Residenztheater im Werk X: Der Schweinestall

Dezember 22, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ivica Buljan rockt Pasolini

Philip Dechamps (Julian). Bild: © Matthias Horn

Es ist dem Werk X zu danken, dass diese fabelhafte Produktion des Residenztheater München in Wien zu sehen ist: Ivica Buljan zeigt in Meidling (noch einmal heute Abend) seine Interpretation von Pier Paolo Pasolinis Film „Der Schweinestall“, und die Inszenierung ist einfach großartig. Der kroatische Regisseur betrachtet die anti-bürgerliche Parabel über menschliche Schwächen und gesellschaftspolitische Perversionen als „true horror“.

Von Pasolini als Satire auf das kapitalistische Nachkriegseuropa entworfen, spiegelt „Der Schweinestall“ bei Buljan die heutige neoliberale Konsumwelt – eine Schweinehaut mit aufgeprägtem Monogram Canvas von Louis Vuitton hängt über allem -, die bereits wiederbeginnt, sich im Faschismus zu suhlen.

Die Bilder sind von albtraumhafter Schönheit, Spinoza lugt aus dem Jahr 1667 ins Jahr 1967, nur um festzustellen, dass seine Thesen nicht gehalten haben. Alt-Nazis feiern fröhliche Urständ‘ und sich selbst als immerwährende Großunternehmer, die an neuen Formen der nie endenden Unterdrückung feilen. Ein Sohn, der sich mit der Frage der Identität, Konformismus oder Revolution?, anödet, geht, nein, nicht vor die Hunde, sondern wird von seinem love interest gefressen werden. Selbst eine in Plastik gehüllte Madonna kann da nicht mehr helfen. Dazu singt und spielt das Ensemble Pasolinis vertonte Gedichte. „Chiesa“, „Terra Lontana“ oder „Himnus ad Nocturnum“ (Musik: Mitja Vrhovnik-Smrekar). Sein Text „Wer ich bin“ wird rezitiert. Das hat schon was, die große Juliane Köhler, die Mutter Klotz darstellt, auch am E-Bass zu sehen – und wie sie vorher immer die Brille aufsetzt, um die Noten lesen zu können …

Julian Klotz also ist der Sohn des Industriellen Vater Klotz, der im Dritten Reich so etwas wie ein zweiter Krupp war. Den Übergang in die Bundesrepublik hat er nahtlos geschafft, die Geschäfte florieren, nun soll ein alter Kamerad und nunmehriger Konkurrent ausgeschaltet werden, Herdhitze, ehemals Hirt, von dem man weiß, dass er Naziverbrechen begangen und sich eine Sammlung aus „Judenschädeln“ zugelegt hat. Bei Hirt handelte es sich um eine authentische Figur, einem Arzt, der Direktor des Anatomischen Instituts der neugegründeten Reichsuniversität Straßburg und nachweislich für den Tod von 86 Menschen verantwortlich war. Tatsächlich nahm er sich 1945 das Leben, Pasolini jedoch ließ ihn nach einer Gesichtsoperation weitermachen.

Genija Rykova (Ida), Juliane Köhler (Mutter Bertha), Philip Dechamps (Julian). Bild: © Matthias Horn

Bijan Zamani (Herdhitze), Götz Schulte (Vater Klotz). Bild: © Matthias Horn

Herdhitze nun hat allerdings einen Trumpf im Ärmel. Er weiß, was Julian in den Schweineställen im Wortsinn „treibt“. Die junge Linke Ida, die in Berlin Teil der studentischen Protestbewegungen gegen das Establishment ist, und die versucht, Julian einen Ausweg aus dem faschistischen Elternhaus zu bieten, interessiert den Junior weit weniger, als sein an seinen Lieblingstieren ausgelebter Ennui an der deutschen Lebensrealität. Und während Klotz und Herdhitze zwangsfusionieren, geht Julian wieder in den Schweinestall. Pasolinis Resümee: „Die vereinfachte Botschaft des Films ist folgende: die Gesellschaft, jede Gesellschaft, frisst ihre ungehorsamen Kinder.“

Für Buljans Arbeit hat Aleksandar Denić ein dreigeteiltes Bühnenbild erdacht: links der Schweinekobel, mit nach der Pause drei lebenden Tieren, in der Mitte die Protzvilla, rechts eine Art hölzerner Unterstand. Auf dem Podest darüber thront die Band. Nora Buzalka eröffnet das Spiel, ihre Rolle darin ist Zaúm, eine Figur, die Pasolini zwar angedacht und geschrieben, jedoch im Film nicht verwendet hat. Zaúm ist ein Double Julians, oder besser, der freiere, von der Gesellschaft nicht bevormundete Gegenentwurf. Philip Dechamps Julian ist bei aller Zerbrechlichkeit auch zum Früchten, wie er gegen Ida berserkert, und dann doch wieder so sensibel, dass man ihm abnimmt, in ein dreimonatiges Koma zu fallen, weil er die Zustände nicht mehr erträgt.

