Volksoper: Kiss me, Kate

September 4, 2020 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Shakespeare wie er swingt und lacht

Peter Lesiak, Juliette Khalil, Martin Bermoser, Ursula Pfitzner, Andreas Lichtenberger, Wolfgang Gratschmaier, Oliver Liebl und Sulie Girardi. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

„Premierenfieber ist ein Gefühl“, das kann man dieser Tage laut sagen, scharren doch sowohl Künstlerinnen und Künstler als auch ihr Publikum in den Startlöchern zur neuen Saison. Endlich wieder Theater! Und die Volksoper begann dieses vor der ersten Premiere, „Sweet Charity“ am 13. September, mit der Wiederaufnahme ihres Klassikers „Kiss me, Kate“ in der schnittigen Inszenierung von Bernd Mottl aus dem Jahr 2012 – und mit allerhand Rollendebütanten.

Shakespeare wie er swingt und lacht, möchte man den Abend übertiteln, auch wenn Mezzosopranistin Sulie Girardi als Garderobiere Hattie das „Premierenfieber“ einmal mehr in wundersam schönen Operntönen erklingen lässt, und damit das Screwball-Musical in Gang setzt, eine Aufführung, die rundum ausschließlich Erfreuliches zu bieten hat. Fred-Graham-Urgestein Andreas Lichtenberger duelliert sich diesmal mit Ursula Pfitzner als Lilli Vanessi, die beiden Rosenkrieger par excellence.

Und wenn Lilli ihren Quasi-Verlobten Harrison Howell zu Hilfe ruft, der aber nicht kann, weil’s in Baltimore #blacklivesmatter-Unruhen gibt, weshalb der Präsident das nunmehrige Notstandsgebiet als Sicherheitsrisiko für Leib und Leben einstuft, dann ist dieses Käthchen definitiv im Jahr 2020 angekommen. Von Newcomern bis alten Hasen ist diese Produktion gesanglich und schauspielerisch vom Feinsten, Dirigent Guido Mancusi hat das richtige Händchen für die Cole-Porter-Hits, die Choreografie ist schwungvoll, der Volksopernchor sowieso.

Ursula Pfitzner und Andreas Lichtenberger. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Ursula Pfitzner. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Ursula Pfitzner und Andreas Lichtenberger. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Besagter Fred Graham also ist Produzent und Regisseur eines „Der Widerspenstigen Zähmung“-Projekts, in dem er die Rolle des Petruchio mit sich selbst besetzte, für die Rolle der Kate aber seine Ex-Frau Lilly engagierte. Obwohl es zwischen ihnen nach wie vor knistert, sind die beiden stückkonform auf Krawall gebürstet, Liebe und Hiebe auf und hinter der Bühne – das ergibt eine tollkühne Parodie aufs Showbusiness, großartig, wenn Fred bedauert, eine „Musicalhupfdohle“ für einen Shakespearedarsteller gehalten zu haben, und Bernd Mottl erweiterte den Spaß um eine Schmierentheater-Satire, in der statt des britischen Barden das Chaos herrscht.

Freds kreischbuntes Bauklötzchen-Bühnenbild, das verzweifelt italienische Renaissance imitiert, und die grellen Kostüme mit der unübersehbaren Herrenausstattung verdeutlichen, dass hier nicht die erste Liga spielt – siehe der mittelschwer überkandidelte Fred Graham, der selbsternannt „ernsthafte Mime“, den Andreas Lichtenberger zu Outrage-Höchstleistungen bringt.

Wo ein Star, da ein Sternchen, Juliette Khalil gefällt als Freds frech-frivoles Nachtclubliebchen Lois Lane, die er als Bianca einsetzt, die ihrerseits aber mit dem Bill Calhoun aka Lucentio des Peter Lesiak kokettiert. Was sie zwar prinzipiell mit jedem tut. Ursula Pfitzners brillant bissiges „Nur kein Mann“ konterkarieren Khalil und Lesiak mit einem temperamentvollen „Aber treu bin ich nur dir Schatz auf meine Weise“ – und apropos Bill Calhoun: Da der es geschafft hat, den Schuldschein für seine Spielschulden als Fred Graham zu unterschreiben, erwarten diesen bald zwei zwielichtige Gestalten in der Garderobe.

