Philipp Hochmair und Die Elektrohand Gottes: Jedermann Reloaded

Dezember 11, 2018 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Der reiche Schwelger rockt sich zu Tode

Von der Bühne vor die Kamera: Nach erfolgreich absolviertem Konzert im Stephansdom, wo sein Auftritt mit „Jedermann Reloaded“ beinah 70.000 Euro für ein Aids-Hospiz in Südafrika einbrachte, dreht Philipp Hochmair nun wieder einen Film. In Wien. Seit Anfang Dezember spielt er in der Regie von Peter Payer den Artur in „Glück gehabt“. Payers Drehbuch entstand nach dem Roman „Das Polykrates-Syndrom“ von Antonio Fian, Ende 2019 soll die schwarze Komödie in die Kinos kommen.

Den nächsten Auftritt mit seiner Band Die Elektrohand Gottes, Gitarrist Tobias Herzz Hallbauer, Elektroklangkünstler Jörg Schittkowski und Schlagwerker Alvin Weber, hat Hochmair auch schon geplant – für den 14. März am Burgtheater.

Bis dahin können sich Fans am frisch erschienenen Album „Jedermann Reloaded“ erfreuen. Nach fünf Jahren Beschäftigung mit dem Projekt, das damals als Bühnensolo am Hamburger Thalia Theater begann, hebt Hochmair sein Experiment auf die nächste Ebene. Intimer, musikalisch subtiler, die Sprache intensiver als bei der bekannten Live-Performance, ist diese Aufnahme geworden. Hochmair öffnet den Blick nach innen, in Jedermanns Kopf, das schafft eine neue Nähe zum Hoffmannsthal’schen Text.

Und wieder ist Hochmairs Jedermann alle. Die Mutter, der Mammon, der Gute Gesell und der Teufel. Der reiche Mann hält Zwiesprache mit zwei Mikrofonen, treibende Gitarrenriffs und die erprobt jaulenden Elektrosounds jagen den Ruhelosen vor sich her, diverse Klänge im Zwischenraum von Hans Werner Henze und Heavy Metal, wie Die Presse einmal schrieb. Die Stimmung kippt vom Exzentrischen ins Albtraumhafte, bis zum Ende der vierzehn Tracks die Musik fast zum Choral wird. Wenn sich der Sünder endlich mit seinem Gott versöhnt.

„Jedermann Reloaded“ geht einem als Studio-Album nicht weniger unter die Haut, denn als wuchtiges Sprachklangtheater. Alldieweil befassen sich Hochmair und Band schon mit ihrem nächsten Coup, dem „Schiller-Balladen-Rave“.

Elektrohand Records, Philipp Hochmair und Die Elektrohand Gottes: „Jedermann Reloaded“, Rock, erhältlich als CD oder LP.

Philipp Hochmair im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=30729

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  1. 12. 2018

Philipp Hochmair: „Jedermann Reloaded“, das Album

November 25, 2018 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

„Ich bin ein Glückskind“

Philipp Hochmair macht den „Jedermann“. Bild: © Rafalea Proell

Philipp Hochmair ist „Jedermann“. In einem leidenschaftlichen Kraftakt schlüpft er in alle Rollen und macht Hugo von Hofmannsthals Stück zu einem vielstimmigen Monolog. Sein Jedermann ist ein Rockstar. Getrieben von Gitarrenriffs und den experimentellen Sounds der Band „Die Elektrohand Gottes“ verwandelt Hochmair das hundert Jahre alte Mysterienspiel in ein apokalyptisches Sprechkonzert.