Dechamps begeistert mit seinem feinnervigen Spiel, das auch einen linkischen Charme versprüht und gänzlich unpathetisch eine existenzielle Verletztheit und ein Sehnsüchteln entblößt. Am Ende stemmt er seinen großen Schmerzensmonolog mit seinem gewaltigen Stück Holz über dem Kopf. Ein sichtbarer Kraftakt, der nachweist, wie schwer es ihm stets fiel, seinen „Pfahl“ unter Kontrolle zu halten. Dass die ausgelassen herumtobenden Schweine ihren Mitspieler danach bejubelten und sich in ihren Ovationen kaum zurückhalten ließen, sorgte nicht nur im Publikum für Lacher, sondern brachte auch den Darsteller bei aller Ernsthaftigkeit immer wieder zum Schmunzeln …

Nora Buzalka (Zaúm), Philip Dechamps (Julian). Bild: © Matthias Horn

Genija Rykovas ist als Ida die einzige Hoffnungsträgerin in dem ganzen dekadenten Panoptikum. Dass sie jederzeit bereit ist, ihr BHchen zu zeigen, dass sie dabei ein wenig übergrell agiert, nimmt ihr vielleicht die von Pasolini angedachte engelhafte, raphaelisierte Seite, doch zeigt sie eine schöne Leistung – und überzeugt vor allem auch als Sängerin.

Wie auch Juliane Köhler, die als Mutter Klotz, changierend zwischen bürgerlicher Wohlanständigkeit und sadistischen Neigungen, auf ganzer Linie begeistert. Götz Schulte als Vater Klotz spielt einen ebensolchen, einen tumben, doch nicht dummen Großsprecher, der wie eine Ehefrau in feinsten Proll-Chic gewandet ist (wunderbare Kostüme von Ana Savić Gecan). In Pasolinis Film saß Klotz senior übrigens im Rollstuhl, geziert mit einem Hitler-Bärtchen.

Bijan Zamani spielt einen mafiösen, mit allen, vor allem schmutzigen Wassern gewaschenen Herdhitze. Sibylle Canonica als Spinoza, Götz Argus als Hans Günter und Jürgen Stössinger als Maracchione runden das Ensemble perfekt ab. Dieser „Schweinestall“ ist eine absolut sehenswerte Inszenierung, ein lohnender Theaterabend, eine Empfehlung! Danach freut man sich einmal mehr auf die Zeit, wenn Martin Kušej das Burgtheater übernommen haben wird.

www.werk-x.at

  1. 12. 2017

Landestheater NÖ: Ab jetzt

Mai 14, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Riesen-Nonsense mit Replikantin

Yorck Dippe, Lina Beckmann und Gala Winter. Bild: Klaus Lefebvre

Menschen mit Maschine: Yorck Dippe, Lina Beckmann und Gala Winter. Bild: Klaus Lefebvre

Zum Saisonschluss und zum Ende ihrer Tätigkeit als Intendatin des Landestheater Niederösterreich lud Bettina Hering, sie wechselt als Schauspielchefin zu den Salzburger Festspielen, zu einem der bewährten Gastspiele. Das Schauspielhaus Hamburg zeigte Alan Ayckbourns Science-Fiction-Groteske „Ab jetzt“ in der Regie von Karin Beier.

Und es war der Abend der Lina Beckmann. Mit einer solchen Schauspielerin an der Hand, kann man als Theaterdirektorin gar nicht anders, als dieses Stück anzudenken. Dachte wohl auch Beier. „Ab jetzt“ ist der ganz andere Ayckbourn, gern wird gesagt, nicht sein bester, doch das sollte man zumindest nach dieser schwungvollen Inszenierung anders sehen.

Erzählt wird aus der Zukunft. Der Komponist Jerome hat mit seiner soziophoben Art seine Frau vertrieben, die allerdings mit Kind, und diese Tochter will er wiedersehen. Also bastelt er für den Besuch samt Sozialarbeiter an einer heilen, neuen Familie – erst mit Leihmimin Zoe, doch als die Reißaus nimmt, mithilfe einer Roboterfrau namens Gou 300F. Die hat ein paar Macken, und als nun die frisch Geschiedene in der Tür steht, nimmt das Verhängnis seinen Lauf … Beier hält sich nicht damit auf nach verkopfen, tieferen Bedeutungen im Text zu suchen, Motto: Was die Maschine dem Menschen antut, wenn er sich in Abhängigkeit zu ihr begibt, nein, sie fährt einfach mit Vollgas drauflos, von Gag zu Gag, von Nonsense zu Nonsense.

Kein Sofa über das nicht gestolpert wird, keine Wand gegen die man nicht läuft. Und die Königin dieser Komödie ist Beckmann – übrigens für die Rolle bereits mit einem Schauspielerpreis ausgezeichnet. Derangiert tanzt ihre Zoe an, man hat sie auf der Straße ausgeraubt, aber so arm dran kann die gar nicht sein, dass ihre Kunst nicht noch erbärmlicher wäre. „Soll ich Ihnen die Ophelia vorspielen?“, fragt sie in einem Ich-war-mal-wer-Aufbegehren. Ganz großartig gelingt Beckmann diese Übung, aus einer Knallcharge, einer gescheiterten Existenz ein berührendes Exemplar der Gattung Mensch zu machen. Und das Publikum biegt sich vor Lachen, umso mehr als sie, nunmehr von der Kunst-Frau zur künstlichen Frau mutiert, wie ein dem „Blade Runner“ entsprungener Replikant agiert. Welch eine Ironie: Zoe, die einzig empathiebegabte im falschen Spiel, so beflissen wie bizarr, wird abgelöst durch Emotionslosigkeit. So scheint es zumindest auf den ersten Blick.

