Schauspielhaus: Golem oder Der überflüssige Mensch

September 29, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Planet der Smarties

Im Dunkel der Nacht wird ein künstlicher Mensch gemacht: Vassilissa Reznikoff, Nicolaas van Diepen und Steffen Link. Bild: © Matthias Heschl

Seit Deep Blue also nichts Neues. Man kann weiterhin beruhigt schlafen. 1996 hatte der IBM-Rechner den amtierenden Schachweltmeister Garri Kasparow in einem Wettkampf aus sechs Partien vernichtend geschlagen, weil dies aber extrem kreativ, munkelte die Fachwelt bald, hinter dem Computergehirn hätte in Wahrheit ein menschliches gedacht. IBM trat die Flucht in die Verschrottung an, und zerlegte Deep Blue in seine Einzelteile.

Beweise welcher Art auch immer waren nun unmöglich. Der Schöpfer zerstörte sein Geschöpf, weil es ihm gefährlich wurde … Am Donnerstag kam im Schauspielhaus Wien Gernot Grünewalds Textcollage „Golem oder Der überflüssige Mensch“ zur Uraufführung, und er erzählt: Nichts Neues. Grünewald, der auch als Regisseur wirkte, befindet sich gedanklich nicht weiter denn auf dem Erkenntnisstand der Herren Ray Bradbury und Philip K. Dick, und stellt ergo die schon von denen dystopisch ausformulierten Fragen: 1. Weiß es, was es ist? Seit Roy Batty wissen wir: Ja. 2. Kann es zum gesellschaftlichen Entscheidungsträger werden? Nein, weil ihm Emotion und Empathie fehlen, und es daher keine ihm unlogischen, aber einem Menschen wertvolle Handlungen vollführen würde – etwa unter Gefährdung der eigenen Existenz eine Katze aus einem brennenden Haus zu retten.

Es sei denn, der Mensch bringt geschickt die drei Robotergesetze zum Einsatz. Aber Achtung punkto Katze: In den von Isaac Asimov für seine Kurzgeschichte „Runaround“ erlassenen Geboten geht es ausdrücklich um den Schutz menschlicher Wesen, bei gleichzeitigem Auftrag an das künstliche, sein Fortbestehen zu sichern. Mutmaßlich war Asimov kein Katzenfreund … Warum das alles hier steht? Weil Grünewald an seiner A.I.-Arbeit eine all dies und mehr umfassende Klammer angebracht hat. Er beginnt im Wortsinn bei den ersten von einem Gott erschaffenen Kreaturen, Adam und Eva, heißt: er lässt die Schauspieler das Buch Genesis zitieren.

Der schwarze Gaze-Kubus wird mit Videoprojektionen à la Dr. Serena Kogan bespielt, … Bild: © Matthias Heschl

… während die Schauspieler auf der Bühnendrehscheibe im Kreis transportiert werden. Bild: © Matthias Heschl

Und als er sah, dass es gut war, wechselt er flugs zum Golem-Mythos, bekannt ist der vor allem durch die Story vom Prager Rabbi Löw, der von seinem Lehmmann am Ende erschlagen wird, um bei schicken Sci-Fi-Gestalten in ihrem Cyberland zu landen, die auf Großleinwand laut denken, alles zu beaufsichtigen, während sie längst überwacht werden. Smart Phone, Smart Car, Smart Home – Willkommen auf dem Planet der Smarties. Den Grünewald wie immer gemeinsam mit Bühnenbildner Michael Köpke und Videokünstler Jonas Plümke zur Wunderwelt macht.

Das Dreier-Dreamteam versteht sich auf die Kunst der opulenten Ausstattung, und so steht in der Raummitte ein Podest, das bei Eintreten des Publikums noch gut durchfeuchtet wird. Auf dieser Wasserfläche entfaltet sich das Spiel, darüber ein schwarzer Gaze-Kubus, der sich langsam absenkt und mittels Videoprojektionen gespenstische Bilder reflektiert. Die Feuchtbiotopbühne dreht sich langsam, die Zuschauer sitzen an vier Seiten um dieses fantastische Setting, das schließlich die Darsteller Vassilissa Reznikoff, Nicolaas van Diepen und Steffen Link erklimmen, um das Spiel beginnen zu lassen.

