Theater Akzent: Frühere Verhältnisse

November 7, 2019 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Hubsi Kramar befördert die Posse ins politische Jetzt

Adriana Zartl, Julian Loidl, Tania Golden und Hubsi Kramar rhythm ’n‘ bluesn sich durch Eva Schusters und Michael Reitingers akutpolitische Couplets. Bild: © Karl Satzinger

Eine Handvoll rotiert im Hintergrund, als wären sie ein einziges großes Schicksals-, während Hubsi Kramar an der Rampe Bert Brechts „Ballade vom Wasserrad“ rezitiert: „Freilich dreht das Rad sich immer weiter / dass, was oben ist, nicht oben bleibt. / Aber für das Wasser unten heißt das leider / nur: Dass es das Rad halt ewig treibt …“ Klar, wenn der längst mit dem Titel „Grandseigneur der freien Wiener Theaterszene“ geadelte Kramar nach einem Stück

seines Haus- und Hofautors greift, bleibt’s nicht bei der puren Nestroy’schen Posse. Dafür sind dem Bühnenmenschen die Kapriolen der aktuellen Innenpolitik denn doch zu gewaltig und der Possenreißer auf den diversen Politbühnen zu viele. Kramar ruft anfangs das Jahr 1848 als Zeitzeugen an, sein liebster Volksstückeschreiber, ist er überzeugt, hat Karl Marx‘ Kommunistisches Manifest garantiert gelesen, und also baut er seine Brücke zu Brecht und Proletariat. Schon ahnt man dessen Tschuchen das Theater Akzent erstürmen, die Arbeiterklasse im ewig antibourgeoisen Klassenkampfmodus, doch Regisseur Kramar twistet „Über die Unsicherheit menschlicher -“ und die von ihm angeklagten jetzigen zum Originaltext:

„Frühere Verhältnisse“, Einakter, entstanden 1861 als Nestroys vorletztes Werk, von Kramar auf stolze Fast-Zwei-Stunden gestreckt. Tania Golden als von der Tragödin zur Dienstbotin rückbeförderte Peppi Amsel, Adriana Zartl als Professorentöchterl Josephine und Julian Loidl als deren Gatte Herr von Scheitermann spielen mit Hubsi Kramar, der selbst die Figur des Hausknechts Anton Muffl übernimmt. Das heißt, vor allem auch singen sie, denn die Aufführung beginnt à la Chansonabend, und die großartigen neuen Couplets und Coupletstrophen von Liedtexterin Eva Schuster und Komponist wie Gitarrist Michael Reitinger erweisen sich bei der gestrigen Premiere bald als die Highlights der Produktion.

Musikalisch wird sich über Luftballon-Egos, diese zwar seelenlos, aber dafür mit Schmiss, über Arroganz und Süffisanz lustig gemacht, eine bizarre Mozartkugel-Politdebatte entspinnt sich, die Golden swingt, Loidl rockt, Kramar hat, weiß man seit seiner Leonard-Cohen-Hommage „Dance Me To The End Of Love“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=28633) sowieso den Blues, und wenn Adriana Zartl beim Song „Nur a Einzelfall“ erklärt, dass die Rechnung für die eh immer gleichen aufgeht, dann sind die Sinne fürs Folgende satirisch-scharf gestellt. Rasch wird nun in Kostüme und Rollen geschlüpft, erstere karikaturistische Kreationen von Maddalena Hirschal, im Bühnenbild von Markus Liszt hebt die Handlung an, und siehe da:

Je altersloser, desto authentischer: Hubsi Kramar besingt die grundschlechten Leut‘. Bild: © Karl Satzinger

Da tanzen die Gefühle Twist: Tania Golden als Peppi Amsel und Hubsi Kramar als Hausknecht Muffl. Bild: © Karl Satzinger

Nestroy braucht keine Verjüngungskur, seine Pointen sitzen auch ohne Unwort-Nominee „zack, zack, zack“, die Charaktere sind durch die Komödie ohnedies schon zur Kenntlichkeit entstellt. Das Darstellerquartett präsentiert sich als formidable Nestroy-Spieler, Nestroy-Debütant Julian Loidl als ebenfalls mit dem entsprechenden Komödianten-Gen ausgestattet. Zwischen dem, was einer anrichtet, ein anderer ausrichtet, und wie sich’s einer richtet, taumeln Hochstapler, Emporkömmlinge und tief Gefallene, Intriganten fangen sich beim Intrigen spinnen im Netz irrwitziger Irrungen und Wirrungen, so verstrickt sind sie, dass Golden und Loidl kurz unfreiwillig lachen.