Die langjährige intensive Beschäftigung mit dem Originaltext ermöglichte es dem Schauspieler im Sommer 2018 quasi über Nacht für den erkrankten Tobias Moretti einzuspringen und – von Presse und Publikum bejubelt – bei den Salzburger Festspielen die Rolle auf dem Domplatz zu übernehmen. Hochmair begann sein Jedermann-Experiment 2013, seither entwickelt er die Performance als Work in Progress weiter. Das Studioalbum „Jedermann Reloaded“ ist nach fünf Jahren Tourerfahrung schließlich ein weiterer Schritt. Der Blick kehrt sich nach innen, die Reise führt in Jedermanns Kopf. Album-Release ist am 29. November im Burgtheater, tags darauf gibt es eine Benefizvorstellung im Stephansdom. Philipp Hochmair im Gespräch über seinen Jedermann, die „Vorstadtweiber“ und „Blind ermittelt“:

MM: Warum ist von all Ihren Arbeiten gerade der „Jedermann“ zum Lebensthema geworden?

Philipp Hochmair: Weil es eben ums Leben geht, und um die Hauptfrage, ob man richtig gelebt hat. Die sollte man sich in der Mitte des Lebens stellen, und darum ist in der Mitte meines Lebens auch dieses Stück auf mich zugekommen, mit einer Macht und einer Pracht, die man sich gar nicht vorstellen kann. Ich finde den Text mit den Themen, die er so essentiell anspricht, auch total zeitgemäß. Mir gefällt, wie der Jedermann erkennt, dass er einen falschen Weg gegangen ist, dass er eine Entwicklung durchmacht, die für ihn doch noch positiv endet. Das auszusagen scheint mir wichtig in einer Zeit, in der sich alles um Werte dreht, in der man sich an Sicherheit und Kapital und Versicherungen klammert, und ausklammert, dass man endlich und schwer verletzlich ist. Für mich ist „Jedermann“ das Stück der Stunde.

MM: Dabei war Ihre erste „Jedermann“-Erfahrung gar nicht so positiv.

Hochmair: Damals, noch vor der Schauspielschule, bin ich noch auf der Zuschauertribüne auf dem Domplatz gesessen, und was ich gesehen habe, war für mich als Spartenfremdem unbefriedigend. Ich habe mich einfach nur gewundert, was das sein soll. Das hat mich beschäftigt und mich umgetrieben, und dazu geführt, zu sagen, ich finde meine eigene Form. Diese Recherche endet fürs Erste im Album „Jedermann Reloaded“, das ist der aktuelle Zwischenstand einer langen Suche, die vor fünf Jahren mit dem Bühnenprogramm begonnen hat.

MM:  Und wie war’s vergangenen Sommer selber als Jedermann auf dem Domplatz zu stehen, in Vertretung des erkrankten Tobias Moretti?

Hochmair: Wahnsinn. Wenn der Anlass nicht so traurig gewesen wäre, würde ich sagen, das war ein ganz tolles Erlebnis.

MM: Aber ist es nicht seltsam in eine bestehende Inszenierung einzusteigen?

Hochmair: Im Gegenteil, es wäre für mich viel anstrengender gewesen, langwierig zu proben. Aber so ist mir das wie durch ein Wunder erspart geblieben. Ich hätte nicht die Zeit gehabt, für drei Monate fast durchgehend in Salzburg zu sein, dazu hatte ich in diesem Jahr zu viele andere Projekte, habe auch gleichzeitig in Hamburg einen Film gedreht … Also war’s einfach ein Einsteigen und Auftreten und aus.

MM: Nun also zum Album: Was ist daran die Weiterentwicklung Ihrer Beschäftigung mit dem „Jedermann“? Was ist anders, was ist neu?

Hochmair: Dieses Album eröffnet einen Blick nach innen, in Jedermanns Kopf, und das hat eine andere Intimität, eröffnet eine andere Nähe zu dieser Literatur.

MM: Ich hatte beim Anhören den Eindruck, es ist musikalisch subtiler als auf der Bühne, und die Sprache intensiver und in der Betonung ausgefeilter.

