TAG: Dorian Gray. Die Auferstehung

Oktober 26, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Schlüssellochsatire auf einen geistesnackten Kunstmarkt

Erbin Eleonora Raffalovich gewährt der Kunstwelt nur einen Schlüssellochblick aufs Kunstwerk: Alexander Braunshör (re.) mit Anna Mendelssohn, Georg Schubert und Alexander E. Fennon, hinten: Raphael Nicholas als Dorian-Gray-Akt. Bild: © Anna Stöcher

Die eigens aus London angereiste Oscar-Wilde-Biografin, eigentlich auf der Suche nach intimen Briefen, hat das Werk als erste gesehen, diesen auf einem Wiener Dachboden versteckten makellosen Männerakt, so lebendig auf die Leinwand geworfen, dass man meinte, er bewege sich. Ein Anruf bei vermeintlichen Freunden in London genügt nun, und die gerüchtesüchtige Kunstwelt steht Kopf. Jetzt wird konspiriert, intrigiert, manipuliert, falsifiziert, was das Zeug hält.

In Mara Mattuschkas wilde’scher Weitererzählung „Dorian Gray. Die Auferstehung“, einer Koproduktion von The Practical Mystery und dem TAG, und ebendort zur Uraufführung gebracht. Was Mattuschka mit ihrer Paraphrase des berühmten Bildnis-Romans geglückt ist, ist eine grandiose Gesellschaftskarikatur. Eine skurrile Schlüssel- lochsatire auf einen geistesnackten Kunstmarkt, Schlüsselloch, weil die Erbin nicht mehr als einen Blick durch dieses aufs Porträt erlaubt. Eine pechschwarze Boulevardkomödie über Sensationsgeilheit und Skrupellosigkeit. Ein Klamauk-Krimi, der Kuratoren, Konservatoren, Galeristen als perfide Geschäftemacher entblößt, während sich deren Schwindeleien-Schraube im typischen TAG-Stil in schwindelerregende Höhen schraubt.

Wien – Malerin Eva Frank und Oscar-Wilde-Biografin Heather Graham finden in jeder Hinsicht zueinander: Elisabeth Veit und Anna Mendelssohn. Bild: © Anna Stöcher

In London bereitet die Konkurrenz Howard und Chris Crisp derweil ihren Unzuchtsbettlaken-Coup vor: Georg Schubert und Raphael Nicholas. Bild: © Anna Stöcher

Die Hype und Hysterie auslöst, ist Anna Mendelssohn als Wilde-Forscherin Heather Graham. Bei ihren Nachlass-Studien stößt diese statt auf pikante Billets von Oscar, John Gray und Marc-André Raffalovich auf eben besagtes Gemälde. Die britischen und der französische Schriftsteller waren eine Zeit lang in eine unglückselige Ménage à trois verstrickt. John soll Wildes Vorlage für die Figur des Dorian gewesen sein, was er jedoch stets dementierte. John und Marc-André blieben schließlich lebenslang ein Liebespaar, der Jude aus Paris folgte dem katholischen Priester sogar zu seinem Amt nach Edinburgh, wo beide 1934 knapp hintereinander verstarben.

Bei Mattuschka ist es Marc-Andrés fiktive Großnichte Eleonora Raffalovich, die in der sich darbietenden Graham-Chance eine Goldgrube erkennt. Ganz großartig spielt Alexander Braunshör die Grande Dame, ein schauerromantisches Nachtschattenwesen, das mit ärgerlich rollenden Augen und verächtlich verzogenen Mundwinkeln und dem Weltklassesatz „Die Geilheit geht nicht auf dem Strich spazieren, sie lauert in der Nationalbibliothek“ den Mitmenschen verdeutlicht, was von ihnen zu halten ist. Seine Warhol’schen „15 minutes of fame“ will aber auch ihr Diener Jirzi, Raphael Nicholas als ergeben-lasziver Kammerkater. Er nämlich ist das tatsächliche Modell im „frame“, rasch in den leeren Rahmen geturnt und in Pose gebracht, um der Handlung zur ihr gebührenden Heiterkeit zu verhelfen.

Eleonora bestätigt den Restauratoren die Echtheit des Gemäldes: Alexander Braunshör (M.) mit Raphael Nicholas und Georg Schubert. Bild: © Anna Stöcher

Die Einfassung für menschliche Eitelkeit kippt in Richtung Einsamkeit: Alexander E. Fennon fällt als Kunstkurator Adi Kunz rasch aus dem Rahmen. Bild: © Anna Stöcher

Paul Horn und moritz m. polansky haben dazu eine Perserteppichtreppe mit Koffern der Erinnerung bestückt, ein riesiger Bilderrahmen dreht sich als Tür oder um die Darsteller, er der Dreh- und Angelpunkt dieser Aufführung, eine Projektionsfreifläche für Eitel- wie Einsamkeit. Von mehreren Simultanspielplätzen sind zwei Betten, in denen sich eifrig getummelt wird. Und in denen Multikünstlerin Mattuschka gekonnt mit den Wilde-Motiven Dandytum und Homosexualität, Dekadenz und Geltungsdrang, seinem Doppelgänger-Leitgedanken und dem des Schattenarchetyps spielt. Das Ensemble verkörpert in Kostümen von Peter Paradise jeweils mehrere Charaktere, so Braunshör und Nicholas zum Ende hin die ob all der Lügenstorys amüsiert-verwunderten Oscar Wilde und John Gray, die gespensterhaft stimmverzerrt und vergnügt tänzelnd ihre bissigen Kommentare abgeben.

