Kosmos Theater: Das große Heft

Dezember 4, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Selbsterziehungsziel ist die totale Entmenschung

Die Großmutter und die Zwillingsbrüder aka die Hexe und ihre Hundesöhne: Martina Rösler, Martin Hemmer und Jeanne Werner. Bild: Bettina Frenzel

Der Modergeruch, der sich beim Betreten des Spielraums in der Nase festsetzt, ist eine präzise Ortsangabe dieses Abends. Steigt er doch auf von einem alles überschüttenden Erdhügel, der gleich Schützen- graben gleich Gräberfeld gleich Niemandsgrenzland ist. Und weil Sara Ostertags Inszenierung funktioniert wie ein Negativfilm, lässt sich das Setting auch als Anti-Sandkasten beschreiben. „Wir spielen nie! Wir arbeiten, wir lernen“, versichern die Zwillinge in der Sache nachfragenden Erwachsenen.

Das Leben kein Kindertraum. Schon gar nicht für jene beiden Buben, die die ungarische Autorin Ágota Kristóf im Schweizer Exil als Protagonisten für ihren Roman „Das große Heft“ erdachte. Die Nachwehen des Zweiten Weltkriegs, 1956, Volksaufstand, Sowjetarmee sind im Mehrfachsinn die Flucht-Punkte dieses Textes, die Nachbarn, die ebendiese dieser Tage freiwillig aufgeben, im Straßenkampf für ihre Freiheit. Im Wiener Kosmos Theater zeigt Regisseurin Ostertag nun eine Dramatisierung des Stoffs als österreichische Erstaufführung, als Koproduktion mit ihren makemake produktionen, die letzte Zusammenarbeit „Muttersprache Mameloschn“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=27612) vergangenes Jahr mit dem Nestroy-Preis für die beste Off-Produktion ausgezeichnet.

Als Wir-Erzählerin tritt eingangs Schauspielerin Jeanne Werner auf. „Wer wir?“, wird klar, sobald sie Martina Rösler als ihren Bruder aus Nanna Neudecks Bühnenbild exhumiert. Nicht ein Wort wird die Choreografin und Tänzerin in den kommenden 90 Minuten sagen, umso beredter ihre Körpersprache sein, mit der sie die Stimmungen ihres und ihrer Widerparts wiedergeben wird. Nach und nach schälen sich die anderen verscharrten Darstellerinnen und Darsteller aus dem Staub, Zombie-Zeugen einer entsetzlichen Vergangenheit, aber auch ein kleines Gespenst, das via Schriftzug als Zeit-Geist ausgewiesen wird.

Die wunderbare Emma Wiederhold gestaltet die Wehret-den-Anfängen-Figur, später eine kindliche Geigerin, mittels des gleichen roten Kleides als elfjähriges Pendant der Musikerin Jelena Popržan zu erkennen – die am Rand des Geschehens sitzend mit ihren Instrumenten für Atmosphäre sorgt. Die ist in erster Linie düster und unheilvoll, wenn die Hexe die „Hundesöhne“ bei sich aufnimmt, heißt: die Großmutter ihre Enkel, die deren Mutter ihr überlässt, um sie den Gefahren der Stadt und dem Zugriff durch die Besatzungsmacht zu entziehen. Ostertag gendert, was das Zeug hält, Martin Hemmer macht als besenschwingende Skelettfrau hässliche Miene zum garstigen Spiel, einmal stöckelt Simon Dietersdorfer, auch er mit aufgemaltem Gerippe, als Polizist in High Heels über die Scholle, beide bereits gekennzeichnet als die sterblichen Überreste, die sie am Ende sein werden.

Im bodygepainteten Micky-Maus-Shirt: Jeanne Werner. Bild: Bettina Frenzel

Der Offizier lässt sich peitschen: Simon Dietersdorfer. Bild: Bettina Frenzel

Die kleine Geigerin bezahlt mit Zahngold: Emma Wiederhold. Bild: Bettina Frenzel

Und apropos, aufgemalt: die Jungs von Jeanne Werner und Martina Rösler tragen von Nadja Hluchovsky auf ihre Bodys gepaintete Micky-Maus-Shirts, ein optisches Kontern der Disney-Soundtracks, die im Hintergrund laufen. Zu „Whistle While You Work“ rennen die Performer geschäftig im Kreis, und apropos, Gerippe: Ostertag erzählt ihre Lesart der Geschichte mit knochentrockenem Humor. Dort, wo die Scheußlichkeiten von Kristóf mit einer lapidaren, kaum zu ertragenden Sachlichkeit geschildert sind, mildert die Theatermacherin den Schmerz mit einem Salbenklecks distanzschaffender Satire.

