Burgtheater: Liebesgeschichten und Heiratssachen

April 14, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Im Schweinsgalopp durchs Nestroy-Stück

Nicht nur Ex-Fleischhauer Stefan Raab hat ein fahrbares Sofa: Regina Fritsch als Lucia Distel und Gregor Bloéb als Florian „von“ Fett. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Nach der Jubel-Trubel-Heiterkeit beim Schlussapplaus zu urteilen, hat sich das Burgtheater mit dieser Aufführung einen sicheren Publikumsliebling geschaffen. Regisseur Georg Schmiedleitner inszenierte Nestroys „Liebesgeschichten und Heiratssachen“ – und der Abend ist wirklich saukomisch. Die Wortwahl sitzt wie der berüchtigte Bolzen im Kopf, ist der Protagonist der Biedermeier-Posse doch ein ehemaliger Fleischselcher, der sich zum reichen Particulier emporgeschlachtet hat:

Florian Fett, neuerdings mit einem „von“. Aus diesem Umstand kann Schmiedleitner beinah drei Stunden lang Gags, Klamauk und Kalauer produzieren. Da ist eine Situation saugefährlich und ein Brief – Schriftstücke werden per rosa Plüschferkel befördert – natürlich mit Sauklaue geschrieben. Da kurvt der Hausherr mit einem fahrbaren Sofa durch sein Schloss, weil auch Stefan Raab war, bevor er endgültig privatisieren konnte … na? … na? – richtig, ein Metzgergeselle. Im Schweinsgalopp geht’s so durchs Nestroy-Stück.

Für dieses Verwechslungsliebesspiel mit drei Paaren, zwei Vätern und einem schlimmen Schlitzohr hat Volker Hintermeier eine Bühne erdacht, die sich mit den amourösen Eskapaden der Figuren im Kreis dreht. Stätten der Handlung sind ein desolates Salettl/Bar mit rotierendem roten Herz auf dem Dach, in dessen Dachboden die Band haust; der Fett’sche Salon mit Wappensau und jenen Plastikplanen als Vorhängen, die im fleischverarbeitenden Betrieb Hygienevorschrift sind; ein Mobilklo als Zufluchtsörtchen; und ein Plantschpool mit beleuchtbaren Kitsch-Flamingos. Alles atmet hier neureich oder guter Geschmack lässt sich nicht kaufen, ein sarkastisches Augenzwinkern, das Su Bühler bei ihrer Zuckerlfarbwahl und der Ausstattung der Kostüme fortsetzt – und das der Inszenierung insgesamt gutgetan hätte.

Die Wirtin hat Verständnis für die Standesdünkel des Marchese: Elisabeth Augustin und Dietmar König. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Flirt vor Flamingos: Martin Vischer wirbt in Schwyzerdütsch um Stefanie Dvoraks Ulrike. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Schmiedleitner nämlich setzt aufs Outrieren als alleiniges Stilmittel. Der laute Vollgas-Lustig-Modus in den er geschaltet hat, überschmettert allerdings die leisen Töne des revolutionsbegabten Autors, seine Zwischenbemerkungen, das Halbgesagte wie das Angedeutete. Was dem Abend fehlt, ist die Nestroy’sche Doppelbödigkeit, die spöttische Subtilität, mit der der große Wiener Dramatiker seine abgeschriebenen Plots verfeinerte.

Die in die Blödheit eines Fett eingeschriebene Bösartigkeit, die lauernde Gefährlichkeit eines Nebel, das beunruhigende Unbehagen darüber, dass Intriganten, Emporkömmlinge, Wirtschaftsliberalisten … in dieser Welt das Sagen haben. Und dass sich daran von 1843 bis heute nichts geändert hat.

Was die Nestroy’schen Figuren betrifft, so gestaltet sie hier jeder nach seiner Façon und seinen Fähigkeiten in der Farce. Die Charaktere werden manchen zur Karikatur, manchmal zur Knallcharge. Gregor Bloéb ist eine – pardon, aber im Zusammenhang passend – Rampensau. Er weiß, wie er sich die Lacher abholt, wenn er seinen Florian Fett im goldenen Protzanzug mit einem vulgären Zu-Viel-An-Allem versieht.