Denn war das Wesen aus Fleisch und Blut hippelig und hypernervös und enervierend tollpatschig, so ist das Wesen aus Draht und Silikon berechnend gefährlich und ganz offensichtlich eifersüchtig. So viel Mensch in einer Maschine, und man weiß nicht, bei wem die Schaltkreise zuerst durchgebrannt sind. Jerome lebt in einem Hightechbunker, sein einziger Kontakt zur Außenwelt ist ein Bildtelefon. Alles, was irgend Leben ist, speist er in den Computer ein, will er doch mit diesem Material sein Opus magnum ausgerechnet über die Liebe schreiben. Götz Schubert gibt diesen Beziehungsgestörten mit der richtigen Dosis Ekeligkeit, so schrullig, dass man ihn gerade noch sympathisch finden kann.

Ute Hannig spielt erst ebenfalls die Gou – Version 1, als gruselige, herrische Sexmachine in Seidenkorsage, dann Jeromes Frau Corinna als über weite Strecken herzlose, weil herzgebrochene Xanthippe, Gala Winter die Tochter Geain als genderverwirrten Rotzlöffel. Sie ist nun ein Er, ein Glatzkopfkerl mit Kinnbart, wird aber flugs mit Zöpfchen und Schleifchen wieder zur Sie. Herrlich auch Yorck Dippe als Mann vom Jugendamt: Der aalt sich in seinen großen Gesten, ganz Conferencier in eigener, ergo narzisstischer Sache und ist doch die Person gewordene Bankrotterklärung modernen Behördentums. Michael Wittenborn, eingespielt per Video, ist Jeromes bester Freund, ein auf den Anrufbeantworter umgeleiteter Dauertelefonierer. Frau weg, Selbstmord in den Gedanken, sitzt der Kauz erst im Schlagzeugkeller, später in einer Bar, in der er tatsächlich um sein Leben fürchten muss.

Was Beier und ihr Ensemble vorführen, ist großes Tennis. Tempo und Timing stimmen auf den Punkt, die Schauspieler sind perfekt geführt und danken mit einer einwandfreien Performance. Am Ende läuft Gou durch den irrtümlichen Gebrauch der bei ihr eingespeicherten Keywörter völlig aus dem Ruder, das Wahnsinnskarussell dreht sich von Minute zu Minute schneller, und Gala Winters Geain, wunderbar ist diese Kostprobe ihres Könnens, nutzt diesen Umstand reichlich aus. Die neue Generation kann ja mit der Technik. Der egozentrische Künstler aber bleibt allein, er hat jetzt genug Zeugs zum Komponieren. Mit viel Witz und ihrem Gespür für schwarzen Humor hat Karin Beier St. Pölten einen höchst vergnüglichen Start in die Sommerpause beschert. Am 23. Mai wird Marie Rötzer, die neue künstlerische Leiterin des Hauses, ihren ersten Spielplan präsentieren. Man darf gespannt sein, was da alles zu erfahren sein wird.

www.landestheater.net

Wien, 13. 5. 2016

Josefstadt 2016/17: Neues von Turrini, Mitterer und Kehlmann – und ein verloren geglaubter Horváth

Mai 11, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Michael Schottenberg inszeniert bei Herbert Föttinger

Felix Mitterer, Herbert Föttinger und Peter Turrini. Bild: Herwig Prammer

Felix Mitterer, Herbert Föttinger und Peter Turrini. Bild: Herwig Prammer

Vierzehn Premieren zeigt das Theater in der Josefstadt in der kommenden Saison 2016/17, davon eine europäische und eine österreichische Erstaufführung und fünf Uraufführungen. Eine dieser letzteren verschaffte Josefstadt-Direktor Herbert Föttinger bei der Programmpräsentation am Mittwoch Vormittag eine weitere „Premiere“.

„Das ist meine erste Skype-Pressekonferenz“, scherzte der Hausherr gut gelaunt. „Ich hab‘ so etwas noch nie gemacht, ich hoffe, dass es klappt.“ Und schon erschien Daniel Kehlmann auf dem Bildschirm. Er wird, wie auch Peter Turrini und Felix Mitterer, die auf dem Podium saßen, einen der neuen Texte der Spielzeit vorlegen, und weilt derzeit in London, um mit britischen Schauspielern ebenfalls das Stück zu erarbeiten, dass zeitgleich an der Josefstadt aufgeführt werden wird: Heilig Abend (Premiere: 2. Februar, Josefstadt), inszeniert von Föttinger selbst, gespielt von Maria Köstlinger und Bernhard Schir.

„Das ist das erste Mal, dass ich in gewissem Sinne ein politisches Stück geschrieben habe, das auf Entwicklungen unserer Zeit abzielt“, sagt Kehlmann. Geworden ist es ein „Echtzeit-Stück“, denn neben den beiden Darstellern fungiert die Uhr als dritter Protagonist. „Das war der eine Antrieb zu ,Heilig Abend‘: die Idee von Zeigern, die sich auf den entscheidenden Moment zu bewegen, offen und groß, im Blickfeld der Bühnenfiguren wie des Publikums. Es gibt einen Konflikt und die Zeit drängt und keiner kann raus aus der Situation“, so Kehlmann. „Der andere Antrieb, das war meine Verblüffung über die Dinge, die Edward Snowden aufgedeckt hatte: das Ausmaß der staatlichen Überwachung in der elektronischen Welt, die Willkür der Geheimdienste, die Möglichkeit der Polizei, unsere Leben in einem Ausmaß zu beobachten, wie wir es uns früher nicht hätten vorstellen können.“ Die Situation ist ein Verhör. Um 21 Uhr soll mutmaßlich eine Bombe explodieren – „und es sind 90 Minuten Zeit, um die Sachlage zu klären. Für mich und die Schauspieler ist es spannend so zu arbeiten, weil wir das davor noch nie in der Art getan haben“, ergänzt Föttinger.

