Grüner wird’s nicht, sagte der Gärtner und flog davon

August 25, 2018 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Roadmovie mit einem Doppeldecker

Philomena (Emma Bading) und Schorsch Kempter (Elmar Wepper) vor Schorschs Kiebitz. Bild: © Mathias Bothor/Majestic

Es sei Grundvoraussetzung gewesen, dass Elmar Wepper die Titelrolle in diesem Film übernimmt, sagt Regisseur Florian Gallenberger im Gespräch. Der Oscarpreisträger hat Jockel Tschierschs Roman „Grüner wird’s nicht, sagte der Gärtner und flog davon“ für die Leinwand adaptiert, und tatsächlich ist sein Hauptdarsteller darin sein größter Trumpf.

Wepper läuft als grumpy old man einmal mehr zur Hochform auf, liebenswert und lässig lässt der 74-Jährige die Tragikomödie in luftige Höhen abheben – zu sehen ab 31. August in den Kinos. Wepper spielt den Gärtner Schorsch Kempter. Dessen Kleinbetrieb steht kurz vor der Pleite. Zu den finanziellen kommen familiäre Probleme. Die Ehe mit Frau Monika hat sich entzaubert, Tochter Miriam will an der Kunstakademie studieren, statt in die Fußstapfen der Eltern zu treten. Als sich die Betreiber eines Golfplatzes weigern, die Rechnung für einen neuen Rasen zu bezahlen, weil der nicht kalifornisch-grün ist, wird die Lage prekär. Der Gerichtsvollzieher kommt, und will seinen „Kuckuck“ auch auf das Propellerflugzeug von Schorsch kleben. Da tut der, was er immer tut, wenn ihm die Probleme über den Kopf wachsen: Er fliegt mit seinem roten Kiebitz auf und davon.

Was nun folgt, ist ein Roadmovie mit einem Doppeldecker. Denn auf seiner Reise lernt Schorsch nicht nur allerlei kauzige Typen kennen, sondern auch sich selbst. Ganz klar, dass aus dem pessimistischen, misanthropischen Eigenbrötler am Ende ein empathiebegabter Menschenfreund wird. So wird er etwa zum Heiler und Helfer für die bipolare Schlossbesitzerstochter Philomena, die ihrer Stiefmutter via Handy „Selbstmordvideos“ schickt. Mit ihr hat er Erlebnisse, die seine harte Schale knacken, und für beide wieder Freude am Leben aufkommen lassen. Philo wird zu Schorschs Reisegefährtin.

Aufblüht der Antiheld dann auf der vierten Etappe. Da muss er wegen einer Havarie auf einem stillgelegten, kleinen Flughafen in Brandenburg notlanden – und landet so mitten im Revier der dortigen Besitzerin, Mechanikerin, Kneipenwirtin Hannah. Und die wirbelt die Gefühle des Gärtners ganz schön durcheinander. Doch Hannah steht nicht auf ungeklärte Verhältnisse, und so schickt sie Schorsch nach Hause zu seiner Frau. Der aber will seine Ahnung von Glück nicht wieder verlieren …

Die Ehe von Schorsch Kempter (Elmar Wepper) und seiner Frau Monika (Monika Baumgartner) steht nicht zum Besten. Bild: © Luna Filmverleih

Schorsch Kempters (Elmar Wepper) schicksalhafte Begegnung mit Mechanikerin Hannah (Dagmar Manzel). Bild: © Luna Filmverleih

Gallenberger hat seinen Film hochkarätig besetzt. Monika Baumgartner spielt Schorschs resigniert habende Ehefrau, Dagmar Manzel mit Berliner Schnauze die Hannah. Ulrich Tukur und Sunny Melles sind als Schlossbesitzerpaar von der exzentrischen Extraklasse. Emma Bading ist als deren Tochter Philomena zu sehen, Karolina Horster als Schorschs rebellische Tochter Miriam. Die Schauspieler haben sichtlich Spaß am augenzwinkerndem Stoff. Und als Draufgabe gibt’s wunderschöne Luftaufnahmen aus dem Kiebitz.