Hochmair: Genau, weil das Ganze aus einer Ruhe geboren ist. Wir hatten alle Zeit der Welt, haben am Sound, am richtigen Ton gefeilt, wohingegen man auf der Bühne getrieben ist, den Raum zu füllen, die Zuschauer mitzureißen, da agiert man ganz anders. Es nun einmal so „aufzuführen“, war eine dazu vollkommen konträre Erfahrung. Ich bin froh, dass es uns gelungen ist, nach fünf Jahren das Projekt einmal ganz genau zu definieren, auf der Bühne ist viel Improvisation und Reagieren auf den Raum. Jetzt haben wir einen klaren Klang für die von uns gewünschte Stimmung.

MM: Wäre ein Live-Album nicht die logischere Fortsetzung gewesen? Hatten Sie keine Bedenken, dass es ohne die Opulenz und Dekadenz der Auftrittsorte nicht geht?

Hochmair: Ein Live-Album könnte man jetzt immer noch machen – es wäre für uns und den Zuhörer wieder eine ganz neues Erlebnis.

MM: Ihre Auftritte sind von der Verausgabung her durchaus exzessiv zu nennen. Wann haben Sie dieses Rockstar-Gen in sich entdeckt, wie haben Sie sich die entsprechende Attitüde angeeignet?

Hochmair: Mein Mephisto oder mein Dorfrichter Adam gingen schon in diese Richtung, da habe ich das schon einmal ausprobieren können. Ich habe auch Kafkas „Amerika“ als Soloabend gespielt. Das letzte Kapitel, „Das Naturtheater von Oklahoma“, ist eine Hommage ans Theaters – alles ist plötzlich möglich, alles ist richtig … das war wahrscheinlich für mich die ersten Schritte in diese freiere Performance. Nach diesem Prinzip habe ich mich auch in den „Jedermann“ hineingeschmissen. Auf dem Domplatz ist die Aufführung doch ein ganz klar abgestecktes gesellschaftliches Ereignis, bei „Jedermann Reloaded“ haben wir diese Gesetzmäßigkeiten ausgehebelt und machen unser eigenes Ding, geprägt vom Psychedelic Rock und vom Glam Rock.

MM: Ist es das Reizvolle zwischen dem Exzess mit der Elektrohand Gottes und dem arrivierten Theaterapparat zu pendeln?

Hochmair: Ja. Das ist mein Lebensthema, vielleicht, die offene vs die geschlossene Form. Ich kann gut in staatlichen Institutionen Kunst machen, fühle mich aber genauso wohl in einer Punkband, wo man sich sozusagen tagtäglich überlegen muss, wo die nächsten Subventionen herkommen. Ich kann mit der Punkband an neue Orte gehen, wo ich neue Erfahrungen sammeln kann, ich kann die Punkband aber auch an Orte wie das Burgtheater mitnehmen, wo man mich als Schauspieler kennt. Dieses Cross-Over macht mir Spaß.

MM: Inwieweit ist das „Jedermann“-Projekt ein Selbstversuch? Und wie steht’s mit dem schönen Scheitern am Stück?

Hochmair: Ich begreife das Leben als Selbstversuch. Und was das Scheitern betrifft, wir scheitern jeden Abend am Stück. Das ist das Spannende, anders würde ich es gar nicht wollen. Das Stück ist eine Rampe, die man nehmen muss, und wir stürzen uns diese Piste runter.

Mit der „Elektrohand Gottes“. Bild: © Rafalea Proell

MM: Sie erzählen immer wieder von sich aus, dass Sie Legastheniker sind, und von Ihren Schwierigkeiten, sich Texte zu erarbeiten …

Hochmair: Ja, deshalb will ich sie, wenn ich sie einmal kann, auch nicht wieder hergeben. Deshalb kann ich sie auch so gut, dass ich über Nacht woanders einspringen kann. Der „Jedermann“ ist schwer erkämpftes Terrain, ein Berggipfel, der nun Heimat geworden ist.

MM: Es gibt von Ihnen ein Interview, aufgenommen in der Ehrengalerie des Burgtheaters, da sagen Sie den Weltklasse-Satz: „Ich wollte nicht neben meiner Statue sterben.“ Das bedeutet?