Peter Turrini hat sich mit Hedy Lamarr befasst. Sieben Sekunden Ewigkeit heißt sein Stück, das am 12. Jänner an der Josefstadt uraufgeführt wird. „Natürlich“, sagt der Dichter, „ist der Text kein biografischer. Ich habe mich auf eine poetische Form des Erzählens verlegt. Die Szenen sind möglich, aber nicht belegbar“. Was Turrini an dem Stoff bewegte, nennt er die „Archäologie des Unvereinbaren“, darin sieht der Autor, der bereits an seinem nächsten Werk, einem Stück über Flüchtlinge arbeitet, auch das Zeittypische, „das Übel unserer Zeit, die Beurteilung eines Menschen aus einer Momentaufnahme“. Denn die Lamarr wurde zeitlebens auf „sieben Sekunden Busen“, so kurz war er in ihrem Film „Ekstase“ zu sehen, festgelegt, und über diesem kurzen Nacktauftritt lange übersehen, „dass sie ein technisches Genie war, Erfinderin einer Technologie, welche die heutige Telekommunikation erst ermöglichte“.

Turrini: „Dieser so widersprüchliche Mensch hat mich nachhaltig in den Bann gezogen. Sie galt als die schönste Frau der Welt und zerstörte sich am Ende mit Schönheitsoperationen. Sie sehnte sich ein Leben lang nach Familie, aber hielt es nicht aus, wenn sich eine einstellte. Sie war nie zufrieden mit Rollen, intelligenter als die meisten Menschen, die sie in Hollywood treffen konnte … sie war für ihre Umwelt unfassbar, und wohl auch für sich selbst.“ Sandra Cervik spielt in dem Ein-Frauen-Stück in der Regie von Stephanie Mohr. „Für mich ist das ästhetisch und theatralisch ein neuer Versuch eine Geschichte zu erzählen“, sagt Turrini.

Auch der andere Josefstadt-„Hausautor“ legt sein jüngstes Werk in die bewährten Hände von Regisseurin Stephanie Mohr. Nach „Jägerstätter“ und „Der Boxer“ inszeniert sie die Felix-Mitterer-Uraufführung Galápagos (Premiere: 16. März, Josefstadt). Vor zehn Jahren schon ist ihm die Geschichte untergekommen, erzählt Mitterer, „aber erst Herbert Föttinger hat gesagt: Na, dann schreib’s halt auf. Es geht um den Berliner Arzt und Philosophen Friedrich Ritter, der mit seiner Jüngerin Dore Strauch 1929 in die Wildnis übersiedelt, weil er den Kapitalismus und die Massengesellschaft hasst. Er will sein philosophisches Hauptwerk schreiben, er glaubt nämlich, dass sich jeder selber heilen kann und soll, aber seine Begleiterin hat Multiple Sklerose.“

Doch dies nur das eine Verhängnis, denn dem „Messias“ folgen auch andere, ein Ehepaar, das der deutschen Wirtschaftskrise entflieht, eine peitschenschwingende Baronin mit ihren beiden Geliebten – und das Paradies wird zur Hölle. „Wie’s so geht bei  Aussteigergeschichten“, sagt Mitterer. „Man glaubt, man geht weg aus einer gefährlichen Welt und es wird was besser, und dann kommt alles noch viel schlimmer. Der Urwald wird für ein Hotelprojekt verstört, die Baronin schwingt sich zur Kaiserin auf, am End‘ sind alle tot, und die Frage ist, wer wen warum umgebracht haben wird. Ich bin gerade bei der Arbeit und kann daher darüber noch gar nichts sagen.“ Das klären also dann unter anderem Raphael von Bargen, Peter Scholz, Roman Schmelzer und Pauline Knof.

Stiftungsvorstand Günter Romberg, Alexander Götz, Herbert Föttinger, Felix Mitterer, Maria Teuchmann und Peter Turrini. Bild: Tomas Rataj

Stiftungsvorstand Günter Romberg, Alexander Götz, Herbert Föttinger, Felix Mitterer, Maria Teuchmann und Peter Turrini. Bild: Tomas Rataj

Die vierte Uraufführung ist gleichzeitig die Eröffnungspremiere am 1. September an der Josefstadt und betrifft Ödön von Horváth. Dessen Stück Niemand war nämlich lange nichts als eine Legende, sein Bruder Lajos erinnerte sich an nicht mehr als an ein „in expressionistischer Manier geschriebenes Stück in einem blauen Umschlag“. Doch seit den 1990er-Jahren geisterte ein wenig bemerktes Typoskrippt durch die Literaturwelt, das nun von der Wienbibliothek bei einer Auktion ersteigert wurde. Ein Krimi, den Maria Teuchmann da erzählt; die Geschäftsführerin hat für den Thomas Sessler Verlag die Rechte gesichert.

