museum gugging: oswald tschirtner.! das ganze beruht auf gleichgewicht

Februar 12, 2020 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Zum 100. Geburtstag die bisher größte Personalie

Portraitfoto Oswald Tschirtner, 1993. Bild: Martin Vukovits

Nach Ausstellungen zu August Walla und Johann Hauser zeigt das museum gugging unter dem Titel „oswald tschirtner.! das ganze beruht auf gleichgewicht“ ab 13. Februar seine dritte große Personale. Die 260 Werke spannen den Bogen von Klein- zu Großformaten und spiegeln Schaffensperioden und Facetten eines der erfolgreichsten Gugginger Künstler wieder. Am 24. Mai – dem 100. Geburtstag von Oswald Tschirtner – ist ein großes Fest geplant. „Tschirtners Weg zum Künstler war nicht vorgezeichnet. Gleichzeitig war er bis ins hohe Alter in der Lage, Neues zu entwickeln“, sagt Johann Feilacher, künstlerischer Leiter und Kurator der Ausstellung. „Darüber hinaus ist kaum ein Künstler mit Gugging so verbunden: In französischer Kriegsgefangen- schaft im Zweiten Weltkrieg psychisch erkrankt, lebte er fünf Jahrzehnte hier, davon mehr als zwei Jahrzehnte im Haus der Künstler, wo ich ihn betreuen durfte.“

O. Tschirtner: Moses und der brennende Dornbusch, 1971, Sammlung Hannah Rieger. Privatstiftung – Künstler aus Gugging

Oswald Tschirtner: Gott und Mensch, 1971, Sammlung Helmut Zambo. Privatstiftung – Künstler aus Gugging

Oswald Tschirtner: Herz, 1998. Privatstiftung Künstler aus Gugging

 

 

 

 

 

 

 

 

 

„Mit seinem geschlechtslosen Kopffüßler lehrt uns Oswald Tschirtner die Konzentration auf das Wesentliche und zeigte zugleich, wie er sich fühlte“, so Feilacher. „Er zeichnete immer auf Aufforderung und erledigte den Auftrag möglichst schnell. Seine Religiosität – er wollte eigentlich Priester werden – gab ihm Halt. Der Ausstellungstitel ‚das ganze beruht auf gleichgewicht‘ ist der Titel von zwei Zeichnungen. Auf der einen Seite war es ihm nicht wichtig, was andere Menschen über ihn und seine Kunst dachten. Auf der anderen Seite war der Frieden mit seiner Umwelt sein höchstes Ziel.“

Oswald Tschirtner beim Bemalen der Südfassade, 1983. Bild: Johann Feilacher

Oswald Tschirtner und David Bowie, 1994. Haus der Künstler

Oswald Tschirtner vor seinen Kopffüßlern. Bild: Martin Vukovits

Zahlreiche Veranstaltungen begleiten die Sonderschau. So ist etwa ebenfalls ab 13. Februar in der galerie gugging „… weiblich mächtig – männlich zart … misleidys castillo pedroso & oswald tschirtner“ zu sehen, wo sich das Werk Tschirtners der jungen zeitgenössischen kubanischen Art-Brut-Künstlerin – Misleidys Castillo Pedroso erschafft eine Art private Mythologie aus einer isolierten Position – auf sich beinahe ergänzende Weise gegenüberstellt. Die beiden Künstler trennen 65 Jahre, viele tausend Flugkilometer sowie ihre ganz eigenwillige künstlerische Formensprache und doch sind sie auf ganz besondere Art und Weise miteinander verbunden.

www.museumgugging.at

12. 2. 2020

museum gugging: existence.! Der Mensch in der Sammlung Jean-Claude Volot

Januar 22, 2018 in Ausstellung

VON MICHAELA MOTTINGER

Aus der Abbaye d’Auberive erstmals nach Österreich

Fabian Cerredo, Minotaurus bietet seiner Schönen sein Herz an, 2003 © Bildrecht, Wien 2017, Fonds de l’Abbaye d’Auberive

Das museum gugging präsentiert ab 26. Jänner die Sammlung Jean-Claude Volot. Volot ist eine der ungewöhnlichsten Sammlerpersönlichkeiten der Gegenwart. Ihn faszinieren die existenziellen Fragen des menschlichen Daseins: Schicksal, Zwänge und Leiden, Entsetzen und Wahn, die Schöpfungskraft und die Liebe.