Hochmair: Eine Sehnsucht nach Dynamik und Austausch, Reisen und Entwicklung. Ich will niemals stehenbleiben und zufrieden sein mit dem, was ich tue oder schon erfahren habe. Deshalb habe ich auch zwei Mal den schweren Schritt getan, aus fixen Ensembles wegzugehen, einmal vom Burg-, einmal vom Thalia Theater. Aber er war notwendig.

MM: Gibt es denn Tage, an denen Sie in den Terminkalender schauen und denken: Oh, mein Gott …?

Hochmair: Jeden Tag, das ist ein Dauerzustand geworden. Aber das ist toll, der Preis eben dafür, dass ich die Sicherheit für meine Freiheit und für die Vielseitigkeit aufgegeben habe.

MM: Diese Vielseitigkeit, Sprechtheater, Musik, Film, Fernsehen, führt allerdings dazu, dass Sie mit diversen Etiketten versehen werden. Meine liebste Punzierung Ihrer Person ist immer noch „Bildungsbürgerpunk“. Wie leben Sie damit?

Hochmair: Das ist ein lustiges Wort, das ich sogar selber aus einer Laune heraus kreiert habe. Es soll absurd klingen, so wie Elektrohand Gottes. Was die anderen Zuschreibungen betrifft: Wenn’s der Wahrheitsfindung dient, werde ich mich nicht entgegenstellen. Mein Ziel ist, klassische Literatur einem breiten Publikum näherzubringen, wenn man dazu Begriffe hat, die Brücken schlagen, die Türen öffnen, ist es nur gut. Sie sollen ja nur dazu dienen nicht zu verschrecken, sondern Lust zu machen.

MM: Finden Sie, dass „Jedermann Reloaded“ dem Theater ein neues Publikum erobert hat?

Hochmair: Absolut. Ich spiele auch viel an Schulen, um ganz junge Leute ins Boot zu holen. Mein nächstes Projekt mit der Band sind Schiller-Balladen als Rave, da waren wir auch viel in Schulen, und das zu testen. Wir haben das auch schon in Bad Vöslau open air gespielt, irre, wenn die Leute zur „Glocke“ dancen. Geil!

MM: Mit dem „Jedermann Reloaded“ sind Sie schon ziemlich herumgekommen. Bis China. Wie war‘s dort?

Hochmair: Unglaublich toll. In China regiert der Turbokapitalismus schlechthin, dort ist der „Jedermann“ das Thema, seine Sehnsucht nach Glaube und Orientierung, aber auch die Frage, warum darf ein reicher Mann alles? Das Publikum war total begeistert, wir haben die Halle echt gerockt. Wir haben in einem Theater mit 2000 Sitzplätzen gespielt, in einer Stadt, die Albert Speer, der Sohn des gleichnamigen NS-Architekten,  umgebaut hat. So schaut’s dort teilweise aus, wie Hannover-Innenstadt, und gehst du 200 Meter weiter, bist du in einem urchinesischen Stadtteil, wo das Essen ein Hundertstel von dem kostet, wie um die Ecke. Absurd.

MM: Album-Release ist am 29. November im Burgtheater, und tags darauf am 30. 11. geben Sie eine Benefizvorstellung im Stephansdom.

Hochmair: Das wird noch einmal etwas ganz Besonders, nicht nur wegen des guten Zwecks, sondern auch wegen des Rahmens. Ich finde es eine große Geste, dass der Stephansdom für eine Rockband seine Türen öffnet, aber die Kirche braucht ja auch neues Publikum. Es wird akustisch und optisch zwar sicher eine Herausforderung, aber das ist ja das Aufregende. Wir wollen auch mit dem Domorganisten zusammenarbeiten, er soll mit uns spielen, und das wird auch wieder ein Experiment werden. Der Erlös des Abends geht an das „Brotherhood of Blessed Gérard“ Malteser-AIDS-Hospiz in der südafrikanischen Region KwaZulu-Natal. Der Malteser-Orden hat um Hilfe gebeten, Kardinal Schönborn meinte, da müsse man handeln, Gery Keszler hat mich gefragt, so kam das alles zustande.

