Green Book – Eine besondere Freundschaft

Januar 31, 2019 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Aufs Klo gehen darf der Klavierstar nicht

Don Shirley (Mahershala Ali) und Tony Lip (Viggo Mortensen) begeben sich auf einen Roadtrip durch die Südstaaten der USA. Bild: © 2019 eOne Germany

Die Atmosphäre ist freudige Erwartung. Die Geschmeide der Damen funkeln mit dem Whiskey in den Gläsern um die Wette. Immerhin ist ein Klavierstar aus New York angereist, um hier in den Südstaaten aufzutreten, man hat ihn auch schon höflichst bewillkommnet, hat sogar seine – schwarze – Hand geschüttelt. Lästig nur, dass der Virtuose vor seinem Auftritt noch die Toilette benutzen möchte, und das geht auf der „für Weiße“ im Haus natürlich gar nicht.

Weil nun aber der Pianist das Plumpsklo im Freien ablehnt, bleibt nur eine Lösung: Die illustre Gesellschaft nimmt einen verspäteten Konzertbeginn in Kauf, damit ihr Gast den stillen Ort in seinem „Neger-Motel“ aufsuchen kann. Fahrtzeit tour-retour – vierzig Minuten … Mit solch durchaus tragikomischen Situationen beschreibt Regisseur Peter Farrelly in seinem Film „Green Book – Eine besondere Freundschaft“ die gefährliche Tournee durch den segregierten Süden der USA, die Weltklassemusiker Don Shirley im Jahr 1962 unternahm. Die Geschichte basiert auf einer wahren und wurde von Nick Vallelonga, dem ältesten Sohn von Tony „Lip“ Vallelonga aufgezeichnet. Tony ist der Mann, den Don Shirley als Chauffeur und bald auch Bodyguard für seine Reise anheuerte. Am Freitag startet das für fünf Oscars nominierte Roadmovie in den Kinos, und um dies vorwegzunehmen: Don Shirley und Tony Lip blieben nach ihrem Trip ein Leben lang Freunde.

Viggo Mortensen und Mahershala Ali, beide Academy Awards Nominees, spielen die ungleichen Reisegefährten. Den italoamerikanischen Rausschmeißer, für den sich Mortensen einen üppigen Pasta-und-Bier-Bauch angefuttert hat, und den blasierten Kulturaristokraten, der keinen Zweifel an seiner bildungsbürgerlichen Überlegenheit lässt. Schon die erste Begegnung zwischen ihnen ist vom Feinsten. Tony, der „Lip“ genannt wird, weil er Menschen zu allem, was er will, überreden kann, braucht einen Übergangsjob für jene zwei Monate, in denen der Nachtclub, in dem er als Türsteher arbeitet, geschlossen hat. Doch als er sich bei Dr. Shirley, zu seiner Verwunderung kein Mediziner, sondern Künstler, als Fahrer bewirbt, thront dieser in seinem mit afrikanischer Kunst vollgestopfen Luxusappartement in einem güldenen Herrschersessel. Eine erhabene Position, die ein Von-oben-Herab eindrucksvoll ermöglicht.

Ein ungewöhnliches Bewerbungsgespräch: Viggo Mortensen und  Mahershala Ali. Bild: © 2019 eOne Germany

Kurz vor seinem Auftritt ist es Don (Mahershala Ali mit Viggo Mortensen) nicht erlaubt, im Countryclub zu essen. Bild: © 2019 eOne Germany

Tony (Viggo Mortensen) schreibt seiner Frau – und bekommt von Don (Mahershala Ali) Unterstützung. Bild: © 2019 eOne Germany

Hie Mafiamilieu, dort Konzertsaalstimmung, Polyesterhemd vs Seidenkaftan, ein schlaues Schlitzohr von der Straße in Kombination mit einem verkrampften Schöngeist – besser kann ein Buddyfilm gar nicht beginnen. Klar, dass sich Tony von Don Shirleys Attitüde nicht einschüchtern lässt, eine erste Szene führt ihn ein, wie er Wassergläser, aus denen zwei schwarze Handwerker, die in seiner Wohnung Reparaturen erledigen, getrunken haben, in den Mistkübel wirft. Ebenso klar, dass aus der Zweckgemeinschaft von Alltagsrassist und Ausnahmekünstler unterwegs mehr wird.

Was „Green Book“ über die Klischeehaftigkeit dieser Konstruktion erhebt, ist nicht nur die doppelbödige Ironie des Drehbuchs von Nick Vallelonga und Peter Farrelly, sondern sind vor allem die Darsteller, die aufs Wunderbarste kontrastieren. Mortensens Tony Lip ist eine massive Erscheinung, ein einfaches Gemüt mit einem explosiven Temperament, ein Macho aus einer von Männern dominierten Welt. Charakterzüge, die Mortensen mit verschmitztem Humor und einer so gehörigen Portion Menschlichkeit ausgleicht, dass man Tony die Wasserglas-Sache schnell verzeiht.

Da wird sich einer im anfänglichen Zweikampf von Klasse gegen Rasse bald als lernfähig erweisen und beginnen, aufgezwungene Unterschiede zu hinterfragen. Denn was dem Gegensatzpaar im Jim-Crow-Land zustößt, obwohl man sich peinlich genau an die Empfehlungen des filmtitelgebenden „Negro Motorist Green-Book“ hält, einem Reiseführer, in dem für afroamerikanische Autofahrer aufgelistet ist, in welchen Quartieren und Geschäften sie als Kunden akzeptiert werden, regt Tony zum Nachdenken an.