Oder den selbstverliebten Tölpel im Versuch, alles französisch auszusprechen, nicht nur gestelzt daherreden, sondern auch wie auf Stelzen stolzieren lässt. Als Fett lässt sich’s freilich gut aufgesetzt agieren, mit einem Wort: Bloéb rockt die Burg! Regina Fritsch überzeichnet die Fett-Verwandte Lucia Distel noch stärker. Die Brille-Locken-Pillbox-Kombination, die ihr Su Bühler verpasst hat, gehört eigentlich verboten, harmoniert aber perfekt mit dem von der Vornehmheit in einen Proletenslang kippenden Ohrenschmerzorgan, wenn etwas nicht nach dem Distel’schen Willen geht.

Marie-Luise Stockinger und Stefanie Dvorak sind als Fanny und Ulrike zwei richtige Trutschn ohne besonderen Tiefgang, nur Alexandra Henkel darf als Kammerkätzchen Philippine einen eigenen Kopf und Mut zur Koketterie haben und beides auch einsetzen. Elisabeth Augustin bleibt als Wirtin zum Silbernen Rappen weitgehend unauffällig, und warum Peter Matić als ihr Wirt als tätowierter Punk-Rocker auftreten muss, hat sich, seiner Darstellung nach zu urteilen, auch ihm selbst nicht erschlossen.

Der Gewinner des Till-Lindemann-Lookalike-Contests: Markus Meyer als Nebel, Peter Matic (hi.) gibt den Rappen-Wirt als Punk-Rocker. Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Vielleicht soll er ja in der Aufmachung zu Markus Meyer passen, dessen Zechpreller und Heiratsschwindler Nebel daherkommt, wie der Gewinner eines Till-Lindemann-Lookalike-Wettbewerbs. Der Nebochant Nebel, das ist bei Nestroy der Distel-Umgarner, der Fett-Um-den-Finger-Wickler, der Spielmacher und Drahtzieher – und gerade in dieser doch eigentlich Paraderolle bleibt der stets so großartige Markus Meyer seltsam blass. Ja, er macht gekonnt den Blender und Poser.

Und schrammelt auch auf der E-Gitarre. Doch weder kommen ihm die aphorismenhaften Aussprüche seiner Figur geschmeidig über die Lippen, noch scheint er am ohnedies auf zweimaligen Einsatz beschränkten Coupletgesang Freude zu haben. Martin Vischer als Kaufmannssohn Anton, Christoph Radakovits als dessen adeliger Freund Alfred und Dietmar König als wiederum dessen Vater, Marchese Vincelli, und Robert Reinagl in den Rollen diverser Bedienter sind immerhin fürs eine oder andere Kabinettstückchen gut. Der Basler Vischer probiert’s erst gar nicht mit einem ihm fremden Dialekt, sondern bleibt beim vertrauten Schwyzerdütsch. Er gibt einen herrlich korrekt-verklemmten Eidgenossen, während Radakovits das blaue Blut vor Leidenschaft in den Adern kocht.

Königs Marchese ist über die misera pleps, aus deren Klauen er seinen Sohn befreien zu müssen glaubt, ausschließlich eines – mit Taschentuch vorm Mund – angewidert. Und wenn der Vornehme stolpert und stürzt, oder ihm ins Gesicht gefurzt wird, oder seine Kehle wegen des Hausbrand des Wirten in Flammen steht, dann toben die Leut‘. Das Timing stimmt, die Pointen sitzen, alles dreht sich, alles bewegt sich – Zuschauer, was willst du mehr? Irgendwas mit Sinn – Tief-, Hinter-, Fein-? Na alsdann!

www.burgtheater.at

Wien, 14. 4. 2017

Theater in der Josefstadt: Ödön von Horváths „Niemand“

September 2, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

List und Tücke einer Uraufführung

Geri Drassl und Florian Teichtmeister überzeugen mit ihrem intensiven Spiel. Bild: Sepp Gallauer

Gerti Drassl und allen voran Florian Teichtmeister überzeugen mit ihrem intensiven Spiel. Bild: Sepp Gallauer

Fast ist man versucht zu formulieren, „Niemand“ hat Schuld. In Anlehnung an diese Schlüsselszene, in der Fürchtegott Lehmann Ihn anklagt. Hat er doch Sein Lachen gehört, und wer so lacht, der kann nicht weinen über das Schicksal der Menschen. Bleibt – ein sardonisches Grinsen, ein Verzerren der Mundwinkel, ein Zähneblecken wie nach einer Strychninvergiftung, um auszudrücken, was Leben heißt. Und genau dieses fehlt in Herbert Föttingers Uraufführungsinszenierung von Ödön von Horváths „Niemand“ am Theater in der Josefstadt. Eine Inszenierung, die sich auch mit einem „Aber ach!“ zusammenfassen ließe.