Für seine freie Assoziation zum Thema künstliche Intelligenz bedient sich Grünewald aus drei Quellen: Karel Čapeks Schauspiel „Rossum’s Universal Robots“ aus dem Jahr 1920, für das der tschechische Autor den Begriff Roboter, abgeleitet vom Wort für Arbeit/Robot, erfand, und in dem Androiden als rechtlose Arbeiter ausgebeutet werden. Stanisław Lems „Also sprach Golem“ aus dem Jahr 1981, in dem der Supercomputer Golem XIV die Intelligenzbarriere durchbrochen hat und nun eine eigenständige Vernunft, aber kein Gefühlsleben besitzt, weil er eben keine Person, sondern nur ein Kalkül ist. Und Schriften von Ray Kurzweil, in denen der Leiter der technischen Entwicklung bei Google über Transhumanismus und Technologische Singularität sinniert – und dafür von seinen Gegnern als Guru einer neuen Ersatzreligion angefeindet wird.

All das bindet Grünewald zu einem wilden Spekulationsstrauß. Die Optik gewinnt bei dieser Inszenierung klar gegen die Botschaft, denn während man noch angestrengt nachdenkt, wie hier A zu B zu C passen sollen, wird man von einer berauschenden Bilderflut von jeder Art Bedenken fortgerissen. Vassilissa Reznikoff und Nicolaas van Diepen formen neben einer dekorativen Feuerstelle einen Steffen Link aus Gatsch. Der formuliert derweil seine Angst, wieder ein Nichts zu werden. Dazu wird Grünewalds Textmaterial streckenweise wie Psalmen gesungen, dabei werden als Thema angeschnitten: Die Vermenschlichung des Dings, dieses intelligent, aber seelenlos, und als billigster Arbeiter auch der beste. Seine optimale Unterstützung zur Selbstoptimierung des Menschen, aber andererseits seine Schuld an der technologischen Arbeitslosigkeit. Der Mensch, krankhaft in seinem Wahn ein Schöpfer/Gott zu sein.

Sind wir nicht alle ein bisschen Golem? – Vassilissa Reznikoff, Steffen Link und Nicolaas van Diepen haben sich zugelehmt. Bild: © Matthias Heschl

Was nur, wenn wir uns in unserer Zukunfts-technologiegläubigkeit die Fallstricke selber knüpfen, und sich die Computer ohne unser Zutun vernetzen und übernehmen – siehe „T3: Rise of the Machines“? Wird aus dem Anthropozän dann eine Virtual Reality? Reicht das Merkmal Empathie, um das Echte vom Künstlichen zu trennen? Do Androids Dream of Electric Sheep?

Während die Schauspielerköpfe, überlebensgroß wie der von Dr. Serena Kogan auf den Gaze-Kubus geworfen, derart Grünewalds Gedankendickicht durchpflügen, sind die Darsteller auf der Drehplattform damit beschäftigt, sich immer mehr zuzulehmen. Bis am Ende drei Tonfiguren auf der Bühne stehen. Der Schöpfer tarnte sich als sein Geschöpf, weil es ihm gefährlich wurde … Naturgemäß gibt’s von Grünewald und seiner Methode der freien Einfälle keine Rückäußerung auf die von ihm gestellten Fragen. (Kann’s auch gar nicht, die ultimative Antwort lautet sowieso: 42). „Golem oder Der überflüssige Mensch“ ist ein reizvolles Gedankenspiel, das sich mit seinem Zuviel an Aussage zwar selber stellenweise die Kraft nimmt, dies immer dann, wenn die Stringenz fehlt und die Narration abhanden kommt, aber vielleicht gerade dadurch zum Weiterdenken und Sich-Wissen-Anlesen anregt. Die Bilder sind gigantisch, die Diskussionen eröffnet. Mehr kann man von einem Theaterabend nicht erwarten. „It is said that the golem lives everywhere and in all times“, David Frishman, „The Golem“, 1922.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=A3MeMi4gdHs

www.schauspielhaus.at

  1. 9. 2017

Salzburger Festpiele: Golem

August 25, 2014 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Dem Schöpfer untreu geworden