Er erlebt seinen Brötchengeber als Ehrengast in erlesensten Kreisen, bei seinen Auftritten bejubelt und gefeiert, und doch lässt man ihn in heruntergekommenen Herbergen „for colored only“ absteigen, während Tony in chicen Weißen-Hotels wohnt. Mal sehen sich Don und Tony von schwarzen Feldarbeitern bestaunt, der dunkle Gentleman mit dem hellhäutigen Bediensteten, mal muss Tony Don vor einer Prügelei in einer Dixieland-Bar retten. Er erfährt an „Bimbo“ Dons Seite Polizeiwillkür. Dons hohe Gagen zahlende Gastgeber erklären jovial, sie hätten „ihre Neger“ befragt, was der Nordstaaten-Schwarze wohl essen möge, und servieren die „Nigger-Leibspeise“ Fried Chicken. In einem Countryclub für betuchte Weiße soll Don zwar spielen, doch im Restaurant zu speisen, wird ihm untersagt. Was Tony erstmals zum Ausrasten bringt …

Mahershala Ali gestaltet die Rolle des stets einsamen, stets ein wenig traurigen, viel zu viel Alkohol trinkenden Don feinnervig und sensibel. Er weist dessen betonte Stiff-upper-Lip-Fassade als notwendigen Panzer gegen alle Anfeindungen von außen aus, gegen seine Hautfarbe, gegen seine Bildung, gegen seine Homosexualität. Auch derentwegen verprügelt und von Haudrauf Tony wieder einmal – im Wortsinn – rausgeboxt, bricht sich Dons Identitätskrise Bahn: „Wenn ich nicht schwarz genug bin und nicht weiß genug bin, wenn ich nicht Mann genug bin, dann sag mir doch, Tony: Was bin ich?“

Don Shirley (Mahershala Ali) hat Spaß bei einem spontanen Auftritt mit der Jazz-Band in einer Cajun Kitchen. Bild: © 2019 eOne Germany

Es ist ein Allgemeinplatz zu sagen, dass Menschen, wenn sie einander erst kennenlernen, feststellen, dass sie gar nicht so verschieden sind. Trotzdem ist es berührend Mortensen und Ali dabei zuzusehen, wie sie Tony und Don mit ihren jeweiligen Vorurteilen kämpfen lassen, und auch erheiternd, wenn die beiden beginnen, den Horizont des anderen zu erweitern. Tony, indem er Don via Autoradio mit der Musik von „seinen Leuten“, Aretha Franklin, Little Richard, Sam Cooke, bekannt macht.

Don, indem er Tony hilft, romantische Briefe an die Ehefrau zu formulieren. Am Ende wird der eine sich für die so genannte Hochkultur begeistern, und der andere sich im Frack, da sind sie gerade aus dem Countryclub geflogen, in einer Cajun Kitchen ans Piano setzen – und glückseligst mit der Band jammen. In einem Herrschaftshaus in Louisville, Kentucky, fragt Tony einen Cellisten, warum sich Don diese unheilvolle, für ihn finanziell gar nicht notwendige Tour de Force eigentlich antut, und der antwortet: „Um die Einstellung der Menschen zu ändern, und dafür braucht man Courage.“

www.foxfilm.at/green-book

Buchtipp zu „Green Book“, Rezension – Matt Ruff: „Lovecraft Country“: www.mottingers-meinung.at/?p=31095

  1. 1. 2019

Volksoper: Wonderful Town

Dezember 10, 2018 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Sarah Schütz rockt die Show

In Greenwich Village geht es hoch her: Olivia Delauré als Eileen, Sarah Schütz als Ruth, Peter Lesiak als „The Wreck“ Loomis, Ines Hengl-Pirker als Violet, Cedric Lee Bradley als Speedy Valenti und das Wiener Staatsballett. Bild: © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Mit Standing Ovations endete gestern Abend die Premiere von „Wonderful Town“ an der Volksoper. Zum 100. Geburtstag von Leonard Bernstein wollte Hausherr Robert Meyer dem Publikum etwas Besonderes bieten, und das ist mit dieser Musical-Rarität hervorragend gelungen. Stimmt an der Aufführung, die Inszenierung eine Koproduktion mit der Staatsoperette Dresden, doch einfach alles – von der gewitzten Regie Matthias Davids‘ über das schwungvolle Dirigat von James Holmes.

Bis zu den darstellerischen Leistungen, allen voran die von der Elbstadt nach Wien übersiedelten Volksopern-Debütantinnen Sarah Schütz und Olivia Delauré als Schwesternpaar Ruth und Eileen Sherwood. Sarah Schütz rockt die Show! Inhaltlich ist „Wonderful Town“ keine große Sache: Die beiden Landpomeranzen Ruth und Eileen kommen aus Ohio in den Big Apple, um dort ihre unbegrenzten Möglichkeiten auszuloten. Die eine ist klug, aber ungeküsst, die andere eine Schönheit, erstere will Schriftstellerin werden, zweitere Schauspielerin. Man mietet eine schäbige Unterkunft in Greenwich Village – und schon geht das Spiel um viele Verehrer und ein paar Troubles los, Happy End absehbar. Joseph Fields und Jerome Chodorov schrieben das Libretto entlang ihres Theaterstücks „My Sister Eileen“, Betty Comden und Adolph Green die Liedtexte, und erst diese in Kombination mit Bernsteins famoser Musik machen das Musical aus dem Jahr 1953 einzigartig.

Die brasilianischen Seekadetten interessiert nur die Conga: Olivia Delauré als Eileen und das Wiener Staatsballett. Bild: © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Ruth überzeugt die Gäste im Village Vortex vom Swing: Sarah Schütz und das Wiener Staatsballett. Bild: © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Bernstein lässt den Rhythmus New Yorks in all seinen Facetten pulsieren. Rasant reiht sich Broadwaysound an Jazzelemente an Swing, dann wieder wird’s statt stürmisch smooth. James Holmes führt das Volksopernorchester mit viel Drive wie eine Big Band, er folgt Bernsteins Einfallsreichtum punktgenau, kann’s etwa bei der Conga der brasilianischen Seekadetten witzig-spritzig, beim Schwesternduett „Ohio“ auf Country-&-Western-Art oder bei Robert Bakers „Ein stilles Girl“ elegisch lyrisch. Matthias Davids belässt die Handlung in den 1930er-Jahren, er hat sich mit seiner wirbelwindigen Arbeit am Stil der Screwball-Comedys orientiert, setzt auf Tempo, Temperament und Timing, und setzt auf den Wortwitz der für Wien von Christoph Wagner-Trenkwitz angepassten Vorlage.