Christian Graf, Andreas Lichtenberger und Jakob Semotan. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Martin Bermoser mit Ensemble und Wiener Staatsballett. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Wolfgang Gratschmaier, Juliette Khalil, Sulie Girardi und Martin Bermoser. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Jeffrey Treganza, Juliette Khalil, Peter Lesiak und Oliver Liebl. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Christian Graf und Jakob Semotan erstmals als Ganovenpaar mit schönstem Jargon, das die Vanessi zwecks Füllen der Theaterkasse daran hindern muss, die Show zu verlassen, was die beiden unter großartigen Kapriolen als „Diener“ auf die Bühne treibt, worauf sie – „Schlag nach bei Shakespeare“, einmal Theaterblut geleckt, nicht mehr zu bremsen sind. Als Laurel und Hardy der Volksoper fliegen ihnen die Herzen der Zuschauer nur so zu, dies deutlich zu merken am Szenen- wie Schlussapplaus. Auch ihnen ist mit dem „Nicht die Waffe tötet Menschen …“-Zitat Tagesaktuelles in den Mund gelegt.

Martin Bermoser singt und tanzt als Garderobier Paul ein sehr laszives „Viel zu heiß“. Thomas Sigwald ist nicht wie weiland Kurt Schreibmayer ein würdig-eleganter Harrison Howell, sondern hat als Geschäftsmann mit bester Vernetzung zum Weißen Haus etwas Mafiöses an sich. Wolfgang Gratschmaiers Harry Trevor muss sich als Baptista herrlich komisch mit seinen beiden ungleichen Töchtern plagen. Oliver Liebl und Jeffrey Treganza als Bianca-Verehrer Gremio und Hortensio sowie Georg Wacks als überforderter Inspizient Ralph runden den fabelhaften Cast ab.

Bernd Mottls „Kiss me, Kate“ ist alles andere als ein Nostalgieabend, vielmehr von einer Rasanz und Souveränität, die auch diese 48. Vorstellung hell strahlen lässt. In der Zähmung der Widerspenstigen folgt er dem Weg den Elizabeth Taylor und Richard Burton vorbereitet haben, Lillys Kate ironisiert ihre Unterwerfung auf schmerzhafte Weise, indem sie dem Macho mit ihren High Heels zu Boden ringt … Dafür viel Jubel und Beifallklatschen!

www.volksoper.at

  1. 9. 2020

Ein Ärzteroman-Lesemarathon aus den Homeoffices

April 16, 2020 in Tipps

VON MICHAELA MOTINGER

Kabarettisten fordern „Noch eine Chance für Bettina“

Bild: © Ronny Tekal

Nach der virtuellen Lesung von Albert Camus‘ „Die Pest“ mit den Rabenhof-Allstars (siehe: www.mottingers-meinung.at/?p=39026) folgt nun ein weiterer Klassiker der Weltliteratur – der im Jahr 1970 im Bastei-Lübbe-Verlag erschienen ist. Für all jene, denen Camus zu schwer und die Pest zu schwarz ist, stellt Autorin Gitta von Bergen ihre Protagonistin Bettina ins Zentrum ihres kleinen Romans voll Liebe, Schmerz und – vielleicht– auch einem Happy End. Ronny Tekal und Norbert Peter aka die Medizinkabarettisten Peter&Tekal haben befreundete Kolleginnen und Kollegen zum Vortrag gebeten, und das Line-up der Mitwirkenden kann sich sehen lassen.

Mit dabei sind: Lukas Resetarits, Mike Supancic, Paul Pizzera, Klaus Eckel, Stefan Jürgens, Joesi Prokopetz, Ludwig Müller, Nadja Maleh, Fifi Pissecker, Angelika Niedetzky, Pepi Hopf, Günther Lainer, Werner Brix, Fredi Jirkal, Gerold Rudle, Monica Weinzettl, Sabine Petzl, Tini Kainrath, Omar Sarsam, Dieter Chmelar, Birgit und Nicole Radeschnig, Gerald Fleischhacker, Robert Blöchl von Blözinger, die Gebrüder Moped Martin Strecha und Franz Stanzl, Kernölamazone Caro Athanasiadis, Tricky Niki

Sedlak, Markus Hauptmann, Andy Woerz, Harry Lucas, Clinic-Clown-Gründer Roman Szeliga, Robert Mohor, Markus Richter, Uschi Nocchieri, Patricia Simpson, Norbert Peter, Ronny Tekal und Frau Kratochwill, Lydia Prenner-Kasper, Christoph Fälbl, Anja Kaller, Alex Kröll, Martin Kosch, Stefan Haider, Alexander Sedivy, Barbara Balldini und Guido Tartarotti.