MM: Sie sind auch eines der neuen Gesichter der „Know Your Status“-Kampagne des Life Ball?

Hochmair: Das ist eine unbedingt unterstützenswerte Initiative, natürlich mache ich da mit. Die Sprüche, die auf meinem Körper stehen, sind auch alle von mir.

MM: Themenwechsel – Sie spielen nicht mehr in den „Vorstadtweibern“, Joachim Schnitzler ist Geschichte?

Hochmair: Nein, das hat sich geändert. Ich habe sie vermisst, sie haben mich vermisst, jetzt kommen wir wieder zusammen. Schnitzler ist also in der vierten Staffel kurz dabei, und in der fünften, an der gerade geschrieben wird, wieder länger. Schnitzler hat ja doch viele Leute umgebracht, musste ins Gefängnis, und Gefängnisszenen gab es wohl genug, jetzt werden ihm andere Dinge passieren, ich komme also weiter vor.

MM: Außerdem geht „Blind ermittelt“ weiter.

Hochmair: Ja, es gibt zwei neue Folgen, die Drehbücher habe ich schon zu Hause. Ab Mitte März wird wieder gedreht. In 14 Tagen beginne ich mit Peter Payer einen großen Kinofilm in Wien, „Glück gehabt“ heißt der, nach der Buchvorlage „Das Polykrates-Syndrom“ von Antonio Fian. Das Polykrates-Syndrom beschreibt den Unwillen einer Person mit ihrem Glück umzugehen. Es gibt eine Ballade von Schiller, „Der Ring des Polykrates“, die kommt auch in unserem Schiller-Rave vor. Da geht es um einen Dialog zwischen den Herrschern Griechenlands und Ägyptens, die ihr Glück nicht annehmen und nicht verstehen und immer wieder infrage stellen – aber es kommt immer wieder mit voller Wucht zurück. Am Ende wirft Polykrates zum Beweis seines Unglücks seinen wertvollsten Besitz, einen Ring, ins Meer, und dann wird ihm ein Fisch zubereitet, und als er den aufschneidet, findet er darin seinen Ring. Der Film-Protagonist ist so ähnlich, und um dessen Achterbahn der Gefühle dreht sich diese schwarze Komödie.

MM: Ich mag Zufriedenheit ja lieber als Glück.

Hochmair: Ich nicht. Ich bin ein Glückskind.

Die Album-Kritik: www.mottingers-meinung.at/?p=30983

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25. 11. 2018

Schauspielhaus Wien: Hunde Gottes

Oktober 12, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Who killed Bambi?

Gideon Maoz, Florian von Manteuffel, Nicola Kirsch, Katja Jung, Steffen Höld, Simon Zagermann Bild: © Alexi Pelekanos / Schauspielhaus

Gideon Maoz, Florian von Manteuffel, Nicola Kirsch, Katja Jung, Steffen Höld, Simon Zagermann
Bild: © Alexi Pelekanos / Schauspielhaus

Um die Persistẹnz österreichischer Dramatik muss man sich keine Gedanken machen. Thiemo Strutzenberger etwa, der das Schauspielhaus Wien schon mit einem Emily-Dickinson-Stück beschenkte www.mottingers-meinung.at/schauspielhaus-wien-queen-recluse/, lud nun zur Uraufführung seines neuen: „Hunde Gottes“. Hollywood und sein Meisterregisseur der 1950er-Jahre, Douglas Sirk, stehen diesmal im Mittelpunkt seines Interesses. Der gebürtige Hamburger, der Rock Hudson groß und Jane Wyman noch größer machte, war DER Magier des Melodrams. Alles larger than life. Mit Taschentuchalarm. Gefühlvoll geschilderte Frauenschicksale. An der Kinokasse wie bei den Kritikern geliebt. Rock Hudson als Gärtner, der die reiche Witwe vergöttert, oder „Solange es Menschen gibt“, eine zurückhaltende Studie über Rassenvorurteile und die Unfähigkeit, Gefühle und Karriere zu vereinen, „Zeit zu leben und Zeit zu sterben“, das war’s, was die Leute sehen wollten.