Werke der Art Brut und Arbeiten bekannter sowie neu zu entdeckender Klassiker wie Karel Appel, Gaston Chaissac, Hans Bellmer oder Louise Giamari sind in dieser Sammlung vereint. Erstmals ist diese Sammlung in Österreich zu sehen. Seit drei Jahrzehnten sammelt Jean-Claude Volot Kunst. Mit der Auswahl seiner Werke ignoriert er den lange als unumstößlich geltenden Kanon in ästhetischen Fragen, den die französischen Museen und Institutionen der Kunst durch ihre Ankaufsentscheidungen bestimmten. Volot nimmt sich Freiheiten in der Zusammenstellung der Arbeiten, die diese Institutionen sich untersagen. Der Sammler hortet alle diese Werke in seinem eigenen Kloster, der Abbaye d’Auberive, in der Haute Marne in einem einsamen Wald in Frankreich.

Tausende Bilder, Objekte und Skulpturen sind dort in Jahrhunderte alten Mauern gelagert, die man der Öffentlichkeit nicht vorenthalten sollte, da sie Einblick in Teile des Daseins und vielleicht auch der Seele geben können. Volot sammelt neben Gemälden und Zeichnungen auch andere, eher überraschende Kunstwerke – etwa christlich geprägte Objekte, die von Kunsthandwerkern oder Künstlern im Afrika der Kolonialzeit hergestellt wurden. Die Vielfalt ist ein charakteristisches Merkmal seiner „Galerie“.

Karel Appel, Personage no. 14, 1983, © Karel Appel Foundation / Bildrecht, Wien 2017, Fonds de l’Abbaye d’Auberive

Pinchas Maryan, Ohne Titel, Serie Napoleon, 1973-1974, Photo Atelier Démoulin, Copyright:© Abbaye d’Auberive

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

„Meine Kaufentscheidungen sind ein Querschnitt durch die künstlerischen Bewegungen unserer Zeit: Art Brut, Expressionismus, Street Art, Art Singulier, Surrealismus, Populärkunst … Die ganze Sammlung stellt die Frage nach den Menschen – ihrem Weg, ihrem Schicksal, ihren Zwängen und ihren Leiden, ihrem Entsetzen, ihrem Wahn, ihrer Schöpfungskraft, ihrem Lieben. Wenn man alles – Gemälde, Zeichnungen, Skulpturen, Videos – mit einem einzigen Wort bezeichnen wollte, so ist es das Wort ‚menschlich‘, das mir in den Sinn kommt“, sagt er.

Zwei Kategorien von Künstlern lassen sich in seiner Sammlung unterscheiden: Einerseits jene, die dem Usus des Kunstmarkts entsprechen und andererseits solche Künstler, die sich am Rande der etablierten Kunstwelt ansiedeln. Die Sammlung Volot ignoriert Kategorisierungen. Die Werke seiner Sammlung befinden sich auf gleicher Höhe. Somit wird jegliche hierarchische Beziehungunter den Werken aufgehoben. Volot macht also Schluss mit Schubladen – für ihn wäre es kein Problem etwa Aloïse neben Matisse und La Chaise zu hängen und Wölfli neben Klee. Auf seine Weise, mit „seinen“ Künstlern ist dies genau das, was Volot tut. Die Sammlung setzt sich vornehmlich aus Werken zusammen, für die es gut eingeführte ästhetische Bezeichnungen gibt, aber sie tut so, als existierten diese nicht.

