Michael Stavarič: Gotland

Juni 27, 2017 in Buch

VON MICHAELA MOTTINGER

Die Mutter und die Vernichtung ihres Gottesbegriffs

Gotland von Michael Stavari

Wer Gotland für die größte schwedische Insel in der Ostsee hält, der irrt. „Gotland“, das ist der leere Raum, in dem Gott über Erde und Wasser gebietet und alles Lebendige tötet. „Wann immer es Gotlands Gott gefällt, wirbelt er Staub auf mit seinen Händen, er streicht über die Insel, viel schneller noch als der Wind, er schlägt mit seinen Fäusten in die Senken der Steinbrüche. Als würde er jemandem einen Schlag versetzen, einen Tritt in die Magengrube, als wäre er ein böses, übellauniges und zu allem bereites Geschöpf.“ Gott, ein Bluffer und Sadist.

So steht’s im Buch Genesis. Nicht die Bibel, der aktuelle Roman von Michael Stavarič. Der in Wien lebende Autor legt ein in jeder Bedeutung des Wortes fantastisches Buch vor. Schon vor Seite 20 ist einem klar, das ist ein „anderer“ Text, sehr poetisch-verrätselt, archaisch wie das Alte Testament. Mit einem Ich-Erzähler, der sich wie „Got“ Sohn statt am Vater an der Mutter abarbeitet. Mutter, die Schöpferin. Es ist gar nicht einfach, dies Werk in Worte zu fassen, will man der Schachtelgeschichte nicht den Effekt, die Schlusspointe rauben, will man ihr nicht den Zahn ziehen.

Apropos: Mutter ist nämlich Zahnärztin. Mit Ordination in der Stiftsgasse. Dorthin führt einen der Protagonist nach einem kurzen Vorwort über Entstehung und Vernichtung eines Romans namens „Gotland“. Führt einen ein in die Grausamkeit der Kindheit und gibt eine Einführung über die Grausamkeit von Kindern. Mutter + Ich, das ist eine seltsam sexuelle Beziehung, in der der Sohn die Tampons der Mutter sammelt, und sie, die bigotte Katholikin, Kruzifixe. Sie traktiert ihn mit religiösem Horror – wunderbar die Abraham-Sequenz und sein Entsetzen darüber, wie Isaak-opferbereit der fromme Mann war, er sagt: „Alle Jungen in meinem Alter sammelten schließlich etwas, man besorgte sich Dinge, die etwas Besonderes für einen darstellten, an die man nicht so leicht gelangen konnte … Briefmarken, Spielzeugautos, Zigarettenschachteln …“

Bild: www.pixabay.com

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Da wird erstmals klar: Das ist eine Verhörsituation. Polizei oder Psychiatrie? Und abermals kippt das Buch, wird zum Buch Charles. Die Mutter erzählt Einzigartiges von Gotland, auch den Vater des vaterlosen Knaben will sie dort getroffen und geliebt haben. Der Erwachsene fährt hin und gerät in die Hände von Steinbruchbesitzer/ Sektenführer Charles. Charles ist ein egozentrischer, empathiebefreiter Psychopath. Später wird Stavarič noch ohne Rücksicht auf Verluste die Gerichtsakten des Charles-Manson-Prozesses plündern. Der Autor dreht und wendet nicht nur die Handlung nach Belieben, er setzt auch formal Zäsuren durch andere Schrifttypen, er fügt Gedichte ein, kleine Binnenerzählungen, er nutzt Fotografien und imitiert den Ton forensischer Psychiatrie-Gutachten, von Befunden und Beurteilungen. Und: Vieles an diesem Roman ist tatsächlich „sagenhaft“.

Da träumt sich der Ich-Erzähler als geschlechtslosen Engel, ohne Penis und After – „Im Übrigen betrachten Zahnärzte ihre Patienten schließlich wie ein Engel, sie blicken von oben auf sie herab, eine grell leuchtende, von unzähligen Watt genährte Sonne in ihrem Rücken. Bereit einzuschreiten, wenn es schmerzt, immer versucht, das Werk Gottes zu vervollkommnen …“ -, und wird doch nur zum schnabel- und krallenbewehrten Vogelmonster, zum Anti-Samsa werden. Da entstehen in Handflächen Bonsai-Landschaften, und eine verwitterte Schiffsgalionsfigur wird lebendig und spricht. Charles übrigens hat einen selbstauferlegten Auftrag: Gott töten. Was sonst?

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Mehr anzudeuten, wäre grausam. Denn grausam und grotesk geht Stavaričs Paraphrase von totalitären, mörderisch geisteskranken Geisteshaltungen weiter. Der Ich-Erzähler transformiert sich zum „Unmenschen“, im Sinne: dass er mit Menschen nichts mehr zu tun haben will. Er wird, sagt er, “geistverlustig“, und er wird enttarnt als …: „Charles hatte uns davor gewarnt, dass wir uns möglicherweise eines Tages in gewissen Einrichtungen wiederfinden könnten, grauen verwinkelten Gebäuden, bestehend aus Fluren, Gängen und Zimmerkojen, verhört, verhöhnt, weggesperrt oder Schlimmeres.“

Welch ein wildes Buch, welch ein gelungenes erzählerisches Experiment! Welch ein Scheiß-mi-nix was literarische Formalismen und die Kategorisierung von Sprache betrifft. Michael Stavaričs „Gotland“ ist unbedingt lesenswert.

Über den Autor:
Michael Stavarič wurde 1972 in Brno,Tschechoslowakei, geboren. Er lebt als freier Schriftsteller, Übersetzer und Dozent in Wien. Studierte an der Universität Wien Bohemistik und Publizistik/Kommunikationswissenschaften. Mehr als 10 Jahre lang tätig an der Sportuniversität Wien – als Lehrbeauftragter fürs Inline-Skating. Zahlreiche Stipendien und Auszeichnungen, zuletzt: Adelbert-Chamisso-Preis, Österreichischer Staatspreis für Kinder- und Jugendliteratur. Lehraufträge zuletzt: Stefan Zweig Poetikdozentur an der Universität Salzburg, Literaturseminar an der Universität Bamberg.

Luchterhand Literaturverlag, Michael Stavarič: „Gotland“, Roman, 352 Seiten.

www.randomhouse.de

Wien, 27. 6. 2017