„Grüner wird’s nicht, sagte der Gärtner und flog davon“ ist ein ans Herz gehender Film. Feinfühlig erzählt er von unerfüllten Träumen, mutigen Entscheidungen und von jener außergewöhnlichen Kraft im Menschen, die erforderlich ist, um die Hürden des Lebens zu überwinden.

Erst der Blick von weit oben öffnet Schorsch die Sicht auf sich selbst. Er begreift, dass er an wichtigen Herzensentscheidungen und seinen Träumen vorbeigelebt hat. Und dass er auf Kurs kommen muss, bevor es zu spät ist. Ein Wiedersehen mit Elmar Wepper gibt es bald. Denn Doris Dörrie, die den einst unterforderten Serienstar für die große Leinwand entdeckte, dreht derzeit mit ihm die Fortsetzung von „Kirschblüten Hanami“, „Kirschblüten & Dämonen“. Im April fiel die erste Klappe, Kinostart ist 2019.

gruenerwirdsnicht-film.de/

  1. 8. 2018

Theater Nestroyhof Hamakom: Man sage nicht, es wäre der Mühe nicht wert gewesen

März 15, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Mensch ist des Menschen Affe

Grantscherben im Konfettiregen: Michael Gruner spielt Kafka und Beckett an einem Abend. Bild: Nathan Spasic

Im Hamakom herrscht Endzeitstimmung. Im Hamakom herrscht Aufbruchstimmung. Erstere bedingt durch die aktuelle Produktion, Zweitere durch die akute finanzielle Situation und das „Jetzt erst recht“, das sich Intendant Frederic Lion dagegen auf die Fahnen geschrieben hat. 300.000 Euro, sagte er in einem Interview mit dem Standard, fehlten ihm für eine adäquate Bespielung der Bühne; im Herbst, so liest man, soll das brut „als Mieter“ einziehen.

Lion setzt dagegen ein starkes theatrales Zeichen. Er inszeniert Kafka und Beckett an einem Abend, lässt erstmals die Monologe „Ein Bericht für eine Akademie“ und „Das letzte Band“ aufeinanderprallen. „Man sage nicht, es wäre der Mühe nicht wert gewesen“, diesen letzten Satz des sich vermenschlicht habenden Affen Rotpeter stellt Lion über seine Arbeit, sein Haus, über seine Amour fou zum Theater. Der große Michael Gruner gestaltet als Schauspieler erst den Rotpeter, dann den Krapp. Lion hätte nicht besser wählen können, um die unbedingte Notwendigkeit des Hamakom in der Wiener Theaterlandschaft unter Beweis zu stellen. Hamakom heißt auf Hebräisch „Der Ort“ und dieser hat eine bewegte Geschichte, hat ein jüdisches Schicksal – Lion will ihm mit seinem Programm gerecht werden, mit seinem „fremdnahen“ Blick auf den Begriff Heimat, mit Stücken über Identitätssuche und -verlust in den Wirren der Zeitgeschichte und mit gewitzten Dramen über die Diskrepanz von Weltanschauung und Lebensrealität beim Menschen.

So viel nun also gleichsam zu Rotpeter und Krapp, der eine versunken in der Selbstaufgabe, in der schmerzhaften Aufgabe sich zu assimilieren, und welches Unwort könnte heutiger sein, der andere ein ewig Unangepasster, ein Unbequemer, ein Querulant. Der eine ein dystopischer Sendbote vom Planet der Affen, der andere bereits postapokalyptisch. Der eine der gelungene Versuch, der andere das Versagen, Außenseiter aber beide; Becketts „Band“ kann im Hamakom als die Kehrseite von Kafkas „Bericht“ verstanden werden. Der Mensch ist des Menschen Affe, und wenn Krapp-Gruner eine Banane (fr)isst, dann verschwimmen die ohnedies höchst durchlässigen Grenzen zwischen Hominide und Homo sapiens, dann wird aus dem manierlichen Affen ein unappetitlicher alter Mann. Nicht von ungefähr besteht die Rückwand des von Andreas Braito gestalteten Spielraums aus einem riesigen Zerrspiegel. Man sieht sich – als den anderen. Ein „King Kong“-Film aus den 1930er-Jahren läuft auf der gläsernen Leinwand, und eine vergreiste „Frankenstein“-Version ungefähr gleichen Datums. Davor – Michael Gruner.

