ORF: Vorstadtweiber

August 18, 2014 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Dreharbeiten zu neuer Gesellschaftssatireserie

Bild: Petro Domenigg

Bild: Petro Domenigg

„Etwas Ungewöhnliches, Unkonventionelles, Mutiges“ – genau darauf darf sich das Fernsehpublikum freuen, wenn Drehbuchautor Uli Brée Geschichten von und um die „Vorstadtweiber“ erzählt, die derzeit in der gleichnamigen ORF-Gesellschaftssatireserie in Wien verfilmt werden. Denn in der titelgebenden „Vorstadt“ ist die Hölle los: So ein bisschen zwischen „Desperate Housewives“ und „Suburgatory„. Schließlich ist auch in einer vermeintlich besseren Gesellschaft nicht alles Gold, was glänzt. Und je höher man einmal ist, umso tiefer dann auch der Fall. Die Besetzung ist exquisit: Von den Burgtheaterschauspielern Adina Vetter und Lucas Gregorowicz über die Josefstädter Gerti Drassl,  Maria Köstlinger und Sandra Cervik bis zu Simon Schwarz, Martina Ebm, Bernhard Schir, Nina Proll, Proschat Madani Juergen Maurer, Xaver Hutter, Gertrud Roll, Johannes Nussbaum und Philipp Hochmair. Regie bei diesen zehn 45-minütigen Folgen führte beim ersten Drehblock Sabine Derflinger. Zu sehen ist die MR-Film-Produktion voraussichtlich 2015 in ORF eins.

Gerti Drassl spielt Maria Schneider, Ehefrau und Mutter eines 16-jährigen Sohnes, die alle gemeinsam mit der Schwiegermutter unter einem Dach leben. Über die Serie: „Es geht stark um Masken innerhalb der Gesellschaft, darum, was ich repräsentieren möchte und wie es mir wirklich geht. Das betrifft auch ganz stark meine Figur, und so muss Maria einen Weg zu sich hin finden. Das zu entdecken und zu spielen ist für mich sehr spannend. Und dabei sehe ich auch vieles, was ich bis jetzt noch nicht gekannt habe, oder etwas, das ich zwar schon gekannt habe, aber nun mit anderen Augen sehe. Das ist auch eine der besonderen Qualitäten dieser Serie, hinter die Fassaden blicken zu können, zu sehen, was man nach außen hin repräsentiert und was man sein will.“

Maria Köstlinger spielt die aus altem Adel stammende Waltraud Steinberg: „Die Walli, Waltraud, ist eine unendlich direkte Person, die immer das sagt, was sie denkt, das auch sehr frech, manchmal sogar unter der Gürtellinie. Sie ist eine, die sich auch alles nimmt, wenn sie es braucht, sich nichts schenkt – und auch wirklich davon überzeugt ist, dass man so durchs Leben gehen kann. Mit ihrem Mann führt sie eine recht eigene Beziehung, einen Machtkampf, der, wenn man hinschaut, vielleicht nicht ganz so nett aussieht – und trotzdem eine anscheinende gewisse Anziehung für beide hat.“ Ob es im Leben Extremsituationen braucht? „Ich befürchte, dass es viele Dinge gibt, die im Leben passieren müssen, um wirklich über sich selbst hinaus wachsen zu können. Ich glaube, dass der Mensch so strukturiert ist, dass immer erst etwas passieren muss und die Alarmglocken läuten müssen. Und bei den ‚Vorstadtweibern‘ ist es offensichtlich auch so.“

Nina Proll über ihre Rolle: „Ich spiele Nicolette Huber, eines von den ‚Vorstadtweibern‘, die eigentlich die Einzige ist, die als Boutiquenbesitzerin einen wirklichen Beruf ausübt, die selbstständig und nicht von einem Mann abhängig ist. Sie hat ein Verhältnis mit einem verheirateten Mann, und ihr großes Thema ist, die erste Frau im Leben dieses Mannes zu werden und nicht die Zweite zu bleiben.“ Ob Druck tatsächlich nötig ist, um über sich hinauszuwachsen? „Man braucht Extremsituationen, um sich selbst kennenzulernen, das glaube ich schon. In Extremsituationen erfährt man etwas über sich, über seine Ängste, sein Können, seine Fähigkeiten. Manchmal wächst man dann über sich hinaus. Manchmal scheitert man daran.“

