KosmosTheater: Good Morning, Boys and Girls

Oktober 21, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Attentäter und die „Tai Chi“-Übungen

Selfie! „Cold“, Susanne und der Amok: Giamo Röwekamp, Sophie Resch und Pablo Leiva. Bild: Bettina Frenzel

Seit Langem schon, sagt Barbara Klein im Programmheft-Interview, hätte sie sich mit dem Gedanken getragen, ein Stück über Amoklauf an Schulen zu zeigen. Ein Nachdenken über sogenannte School Shooter, die Mitschüler und Lehrer kaltblütig ermorden und den eigenen Tod ebenso ungerührt herbeisehnen – während ihr Umfeld von den seelischen Veränderungen dieser Heranwachsenden, ihren oft monatelangen Vorbereitungen zur Tat nichts mitbekommen hat/haben will. „Wenig nachvollziehbar“ nennt Klein diese Ahnungslosigkeit.

Gemeinsam mit Choreografin Paola Bianchi brachte sie nun am KosmosTheater Juli Zehs „Good Morning, Boys and Girls“ zur österreichischen Erstaufführung. Es ist die Abschiedsinszenierung der Hausherrin am „Theater mit dem Gender“, am 30. Oktober wird die neue Leitung des KosmosTheaters vorgestellt, und es ist ein erstklassiger Abend, bei dem eindeutig die Form über den Inhalt zu stellen ist. Denn von Juli Zeh gibt es nichts Neues. Ihr Text ist eine Aufzählung, eine Aneinanderreihung von Eh-schon-Wissen:

Jugendliche werden zum Attentäter, weil sie 1. in der Schule gemoppte Außenseiter sind, 2. sie im Elternhaus keine Zuwendung erhalten, 3. sie sich ergo im Kinderzimmer mit Ego Shootern und anderem Teufelszeug abreagieren, auch weil 4. sich Mädchen nicht für sie interessieren. Wobei dies bei Jens, Kampfname im Computerspiel Counter Strike: „Cold“, gar nicht der Fall ist. Der poetisch begabte Einzelgänger, dessen grausame Kurzgeschichten die Lehrerin aus der Fassung bringen, findet in der trotzigen, weltschmerzgeplagten Susanne eine – eigentlich noch radikalere – Gleichgesinnte.

Am Ende wird sie nicht nur dafür sorgen, dass alles ganz anders gewesen sein wird, als die Erwachsenen glauben, sondern dem Publikum damit gleichsam auch einen Spiegel vorhalten. Den beiden zu Erziehenden stehen die dazu Berechtigten gegenüber: Vater und Mutter, ein in seine Intellektualität selbstverliebtes Galeristenehepaar, das seine Ich-Bezogenheit als antiautoritär tarnt, und die betuliche, dem klugen „Cold“ nicht gewachsene Deutschprofessorin Frau Patt.

Der Vater verteidigt sich gegen Schuldvorwürfe: Jens Ole Schmieder mit Johanna Prosl. Bild: Bettina Frenzel

Die Lehrerin glaubt an das Böse in Computerspielen: Johanna Prosl als Frau Patt. Bild: Bettina Frenzel

Zeh, die vernünftigerweise nicht um Antworten ringt, unverständlicherweise aber auch keine bis dato ungestellten Fragen aufwirft, hat immerhin das weitere Geschehen spannend verzahnt. Die Handlung wechselt im schnellen Takt zwischen Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Jens hat seine Wahnsinnstat bereits begangen, nein, er bereitet sie noch vor, er spricht bei seinem eigenen Begräbnis, hat Streit mit den Eltern, und sieht (sich im Kopf schon als) einen sensationslüsternen CNN-Reporter sie bedrängen. Jens‘ Fantasie und die Realität überlappen mehr und mehr.

