Theaterfink: Da Einedrahra in der Leopoldstadt!

August 12, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Wanderung durch eine Wiener Kriminalgeschichte

Walter Kukla mit Peter von Bohr, Walther Soyka, Eva Billisich mit Kommisär Felsenthal und Susita Fink mit Frau Bohr. Bild: Joseph Vonblon

Walter Kukla mit Peter von Bohr, Walther Soyka, Eva Billisich mit Kommisär Felsenthal und Susita Fink mit Frau Bohr. Bild: Joseph Vonblon

Dass einem der Hauptdarsteller die Hand küsst, das ist schon was, selbst, wenn er nur ein Latexschädel in einem alten Gehrock ist. Küsst und danach abstaubt, weil Peter Ritter von Bohr, das war ein großer Abstauber. Die Truppe Theaterfink erzählt als zweiten Teil ihres Zyklus‘ „Von Grosskopfade und Sacklpicka“ seine Geschichte, ein spannendes Stück Wiener Kriminalgeschichte: „Da Einedrahra in der Leopoldstadt!“.

Das ist mehr als Straßentheater, vielmehr eine wundersame Wanderung über elf Stationen, authentische Schauplätze, an denen der Betrüger sein Unwesen trieb und nun wieder treibt, vom Alexander-Poch-Platz bis in die Praterstraße. Mehr als eine Verquickung von Schauspiel und Puppenspiel, vielmehr ein saftiges Stück Volkstheater, das sich als freches Instrument zum politischen Aufbegehren versteht. Dazu von Ernst Molden erdachte Moritaten – da muss man im mehrfachen Wortsinn mitgehen.

Die Figur Peter Ritter von Bohr ist zu gut, um erfunden worden zu sein. 1773 in Luxemburg geboren, kam der Künstler und Erfinder durch Wechselgeschäfte mit Napoleons Truppen zu einem ansehnlichen Vermögen, das sich danach allerdings wie von selbst vermehrte. Eine der Erfindungen Bohrs war ein Gerät zur Erstellung von Sicherheitsmerkmalen beim Druck von Banknoten. Bohr kaufte bald halb Wien auf, hatte Geschäftspartner bis in allerhöchste Kreise, Metternich war einer seiner Schuldner, der gute Kaiser Franz lobte seine Unternehmungen, er war 1819 Mitbegründer der Ersten Österreichischen Spar-Casse mit Sitz Alexander-Poch-Platz – und flog 1845 durch Ermittlungen des Kommissär Felsenthal als Geldfälscher im großen Stile auf. Nach seiner Verurteilung beriet er die Nationalbank punkto fälschungssicherer Banknoten. Wer nun aktuelle Bezüge zu heute mutmaßt oder unerwünschte Ähnlichkeiten sieht, der hypoventiliert. Jedenfalls, historisch 1906 wurde Bohrs Haus in der Tivoligasse, das „Banknotenhäusel“, abgerissen – und bei den Arbeiten fand man ein männliches, mumifiziertes Skelett in einem Fass. Wer das war? Und von wem ermordet – von Bohr? Man weiß es nicht.

Genau hier fängt „Da Einedrahra in der Leopoldstadt!“ an. Nach einer Idee von Gabriele Müller-Klomfar und Susita Fink, hat die Fink einen g’scheiten, akribisch recherchierten Text geschrieben, den Frau Prinzipalin auch selbst in Szene setzte. Das ist nicht nur eine Hetz‘, sondern was fürs Hirn, was man da alles an Geschichte und G’schichtln erfährt. Und die Leute marschieren mit, zwei Hunde auch, fotografieren, schauen aus den Fenstern ihrer Wohnungen auf die Gassn, wobei sich ein besonders keifertes Waschweib später als Mitakteurin entpuppt, kommen aus Cafés und Beisln und weichen hurtig den ohne Rücksicht auf Verluste agierenden Darstellern aus. Spektakel müssen sein. Und das darob höchst amüsierte Publikum mittendrin.

