Wiener Festwochen: Dugne / Nachtasyl

Mai 25, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Einladung zum Letzten Abendmahl des Theaters

Bild: Dmitrijus Matvejevas

Pennerphilosophie von Satin und dem Baron: Darius Meskauskas und Dainius Gavenonis. Bild: Dmitrijus Matvejevas

Beim Nachhausefahren in der U-Bahn genau so ein Typ, mit Bierdose, der Vierersitz bis auf seinen Platz leer, denn wer will schon … nicht einmal rüberschauen am besten. Das geht beim Oskaras Koršunovas Theater aus Vilnius nicht. Der litauische Regisseur und seine Truppe zeigen bei den Wiener Festwochen Maxim Gorkis „Dugne / Nachtasyl“. Das heißt, es ist nur der vierte Akt, der im brut dargeboten wird.

Da ist Luka schon gegangen, Anna tot, und Pepel und Wassilissa sind in Untersuchungshaft. Was bleibt, ist eine Inszenierung auf kurze Distanz, so sehr Aug‘-in-Aug‘, dass man hinsehen muss. Koršunovas heischt nicht um Verständnis für irgendjemandes Verhängnis. Schonungs- und mitleidlos zeigt er zunehmend aggressiver werdende Asoziale, der Mensch, wie er ist, wenn ihm Eigendefinition und -verantwortung ausgehen, das ist bedrückend, eindrücklich und schwer auszuhalten.

Wobei Gorki weder etwas hinzugefügt, noch von ihm weggelassen wird. Im Hintergrund gleiten dessen Sätze vorbei. „Man muss jeden Menschen respektieren!“ und „Tritt keinem Menschen zu nahe!“ und der liebste „Wenn Arbeit erzwungen ist, dann wird Leben zur elenden Sklaverei!“ Das Wort ist Leuchtschrift geworden und ist unter uns gelaufen. Dazu Dias von der litauischen Landschaft als ein letztes bisschen Frieden. Auch die Schauspieler werden diese Sätze noch sprechen, aber aus ihrem Mund werden sie anders klingen, nach „arbeitsscheu“ und den üblichen tagtäglichen Beschimpfungen. Sandler, Owezahrer, Strolch. Vorurteile? Ein Grausen? Nicht doch! Da sitzen sie so lieb lächelnd an der weißgedeckten Tafel, die zweite Gruft in Tuchfühlung, und teilen ihren Wodka und die salzigen Kekse mit dem Publikum. Gramm um Gramm rinnt die Kehlen runter, und das Wort wird weitergereicht. Rasa Samuolytė als Prostituierte Nastja hat sich schon beim Reinkommen einen jungen Mann in der ersten Reihe ausgeguckt. Er ist Student, Johannes heißt er, und am Ende wird sie ihm ihre Telefonnummer zustecken – man weiß ja nie, die Hoffnung auf ein besseres Leben in Österreich soll keiner aufgeben müssen. Und natürlich wird gebettelt. Eine Million Euro, das ist für reiche Westeuropäer doch nichts!

Die Gesichter des vermeintlich vereinten Europas, und wie wenig man dem anderen in seines zu schauen vermag, und wie Unkenntnis zu Unverständnis führt. Oskaras Koršunovas sagt das alles, ohne etwas explizit zu sagen. Derweil entwickelt sich unter den Darstellern eine Diskussion um die Wahrheit und ihren Wert, an diesem Tisch ohne den Tischler beraten hochphilosophische Penner darüber, ob Wahrheit nicht eigentlich eine Glaubensfrage ist. „Der Gott des freien Menschen“, wie Dainius Gavenonis als Satin sagt. Der Wort- und Rädelsführer hat die arbeitslosen Apostel um sich versammelt, um Lukas Gleichnisse an die Gemeinde weiterzugeben. Wie Hostien teilt er nun die Kekse aus, wirft sie unter das Zuschauervolk, trinkt Bruderschaft da und dort, die, die so gut wie nichts haben, teilen noch das wenige, und mit der Promillezahl steigt die Großzügigkeit. Einer auf dem Nebenplatz flüstert: „Müssen die morgen nicht ihren Rausch ausschlafen?“ Es ist ein Verdienst dieser seltsam naturalistischen Aufführung, dass einem solche Dinge durch den Kopf und nahe gehen.