Bemüht sich der Hausherr als Horváth-Regisseur doch mit derart beflissener Sorgfalt und spürbarer Liebe zum Text, diesem gerecht zu werden, dass alles, was einem beim Lesen noch wie ein Raubtier angesprungen hat, auf dem Weg zur Bühne allzu handzahm wurde. Föttinger hat den Autor, wie es sich für eine Uraufführung gehört, beim Wort genommen. Nicht weniger, aber auch nicht mehr. Das ist List und Tücke in einem. Es ist, als hätten sich alle Beteiligten so sehr ins demütige Gebet geduckt, Heiliger Horváth, bitt‘ für uns!, dass ihnen die Gotteslästerung nicht mehr gelingen konnte.

Mit im Wesentlichen einer Ausnahme. Namens Florian Teichtmeister. Er schraubt sich als Darsteller des Fürchtegott Lehmann in lichte Höhen. Mit seiner scharfkantigen Schauspielkunst, die einmal mehr tief in die dunklen Winkel einer Seele blicken lässt.

„Niemand“ ist ein Stück aus einer Zeit, bevor Horváth die vielsagende Pause als wichtigsten Dialogteil erfand, entstanden 1924, da war er 23, offenbar niemals aufgeführt, lange verschwunden, von Föttinger in der FAZ als Auktionsgegenstand wiederentdeckt, von der Wienbibliothek ersteigert und nun vom Thomas Sessler-Verlag vertreten (dessen Geschäftsführerin Maria Teuchmann im Gespräch über „Niemand“: www.mottingers-meinung.at/?p=21624). Im Zentrum der Handlung steht ein Zinshaus, hier von Walter Vogelweider als eine sich um ihre eigene Achse drehende Welt aufgebaut, in das Horváth bereits sein typisches Milieu und dessen Motive einziehen lässt.

Das Gebäude gehört dem jungen, verkrüppelten Wucherer Lehmann, und in seinem Stiegenhaus versammeln sich Huren samt ihren Zuhältern und Freiern, durstige Handwerker, Kellnerinnen und ihr Wirt, eine diebische Hausmeisterin und ein so arbeits- wie ergo mittelloser Musikant. 24 Rollen sind’s, die man an der Josefstadt natürlich bis in die kleinsten vorzüglich besetzen kann, etwa mit André Pohl als Konditor, Heribert Sasse als Uraltem Stutzer oder Martin Zauner als einem von vier „schwarz gekleideten Männern“. Die, und man fragt sich, ob Horváth tatsächlich so prophetisch sein konnte, kommen im schwarzen Wagen, um die Leichname abzuholen. Auch die zukünftigen. Föttinger ließ diesen Figuren zusätzlich weiße Brecht-Gesichter aufmalen.

Horváths Zinshausgesellschaft: Martina Stilp, Swintha Gersthofer, Roman Schmelzer, Alexander Strobele, Peter Scholz und Thomas Kamper. Bild: Sepp Gallauer

Horváths Zinshausgesellschaft: Martina Stilp, Swintha Gersthofer, Roman Schmelzer, Alexander Strobele, Peter Scholz und Thomas Kamper. Bild: Sepp Gallauer

Wie Kain und Abel: Teichtmeister mit Raphael von Bargen. Bild: Sepp Gallauer

Zwei Brüder wie Kain und Abel: Florian Teichtmeister mit Raphael von Bargen. Bild: Sepp Gallauer

Wie er überhaupt bei seiner Arbeit an diesem expressionistischen Werk auf diese Art von „Verfremdung“ setzt. Als wäre Distanz und Dezenz ein Löschpapier auf den jugendlich überhitzen, überladenen, teilweise überspannten Zeilen, lässt Föttinger seine Darsteller lediglich am Rande ihrer Rollen entlangbalancieren. Auf Aktion wird über weite Strecken verzichtet.