Einige honorige Herren der Wiener Gesellschaft. Bild: Joseph Vonblon

Honorige Herren der Wiener Gesellschaft. Bild: Joseph Vonblon

Der Kommissär am Buckl der Künstler. Bild: Joseph Vonblon

Der Kommissär am Buckl des Künstlers. Bild: Joseph Vonblon

Eva Billisich spielt die arbeitslose Pathologin Edith, die von ihrer ehemaligen Studienkollegin, nun pragmatisierte Bundesdenkmalamtsbeamtin, Hanni (Claudia Hisberger) gebeten wird, sich die störende Leich‘ anzuschauen. Heißt: in einem gefakten Gutachten zu bescheinigen, dass es sich bei ihr nicht um einen historisch relevanten Fund handelt. Da prallen sie aufeinander, die beiden Welten der Linksgedrehten mit dem Flachmann und der Gutsituierten mit dem Aktenmapperl, und es kommt der großartigen Billisch zu, die Moritaten vom Geld und wie ihm die Menschen hinterherkräun zu singen. Wie eine finanzgeile Fledermaus plustert sie sich dazu vor dem Johannes-von-Gott-Denkmal auf, und der Ordensgründer der Barmherzigen Brüder scheint ihr recht zu geben. „Die Stadt wächst und mit ihr das Konto einiger weniger.“

Im Kriminalmuseum, passenderweise, stellt sich der Schurke persönlich vor – „Der Armen sind viele und es kann ein lukratives Geschäft sein, in die Wohltätigkeit zu investieren“ -, und ein Spiel auf zwei Zeitebenen beginnt. Ediths Schnodern vs Bohrs elegant altertümlicher Ausdrucksweise. Und seiner Galanterien gegenüber den Damen. Das ist sehr charmant. Während die beiden Freundinnen Fundstücke vom Tatort untersuchen, beginnt parallel eine Zeitreise in den Vormärz, wo sich die Schlinge um Bohr immer enger zieht. Walter Kukla haucht der beinah menschengroßen Puppe Leben ein. Den ihn verfolgenden Kommissär Felsenthal muss Knopfharmonikaspieler Walther Soyka auf dem Buckl ertragen. Hinter Fotowänden melden sich honorige Herren der Wiener Gesellschaft, die besten Köpfe, ja selbst das gekrönte Haupt und sein Kanzler, zu Wort.

Georg Mittendrein ist als GenI.a.D. Agent Schwarzhappl mit von der Partie, aber mittlerweile sind die Zuschauer sowieso alle in den Spitzelstatus erhoben. In Gruppen aufgeteilt wird man vor Bohrs Wohnhaus, Jägerzeile Nr. 520, auszuschwärmen und es zu umstellen haben. Habt acht!, die Fink scheucht Unentschlossene auf ihre Positionen. Die schönste Puppe ist die von ihr bewegte Frau Bohr, Mathilde Gräfin Christalnigg, grasser geht’s nicht, die die Nerven verlieren und ihren Mann verraten wird. Es kommt ergo zum Showdown beim Nestroydenkmal, wo Bohr sein sentimentales Schlusslied vom unverstandenen Wohltäter singen darf. Es gibt zu sehen, wer im Fass ist, und zu erfahren, warum Hanni die Leich‘ unbedingt wieder verschwinden lassen will.

Die Moral von der Geschicht‘ ist nämlich: Die Reichen haben alle eine im Keller. Oder wie die Billisch sagt: „Die Großkopfaden glauben, Geld steht ihnen zu.“ Das ist, im Falle dieser Inszenierung, so lustig, weil es wahr ist. Mitwandern, mitwundern! Dieser Streifzug durch die Welt der gewieften Finanz-Einedrahra ist sehenswert.