Bild: © Ronny Tekal

Bild: © Ronny Tekal

Zu hören kostenlos ab 17. April, 17 Uhr. Dass sich ein gewisser Humor aus der Schere zwischen vortragender Ernsthaftigkeit und Inhalt ergibt, liegt in der Natur der Sache Groschenroman. Die Einblicke, die ein erster Trailer bietet, sind jedenfalls Weltklasse.

Trailer: youtu.be/6_Wo7STW8bg          Mehr Infos: www.facebook.com/petertekal               www.medizinkabarett.at

16. 4. 2020

Volksoper: König Karotte

November 24, 2019 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Geniestreich mit Gemüse-Coup d’État

Jetzt regiert das Gemüse: Sung-Keun Park als König Karotte mit seinem grimmigen Grünzeuggefolge. Bild: © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Dass jede Ähnlichkeit mit orangegesichtigen Politikern erwünscht und bestimmt nicht zufällig ist, klärt sich spätestens bei den von Marco Di Sapia gesungenen Couplets über Donald und Boris. Dem Casinos-Postenschacher ist selbstverständlich auch eine Strophe gewidmet, so frisch, dass Di Sapia sie von einem aus dem Souffleurkasten gereichten Blatt ablesen muss. Da sind die Lacher auf seiner Seite, ja, es stimmt, jedes Volks hat die Vertreter, die es via Wahl selbst verschuldet, und wieder erinnerlich wird,

dass es in Österreich sogar eine Partei oranger Farbe gibt, die politische Südfrucht, seit ihre Sonne vom Himmel fiel, freilich zu ein paar Früchtchen verschrumpelt. Die nationale Losung jedoch ist längst nicht so passé wie ihr Bündnis. Sie wird von immer neuen Schülern hoch und heilig und mittelmeerfarben gehalten, und honi soit …, wenn Regisseur Matthias Davids den Chor als biersüffelnde Burschenschafter auf die Bühne stellt, damit das Ganze von Anfang an Schmiss hat. Dies Ganze, ein Gesamtkunstwerk ist „König Karotte“, Opéra-bouffe-féerie aus den Federn von Jacques Offenbach und Librettist Victorien Sardou, die Koproduktion mit der Staatsoper Hannover gestern an der Volksoper zur Wiener Premiere gebracht.

Davids hat die Musiktheaterrarität zum 200. Geburtstag des Komponisten als durchgedrehtes Kaleidoskop voll aktueller Anspielungen inszeniert, erstaunlich außerdem, wie wenig Sardous bissige Kommentare zu Populismus, Opportunismus, Machtmissbrauch und dem schnellen Seitenwechsel der Masse an Brisanz verloren haben. Nicht nur die Corps-Geister erscheinen da beinah gegenwärtig, sondern auch Sätze von Di Sapias wendehälsischem Polizeichef Pipertrunck, der in jeder zweiten Szene sein „Ich bin zu euch übergelaufen“ verkündet, aber auch das Kabinett davor warnt: „Ohne uns kippt die Karotte nach links.“

Die Gartenmöhre also. Kommt aus ebendiesem des Regenten Fridolin XXIV., der Blaublüter ein verwöhnter Partyprinz, der sich mit seiner ruinösen Spaßgesellschaft vergnügt, so dass mit dem Hof kein Staat mehr zu machen ist. Fridolins Capricen haben das Reich in den Bankrott getrieben, der verarmte Adelsmann soll daher nach dem Willen seiner Berater mit der begüterten Prinzessin Kunigunde vor den Traualtar treten. Doch noch einer schmiedet Regierungspläne. Der gute Geist Robin will den verschwenderischen Herrscher als Erziehungs- maßnahme vom Thron stürzen, gerade Recht kommt ihm da der Rachedurst der bösen Hexe Kalebasse, die das Problem bei der Wurzel packt – und dieselbe aus ihrer finsteren Unterwelt ans Licht und zum König befördert.