Die Schauspieler, sie sprechen auch die Regieanweisungen als wären sie Gesetzestexte, haben sich, so scheint’s, in kritischer Entfernung zu ihren Charakteren aufgestellt, mitunter sogar als Textaufsager an der Rampe, aber gelangen von dort aus freilich kaum zum Spielen. Dabei, man merkt es an Dominic Oley als Musiker Klein, Martina Stilp als Prostituierter Gilda oder Roman Schmelzer als ihrem Zuhälter Wladimir, wären sie mehr als heiß darauf. Aber ach …

Im Zentrum des Ganzen – Teichtmeister, der mit atemberaubender Ambivalenz den von der Liebe empor gehobenen und schließlich zerschmetterten Lehmann gibt. Er endlich erzählt von der Lächerlichkeit des Lebens, er kann einen Menschen in all seinen existenziellen Nöten schillern lassen, der Hartleibige wird weichherzig, was ihn logischerweise zerstören muss.

Dieser Lehmann ist so bedrohlich wie bemitleidenswert, und Teichtmeister spielt die Gottessuche und den Gottesfluch und letztlich die Frage, wer wem die Krücken wegschlägt, als wär’s eine nietzscheanische. Horváth hat viel gewollt und viel verrätselt in diesem Frühwerk, und Teichtmeister folgt ihm auf seinem Weg ins Jenseits von Gut und Böse. Raphael von Bargen ist ein ebenbürtiger Kain zu diesem Abel, der Fremde, der sich als Bruder entpuppen, und nach dem skrupellosen Recht des Stärkeren überleben wird. Gerti Drassl, ein versiertes Horváth-Fräulein, steht als Ursula zwischen den beiden. Sie ist in ihrem Leid von schmerzhafter Intensität, sie spielt alle Farben grau. Nur die eine lässt sie aus, die nämlich, mit der man sich ausmalen könnte, ob ihre erbarmungswürdige Ursula nicht auch aus Berechnung handelt. Doch zu Recht gilt diesem Trio am Ende der größte Applaus.

Föttingers Horváth-Hochamt an der Josefstadt ist wie eine Sehenswürdigkeit. Man muss sie gesehen haben. Schließlich gilt’s nicht alle Tage ein neues Werk des Meisters zu entdecken. Und schließlich: Niemand weiß, ob wie auch immer „bessere“ Aufführungen dieses schwierigen Stücks überhaupt gelingen können …

Trailer: www.youtube.com/watch?v=zVJJXgfnnVU

www.josefstadt.org

Wien, 2. 9. 2016

Akademietheater: Engel des Vergessens

September 12, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein wichtiges Stück Zeitgeschichte

Elisabeth Orth (Großmußtter), Gregor Bloéb (Vater), Alina Fritsch (Ich 1) Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Elisabeth Orth (Großmußtter), Gregor Bloéb (Vater), Alina Fritsch (Ich 1)
Bild: Georg Soulek/Burgtheater

Nach dem Volkstheater (Rezension „Fasching“ www.mottingers-meinung.at/?p=14584) behandelt nun auch das Akademietheater zu Saisonbeginn ein wichtiges Stück Zeitgeschichte in Form eines für die Bühne adaptierten Romans: Regisseur Georg Schmiedleitner zeigt die von Autorin Maja Haderlap und ihm selbst angefertigte Dramatisierung ihres Buchs „Engel des Vergessens“. Ihr autobiografisch grundierter Debütroman wurde 2011 mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis und dem Bruno-Kreisky-Preis für das politische Buch ausgezeichnet. Haderlap schreibt aus sehr persönlicher Sicht über die Nachwehen des Partisanenkampfs der Kärntner Slowenen im Dritten Reich. Ein Österreich-Kapitel, bei dessen Aufarbeitung sich die Republik nicht mit Ruhm bekleckert hat. Noch heute fehlt die flächendeckende Anerkennung dieser Widerstandsbewegung, noch heute gibt es Schriften, die stattdessen den „Terror der Titoschergen“ anprangern dürfen – Schmiedleitner zeigt das in einer stilisierten Stammtischstreiterei mit gegenseitigen Zuweisungen der Schuld am Massaker auf dem Peršmanhof in Bad Eisenkapp/Železna Kapla, wo nachweislich die Nazis wüteten. Heute ist im Haus ein Gedenkmuseum (www.persman.at) eingerichtet, das das Ensemble vor der Premiere besuchte.