Bild: Dmitrijus Matvejevas

Das Ensemble versammelt sich zum Letzten Abendmahl des Theaters. In der Mitte: Rasa Samuolyte als Nastja. Bild: Dmitrijus Matvejevas

Bild: Dmitrijus Matvejevas

Die Witwe Kwaschnja (Nele Savicenko) schimpft auf die Männer. Bild: Dmitrijus Matvejevas

Wo der Mensch ist, wird Geschirr zerschlagen werden. Im Wortsinn, Nastja wirft mit Tellern um sich. Sie fühlt sich beleidigt, weil die Männer über ihre Kitschromane lachen. Samuolytė, dieses rothaarige Gorki-Geschöpf, ist eines der Highlights des Abends. Überhaupt sind die Schauspieler ganz großartig: Julius Žalakevičius als selig volltrunkener Mützenmacher Bubnow, Darius Meškauskas als resignativer Baron, Jonas Verseckas als um Ruhe bemühter Kleschtsch oder Rytis Saladžius als Polizist Medwedew. Giedrius Savickas steigt als Aljoschka den zum Tänzchen gebetenen Zuschauerinnen auf die Zehen.

Nelė Savičenko warnt als Witwe Kwaschnja eine anwesende Ehefrau: „Schlägt er dich? – Nein? – Na, das wird schon noch kommen!“ Und inmitten von  Lärm und Musik kniet Tomas Žaibus als der Tartar und betet zu Allah. Auch das keine Erfindung des Ensembles, sondern original Gorki. Es folgen Streit, Standesdünkel und Eifersüchteleien. Und die Gewaltspirale dreht sich, es wird gesoffen, geschrien und geschlagen, und selbst der gutmütigste Gutbürgerliche hat mittlerweile Fluchtgedanken. Raus aus diesem Raum, ein Glück, das geht einen alles nichts an, weil man ist ja auf der sicheren Seite der Gesellschaft.

Doch da kommt die Kultur. Sie ist gestorben, sie ist ein Gespenst. Der Schauspieler – Darius Gumauskas mit einer beklemmenden Performance stiller Verzweiflung – hat sich erhängt, und sein Geist rezitiert Hamlet. Sein oder Nichtsein? In solchen Verhältnissen ist Schluss mit „Show“. Lichter aus, Vorhang zu. Oskaras Koršunovas sagt, in Litauen sei es aufgrund der jetzigen Theaterfinanzierung nicht mehr möglich eine „normale“ Inszenierung zu machen. Und man versteht, dieses Grenzerlebnis war eine Einladung zum Letzten Abendmahl, eine über seine sozialen Metaphern hinausreichende Totenfeier des Theaters. Jetzt ist das Hochkulturblabla als Bluff enttarnt, denn mit schönen Worten lässt sich kein Schauspielermagen füllen, nun wird die Kulturpolitik auf die Bühne gebeten. Eine gute Entscheidung von Festwochen-Schauspielchefin Marina Davydova diese Produktion auch nach Wien einzuladen. Sie ist ein kleiner Abend, der einem kluge Gedanken mit auf den Weg gibt.

Video: www.youtube.com/watch?v=vBHLNZEII4A

www.festwochen.at

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Wien, 25. 5. 2016

Burgtheater: Wassa Schelesnowa

Oktober 27, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Andreas Kriegenburgs andere Art der Kapitalismuskritik

Frida-Lovisa Hamann (Natalja), Sabine Haupt (Dunjetschka), Christiane von Poelnitz (Wassa Schelesnowa), Tino Hillebrand (Pawel) Bild: Georg Soulek, Burgtheater

Frida-Lovisa Hamann (Natalja), Sabine Haupt (Dunjetschka), Christiane von Poelnitz (Wassa Schelesnowa), Tino Hillebrand (Pawel). Bild: Georg Soulek, Burgtheater

Weil bereits viel bemurmelt, ein: Ja. Sie ist wieder einmal ein Star, die Bühne von Andreas Kriegenburg, diesmal eigentlich gestaltet von Harald B. Thor. Über den Kriegenburg-Stil zu schreiben, ist müßig, man sah von ihm schon Kafka an der Kletterwand oder davonrutschende „Diebe“, der Wirkungsästhet ist eben auch ein Wirkungsmechaniker, wie ihn die Süddeutsche einmal nannte. Auch diesmal ist die Spielfläche in Schieflage geraten, als ein an Seilen festgezurrtes Floß auf den wilden Wellen der Welt. Sie kippt den Darstellern im Verlauf der Handlung mehr und mehr unter den Füßen weg, steht am Ende fast senkrecht, lässt aber unter sich genug Platz um „die da oben“ zu belauschen und auszuspionieren. So viel zum Schauwert der Inszenierung.