Ist der Counter-Strike-Clan echt oder eine gehörte Stimme? Man kann nur noch ahnen, was erdacht und was erlebt ist. Und zu all diesen Gedanken reflektieren die Eltern über Schuld und Versagen, die Lehrerin über zu spätes Eingreifen. Hat man sich zu wenig gekümmert, bemüht, beschäftigt? „Aber du bist doch ein lieber Bub“, keucht sie ungläubig, als er sie später mit der Benelli niederstreckt. „Heute nicht“, erwidert Jens. Und schon ist man mitten im Blutbad. Das bei Barbara Klein und Paola Bianchi freilich keines ist. Die Gewalt wird vielmehr getanzt und so deutlich „körperlich“ empfunden.

Die Schauspieler bewegen sich zu einer ausgeklügelten Choreografie, dem Tai Chi ähnlichen Bewegungen, die übers Physische zugleich ihre psychische Verfassung darstellen. Als Frau Patt nimmt Johanna Prosl oft einen belehrenden Gestus an, mit spitz in die Luft stechenden Fingern bemängelt sie Rechtschreibschwächen. Der Vater, Jens Ole Schmieder, tigert in ständiger Bewegung durch den Spielraum, während er unablässig gewesene Amokläufe rezitiert. Columbine, Erfurt, Winnenden, Newtown, in Asien wird immer nur mit dem Messer gemordet. „Haben die keine Knarren?“, fragt er – und die Frage hat weniger mit Zynismus als mit Fassungslosigkeit zu tun. An solchen Stellen ist das Stück auch komisch.

Das Ende kommt anders als erwartet: Giamo Röwekamp, Pablo Leiva und Sophie Resch. Bild: Bettina Frenzel

Die Eltern tanzen Ratlosigkeit und Verzweiflung: Jens Ole Schmieder und Susanne Rietz. Bild: Bettina Frenzel

Wie er – Vater ballt die Fäuste zur Selbstverteidigung gegen ihre verbalen Angriffe – versichert sich auch Mutter/Susanne Rietz ihrer Unschuld am Geschehen. Traumatisiert sieht sie, dass ihr nicht nur eine gemeinsame Zukunft, sondern auch die Vergangenheit geraubt wurde, denn immer wird sie sich nun fragen müssen: „Warum?“ wiederholt sie wie in Loops. Dass Jens ein lieber Sohn war, ist ihr Mantra, während ihre Arme wie die einer Marionette baumeln. Als nichts anderes nämlich sieht sie ihr Sohn. Dass sie seinen Hund nicht mochte, ihn kahl scherte, hat er ihr nicht verziehen.

Als der einzig Geliebte dann auch noch stirbt, brennen bei Jens die Sicherungen durch. What a life, what a cliche. Ein Geschenk – Giamo Röwekamp als „Cold“ turnt über derlei Untiefen mit Leichtigkeit hinweg. Er ist als gewaltbereiter Teenager extrem glaubhaft, egal, ob er sich in theatralischer Christuspose probt, oder beim ersten Flirt aufgeregt mit den Beinen wippt. Im Gleichtakt mit Sophie Resch als kurz einmal nicht verdrossener Susanne. Den beiden folgt, weißgewandet und mit weißer Maske, der „Amok“, Pablo Leiva mit am Oberkörper befestigten Bombenpackages.

Die Schwarzweiß-Bilder, die er vom Liebespaar mit dem Smartphone filmt (auch Counter Strike wird an die Wand projiziert), funktionieren als Subtext zum Gesagten – nervös verschränkte Finger, wütend aufgerissene Augen, dann wieder ein Selfie zu dritt. Nach Schuldzuweisungen aller an alle, nach Ausstellung eines Tatbestands, nicht aber seiner Erhellung, endet das Stück mit dem Kernthema des KosmosTheaters, der Gleichberechtigung von Mann und Frau. Wie, will nicht verraten werden. Die fabelhafte Aufführung mit dem überzeugenden Ensemble ist noch bis 28. Oktober zu sehen.