Haderlap und Schmiedleitner haben aus der poetischen, reflexiven, kaum Dialoge bietenden Coming-Of-Age-Ich-Erzählung einen vielstimmigen Chor gemacht. Verschobene Zeitebenen führen dessen Erinnerungen zusammen. Licht- und akustische Effekte fördern die Intensität der kammerspielartigen Szenen, in schreckgespenstischer Düsternis gehen hier die Toten und die Untoten um. Schmiedleitner gelingen eindrückliche Bilder. Die Live-Musik von Matthias Jakisic interpretiert dazu Partisanenlieder im Spiel-mir-das-Lied-vom-Tod-Stil. An machen Stellen ist man von der Wucht der Inszenierung wie erschlagen. Das ist gut so. Wie schon Anna Badora teilt auch hier der Regisseur die Hauptfigur auf zwei Akteure auf. Alina Fritsch und Alexandra Henkel sind „1“ und „2“ eines Ichs, das inmitten der Albträume der (Familien-)Geschichte steht, zwei von der Tragödie des Vaters in die Mitleidenschaft Gezogene; der jüngeren wird sein Trauma als Erbe aufgelastet, die ältere will, weil darob nicht zer-, ergo aufbrechen, sie fordert ein Morgen ein. Sie muss sich befreien von diesem Menschenschlag, der in der Vorhölle der eigenen Scholle schmort. Doch auf dem Boden der Vergangenheit ist Zukunft ein Leichtgewicht. Beide Schauspielerinnen spielen das stark, ergänzen ihre Leistungen vor und in dem von Volker Hintermeier zusammengenagelten Bretterverschlag, der die Kärntner Wälder symbolisiert. Die angedacht bäuerlichen Kostüme stammen von Su Bühler.

Gregor Bloéb brilliert als Vater. Themengeschult (er ist an der Josefstadt in der Wiederaufnahme von Felix Mitterers „Der Boxer“ zu sehen, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=13581) ist seine Darbietung vielleicht am atemberaubend authentischsten. Der Vater wurde mit zehn Jahren von der SS gefoltert, um den Aufenthaltsort des Partisanengroßvaters zu verraten. Vom Menschen blieb ein trauriger Clown. Er hat sich in der Geschichte verloren, versteckt sein Tiefverwundetes in rohem Aufbegehren, in Kraftlackelei, ist einerseits in seinem Leid ein Berserker, als Dauersuizidler ein Familientyrann, andererseits ein Gut- und Übermütiger, der an seinem Motorradskelett herumschraubt. Sein Schicksal scheint ihm im Vergleich zu anderen schlimmeren Schicksalen klein, und dennoch zerfleischt er sich um die Anerkennung seines Überlebthabens. Mit seiner zupackenden Art Rollen anzugehen, ist Bloéb ein Naturereignis. Dabei hat er’s nicht leicht gegen die beiden Ravensbrückerinnen. „Du weißt nicht, was es heißt zu leiden“, sagt Elisabeth Orth als Großmutter an einer Stelle. In Sippenhaft genommen hat sie das KZ überlebt. Ihre Enkelin wird ihr die Erinnerung daran als Gute-Nacht-Geschichten vorlesen. Orth ist ein Kraftfeld, das die Inszenierung an sich zieht. Mit grimmigen Humor gestaltet sie den Triumph einer ertrotzten Existenz, spielt eine schelmische Mystikerin mit festem Glauben an das Vaterunser und den 8. Mai. Noch auf dem Totenbett erteilt sie letzte gute Ratschläge. An diesem und diesen wird Petra Morzé, als Mutter bis dahin in Desillusionierung über ihr Leben auf Distanz gegangen, schließlich zusammenbrechen. In Vorahnung, dass nun alle Last ihr eigen ist, dass ihr kein Aufstieg aus dem Kellerabteil des Hauses Österreich in seine für andere bereits hellerleuchteten Oberräume beschieden sein wird.