Sich den Schmerz auszutreiben, ist die wichtigste Aufgabe im Dasein der Zwillinge, die sich, da ihrer Wollt-ihr-die-totale-Abhärtung-Oma ausgeliefert, im Hungern, in der Selbstzüchtigung, in der Kunst des Tötens von Hühnern, im Aufsatzschreiben in „Das große Heft“ üben. Das Selbsterziehungsziel dabei die Entmenschung, doch die von Kristóf explizit ausgestellten – auch sexuellen – Erfahrungen der Knaben von Ostertag nur angedeutet. Je grausamer die Ereignisse, desto poetischer die Bilder, die sie findet. Dietersdorfer wird als im Haus einquartierter Offizier mit BDSM-Passion nicht bis aufs Blut gepeitscht, sondern mit Farbbeuteln beworfen, als triebhafte Magd spricht er Schönbrunner Deutsch.

Der gebeinedeite Hemmer totentanzt in Kruzifix-Geste über die Bühne, er in diesem Moment der lüsterne Pfarrer, dessen anlassige Übergriffe auf das Nachbarsmädchen endlich aufgeflogen sind. Dies Mädchen mit der Hasenscharte spielt Michèle Rohrbach, beständig auf allen vieren, ein Grimm’sches Nachtwesen mit Tierschnauze und aus dem Herzen sprudelnden Blutkreislauf, an ihrer Seite, die Ostertag traut sich was mit den sprichwörtlich die Show stehlenden Kindern und Hunden, Border Collie Lilli. Ostertag kennt in ihren bloßen Fingerzeigen ebenso wenig Gnade, wie die literarische Vorlage: ein Soldat, der im Wald erfriert und die Bewaffnung der Zwillinge bedeutet; Vergewaltiger, die als Befreier gekommen sind; der Hohn der Dorfbewohner gegenüber denen, die nun abtransportiert werden.

Das Mädchen mit der Hasenscharte und ihr Hund: Michèle Rohrbach mit Border Collie Lili. Bild: Bettina Frenzel

Mutter will ihre Söhne abholen: Rohrbach, hinten: Dietersdorfer, Wiederhold, Rösler und Werner. Bild: Bettina Frenzel

In dieser Welt gibt es keine Hoffnung, niemals mehr, nur noch Sarkasmus – und den Schaden, den Krieg in jungen Seelen anrichtet, wenn statt moralischer Grundsätze blanker Hass vorgelebt wird. Die Zwillinge müssen ihren moralischen Kompass allein kalibrieren – und naturgemäß scheitern. Die Spiegelung der eigenen Menschlichkeit im anderen ist nichts als eine Sehnsucht, sagt Ostertag, sagt Kristóf, und wenn die Autorin am Ende ihres Buchs die Brüder trennt und in den Folgeromanen „Der Beweis“ und „Die dritte Lüge“ Zweifel an der Existenz des zweiten Zwillings aufkommen

lässt, so tut dies Ostertag mit ihren rund ums Wir-Individuum komponierten Duplizitäten um nichts weniger. Neben allen anderen Akteuren ein Glücksfall ist Emma Wiederhold als gruselig grinsendes Kind von mutmaßlich Deportierten. Die großmütterliche Hexe will die verwaiste Violinistin nämlich nur gegen Geld bei sich aufnehmen, da fletscht die Kleine die Lippen und zeigt ihren Edelmetall-Grill – Zahngold im Mädchenmund. Mehr Gänsehaut verursacht lediglich die Schlussszene von Michèle Rohrbach, die sich am Ende, um die Mutter darzustellen, schließlich auf die Beine stellt. Diese kommt samt neugeborener Schwester.