Wie sich das Frauenbild in dieser Gesellschaftssatire zusammenfassen lässt? „Natürlich sind diese Frauen, die wir darstellen, Klischees. Alles ein bisschen überzeichnet, aber Klischees entstehen ja auch oft aus einem bestimmten Grund, weil es einen Kern von Wahrheit gibt. Und ich glaube, dass es diese Art von Frauen, die sich stark über den Mann definieren, immer gegeben hat und auch immer geben wird, dass jede Frau ein bisschen davon in sich trägt und man sich diese Identität als Frau erkämpfen und bewahren muss. Das ist für Männer offenbar viel selbstverständlicher als für Frauen.“

Martina Ebm spielt Caroline Melzer, das Nesthäkchen unter den „Vorstadtweibern“: „Die Caro ist eine Frau, die sehr bodenständig ist, und weiß, was sie will. Gut verheiratet und gleichzeitig auch sehr umtriebig. Sie ist noch sehr jung und hat einen Mann, der einiges älter ist. Das ist nicht immer leicht für sie.“ Ob es Ähnlichkeiten zwischen Rolle und Person gibt? „Man sucht natürlich immer etwas, das einen mit der Figur verbindet, aber es ist auch spannend, die Figuren zu spielen, die nichts mit einem selbst gemeinsam haben – und da finde ich auch sehr viele Anknüpfungspunkte.“ Was sich die Zuseher erwarten dürfen? „Die Serie ist sehr witzig, spontan und modern – auf eine ganz eigene Art.“

Adina Vetter über ihre Rolle der von ihrem Ehemann verlassenen, mittellosen Sabine Herold: „Ich bin eines der ‚Vorstadtweiber‘ – oder eher ein ehemaliges ‚Vorstadtweib‘. Ich komme wieder dazu, weil ich ausgestoßen wurde. Rausgeschmissen vom Ehemann, weil er eine Neue hat, kein Geld, weil ich keinen Ehevertrag gemacht habe. Ich habe ja aus Liebe geheiratet – das macht man nicht. Und jetzt stehe ich da mit einem Koffer und ein paar Schuhen.“

Proschat Madani, die derzeit auch für die dritte Staffel der ORF-Serie „CopStories“ vor der Kamera steht, spielt die Anwältin Tina. Was sich das Publikum von den „Vorstadtweibern“ erwarten darf? „Schräge Figuren, eine sehr komplexe und spannende Geschichte mit vielen Wendungen, vielen Überraschungen, vielen Geheimnissen und viel Unterhaltung, Spaß und Humor. Diese große Kunst des Drehbuchs und die Figuren, die eigentlich ziemlich schreckliche und grausige Dinge machen, die man aber trotzdem mag. Man erkennt sich sicher auch in einigen wieder. Und das ist, glaube ich, das Spannende daran.“ Ähnlich sieht das auch Sandra Cervik in der Rolle der Haushälterin Helga Pariasek: „Jeder von uns hat Geheimnisse.“

Juergen Maurer, der den Immobilienmakler Georg Schneider und Marias Ehemann spielt, über die Produktion: „Das Spannende an der Serie ist, dass es etwas Neues ist in der österreichischen Fernsehlandschaft, dieses satirische Bild auf ein anderes, soziales Segment, als es bis dato in solchen und ähnlichen Formaten bedient wurde. Nicht ‚Kaisermühlen Blues‘ und nicht ‚Ein echter Wiener geht nicht unter‘, sondern tatsächlich zwei, drei Etagen drüber. Die Hautevolee, die oberen Zehntausend und ihre Abgründe in privaten wie beruflichen Belangen. Lüge, Betrug, Korruption. Finster, ganz finster. Aber die Figuren sind alle auf eine Art und Weise Sympathieträger, weil sie zutiefst menschlich sind mit ihren kleinen und großen Krawallen, die sie haben. Sie sind fehlerbehaftet, wie wir alle – und außerdem zutiefst korrupt. Bis auf die Knochen. Aber wir siedeln auch in einem etwas höheren sozialen Segment an, und da soll es das ja geben.“ Doch einmal bei den oberen Zehntausend angekommen, ist die Fallhöhe auch umso größer: „Es geht moralisch ganz runter. Es wird kriminell, es geht politisch und geschäftsmäßig bis in die allerbösesten Korruptionskanäle. Und Georg Schneider ist ein Seiltänzer über einem sehr hohen Abgrund, der sich eine Situation gebaut hat, die derartig riskant und brisant ist, dass man geneigt ist, sich wegzudrehen und sich zu fragen ‚Um Gottes willen, wo soll das hinführen?‘. Und da geht es dann auch schnurgerade in die Katastrophe.“