Rudolf Melichar, Michael Masula, André Meyer – er ist unter anderem des Vaters Bruder – und Sven Dolinski schlüpfen mit viel Engagement in die Joppen verschiedenster Eisenkappler. Gleichsam als Gegengewicht zur oben beschriebenen Stammtischszene gestaltet Schmiedleitner mit ihnen auch eine slapstickhafte Suche mittels riesiger Antenne nach dem besten Empfang eines slowenischen Fernsehkanal. Es ist letztlich eine Suche nach Identität, ortstafelschildert das Fremderbleiben am Geburtsort. Sabine Haupt überzeugt wie stets, diesmal geht vor allem ihre ebenfalls KZ-inhaftiert gewesene Tante unter die Haut. Anders als ihre Verwandten ist sie weniger eine von der Vergangenheit Bewältigte, als eine, der das Niemals-Vergessen! zum Überlebensmotor geworden ist. Eine starke Frau. Wenn sie wütend die Stube zusammenkehrt, treibt es einem nicht nur den Staub in die Augen. Haupt setzt Helene „Jelka“ Kuhar ein eindrucksvolles Denkmal. In diesem Sinne überzeugt der gesamte Abend. Schmiedleitner zeigt, wie sich Geschichte in Familiengeschichten eingraviert, zeigt die Schmerzen einer schwerstversehrten Generation, zeigt deren Seelenverheerungen. Den eigenen Vater hat man so oder so ähnlich erlebt. Jetzt sei’s aber gut mit der Vergangenheitsbewältigung, raunt sich in beiderseitigem Einvernehmen ein Paar beim Verlassen des Theaters zu. Ja, manche würden ihn gern für sich in Anspruch nehmen, den „Engel des Vergessens“ …

www.burgtheater.at

www.haderlap.at

Mehr Burgtheater: Rezension „Der Revisor“ www.mottingers-meinung.at/?p=14630

Wien, 12. 9. 2015

Gregor Bloéb goes Burg

August 17, 2015 in Bühne, Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Von Karl Kraus zu Maja Haderlap

Gregor Bloéb (Vater), Elisabeth Orth (Großmutter), Alina Fritsch (Junges Ich) Bild: Georg Soulek, Burgtheater

Gregor Bloéb (Vater), Elisabeth Orth (Großmutter), Alina Fritsch (Junges Ich)
Bild: Georg Soulek, Burgtheater

Gregor Bloéb wird auch in dieser Spielzeit am Burgtheater zu sehen sein. Nach seinem Erfolg als Optimist in Karl Kraus‘ „Die letzten Tage der Menschheit“ www.mottingers-meinung.at/?p=10169 (Wiederaufnahme der Koproduktion mit den Salzburger Festspielen aus dem vergangenen Sommer: 17. September), versucht er sich in der Uraufführung von Maja Haderlaps „Engel des Vergessens“. Premiere ist am 8. September am Akademietheater.

Wieder führt Georg Schmiedleitner Regie; gemeinsam mit der Autorin hat er auch die Bühnenfassung erstellt. Haderlaps 2011 mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis und dem Bruno-Kreisky-Preis für das politische Buch ausgezeichneter Debütroman ist eine Familiengeschichte und die Geschichte der Kärntner Slowenen. Erinnert wird eine Kindheit in den Kärntner Bergen. In ihrem Buch beschwört Haderlap die Gerüche des Sommers herauf, die Kochkünste der Großmutter, die Streitigkeiten der Eltern und die Eigenarten der Nachbarn. Erzählt wird vom täglichen Versuch eines heranwachsenden Mädchens, ihre Familie und die Menschen in ihrer Umgebung zu verstehen. Zwar ist der Krieg vorbei, aber in den Köpfen der slowenischen Minderheit, der die Familie angehört, ist er noch allgegenwärtig. In den Wald zu gehen, hieß eben „nicht nur Bäume zu fällen, zu jagen oder Pilze zu sammeln“ , es hieß, sich zu verstecken, zu flüchten, sich den Partisanen anzuschließen und Widerstand zu leisten. Wem die Flucht nicht gelang, dem drohten Verhaftung, Tod, Konzentrationslager. Die Erinnerungen daran gehören für die Menschen so selbstverständlich zum Leben wie Gott.  Erst nach und nach lernt das Mädchen, die Bruchstücke und Überreste der Vergangenheit in einen Zusammenhang zu bringen und aus der Selbstverständlichkeit zu reißen – und schließlich als kritische junge Frau eine Sprache dafür zu finden …