Der Affe Rotpeter rechnet mit der ganzen Menschheit ab, … Bild: Nathan Spasic

… der Mensch Krapp per Tonband mit seinem früheren Ich. Bild: Nathan Spasic

Der Regisseur von Graden hat bei der Vorjahresproduktion „Dunkelstein“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=17940) wieder Schauspielerblut geleckt und kehrt nun als Mime zu seinen künstlerischen Anfängen zurück. Sein Auftritt ist überwältigend. Und das nicht nur, weil Gruner ein präziser, ein prägnanter Sprecher ist. Wie er sich eben noch auf den Gehstock stützt, dann leichtfüßig übers Parkett tänzelt, später in Affengangart fällt, wenn sich die Natur Bahn bricht, wie er sich unters Publikum schleicht, um seine vom Leben geschlagenen Narben hautnah zu zeigen, sich dabei bis auf eine Windelhose entblößt, das ist so berührend wie bösartig. Gruner möchte einem nichts angenehm machen, Er drangsaliert mit unvorhersehbaren Wutausbrüchen, er schlägt beim Zusammenbeißen seine Zähne ins Zuschauerfleisch, er macht betroffen, wenn er von erlittenen Demütigungen erzählt. Konfetti aus der Sakkotasche macht das Schicksal, dieses „allzu erschöpfte“, erträglicher. Gruner ist stark darin, Schwäche zu (über)spielen. Sein Spiel ist unmittelbar, angriffig, auch eine eitle Wonne – und, ja, er selbst hat sich ein bisschen in es verliebt. Er stellt sein Wissen um die Texte, deren Bedeutung und seine Deutung, gern „zur Schau“ …

Für ihre szenischen Echokammern haben Lion und Gruner im Schönbrunner Primatenhaus recherchiert (Trailer: www.facebook.com/theaternestroyhofhamakom/videos/1244812368935084/). Gruner, der alte Fuchs, als Method Actor. Seine Rückkehr auf die Bühne, ist eine Beglückung, wie sie nur im Hamakom stattfinden kann. „Man sage nicht, es wäre der Mühe nicht wert gewesen“ ist der lebhaft helle Lebensschrei einer gefährdeten Existenz. Die Wiener Kulturpolitik braucht nur hinzuhören.

www.hamakom.at

Wien, 15. 3. 2017

Jeunesse beendet Zusammenarbeit mit Alexander Moore wegen „Auffassungsunterschieden“

August 24, 2016 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Neue Leitung: Antonia Grüner und Andreas Farthofer

Antonia Grüner und Andreas Farthofer. Bilder: Jeunesse

Antonia Grüner und Andreas Farthofer. Bilder: Jeunesse

Mit Antonia Grüner als künstlerischer Leiterin und Andreas Farthofer als kaufmännischem Leiter präsentierte die Jeunesse heute Nachmittag ein neues Führungsduo für ihr bundesweites Veranstalternetzwerk. Die beiden übernehmen ab sofort alle Agenden des bisherigen Generalsekretärs Alexander Moore.

„Der Vereinsvorstand der Jeunesse hat sich dazu entschieden, die Zusammenarbeit mit Alexander Moore aufgrund von Auffassungsunterschieden zu beenden und eine Neuausrichtung der Leitung der Jeunesse vorzunehmen“, so die Obfrau Katharina Regner. „Dazu gehört auch die Besetzung einer Doppelspitze und die klare Aufgabentrennung in einen künstlerischen und einen kaufmännischen Bereich. Es freut uns besonders, dass die neue Leitung aus dem Team des Hauses kommt.“