In der Absicht, ihre Söhne zu sich zu holen, doch eine explodierende Granate tötet sie und die Tochter. Dass Rohrbach unübersehbar tatsächlich demnächst ein Baby bekommt, macht diesen kurzen Augenblick umso eindrücklicher, umso furchtbarer. „Das große Heft“ im Kosmos Theater ist ein Gesamtkunstwerk, das an Bertrand Mandicos „Les garçons sauvages“ erinnert (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=33934), jeder platzende Ballon, manche davon mit im Dunkeln effektvoll leuchtender Farbe gefüllt, jeder Sprachtakt-, Licht-, Musikwechsel, jede Körperbewegung dieser perfekten Performertruppe, die Hintergrundschriften, die französischen Passagen, diese, weil Kristóf den Text auf Französisch verfasste, lassen einen aufgewühlt und atemlos zurück. Die Albträume kommen nach dieser Aufführung – so sicher wie das Amen in des Pfarrers Gebet.

Teaser: www.youtube.com/watch?v=uNPz4h1v54M           www.youtube.com/watch?v=N17UJKVvMyo           www.kosmostheater.at           www.makemake.at

4. 12. 2019

Jeffrey Eugenides: Das große Experiment

November 25, 2018 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Keine Angst vor Körperflüssigkeiten

„Das große Experiment“, so heißt der Kleinverlag eines Pornomillionärs, in dem Lektor Kendall sein finanziell unbefriedigendes Dasein fristet, gerade dabei, dies das Titelzitat, Alexis de Tocquevilles bahnbrechende Publikation „Über die Demokratie in Amerika“ zu einer konsumierbaren Kurzfassung zu verdichten. Wegen der Knausrigkeit des Chefs, der sich weigert, ihm die Krankenversicherung zu bezahlen, werden Kendall und sein Kollege Buchhalter zu Betrügern. Doch just in dem Moment, in dem sie beginnen, in großem Stil Geld abzuzwacken, erweist sich eben jener Jimmy unerwartet als so ungeheuer großzügig, und auch als intelligenter und informierter als angenommen, dass Kendall plötzlich tief in der Pasche sitzt …

„Das große Experiment“ ist eine von zehn Erzählungen, die im gleichnamigen Buch zur ersten Kurzgeschichtensammlung von Jeffrey Eugenides zusammengefasst sind. Sie stammen aus 30 Jahren Autorschaft, umspannen also ein ganzes Schriftstellerleben, das mit dem Pulitzer-Preis für „Middlesex“ bis dato seinen Höhepunkt hatte, und was sich sagen lässt, ist: der Epiker ist auch auf der Kurzstrecke ein Gewinner.

Die Themen, Liebe oder was dafür gehalten wird, Ehe und ihre Probleme, Identitätskrise und Geschlechterkrieg, sind Eugenides eigen. Das geheimnisvolle Vom-Mädchen-zur-Frau-Werden, die erotische Färbung gleichgeschlechtlicher Freundschaften, die Verlockung Freitod, das ist beispielsweise aus den „Selbstmord-Schwestern“ bekannt, und kommt hier, in der Erzählung „Launenhafte Gärten“ aus dem Jahr 1988, als sozusagen Subtext vor. Während die Handlung von zwei ältlichen Junggesellen vorangetrieben wird. „Das Orakel der Vulva“ aus dem Jahr 1999, in der ein Sexualforscher im Dschungel Guatemalas über soziales und biologisches Geschlecht bei einem Eingeborenenstamm berichtet, legt die Fährte direkt zur zweigeschlechtlichen Romanfigur Calliope/Cal Stephanides.

Eugenides‘ Short Stories sind virtuos komponiert, zutiefst anrührend und, da ja „nur“ als Schlaglichter auf menschliche Schicksale gerichtet, nahezu verschwenderisch detailverliebt. Da benehmen sich Söhne, die die demente Mutter ins Heim abschieben, so verdächtig unauffällig wie Geheimagenten. Da wird ein mit schmutzigen Socken und Slips zugemülltes Schlafzimmer zur Höhle zweier Bären. Da erfüllt sich in „Die Bratenspritze“ eine bis dato mehr karriere- als männergeile Forty-Something mit ebendieser den Babywunsch. Diese 30-Seiten-Geschichte wäre gut für einen ganzen Roman, mit skurril-satirischer Zuspitzung dank eines Losers namens Wally Mars, dessen besondere Merkmale Knubbelnase und Glubschaugen rätselhafter Weise beim Neugeborenen erkennbar sein werden … Vor Körperflüssigkeiten aller Art darf man bei diesem Autor keine Angst haben.