Stutzenberger wäre aber nicht Thiemo, würden seine Figuren einfach Dick, Tom und Harry heißen. So begibt er sich namenstechnisch ins italienische Frühmittelalter und nennt die Rollen:

Dante Alighieri (Dichter und Philosoph, Verfasser der „Göttlichen Komödie“ /angestellter Architekt, der, weil er im Krieg Himmel und Hölle durchwanderte, einen Kameraden, mit dem ihn eine besondere Art Liebe verband, in Fetzen gerissen sah, die Kleider einer italienischen Witwe – eigentlich gehört die schwarze Abendgarderobe seiner Frau – trägt). Betty Alighieri (Beatrice / Schauspielstar, liebte in Abwesenheit des Gatten den Gärtner). Leonardo (da Vinci / Sohn des Hauses, der sich neben seinem Collegestudium im Rotlichtmilieu halbnackt um Stangen schlängelt. Er wird im Laufe des Stücks erfahren, dass er der Sohn des Gärtners ist.). Francesco Petrarca (Dichter und Mitbegründer des Humanismus / Architekt und Dantes Vorgesetzter. Er will Laura, sein Pygmalion-Projekt, heiraten.) Laura (verheiratete Liebe Petrarcas, Quelle seiner Inspiration, starb an der Pest / Tochter des Gärtners, Prostituierte, will bei Petrarca an Bildung abgreifen, was geht.) Mr. Deagan (Gärtner, von Dante im Wahn für seinen doch noch heimgekehrten Kameraden gehalten / der einzige historisch greifbare war ein William Francis, Army-Major und Architekt, Demokrat in New York unterm korrupten Bürgermeister „Beau“ Jimmy Walker, für den er Stadtumgestaltungen vornahm / weiterführende sachdienliche Hinweise erbeten.)  Auf diese erquickende Verqickung von „U“ und „E“ sei er gekommen, sagt Strutzenberger im Interview, weil in Florenz auf jedem Bierdeckel Dante stehe.

Womit auch schon viel von der Handlung erklärt ist. Es geht um Sodomie. Jenes christliche Konstrukt für sündiges, angeblich widernatürliches Sexualverhalten, das nicht der Fortpflanzung dient, nicht zu verwechseln mit Zoophilie, sondern einfach verbotene, weil von der Gesellschaft nicht akzeptierte Liebe, die in manchen Ländern bis in die Neuzeit mit dem Tode bestraft wurde. Es geht um die Suche nach dem Selbst und das Nicht-mehr-bei-sich-Sein, wenn man es nicht findet. Oder doch findet. Es geht um die wie Leonardo gefallene kosmische Ordnung und – haha, der vitruvianische Mensch – um die Architektur des Leibes und der Seele, wenn Eros alle Grenzen wegwischt. Es geht darum, dass die große Tragödie nicht für die Mittelklasse erfunden wurde, sondern für sie das Melodram. Mit all seiner Aufrichtigkeit und all seinem Sentiment; nur die Ernsthaftigkeit zum letzten Schritt bleibt ihm unter Geigengewimmere versagt. Am Ende und am Ende, es gibt nämlich einen Schluss und einen Filmschluss, liegt ein Ermordeter auf der Bühne. Und weil das jetzt nun mal wirklich nicht sein muss, verkleidet er sich schnell als Reh – eine Re­mi­nis­zenz an Sirks „Was der Himmel erlaubt“.