Antonia Grüner arbeitet seit 2013 im Künstlerischen Betriebsbüro der Jeunesse. Andreas Farthofer war neben der Mitarbeit im Kartenbüro im Bereich der Musikvermittlung (Reihe „Musik zum Angreifen“) tätig und 2008 und 2009 für die Organisation des Jeunesse KindermusikCamps Graz verantwortlich. 2009 übernahm er die Verkaufsleitung der Jeunesse. Worin die Auffassungsunterschiede mit dem scheidenden Alexander Moore bestehen, wurde nicht bekannt gemacht.

www.jeunesse.at

Wien, 24. 8. 2016

Theater Nestroyhof Hamakom: Dunkelstein

März 2, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Grauen ohne Geigengeschluchze

Heinz Weixelbraun, Michael Gruner, Rouven Stöhr, Florentin Groll, Dolores Winkler, Lilly Prohaska, Eduard Wildner und Alexander Julian Meile Bild: Nick Mangafas

Heinz Weixelbraun, Michael Gruner, Rouven Stöhr, Florentin Groll, Dolores Winkler, Lilly Prohaska, Eduard Wildner und Alexander Julian Meile
Bild: Nick Mangafas

„Gegenwärtig brauchen die Juden ein paar Teufel, um zu überleben“, sagt er. Und später: „Wenn der Krieg kommt, werden die eine Waffe in die Hand nehmen gegen unsere Herrschaften.“ Die – waren die Wiener Juden, denen er die Ausreise ermöglicht hatte, sie – die hiesigen Nationalsozialisten. Er, das war Benjamin Murmelstein, und wahrscheinlich war er beides, ein Gottseibeiuns und ein Gottseisgelobt.

128.000 Menschen soll er bis November 1941 die Emigration ermöglicht haben. Robert Schindel hat 2010 ein Theaterstück über ihn geschrieben, „Dunkelstein“ heißt es und wurde nun im Theater Nestroyhof Hamakom uraufgeführt. Eine diesbezügliche Zusammenarbeit mit dem Volkstheater kam nicht zustande, und es verwundert, welch ein Auftragswerk sich das Haus da entgehen ließ. Aber es bedurfte wohl eines Frederic Lion und eines Karl Baratta, um aus dem komplexen Stoff die bestechende Spielfassung zu erstellen, die nun zu sehen ist.

Mehr als 42 Figuren haben die beiden für acht Schauspieler aufbereitet, immerhin 22 Rollen sind für sie geblieben. Mit ihnen wird ein Einblick in die jüdische Gemeinde jener Tage gewährt. Lion und Baratta lassen sich lange Zeit, bis sie Dunkelstein auftreten lassen. Vorher geht es ihnen um das Vermitteln von Atmosphäre, um das Vorführen von Denkweisen; sie zeigen das Negieren und das Nichtwissenwollen, eine Szenencollage bewegt sich von Fall zu Fall. Die Geschichte des psychisch kranken Nathan. Eine Wirtshausdiskussion, dass Zwetschenröster niemals Kompott sein kann. Polgar im Kaffeehaus, Friedells Fenstersturz, Torberg wird zitiert. Eine Bridgepartie von Vater und Tochter Singer. Die Flucht in die Religiosität oder den Kommunismus. Gisela Winter kommt vor, und Esther Rebenwurzel. Und am Ende werden alle Geschichten zu einer werden, und Nathan wird nackt ins Gas gehen, und Esther, die eigentlich Franzi Danneberg-Löw hieß und damals Fürsorgerin der Israelitischen Kultusgemeinde war, den Säugling von Gisela-Gerty Schindel gerettet haben. Und er wird Robert Schindel geworden sein.

Regisseur Lion hat einen Abend entworfen, der alles in einem ist. Nummernkabarett und Maskenspiel und Erzählung. Und jüdischer Witz. Eine Realfarce nennt Schindel sein Stück, und mit staubtrockenem Humor berichtet er vom Nahen der braunen Sturmflut. „Heil Hitler!“, ruft der Botenjunge, der die Mazzes bringt. Und ja, man lacht. Die Beeinflussbarkeit des Menschen scheint in solchen Momenten grenzenlos. Lions „Dunkelstein“ ist eine spröde, analytische Inszenierung dessen, die nicht mit Sentiment, sondern mit dem Verstand spielt. Er lässt die Grausamkeit sozusagen nicht in Geigengeschluchze baden, sondern stellt sie aus. Kalt und klar. Was sie umso deutlicher und beklemmender macht.