Loidl ist als Holzhändler Herr von Scheitermann ein Neureicher, der schwer an seinen Altlasten trägt, war der nunmehrige Hausherr doch vor gar nicht langer Zeit noch Hausdiener, was die holde Gattin niemals erfahren darf. Adriana Zartl setzt als diese Josephine ihr zartes Gemüt samt dazugehöriger Verstörtheit als ihre stärkste Waffe ein. In Wahrheit eine ziemliche Keifzange, degradiert sie ihren Angetrauten zum Pantoffelhelden, großartig ist das, wenn sie aufseufzend nach Luft schnappt und Scheitermann, den nächsten Nervenzusammenbruch befürchtend, schnell ein glitzerndes Geschmeide zur Hand hat, das ihr im Wortsinn in den Schoß fällt.

Unfrieden ins häusliche Unglück bringen die beiden frisch engagierten Angestellten: Tania Golden als theater- damische Köchin Peppi Amsel, die mit ihrem berühmten Auftrittscouplet „Theater, oh Theater du, der Kunst geweihter Tempel, raubst manch’ Geschöpfen Herzensruh, ich bin so ein Exempel …“ vom Zuschauersaal aus die Bühne erklimmt, die als gewesene Küchenchefin des Professors über die Kein-Kind-von-Traurigkeit-Vergangenheit von dessen „höherer Tochter“ nur allzu gut Bescheid weiß – und außerdem eine Verflossene von Anton Muffl ist.

Köchin und Dienstherrin sind einem Geheimnis auf der Spur: Golden und Adriana Zartl als Josephine Scheitermann. Bild: © Karl Satzinger

Herr von Scheitermann darf bei seiner Frau nicht scheitern: Nestroy-Debütant Julian Loidl und Adriana Zartl. Bild: © Karl Satzinger

Als dieser stellt sich Hubsi Kramar ein, mit dem legendären Liedzitat über die vielen guten Mensch’n, aber die grundschlechten Leut‘, das ehemals aktionistische Enfant terrible gereift zum Weltanschauungsphilosophen, zwar immer noch verärgert, aber nicht mehr wutschäumend über den diese regierenden Wahnsinn. Kramar wird, scheint’s, je altersloser, desto authentischer. Es ist schön, ihm dabei zuzusehen, wie er im Charakter aufgeht, sein Muffl erst ganz defätistisch-sarkastischer Diener, bis der bankrottgegangene Geschäftsmann im noblen Herrn seinen Ex-Knecht erkennt.

So wird er zum Erpresser, dessen scharfzüngiges Schweigen jenes Gold ist, das ihm der Parvenü nun reichlich in die Taschen füllen muss. Verursacht durch die allgemeine Geheimniskrämerei glauben die Frauen die Männer in einen Bankraub verwickelt, weshalb die Harfe von Anja Pichler nach kakophonischen Tönen schließlich Krimiklänge zur Suspense-Posse intoniert … Das alles schwappt wunderbar Wienerisch übers Publikum. Kramars Inszenierung von „Frühere Verhältnisse“ ist eine hochamüsante Hanswurstiade, dank Tania Golden auch hochtheatralisch, Nestroys schwarzhumorige Gesellschaftssatire ihm

gleichzeitig der perfekte Anknüpfungspunkt an akute Zustände und allgemeine Befindlichkeiten. Kramar demonstriert am Stück die gar nicht so sehr vormaligen Verwerfungen des Kapitalismus, heute: Neoliberalismus, von Menschen, denen Solidarität ein Fremdbegriff ist, den zu begreifen ihnen ihre Selbstbezogenheit verbietet. Er führt Narr-ziss wie Schandmaul vor, bevor er beide bloßstellt – das ist Unterhaltung bis in ihre Abgründe ausgelotet. Und nur noch fünf Mal zu sehen!