Die Hexe holt die Wurzeln ans Licht: Christian Graf und Sung-Keun Park. Bild: © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Karotte inspiziert sein mittels Zauber erobertes Reich: Sung-Keun Park. Bild: © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Die Verlobte ist zum Feind übergelaufen: Julia Koci und Mirko Roschkowski. Bild: © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Ein Staats-Streich vom Feinsten ist das, wenn das vegetabile Gefolge mitten durch die Zuschauerreihen Richtung Palast stapft, Lauch, Rote Rübe, Radieschen und Zwiebel dabei wahrlich keine Gemüsebeetbrüder, sondern per dunkler Sonnenbrille als sinistre Geheimdienstler ausgewiesen. Mit einem Propagandazauberspruch macht Kalebasse die Einwohner von Krokodyne gefügig – et voilà: Fridolin und Freunde flüchten … Frech und frisch setzen Matthias Davids und Dirigent Guido Mancusi den Offenbach-Sardou’schen, schier uferlosen Ideenreigen um, der vom antiken Pompeji über einen Ameisenstaat bis zu einer Affeninsel, in ein Turmverlies, eine Magierwerkstatt und zu einem Aufstand der Ritterrüstungen führt. Mit Mancusi am Pult mäandern Sänger wie Orchester meisterlich durch den musikalischen Mix aus großen Arien und noch riesigeren Chorsequenzen, Auftrittscouplets, Lautmalerei, Schlagern, sinfonischen Momenten und Schubert-Zitaten.

Hinreißend sind die Grünzeugkostüme von Susanne Hubrich, in denen allen voran Hausdebütant Sung-Keun Park als König Karotte gesanglich wie darstellerisch alles gibt. Der koreanisch-stämmige Buffo-Tenor bewältigt die sehr hohe Partie sozusagen spielend, er lässt nicht nur die Stimme, sondern auch die Körpersprache zwischen Machtwahn und kühlem Kalkül changieren, oder krakeelt in einer Art Pflanz-Kauderwelsch, weil nicht viel im, wer einen Karotten-Kopf hat. Hängen ihm anfangs noch die Stängelblätter aus dem Hosenschlitz, und wieder ist jede Ähnlichkeit mit einem präsidialen Reißverschluss …, wird er die Rübe am Ende ohnedies einziehen müssen.

Mirko Roschkowski ist ein fabelhafter Fridolin, der als berufsjugendlicher Genusssüchtler mal am Megajoint, mal an der Hopfenkaltschale nuckelt, der seinen mal weich fließenden, mal strahlenden Spinto schön zur Geltung zu bringen weiß – und darüber hinaus ein grandioses Talent für verzweifelte Komik besitzt. Ihm in nichts nach steht Juli Koci, die die Prinzessin Kunigunde zum burschikosen It-Girl macht, das seine sexy Vorzüge zu seinem Vorteil einzusetzen weiß, bevor sie im Wortsinn von der Karotte verzaubert ist, und deren Pfahlwurzel, als wär’s ein Phallus, liebkost. Große Klasse, wie Kocis Temperament über weite Strecken die Aufführung dominiert! Besonderen Publikumszuspruchs durfte sich Amira Elmadfa erfreuen, die als guter Geist Robin in Windeseile durch den Bühnenparcours turnt, und dabei ihren Mezzo so kraft- wie gefühlvoll klingen lässt.

Partyprinz meets adeliges It-Girl: Julia Koci als Prinzessin Kunigunde und Mirko Roschkowski als Fridolin XXIV. Bild: © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Der Hofstaat steht Kopf: Josef Luftensteiner, Marco Di Sapia, Mirko Roschkowski, Jakob Semotan und Boris Eder. Bild: © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Man sucht Rat bei Zauberer Quiribibi: Christian Graf mit Marco Di Sapia, Johanna Arrouas, Mirko Roschkowski, Amira Elmadfa und Yasushi Hirano. Bild: © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Der Karotte geht allmählich der Saft aus: Sung-Keun Park, Boris Eder, Julia Koci und Franz Suhrada als Kammerherr Psitt. Bild: © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Johanna Arrouas gestaltet mit leichtem, luftigen Sopran das in Fridolin verliebte, von Kalebasse eingekerkerte Burgfräulein Rosée-du-Soir als herzgewinnende Optimistin, und eine drollige Pointe ist, wie sie ihre Koloraturarie à la Olympia vorträgt. Christian Graf glänzt einmal mehr als Drag Queen, als maliziöse Hexe Kalebasse, die ihr Busensausen mittels Zauberstab up-pusht, und als sich in seine Bestandteile zerlegender Zauberer Quiribibi – die Szenen mit Graf wie stets komödiantische Kabinettstücke, etwa, wenn er das Gemüse mit ausladender Geste aus der Erde dirigiert und die Pflanzenzombies so zu ihren ersten Schritten auf dieser einlädt.

