Salzburger Festspiele: Der Ignorant und der Wahnsinnige

August 22, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Thomas Bernhard, ein Blendwerk

Ein Fest für Bechtolf: Der scheidende Interimsintendant gibt den Doktor. Bild: © Salzburger Festspiele / Ruth Walz

Ein Fest für Bechtolf: Der scheidende Interimsintendant gibt gekonnt den Doktor. Bild: © Salzburger Festspiele / Ruth Walz

Die Sache mit dem Notlicht wurde naturgemäß anders gelöst. Statt Abschaltung ein Lichtgemetzel, unzählige Spots ins Zuschauerauge, das darauf freilich mit dem gewünschten Blackout reagierte. Thomas Bernhard, ein Blendwerk.

Regiealtmeister Gerd Heinz debütierte bei den Salzburger Festspielen mit dessen Text „Der Ignorant und der Wahnsinnige“. Er legt eine schlichte, schnörkellose, überraschungsfreie Arbeit vor, die sich, so weit, so schön, aufs Wort konzentriert. Dieses riss als Doktor Sven-Eric Bechtolf an sich. Gleichsam als Fleisch gewordener Superlativ performt er seinen Seziersermon, kauzig, hochkomödiantisch, grimassenschneidend, grotesk, ohne Strich und Komma – und dabei mit präzisester Betonung der Bernhard’schen Partitur.

„Zeitlebens habe ich mir eine Aufgabe gewünscht im Hintergrund, aber meine Natur ist eine andere“, sagt der Doktor. Und das Publikum dankt dies dem scheidenden Interimsintendanten mit jubelndem Applaus, als wolle es sagen, hurra!, zurück zur Kernkompetenz, weg von nicht ausführbaren Ideen, wie jährlich wechselnden Festspielschreibern oder internationalsprachigen Aufführungen auf der Perner-Insel.

Welch ein grandioser Schauspieler, ein Fest für Bechtolf. Der hier augenscheinlich allzu neckisch den Verzweiflungskomiker mimt. Dem aber mit Christian Grashof als blindem Vater und Annett Renneberg als Königin der Nacht zwei ebenbürtige Partner auf die Bühne gefolgt sind. Zu dritt scharmützelt man sich durch die von Martin Zehetgruber als opulentes Blumenmeer gestaltete Künstlergarderobe; den zweiten Akt in den Drei Husaren gestaltet der Raumschöpfer für Connaisseurs als Hommage an den Schinkel-Sternenhimmel aus dem Jahr 1816. Zweihundert Jahre, dieses Jubiläum betrifft ja auch Salzburg als Teil von Österreich.

Darin nun also die Non-Dialoge des Intellekts mit dem Instinkt, das Buhlen des Über-Ichs und des Es um ihr angekränkeltes Ich, das angekratzte Ego, ein Reden, als hätte man das Objekt der Begierde schon in der Prosektur, dazu ein profaner Streit über den Spezialzwirn. Grashof gibt das Grundleiden mit überbordend unbeholfenen Gesten und hilfeheischender Mimik; wie einem Kind, das die Sätze der Erwachsenen wiederholt und memoriert, wird ihm gut zugeredet. Renneberg gestaltet die Koloraturmaschine, das Kunstgeschöpf nicht nur überraschend gut bei „Singstimme“, sondern auch erstaunlich mitmenschlich; die Diva ist zwar eine Tyrannin, die berechnende, manipulative Grausamkeit von Mozarts Operndespotin fehlt ihr jedoch weitgehend.

Annett Renneberg als Königin der Nacht mit Sven-Eric Bechtolf, Barbara de Koy und Christian Grashof. Bild: © Salzburger Festspiele / Ruth Walz

Annett Renneberg mit Sven-Eric Bechtolf und Christian Grashof. Bild: © Salzburger Festspiele / Ruth Walz

Die Drei Husaren unter Schinkels Sternenhimmel: Renneberg, Bechtolf und Grashof. Bild: © Salzburger Festspiele / Ruth Walz

Drei Husaren unter Schinkels Sternenhimmel: Renneberg, Bechtolf, Grashof. Bild: © Salzburger Festspiele / Ruth Walz

So überspannt sind auch von ihrem Ruhm überforderte Rihannas, überhaupt sind alle sehr einnehmend und charmant, und eigentlich – war da nicht noch was? Eine Abhängigkeitskette, die auf das Grausamste die menschlichen Marionetten im Stück bloßstellt. Ein sich unbarmherzig ankündigendes Sterben von „Kultur“. Eine heraufdräuende Seelenverfinsterung. Gerd Heinz hat Bernhard brav, nicht aber dessen Pausen inszeniert, und damit die Komödie ihrer Tragödie beraubt. Er hat ihre Abgründe zu Untiefen aufgeschüttet und die Figuren um ihre Doppelbödigkeit gebracht. Ohne böswillige Hinterfotzigkeit aber verkommt „Der Ignorant und der Wahnsinnige“ zum harmlosen Haha. Als könne ein zu viel des Guten nichts Besseres bewirken. „Wer die Kunst mit Absolutheitsanspruch auszuüben wünscht, darf keinesfalls auf ein gelingendes Leben hoffen“, lässt Bernhard den Doktor schließlich sagen.

Auf dem Weg vom Bahnhof zum Landestheater. Ein Sandler steigt in den Obus Nr. eins, eine junge Passagierin springt auf und denunziert den ihr Ekelerregenden beim Fahrer. Der bleibt tatsächlich mitten auf der Strecke, auf Höhe Mirabellgarten stehen. Vollbremsung und Verweis aus dem Fahrzeug. Weil, der Mann hat keinen Fahrschein. Als man anbietet, ihm einen zu kaufen, ein Nein. Und ein herrisches: Und du waaßt a genau warum! zu dem Mann. Sandler dürfen nicht in Salzburgs Innenstadt. Beim Makartplatz dann endlich wieder Brillant und Perlketten. In Salzburg angekommen, ein Blendwerk.

www.salzburgerfestspiele.at

Salzburg, 22. 8. 2016