Damit die zahlreichen Szenenwechsel ruckzuck funktionieren, hat Mathias Fischer-Dieskau ein Bühnenbild aus einer drehbaren Skyline und verschiebbaren Skyscrapern, inklusive Flat Iron und Chrysler Building, erdacht, das den American Dream im Reich und Arm zwischen dem abgewohnten Souterrain der Sherwood-Schwestern und von Neonreklame beschienenen Nachtklubs ansiedelt. Als Kostüme gibt es dazu von Judith Peter stilgerecht schwingende Glockenkleider, Trenchcoats samt kecken Hütchen und Marlenehosen.

Peter Lesiak als „The Wreck“ Loomis und das Wiener Staatsballett. Bild: © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Cedric Lee Bradley als Speedy Valenti und das Wiener Staatsballett. Bild: © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

In diesem Setting dreht sich das Großstadtkarussell um Sarah Schütz und Olivia Delauré. Und die beiden erweisen sich nicht nur als sängerisch wunderbares Sopran-Alt-Duo, sondern auch als großartige Komödiantinnen, die herb Nüchterne und die flirty Naive, die es verstehen, mit trockenem Humor ihre Pointen zu setzen. Delauré gibt die Eileen mit Charme und jener unschuldigen Mädchenhaftigkeit, in der ihr gar nicht bewusst zu sein scheint, dass die Männer um sie kreisen, wie die Motten ums Licht. Das Bühnengeschehen allerdings dominiert Sarah Schütz, die ihre Ruth mit einer gepfefferten Portion Sarkasmus ob ihres Nicht-so-hübsch-wie-die-Schwester-Seins ausstattet. Schütz hat Stimme, Spielfreude und Showtalent – und sorgt für etliche starke Momente. Etwa, wenn sie ihre „Hundert gold’nen Tipps, einen Mann zu verlier’n“ zum Besten gibt. Oder, wenn sie, als der Zeitungsredakteur Robert Baker endlich ihre melodramatischen Kurzgeschichten liest, diese für ihn auch gleich visualisiert.

Die Herren haben es neben so viel Frauenpower nicht leicht, zu bestehen. Hervorragend gelingt das Drew Sarich als verkopftem Bob Baker, der erst einen Schubs in die richtige Richtung Liebe braucht, ein gelungenes Rollenporträt von Sarich, wie Bob vom beruflichen Verlierer zum Gewinner im Leben wird, und Peter Lesiak als abgehalftertem Footballhelden „The Wreck“ Loomis. Trotz von Direktor Meyer angekündigter Verletzung und ergo Knieschiene tanzt und tobt Lesiak über die Bühne, dass man mitunter nicht umhin kann, um sein Wohlergehen zu fürchten … Christian Graf gefällt in mehreren Rollen, darunter als Schmierfink Chick Clark, Christian Dolezal als unfreundlicher Vermieter und untalentierter Maler Appopolous, Oliver Liebl unter anderem als verhuschter Feinkost-Filialleiter Frank Lippencott, Cedric Lee Bradley als geschmeidiger Speedy Valenti.

Vorstellungsgespräch in der Zeitungsredaktion: Oliver Liebl als Redakteur, Drew Sarich als Robert Baker, Jakob Semotan als Redakteur und Sarah Schütz als Ruth Sherwood. Bild: © Barbara Pálffy / Volksoper Wien

Der begnadete Tänzer dominiert auch immer wieder die handlungstragenden, revueartigen Choreografien von Melissa King. In riesigen Chor- und Ballettszenen zeigen der Volksopernchor, der sich nicht nur in der Figurengestaltung perfekt, sondern auch in kleinen Solonummern präsentiert, und das Wiener Staatsballett die ganze Bandbreite ihres Könnens. „Wonderful Town“ an der Volksoper ist ein rundum gelungener Gute-Laune-Abend. Kein Wunder, dass es die Zuschauer zum Schluss nicht mehr auf ihren Sitzen hielt.

Kurzeinführung: www.youtube.com/watch?v=LhKenAg3pw0

www.volksoper.at

  1. 12. 2018

Werner Bootes „The Green Lie – Die grüne Lüge“

März 6, 2018 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Die neue Doku über Nachhaltigkeit und Greenwashing

Kathrin Hartmann und Werner Boote bei der indigenen Bevölkerung in Brasilien. Bild: © Filmladen Filmverleih

Im Jahr 2015 brannten große Teile des indonesischen Regenwalds nieder. Es war das schlimmste Umweltdesaster in der Geschichte des Landes. An den direkten Folgen starben über 100.000 Menschen, mehr als 500.000 leiden an Langzeitfolgen. Dass die Brände bewusst gelegt oder zumindest beschleunigt wurden, ist ein offenes Geheimnis.

Ziel war es, massenweise neue Anbauflächen für die Gewinnung von Palmöl zu schaffen. Das billigste und meistverwendete Fett der Welt, zu finden in fast jedem Fertiggericht, in Süßigkeiten und Snacks, und ein enorm profitträchtiger Rohstoff.  Auf den Spuren dieses Skandals beginnt der Dokumentarfilmer Werner Boote („Plastic Planet“, „Alles unter Kontrolle“) seine Reise um die Welt, auf der Suche nach der Wahrheit hinter dem allgegenwärtigen Schlagwort „Nachhaltigkeit“. Die konzernkritische Journalistin und Buchautorin Kathrin Hartmann („Ende der Märchenstunde“, „Aus kontrolliertem Raubbau“) ist dabei seine ebenso kompetente wie überzeugende Begleitung. Sie kennt sich aus mit dem so genannten „Greenwashing“.