www.akzent.at           www.facebook.com/hubsi.kramar

  1. 11. 2019

Kunst im Palais Kinsky

Mai 15, 2013 in Ausstellung

Escape  The Golden Cage Art Affair

Olivier Hölzl: LIVIL the law of the jungle 2012 Bild: Andreas Nader

Olivier Hölzl: LIVIL the law of the jungle 2012
Bild: Andreas Nader

Zum dritten Mal verwandelt die ESCAPE THE GOLDEN CAGE ART AFFAIR Wien für zwei Wochen in einen Ort für zeitgenössische, urbane Kunst. Nationale und internationale KünstlerInnen, die ihre Wurzeln in der Street Art, Urban Art und Pop Art haben, zeigen ab 16. Mai ihre künstlerischen Arbeiten, Installationen und Performances im Gewölbekeller des Palais Kinsky. Insgesamt zwölf KünstlerInnen aus Österreich, Australien, Italien, Spanien, USA, Deutschland, England und Südafrika versuchen den goldenen Käfig des Alltags aufzubrechen und gleichzeitig ein Fest der zeitgenössischen Künste zu feiern, wie zum Beispiel Dan Witz (USA), dem Pionier der Street Art, XOOOOX (D), der mit der Aura seiner Anonymität die  Kunstszene in Atem hält, Ozmo (I), dem bekanntesten Urban Art Künstler Italiens, Brad Downey (USA), der in seiner  künstlerischen Sprache die Medien Film, Malerei, Installation und teilweise auch Performance vereint oder auch Vermibus (ES), der an stark frequentierten Plätzen Werbeplakate aus Vitrinen entführt, diese künstlerisch bearbeitet, demaskiert, und danach wieder retour in ihren originalen Kontext platziert.

Während der zwei Veranstaltungswochen im Gewölbekeller des Palais Kinsky können die Kunstwerke tagsüber besichtigt werden und die BesucherInnen in die Welt zeitgenössischer, urbaner Lebenskultur eintauchen. Abends fungiert die Art Affair als Ort für eine Vielzahl von unterschiedlichsten Programmpunkten. Escape the Golden Cage ist aber noch mehr: Es stellt die Urban Art in unterschiedliche Kontexte und stellt neue Bezüge her. Die Urban Art, die vielfach mit Protest, subversiver Eroberung von städtischen Räumen und urbanem Lebensstil verbunden wird, kann während der  Kulturveranstaltung in all seinen Schattierungen erlebt werden. Dieses Jahr sind unter anderen auch Moniker Projects, die Initiatoren der Moniker Art Fair, der Kunstmesse für Urban Art in London, mit drei KünstlerInnen in Wien vertreten.

Begleitprogramm:
Do, 16. Mai 2013 l 19.30 Uhr
Ausstellungseröffnung mit Live-Painting von Mode 2 im Gewölbekeller des Palais Kinsky
Transformation des Live Paintings zu Beach Bag Taschen, limitiert & exklusiv

Sa, 18. Mai 2013 von 10.00 bis 16.00 Uhr
Brunch im Gewölbekeller des Palais Kinsky, Freyung 4 und Führungen auf Anfrage

Di, 21. Mai 2013 l 18:30 Uhr
Abendessen im im Gewölbekeller des Palais Kinsky
Catering von Grand Hotel, Vier-Gänge-Menü, live Musik, Führungen und vieles mehr
Infos: international@vipserivice.at

Fr, 24. Mai 2013 l 20.00 Uhr
Live Konzert und Cocktail-Abend im Gewölbekeller des Palais Kinsky

Sa, 25. Mai 2013 l 10.00 bis 16.00 Uhr
Brunch im Gewölbekeller des Palais Kinsky und Führungen auf Anfrage