Bild: pixabay.com

Bild: pixabay.com

Eugenides ist ein begnadeter Stilist, er kann’s als Humorist, kann Sarkasmus, aber auch die komplette Skala der großen Gefühle bespielen. Die Motive, die seine Ausführungen als Klammer zusammenhalten, siehe Tocqueville, zeigen eine USA in anhaltender Krise. Samt Bankencrash und dem Ins-Verderben-Reißen der kleinen Sparer, dem sich von Wahl zu Wahl neu vollziehenden politischen Wertewandel, und der Frage, wie die Generationen X, Y, Z auf die zunehmend prekären Verhältnisse überhaupt noch reagieren können. In einer verzweifelt melancholischen Geschichte über einen maroden Motelbesitzer bleibt diese, so wie das Ende, offen. Das macht Eugenides immer wieder, nichts auserzählen, sondern das Ganze im Leser atmosphärisch nachwirken lassen.

„Such den Bösewicht“ heißt die persönlich als beste empfundene Erzählung. Darin sitzt ein Ehemann im Gebüsch vor seinem Haus und beobachtet seine Familie. Nach und nach deckt dieses „Ich“ auf, dass es polizeilich von daheim weggewiesen wurde. Weil der Mann meist alkoholisiert und dann ein Gewalttäter ist, weil ein Streit, nachdem seine Sexaffäre mit der Babysitterin aufgeflogen war, eskalierte. Oder ist das alles doch nicht so passiert? Wie dieses Ich sich selbst darstellt und wie Frau und Kinder ergo ihm unverständlich panisch auf sein Verhalten reagieren, diese Beschreibung ist große Kunst. Auch darüber hätte man gern mehr erfahren. Aber, wer weiß?, vielleicht kommt ja noch ein Bösewicht-Buch.

Über den Autor: Jeffrey Eugenides, geboren 1960 in Detroit in Michigan, bekam 2003 für seinen weltweit gefeierten Roman „Middlesex“ den Pulitzer-Preis und den Welt-Literaturpreis verliehen. Sein erster Roman „Die Selbstmord-Schwestern“ wurde 1999 von Sofia Coppola verfilmt, und war vergangenes Jahr bei den Wiener Festwochen in einer Theaterfassung zu sehen (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=29022). Außerdem veröffentlichte er die Anthologie „Der Spatz meiner Herrin ist tot. Große Liebesgeschichten der Weltliteratur“ und den Roman „Die Liebeshandlung“, für den er den Prix Fitzgerald und den Madame Figaro Literary Prize erhielt. Er lehrt als Lewis and Loretta Glucksman Professor Amerikanische Literatur an der New York University.

Rowohlt, Jeffrey Eugenides: „Das große Experiment“, Erzählungen, 336 Seiten. Übersetzt aus dem Englischen von Gregor Hens und anderen.

www.facebook.com/jeffreyeugenidesnovelist

www.rowohlt.de

  1. 11. 2018

Österreichisches Filmmuseum: Der große Grant – W. C. Fields, Hans Moser, Totò, Louis de Funès

April 1, 2017 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Spaß, der ernst genommen werden will

Ein berühmt gewordener Gesichtsausdruck: Louis de Funès in „L’Aile ou la cuisse“, 1976, Regisseur Claude Zidi. Bild: Österreichisches Filmmuseum

Ab 7. April präsentiert das Österreichische Filmmuseum vier Giganten der Kino-Komik: Der Österreicher Hans Moser, der Italiener Totò, der Amerikaner W. C. Fields und der Franzose Louis de Funès wurden so etwas wie nationale Ikonen ihrer Länder. Obwohl die meisten ihrer Filme weder für die Ewigkeit gemacht noch gedacht waren – und oft mehr als mäßige Kritiken erhielten, wurden die Darsteller durch die Liebe ihres Publikums unsterblich.