Joël-Peter Witkin, The Beast, New Mexico, 1989, tirage argentique n°8 sur 10, Photo Démoulin © Fonds Abbaye d’Auberive

Sie verweist auf eine Wahrnehmung künstlerischen Schaffens, die verwirrend ist, weil ihre Struktur nicht vorgegeben wird von Klassifikationen, die in Frankreich in den vergangenen Jahrzehnten vorherrschten und von den meisten Kulturinstitutionen vertreten wurden. Dies ist einer der Gründe, weshalb es sich lohnt, diese Sammlung genauer zu studieren: weil sie sich, vielleicht ohne dass sich ihr Schöpfer dessen bewusst wäre, absolut außerhalb der Normen entwickelt hat.

www.gugging.at

22. 1. 2018

museum gugging: johann hauser … der künstler bin ich!

Mai 30, 2016 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Jubiläumsschau über den Schöpfer des Blauen Sterns

Johann Hauser mit Pin-up-Skulptur, 1987. Bild: Mathias Braschler

Johann Hauser mit Pin-up-Skulptur, 1987. Bild: Mathias Braschler

Am 5. Juni begeht das museum gugging sein 10-jähriges Jubiläum. Gefeiert wird mit einer großen Art Party und der Ausstellungseröffnung des Ausnahmekünstlers Johann Hauser. Hauser wurde schon sehr früh zum Star unter den Gugginger Künstlern. Mit seinem prägnanten Strich war er von anderen Künstlern wie Jean Dubuffet bis Arnulf Rainer hoch geschätzt. Seine Bildnisse von schönen und hässlichen Frauen, Raketen und Panzern, Schlangen und Schlössern sind intensiv, mächtig und bewegend.

Kaum einer eignet sich mehr dazu, zehn Jahre museum gugging gebührend zu feiern. Die Schau „johann hauser … der künstler bin ich!“ gibt mit ungefähr 200 Werken einen repräsentativen Einblick in sein Lebenswerk.

Kurator ist der künstlerische Direktor des museum gugging, Johann Feilacher, der Johann Hauser persönlich über einen Zeitraum von 13 Jahren begleitete. Hauser, Schöpfer des Blauen Sterns von Gugging, hat hunderte farbenprächtige Bildnisse geschaffen, die in öffentlichen und privaten Sammlungen weltweit vertreten und aus der internationalen Art Brut-Szene nicht mehr wegzudenken sind. Seine Frauendarstellungen sind voll offensiver Erotik und beeindrucken durch ihre kraftvolle Strichführung. Seine verspielte Seite zeigt der Künstler bei seinen Darstellungen anderer Themen: Flugzeuge, Kriegsschiffe, Hubschrauber, Schlösser, grüne Schlangen. Sie ziehen die Betrachter durch ihre farbliche und emotionale Intensität in ihren Bann.

Johann Hauser, Nackte Frau mit Hut, 1986. Bild: Privatstiftung Künstler aus Gugging

Johann Hauser, Nackte Frau mit Hut, 1986. Bild: Privatstiftung Künstler aus Gugging

Flugzeug mit Bombe, 1986, Bleistift, Farbstifte, Sammlung Helmut Zambo. Bild: Privatstiftung - Künstler aus Gugging

Flugzeug mit Bombe, 1986, Sammlung Helmut Zambo. Bild: Privatstiftung Künstler aus Gugging

1926 in Bratislava geboren, musste Johann Hauser in seiner frühen Jugend in ein Umsiedlungslager nach Niederösterreich. In die Landes-Nervenklinik Maria Gugging wurde Hauser 1943 im Alter von 17 Jahren eingewiesen, 1986 übersiedelte er in das Haus der Künstler in Gugging. Der Psychiater und Leiter der Männerabteilung, Leo Navratil, entdeckte sein Talent und begann ihn zu fördern. So begann er erst im Alter von 32 Jahren zu zeichnen. Der zum “Künstler-Patienten” aufgestiegene Hauser wurde 1965 erstmals publiziert und andere Künstler, vor allem der Wiener Avantgarde, waren von seiner Kunst begeistert.