Erste Probenfotos lassen erwarten, dass Schmiedleitner mit seiner Inszenierung die sinnlich-poetische Atmosphäre des Erinnerungsromans auf die Bühne zu bringen versteht. Bloéb spielt den Vater, Petra Morzé die Mutter, Elisabeth Orth die Großmutter. Alina Fritsch und Alexandra Henkel sind das Junge und das Alte Ich. Weitere Rollen verkörpern Sven Dolinski, Sabine Haupt, Michael Masula, Rudolf Melichar und André Meyer.

Saisonstart ist an der Burg am 4. September. Alvis Hermanis inszeniert dafür Gogols „Der Revisor“. Die Besetzung ist naturgemäß first class, mit Fabian Krüger als vermeintlichem Revisor und Maria Happel und Michael Maertens als Bürgermeisterpaar. Gregor Bloéb bleibt auch dem Theater in der Josefstadt, wo er als Jägerstätter www.mottingers-meinung.at/?p=4764 anrührte, erhalten. Er steigt ab 12. September wieder als Felix MitterersDer Boxer“, Johann „Rukeli“ Trollmann www.mottingers-meinung.at/?p=13581 , in den Ring.
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Wien, 17. 8. 2015

Theater in der Josefstadt: Der Boxer

Januar 30, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Immer die Wahl, Nein zu sagen

Gregor Bloéb (am Boden liegend), Peter Scholz, Raphael von Bargen Bild: Erich Reismann

Gregor Bloéb (am Boden liegend), Peter Scholz, Raphael von Bargen
Bild: Erich Reismann

Ehrlich? Es fällt schwer über den Abend etwas zu schreiben. Man ist so zwiegespalten, wie die Inszenierung von Stephanie Mohr, die – nicht nur durch die Pause – in zwei Hälften zerfällt. Die ausgezeichnete Regisseurin hat das jüngste Werk des wunderbaren Dramatikers Felix Mitterer im Theater in der Josefstadt zur Uraufführung gebracht. Und dennoch fliegt im ersten Teil kein Funke ins Publikum. Mitterer erzählt wie immer eine Geschichte von höchster Wichtigkeit. Über den Boxer Johann „Rukeli“ Trollmann, dem, weil Sinto, die Nazis den Meistertitel aberkennen. „Wegen undeutschen Boxens“. Das ab sofort Faustkampf heißt. Es folgen Zwangskastration, Zwangsscheidung von der „arischen“ Ehefrau, Fronteinsatz in Russland samt Verwundung, KZ, Schaukämpfe dort, Tod.

Ein Champion im freien Fall Richtung Lehmgrube. Ein Tänzer, dessen Leichtfüßigkeit Frauen rund um den wie Gegnern im Ring die Sinne raubt. Ein arroganter Charmanter, der sich seiner sportlichen Überlegenheit bewusst ist, die Nächte in Jazzclubs bei Champagner verbringt. So frech, dass er sogar als Parodie der „deutschen Eiche“ mit blonder Perücke den Kampfplatz betritt. Rukeli war berühmt dafür, über das oberste Seil in die Arena zu springen, nicht zwischendurch zu „kriechen“. Auf seiner Hose stand stolz „Gypsy“. Stephanie Mohr hat sich das „Drama“, das Theatralische, die Show, Glanz und Glamour des Boxsports nicht erschlossen. Damit beraubt sie Rukeli um eine von Mitterer durchaus vorgezeichnete Farbe seines Charakters. Sie hat den Boxring an den Nagel, heißt an die Wand gehängt. Lässt Sandsäcke runter, die im Gegenlicht wie Geister von Gehenkten hängen, später auch als Tote dienen werden – aber doch nur fürs Schattenboxen gut sind. Andererseits: Zeige einer, wie Boxen am Theater geschmeidig darzustellen sein soll. Um viel mehr schade ist es, dass dieser erste Teil der Geschichte bis inklusive Russlandfront, Besuche bei der Familie, die ihrerseits wieder vom Leiter der Rassenhygienischen Forschungsstelle, Dr. Robert Ritter, untersucht wird, im Schnelldurchlauf verhandelt wird. Erst im zweiten Teil, im KZ, wird die Inszenierung so beklemmend dicht, so klaustrophobisch, so „echt“, wie man es von der Mohr erwartet. Ein Kammerspiel, in dem der Wolf von seinem Lieblingshäftling erwartet, sich in seinesgleichen zu verwandeln. In einer Mördergrube, in der der Menschlichste das Menschsein lässt. In diesen Momenten ist Mohrs Arbeit intensiv. Schmerzhaft. Und Gregor Bloéb ihr Schmerzensmann.