Moser, Totò, Fields und de Funès sind auch weltanschaulich und durch eine gemeinsame kulturelle Entwicklung verbunden: Alle kommen aus lokalen Bühnentraditionen – Moser als Wiener Volksschauspieler, Totò vom neapolitanischen avanspettacolo, de Funès von der französischen Farce -, die sie nach jeweils erst spät erlangter Berühmtheit filmisch ganz auf sich zuschneiden konnten. Sie spielen meist tragikomische grumpy old men, die ihrem Ärger über gesellschaftliche Veränderungen freien Lauf lassen. Auch der US-Vorläufer W. C. Fields konnte seinen Vaudeville-Ruhm erst mit dem Tonfilm zur Kino-Karriere ummünzen; er repräsentiert den großen Grant in seiner wohl misanthropischsten Spielart: „I am free of all prejudices. I hate everyone equally.“

Das Komiker-Quartett enttarnt mit einem paradoxen Mix aus Anarchie und Konservativismus die Mentalität des sogenannten „kleinen Mannes“: Und sie nehmen den Spaß dabei sehr ernst. Sie spielen mit dem systemstörenden Witz von Figuren, die sich als systemkonform sehen, gar als letzte Verteidiger einer überkommenen Tradition, der Herrschaft des Patriarchats. Sie kämpfen gegen die Mächtigen, nicht gegen die Macht, zersetzen die Ordnung, ohne sie anzuzweifeln, und selbst beim Erschwindeln des Lebensnotwendigsten geht es gegen das Arm-Sein, nicht gegen die Armut an sich. In diesen Jedermann-Identifikationsfiguren spiegelt sich vor allem die wachsende Prosperität des Mittelstandes.

Spielte Moser noch bevorzugt Subalterne, meist Dienstboten oder Kleinkrämer, so erlebte Totò mit dem Nachkriegswirtschaftswunder einen gesellschaftlichen Aufstieg aus dem Subproletariat. De Funès‘ Starrollen der 1960- und 1970er-Jahre liegen bereits im besseren Mittelstand mit Oberschichtstendenzen, bei einem Status also, den W. C. Fields gern vorgaukelte. Wo Moser den Diener spielt, gibt de Funès den Herren. Aber wie seine furiosen Ausbrüche zeigen, ist er doch ein pedantischer Kleingeist geblieben.

Totò in „Dov’è la libertà …?“, 1954, Regisseur Roberto Rossellini. Bild: Österreichisches Filmmuseum

W. C. Fields in „Never Give a Sucker an Even Break“, 1941, Regisseur Edward F. Cline. Bild: Österreichisches Filmmuseum

Noch verblüffender sind die Parallelen der vier Komiker in der Herausbildung ihrer Star-Persona. So schwindelte sich W. C. Fields (William Claude Dukenfield, 1880–1946) großsprecherisch zum US-Selfmademan empor – ob als geplagter Haustyrann in den 1930ern oder in vollends surrealistischer Selbstparodie in den 1940ern. Hans Moser (Johann Julier, 1880–1964) war jahrelang Bühnencharge; erst nach der Entdeckung durch Max Reinhardt eroberte er in den Dreißigerjahren das Theater und das Kino. Frühe Rollen zeigen schon den seriösen „Wahrspieler“, wie Reinhardt Moser nannte, auf dem Weg zur komischen Meisterschaft. Mit seiner Wienerischen Art bleibt Moser dabei der gemütlichste unter den Grantlern.

Ans Eingemachte geht es stets bei Totò (Antonio de Curtis, 1898–1967), der nach längerem Anlauf ab Mitte der Vierzigerjahre im Kino reüssierte. Sein Grant liegt über den Zügen der Commedia dell’arte-Figur Pulcinella und betont das Universelle, nach dem Motto seines Herzensprojekts „Siamo uomini o caporali?“ – Mensch oder Kapo, Überleben oder Ausbeutung, Widerstand oder Anpassung? Letztlich geht es bei ihm immer grundlegend um Leben und Tod, wie die letzten Totò-Arbeiten mit Pier Paolo Pasolini Ende der 1960er-Jahre überwältigend demonstrieren. Zu dieser Zeit kam für Louis de Funès (Louis Germain David de Funès de Galarza, 1914–1983) erst der Durchbruch – nach Synchronsprecher-Jobs, unter anderem für Totò! und vielen Nebenrollen. Als frenetischer Choleriker brachte er in seinen Genie/Streichen den Grant zur Explosion.