Mit der Rotte verkommener Hausknechte kommt auch Dunkelstein. Michael Gruner spielt ihn mit hoher Intensität. Seine Bühnenpräsenz ist atemraubend. Mit konzentrierten Gesten, mit einer Art verwehter Eleganz entwirft er seine Figur. Dieser Dunkelstein wankt zwischen Angeekeltsein und Größenwahn, er ist ein Gefangener seines Amtes, er kalkuliert Lebensrettungschancen so sachlich wie ein Buchhalter seine Finanzen, er ist hochmütig unfreundlich, auch jähzornig, und glaubt an seine Manipulation des Mördervereins. Dies seine größte Sünde. Benjamin Murmelstein war Funktionär der Israelitischen Kultusgemeinde Wien und nach deren Auflösung 1938 in der zwangsweise in „Jüdische Gemeinde Wien“ umbenannten Institution unter Adolf Eichmann für die Auswanderungsabteilung zuständig. Ab 1942 musste er aber auf Weisung der NS-Behörden auch die „Einwaggonierung“ der Deportationszüge in die Vernichtungslager im Osten vornehmen. „Der letzte der Ungerechten“, wie er sich 1975 selber in einem Interview nannte, gilt bis heute als ambivalente Persönlichkeit. Kollaboration nennen die einen seine Arbeit, Kooperation die anderen.

„Dunkelstein“ ist kein Versuch einer Erklärung dieser seltsamen Existenz. Jede Parteinahme wird unterlassen. In einem knappen Prolog wird kurz um die Frage gestritten, was man, wenn … und ob nicht, weil … man weiß es nicht. Ob das die Natur des Menschen ist? Spitzelwesen und Verrat von Freunden und Hass auf den, der gestern noch Nachbar war, und sich als Opfer unter den Tätern zu verstecken. Wie viel Gewissen hält der Mensch aus? In der Mašín-Familie geht seit Generationen der Satz: Man hat immer die Wahl. Florentin Groll will als Singer noch den Verkauf seines Wochenendhauses regeln, „na, nehmen wir einen späteren Zug“, sagt er zu Dunkelstein, und die Ahnung ist, der wird schon ein Viehtransporter sein.

Groll ist auch der Wirt, den Gestapomann Kalterer, verkörpert von Heinz Weixelbraun, später zwingen wird, den Zwetschenröster, der kein Kompott sein darf, vom Boden zu schlecken. Kalterer verliebt sich in die von ihm verhörte und von Lilly Prohaska gespielte Kommunistin Edith, eine Zellengenossin von Gisela Winter alias Schauspielerin Dolores Winkler; Prohaska wird später zu Esther Rebenwurzel. So schließt sich der Rettungsring um den Autor. Alexander Julian Meile gibt unter anderem den Sturmbannführer Linde süffisant-selbstverliebt und mit Eichmann-Schramme an der Wange. Rouven Stöhr ist ein eindringlicher, verstörender Nathan. Eduard Wildner versucht als Dunkelsteins Vorgesetzter Leonhardt seinen verzweifelten Sarkasmus nicht allzu offen zu zeigen. Und wenn Lukas Goldschmidt dazu „Waltzing Matilda“ auf Wienerisch singt, weiß man, wie’s gemeint ist.