Der Begriff bezeichnet jene Praxis, Produkte mit Hilfe massiver PR als „nachhaltig“, „umweltschonend“ oder „fair“ zu verkaufen, obwohl das in Wahrheit keineswegs so ist.  „Es gibt kein nachhaltig produziertes Palmöl, weil es nur dort wächst, wo vorher Regenwald war“, macht Hartmann deutlich. Doch auch das aufwändigste Greenwashing kommt ungleich billiger als eine Veränderung der Produktionsbedingungen. „Die Industrie nennt uns nicht mehr Bürger, sie nennt uns nur noch Konsumenten. Ich verstehe mich aber nicht als Konsument, ich versteh mich als Mensch, und als Bürger“, so Hartmann. Ihr Film „The Green Lie – Die grüne Lüge“ ist ab Freitag in den heimischen Kinos zu sehen.

Vom österreichischen Supermarkt reisen Boote und Hartmann nach Indonesien, Brasilien, in die USA und nach Deutschland. Sie besuchen dort Orte, die von der Zerstörungsgewalt hinter dem Greenwashing zeugen. Sie sprechen mit Menschen, die sich gegen die Lügen und ihre Folgen wehren und solche, die behaupten, nie gelogen zu haben. Boote und Hartmann stehen gemeinsam mit Aktivist Feri Irawan inmitten des brandgerodeten Regenwaldes und erleben die ehemalige grüne Lunge der Welt als apokalyptischen Albtraum. „Die Stille ist gespenstisch“, kommentiert Boote. Sie besuchen die indonesische Palmöl-Konferenz IPOC, wo der Innenminister des Landes sich über die Umweltschützer lustig macht; der Ironie nicht genug, gibt es einen Runden Tisch für nachhaltiges Palmöl, der Firmen zertifiziert.

Mit dem Uni-Professor und Mitbegründer der Antiglobalisierungsbewegung Raj Patel. Bild: © Filmladen Filmverleih

Auf den Spuren der Deepwater Horizon Katastrophe in Louisiana. Bild: © Filmladen Filmverleih

Sie besuchen in Texas den Uni-Professor und Mitbegründer der Antiglobalisierungsbewegung Raj Patel, der sich darüber empört, dass die Wahl zwischen fair und unfair produziert, die „Entscheidung für eine bessere Welt“, wie er sagt, immer noch auf den Konsumenten, die Konsumentin abgewälzt wird: „Warum muss ich mich aktiv dafür entscheiden, dass Menschen nicht ausgebeutet werden, und Delfine nicht abgeschlachtet? Warum wird das nicht vom Gesetz vorgegeben, warum ist das eine individuelle Entscheidung?“ Patel fordert, dass Menschenrechte und die Rechte der Natur gesetzlich verankert werden.

In Louisiana besichtigen Boote und Hartmann die Nachwirkungen des katastrophalen Blowouts der BP-Ölbohrplattform Deepwater Horizon von 2010 –  anstatt das ausgelaufene Öl wirklich komplett zu entfernen, wurde das giftige Dispersionsmittel Corexit eingesetzt, in dem fleischfressende und für am Strand spielende Kinder daher höchst gefährliche Bakterien gedeihen, das aber den Ölteppich zersetzte und auf den Meeresboden drückte.

Jeden Tag werden hochgiftige Teerklumpen an Land gespült. „Alles klingt nett, nichts ist einklagbar und wie immer wird jede Menge Chemie verwendet“, sagt Boote zum US-Greenwashing. Erschüttert wie ein ruinierter Shrimpfischer eines der Tierchen zeigt, hinter dessen Kiemen das Öl klebt. Mit einem schicken „umweltfreundlichen“ Elektroauto der Marke Tesla fahren die beiden zum Tagebau Garzweiler im rheinischen Braunkohlerevier, einer der größten Kohlengruben Europas, der mehrere alte Dörfer und riesige Waldgebiete zum Opfer fielen. Am Rand der Grube stehen ein paar Windräder, mit denen der Konzern RWE sein Engagement für Erneuerbare Energie betont. Doch das Kerngeschäft ist die Förderung und Verbrennung von Braunkohle, aus der Strom auch für Elektroautos wie den Tesla gewonnen wird.  Feinstaub verseucht hier die ganze Gegend, es häufen sich Atemwegserkrankungen, Fehlgeburten und Krebs. „Nur weil man keinen Auspuff sieht, heißt das nicht, dass kein Dreck entsteht!“, so Hartmann, die erläutert das für Elektroautos gebrauchte Lithium sei „das neue Erdöl“, abgebaut in Salzseen in Argentinien und Brasilien – eine „Zaubertechnologie“, die höchsten Schaden anrichtet.

Mit Noam Chomsky. Bild: © Filmladen Filmverleih

In Brasilien wiederum erzählt Sonia Guajajara, das Oberhaupt der indigenen Bevölkerung, wie ihre Landsleute mit brutaler Gewalt von ihrem ureigenen Grund und Boden vertrieben oder sogar ermordet werden, um Platz für Soja-, Mais-, Zuckerrohrplantagen und Rinderfarmen zu schaffen.