Bernhard Schir steht als Bankdirektor Hadrian Melzer und Carolines Ehemann vor der Kamera: „Ich glaube, das Schöne an diesen zehn Folgen ist, dass es ein kleines Sittengemälde ist. Mit sehr viel Humor, mit sehr viel Boshaftigkeit, Zynismus, kaputten Paaren – und trotzdem mag man die alle.“ Ähnlich sieht das auch Simon Schwarz, der Josef Steinberg, Ministerialrat und Waltrauds Ehemann, spielt: „Mir gefällt es sehr gut, weil es sehr böse ist, weil alle böse sind. Aber nein, so korrupt und ständig korrupt ist meine Figur nicht. Unmoralisch vielleicht, bis zu einem gewissen Grad, und vielleicht einmal korrupt. Da muss ich die Figur in Schutz nehmen. Und unmoralisch ist Josef Steinberg auch nicht mehr als seine Frau. Das hält sich die Waage.“

Regie beim zweiten Drehblock führt nach Sabine Derflinger nun Harald Sicheritz: „Ich glaube, dass die ‚Vorstadtweiber‘ ein sehr gelungenes Sittengemälde sind. Von der Zeit, in der wir leben, von dem Moralgebäude, in dem wir leben. Und insofern macht es großen Spaß, weil ich denke, dass Humor, schwarzer Humor, und Satire die besten Waffen gegen Misanthropie sind. Und ich glaube, dass es jedem Menschen guttut, einen Spiegel vorgehalten zu kriegen – genau das versuchen wir hier. Dass man sich entrüsten kann über Dinge, die man selber lebt. Das ist ja was Charmantes, finde ich. Und die Botschaft ist ganz sicher, dass Moral und menschliche Würde gar nicht so leicht zu erreichen und zu erhalten sind.“

Drehbuchautor Uli Brée, der übrigens selbst als Anwalt vor der Kamera steht, erzählt: „Wir erzählen sehr brüchige, keine konventionellen, linear gebauten Figuren. Der Böse ist nicht der Böse – und der Gute ist nicht der Gute. Der Böse hat schöne und schlechte Seiten und der Gute genauso. Jeder ist gut und schlecht. Und jeder ist bemitleidens-, liebens-, bedauerns- und verachtenswert. Für mich ist es gerade das Spannende, Figuren zu entwickeln, die Ecken und Kanten haben, die auch Dinge tun, die nicht nachvollziehbar sind, denn wenn wir ehrlich sind, machen wir das auch oft. Das hängt nur davon ab, aus welcher Perspektive heraus man es betrachtet. Und ich will Menschen zeigen, die all diese Farben und Facetten in sich tragen.“

wien.orf.at/news/stories/2663233/

Wien, 18. 8. 2014

Akademietheater: Parzival

April 29, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

David Bösch bleibt ein Berufsjugendlicher

Lucas Gregorowicz Reinhard Werner/Burgtheater

Lucas Gregorowicz
Reinhard Werner/Burgtheater

Es gab vor einiger Zeit eine „Parzival“-Interpretation der Jungen Burg, die hatte Witz und Charme und ging mit viel Verstand mit dem Inhalt dieser uralten Legende um. In „Short Cuts“ wurde dem Publikum näher gebracht, wie da ein Naturbursche, ein reiner Tor, mit Betonung auf „rein“, zum Rasenden wird. Quellen und Interpretationen gibt es viele. Und Irrtümer. In John Boormans „Excalibur“ lässt der Regisseur seinen Helden auf die Frage: „Wem dient der Gral?“ die dümmste Antwort der Filmgeschichte geben.

