Landestheater NÖ: Der Revisor

Mai 5, 2018 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Wie eine Spinne im eigenen Lügennetz

Die Schauspieler als Kletterkünstler: Tim Breyvogel und Jevgenij Sitochin. Bild: Alexi Pelekanos

Beginnt die Beschreibung bei der Kulisse, so ein alter Rezensentenwitz, hat das in weiterer Folge meist nichts Gutes zu bedeuten. Nicht so am Landestheater Niederösterreich, wo Regisseur Sandy Lopičić und Bühnenbildner Michael Köpke mit der äußeren Form der Arbeit deren Innenwelt bloßlegen. Gogols „Der Revisor“ wird gegeben, und was fiele einem da zur Optik nicht alles ein.

Da ist im Wortsinn ein ganzes russisches Städtchen auf die schiefe Bahn geraten, haften sich dessen Bewohner gerade noch wie insektische Klebekünstler an der glatten Oberfläche an, während über ihnen der Chlestakow wie eine Spinne in seinem Lügennetz sitzt. Da wird geschlittert und geklettert, was das Zeug hält, und wer was Geheimes zu künden hat, agiert aus Luken aus dem Untergrund – wie Springteufel schnell wird daraus auf- und wieder abgetaucht. Hochmusikalisch ist Lopičićs Inszenierung außerdem, er selbst für die Arrangements zuständig lässt sich von Florian Fennes, Rina Kaçinari, Didi Kern und Imre Lichtenberger Bozoki unterstützen. Die, mit einer Art Commedia dell’arte-Masken, auch den einen oder anderen Dorfcharakter mimen, um ihren Mitbürgern die Flöten- (heißt in diesem Fall: Tuba, Trompete oder Klarinette) -töne beizubringen.

Lopičić versteht Gogols hinterlistige Komödie über betrogene Betrüger richtig als Groteske, er macht daraus eine Kasperliade, in der clownesk karikierte Gauner versuchen, einander mit ihren hysterischen Bestechungsversuchen zu übertrumpfen und zu retten, was noch zu retten ist. Was derlei reich an Slapstick und Klamauk ist, ist um reichlich Text ärmer. Lopičić lässt etliches davon weg, führt wenig Szenen bis zum Ende aus, die tiefere Bedeutung, das Maßgebliche dieser Parabel auf Korruption und Geisteskleinheit erschließt sich dennoch – dies immerhin eine Kunst, die nicht jeder schräge Bühnenspuk schafft.    

Auf die schiefe Bahn geraten: Jevgenij Sitochin, Tim Breyvogel, Michael Scherff, Josephine Bloéb und die Musiker. Bild: Alexi Pelekanos

Wer was Geheimes zu künden hat, agiert lieber aus dem Untergrund: Hanna Binder und Michael Scherff. Bild: Alexi Pelekanos

Vor der vielen harten Arbeit der durch die Szenerie turnenden Schauspieler, dem Tempo, dem Timing, vor Lopičićs gekonntem Feinschliff, gilt es den Hut zu ziehen. Tim Breyvogel gibt virtuos den insolventen Hochstapler, der sich für einen gestrengen Moskauer Beamten halten lässt, gekommen, um den moralischen Pegelstand im Städtchen zu vermessen, und der darob Panikreaktionen auslöst. Mit aufbrausender Süffisanz lehrt er vom Stadthauptmann abwärts alle Angst und Schrecken, wobei er selbst es ist, der fürchten muss, aufzufliegen. Breyvogel gelingt es im allgemeinen Tohuwabohu tadellos, die Ambivalenz seiner Figur zwischen hochfliegend und niedergeschmettert darzulegen.

An seiner Seite Jevgenij Sitochin als Ossip, Prototyp des schlauen Dieners, der zur Abreise mahnt, bevor alles zu spät ist. Michael Scherff brilliert als schmieriger Stadthauptmann, der so gern Tyrann sein möchte, aber von seinen Untergebenen unterspielt und wenig ernst genommen wird. Dazu agieren einwandfrei Katharina Haindl als seine seitensprungwillige Frau Anna und Josephine Bloéb als heiratswütige Tochter Marja, die den Revisor beide fest im Visier haben.