Noam Chomsky ist emeritierter Professor für Linguistik am Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Cambridge und gilt als einer der bedeutendsten Intellektuellen der USA. Er erklärt schließlich, warum es unser derzeitiges System höchstselbst ist, das der Idee von Nachhaltigkeit im Wege steht: 
 „Die Reichsten acht Menschen besitzen so viel wie die halbe restliche Menschheit. Die Macht über alle wichtigen Entscheidungen liegt bei denen, die das Kapital kontrollieren. Diese Macht der Konzerne muss ein Ende nehmen, aber unser derzeitiges System sorgt dafür, dass die Konzerne immer mächtiger werden“, so Chomsky, der Konzernhierarchien abschaffen und die Arbeiterinnen und Arbeiter ermächtigen will.

Wie schon in seinen bisherigen Erfolgsdokus nähert sich Werner Boote der Kernfrage seines neuen Filmes nicht mit analytischer Trockenheit, sondern mit ganz bewusst inszenierter, emotionaler Subjektivität – hier mit der oft kritischen Neugier eines ganz normalen Konsumenten. Kathrin Hartmann führt ihn dabei mit überzeugendem Charme und schier unendlichem Expertinnenwissen zu den Tricks und Lügen der Industrie. Und man kann sich der Schlüssigkeit der Erkenntnisse, die Boote im Lauf des Films gewinnt, nicht entziehen: Die Supermärkte sind voll mit Produkten, die so, wie sie hergestellt werden, gar nicht existieren dürften. Den Preis dafür zahlen die Käufer – auch wenn er nicht auf deren Rechnung steht. Und wenn auf einmal sämtliche Konzernbosse den Begriff „Nachhaltigkeit“ in den Mund nehmen, dann wird davon nicht die Umwelt sauber, sondern höchstens das Wort schmutzig. Eine mögliche Lösung hat Boote dafür parat. Sie lautet an alle gerichtet: „Raus aus der Zuckerwatte des Konsums!“

Werner Boote im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=28457

www.wernerboote.com

www.thegreenlie.at

6. 3. 2018

The Green Lie: Werner Boote im Gespräch

März 5, 2018 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

„Im verbrannten Regenwald zu stehen, das war brutal“

Auf der Suche nach Nachhaltigkeit im Supermarkt: Werner Boote und Kathrin Hartmann. Bild: © Filmladen Filmverleih

„Mir wird gesagt, dass ich die Welt retten kann. Das ist eine Lüge.“ Mit diesem markigen Statement beginnt der neue Film von Werner Boote, „The Green Lie – Die grüne Lüge“, der am Freitag in den heimischen Kinos anläuft. Nach „Plastic Planet“ und „Alles unter Kontrolle“ macht sich der Filmemacher in seiner jüngsten Dokumentation auf die Sinnsuche hinter Begriffen wie „Nachhaltigkeit“ und „Greenwashing“.

Dazu begibt er sich unter anderem auf die Spur der Palmölindustrie und untersucht die tödlichen Überbleibsel der Deepwater Horizon Katastrophe des BP-Konzerns. Umweltschonende Elektroautos, nachhaltig produzierte Lebensmittel, faire Produktion? Wer glaubt, mit seinen Kaufentscheidungen etwas bewirken zu können, irrt. Werner Boote im Gespräch:

MM: In ihrem neuen Film „The Green Lie“ geht es um das sogenannte Greenwashing. Was versteht man unter diesem Begriff und seit wann gibt es ihn?

Werner Boote: Der Ursprung kommt aus den 1970er-Jahren, als man begann, sich zu überlegen, dass die Konzerne die Natur und damit unsere Lebensgrundlage ruinieren. Die Menschen sind auf den Umweltschutz aufmerksam geworden, und die Industrie hat darauf mit Greenwashing reagiert. Heißt: Damit ihr Image grün zu färben und sich grüner darzustellen, als sie in Wahrheit sind. Eines der ersten Beispiele war der Erdölkonzern Chevron, der mit einem kitschigen Werbespot mit Bären geworben hat. Danach haben immer mehr zu diesem Schmäh gegriffen, haben die Logos grün gefärbt und die Geschäftsberichte. Nach 2000 kam die Corporate Social Responsibility, kurz CSR, als Begriff dazu. Jetzt aber ist die Zeit gekommen, in der wir alle wissen, welche Schwindelei uns da aufgetischt wird. Wir sind alle schon einmal im Supermarkt gestanden, und wussten nicht, was kaufen, was ist wirklich umweltschonend und fair hergestellt. Das herauszufinden ist bei den meisten Produkten ein Ding der Unmöglichkeit. Generell geht der Film auch darum, dass man die Menschen aus ihrem Konsumidiotendasein, aus ihrer Bewusstlosigkeit reißt.

MM: War das Ihr persönlicher Zugang zu Thema, dass Sie als Konsument mit Ihrer diesbezüglichen Überforderung einen Film drehen wollten?

Boote: So kann man es nennen. Der wirkliche Anfang war, dass mein Produzent Markus Pauser zu mir sagte, bei „Plastic Planet“ steigt die Industrie so schlecht aus, aber es gibt ja auch nachhaltig produzierende Firmen. Sollten wir nicht einmal einen Film darüber machen?

MM: Boote, mach‘ was Positives!

Boote: Genau. Und was ist rausgekommen? Die Erkenntnis, dass der Begriff Nachhaltigkeit ein Gummiwort ist, das jeder auf seine Art und Weise verwendet. Es kommt ja ursprünglich aus der Forstwirtschaft, und bedeutete, dass nur so und so viel Wald in einem bestimmten Zeitraum abgeholzt werden darf, damit er sich in seiner Gesamtheit wieder erholen kann. Heute ist nachhaltig, wenn ich meine Mitarbeiter so ausbeute, dass ich mir auf längere Zeit eine fette Villa und ein fettes Auto leisten kann. Nachhaltigkeit ist so schwammig geworden, ist nicht einklagbar, hat keine Bedeutung. Darin liegt das Problem, dass die Konzerne sich zwar in eine Art freiwilliges Bekenntnis flüchten, aber das ist kein Gesetz. Wenn dann einmal was passiert, naja. Das zeigt der Film auch auf: Der große Konzern opfert dann irgendein Tochterunternehmen oder einen Subunternehmer als Schuldigen, bleibt aber selber unangetastet. Siehe BP, siehe Palmölindustrie. Da steckt man viel Geld in Marketing und PR, aber die Konzerne bewegen sich keinen Millimeter.