„,Niemand‘ ist ein sensationell tolles Frühwerk mit sämtlichen Motiven Horváths späterer Werke“, sagt sie. Inhalt: Im Mietshaus des Wucherers und Krüppels Fürchtegott Lehmann tummelt sich ein Potpourri an Menschen, die durch die Wirtschaftskrise an den Rand der Existenz gedrängt werden. So trifft man auf den Musiker Klein, der vor der Delogierung steht, weil er den Mietzins nicht mehr zahlen kann. Es gibt es den brutalen Zuhälter Wladimir, der aus dem Elend der anderen Profit schlägt. Die Dirne Gilda, die ihm hörig ist, verkauft ihren Körper, weil die Liebe allein nicht satt macht. Auch die verzweifelte Ursula ist kurz davor, auf den Strich zu gehen, lernt aber den Hausherrn Lehmann kennen. Viel zu schnell willigt sie in eine Heirat mit dem zutiefst abstoßenden und verbitterten Menschen ein. „24 Rollen, die alle Bedeutung haben“, so Föttinger, der auch hier die Regie übernehmen wird. In dem „expressiv ausladenden“ Stück spielen unter anderem Gerti Drassl, Martina Stilp, Thomas Kamper und Florian Teichtmeister.

Erste Premiere an den Kammerspielen wird am 8. September die Uraufführung von Monsieur Claude und seine Töchter. Die Hauptrolle in der Komödie nach dem gleichnamigen französischen Filmhit spielt Siegfried Walther, es inszeniert Folke Braband. Danach folgt am „kleinen Haus“ die europäische Erstaufführung von Winter Wonderettes. Werner Sobotka, dessen Sensationserfolg „La Cage aux Folles“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=14687) weiter zu sehen sein wird, hat das Stück von Roger Bean übersetzt und sorgt auch für die Inszenierung. Ruth Brauer-Kvam, Susa Meyer und Salka Weber spielen die Freundinnen, die nach Kräften an einer Xmas-Show feilen und fast um ihre Gage geprellt werden. Premiere: 3. November. Regisseurin Alexandra Liedtke befasst sich nach „Vater“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=17522) ein zweites Mal mit Autor Florian Zeller. Sie zeigt als österreichische Erstaufführung ab 15. Dezember Die Kehrseite der Medaille, die Zuschauer sehen zwei verkrampfte Paare bei einem bemüht höflichen Abendessen.

Michael Schottenberg wird erstmals als Regisseur am Haus tätig sein. Der ehemalige Chef des Volkstheaters ist seinem kurzen Ruhestand schon wieder entschlüpft und hebt am 1. Dezember Nestroys Das Mädl aus der Vorstadt auf die Bühne der Josefstadt. Auch hier spielt Thomas Kamper, mit Martina Ebm und Martin Zauner. An den Kammerspielen folgt zum 90. Geburtstag der großen Erni Mangold Harold und Maude in der Regie Schottenberg. Premiere ist am 26. Jänner, den Harold spielt Ensemble-Neuzugang Meo Wulf. Hans Kudlich sorgt in beiden Fällen für das Bühnenbild. Neben Wulf sind weitere Neuzugänge Josephine Bloéb, Swintha Gersthofer, Michaela Kaspar, Wojo von Brouwer und Oliver Rosskopf. Und noch ein Geburtstagsfest auf der Bühne: Marianne Nentwich wird zu ihrem 75er an den Kammerspielen mit Arsen und Spitzenhäubchen gefeiert. Es inszeniert Fabian Alder, Premiere ist am 18. Mai.

Zu sehen sind außerdem Hoffmannsthals Der Schwierige mit Michael Dangl, Regie Janusz Kica, Premiere: 6. Oktober; Die Verdammten nach dem Film von Luchino Visconti, Elmar Goerden inszeniert, Andrea Jonasson spielt, Premiere: 10. November; am 4. Mai folgt Die Wildente in einer Inszenierung von Mateja Koležnik; die Regisseurin, in Slowenien und Kroatien längst ein Star, arbeitet erstmals an der Josefstadt. Mit Spannung erwartet werden darf auch das neue Projekt von Torsten Fischer und Herbert Schäfer mit Sona MacDonald. Nach ihrer fulminanten Hommage an Billy Holiday (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=16320) soll es nun um die Callas gehen. Premiere an den Kammerspielen ist am 30. März.

Alexander Götz und Herbert Föttinger. Bild: Herwig Prammer

Um Zahlen, Daten, Fakten nicht verlegen: Alexander Götz und Herbert Föttinger. Bild: Herwig Prammer

Der kaufmännische Direktor Alexander Götz legte zum Ende der Pressekonferenz noch ein paar Zahlen vor: In der laufenden Spielzeit liegt man derzeit bei einer Auslastung von 81 Prozent für die Josefstadt und sagenhaften 97 Prozent für die Kammerspiele. Man rechnet bis Saisonende mit 300.000 Besuchern bei insgesamt 680 Veranstaltungen. Im vergangenen Geschäftsjahr lag die Eigenfinanzierung bei 41,7 Prozent! Ein Wert, mit dem Götz längst noch nicht zufrieden ist …