Andreas Kriegburg zeigt am Burgtheater seine Interpretation von Maxim Gorkis „Wassa Schelesnowa“. Direktorin Karin Bergmann lud den ehemaligen Klaus-Bachler’schen Hausregisseur zu dieser Arbeit ein; Kriegenburg, gebürtiger DDRler, der sich dereinst als Tischler am Magdeburger Gorki-Theater mit der Bühnenbegeisterung ansteckte, entschied sich für die 1910er Urfassung des Dramas, geschrieben unter dem Eindruck des St. Petersburger Blutsonntags und in der DDR eher ungern gesehen, in der weniger parteiideologisch zugespitzt als in der Version von 1935 die knallharte Ziegeleibesitzerin im Mittelpunkt steht. Sie ist mörderische Mutter und wildes Weib, eine, die alles unternehmen wird, um ihr Unternehmen zu retten. Nicht (nur) aus Selbstsucht, es gilt mit dem Familienbetrieb das Familienerbe zu bewahren.

„Wassa Schelesnowa“ ist derzeit groß in Mode, von Stephan Kimmig bis Dieter Giesing, von Berlin bis Hamburg, was sich versteht: Das Stück ist die ideale Folie für Kapitalismuskritik. Ein hippes Chromglasambiente, ein paar Designerklamotten – und schon ist man in einem kaltschnäuzigen Management-Heute, in dem Geld Gott ist und zwecks Gewinnmaximierung angebeten wird. Für einen wie Kriegenburg ist das Ausstellen fieser Finanzzombies freilich zu billig, er geht auf Risiko und hält seine Bilder in erstarrten, russischestheater Klischees fest. Von Samowar bis Sitzbank leidet hier alles an Tschechow’scher Schwermut, inklusive den obligaten Ausbrüchen in hysterischen Ennui oder in nervenflatternd-erotischen Irrsinn oder einer Bedrohung von unerwarteter Seite. Andrea Schraad hat ihre Kostüme dem angepasst, das Ensemble ist je nach sozialem Status von Schmutzigweiß bis Creme gewandet, einzig die aufmüpfige Tochter Anna geht in Zitronengelb. Kriegenburg macht so die Herr-Knecht-Verhältnisse klar. Das ist radikaler gedacht, als es aussieht. Eine subtilere Art der Kapitalismuskritik eben. Der Regisseur zeigt, wie privat Politik ist, zeigt eine von ihrer Zeit verhaftete Endzeitgesellschaft. Er hat mit stilsicherer Hand und viel Gefühl für Sprachtempo gleichsam inszeniert und choreografiert. Zweieinhalb Sternstunden lang kann man den ausgezeichneten Schauspielern bei der Arbeit zusehen. Bühnenbild hin oder her, die Burg hat ihre Stars und die verstehen ihre Handwerkskunst.

Allen voran Christiane von Poelnitz als Wassa. Sie ist die „Dulderin und Sünderin“, wie von Gorki erfunden, eine Queen über ihre Firma, eine gequälte und daher andere quälende Familienvorsitzende unter lauter antriebslosen Angehörigen. Ergo tut es ihr am Ende zwar schon um die verlorenen Seelen leid, aber: Wer nichts tut, gedeiht nicht; die upperclassige Kronosin frisst ihre Kinder. Christiane von Poelnitz ist selbst im ersten Schweigen und Leiden überlebensgroß, im späteren spinnenschnellen Zuschlagen sowieso. Andrea Wenzl, Martin Vischer und Tino Hillebrand bilden das Trio, das versucht gegen den Mutterwahn zu bestehen. Wunderbar, wie Wenzl erst zögert, dann erschauert, um sich schließlich in Wassas Pläne einbeziehen zu lassen. Vischers Semjon ist ein unnützer Schwätzer, seine Frau Natalja (Frida-Lovisa Hamann bleibt ein bisschen blass) geht mit ihrer Bigotterie allen auf den Senkel. Hillebrand pflegt als jüngerer Sohn Pawel einen Minderwertigkeitskomplex wegen seiner verpatzten Körperlichkeit, und heult Rotz und Wasser, weil seine junge Ehefrau Aenne Schwarz auf Onkel Prochors (Peter Knaack) Schoß Hühott-Pferdchen-reitet. Er wird einer von Lipa angezettelten Intrige zum Opfer fallen, Alina Fritsch erzählt lebhaft diese Dienstmädchen-Biografie. Sabine Haupt dient als entfernte Verwandte Dunjestschka abgeklärt, kalt und intrigant. Als letzter Mann muss auch Dietmar Königs schleimiger Gutsverwalter – und lange Zeit Wassas sexuelles Wärmekissen – Michailo Wassiljewitsch zu Grunde gehen.