Zu Marco Di Sapias großartigem Pipertrunck gesellen sich als Hofnarren-Quartett: Boris Eder als geckenhafter, dem Geld nachjammernder Schatzmeister Baron Koffre, Jakob Semotan als kriegsversehrter Schlachtenminister Marschall Track, Josef Luftensteiner als furchtsamer Geheimrat Graf Schopp – und Yasushi Hirano als Schwarzmagier Truck, wobei dessen Bassbariton im Gesprochenen – Achtung: Running Gag – auf Japanisch erdröht. „König Karotte“ an der Volksoper erweist sich als Geniestreich mit Gemüse-Coup d’État; das Ensemble erfreut, abgesehen von der sängerischen Brillanz, mit seiner überbordenden Spielfreude.

Ein kurzweiliger, dreistündiger Abend, bei dem Politsatire und absurder Witz perfekt ineinandergreifen, der aber, quietschbunt und fröhlich, wie er ist, auch für die jüngsten Volksoperngeher gut funktionieren wird. Zum Schluss wird, als das Gelbwesten-Volk endlich aufbegehrt, der seit einiger Zeit vor sich hinwelkende Wurzelschrat zurück ins Beet verbannt – eine Utopie, wie zu wünschen wäre.

Kurzeinführung: www.youtube.com/watch?v=6JEkRSYH2Q0  www.youtube.com/watch?v=JWvcbmMDHBU

Regisseur Matthias Davids und Dirigent Guido Mancusi im Gespräch: www.youtube.com/watch?v=tM9xNxYAZvo

Die Solistinnen und Solisten im Gespräch: www.youtube.com/watch?v=N4tt2i5oq4Q               www.volksoper.at

  1. 11. 2019

Volksoper: Orpheus in der Unterwelt

Juni 3, 2019 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein wahrhaft himmlischer Höllenritt

Angestachelt von Pluto proben die Götter den Aufstand: Vincent Schirrmacher (li.) mit Gernot Kranner als Merkur, Birgid Steinberger als Diana, Elvira Soukop als Minerva, Jakob Semotan als Cupido, Christian Graf als Juno, Martin Winkler als Jupiter, Annely Peebo als Venus, Daniel Ohlenschläger als Mars und Regula Rosin als Öffentliche Meinung. Bild: © Eric Stoklossa

Bei Jacques Offenbach werden die wirklich wichtigen Fragen gestellt, zum Beispiel: Muss man erst tot sein für ein Gläschen Rotwein? Kommt darauf an, gibt’s in der Hölle doch keine Promille- und ergo keine Schamgrenze, während im alkoholfreien Olymp gähnende Langeweile herrscht – neben Göttervater Jupiter, versteht sich. Also auf nach unten, wo Pluto nicht am Rebensaft und die Damen und Herren Teufelchen nicht an nackter Haut sparen. Welch ein Spaß ist diese Wiederaufnahme von „Orpheus in der Unterwelt“ an der Wiener Volksoper.

Anlässlich des 200. Geburtstags des Komponisten holt Hausherr Robert Meyer die Eröffnungspremiere seiner Direktionszeit aus dem Jahr 2007 auf die Bühne zurück, die Inszenierung von Helmut Baumann neu einstudiert von Karin Schnyol-Korbay, am Pult Guido Mancusi, und bis auf Meyer selbst als Hans Styx und Gernot Kranner als Merkur sämtliche Solistinnen und Solisten in Rollendebüts. Das Ergebnis ist ein gut gelaunter Operettenabend, ein wahrhaft himmlischer Höllenritt, mit viel ironischem Wortwitz und etlichen Ibiza-Anspielungen.