Mi, 29. Mai 2013 19.00 Uhr l
Artist Talk mit Dan Witz im im Gewölbekeller des Palais Kinsky

Fr, 31. Mai 2013 19.00 Uhr
Finissage im Gewölbekeller des Palais Kinsky
Präsentation der Strand-Taschen aus der Live-Painting Show von Mode 2, Live-Musik und vieles mehr
www.escape-goldencage.com/escape2013/news/

Video: http://vimeo.com/62855078

Von Michaela Mottinger

Wien, 15. 5. 2013

Ingeborg Bachmann schrieb eine Radio-Soap

März 1, 2013 in Bühne

Das Volkstheater spielt „Die Radiofamilie“

Im Herbst des Jahres 1951 betrat eine „kettenrauchende Meerfrau mit Engelhaar, die mehr flüsterte als sprach“ (so die Beschreibung eines US-Redakteurs) die Hörspielabteilung des amerikanischen Besatzungssenders Rot-Weiß-Rot in Wien. Ingeborg Bachmann heißt sie und sorgte von nun ab für zwei Jahre für das Unterhaltungsprogramm. Mit der Radiofamilie Floriani, der bekanntesten und beliebtesten Sendung der Nachkriegszeit. 14 Folgen von etwas, das man heute wohl Seifenoper nennen würde, entfleuchten ihrer Schreibmaschine. Das perfekte Sittenbild einer gutbürgerlichen Wiener Familie, die statt in der Floriani-, in der fiktiven Taubengasse wohnte. Hans Thimig, Vilma Degischer, Guido Wieland, Alfred Böhm verliehen den Figuren ihre Stimme. Walter Davy führte Regie.

Die liebe Familie.

Dass Bachmann, diese Dichterin des Schmerzes und der Einsamkeit, zwischen all dem Witzigsein Entnazifizierung, Kalten Krieg, Wiederaufbau verhandelte, dass sie subtil zu Liberalität und Demokratie erziehen wollte, interessierte weniger. Wer will beim Zuhören schon zwischen den Zeilen lesen? Vielleicht hat sie sich deshalb später von dieser Arbeit distanziert. 2011 brachte Suhrkamp „Die Radiofamilie“ als Buch heraus.

Die Radiofamilie von Ingeborg Bachmann

Wolf Dähne, Doris Weiner, Tania Golden, Herbert Prikopa, Günter Tolar
Bild: Lalo Jodlbauer

Nun will das Volkstheater in den Bezirken das Hörspiel auf die Bühne(n) stellen. Eine Uraufführung. Am 6. März. Regisseur Andy Hallwaxx hat aus den Texten eine Theaterfassung erarbeitet, die dem Goldenen Wiener Herzerl ausreichend Raum zum Schlagen geben will. Apropos, Herz: Das der Familie, den hochanständigen, pflichtbewussten Oberlandesgerichtsrat Hans, spielt Herbert Prikopa. Da denkt man ans Ö1-Kabarett „Guglhupf“ und an „Auch Spaß muss sein“. Und damit dieser nicht zu kurz kommt, stellt ihm Hallwaxx Günter Tolar als Bruder Guido zur Seite. Der war „ein bisserl“ Nazi, wie’s halt so war, wie’s auch Bachmanns Vater war, ist nun aber durchaus bereit, sich den neuen Zeiten anzupassen. Das muss sowieso auch Hans‘ Frau Vilma, dargestellt von Doris Weiner, Tochter eines Generals aus dem Ersten Weltkrieg und dementsprechend nicht ganz frei von Standesdünkel.

Günter Tolar gibt auch Guidos – also seine eigene Ehefrau: die Tante Liesl. Da könnten zwei Komödianten in drei Rollen ein lang in der Schublade schimmelndes Kleinod zum Kabinettstück machen. Ob die Fünfziger-Jahre-Story im 21. Jahrhundert noch von Belang ist, weiß man Mitte nächster Woche.

www.volkstheater.at

Von Michaela Mottinger

Wien, 1. 3. 2013