Der Maler Peter Pongratz bezeichnete ihn als den Lehrer, der ihm zeigte, was Kunst ist, der “Übermaler“ Arnulf Rainer stellte gar fest, dass Hauser 99 Prozent der professionellen Maler degradiere. Erste Ausstellungen in den 1970er-Jahren brachten frühe Erfolge und erste Publikationen. Unter Navratils Nachfolger Johann Feilacher, der das „Zentrum für Kunst- und Psychotherapie“ in das „Haus der Künstler“ umwandelte und von der Klinik abtrennte, wurde Hausers Werk in ganz Europa, den USA und Japan gezeigt. Hauser wurde zu Vernissagen in Helsinki, Köln, Philadelphia oder New York eingeladen und genoss seinen Ruhm und die damit verbundenen Reisen.

Im Jahr 1990 erhielt er mit seinen Gugginger Künstlerkollegen den Oskar-Kokoschka-Preis für hervorragende Leistungen auf dem Gebiet der bildenden Kunst. Hauser starb im Jänner 1996. Er hinterließ etwa 2.500 Zeichnungen und fast 150 Radierungen.

www.gugging.at

Wien, 30. 5. 2016

museum gugging: Ausstellung über einen stillen Poeten

Oktober 15, 2015 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

ernst herbeck.! eine leise sprache ist mir lieber

Ernst Herbeck vor dem Spiegel Bild: Heinz Bütler

Ernst Herbeck vor dem Spiegel
Bild: Heinz Bütler

„Ich bin geboren am 4. Juni 1920 zu Stockerau und erlernte gar nichts. weil ich es nicht aushielt. Dann trat ich zur Firma Vogel ein. und erlernte die Maschinschreibkunst.“ Diesen Kürzestlebenslauf verfasste Ernst Herbeck 1975, seit 30 Jahren lebte er da schon als psychiatrischer Patient in der Niederösterreichischen Landeskrankenanstalt in Gugging bei Klosterneuburg.

Herbeck wurde mit einer Lippen-Kiefer-Gaumenspalte geboren, weshalb er nur undeutlich und mit Mühe sprach, eine Beeinträchtigung, die auch durch mehrere Operationen nicht behoben werden konnte. „Nicht jeder Mensch hat einen Mund / mancher Mund ist disqualifiziert / oder operiert. So wie bei mir“, schrieb er in einem Gedicht. Im alltäglichen Sich-Ausdrücken ist der niederösterreichische Beamtensohn nicht mehr heimisch geworden und dennoch hat er ein einzigartiges poetisches Werk geschaffen, indem er Sprache als die „Not-Wendigkeit der Menschen“ gleichsam noch einmal erfand.