Und auch Tobias Artner und Hanna Binder können als Dobtschinski, Bobtschinksi (und flugs auch in alle anderen Einwohner verwandelt) ihr komödiantisches wie ihr akrobatisches Talent voll ausspielen.

www.landestheater.net

  1. 5. 2018

Neue Oper Wien: Die Nase

September 29, 2015 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Mit Terror ist kein Staat zu machen

Pablo Cameselle als Wachtmeister, Marco Di Sapia als Platon Kusmitsch Kowaljoff, Georg Klimbacher als Arzt und Lorin Wey als Iwan Bild: © Armin Bardel

Pablo Cameselle als Wachtmeister, Marco Di Sapia als Platon Kusmitsch Kowaljoff, Georg Klimbacher als Arzt und Lorin Wey als Iwan
Bild: © Armin Bardel

Ein Obdachloser macht sich im Zuschauerraum sein Pappkartonbett, auf der Bühne räkelt sich eine käufliche Kaugummikauerin. Dies die ersten Bilder, betritt man das Parkett. Wenig später wird der Barbier vom Mob verfolgt werden. „Des könnt’s bei eich daham mochn!“ – „Scheiß-Ausländer!“ – „Lern‘ amoi Deitsch!“ ruft man ihm hinterher. Und treibt ihn direkt in die Arme(e) der Polizei, wo sich Iwan Jakowlewitsch in vorauseilendem Gehorsam mit Klebeband gleich selbst mundtot macht. Am Ende wird man sehen: Die Folter hat ihn einen Finger gekostet. Auch Platon Kusmitsch Kowaljoffs Behandlung durch den Arzt gleicht einem schmerzhaften Verhör. Pistole, Spritze und Gummihandschuhe kommen zu Einsatz. Endlich irre geworden würgt der Kollegienassessor ergo einen, der ihm Gutes will. Und eine Brezelverkäuferin wird Vergewaltigungsopfer …

Die Neue Oper Wien zeigt in der Kammeroper Schostakowitschs „Die Nase“. Mit starken szenischen Statements macht Regisseur Matthias Oldag deutlich, mit Terror ist kein Staat zu machen. Er inszeniert intensiver die Verrohung der Gesellschaft, Gruppenwahn und Brutalität in Zeiten der Repression, als das aus der Konformität gefallene Einzelschicksal. Russland ist nicht mehr so groß, dafür der Zar nicht mehr so weit. Ein als Bühnenhintergrund affichierter Zeitungsartikel über Putins Ukrainekrise verweist im Zwischentitel auf „Osteuropas Ängste“ (Ausstattung: Frank Fellmann). Grimmig-groteske Gesellschaftskritik trifft sich mit Gogols Vorlage anno 2015. Und drückt auch Schostakowitsch nicht an die Wand. Jede Geste, jedes Mienenspiel, zu dem Oldag das Ensemble anhält, korrespondiert mit der farb- und facettenreichen Partitur. Als würde er nur zeigen, was musikalisch schon immer vorgegeben war. Er spielt mit dem russischen Titel „Nos“ und dessen Umkehr „Son“ und gestaltet den Abend als albtraumhafte, Lachen machende Farce. Oldag hatte ganz offensichtlich den richtigen Riecher für die Sache. Übers Musikalische an sich braucht man mit Intendant Walter Kobéra am Pult keine Sorge zu tragen. Es spielt das amadeus ensemble-wien. Das Orchester agiert unter Kobéras Leitung präzise und flott und exakt so „schräg“ wie es wünschenswert ist. Es singt der Wiener Kammerchor, der nicht nur in Schostakowitschs Anleihen bei Volksweisen und Kirchenliedern seinen schönsten Klang entfalten, sondern in den wimmelnden Massenszenen auch schauspielerisch glänzen kann.

Wie auch die Protagonisten gesanglich und darstellerisch gefallen. Mit ihrer Kraft drohen, nein: versprechen sie mitunter gar den Raum zu sprengen, eine Großartigkeit, die Oldags psychologisch eindringlicher Personenführung zu danken ist. Marco Di Sapia ist als Kowaljoff  intensiv. Sein wandlungsfähiger Bariton überzeugt in den weinerlich jammervollen Passagen ebenso wie im herrischen Befehlston, exemplarisch zeigt er vor: Hochnäsigkeit kommt nach dem Fall. Alexander Kaimbachers „Nase“ ist elegant-geschmeidig. Sein Tenor gehört zu den bestechendsten Hörerlebnissen des Abends. Bassbariton Igor Bakan ist als erbärmlicher, erbarmungswürdiger Barbier Jakowlitsch ebenso ein Genuss. Pablo Cameselle gibt den Wachtmeister als schwarze Odilija und lässt sich von seinen ALFA-Männern umringen. Stimmlich ist Cameselle schön auf der Höhe. Georg Klimbacher behagt mit ansprechendem Bariton als fieser Arzt wie als Redakteur – als solcher ist er der Führer einer gleichgeschalteten Bluthundpresse mit rotverschmiertem Maul.