Nach Ende des Einführungsunterrichts kann nun gesagt werden: „Hunde Gottes“ ist ein Abend zum Lachen. Von einer zeitgereisten Ironie, die sich Sirk stets verbeten hat. Ganz großes Kino. Gefühlsecht. Im Bühnenbild von Johannes Weckl – ein Garten mit diesen unbequemen 50er-Jahre-Gartenstühlen, durch deren kunterbunte Schnürungen meist früher als später der Popo rutschte, mit halbem Davidshaupt, mit angedeutetem Innenraum, dessen Vorhang als Leinwand dient – inszeniert Barbara Weber temporeich, mit Sinn für Slapstick in dem Sinne, dass ihr die Situationskomik immer in den tragischsten Momenten auskommt. Wie’s einem eben so geht, wenn man die alten Schinken wiedersieht. Da leidet der Held, während man schon vom Sofa fällt, weil so heute niemand mehr … Strutzenberger legt seinen Geschöpfen Halbsätze in den Mund. Die ganze Wahrheit wäre wahrscheinlich zu schwer auszusprechen. So mäandern sie von Handrücken-an-die-Stirn-haltend zu trivial-lakonisch. Größte Peinlichkeiten werden zu Allgemeinplätzchen verkleinert. Ein großartiger Text, der aber erst durchs Spiel des wie immer hervorragenden Schauspielhaus-Ensembles seine volle Kraft entfaltet.

Katja Jung ist als Betty ganz Hollywood-Diva. Visconti will mit ihr drehen, da kann rundherum die Welt aus den Fugen geraten. Die Jung „schmiert“ und outriert, dass es eine Freude ist. Gibt einerseits die Egomanin, andererseits die mit dem größten Besen zum Unter-den-Teppich-Kehren. Nur kein Skandal, der dem Image schadet. Und doch wird sie sich später als die beste Mutter erweisen, als wär’s die Rolle ihres Lebens. An Überkandideltheit kann ihr nur Steffen Höld als Dante das Wasser reichen. Noch „normal“, als er seinen Vorgesetzten zum Dinner lädt, obwohl ihm vor dessen Architekturausführungen graut, steigert er sich in einen Furor, der seinesgleichen sucht. Und ist als vedova ernsthafte Konkurrenz für Silvana Mangano in Camerinis „Ulisse“. Gideon Maoz als missratener Sohn ist ein eiskalter Todesengel. Es gilt Leonardos Gesetz. Die Reibungskraft ist unabhängig von der Grösse der Auflage. Der Gärtner muss weg. Florian von Manteuffel spielt einen jovialen Petrarca, der nicht versteht, warum rund um ihn alle so … aber wirklich interessiert es ihn nicht, so lange er darüber philosophschwafeln kann, BevHills in ein Neo-Florenz umzugestalten; dabei ist er optisch vom Stetson über die protzige Gürtelschnalle bis zu den Stiefeln der Parade-Ami. Nicola Kirschs „Laura“ hält alles und jeden auf Distanz. Das Misstrauen in Person. Um nichts gefühlswärmer als Leonardo. Ihr Vater Deagan (Simon Zagermann) hingegen ist die gutmütige Seele, ja Ma’am, danke Ma’am, wie es sich für einen Bediensteten anno anno gehört.

Am Abend von Bettys Filmpremiere sind die Pulverfässer längst an ihren Plätzen, die Lunte gezündet. Alle sind jetzt noch künstlicher, künstlerisch wertvoller. Die Geschichte läuft noch einmal ab. In Technicolor, Großleinwandformat. Wer dachte, mehr geht nicht, weiß nun: Mehr ist mehr. Und das wollen wir auch: Mehr Schauspielhaus, mehr Strutzenberger, mehr … Drama des Exzess‘. Ach ja, der Titel. „Hunde Gottes“ führt wieder ins Florenz des 15. Jahrhunderts zurück, ist wörtlich übernommen von den Dominikanern, die die Inquisition ein- und durchführten, weil sie sicher wussten, was falsch und was richtig ist, gottgefällig, und deshalb ihren heftigsten Bußprediger, Savonarola, auf den Scheiterhaufen schickten.

www.schauspielhaus.at

Wien, 12. 10. 2014