Nun also: Akademietheater. David Bösch. Tankred Dorst. Letzterer notierte einmal, beim Schreiben seines „Parzivals“ habe er manchmal an „die deutschen Jungen gedacht“, die „einfältig-hochmütig gen Stalingrad gefahren“ wären. Und eingefahren sind. Von deutscher Schuld ist da die Rede. „Wenn du unter Menschen kommst, bringen sie dich um“, erklärt ihm die Mutter jahrelang die selbstgewählte Waldeinsamkeit. Doch jeder muss sich vom entsetzlichen Zustand der Welt einmal selbst überzeugen. Und so bricht er auf. In die Wiener Lisztstraße. Dort wird er gleich einmal in ein dreckbeschmiertes Müllhaldenkind verwandelt. Mit kurzer Hose und Kaputzenjacke schlägt er sich durch ein Armageddon, das er selber anrichtet. Besungen von Musiker Bernhard Moshammer. Dessen Rockballaden, live vom Balkon, treiben die Handlung mehr voran als das szenische Spiel. Regisseur Bösch zeichnet dazu einen atemberaubenden Bilderbogen … und … aus. In dieser Geschichte einer Menschwerdung wird Bösch nicht zur Erlösergestalt. Er macht sich’s 90 Minuten lang lustig und hofft, dass sich das Publikum mit ihm gut unterhält. Sind wir nicht alle comic, Mann? Komisch.

Seit Bösch an der Burg inszeniert – „Adam Geist“, „Stallerhof“, „Gespenster“, „Der Talisman“, „Mutter Courage“ – zeigt er more of the same. Das heißt nicht, dass das nicht dann und wann sehr sehenswert war, aber: Will Bösch als one trick pony in die Annalen eingehen? Das jugendliche Genie, kürzlich erst in höchsten Tönen gelobt, verkommt am Haus zum Berufsjugendlichen. Jeder Anflug von Ernst wird durch lustige Einfälle hurtig wieder verscheucht. Routiniert spielt Bösch mit den Versatzstücken der Ritterkultur. Von den Eisenherz-Heftln bis zu den „Rittern der Kokosnuss“. Viel grell-grausliche Oberfläche, kein Tiefgang. Dass der Tümpel in dem der Abend vor sich hindümpelt nicht völlig austrocknet, ist den Schauspielern zu danken: Lucas Gregorowicz als spielfreudiger Parzival, Regina Fritsch als leicht pathetische, aber doch raue Mutter, Dietmar König, Daniel Jesch und Oliver Stokowski. Als der nackte Mann, der sein Karton-Haus auf dem Rücken wie eine Schnecke mit sich herumträgt, vor Mitgefühl mit der Welt vergeht und doch ein Egoist ist, gibt er eine abenteuerliche Abart von Wahnsinn, die besser ist, als der Rest des Ganzen.

Ansonsten bleibt das Mitleid aus. Bei Parzival und beim Publikum. Würde man Böschs Abend ein Kinderspiel nennen, man würde die beleidigen, die diese schwere Kunst beherrschen.

Bernhard Moshammer

www.burgtheater.at

Wien, 29. 4. 2014

David BöschD
David Bösch

David Bösch

Burgtheater: Maria Magdalena

Februar 25, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Michael Thalheimer macht aus Hebbels Drama

Uromas besten Eintopf

Sarah Viktoria Frick (Klara), Tilo Nest (Meister Anton), Lucas Gregorowicz (Leonhard), Regina Fritsch (Mutter) Bild: Georg Soulek / Burgtheater

Sarah Viktoria Frick (Klara), Tilo Nest (Meister Anton), Lucas Gregorowicz (Leonhard), Regina Fritsch (Mutter)
Bild: Georg Soulek / Burgtheater

Die Zutaten sind bekannt. Aber das macht nichts. Gulasch schmeckt auch aufgewärmt am besten; und: niemand in der Familie würde es wagen, das Originalrezept der ungarischen Urgroßmutter zu verfälschen. So bestimmt auch diesmal – wo Olaf draufsteht, ist Altmann drin – die Würzmischung des Bühnenbildners den Geschmack. Schwärzestschwarzer schräger Kasten (das kennt man von „Elektra“), weißes Kreuz wie beim „Faust“, dazu Bert Wredes düster wummernde Musik. Michael Thalheimer inszeniert am Burgtheater Friedrich Hebbels kleinbürgerliches Trauerspiel „Maria Magdalena“. Und er tut es auf die ihm eigene Art, dampft das Drama zur Essenz ein, schneidet weg, was unnötig ist, und schlägt sich – wie immer, von seiner „Medea“ bis zu seiner „Jungfrau von Orleans“ – auf die Seite der Frau. „Maria Magdalena“ ist ein Opfertier. Von dem er Sehnen, Knorpel, Fett entfernt, nur das beste Fleisch, seine Schauspieler, in den Topf wirft. Das Skelett, die bloßen Knochen, sind das Gerüst, das er von der Handlung übrig lässt. So macht man Uromas besten Eintopf.