Eine von vielen schönen Regieideen ist, wie Haupt und Fritsch anfangs Leintücher zusammenlegen, auf denen stummfilmspruchartig ihre Dialoge zu lesen sind. „Du Huhn!“ – „Oh je!“, steht da. Auch „Nur Geduld!“ Die haben die Frauen, bis das Patriarchat endlich ausgerottet ist. Dann bleibt eine Weiberwirtschaft in Formation Familienaufstellung zurück. Glücklich oder auch nur zufrieden ist hier keine(r). Außer das heftig applaudierende Publikum.

www.burgtheater.at

Ausstellungstipp: Kunstforum Wien: Liebe in Zeiten der Revolution. Künstlerpaare der russischen Avantgarde www.mottingers-meinung.at/?p=15325

Wien, 27. 10. 2015

Armes Theater Wien: Kinder der Sonne

August 19, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Gorki ganz ohne Russische-Seele-Klischees

Krista Pauer, Florine Schnitzel, Simon Stockinger, Klaus Fischer, Alexandra-Yoana Alexandrova, Daniel Ruben Rüb Bild: © Vondru

Krista Pauer, Florine Schnitzel, Simon Stockinger, Klaus Fischer, Alexandra-Yoana Alexandrova, Daniel Ruben Rüb
Bild: © Vondru

Zu Beginn wechselt Jegor kaputte Lampen im Kronleuchter aus. Ganz nah kommt er mit der Leiter ans Publikum, berührt fast die Fußspitzen der Zuschauer in der ersten Reihe, eine Frau zuckt, weicht aus, doch da ist es schon passiert – sie ist gefesselt vom Geschehen. Seit zehn Jahren gehört dies zum Konzept des Armen Theater Wien: Schauorte öffnen, Distanz abschaffen, auf Augenhöhe agieren, so dass man mit dem nur um Armeslänge entfernten Schauspieler frei nach Jerzy Grotowski mitatmen, mitfühlen kann. Die Szene wird sich später am Abend wiederholen. Da haben die Intelligenzler den Proletarier verjagt und müssen die Mühsal mit den Glühbirnen auf sich nehmen. Protassow scheitert beim Versuch. Natürlich.

Das Arme Theater Wien zeigt zu seinem Jubiläum Maxim Gorkis „Kinder der Sonne“. Gorki, Sturmvogel der russischen Revolution, den die Bekanntschaft mit dem eigenen Volk „bitter“ machte, erfand die Tragikomödie in einer Gefängniszelle der Peter-und-Pauls-Festung, wo er wegen seiner Sympathien für die Petersburger Blutsonntagsrevolte eingesperrt war. Das Stück ist ein Beziehungsreigen, zeigt mehr als eine Sozialstudie die Kluft zwischen den Klassen, zeigt die Tagalbträume eines fühligen Sextetts, zeigt des Autors Hoffnung, die Kreativen könnten gesellschaftspolitisch wegweisend sein, zeigt einen Albtraum namens nackte Existenz, der das Volk beutelt, zeigt, wie der Mensch nicht über seinen Tellerrand blicken kann. Gorki soll beim Schreiben, so zumindest überliefert, laut gelacht haben.