Trailer: www.youtube.com/watch?time_continue=1&v=pKIMKEig0nw

www.kosmostheater.at

  1. 10. 2017

A Good American

März 16, 2016 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Der Whistleblower sagt, er hätte 9/11 verhindern können

Bill Binney. Bild: A Good American

Bill Binney. Bild: A Good American

Sympathisch ist das alles nicht. Daran können auch die eingestreuselten Bilder von Waldvögeleins und Eichhörnchen nichts ändern. Da sitzt ein Mann im Rollstuhl und ist ein echter Patriot. Ein US-Patriot, wohlgemerkt. Er sagt Sätze wie „Bitte nie um Erlaubnis, sondern um Vergebung, wenn du musst.“

Und erklärt, er hätte die Privatsphäre jedes amerikanischen Bürgers geschützt. Über andere – kein Wort. Die Welt ist ein Dorf, wenn man auf ihrer richtigen Seite sitzt. Bill Binney war einmal das Mastermind des NSA. Ein Analyst, ein genialer Crypto-Mathematiker und Code-Breaker, ein Algorithmenmagier. Ein Spion. Das Pfui-Wort kommt natürlich nicht vor in der Filmdokumentation des Oberösterreichers Friedrich Moser mit dem Titel „A Good American“. Sie ist ab 18. März in den heimischen Kinos zu sehen. Und ihr großes Verdienst ist es, einen inside Geheimdienst schauen zu lassen. Man erfährt Haarsträubendes über die Eigenmächtigkeiten der NSA, über Splittergruppen innerhalb der Agency, und wie sie die politisch Verantwortlichen blöd aus der Wäsche schauen lassen. Während eine fröhliche und vor allem finanzstarke Packelei mit Privatfirmen über unser aller Sicherheit wacht. Oder: uns alle sicher überwacht. „A Good American“ ist ein aufschlussreicher Film, auch wenn man seine Schlussfolgerungen nicht teilen mag. Die Doku ist Politthriller und Psychogramm eines Whistleblowers. Denn vieles, was Binney und seine Kampfgefährten von sich geben, ist selbstentlarvend. Moser bleibt den ganzen Film über angenehm zurückgelehnt; er stellt dar, er wertet nicht. Und er wertet nicht aus.

Was ohnedies Binneys Aufgabe war und ist. Der Problemlöser von Staatsgnaden hat jetzt die eigene Regierung im Nacken. Sorry, liebe Sam Adams Associates for Integrity in Intelligence, aber sympathisch ist das alles nicht. Bill Binney ist ein kalter Krieger, den „Sowjets“ seit dem Prager Frühling auf den Fersen. Ein Beispiel für amerikanisches Wissen und Nichtstun von der Tet-Offensive über Afghanistan, einem Konflikt, den man erfolgreich den Russen vererbt hat, bis zu 9/11. Binney sagt, niemand wollte von ihm etwas hören, über den „Kameltreiber, der in der Wüste mit dem Koran rumfuchtelt“. Dabei hätte er den Anschlag auf das World Trade Center verhindern können. Die gewissermaßen Gegenseite Binneys kommt nicht zu Wort. Michael Hayden, Maureen Baginski, etc. hätten auf Interviewanfragen nicht geantwortet, heißt es. Doch auch mögliche andere Quellen außerhalb des inneren Kreises des Protagonisten, Gespräche abseits derer mit Ed Loomis, Kirk Wiebe oder Diane Roark, hätten dieser Doku Gewicht verliehen. So bleibt … es zu glauben …? Bill Binney entpuppt sich als aus dem selben Holz geschnitzt, wie der Staat, der den nunmehrigen Whistleblower verfolgt. Er sieht sich als erster Weltenwächter und gleichzeitig als erstes Opfer von eigentlich eh allen. Das in seiner Paranoia gleichgeschaltete Hollywood beweist ja nicht umsonst monatlich, dass sämtliche Schurken dieser Erde ausschließlich dem US-Präsidenten ans Leben wollen.