Hebbel schrieb seine Tragödie 1843. Als Beweis dafür, dass große Katastrophen nicht nur den Reichen und Schönen, sondern auch dem „vierten Stand“, der in Zeiten zunehmender Industrialisierung immer präsenter wurde, passieren können. Niemand so gering, dass ihn das Schicksal nicht im Gnack treffen wird. Hebbel läutete mit diesem Untotentanz den Realismus auf deutschen Bühnen ein. Die Handlung ist blutig: Klara, Tochter von Tischlermeister Anton, ist dem Leonhard verlobt, liebt diesen aber nicht. Aus einer Art Pflichterfüllungsgefühl gibt sie sich ihm hin und wird schwanger. Ihr Vater – er wird der letzte Überlebende sein – droht, sich mit dem Rasiermesser die Kehle durchzuschneiden, sollte Klara Schande über die Familie bringen. Ihre Mutter liegt im Sterben und stirbt schließlich. Schande über die Familie bringt derweil Klaras Bruder Karl, der eines Juwelenraubes bezichtigt wird, den er nicht begangen hat. Ein Sekretär liebt Klara und fordert Leonhard zum Duell. Beide werden tödlich verwundet. Klara wirft sich in den Brunnen. Der Vater sagt: „Ich verstehe die Welt nicht mehr.“

Maria Magdalena, die biblische, ist Programm. Thalheimer folgt Hebbel auf dieser Spur. Im Interview mit mottingers-meinung.at sagte er einmal, er lese ein Stück so oft, bis er gefunden habe, was ihn interessiere – hier war es offensichtlich die Frau, die durch eine bornierte, bigotte Männergesellschaft zugrunde gerichtet wird. Sarah Viktoria Frick im steifen weißen Kleidchen wie eine Puppe angetan, rotbäckig, rotzig, ist eine formidable Klara.  Sie „spielt“ die Marionette der über sie Macht Habenden, doch ihre Augen blitzen etwas anderes. Zum Freitod gehört auch das Wort frei. Regina Fritsch, ebenfalls im Brautkleid und zur Leiche geschminkt, ist die Mutter. Angeblich geht es ihr wieder gut, aber allein an der Stimme erkennt man die Zersetzung. Wie sie flötet, dann wieder das Monster rauslässt. Eine frömmlerisch gespaltene Persönlichkeit, die mit ihrem Tod ihre Tonlage an die Tochter vererbt, wenn die brüllt, kreischt, winselt, hechelt: Heirate mich! Um Gottes Willen, heirate mich! Ein Exorzist hätte seine Freude daran. Anton ist Tilo Nest, ein rechthaberischer, aggressiv um Würde bemühter, selbstgefälliger, auch selbstmitleidiger Charakter, der Hinrichtungsdekrete für seine Familie ausfüllt. Das ganze Tischlermeistershaus zum Grab macht. Man gönnt ihm, dass er am Ende alleine bleibt. Den Leonhard gibt Lucas Gregorowicz als geckenhaften, pomadigen Karrieregeilisten, der sich lieber der „buckligen Nichte“ des Bürgermeisters zuwendet als Holzfacharbeiters Schwiegersohn zu werden. In den übrigen Rollen ausgezeichnet: Tino Hillebrand als Karl, Albrecht Abraham Schuch als Sekretär und der luxuriöse Johann Adam Oest als bestohlener Kaufmann.

Die Welt ist in Schieflage geraten, macht Thalheimer klar. Seine karge Arbeit zeigt Menschen, die aneinander vorbeireden, sich nichts zu sagen haben, sondern schweigend auf Standpunkten beharren. Stillstand ist so garantiert. Thalheimer legt offen, warum die Welt ist, wie sie nicht sein sollte. Doch die Tugendterroristen haben am Ende das Nachsehen. Es siegt der Tod. Und das Mädchen.

www.burgtheater.at

www.mottingers-meinung.at/interview-michael-thalheimer-inszeniert-elektra/

www.mottingers-meinung.at/berliner-theatertreffen-thalheimers-medea/

www.mottingers-meinung.at/salzburger-festspiele-die-jungfrau-von-orleans/

Wien,25. 2. 2014