrierter Schusswaffen in Privatbesitz. Inklusive der illegalen sollen es doppelt so viele sein.

Über die Autorin: Jennifer Clement, 1960 in Connecticut geboren, wuchs in Mexiko-Stadt auf, studierte in New York und Paris Literaturwissenschaft und hat Lyrik und vier Romane veröffentlicht. Als Präsidentin des P.E.N. International kämpft sie im Namen von Autoren weltweit für das Recht auf freie Meinungsäußerung. „Gebete für die Vermissten“, ihr Roman über die Schicksale gestohlener Mädchen in Mexiko, war ein internationaler Erfolg.

Suhrkamp Verlag, Jennifer Clement: „Gun Love“, Roman, 251 Seiten. Übersetzt aus dem amerikanischen Englisch von Nicolai von Schweder-Schreiner.

www.suhrkamp.de

  1. 10. 2018