Ein Vergnügen, dass Regisseur Erhard Pauer da ansetzt. Seine Arbeit befreit die „Kinder der Sonne“ von allem, was – allzu oft schon so gesehen – tonnenschwer bedeutungsschwanger ist. Seine Inszenierung strahlt Leichtigkeit, besser gesagt: eine gewisse fatalistische Grandezza aus. In nicht ganz zwei Stunden erzählt er knackig eine hochaktuelle Geschichte, befreit von den üblichen Klischees des Russischen-Seele-Ballasts. Dabei verfehlt er nicht, die Standpunkte der Gorki’schen Charaktere und auch seinen eigenen künstlerischen klar zu machen. Diese „Kinder der Sonne“-Produktion ist in dieser Klarheit zweifellos eine der besten, die man in Wien bis dato sehen konnte. Großen Anteil am Gelingen hat die unter der Ägide von Krista Pauer erstellte Textfassung des Armen Theater Wien. Man hat die Worte zugeschliffen, bis ihre Spitzen sitzen und stechen. Man verwehrt sich den Begriff Pointe, um den wunderbaren Abend nicht im Schenkelklopfbiotop anzusiedeln, aber wie Protassow angesichts von Melanijas leidenschaftlicher Liebeserklärung emotional schwer überfordert stammelt „Ich kann Ihre Grundidee nicht verstehen“, das hat Pfeffer – die Schauspieler wissen Auftritte damit zu würzen.

Ein durch Bildung und Herkunft begünstigtes Herrentrio stellt die Blickwinkel ein: Kunst hat keinen Wert (Dimitrij Wagin). Es gibt auf der Welt nichts Wertloses (Pawel Protassow). Außer die Welt selbst (Boris Tschepurnoi). Biologe Protassow will an die Möglichkeit des Menschen glauben, sich von jeglichem Joch zu befreien und sich selbst schöpferisch zu vervollkommnen. Auch Gorki glaubte daran, weshalb er sich mit Lenin überwarf und ins Exil musste. Daniel Ruben Rüb gibt den philosophischen Professor als weltfremden Weltverbesserer, dem die Reagenzgläser näher sind als die Realität. Heiß nur der Tee, nach dem er ständig verlangt, er selbst lauwarm. Ganz im Gegensatz zum Wagin von Branimir Agovi, dessen Maler ganz Mannsbild ist, auf Betriebstemperatur wie ein Opernsänger vor der großen Arie. Auch optisch macht Agovi das her. Simon Stockingers Tierarzt Boris hält beiden die ehrlich erarbeitete Überzeugung entgegen, der Mensch sei widerlich. Stockinger gestaltet diesen Ablasser zynischer Wortspenden, diese letztlich tragische Figur als lyrischen, mit bubenhaftem Charme ausgestatteten Helden. So wie alle drei in ihrer Rollengestaltung bestechen, kann man über Letzteren, den Erhard-Pauer-Schüler, ohne Pauer seine Schauspieler wegempfehlen zu wollen, nur sagen: Bühnen, schaut euch nach ihm um!

Krista Pauer besticht als Jelena. Ihre elegische Erscheinung im Duett mit der charakteristisch-rauchigen Gänsehaut-Stimme ist Dreh- und Angelpunkt der Inszenierung. Diese Jelena, von Wagin sexuell bestürmt, wie sie es sich von Ehemann Protassow wünschen würde, hat ihren Stoizismus nicht als Geburtsrecht mitbekommen, sondern arbeitet täglich hart daran, um dem stürmischen Meer ihrer Mitmenschen ein Fels in der Brandung zu sein. Alexandra-Yoana Alexandrova wirkt als Melanija angeknipst wie eine Shopping-Queen-Kandidatin kurz vor dem Laufsteg. Umso größer der Effekt, wenn die Kaufmannswitwe ihr Inneres nach außen offenbart, Alexandrova ihrer Figur den Firnis aus Couture und Goldkettchen abkratzt und die Sicht auf eine einsame Frau freigibt. Die von Florine Schnitzel mit mädchenhafter Glut gespielte Lisa ist ein Kummerkind, dessen sehr wahren Umsturzfantasien niemand Beachtung schenkt. Die Nervenkranke wird den verliebten Boris ins Unglück stürzen.