Bild: © Salzburger Festspiele / Bernhard Müller

Bild: © Salzburger Festspiele / Bernhard Müller

Der Golem, „der Unfertige“,  ist eine legendäre Figur der jüdischen Folklore – eine menschliche Gestalt, vom Prager Rabbi Löw aus Lehm geformt. Er erwacht zum Leben, sobald man ihm einen Zettel mit einem mystischen Text in den Mund legt. Ursprünglich zu dem Zweck erschaffen, seinen menschlichen Schöpfern unliebsame Arbeiten abzunehmen, erfüllt er seine Pflichten treulich, bis er eines Tages plötzlich einen eigenen Willen zeigt. Dieses sich emanzipierende Gebilde versetzt die Menschen in Angst und Schrecken. Gustav Meyrinks Behandlung des Stoffes im Buch Golem“, der 1913–14 in einer Illustrierten als Roman in Fortsetzungen erschien und 1915 in Buchform veröffentlicht wurde, war ein Bestseller, lange bevor es diesen Begriff überhaupt gab. Auf den ersten Blick erscheint er als ein etwas untypisches Beispiel für Kriegsliteratur. Es handelt sich um einen fantastischen Roman, der zwischen mehreren Genres wechselt – allerdings ohne Soldaten und Gewehre. Sieht man jedoch genauer hin, erweist er sich sehr wohl als ein Produkt seiner Zeit. Er präsentiert eine Realität, die sich, verstörend instabil, auf stets wechselnde Fundamente gründet und in der unablässig neue Schrecken das Licht der Welt erblicken. Das Leben ist ein Zustand, in dem nichts mehr als gegeben vorausgesetzt werden kann, und wo sich gerade das älteste und traditionellste Wissen von seiner radikalsten und verstörendsten Seite zeigt. Meyrinks Leserschaft begegnete seiner Version dieser Geschichte vor dem Hintergrund eines Konflikts, der durch die Erfindung von Maschinengewehren, Panzern und Flugzeugen immer mechanisiertere  Züge annahm und dessen eigentliche Sieger jene Firmen waren, die von der Herstellung der Maschinen und Kriegsausrüstung profitierten. In der Legende spiegelt der Autor die Machtlosigkeit der Menschen angesichts der Massenvernichtung in den Schützengräben. Jede seiner Zeilen haucht Angst aus.

In dem berühmten Vertreter der fantastischen Literatur hat das Ensemble 1927 für die Salzburger Festspiele einen verwandten Geist gefunden. Das Ensemble verlegt seinen Golem in eine Welt, in der Technologie und Marktwirtschaft soweit gediehen sind, dass sie drauf und dran sind, die Grenzen menschlicher Kontrolle zu überwinden. In dieser Situation wird der Golem zu einer deutlich komplexeren Kreatur als jene, die Meyrink in seinem Roman darstellte – oder auch die Version aus Paul Wegeners 1920 entstandenem Stummfilm, der von dem Roman inspiriert wurde. Er ist ein erfolgreiches Produkt, ohne das man nicht auskommt; ein nicht mehr wegzudenkender Bestandteil eines besseren Lebens. Sein Erfolg stellt eine viel größere Bedrohung dar als rein physische Gewalt: nämlich die Vorstellung, der Mensch könnte im Vergleich mit diesem Objekt unterliegen; als wäre er die weniger effiziente, teurere und fehleranfälligere Version des Golems, ein mittlerweile veralteter Prototyp, Vorläufermodell für etwas wesentlich Besseres.

Suzanne Andrades, die Performerin aus London, lotet mit ihrer Produktion die Schnittstellen zwischen Schauspiel und Computeranimation aus, entrollt den atemberaubenden Bilderbogen einer Großstadt im 21. Jahrhundert. Virtuos montieren sie und der Filmemacher Paul Barritt Trickszenen und das stilisierte Spiel der Akteure. Ben Whitehead, der den Erfinder Wallace in den Animationsfilmen über „Wallace and Gromit“ spricht, leiht dem Golem seine sonore Stimme. Die herrliche Komödiantin Rose Robertson als Großmutter und als spätes Mädchen Joy weiß die Lacher auf ihrer Seite. Als gescheiterter Vorarbeiter in der Mathematik-Fabrik macht Will Close eine tragikomische Figur. Die fragile Esme Appleton als zornige Musikerin einer Protest-Band überzeugt ebenso. Zum Schluss erscheint der stromlinienförmige „Golem 2“ und übernimmt die Macht über seinen Boss und dessen Computer.

Eine grellbunte, bitterböse Gesellschaftssatire irgendwo zwischen Monty Python und den Tiger Lillies. Für Freunde des Experimentierfreudigen absolut sehenswert.

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Wien, 25. 8. 2014