Die nächste große Investition betrifft die Modernisierung der hauseigenen Werkstätten (mehr dazu: www.mottingers-meinung.at/?p=18560). „Uns ist“, so Götz, „die eigenverantwortliche Erstellung der Bühnenbilder sehr wichtig. Außerdem wollen wir in Österreich diesbezüglich Arbeitsplätze erhalten und auch Lehrstellen für diese handwerkliche Ausbildung anbieten. Sonst braucht sich niemand zu wundern, wenn es am Theater in diesen Bereichen einmal keinen Nachwuchs mehr gibt.“

www.josefstadt.org

Wien, 11. 5. 2016

Volksoper: Der Kongress tanzt

Februar 21, 2016 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Vom Film- zum vorprogrammierten Bühnenhit

Fritz von Friedl, Wolfgang Gratschmaier, Nicolaus Hagg, Thomas Sigwald, Boris Eder, Ildiko Babos und Regula Rosin Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien,

Fritz von Friedl, Wolfgang Gratschmaier, Nicolaus Hagg, Thomas Sigwald, Boris Eder, Ildiko Babos und Regula Rosin. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Na also, endlich. Europahauptstadt. Nicht, dass dadurch die Weltpolitik besser würde, aber der Veltliner … Wien und der Wein. Und das Weib natürlich. Und die Walzerseligkeit. Und die Heurigenstimmung. Tourismusverbände aller Länder, vereinigt euch! An der Volksoper hatte „Der Kongress tanzt“ Premiere.

Das war einmal ein Film von Erik Charell mit Lilian Harvey und Willy Fritsch. 1931 in die Kinos gebracht, 1937 verboten. Die Handlung trägt sich zur Zeit des Wiener Kongresses zu. Metternich will bei seinen Verhandlungen möglichst keine Gegenstimme und daher Alexander von Russland ausschalten. Der, ein bekannter Steiger, sollte relativ einfach in ein amouröses Abenteuer zu verwickeln sein, und deswegen den Abstimmungen fern bleiben. Und so kommt dem Fürsten die junge Handschuhmacherin Christel gelegen, die aus Werbezwecken jedem Staatsgast ein Blumensträußchen zuwirft – und den Zaren damit auf den Kopf trifft. Als sich die „Bombe“ als Bouquet entpuppt, entwickelt sich eine Romanze, sehr zum Ärger von Geheimsekretär Pepi, der in die schöne Ladenbesitzerin bis über beide Ohren verliebt ist. Ausgerechnet er soll aber nun den Zaren immer weiter in die „Weibergeschichte“ verstricken. Doch der hat einen Doppelgänger mit nach Wien gebracht und schafft es daher, Staatsgeschäfte und Liebesangelegenheiten parallel zu erledigen …

Die unsterblichen Melodien dieser Leinwandoperette stammen aus der Feder von Werner Richard Heymann: „Schön ist das Leben“, „Das muss ein Stück vom Himmel sein“, „Das gibt’s nur einmal, das kommt nicht wieder“. „Sie kennen mich nicht, aber sie haben schon viel von mir gehört“, war später Heymanns Auftrittssatz, sein Gag bei Konzerten. Der gebürtige Königsberger, wesentlichster Komponist der Comedian Harmonists, auch Mitarbeiter und dann Nachfolger von Max Reinhardt an dessen Bühne „Schall und Rauch“, war ein glühender Europäer. So sehr, dass er, 1933 von den Nazis mit Berufsverbot belegt und ins Exil gejagt, nach dem Krieg nach Deutschland zurückkehrte. Obwohl er in den USA beachtliche Erfolge hatte, unter anderem die Musik für die Ernst-Lubitsch-Filme „Ninotschka“ und „Sein oder Nichtsein“ schrieb und mehrmals für den Oscar nominiert war. Volksoperndirektor Robert Meyer und Komponist und Arrangeur Christian Kolonovits haben Heymanns Schatz nun für das Haus am Gürtel geborgen. Der Film- ist ein vorprogrammierter Bühnenhit. Mit allem, was der Gast aus dem In- und Ausland zu schätzen weiß.

Dies ist allem voran Kolonovits zu danken. Er hat die Musik sozusagen aus dem Film abgeschrieben. Denn es gibt von „Der Kongress tanzt“ weder Partitur noch Orchesterstimmen, nur ein paar Klavierauszüge und einige Skizzen haben das Dritte Reich überlebt. Kolonovits schaffte es durch liebevolles Hinhören das Flair der 1930er-Jahre wieder aufleben zu lassen – inklusive des charakteristischen Kratzens alter Schellack-Platten. Er dirigiert seine „Originalklang-Operette“ selbst, und das wunderbar wandlungsfähige Volksopernorchester, das schon mehrmals unter Beweis gestellt hat, wie schwungvoll es swingen kann, wird in seinen Händen zur Big Band. Allein schon sein Sound ist diesen Feel-Good-Abend wert.

Inszeniert hat Robert Meyer mit viel Spaß an der Sache und zart eingesetzten Zeitbezügen. Etwa, wenn sich sein Metternich als geistiger Großvater der NSA zeigt, oder Fritz von Friedl als Bürgermeister ein Original ist, dass dem echten rein zufällig ein bisschen ähnelt. Auch, dass Wien anno 1814 nur ums Eck von Brüssel 2016 liegt, zeigt er ganz klar. Viel – musikalisches – Muskelspiel, aber dürftig in den politischen Beschlüssen. „Der Kongress gleicht einem Jahrmarkt in einer kleinen Stadt, wo jeder sein Vieh hintreibt, es zu verkaufen und zu vertauschen“, notierte der preußische Generalfeldmarschall Blücher damals. Um den schnellen Filmschnitten gerecht zu werden, gleiten die Szenen, begleitet von Spieluhrmusik, die Darsteller wie deren Figuren aufgestellt, auf der Drehbühne vorbei. Das ist eine schöne Idee, doch wird die Handlung, bevor sie richtig Fahrt aufnimmt, von diesem steten Wechsel ein wenig ausgebremst. Das ist schade. Unterm Strich aber hat Robert Meyer, der als Metternich selbstironisch über sein Los als „Führungspersönlichkeit“ klagt, für sein Haus einmal mehr ein perfektes Ensemblestück ausgesucht. Jeder kommt hier zu seinem großen Auftritt.