MM: BP und Palmölerzeugung sind zwei Beispiele aus Ihrem Film. Nach welchen Kriterien haben Sie die denn ausgewählt?

Boote: Wir haben nach den großen Baustellen geschaut. Palmöl ist in jedem zweiten Produkt, daher sehr nahe an uns – ich sage jetzt absichtlich nicht Konsumenten, sondern – Bürgern. Ihre Autos tanken auch die meisten von uns auf. BP nach der Deepwater Horizon Katastrophe ist das typische Greenwashing. BP hat sicher die größte Imagekampagne gemacht, nennt sich ja jetzt statt British Petroleum „Beyond Petroleum“ – wir haben nichts mehr zu tun mit Erdöl – und hat sich damit das grüne Image erstrampelt. Das sind die großen Beispiele. Wir haben aber in vielen Bereichen recherchiert, zum Beispiel auch in der Textilindustrie. Dabei sind wir draufgekommen, dass die Mechanismen überall die gleichen sind. Also haben wir beschlossen, das aufzuzeigen, wo man diese weltumspannenden Mechanismen am klarsten darstellen kann und das ganze System am besten hinterfragen kann.

MM: In Ihren bisherigen Filmen hört man Ihre Gedanken aus dem Off. Diesmal sind Sie mit der Expertin Kathrin Hartmann in den Dialog gegangen. Warum?

Boote: Weil ich mir denke, dass das spannender und miterlebbarer ist. Die ersten Reaktionen zeigen auch, dass die Zuschauer das emotionaler und unmittelbarer empfinden, weil wir vor Ort die Standpunkte ausdiskutieren. Das ist zumindest der Versuch.

Mit dem indonesischen Anti-Palmöl-Aktivist Feri Irawan … Bild: © Filmladen Filmverleih

… auf einem Feld niedergebrannten Regenwalds. Bild: © Filmladen Filmverleih

MM: Ich habe Ihren Film so verstanden, dass Sie die Verantwortung vom Bürger auf die Politik verlagern wollen. Es ist die Politik, die Sie in die Pflicht nehmen wollen.

Boote: Die wir in die Pflicht nehmen müssen. Wir tragen die Verantwortung, die jeder trägt, sich für die Umwelt und den anderen zu engagieren. Aber dazu gehört auch, dass die politischen Rahmenbedingungen stimmen. Es kann nicht sein, dass ich mir Mühe gebe und Fair-Trade-Kaffee kaufe, aber im Regal steht trotzdem die „Alternative“: Produkte, die die Menschen und die Natur ausbeuten. Das kann’s ja nicht sein. Wieso darf das überhaupt hergestellt werden?! Und hier ist die Politik gefragt, solche Produkte aus den Regalen zu nehmen. Wir haben ein Recht darauf, dass das, was wir kaufen, okay ist. Jetzt sind wir soweit, die grünen Lügen stehen uns bis oben, jetzt muss die Politik den nächsten Schritt machen und verhindern, dass Regenwald gerodet wird, dass Umweltaktivisten mit dem Leben bedroht werden.

Auf den indonesischen Aktivisten Feri Irawan, der mit uns im niedergebrannten Regenwald steht, ist ein Monat nach unserem Dreh geschossen worden. Zum Glück konnte er schnell durchs Fenster flüchten. Auch in Brasilien sind zwei Aktivisten, mit denen wir gesprochen haben, verschwunden, einen haben sie tot aufgefunden. Es wird also Zeit, dass die Politik sich nicht mehr mit solchen Konzernen ins Bett legt.

MM: Ihre Gesprächspartner sind nicht nur Aktivisten, sondern auch Menschen aus der Industrie. Waren die großteils bereit zu sprechen oder haben Sie viele Abfuhren bekommen?

Boote: Die, die wir wollten, haben wir bekommen. Eine Abfuhr gab es vom Sänger Pharrell Williams, der mit einem gewissen Tim Coombs eine Firma namens Bionic Yarn betreibt. Die stellen Fäden her, angeblich aus Plastikmüll aus dem Ozean, daraus machen Adidas und G-Star Produkte und bewerben die auch sehr. Das Plastik soll von einer Umweltorganisation sein, die ich von „Plastic Planet“ gut kenne. Die haben mir gesagt, wir haben denen schon einmal ein Plastiknetz geliefert, aber mehr nicht. Naja, aus einem Netz kann man nicht hunderttausende Schuhe, T-Shirts, Jeans machen. Das ist uns spanisch vorgekommen. Wir haben dann gefühlte hundert E-Mails geschrieben, sind sogar zu den Bionic Yarn Produktionsadressen hingefahren, aber keiner wollte mit uns sprechen. Wir sind schließlich in New Jersey in einer Familienumgebung gelandet, dort Tim Coombs gefunden, aber der hatte leider keine Zeit für uns. Da habe ich mir schon gedacht, verdammt, wie gerne hätte ich, dass die Welt erfährt, was da hinter den Kulissen passiert.

MM: Um noch einmal auf die Politik zurückzukommen: Deren Vertreter kommen, wenn in Umweltfragen in die Ecke gedrängt, gern mit dem Argument die Wirtschaft würde ja Arbeitsplätze und Wohlstand schaffen. Ist das alles ein Schwindel?

Boote: Es ist eine gute Ausrede. Die Geschichte kenne ich schon zuhauf aus der Kunststoffindustrie. Man muss halt Arbeitsplätze bei Alternativstoffen schaffen. „Wohlstand schaffen“ ist immer das Bullshit-Bingo.