Am Ende wird Linde zu höheren Weihen nach Berlin berufen und auch für Dunkelstein hat er neue Aufgaben. In Theresienstadt. Dort wurde Murmelstein 1944 zum letzten „Judenältesten“ ernannt. Und musste wieder Listen zusammenstellen. Nach Auschwitz-Birkenau. Nach dem Krieg hatte Murmelstein sein Verhalten zwei Mal vor Gerichten zu rechtfertigen, in Israel forderte man für ihn die Todesstrafe. Er starb 1989 in Rom. Der zuständige Rabbiner verweigerte das Kaddisch.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=AT-rZq9-nnk

www.hamakom.at

www.schindel.at

Wien, 2. 3. 2016

Theater Nestroyhof Hamakom: Flucht / פה ושם

März 2, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Aus gehabtem Leiden nichts gelernt

Peter Cieslinski, Barbara Gassner, Ingrid Lang Bild: Marcel Köhler

Peter Cieslinski, Barbara Gassner, Ingrid Lang
Bild: Marcel Köhler

Eine tiefe Verbeugung vor Michael Gruner. Er inszenierte im Theater Nestroyhof Hamakom Sara von Schwarzes „Flucht“ und erzeugte mit und durch die Protagonistin Ruth Aggressionen, die den Blutdruck in ungesunde Höhen trieben. Ein Verdienst der fabelhaften Schauspielerin Ingrid Lang, die die Provokation der Autorin gekonnt umsetzt. Und zwar jenseits der Frage, was diese den Zuschauern eigentlich sagen will. Schwarze verhandelt in ihrem Stück sämtliche Identitäts-, Religions-, Geschlechter- und andere Krisen, die sie zusammensammeln konnte. Sara von Schwarze ist eine der bekanntesten israelischen Schauspielerinnen mit deutschen Wurzeln. Ihre Eltern konvertierten zum Judentum und wanderten mit den Kindern Ende der 60er Jahre nach Israel aus. Für das autobiographisch geprägte Stück wurde von Schwarze 2006 der Israelische Theaterpreis verliehen. Die Verfasserin begreift ihr zweisprachiges Werk als eine radikale Abrechnung mit konstruierten Identitätsmetaphern, falschen Heimatgefühlen und deren zwischenmenschlichen Konsequenzen.

München: Es ist Nacht. Jemand steigt über ein Fenster in eine Wohnung ein. Was wie eine klassische Kriminalhandlung beginnt, mündet in ein unerwartetes Wiedersehen, in eine Suche nach den eigenen Wurzeln, in ein verzweifeltes Verarbeiten von Lebensumständen, in (De)maskierungen und eine Gratwanderung zwischen Sein und Schein. Die 35-jährige Ruth hat fluchtartig Israel verlassen und ist nach Deutschland zu ihrem Vater  (Peter Cieslinski) geflogen. Sie ist schwanger und glaubt, in den besetzten Gebieten jemanden erschossen zu haben. Einen israelischen Soldaten, weil sie einem Palästinenserbuben Medikamente bringen wollte. Ruth zwingt ihren Vater Abraham, sich seiner eigenen Vergangenheit zu stellen: Abraham hieß früher Ernst und stammt aus einer protestantischen deutschen Familie. Gemeinsam mit seiner ersten Frau, Ruths Mutter, trat er zum Judentum über. Die sechs Millionen Toten als Erbsünde waren ihm zu viel. Dieses teuflische Deutschsein. Ruth kriegt gar nicht genug von diesem preiswürdigen Thema. Es nimmt große Teile des Abends ein. Die Frage, ob in der eigenen Familie … Da wollte sich der Vater die Vision einer besseren Welt verwirklichen.