„Einer der Hauptgründe, warum wir in Kriege schlittern sind Fehler der Regierenden. Weil sie entweder falsch oder gar nicht informiert sind“, sagt Binney. Für diese Informationen wollte er sorgen. Mit einem Datensammlungs- und Analysesystem namens ThinThread wollte der Mann mit dem ausgewiesenen bullshit-Radar die Bösewichte in den Kommunikationsnetzwerken finden. Heißt: In beinah Echtzeit die gesamte kommunizierende Bevölkerung überwachen, zweieinhalb Milliarden Telefonanschlüsse, in denen Muster menschlichen Verhaltens untersucht und interpretiert hätten werden sollen. Aber keine Angst, so die Doku, alles nur eine Metadatenanalyse. Es sei nicht um Inhalte, sondern um Vernetzungen gegangenen, also wer mit wem, aber nicht worüber. Man hätte nur das Muster, den Fingerabdruck des digitalen Verhaltens von Verdächtigen gesucht. Die „Unschuldigen“ wären weggefiltert worden, für die Aufdeckung von Identitäten hätte es einer richterlichen Verfügung bedurft. Schöne neue Welt. Das kann man … glauben …? Dass Binney in der Agency „großer Satan“ genannt wurde, hatte nichts mit ethischen Bedenken zu tun, sondern damit, dass die Kollegen befürchteten, ihre Schnüfflerjobs an eine Maschine zu verlieren.

Mag sein, dass für den Strukturensucher Binney das Individuum nur ein Punkt auf einer Zeitlinie ist. SMS, Mail, ein Anruf, Kreditkartengebrauch, jede Handlung nur ein Punkt auf einer Zeitlinie. Nachvollziehbar, verfolgbar, bis ins Privateste. Den Reinen ist alles rein, steht in der Bibel. Und Binney ist zweifellos überzeugt von der Reinheit und Schönheit von Zahlen. Atemlos liest man die weltweiten Rezensionen dieser Doku, wenn einem selbst die Begeisterung fürs Ausgeforschtwerden durch Geheimdienste und andere demokratiepolitisch hirntote Illuminaten fehlt. „Als alle begannen, über die böse NSA herzuziehen, mit dem Finger auf sie zu zeigen und die Amerikaner auszubuhen, sagte ich mir – Moment einmal, ganz so einfach ist das sicher nicht! Als ich 1988 meinen Militärdienst leistete und wir die Rote Armee an unseren Grenzen hatten, waren wir da nicht alle froh gewesen, dass die NSA in unseren Horchposten saß und die Sowjets ausspähte?“, heißt es im Regiestatement von Friedrich Moser. Es ist ein weiterer Verdienst seines Films, der sich in weiten Teilen mit einem Computerprogramm und dessen Funktionsweise befasst, diese technischen Prozesse anschaulich und unter weitgehendem Verzicht auf den Fachjargon darzustellen.

Es kam, man weiß es, anders. Es kam das teure Trailblazer-Programm. An dem sich, so wird im Film argumentiert und Maureen Baginski mit dem Satz „9/11 ist ein Geschenk an die NSA“ zitiert, wieder etliche bereichern konnten. Trailblazer, das Schlüsselwörtersystem, öffnete alle Schleusen zur Speicherung und Totalüberwachung. Das Ausmaß ist größer als je gedacht, weiß man seit Edward Snowden. 2007 stürmte eine Gruppe von bewaffneten FBI-Agenten Binneys Wohnung; er berichtet, dass „die NSA und das FBI damals Anklagepunkte gegen meine Kollegen und mich fingierten, sodass sie einen Haftbefehl bekamen.“ ThinTread wird in der Doku als von der NSA vernichtet bezeichnet. Binney sagte als erster Zeuge vor dem deutschen NSA-Untersuchungsausschuss aus. Der Saulus als Paulus. Moser sagt, für ihn sei „A Good American“ in erster Linie ein Film über Moral. Eine dänische Filmzeitschrift schreibt: „The message is scary: NSA monitors to make money – not to protect.“ Über die Moral von der Geschichte sagt „A Good American“ aber nichts – weder aus dem einen, noch aus dem anderen Grund, überwacht werden mag ich nicht.