Apropos, Karikatur: In dieses Setting treten Alexander E. Fennon als Kurator Adi Kunz und Georg Schubert als Kunsthändler Otto Krause, geldgierige Ganoven, denen an Lug und Trug bis hin zur Fälschung eines Echtheits- zertifikats kein Vorgehen zum Zwecke der Gewinnmaximierung zu verbrecherisch ist. Tiefgründig waten Fennon und Schubert durch die Untiefen ihrer Dialoge; Auskenner können sich an der beiden Bonmots über Basil, sowohl Ward, wie Hallward, erfreuen, und an Querverweisen auf Helmut Berger als Massimo Dallamanos verderbter Playboy der Jet-Set-Siebziger. Doch alldieweil Kunz und Krause an der Verbringung des berüchtigten Konterfeis in einen anrüchigen Scheich- oder Oligarchentresor arbeiten, ist auch die Konkurrenz an der Themse nicht untätig.

„Dorian Gray“, das Musical: Raphael Nicholas und Georg Schubert swingen und singen, als Backgroundtänzerinnen Anna Mendelssohn und Elisabeth Veit. Bild: © Anna Stöcher

Dorian wird zum Werbeträger: Raphael Nicholas mit Elisabeth Veit, Alexander Braunshör und Georg Schubert als Modeschöpfer Kurt Lacomb. Bild: © Anna Stöcher

Schubert und Nicholas als schwule Lover Howard und Chris Crisp, die ein natürlich ebenfalls gefaktes „Unzuchtsbettlaken“ zur Auktion anbieten. Elisabeth Veit als dem figurativen Stil verpflichtete Malerin Eva Frank findet sich derweil nicht nur mit Heather zusammen, sondern in Jirzi auch das ideale Modell – mit freilich absehbaren Folgen. An dieser Stelle zerfasert Mattuschkas Farce über betrogene Betrüger und auf Fälschungen hereingefallene Fälscher ein wenig. Immer, wenn man meint, sie komme zum Schluss, setzt sie noch einen drauf und noch einen und noch einen …

Wohl, weil’s den Dorian-Gray-Stoff in mehr als zehn Musicalfassungen gibt, inszeniert sie auch eine ebensolche Szene. Jirzi, inzwischen völlig davon überzeugt und angetan, John-Dorian zu sein, bekommt als dieser einen Werbevertrag von Schuberts modeschöpfendem Lagerfeldklon Kurt Lacomb. Die Restauratoren bestätigen die Echtheit von Bildnis wie des um 100.000 Euro versteigerten Bettlakens, weil man auf beiden die gleiche DNA gefunden hat. Ein gewisser Churchill spielt dabei eine tragende Rolle.

Trailer: vimeo.com/366787170           dastag.at

  1. 10. 2019

Open House Theatre: The Picture of Dorian Gray

Januar 28, 2014 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Mit Oscar Wilde zu Gast im Theater Brett

Bild: Hannah Neuhuber

Bild: Hannah Neuhuber

Wiens neue englischsprachige Theatergruppe, die Open House Theatre Company, präsentiert ab 15. Februar einen Höhepunkt aus dem Schaffen Oscar Wildes, für die Bühne adaptiert von Alan Burgon: „The Picture of Dorian Gray“. Gespielt wird im Theater Brett. Dorian Gray ist ein naiver junger Mann. Als ihm sein Freund Lord Henry die junge Schauspielerin Sybil Vane vorstellt, verliert er sich in einem Leben aus Extravaganz und Egomanie. Während Dorian scheinbar ewig jung und schön bleibt, altert das Portrait des jungen Lebemanns auf mysteriöse Weise und zeigt die Abgründe seiner Handlungen auf. Wildes skandalöser Bestseller erschien 1891 und läutete den Anfang vom Ende des berühmten Schriftstellers ein. Die düstere Opulenz des spätviktorianischen London trifft auf eine zeitgenössische Interpretation dieser Geschichte, heute vielleicht aktueller denn je – im Angesicht des allgemeinen Strebens nach ewiger Jugend und Schönheit. Zu sehen bis 8. März. Es spielen: Tom Middler (Dorian Gray), Eric Lomas (Lord Henry Wotton), Robert G. Neumayr (Basil Hallward) und Julia C. Thorne (Sybil Vane). Regie & Bühne: Alan Burgon.