Den Kopfgebürtigen steht eine Körpergestalt gegenüber: Klaus Fischer muss als Jegor von Salontür zu Gartentor auch die meisten Kilometer machen. Sein Schlosser changiert zwischen Unikat und Unikum. Standesstolz gibt sich der Arbeiter als Herr im Haus, doch weiß der Proletarier anno 2015 längst, dass auch ihn die Historie hinter sich gelassen, dass er den Baumeistern der Macht nur als Stützmaterial beim Errichten ihrer kapitalen Türme gedient haben wird. Fischer erzählt das im Tonfall verzweifelter Wut und rundet die tadellose darstellerische Leistung aller damit ab.

Wenn Idee und Ausführung stimmen, kann man auch ohne den „Schnickschnack“ opulenter Bühnenbilder und Kostüme großartiges Theater machen. Das Arme Theater Wien beschenkt mit seiner puren Art zu spielen das Publikum reich. Dass eine Truppe wie diese ohne Subvention gelassen wird, optimiert vielleicht ihre Kreativität und den Idealismus, ist aber kulturpolitisch völlig unverständlich. Da muss sich Wiens Großer Kultur-Gossudar die Kritik gefallen lassen, dass er was versäumt hat. Noch ist Zeit!

Zu sehen bis 28. August im Bockkeller. Im November folgt im WUK „Nach dem Ende“ von Dennis Kelly.

www.armestheaterwien.at

Wien, 19. 8. 2015

Armes Theater Wien: Zehn-Jahres-Jubiläum

August 13, 2015 in Bühne, Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Premiere von Gorkis „Kinder der Sonne“

Bild: Vondru

Bild: Vondru

Das Arme Theater Wien ist immer ein Garant für erstklassige Produktionen. Egal, ob es zuletzt „Liebe und Zufall“ nach Marivaux www.mottingers-meinung.at/?p=10257 oder „Play Pirandello“ www.mottingers-meinung.at/?p=8719  war. Die neueste Arbeit der Theatermacher darf man sich deshalb keinesfalls entgehen lassen: Zum Zehn-Jahres-Jubiläum gibt die ambitionierte Truppe rund um Regisseur Erhard Pauer Maxim Gorkis „Kinder der Sonne“. Gorki zeichnet das düsterkomische Bild einer Gesellschaft, die, von sozialen wie kulturellen Konflikten zerrissen, unfähig ist zur Schaffung einer besseren Welt. Im Haus des Wissenschaftlers Protassow und seiner Ehefrau Jelena gehen ein und aus: der Künstler Wagin, der in Jelena verliebt ist, die reiche Witwe Melanija, die Protassow liebt, sowie der Tierarzt Tschepurnoi, der schon seit Langem in Protassows Schwester Lisa verliebt ist. Dann gibt es noch den Hausmeister Jegor, der seinen Beruf versteht, aber trinkt und seine Frau schlägt. Und alle sind sie auf der Suche nach einem erfüllten, einem besseren, einem wertvollen Leben.

Es spielen Branimir Agovi, Alexandra-Yoana Alexandrova, Klaus Fischer, Krista Pauer, Daniel Ruben Rüb, Florine Schnitzel und Simon Stockinger. Zu sehen bis 28. August im Wiener Volksliedwerk, 1160 Wien, Gallitzinstraße 1.

Eine Empfehlung!

www.armestheaterwien.at

Wien, 13. 8. 2015

Landestheater Niederösterreich: Wolf Bachofner spielt in „Minna von Barnhelm“

Dezember 5, 2014 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Das Maxim Gorki Theater kommt mit Sibylle Berg

Wolf Bachofner, Pascal Groß  Bild: Robin Weigelt

Wolf Bachofner, Pascal Groß
Bild: Robin Weigelt

Minna von Barnhelm, Premiere am 5. 12.:

Die Komödie um das beherzte Fräulein Minna von Barnhelm (Lisa Wiedenmüller) beginnt mit der unehrenhaften Entlassung ihres Verlobten Major von Tellheim. Der verdienstvolle Major hatte am Ende des Siebenjährigen Krieges bei der Eintreibung von Kriegskontributionen besondere Milde walten lassen und wird nun der Bestechlichkeit verdächtigt. Zutiefst beschämt, mittellos und körperlich versehrt bricht Tellheim jeglichen Kontakt zu seiner Verlobten ab. Er quartiert sich mit seinem Diener Just in einem entlegenen Landgasthof ein, um auf Nachricht von der Militärverwaltung zu warten. Doch Minna macht sich mit ihrer Kammerzofe Franziska auf die Suche nach Tellheim. Die beiden reisen durch das kriegszerstörte Land und erreichen bald selbigen Gasthof. Als Minna entdeckt, dass Tellheim bereits ihren Verlobungsring versetzt hat, weil er aus lauter Ehrgefühl sogar die finanzielle Hilfe seines Freundes Paul Werner ausschlägt, beginnt sie ihr Spiel …