Das Ensemble zeigt sich einmal mehr nicht nur gesanglich sattelfest, sondern auch als großartige Komödianten, die mit Schwung und Spaß bei der Sache sind, und gilt es auf hohem Niveau zu mäkeln, dann einzig darum, dass man ein wenig mehr von dem Feuer, das die numinosen Brüder mit Blitz und Donner versprühen, auch das Orchester für die mal tirilierende und gurrende, mal tanzwütige und champagnerprickelnde Partitur hätte entflammen können. Durchaus mehr Einfallsreichtum hätte die Choreografie von Roswitha Stadlmann vertragen, wiewohl es sicher nicht einfach ist, etwas Neues zum Cancan zu erfinden.

Martin Winker als Göttervater Jupiter. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Christian Graf als Juno und Regula Rosin als Öffentliche Meinung. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Robert Meyer als Hans Styx und Rebecca Nelsen als Eurydike. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Carsten Süss als Orpheus mit den kessen Teufelchen. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Die Ouvertüre wird zum Prolog, der erzählt, dass der Fürst der Finsternis eine Ehe als himmlisches Bündnis zu brechen gedenkt, um seine Macht zu demonstrieren. Da hat er beim „drittklassigen Tutti-Spieler“ Orpheus und der ihm überdrüssigen Eurydike nicht viel zu tun, sie verfällt dem vermeintlichen Schäfer – und Exitus. Rebecca Nelsen, mit schönem, höhensicherem, geschmeidig jubilierendem Sopran und Carsten Süss sind fabelhaft als letztlich Spießerpaar zwischen Blumentapeten-Tristesse, er ein sich selbst lorbeerkränzender Künstler, der an seine Geigenschülerinnen grapscht, sie ringend mit sehr viel Sexappeal samt entsprechendem Appetit. Auftritt Vincent Schirrmacher, wie immer auch stimmlich eine Freude, in Rockstarkluft, der die Schöne per Riesenjoint gefügig macht, was er eigentlich gar nicht muss.

Er ist ein charismatischer Unterweltler, und auch seine kuriose Truppe schwarzgeflügelter Untoter, die ihm stets auf den Fersen ist, macht Laune. Und während Süss‘ Orpheus noch den Abgang der Gattin bejubelt, trifft ihn die Öffentliche Meinung wie ein Schlag, Regula Rosin als knallharte Reporterin, die sich auf die Fahnen geschrieben hat, die abendländischen Werte zu verteidigen und folglich und schon gar nicht einem Celebrity ein Lotterleben durchgehen lassen kann. Als Bittsteller machen sich die beiden auf Richtung Olymp, den Mathias Fischer-Dieskau weiland als Luxusspa angelegt hat, in dem die Götter in Bademänteln auf Wellnessliegen herumlungern und sich fadisieren, der Chor eine schläfrige High Society. Bis Pluto kommt, und ihnen zeigt, wie man den Aufstand probt für, natürlich, mehr antike Demokratie.

Nicht immer geht’s ja gut mit Aktualisierungen, oft genug bleiben Politanspielungen unfreiwillig peinlich, doch die aufgepeppte Textfassung von Peter Lund bringt das Premierenpublikum zum lauten Lachen. Wenn die Kinder des Olymp Chef Jupiter zu „Wir kennen dich, Jupiterlein“ jede Vorbildfunktion absprechen, weil er sich beim letzten Fremdgehen dummerweise auf Video hat aufnehmen lassen, was „Jupi“ freilich als mediale Schmutzkübelkampagne abtut. Wenn Pluto auf Jupiters korruptes Ansinnen, die entführte Eurydike miteinander zu teilen, reimt „kaum glaubst du, du hast den Hauptgewinn, hängst du schon im Verein mit drin“. Worauf Daniel Ohlenschläger als Mars meint, die Regierungsgewalt müsse nun Zack! Zack! Zack! von der nächsten Generation übernommen werden …

Die Unterwelt beehrt den Olymp: Vincent Schirrmacher als Pluto mit gruseliger Komparserie. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Der Fortgang der Geschichte ist bekannt, Lokalaugenschein in der Unterwelt, wo Jupiter versucht, Eurydike als Stubenfliege zu erobern, die Öffentliche Meinung – und nicht nur sie – mit dem Vergessenswasser des Lethe betrunken gemacht wird, und sich alles im köstlichen Galop infernal auflöst. Wunderbar ist Martin Winkler mit dem ihm eigenen voluminösen Bariton als Jupiter, den er zwischen komisch-gravitätisch und tollpatschig intrigant changieren lässt.