Bloéb wächst als Rukeli über sich hinaus, zeigt mehr Nuancen seines schauspielerischen Könnens, als vielleicht jemals zuvor. Ist ein liebendes, liebenswertes, lebenslustiges Mannsbild, dem all das genommen wird, bis er schreit, wie das Vieach, das man aus ihm gemacht hat. Raphael von Bargen ist ihm als Reinhard Wolf sowohl als Boxer als auch später als Lagerkommandant ein ebenbürtiger Gegner/Partner. Wie ein Schießhund hat er sich in seine Beute verbissen, einer, der sich hart antrainieren muss, was dem anderen anscheinend zufliegt. Und der eine eigene Geschichte mit der Lehmgrube hat. Dass ihn am Ende der Wahnsinn umzingelt, ist kein Wunder. Matthias Franz Stein ist Rukelis schmächtiger Bruder Stabeli, der von Auschwitz als Geisel in die Lehmgrube gebracht wird. Sein Leben für einen Boxkampf. Sein Leben für die Entfachung des Überlebenstriebs. Eindrücklich die Szene, in der Rukeli auf einen schon am Boden liegenden Sandsack-Gegner eindrischt, vom Bruder, der dabei aus dem Blechnapf frisst, angefeuert: Mach‘ ihn fertig! Zwei gegen einen, auf den dann der Todesschuss wartet. Friss oder stirb. Eine Glanzleistung legt Peter Scholz als Polizist Heinz Harms hin. Nie weiß man, was man von ihm halten soll. Scholz verkörpert den Typ Mitläufer wie eine Fallstudie. Verzweifelt, aber zweifelt nie an Befehlen. Hat bei aller Leutseligkeit schnell den Knüppel zur Hand. Singt „Komm, Zigan“ aus der „Gräfin Mariza“. Er überlebt. Natürlich. Sie überleben in der Regel.

Dominic Oley ist als Dr. Ritter der Teufel in Menschengestalt, ein freundlich lächelnder Herrscher über Leben und vor allem den Tod. Die Familie Trollmann besteht aus Elfriede Schüsseleder, die als Mutter die Zigeunerbaroninklischees zu tragen hat, während „Vater“ Michael König mit Gamshut sein Deutschtum unter Beweis stellen will. Der ehemalige Burgschauspieler ist ein Gewinn für die Josefstadt. Hilde Dalik spielt Rukelis Frau Olga, Ljubiša Lupo Grujčić seinen Bruder Carlo. Die Trollmanns berichten vom Unberichtbaren in den Worten von Ceija Stojka. Da ist Rukeli schon mehr Jenseits. Sie haben ihn erschlagen, weil er nicht mehr zuschlagen wollte. Keine Hinrichtungen nach von ihm gewonnenen Fights mehr wollte. Er lehrt etwas stets Gültiges: Man kann immer Nein sagen.

www.josefstadt.org

Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=-RGlaSnb8Oo&feature=youtu.be

www.mottingers-meinung.at/felix-mitterer-und-stephanie-mohr-im-gespraech

BUCHTIPP: Felix Mitterer: Der Boxer, Theaterstück, 104 Seiten, Haymon Taschenbuch, mit einem Nachwort von Marie-Luise Ramos-Farina. Felix Mitterer erzählt Johann „Rukeli“ Trollmanns Lebens- und Leidensweg stellvertretend für den vieler Roma und Sinti, die dem Nationalsozialismus zum Opfer fielen.

Wien, 30. 1. 2015