Der tiefe Fall eines strahlenden Helden: Nur durch Minnas liebevolle Intrige gelingt Major von Tellheim die Rückkehr in die Normalität des Friedens. Gotthold Ephraim Lessing, der große Menschenfreund und Erneuerer des deutschen Theaters, entwarf seine bühnenwirksame Komödie 1763 am Ende des Siebenjährigen Krieges. Ihm gelang damit eine Gattungsnovität, ein Lustspiel als aktuelles Zeitstück (Botho Strauß). Die leichte Form der Verhandlung eines schwerwiegenden Problems gilt als literarische Wegmarke ebenso wie die lebensnahe Zeichnung der Figuren, in deren Zentrum eine ganz und gar moderne Frauenfigur steht.

Die junge Regisseurin Katrin Plötner, die sich u. a. mit Arbeiten am Münchner Residenztheater und am Theater Regensburg vorgestellt hat und in der letzten Spielzeit am Landestheater Niederösterreich Horace inszenierte, führt Regie. Für die Ausstattung zeichnen der Bühnenbildner Martin Miotk und die Kostümbildnerin Eugenia Leis verantwortlich. Für Tellheim und seinen treuen Freund Werner konnten Lars Wellings, der u. a. am Residenztheater München und am Staatstheater Wiesbaden engagiert war, und der bekannte TV- und Theaterschauspieler Wolf Bachofner gewonnen werden.

Maxim Gorki Theaters, Berlin: „Es sagt mir nichts, das sogenannte Draußen“ von Sibylle Berg, 10. 12.

Abends, eine junge Frau allein in ihrer Wohnung. Freundinnen kontaktieren sie per Skype und per Chat, Kurznachrichten treffen ein, die Mutter ruft an. Einige Stockwerke tiefer im Keller: ein gefesselter und geknebelter Mann …

Von den Medien und der Werbeindustrie produzierte Frauenbilder, der Imperativ eines erfolgreichen Lebensentwurfs und eigene Ängste und Sehnsüchte schlagen sich in den Leben der jungen Frauen nieder: nächtliche Prügeltouren durch die Stadt, Körperkult und Fitnesswahn, Shoppingexzesse zwischen den BWL-Vorlesungen und der Vertrieb von selbstsynthetisierten Drogen über das Internet. Daneben stehen Fragen, wie die Frauen leben wollen und wo sie die Ursachen für ihre Orientierungslosigkeit suchen. Es entsteht die wütende, beißend-komische Bestandsaufnahme einer jungen Frau, die sich selbst und andere Frauen in ihren Reaktionen auf die Welt befragt.

Die Schriftstellerin Sibylle Berg wurde in Weimar geboren und lebt in Zürich. In ihren Kolumnen, Romanen und Theaterstücken erzählt sie schonungslos vom Unglück, in das sich die Menschen stürzen. Für ihre Werke wurde sie u.a. mit dem Egon-Erwin-Kisch-Preis ausgezeichnet. Zuletzt erschien 2012 ihr Roman Vielen Dank für das Leben und 2013 Wie halte ich das nur alles aus? Fragen Sie Frau Sibylle.

Regie führt Sebastian Nübling. Er studierte Kulturwissenschaften an der Universität Hildesheim und lehrte dort als Dozent. 2002 wurde er mit seiner Basler Inszenierung von Henrik Ibsens John Gabriel Borkman zum ersten Mal zum Berliner Theatertreffen eingeladen und von der Zeitschrift Theater heute zum Nachwuchsregisseur des Jahres gewählt. Seine Stücke werden regelmäßig bei renommierten Festivals gezeigt. Seit der Spielzeit 13/14 ist Sebastian Nübling Hausregisseur am Maxim Gorki Theater.

Es spielen: Nora Abdel-Maksoud, Suna Gürler, Rahel Jankowski und Cynthia Micas.

www.landestheater.net 

Wien, 5. 12. 2014