Das nutzen Anita Götz und Michael Havlicek ganz vorzüglich. Als Christel und Pepi sind die Sopranistin und der Bariton sowohl komödiantisch als auch gesanglich ein Traumpaar. Sie, die freche Resche mit leichter Bissgurn-Veranlagung, er, der Stotterer in Liebesdingen, ein Pantoffelheld schon vor der Heirat. In viel zu riesiger rosa Robe, ein textiles Sinnbild für: diese Welt ist nicht die ihre, wartet sie in der Hofburg auf den Zaren, der am Ende doch abreisen wird. Worauf sie sich nicht – siehe Film – sofort ihrem Pepi in die Arme wirft, sondern erst einmal, weil ja jetzt als Adelspantscherl berühmt, im Laden das große Geschäft macht. Das ist Emanzipation für beide Geschlechter, weil auch ein Pepi hat nicht alles nötig. Havlicek spielt das sehr charmant, er hat als Pepi durchaus Herzensbrecher-Potential. Boris Eder brilliert in der Doppelrolle als Zar Alexander und dessen Double Uralsky. Eder kann sowohl den weltgewandeten Verführer als auch den einwandfreien Dodl überzeugend über die Rampe bringen, und ist stimmlich sowieso glänzend. Seinem kurzsichtigen Uralsky, dem Thomas Sigwald als Adjutant Bibikoff die Brille wegnimmt, was zusätzlich für dessen Verwirrung und ergo Tumult sorgt, hätte man einen Slapstick mehr sehr gerne gegönnt. Mit Agnes Palmisano besingt eine waschechte Dudlerin Wiens alkoholische Qualitäten. Nicolaus Hagg jammert als Finanzminister gekonnt über die Kosten.

Zusätzliche Heymann-Lieder peppen die Aufführung auf. Wie für die Zusammenstellung einer Revue haben Kolonovits und Meyer gut gewählt, was zur Handlung passt. Zar-Eder darf auch noch „Hoppla, jetzt komm‘ ich“ aus dem Film „Der Sieger“ anstimmen. Für Regula Rosin als Fürstin wurde mit „Die älteren Jahrgänge“ aus „Professor Unrat“ ein gesanglich-kabarettistisches Kabinettstückchen gefunden. Wolfgang Gratschmaier, Marco Di Sapia, Axel Herrig, Bernd Birkhahn, Franz Suhrada und Gernot Kranner wissen als gekrönte und gewählte Häupter „Einmal schafft’s jeder“ – aus „Ein blonder Traum“. Und Robert Meyer hat für sich den „Alraune“-Tango „Heut‘ gefall‘ ich mir“ reserviert. Noch nie war Metternich so sexy.

Zum großen Schlussapplaus gab’s als Da Capo Christels „Das gibt’s nur einmal“. Als es am 8. Mai 1945 in Berlin keinen Strom, daher auch kein Radio gab, wussten die Menschen vielerorts nichts davon, dass die Wehrmacht die Waffen niedergelegt hatte. Da spielte beim Bahnhof Zoo ein russischer Lautsprecherwagen die Melodie – und die Berliner wagten sich aus ihren Verstecken. So etwas muss man erst einmal schreiben: Ein Lied, mit dem das Kämpfen endet und der Friede beginnt. An der Volksoper jetzt wieder zu hören. Ein Evergreen als zart eingesetzter Zeitbezug. Jeder Frühling hat nur einen Mai …

www.volksoper.at

Wien, 21. 2. 2016

Volksoper: Don Giovanni

November 15, 2015 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Achim Freyer verwurstet den Wüstling

Josef Wagner (Don Giovanni), Andreas Mitschke (Komtur) Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

Machen Sie eine typische Handbewegung: Josef Wagner als Don Giovanni mit „Komtur“ Andreas Mitschke. Bild: © Barbara Pálffy/Volksoper Wien

An der Volksoper bricht Achim Freyer mit alten Gewohnheiten. Seh- wie Hör-. Seine Inszenierung von Mozarts „Don Giovanni“ wurde ergo mit beinah ebenso vielen Buhs wie Bravos bedacht. Freyer holt den Frauenhelden aus der ewigen Finsternis diverser Bühnenbilder ans Lichte. Er zeigt seine mit viel Liebe zu Details ausgestattete weiße Comicschöpfung mit Kirche, Hotel, Leuchtturm. Ein Schaumstoffstädtchen für die Schaumschläger, die zwischen Schicksalswürfel und Schweinskopf ihre Posen proben. Sie wurden als Weißclowns in diese Welt geknobelt. Und mitten drin, gekennzeichnet von Gottes rachsüchtiger red right hand, der Verführer, den sein Anonymousgesicht sowohl als Spaß- als auch als Protestbewegten ausgibt. Gegen das Spießertum. Wir sind Legion. Dieser Don Giovanni ist kein Einzeltäter mehr, er ist ein Prinzip, ein Lebens- und Lustprinzip.