Das museum gugging zeigt ab 22. Oktober die Ausstellung „ernst herbeck.! eine leise sprache ist mir lieber“, die diesem stillen Dichter unter den Gugginger Künstlern gewidmet ist. Herbecks unverwechselbare Sprachschöpfungen haben die Leser seit ihrem ersten Erscheinen in den 1960er Jahren fasziniert und sind in ihrer poetischen Eigenart und Eindringlichkeit aus dem Kanon der deutschsprachigen Literatur nicht mehr wegzudenken. W.G. Sebald, Ernst Jandl oder Heinar Kipphardt sind nur einige der Autor, deren Arbeit Herbeck beeinflusste.
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Die Schau gibt einen Einblick in die beeindruckende Vielfalt dieses auf Umwegen und ohne literarisches Netz entstandenen Werks. Im Zentrum steht dabei die poetische Stimme Herbecks. Von ausgewählten Zitaten moderiert und begleitet von Bildern, Film-, Tondokumenten und Erinnerungsstücken werden verschiedene Kapitel seiner Lebens- und Autorengeschichte aufgeschlagen: Kindheit, Krieg, die jahrzehntelange Erfahrung als „Auswärtiger“ in der Psychiatrie, seine Autorenschaft mit Psychiater Leo Navratil als Gegenüber und Förderer, sowie die große Resonanz auf seine Texte. Herbecks tiefe Verbundenheit mit der „Thierenschaft“ und der Natur wird thematisiert, sein genauer und empathischer Blick für kleinste und alltägliche Dinge, sowie seine lakonischen Betrachtungen über Leben und Tod, über die Zeit, das Warten oder „Das Lieben“. Dazu ist erstmals eine größere Anzahl von Herbecks Zeichnungen zu sehen, die in naher Verwandtschaft zum dichterischen Werk stehen. Die Ausstellung ist spannende Dokumentation und atmosphärisch dichte Installation zugleich und bietet viel Raum für persönliche Assoziation.
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Aus Herbecks letztem im Haus der Künstler in Gugging verbrachten Lebensjahrzehnt stammen seine Fotoalben mit zum Teil von ihm selbst gemachten Aufnahmen: Sie zeigen die Landschaft vor dem Fenster, Mitbewohner wie Oswald Tschirtner, August Walla und Johann Hauser, gemeinsame Ausflüge und Geselligkeiten, oder die Kaffeejausen mit Besuchern, bei denen Herbeck manchmal aus seinen Büchern vorgelesen hat.
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Wien, 15. 10. 2015

museum gugging: art brut japan – schweiz.!

September 15, 2015 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Götter, Monster und Dämonen aus Ost und West

Shinichi Kusunoki: GUNM (Pistolen-Träume) – Again›, 2008 Tintenstift auf Papier Bild: Besitz des Künstlers

Shinichi Kusunoki: GUNM (Pistolen-Träume) – Again›, 2008 Tintenstift auf Papier
Bild: Besitz des Künstlers

Das museum gugging und die galerie gugging blicken gemeinsam Richtung Japan und in die Schweiz. Mit der umfassenden kontrastierenden Schau „art brut: japan – schweiz.!“ startet das museum gugging in die Herbstsaison. Die galerie gugging arbeitet seit vielen Jahren mit Künstlern und Galerien sowohl aus Japan als auch aus der Schweiz zusammen und bietet ausgesuchte Arbeiten aus beiden Ländern an.

Mehr als 150 Werke umfasst die beeindruckende Schau, die Monika Jagfeld, Direktorin des Museums im Lagerhaus in St. Gallen, konzipiert hat und die nun das museum gugging in Österreich zeigt. Kurator Johann Feilacher legt den Schwerpunkt der Ausstellung auf japanische Positionen, um dem Publikum neue Entdeckungen aus Fernost zu ermöglichen. Erstmals ist in Österreich eine Gegenüberstellung von Schweizer und japanischer Art Brut zu sehen, zahlreiche künstlerische Werke, die von unterschiedlichen kulturellen Einflüssen geprägt sind. Und dennoch weisen manche Arbeiten, obwohl sie unabhängig und tausende Kilometer voneinander entstanden, erstaunliche inhaltliche Gemeinsamkeiten auf. Götter, Dämonen, Monster aber auch Flugobjekte, Fahrzeuge und die Erschaffung ganzer Welten verbindet die Art Brut in Ost und West. Aus der Konfrontation von Verschiedenem und Ähnlichem entsteht ein offener Diskurs, der die Art Brut neu verortet.