Einsammeln von Ölbrocken der Deepwater Horizon Katastrophe. Bild: © Filmladen Filmverleih

Damit ist der Strand verschmutzt. Bild: © Filmladen Filmverleih

MM: Kann man auf dieser Welt noch irgendetwas konsumieren, ohne jemandem oder etwas zu schaden? Oder anders gefragt: Wie desillusioniert sind Sie nach Ihren Filmen mittlerweile?

Boote: Nicht besonders, weil ich Möglichkeiten sehe, wie man sich dagegen wehren kann und so auch seine Lebensqualität verbessern kann. Das Paradebeispiel dafür ist „Plastic Planet“. Ich habe angefangen sehr viel weniger Plastik zu verwenden, 100 Prozent Vermeidung schaffe ich nicht, und habe noch einmal mein Blutplasma testen lassen und dabei ist rausgekommen, dass sich der Plastikgehalt extremst reduziert hat. Das heißt, ich tue nicht nur der Umwelt etwas Gutes, sondern auch meiner Gesundheit, denn wir reden ja von Substanzen, die krebserregend sind, Herzerkrankungen, Unfruchtbarkeit, Allergien hervorrufen …

MM: Was haben Sie jetzt? Ein Holzzahnbürstl?

Boote: Zum Beispiel. Ich gehe mit einem Stoffsackerl einkaufen. Bei Getränken bin ich sehr strikt, ich habe schon ewig nicht mehr als Plastikflaschen getrunken, ich fülle Leitungswasser in Glaskaraffen ab, ich bestelle Getränke ohne Plastiktrinkhalm. Ich habe das Gefühl, dass ich dadurch eine höhere Lebensqualität habe. Oder nach „Alles unter Kontrolle“: Ich habe keine Kreditkarte, ich bestelle nichts online, so lange das noch geht. So habe ich die Gewissheit, dass keine Firma oder Organisation weiß, was ich alles habe und dieses Wissen gegen mich ausnützen kann.

MM: Haben Sie schon einmal Ihren ökologischen Fußabdruck messen lassen?

Boote: Nein, weil ich weiß, dass der ein Wahnsinn ist. Ich fliege ja mit meinem Filmteam irrsinnig viel herum. Ich war vor einigen Jahren bei der Berlinale. Da sagt einer zu mir, er ist Prädikatssiegelhersteller, ob ich nicht den nächsten Film mit seinem CO2-neutral-Siegel versehen möchte. Sag‘ ich, wie soll das funktionieren, das kann sich nicht ausgehen. Sagt er, das ist kein Problem, ich soll ihm 3.000 Euro zahlen und schon hab ich das Siegel. Das war auch einer der Gründe, warum ich mich in „The Green Lie“ so hineingekniet habe: Dass jeder Siegel erfinden kann, dass es keine gesetzlichen Regulierungen gibt, niemand diese Siegel überprüft, und dass die Bürger aber daran glauben, dass sie was Gutes kaufen, wenn auf der Verpackung dieser oder jener Stempel ist. Da ist ein großes Pickerl drauf, und ich denke mir, diese Schokolade muss aber fair sein. Dann komme ich drauf, nein, das ist nur ein Inhaltstoff, und dann stellt sich heraus, davon sind es auch nur 30 Prozent. Wie geht das? Da fühle ich mich verscheißert.

MM: Was war für Sie bei den Dreharbeiten der nachhaltigste Eindruck? Was ist Ihnen am meisten unter die Haut gegangen?

Boote: Schon die Brutalität, die man spürt, wenn man auf einem verbranntem Regenwald steht. Wir haben uns darauf vorbereitet, viele Bilder gesehen, aber dann wirklich bis zum Horizont nichts als Asche zu sehen, und zu wissen, dass da Tiere herumgelaufen sind, dass da Leben und Geräusche waren, und jetzt ist Totenstille, das hat mich schon geflasht. Das hat mich so unmittelbar erwischt, damit hätte ich nicht gerechnet.

MM: Deshalb haben Sie auch höchst emotional eine Orang-Utan-Mutter mit ihrem Jungen in diese Sequenz hineingeschnitten.

Boote: Das war tatsächlich eine der Szenen, über die wir am intensivsten diskutiert haben. Aber Dezenz ist Schwäche. Wenn man zeigt, welches Leben hier einmal möglich war, wird die Zerstörung danach umso deutlicher. Irgendwie muss man das erklären. Ohne das Bild war die Szene zwar weniger kitschig, aber auch nicht so überzeugend.

MM: Zum Ende des Films sind Sie bei einer Konferenz der indigenen Bevölkerung Brasiliens und sagen in einem Halbsatz, dass dort alternative Wirtschaftsmodelle vorgestellt wurden. Sie nennen aber keine Einzelheiten. Warum, wird das der nächste Film? Was Positives?

Boote: „The Green Lie“ ist positiv. Er zeigt, wir haben die Möglichkeit, etwas zu ändern, wir können das Ruder herumreißen. Das ist zwar eine Action, die wir uns antun müssen, aber wir müssen die öffentliche Aufmerksamkeit schüren, dann kriegen wir das auf die Reihe. Man muss das Wirtschaftssystem neu denken, neu strukturieren, es in ein demokratisches Wirtschaftssystem verwandeln. Das ist nicht so unmöglich, wie es jetzt klingt, das ist eine Utopie, die man ausarbeiten kann. Wie auch Noam Chomsky sagt, der ja auch einer der Interviewpartner im Film ist. Wichtig ist, dass wir zu einer Gemeinschaft finden. Im Moment hat jeder vor dem Supermarktregal das Gefühl, er ist jetzt dafür verantwortlich, ob die Welt untergeht oder nicht. Die Menschen fühlen sich diesbezüglich isoliert, also müssen wir uns zusammenfinden und dafür sorgen, dass mehr Gerechtigkeit zum Preis von weniger Profit herrscht. Denn den Widerspruch von Umweltschutz und Profitorientierung haben wir, glaube ich, verstanden.