Vorstellungen bis 16. August. Am 1. September übersiedelt Peter Ritter von Bohr an seine zweite Wirkungsstätte in den 23. Bezirk: „A Einedrahra kommt nach Liesing!“

www.theaterfink.at

Trailer: www.youtube.com/watch?v=AEunfKJFDh8

Wien, 12. 8. 2016

Von Grosskopfade und Sacklpicka

August 23, 2013 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

theaterfink: „Auf der Landstraße, da gibt’s a Hetz!“

Bild: Cornelia M. Gregor

Bild: Cornelia M. Gregor

Lust auf einen Streifzug durch die Wiener Kriminalgeschichte mit Schauspiel, Puppenspiel & musikalischem Treibstoff? Den bietet ab 29. August „theaterfink“ nach einer Idee von Gabriele Müller-Klomfar und Susita Fink. Auf den Spuren historischer Kriminalfälle führt dieses Stationentheater im öffentlichen Raum zu authentischen Schauplätzen – eine Zeitreise ins Wien des Biedermeier… Als Vorlage zum Stück dienen der Mord an der alten Hetzmeisterin aus dem Jahr 1830 und der Mord an einer betagten Hausbesitzerin auf der Landstraße.In beiden Fällen liegt eine Ursache für die Tat in den gesellschaftlichen Verhältnissen des Biedermeiers und der drückenden Armut eines Großteils der Bevölkerung. „theaterfink“ verwebt die beiden Fälle zu einem, in dem nicht nur ein Mord geklärt wird: auch Kuppelei, Ausbeutung und ein Finanzskandal um ein großes Bauprojekt spielen eine Rolle. Und das Publikum wandert einfach mit.

Zum Inhalt: Wien im Biedermeier, fast 25 Jahre nachdem das Hetztheater gebrannt hat. Der Wiener Kongress ist zu Ende, Europa neu geordnet, es herrscht Frieden. Die Kinder spielen auf den Straßen und in idyllischen Hinterhöfen. Reich und Arm gibt sich – jeder nach seiner Fasson – den Vergnügungen hin, und die sind dicht gesät in Wien. Theater, Tanz, Kaffeehaus oder ein gemütlicher Gastgarten der Brauhäuser – die Bürgerinnen und Bürger der Kaiserstadt haben die Wahl. Doch der Schein trügt. In einem Hinterhof auf der Landstraße wird eine alte Frau tot aufgefunden. Die Witwe des letzten Hetzmeisters im Hetz-Amphitheater unter den Weißgerbern. Auf den ersten Blick sieht es wie Selbstmord aus, aber der zuständige Kommissär lässt sich nicht täuschen. Die Hetz beginnt! Kommissär Josef Hauptmann macht sich auf die Suche nach dem Mörder. Hilfe bekommt er von der in ganz Wien bekannten Schauspielerin Fanny Nowak. Diese kennt die Höhen und Tiefen der Wiener Gesellschaft, sowie die der Vorstadt …

Die Stationen: Das Publikum folgt den DarstellerInnen zu den einzelnen Stationen. Die bespielten Orte im öffentlichem Raum sind nicht nur Bühnenbild, sie fügen sich in die Szenerie der Handlung.. Alle Stationen befinden sich in 1030 Wien / Erdberg und Landstraße und sind öffentlich erreichbar mit der U3 Station Rochusmarkt (Treffpunkt: Aufgang Hainburgerstraße). Die DarstellerInnen führen das Publikum durch historische Gässchen, wie die Salmgasse, zu prächtigen Palais, historischen Gebäuden, städtischen Grünoasen und versteckten Hinterhöfen. An den Stationen wird mit den Mitteln des Schauspiels und Figurentheaters gespielt. Doch auch der musikalische Aspekt kommt nicht zu kurz. In der Tradition der seinerzeitigen Bänkelsängern wird die Handlung durch Moritaten kommentiert und verdichtet. Die Texte und die Musik  hierzu wurden eigens von Musiker Ernst Molden kreiert. Der Virtuose auf der Knopfharmonika Walther Soyka liefert den musikalischen Treibstoff auf der Recherche nach dem meuchlerischen Mörder. Die Reise endet in einem urigen Lokal – „The Golden Harp“ – das zu anschließendem gemütlichen Beisammensein oder hitziger politischer Diskussion bei Speis und Trank einlädt.

Es spielen: Walter Kukla (Polizeikommissär), Susa Kratsch (Fanny Novak), Claudia Hisberger (Puppenspiel) – und vielleicht auch ein wenig das Publikum …

www.theaterfink.at

Wien, 23. 8. 2013