Robert Meyer im HipHop-Aufzug ist ein hinreißend untertänigst nervtötender Hans Styx. Wie er in seinem Couplet „Als ich noch Prinz war in Arkadien“ ein Höchstmaß an bezirzender Höflichkeit zusammenstammelt, ist vom Feinsten. Birgid Steinberger als Diana, Annely Peebo als Venus und Elvira Soukup als Minerva sind ganz im Divenmodus, Jakob Semotan ist ein aufmüpfiger Teenager-Cupido. Bleibt die Götterkönigin der Herzen, Christian Graf, der die Juno nicht nur mit seiner delikaten Silhouette, sondern auch mit Opéra-bouffe-mäßiger Würde ausstattet. Mit einer solch „herrlichen“ Grande Dame im Ensemble, könnte sich die Volksoper trotz des großen Vorbilds ruhig wieder an eine „La Cage aux Folles“ wagen.

Video: www.youtube.com/watch?v=s2vZOZgt-8E

www.volksoper.at

  1. 6. 2019

Volksoper: Meine Schwester und ich

April 7, 2019 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Mit Charme, Schuh und Millionen

Dolly, Prinzessin Saint-Labiche, hat ein Auge auf ihren Bibliothekar Dr. Roger Fleuriot geworfen: Lisa Habermann und Lukas Perman. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Gerade als man dachte, mehr geht nicht, ging’s erst richtig los. Mit Tempo, Temperament und Tollheit, nach der Pause im zweiten Akt, was daran liegen mag, dass nun die beiden Hits zu hören sind, „Ich lade Sie ein, Fräulein“ und „Mein Mädel ist nur eine Verkäuferin“, definitiv aber mit Herbert Steinböck zu tun hat, der als glückloser Schuhhändler Filosel ein kabarettistisches Kabinettstück liefert. Und mit Johanna Arrouas, die als seine von einer Karriere als Revuegirl träumende Angestellte Irma wohl die beste Leistung des Abends bietet.

An der Volksoper hatte in der Regie von Direktor Robert Meyer Ralph Benatzkys „Meine Schwester und ich“ Premiere, beinah muss man sagen, eine Neuentdeckung, ist die musikalische Klipp-Klapp-Komödie doch nicht nur erstmals am Haus zu sehen, sondern liegt die letzte Wiener Inszenierung mehr als vier Jahrzehnte zurück. Zur Zeit der Uraufführung 1930 war das Werk ein Riesenerfolg, was es nun – siehe Schlussapplaus – auch an der Volksoper zu werden verspricht, mit dem der Komponist gleichsam das Genre der Kammeroperette erfand. Ein feines Spiel im intimen Rahmen, kleines Orchester, weder Chor noch Ballett – wobei Robert Meyer und Dirigent Guido Mancusi diese Vorgabe auf ganz wunderbare Weise verwässern.

Im Gerichtssaal fängt es an. Das angedachte Traumpaar Dolly, Prinzessin Saint-Labiche, und der Musikwissenschaftler Dr. Roger Fleuriot begehren die Scheidung. Doch der Richter will erst die Geschichte der beiden hören, bevor er ein Urteil spricht. Und so findet sich die Justiz rückversetzt in der Pariser Bibliothek der Prinzessin wieder, wo Roger beauftragt ist, den Bestand neu zu ordnen. Längst hat die millionenschwere Dolly ein Auge auf den mittellosen Akademiker geworfen, aber der scheut die Standesunterschiede und hält an seinen Vorstellungen von einer „schicklichen Ordnung“ fest. Als Roger nach Nancy abreist, um dort eine Professur an der Universität anzutreten, erfindet Dolly in Panik eine Schwester, der er ein Päckchen mitbringen soll.