Open House Theatre Company: 

Nachdem das International Theatre Vienna nach 37-jährigem Bestehen im Juni 2012 geschlossen wurde, haben sich Eric Lomas, Alan Burgon, Paul Elsbacher und Julia Thorne zur Gründung eines neuen englischsprachigen Theaters für Wien entschlossen: Der Open House Theatre Company, mit der Zielsetzung englischsprachiges Theater in höchster Qualtität sowohl für Erwachsense als auch für Kinder und Jugendliche zu produzieren, das Publikum im Rahmen von Workshops und Seminaren näher an das Medium Theater heranzuführen und dem künstlerischen Nachwuchs einen Start ins Berufsleben zu ermöglichen. Neben den vier Hauptproduktionen stehen auch in der zweiten Saison wieder ein interaktives Stück speziell für Kinder, „Jack and the Beanstalk“, sowie das Open Minds Projekt auf dem Spielplan, bei dem das Publikum aus insgesamt sechs Stück wählen kann, wovon eines in der Spielzeit 2014/2015 produziert wird. Wie in der letzten Spielzeit, beendet Open House seine Saison mit der Sommertheater-Produktion „Shakespeare in the Park“, wo dieses Mal die romantischen Gärten von Schloss Pötzleinsdorf der Schauplatz von „Romeo & Julia“ werden – an alternierenden Abenden in englischer und deutscher Sprache mit derselben Besetzung. Außerdem wird es eine deutschsprachige Fassung des Stückes speziell für Kinder geben.

www.openhousetheatre.at

Wien, 28. 1. 2014

Schauspielhaus Wien: Die Ereignisse

Dezember 9, 2013 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Auch böse Menschen haben Lieder

Florian von Manteuffel, Franziska Hackl Bild: © Alexi Pelekanos / Schauspielhaus

Florian von Manteuffel, Franziska Hackl
Bild: © Alexi Pelekanos / Schauspielhaus

Anders Breiviks „Manifest“. Eine Geistliche. Claire. Und ein norwegischer Chor. Das alles begegnete dem schottischen Autor David Greig und seinem Regisseur Ramin Gray bei einer Reise nach Norwegen. Auf der Suche nach neuem Stoff für ein Stück. Sie fandes es: „Die Ereignisse“ heißt es, eine Koproduktion der Actors Touring Company, des Young Vic Theatre, London, von Brageteatret Drammen und dem Schauspielhaus Wien, wo es nun als deutschsprachige Erstaufführung zu sehen ist. Greig stellt die unbeantwortbare Frage nach dem Warum und Wieso. Nach Ursache und Grund für einen Massenmord. „Will ich eine Spur in der Welt hinterlassen, dann muss ich es jetzt tun“, sagt der Attentäter. Und: „Ich töte, um meinen Stamm zu beschützen.“ Der Stamm – sind das die Hunnen, Langobarden, Bajuwaren, Neandertaler? Der Mensch. So einfach wär’s. Doch fürs fünfte Gebot ist kein Platz in dieser Welt. Auch Bösewichte haben Lieder. Weshalb ihnen bei Greig ein Multikultichor zum Opfer fällt. Und die Chorleiterin verzweifelt nach Erklärungen dafür sucht. Ach, was sind wir alle aufgeklärt. Da muss es doch … Kindheitstrauma, Verhetzung durch starke Führerpersönlichkeiten, Verletzungen der Seele … bittebitte, irgendwas geben; man will begreifen und kann es nicht. Weil es im Wahnsinn nichts zu begreifen gibt. Die Tatsache, dass die anderen alles ablehnen, was wir sind, was uns ausmacht, ist eine hinzunehmende. Ganz ehrlich? Grays liebvoll friedvolle Inszenierung lässt einen die Aufklärung, die Aufgeklärtheit mitunter verfluchen, die einen am Gegenschlag hindert. Wer Wind sät … erhält einen rechtsstaatlichen Prozess. Dazu haben wir uns verpflichtet. Dazu stehen wir. All diese Gedanken hat Greig in seinem Text verwoben.

Franziska Hackl überzeugt im Pfarrerinnenhemd. Sie ist nicht weniger unbeugsam und hartnäckig als ihr Kontrahent, nur tarnt sie sich besser. Sie will Rache und Vergebung. Während Stühle für den Chor aufgestellt werden, Thermoskannenkaffee ausgeschenkt wird, rekapituliert sie „Die Ereignisse“. Ihr Gegenüber ist Florian von Manteuffel als „Junge“der das Töten lernen will und getötet haben wird, als dessen Vater, dessen Freund … Er nimmt auf Princip, den Sarajewo-Attentäter, Bezug, über den ebenfalls ein Stück im Schauspielhaus läuft. Ein politisch unkorrekter Querverweis. Wie kranke Gehirne halt so denken. Für die Dimension der griechischen Tragödie sorgt ein von Abend zu Abend wechselnder Chor. Diesmal: Jedweder Küchenchor. Er ist so etwas wie die Stimme des Volkes. Ein Protestchor. Für das Leben, gegen den Tod.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=oNabTk-BsYs

www.schauspielhaus.at

www.kuechenchor.at

Wien, 9. 12. 2013