Diese „Nase“ läuft! Eine Produktion, die man gesehen haben sollte. Noch bis 1.Oktober.

neueoperwien.at

Wien, 29. 9. 2015

Gregor Bloéb goes Burg

August 17, 2015 in Bühne, Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Von Karl Kraus zu Maja Haderlap

Gregor Bloéb (Vater), Elisabeth Orth (Großmutter), Alina Fritsch (Junges Ich) Bild: Georg Soulek, Burgtheater

Gregor Bloéb (Vater), Elisabeth Orth (Großmutter), Alina Fritsch (Junges Ich)
Bild: Georg Soulek, Burgtheater

Gregor Bloéb wird auch in dieser Spielzeit am Burgtheater zu sehen sein. Nach seinem Erfolg als Optimist in Karl Kraus‘ „Die letzten Tage der Menschheit“ www.mottingers-meinung.at/?p=10169 (Wiederaufnahme der Koproduktion mit den Salzburger Festspielen aus dem vergangenen Sommer: 17. September), versucht er sich in der Uraufführung von Maja Haderlaps „Engel des Vergessens“. Premiere ist am 8. September am Akademietheater.

Wieder führt Georg Schmiedleitner Regie; gemeinsam mit der Autorin hat er auch die Bühnenfassung erstellt. Haderlaps 2011 mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis und dem Bruno-Kreisky-Preis für das politische Buch ausgezeichneter Debütroman ist eine Familiengeschichte und die Geschichte der Kärntner Slowenen. Erinnert wird eine Kindheit in den Kärntner Bergen. In ihrem Buch beschwört Haderlap die Gerüche des Sommers herauf, die Kochkünste der Großmutter, die Streitigkeiten der Eltern und die Eigenarten der Nachbarn. Erzählt wird vom täglichen Versuch eines heranwachsenden Mädchens, ihre Familie und die Menschen in ihrer Umgebung zu verstehen. Zwar ist der Krieg vorbei, aber in den Köpfen der slowenischen Minderheit, der die Familie angehört, ist er noch allgegenwärtig. In den Wald zu gehen, hieß eben „nicht nur Bäume zu fällen, zu jagen oder Pilze zu sammeln“ , es hieß, sich zu verstecken, zu flüchten, sich den Partisanen anzuschließen und Widerstand zu leisten. Wem die Flucht nicht gelang, dem drohten Verhaftung, Tod, Konzentrationslager. Die Erinnerungen daran gehören für die Menschen so selbstverständlich zum Leben wie Gott.  Erst nach und nach lernt das Mädchen, die Bruchstücke und Überreste der Vergangenheit in einen Zusammenhang zu bringen und aus der Selbstverständlichkeit zu reißen – und schließlich als kritische junge Frau eine Sprache dafür zu finden …

Erste Probenfotos lassen erwarten, dass Schmiedleitner mit seiner Inszenierung die sinnlich-poetische Atmosphäre des Erinnerungsromans auf die Bühne zu bringen versteht. Bloéb spielt den Vater, Petra Morzé die Mutter, Elisabeth Orth die Großmutter. Alina Fritsch und Alexandra Henkel sind das Junge und das Alte Ich. Weitere Rollen verkörpern Sven Dolinski, Sabine Haupt, Michael Masula, Rudolf Melichar und André Meyer.

Saisonstart ist an der Burg am 4. September. Alvis Hermanis inszeniert dafür Gogols „Der Revisor“. Die Besetzung ist naturgemäß first class, mit Fabian Krüger als vermeintlichem Revisor und Maria Happel und Michael Maertens als Bürgermeisterpaar. Gregor Bloéb bleibt auch dem Theater in der Josefstadt, wo er als Jägerstätter www.mottingers-meinung.at/?p=4764 anrührte, erhalten. Er steigt ab 12. September wieder als Felix MitterersDer Boxer“, Johann „Rukeli“ Trollmann www.mottingers-meinung.at/?p=13581 , in den Ring.
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www.burgtheater.at

Wien, 17. 8. 2015

Sommerspiele Perchtoldsdorf: „Der Revisor“

Juli 4, 2013 in Bühne

Witzfiguren einmal ernst genommen

Raphael von Bargen (M.) und die Größen der Provinz Bild: Barbara Palffy

Raphael von Bargen (M.) und die Größen der Provinz
Bild: Barbara Palffy

Mit Gogols „Der Revisor“ verabschiedet sich Barbara Bissmeier als Intendantin der Sommerspiele Perchtoldsdorf. Christine Wipplinger führte Regie in dem nach einer Puschkin-Anekdote (der Dichter wurde in einer Provinzstadt tatsächlich einmal für einen geheimen Moskauer Beamten gehalten) 1835 verfassten Stück. Und sie tat es mit Verve und Augenzwinkern und mit historischen Kostümen. Weil man Korruption und Bestechung dieser Tage ja kaum mehr kennt, oder? Die Verhältnisse, sie sind nicht so, wenn die Motten ein Irrlicht umschwirren … Und so gelang es Wipplinger einerseits das Groteske an Gogols Satire herauszukitzeln, andererseits seine Honoratioren, allesamt Witzfiguren, sehr ernst zu nehmen. Lachen mit Köpfchen (statt Schenkelklopfhumor) ist an diesem Abend angesagt. Dazu beglückte die Regisseurin mit perfektem Komödien-Timing. Und: Die prächtige Perchtoldsdorfer Burg war wieder als wichtiger Teil der Kulisse (Bühnenbild: Erich Uiberlacker) im Spiel. Die neue Übersetzung von Andrej Iwanowski lässt zwischen den Zeilen auch Zotiges zu.