Lukas Perman mit dem fabelhaften Jugendchor der Volksoper Wien. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Schuhhändler Filosel und Kunde Monsieur Camembert bemühen sich eifrig um Dolly: Herbert Steinböck, Lisa Habermann und Georg Wacks. Bild: © Jenni Koller/Volksoper Wien

Eine beim Vater in Ungnade gefallene, nunmehrige Schuhverkäuferin, die Dolly selbstverständlich bis aufs Haar gleicht. Als Roger auf die in Geneviève verwandelte Dolly trifft, verliebt er sich im Moment, muss er dem vermutet einfachen Mädel gegenüber doch keine Minderwertigkeitskomplexe haben. In Filosels Laden kommt aber auch, schäumend vor Eifersucht, Dollys ungarischer Verehrer Graf Lacy de Nagyfaludi an – wie praktisch vom Plot, dass Dolly ihn Irma zuführen kann, deren Feuer der Magyar sofort erliegt. Die Paare finden sich, Champagner und Geld fließen, doch ist längst nicht alles Gold, was glänzt – und so erscheint erneut das Gericht, um eine Entscheidung über Dollys und Rogers Ehe zu treffen …

Meyer hat ein Ensemble versammelt, das punkto Gesang, Schauspiel und Tanz kaum Wünsche offen lässt, das sich mit Verve ins verrückte Treiben wirft, und dabei niemals die Komödiantik Richtung Klamauk überdreht. Ausstatter Christof Cremer stellt erst einen eleganten Art-déco-Salon auf die Bühne, später ein pastelliges Schuhgeschäft, alles atmet 1930er-Jahre, auch die ebenfalls in der Farbskala Rosé bis Magenta gehaltenen Kostüme. In diesem Setting brillieren die Darsteller, die freilich den von Benatzky verlangten „Singschauspielern“ stimmlich meist weit überlegen sind. Hausgast Lukas Perman, derzeit auch am Raimund Theater in „I Am From Austria“ zu sehen, überzeugt mit seinem Charme und seinem angenehmen Kavaliertenor, interpretiert eine Walzermelodie wunderschön Wienerisch, und meistert mit Witz die Wandlung Rogers vom tollpatschigen Gelehrten zum liebestrunkenen Draufgänger.

Lisa Habermann ist eine bemerkenswert quirlige Dolly/Geneviève, die wiewohl ohne Standesdünkel, sehr wohl weiß, wie man unter Einsatz von Geld seinen Kopf durchsetzt. Julia Koci legt ihre Gesellschafterin Henriette als kokettes Geschöpf an. Guido Mancusi führt das Orchester von Slowfox über Tango bis Shimmy zur Hochform, Andrea Heil hat dafür schwungvolle Choreografien ausgearbeitet, doch Benatzky wäre nicht Benatzky, hätte er nicht mit Augenzwinkern die Kollegen der Zunft aufs Korn genommen. So finden sich in „Meine Schwester und ich“ nicht nur parodistisch-opernhafte Passagen wie Irmas „Aber Filosel …“, sondern wird auch die große Silberne Operette persifliert, vor allem die damals beliebte Ungarntümelei – in der Figur des Lacy-bácsi.

Schuhverkäuferin Irma schockiert Filosel mit ihren Revuegirl-Allüren: Herbert Steinböck und Johanna Arrouas. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Doch der heißblütige Graf Lacy de Nagyfaludi verfällt ihr sofort: Carsten Süss und Johanna Arrouas. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Carsten Süss gestaltet das heißblütige Blaublut großkariert und mit dezentem Akzent, und hat mit Lisa Habermann und „Um ein bisschen Liebe dreht sich das Leben“ und Johanna Arrouas und „Ach, wie süß ist die Liebe“ zwei der hervorragendsten Auftritte der Aufführung. Gemeinsam mit Herbert Steinböck als atemlos-schusseligem Filosel entzündet sich ein Feuerwerk an guter Laune. Alles an diesem Abend ist, um im Französischen zu bleiben, super sympathique. Nicolaus Hagg wird vom Gerichtspräsidenten zu Dollys treuem Faktotum Charly, Georg Wacks ist als Monsieur Camembert ein Kunde, den man ungern – nomen est omen – Fußbekleidung anprobieren lässt.

Bleibt, die vier Damen und vier Herren des Jugendchors zu erwähnen, um deren kleine Rollen als Beisitzer, Bedienstete, Revuetänzer das Benatzky-Personal aufgepeppt wurde, und deren Namen sträflicherweise nicht auf dem Programmzettel ausgewiesen sind. Wenn sich so der Nachwuchs des Hauses präsentiert, braucht man sich um die künstlerische Zukunft der Volksoper keine Sorgen zu machen. Bravo!

Leading Team und Darsteller im Gespräch; www.youtube.com/watch?v=F5_WXlFaruw  www.youtube.com/watch?v=DpToLeKwei8        www.volksoper.at

  1. 4. 2019