MM: Noam Chomsky ruft Sie auf, Aktivist zu werden. Er weiß nicht: Sie sind schon einer.

Boote: Das Innenministerium führt mich zumindest seit meinem letzten Kinofilm als solchen. Ich kenne mich mit der Definition von Aktivist nicht aus. Ich versuche Leute zum Nachdenken anzuregen, den Rest müsste ich einmal googeln.

www.wernerboote.com

www.thegreenlie.at

5. 3. 2018

TBA21: Green-light-Workshop mit Olafur Eliasson

April 5, 2016 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Gemeinsam mit Flüchtlingen am grünen Licht arbeiten

Olafur Eliasson – Green light | An artistic workshop: Green light – Shared learning, TBA21–Augarten. Bild: Sandro E. E. Zanzinger / TBA21, 2016

Olafur Eliasson – Green light | An artistic workshop: Green light – Shared learning, TBA21–Augarten. Bild: Sandro E. E. Zanzinger / TBA21, 2016

Am 7. April findet von Mittag bis Mitternacht in der Thyssen-Bornemisza Art Contemporary-Augarten ein Workshop mit Olafur Eliasson statt. „15 Akte der Partizipation“ ist eine 12-stündige Veranstaltungsreihe, die Olafur Eliassons „Green light“-Projekt begleitet. Eliasson und Francesca Habsburg haben unter anderem Atif Akin, Damian Christinger, Rasmus Nielsen/Superflex, Zavoloka und die Green-light-Partizipienten eingeladen, diesen Tag zu gestalten.

Von Eliasson als symbolisches grünes Licht für Flüchtlinge und Migranten in Österreich und darüber hinaus konzipiert, versteht sich „Green light“ als ein künstlerischer Workshop und als Ort des Lernens rund um die Anfertigung eines von Eliasson entworfenen Lichtobjekts, der Green-light-Lampe. Das Projekt lädt alle Besucher des TBA21-Augartens, Flüchtlinge, Migranten und Studierende ein, Teil eines gemeinschaftlichen Prozesses zu werden und einander jenseits aller unterschiedlichen sprachlichen, sozialen, geografischen und Bildungshintergründe zu begegnen.

Olafur Eliasson dazu: „Ich hoffe, dass Green light dazu beiträgt, Herausforderungen und Aufgaben ins Licht zu rücken, die sich aus der aktuellen Flüchtlingskrise in Europa und weltweit ergeben. Green light ist eine Geste des Willkommens, die sich sowohl an Menschen richtet, die ihre Heimatländer aufgrund von Not und Instabilität verlassen mussten, als auch an die Bürger Wiens. Das Projekt lädt durch einen spielerischen kreativen Prozess dazu ein, etwas Wertvolles zu schaffen“.

Olafur Eliasson, Green light, 2016 Bild: María del Pilar García Ayensa / Studio Olafur Eliasson

Olafur Eliasson, Green light, 2016
Bild: María del Pilar García Ayensa / Studio Olafur Eliasson

Am Projekttag wird gemeinsam an den Lampen gearbeitet und natürlich gemeinsam gegessen – Orientalisches und Lokales, weil sich die neu in Österreich Angekommenen auch von ihrer kulinarischen Seite präsentieren wollen. Es gibt Filmvorführungen und ein Fussballturnier. Johannes Porsch gestalten mit Green-light-Teilnehmern die Theaterprobe „What Acts Upon Us When We Are Acting?“. Inspiriert von Erfahrungen in Afrika, Asien und dem Mittleren Osten spricht Ben Paine von der humanitären NGO Medair über den (un-)klugen Einsatz von Mitgefühl und Großzügigkeit.

Rasmus Nielsen geht mit „Rock the Boat“ der Frage nach, ob Zeus der erste Menschenschmuggler war. Und wo wären wir heute, wenn die Grenzpolizei seine erste Passagierin Europa abgefangen hätte, die aus dem heutigen Libanon kam und schließlich auf der griechischen Insel Kreta strandete. Der Medientheoretiker und Kurator Paul Feigelfeld diskutiert angesichts der gängigen Krisenrhetorik das Refugee Phrasebook, ein Projekt, das Flüchtlingen, Helfern und Zivilisten allerorts wichtige Vokabel bereitstellt.

Olafur Eliasson und Francesca Habsburg sprechen über die Möglichkeiten von Kunst und Künstlern, auf aktuelle politische Bemühungen und den Zustand der Welt aufmerksam zu machen. Und Soundkünstlerin Zavoloka spielt ein Liveset von ihrem Album Volya, das ihrer ukrainischen Heimat gewidmet ist.

Die Green-light-Lampen sind mit grünen Leuchtdioden ausgestattet. Überwiegend aus recycelten und nachhaltigen Materialien gefertigt, dienen die stapelbaren Module entweder einzeln als Lichtobjekt oder können zu einer Vielzahl von Konfigurationen zusammengesetzt werden. Im Ausstellungsraum des TBA21-Augarten formen die Green lights eine stetig anwachsende Skulptur.

Sie sind im TBA21-Augarten sowie online und bei ausgewählten Partnerinstitutionen zum Kauf erhältlich und werden an ihren jeweiligen Aufstellungsorten ein symbolisches Licht der Einbindung und der Offenheit verbreiten. Der Erlös unterstützt das Green- light-Projekt und die Partnerorganisationen Wiener Rotes Kreuz, Caritas und Georg Danzer Haus sowie weitere Initiativen für Flüchtlinge in Österreich.

Das Video zum Projekt: www.youtube.com/watch?v=qQICXB8_LSc

www.tba21.org

Wien, 5. 4. 2016