Freyer nimmt sehr ernst, dass Mozart den „Don Giovanni“ in seinem Werkverzeichnis als Opera buffa beschrieb, die ständige Anwesenheit von Bühnenarbeitern und zirzensische Einlagen geben das Spiel als Spiel aus. Freyer nähert sich dem Abend leichtfüßig, zeigt eine Art Commedia dell’arte mit Archetypen. Was nicht heißt, dass nicht die schlimmsten Dinge passieren. Sex und Gewalt. Die Décadence demaskiert sich mittels Maskerade. Der Theatermacher hat dazu mit dem Ensemble einen Zyklus an Gesten einstudiert, der die Figuren ausweisen soll. Machen Sie eine typische Handbewegung. Das ist bei Don Giovanni etwa eine fließende, die sich vom Streicheln eines Instruments – einer Geige – zum wiederkehrenden Gruß wiederholt, bei Zerlina ein Rascheln mit dem Rock. Manchmal sind die Regungen falsch, weil der Schelm nicht immer denkt, wie er gerade tut. Ein manieristisches Gehabe, das beweist, dass hier jeder für sich und gegen die anderen ist. Täuscht die, die selber euch täuschen!

Zum Babylon trägt eine Sprachverwirrung bei. Weil Hausherr Robert Meyer und Achim Freyer sich wohl nicht einigen konnten, wird Italienisch und Deutsch gesungen. Allerdings erschließt sich nicht wirklich logisch, was wann warum. Denn auch die Contadini singen italienisch, die hohen Herrschaften mitunter deutsch. Klar verdeutlicht sich die Intention lediglich bei Giovannis und Leporellos Beiseitereden, wenn per Rezitativ das Einvernehmen mit dem Publikum gesucht wird. Es scheint mehr so, dass, wenn Freyer ein Parla! melodischer schien als der Kehlkopfbrecher Sprich! eben ersteres zum Einsatz kam. Das hat so oder so Methode. Gespielt wird die Prager Fassung, erweitert um Da Pontes Wiener Arien für Elvira und Ottavio. Der niederländische Dirigent Jac van Steen agiert am Pult luftig und zart, er unterstützt die Sänger mit sorgfältiger, sachter Hand.

Ihnen, den Solisten, gehört die höchste Hochachtung. Sie stellen sich nicht nur bravourös der schwierigen Zweisprachigkeit und sind in dieser erfreulich wortdeutlich, sie gehen auch mit den Ein- und Verhüllungen souverän um und haben Freyers verordneten Gestenkanon im kleinen Finger. Sie leisten Präzisionsschwerstarbeit und vollbringen eine gesamtkunstwerkliche Leistung. Josef Wagner verführt als Titelantiheld mit seiner schön timbrierten, ebenmäßig geführten Stimme. Er ist einer, der Frauen zum Schweben bringt, er weiß den Witz zu singen, ebenso wie Mischa Schelomianski, der als Leporello ein genüßlicher Vernascher von Wein und Weib an der Tafel seines Herrn ist. Ein gelungener Gag, wie bei der Registerarie die ganze Kunstgeschichte stark gekürzt abläuft; diesem Don Giovanni ging selbst Mona Lisa ins Netz.

Wie die beiden Herren bestechen stimmlich auch Esther Lee als stachelhaarige Donna Elvira – die Sopranistin sprang kurzfristig für die erkrankte Caroline Melzer ein – und Kristiane Kaiser als Donna Anna. Ihre Präsenz ist so prägnant, dass man in einer Szene tatsächlich verpasst, auf welchem Wege sich die Statue von der Bühne stiehlt. Was spannend, weil mitunter peinsam ist. Andreas Mitschke verleiht dem Komtur mit großem Volumen in der Tiefe Haltung. Anita Götz ist eine bauernschlaue, glockenhelle Zerlina, Ben Connor als Masetto ein dumper Kraftlackel. Jörg Schneider holt sich als Don Ottavio für seinen höhensicheren, von der Wärme der Liebe schmelzenden Tenor den größten Applaus ab.

Achim Freyer erschafft Sehnsuchtsbilder einer Höllenfahrt, an deren Ende sich das Inferno als ein von Menschen geschaffenes erweisen wird. Vom Battiti! zum Pentiti! wird Giovannis Weg pechschwarz und schwärzer, ein Schattengang, der sich im Wortsinn auf die anderen abschminkt. Drei nachtfarbene Fischer und ein Totengräber-Tod begleiten die Handlung, auf dem Friedhof werden sich Fisch und Kreuz symbolisch vereinen. Spätestens an dieser Stelle beweist sich Freyers Arbeit als Inszenierung mit Hand und Fuß, denn der Freigeist Giovanni wird von den gesellschaftlichen Kleingeistern, denen er’s angetan hat, in Stücke gerissen. Und verwurstet bis auf die blutigen Eingeweide. Leporello muss lügen und eine Story von einem steinernen Gast erfinden. Spätestens da stürmten Teile des Publikums gegen die Bilder. Dabei war’s doch ein lieto fine für alle. Ab ging’s nämlich ins Ristorante, wo Würstel à la Giovanni aufgetischt wurden. Von denen sich Achim Freyer das erste nahm. Ziemlich grotesk das alles … großartig!

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Wien, 15. 11. 2015