www.agoodamerican.org

Wien, 16. 3. 2016

Kunst Haus Wien: Creating Common Good

November 10, 2015 in Ausstellung

VON RUDOLF MOTTINGER

Nicht nehmen lassen, was allen gehört

Lisl Ponger, Wir sind viele - "Quod erat demonstrandum" Nr. 1, 2011 Bild: © Lisl Ponger. Courtesy Galerie Charim

Lisl Ponger, Wir sind viele – „Quod erat demonstrandum“ Nr. 1, 2011
Bild: © Lisl Ponger. Courtesy Galerie Charim

Laut der amerikanischen Soziologin und Wirtschaftswissenschaftlerin Saskia Sassen schafft ein entfesselter Weltmarkt – wie etwa im Bereich der Finanzproduktion – die Bedingungen dafür, dass Menschen sich in einer ihren privaten Interessen dienlichen Umgebung einrichten, in der das Gemeinwohl verkümmert.

Sukzessive fand in den vergangenen Jahren durch die Privatisierung öffentlicher Räume und Güter eine Verschiebung dessen statt, was als Gemeingut – „Common Good“ – verstanden wird. Jeder sieht sich angesichts der derzeitigen globalen soziokulturellen und ökopolitischen Umwälzungen vor neue Herausforderungen gestellt. Mit der Ausstellung „Creating Common Good“ präsentiert das Kunst Haus Wien in Kooperation mit der diesjährigen Vienna Art Week ab 17. November internationale künstlerische Positionen, die auf unterschiedlichen Ebenen Fragestellungen des Themenfelds „Gemeinwohl“ begegnen.

Als bei den Ausstellungsgestaltern die Entscheidung für den Titel „Creating Common Good“ fiel, war noch nicht klar, mit welcher Dynamik die weltpolitische Situation spürbar auf die europäische Gemeinschaft einwirken würde. Am Engagement der Zivilgesellschaft und am Versagen der Politik im Krisenmanagement zeigt sich, dass Taten hier mehr zählen als Worte. Die Ausstellung nähert sich der Frage von „Creating Common Good“ aus verschiedensten Blickwickeln, die von einer Auseinandersetzung mit alternativen Kleinsystemen über die unmittelbare Betroffenheit durch Flüchtlingsbewegungen oder den Strukturwandel im großstädtischen Bereich bis zur Kritik an der Reduktion budgetärer Mittel für Bildung und Kultur reichen. Welchen Beitrag, welchen Input leistet die Kunst, leisten durch Künstler und Kollektive initiierte Projekte für das Gemeinwohl unserer Gesellschaft? Beziehungsweise wie sehr haben sich Agenden, die sich ursprünglich im Zuständigkeitsbereich von Politik befanden, zunehmend in den Diskurs über die gegenwärtige „politische Landschaft“ verlagert?

„Keiner ist eine Insel für sich“, ist der Appell eines unlängst von der Künstlerin Ramesch Daha mit der Politik-Journalistin Susanne Scholl gestalteten Plakatsujets im öffentlichen Raum. Die Idee des Gemeinwohls – „Common Good“ – gründet in der gemeinsamen Nutzung von Ressourcen wie Luft, Wasser, öffentlicher Räume und Dienstleistungen, Gesundheit, Bildung, Forschung, Internet und kultureller Einrichtungen. Gemeingüter bilden wesentliche Grundlagen für das Überleben von Gesellschaften. Der griechische Philosoph Aristoteles verstand unter Gemeinwohl das größte Glück einer möglichst großen Anzahl von Menschen. Wohingegen der Neoliberalismus in der individuellen Freiheit das Gemeinwohl am stärksten verwirklicht sieht. Flüchtlingsbewegungen, Verteilungskrisen, Jugendarbeitslosigkeit teils ausgelöst durch systemimmanente Korruption und Lobbyismen, verlangen nach einer umfassenden Umstrukturierung derzeitiger politischer Verhältnisse und lassen den Ruf nach einem neuen öffentlichen Bewusstsein von Gemeinwohl laut werden. Hohe Staatsdefizite sind das Resultat massiver Hilfen für den Finanzsektor. Dafür verfolgen Staat und Staatengemeinschaft gezielt Über-Ich-Strategien. Gegenüber dem derzeitig dominierenden System einer neoliberalen Marktwirtschaft und deren Ausrichtung auf Gewinnmaximierung stellt sich dringend die Frage nach Alternativen. Denn der Ausnahmezustand droht zum Dauerzustand, droht zur konstanten Lebensform zu werden.