Jeder der vier hat für das Spiel einen eigenen, unverwechselbaren Sound entwickelt, die Sprache sinnzerstörend missbraucht, verdreht – und in Musik verwandelt: Mosers nuschelnder Singsang; Totòs surreal schwebendes, gnadenlos beharrliches Zerreden; das Beleidigungen orgelnde Grummeln von Fields; die Repetitionen bis zur absurden Dreiklang-Verkürzung „Nein!“ – „Doch!“ – „Oh!“ bei de Funès. Ihr ausgeprägter Bühneninstinkt führte zum virtuosen Umgang mit den filmischen Spielräumen: Sie spürten, wann sie Nahaufnahmen brauchten oder ob erweiterte Interaktion nötig war, mit Requisiten oder Kollegen: Totò, de Funès und besonders Moser hatten bevorzugte Duettpartner, nur Fields schien es immer egal zu sein, ob sein Gegenüber ein lästiges Baby war oder ein freundliches Martiniglas …

Hans Moser (mit Theo Lingen) in „Wiener Blut“, 1942, Regisseur Willi Forst. Bild: Österreichisches Filmmuseum

Mit fortschreitendem Erfolg kontrollierten sie ihre Filme  nicht nur in einzelnen Szenen – durch ihr berüchtigtes improvisatorisches Aushebeln des Gegenüber/“Gegners“, sondern meist zur Gänze, unterstützt von Regisseuren wie Edward F. Cline, E.W. Emo, Steno oder Jean Girault. Dabei griffen sie gern auf ihre berühmten Bühnenroutinen zurück: Moser variierte seinen Koffer-Sketch lange vor „Hallo Dienstmann“ in vielen Auftritten, „Totò a colori“ besteht aus versammelten Varieté-Sternstunden.

Mit „Oscar“ adaptierte de Funès seinen größten Theatererfolg, und Fields zog prinzipiell seine Nummernrevue ab. Doch die lustige Fassade bröckelt, sobald sich der Grant gewalttätig Bahn bricht: In der ultrabrutalen Patientenfolter von Fields als „The Dentist“ oder beim Killer-Rätselraten in „Totò diabolicus“. Eine legendäre Totò-Wortverdrehung bringt diese Szenen auf den Punkt: „Jedes Ende hat seine Geduld.“

www.filmmuseum.at

Wien, 1. 4. 2017

Essl Museum: Das große Finale

Juni 13, 2016 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Open Days bei freiem Eintritt

Alex Katz: Agnes and Karlheinz Essl, 2010. © Bildrecht Wien, 2016, Bild: Mischa Nawrata, Wien

Alex Katz: Agnes and Karlheinz Essl, 2010. © Bildrecht Wien, 2016, Bild: Mischa Nawrata, Wien

Von 24. bis 30. Juni verabschiedet sich das Essl Museum bei seinen Besuchern mit den Open Days. Im Rahmen eines großen Finales gibt es noch einmal viele Kunstvermittlungsangebote, Konzerte und Lesungen bei freiem Eintritt.

An allen Finaltagen werden, neben Bücherflohmarkt, offenem Atelier und Tombola, Führungen durch die aktuellen Ausstellungen „Rendezvous“ um 11 Uhr (mehr: www.mottingers-meinung.at/?p=17589), „eSeL: Die Sammlung eSeL“  um 13 Uhr (mehr: www.mottingers-meinung.at/?p=19508) und „Body & Soul“ um 15 Uhr (mehr: www.mottingers-meinung.at/?p=18457) geboten. Am 24. Juni gibt es mit dem Final Director’s Cut die letzte Museumsführung mit Karlheinz Essl durch sein Haus (Anmeldung erforderlich: anmeldung@essl.museum). Am 26. Juni folgen sowohl Sternstunden aus dem Literatur-Programm des Essl Museums mit Ernesto Susana, Josef Kleindienst, Alexander Urosevic,Magda Woitzuck, Jürgen Bauer, Gabriele Kögl, Stephan Eibel Erzberg und Gabriele Petricek als auch ein musikalischer Kehraus mit den Voces Spontane. Nicht versäumen sollte man am 30. Juni die Abschlussperformance aller Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter.