Sie wanderten nach Israel aus und lebten dort als orthodoxe jüdische Familie. Nach dem ersten Libanonkrieg verließ Abraham Hals über Kopf Israel und kehrte ohne Familie nach Deutschland zurück. Israel 1982, das wird in kurzen Worten abgehandelt. Der Libanonkrieg war eine militärische Auseinandersetzung zwischen der israelischen Armee und verbündeten Milizen auf der einen sowie Kämpfern der PLO und syrischen Truppen auf der anderen Seite. Es war der erste größere Konflikt, den Israel begann, ohne dass seine Existenz unmittelbar bedroht war. Israel nannte die Operation „Frieden für Galiläa“. Die israelische Offensive wurde jedoch von vielen als Angriffskrieg gewertet. Im Zuge des Krieges fand das Massaker von Sabra und Schatila statt, eine Aktion von etwa 150 maronitisch-christlichen libanesischen  Milizionären, die gegen im südlichen Stadtgebiet von Beirut lebende palästinensische Flüchtlinge gerichtet war. Zwischen dem 16. und 18. September 1982 wurden die Flüchtlingslager Sabra und Schatila gestürmt, die zu jener Zeit von israelischen Soldaten umstellt waren. Nach filmisch belegten Aussagen beteiligter Milizionäre richtete sich die Aktion in erster Linie gegen Zivilisten; bewaffneter Widerstand soll kaum noch vorhanden gewesen sein. Die Milizionäre verstümmelten, folterten, vergewaltigten und töteten überwiegend Frauen, Kinder und Alte. Dies geschah in voller Sicht israelischer Beobachtungsposten aus umliegenden Gebäuden, die die Lagerausgänge abriegelten und die Lager während der Nacht mit Leuchtraketen erhellten, um die Milizen zu unterstützen. Nach späteren Erkenntnissen war nicht nur die israelische Militärführung vor Ort genauestens über die Vorgänge in den Lagern informiert, sondern auch die israelische Regierung. Berichten zufolge hatte die israelische Armee zudem Bulldozer zur Verfügung gestellt und die Milizen mit Verpflegung und Munition versorgt.

Zurück in München: Die nächtliche Situation zwischen Tochter, Vater und dessen neuer Lebensgefährtin Sabine (Barbara Gassner) ist wie ein böser Traum. Unterdrückte familiäre Konflikte werden in Vehemenz ausgesprochen und reißen Wunden auf. Alle errungenen Sicherheiten der drei Protagonisten werden in einer Nacht über den Haufen geworfen. Ruth teilt aus, verwendet das Unwort „Gutmensch“, befindet, dass die Deutschen KZs so perfekt wie Waschmaschinen bauen, nennt die Israelis Kriegsverbrecher, ein „Volk, das glaubt, es kann sich alles erlauben, weil es nie wieder Opfer sein darf“. Hält Religion an sich für „Mist“, weil generell frauenfeindlich. Was ja stimmt. Sie ist widerborstig, unsympathisch, verstört und reibt sich an Sabine, während ihr Vater den Vermittler spielen will. Gruner bearbeitet Schwarze nicht ohne Humor. Lässt Menschenrechtsanwältin Sabine sarkastisch mit künstlicher Kinderstimme sprechen, wenn sie nach und nach die wahre Lebensgeschichte Abrahams erfährt, lässt, als die Frauen bei einem Streit handgreiflich werden, den Vater mit finsterem Blick und großem Messer reinstürmen, mit dem er eigentlich gerade Sandwiches in der Küche macht. Stark ist auch eine Maskenszene, in der zu der Frage „Bin ich das?“ die Darsteller sich Papiergesicht nach Papiergesicht vom Kopf ziehen, bis – aua! – nur noch das Selbst bleibt. Eine freudianische „Opernszene“ fehlt natürlich auch nicht. Doch die Restfamilie mauert.

Statt Mauern einzureißen, werden neue errichtet. So ist es. Europa versucht das eine, Israel macht das andere.

Am Ende ruft Kindsvater Aaron aus Israel an, um zu berichten, dass kein toter israelischer Soldat gemeldet worden und Ruth sicher sei. Hoffentlich ist er nicht vom Kidon und das Telefonat eine Falle … Egal, denn in diesem Moment beginnt der Abend, die Nachtmahr, von vorne. Was wollte die Autorin dem Publikum doch gleich sagen? Dass man aus Israel zwar vor Armee und Mossad flüchten muss (kommt im Stück so vor!), aber Deutschland das Böse ist? Dass Genozid in Zahlen gemessen wird? Oder, dass ein Haushaltsgeräteerzeuger in Israel genauso gute Waschmaschinen herstellt, wie in Deutschland?

www.hamakom.at

Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=v9bu88QhqY0&feature=youtu.be

Wien, 2. 3. 2015