Anders als in Europa, wo sich das Interesse für Art Brut aus der künstlerischen Avantgarde Anfang des 20. Jahrhunderts entwickelte, ist in Japan deren Förderung aus dem Sozial- und Gesundheitswesen entstanden. Mit dem Aufbau des Sozialfürsorgesystems ab 1946 änderte sich die Wahrnehmung von Menschen mit psychischer Beeinträchtigung, die bis dahin stark diskriminiert waren. Im Jahr 2004 wurde das Borderless Art Museum NO-MA in der Präfektur Shiga gegründet. Durch die Arbeit dieses Museums kommt der Art Brut in Japan heute eine besondere Aufmerksamkeit zu. Erst seit wenigen Jahren ist japanische Art Brut in Europa zu sehen, sie wurde aber in erstaunlicher Geschwindigkeit in internationalen Fachkreisen bekannt. Mit der aufsehenerregenden Präsentation von Shinichi Sawadas Arbeiten auf der Biennale in Venedig 2013 und der prominenten Veröffentlichung seiner Arbeit im Kunstmagazin „Art“ hat die japanische Art Brut ein breiteres Publikum erfasst. Sawadas faszinierende Keramikarbeiten – Götter, Dämonen, Ungeheuer – lassen sich in die jahrtausendelange Tradition der Shigaraki-Brennöfen und ihre historische Keramikproduktion einordnen. Der Künstler nimmt damit nicht nur eine zentrale Rolle innerhalb der Art Brut ein, sondern auch einen wichtigen Platz in der japanischen Kunstgeschichte.
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Norimitsu Kokubo integriert in seine zeichnerische Tätigkeit all das, was seine Neugier erweckt – so kartografiert er Erde und Himmel mit seinen Karten. Kokubo sammelt sein Bildmaterial im Internet, im Fernsehen oder in Reisekatalogen. Aus diesem Rohmaterial kombiniert und zeichnet er nach Belieben neue Szenen und Geschichten. Zu sehen sind zudem Werke von Künstlerinnen wie Sakiko Kono mit ihrer Puppen-Parallelwelt, die ihr Wohnheim abbildet. In dieser künstlerisch imaginierten Gesellschaft leben alle Menschen frei, bereisen zusammen die Welt und gründen fiktionale Länder. Juichi Saitos feinstrichige Arbeiten haben ihren Ursprung in der Kalligrafie – als Kalligrafen im klassischen Sinne kann man ihn allerdings nicht bezeichnen. Er wählt Zeichen aus zuvor gesehenen Fernsehtiteln und überschreibt sie unentwegt, bis sich luftig verwehte Wolkenformationen bilden – Lesbarkeit ist für den Künstler nachrangig. „Art Brut Japonais“ zeigt sich als Kaleidoskop unterschiedlicher künstlerischer Facetten, die zwischen hermetischen subjektiven Weltentwürfen und Einflüssen japanischer Traditionen changieren und nicht nur Charakteristisches der Art Brut, sondern eine ausgesprochene Schönheit vermitteln.
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Große Namen aber auch unbekannte Positionen sind auf der Schweizer Seite von (wiederzu)entdecken. Aloïse Corbaz, eine der international bedeutendsten Vertreterinnen der Art Brut, ist mit wichtigen Arbeiten zu sehen. Liebespaare sind Corbaz‘ Hauptthema, doch stehen die Frauen immer im Zentrum. Selbstbewusst präsentieren sie ihren sinnlichen Körper und strahlen eine ungewöhnlich kühle Erotik aus, die durch die bestechend blauen Augenflächen verstärkt werden. Diese Augen erlauben es nach außen zu schauen, verwehren aber, so die Künstlerin zu ihren Arbeiten, den Blick in ihr Inneres. Madonnen waren seit den 1960er Jahren Hans Schärers großes Thema – eine davon ist in Gugging zu sehen. Schärers Madonnen sind stelenartige, vereinfachte, halslose Frauenfiguren mit unheimlichem Stirn- oder Brustauge und bedrohlich bezahntem Mund, umgesetzt in einem groben Farbauftrag mit eingearbeiteten Materialien wie Steinen, Wachs oder Textilien. Sie sind archaische Göttinnen und Monstermadonnen zugleich.
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Daneben finden sich eine Reihe bemerkenswerter Künstler wie Alfred Leuzinger, Anna Kahmann mit ihren schillernden „Güggel“ (Gockel) oder Josef Wyler, der mit seinen comicartigen Zeichnungen fantastische Welten erschafft.
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Wien, 15. 9. 2015