Die an der Ausstellung „Creating Common Good“ beteiligten Künstler und Kollektive appellieren durch ihre Projekte nicht nur an das politische Verantwortungsbewusstsein, für Menschenwürde, Solidarität und Gerechtigkeit, sondern lassen neue Kriterien zur gemeinsamen Schaffung und Nutzung von Ressourcen einfließen, gestalten Gegenentwürfe zum Establishment und dessen populistischen Tendenzen und setzen sich den ethischen Anspruch, Gesellschaft selbst zu gestalten. Zu sehen sind Arbeiten von Akram Al Halabi, Atelier Van Lieshout, Joseph Beuys, Bernhard Cella, Ramesch Daha, Democracia, Ines Doujak, Teresa Estapé, Peter Friedl, Leon Golub, Tamara Grcic, Gruppe Uno Wien, Markus Hiesleitner, Heidrun Holzfeind, Anna Jermolaewa, Folke Köbberling, Ernst Logar, Teresa Margolles, Adrian Melis, Lucy + Jorge Orta, Lisl Ponger, Pedro Reyes, Martha Rosler, Isa Rosenberger, Tim Sharp, Santiago Sierra und Jorge Galindo, Axel Stockburger, tat ort, Johanna Tinzl, transparadiso, Patricia K. Triki, Nasan Tur, Anna Witt, Ina Wudtke und Sislej Xhafa.

www.kunsthauswien.com

Wien, 10. 11. 2015

brut: Oleg Soulimenko

Juni 16, 2014 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Good Night, Vienna!

Eine mystische Erlebnisreise durch Wien

Bild: Peter Mayr

Bild: Peter Mayr

Good Night, Vienna! rückt die mystische und geheimnisvolle Seite Wiens in den Mittelpunkt und wagt einen Ausflug in verborgene Regionen der laut Umfragen „lebenswertesten Stadt der Welt“. Der russische Performancekünstler Oleg Soulimenko begibt sich mit WienerInnen auf eine Tour an Schauplätze unheimlich anmutenden Geschehens. AugenzeugInnen von Seltsamem, Magischem und Mystischem lassen das Publikum an ihren Erlebnissen und ihrer anderen Sicht auf Wien teilhaben. Bei der Reise ins Innerste der scheinbar wohlvertrauten Stadt kommt an die Oberfläche, was sonst meist im Verborgenen bleibt. Zugleich tritt das Publikum einen Ausflug ins eigene Unbewusste an. Good Night, Vienna! bietet Erlebnissen der „anderen Art“ einen Raum und zeigt, dass unser Umgang mit dem rational nicht Erklärbaren viel über unsere moderne Wissensgesellschaft erzählt. Dass Wien der ideale Ort für ein solches Unterfangen ist, beweisen nicht zuletzt die MystikerInnen und die magischen Geheimgesellschaften, die schon immer von der besonderen Nähe Wiens zu einer „anderen“ Welt schwärmten.

Mit Agnieszka Brzezinska, Andreas Hirsch, Helios Manjedix, Karl Keindl, Maria Hudec, Silohee Gnugesser, Vienna Ghosthunters. Konzept und künstlerische Leitung: Oleg Soulimenko

Treffpunkt: brut im Künstlerhaus, ab 26. Juni.

www.brut-wien.at