Otto Muehl, Fotograf: Ludwig Hoffenreich, Wehrertüchtigung, 40. Aktion, 1966. © BILDRECHT Wien, 2016, Bild: Stefan Fiedler – Salon Iris, Wien

Otto Muehl, Fotograf: Ludwig Hoffenreich, Wehrertüchtigung, 40. Aktion, 1966. © Bildrecht Wien, 2016, Bild: Stefan Fiedler – Salon Iris, Wien

Christian Eisenberger im Atelier (27.3.2015). Bild: © eSeL.at - Lorenz Seidler

Christian Eisenberger im Atelier (27.3.2015). Bild: © eSeL.at – Lorenz Seidler

 

 

 

 

 

 

 

 

mottingers-meinung.at dankt dem Essl Museum für die vielen sehenswerten Ausstellungen und für sein Engagement für die zeitgenössische, nicht nur österreichische Kunst. Unvergessen bleiben wird vor allem dieser eine Moment mit Karlheinz Essl anlässlich der „Adolf Frohner“-Schau 2014, als man einander tatsächlich zufällig beim Betrachten der Bilder traf und spontan zu einem Rundgang mit sehr persönlichen Gesprächen über „den Adi“ eingeladen wurde. Dieser Einblick und Weitblick einer Sammlerpersönlichkeit wird uns fehlen.

www.essl.museum

Wien, 13. 6. 2016

Georg Danzer – Große Dinge – Erlebtes und Erzähltes

März 5, 2015 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

9783800076116Im Ueberreuter Verlag erscheint am 10. März eine Georg-Danzer-Biografie. Nein, er war keiner, der in der Bussi-Bussi Gesellschaft daheim war, keiner, der sein Privatleben öffentlich gemacht hat, dessen Lieder, dessen Meinungen zu gesellschaftspolitischen Themen wie Humanität und Freiheit aber umso lauter die Gesellschaft aufgerüttelt haben.
Vor vierzig Jahren wurde Georg Danzer mit dem Lied „Jö schau“ bekannt, seine Songs haben Generationen von österreichischen Liedermachern geprägt und beeinflusst.

Georg Danzer hatte Anfang der 90er-Jahre seine Autobiographie verfasst.
Titel: „Auf und davon“. Durch den Konkurs des Verlages unmittelbar nach der Veröffentlichung blieb das Buch bis heute verschollen. Darin erzählt Danzer über seine Kindheit in der Wiener Vorstadt, über das Leben im zerstörten Nachkriegs-Wien, er erinnert sich an das Heranwachsen am Gaudenzdorfer Gürtel in Meidling, an seine Entdeckung der Wiener Innenstadt mit dem Jazz-Club „Riverboat“ und an die vielen Stunden im Café Hawelka. ‚Auf und davon‘ ist die sehr persönliche Geschichte des Erwachsenwerdens, der Entdeckung von Musik und wie es ist, wenn man als junger Mann das erste Mal auf Reisen geht.
Per Autostop zu dem Sehnsuchtsort Griechenland!

„Auf und davon“ ist ein Teil des Buches. Im zweiten Teil kommen Freunde, Künstlerkollegen wie Wolfgang Ambros, Marianne Mendt, Ulli Bäer, Hans Theessink und viele andere zu Wort. Sie erzählen den Autoren Franz Christian ‚Blacky‘ Schwarz und Andy Zahradnik von ihren Erinnerungen und Erlebnissen mit Georg Danzer. Herausgekommen ist das Bild eines nachdenklichen Menschen, eines Künstlers, der den „großen Dingen“ immer mit einer klugen Skepsis begegnet ist, der Triumphe und Niederlagen erlebt hat, der sich nie ein Blatt vor den Mund genommen hat, für seine Überzeugung eingestanden ist und an den sich seine Kolleginnen und Kollegen mit großem Respekt und tiefer Sympathie erinnern.

Georg Danzer, Franz Christian Schwarz, Andy Zahradnik: Georg Danzer. Große Dinge – Erlebtes und Erzähltes. Ueberreuter Verlag, 240 Seiten.

www.ueberreuter-sachbuch.at

Wien, 5. 3. 2015