Raphael von Bargen gibt den „Revisor“ Chlestakow, Sven Dolinski seinen Diener Ossip. Einer ein größeres Schlitzohr als der andere leben sie zwischen Streit und Subversion. Wobei Ersterer vom hochtrabenden Hochstapler in Sekundenschnelle zu weinerlich-wehleidig changieren kann, wenn er sich enttarnt glaubt, während sich die Loyalität des Zweiteren in Grenzen hält, so lange finanzielle Zuwendungen in seine Tasche fließen. Beide liefern ein Kabinettstück ab, vor allem Dolinski, der seinem Ossip völlig neue Farben gibt.

Das zweite Traumpaar des Abends sind I Stangl und Horst Heiss als Gutsbesitzer Bobtschinski und Dobtschinski, ein Duo wie weiland Laurel und Hardy. Dann natürlich die gewichtigen Männer: Fritz Hammel ist ein bösartig katzbuckelnder, cholerischer Stadthauptmann, der nicht seine mit wenig Intelligenz gesegnete Truppe an die Kandare nehmen muss, sondern auch Frau (Petra Strasser) und Tochter (Katharina Haudum), die sich alsbald um die Zuneigung des Feschak Chlestakow in den Haaren liegen bzw. an diesen ziehen. Oliver Huether ist ein selbstgerechter, sich seiner zwischen Aktenbergen verborgenen Sache sehr sicherer Richter; Georg Kusztrich ein ängstlicher Armenanstaltsverwalter, setzt er doch auf die Devise: Wozu Medizin? Wen die Natur nicht heilt, den holt Gott eben zu sich … Ein Panoptikum menschlicher Grauslichkeiten, das Wipplinger da auf die Bühne stellt. Und zwar so, dass die „Anfütterung“ des vermeintlichen Revisors durchaus für Erheiterung sorgt. Am Schluss ist der, sattgefressen und die Taschen voller Geld, schon wieder unterwegs – aber das Unheil für die Stadt, in der jeder Dreck am Stecken hat, noch nicht zu Ende …

Wieder einmal sieht man in Perchtoldsdorf also Unterhaltung mit Haltung. Mit Niveau. Bissmeiers Nachfolger, Michael Sturminger, will diesen erfolgreichen Weg 2014 mit „Das Kätchen von Heilbronn“ fortsetzen.

www.sommerspiele-perchtoldsdorf.at

www.mottingers-meinung.at/barbara-bissmeier-und-michael-sturminger-im-gesprach/

Von Michaela Mottinger

Wien, 4. 7. 2013

Barbara Bissmeier und Michael Sturminger im Gespräch

Juni 27, 2013 in Bühne

Sommerspiele Perchtoldsdorf: „Der Revisor“

Barbara Bissmeier Bild: Barbara Palffy

Barbara Bissmeier
Bild: Barbara Palffy

Barbara Bissmeier verabschiedet sich mit Gogol Satire (Premiere ist am 3. Juli) von Perchtoldsdorf. Ihr Nachfolger als Intendant wird Michael Sturminger. Ein Gespräch:

MM: Sie verlassen Perchtoldsdorf als Intendantin. Warum jetzt der Abschied? Überwiegt das lachende oder das weinende Auge?

Barbara Bissmeier: Ach, im Moment bei diesen Wetterkapriolen das lachende. Es wird schön sein, nicht jeder Juli zum Himmel zu schauen ob er weint, ob man die Leute in den unterirdischen Saal scheuchen muss. Dem Juli ein bissl entspannter entgegen zu sehen, darauf freue ich mich schon. Ich hab’s wahnsinnig gern gemacht, aber es halt eine Nervengeschichte. Was ich immer mochte war, dass wir mit den Kollegen eine Superfamilie sind. Ich bin nicht die Chefin, ich bin eine von ihnen, ich gehöre zur Truppe und bin halt die „Oberhex’“ – durch mein Alter und durch meine Tätigkeiten verstehe ich halt relativ viel von Theater. Und dadurch und durch meinen Mann (den Burgtheaterschauspieler Joachim Bissmeier) kenne ich viele Kollegen auch privater. Das ist einfach sehr, sehr gut.

MM: Warum nun zum Abschluss „Der Revisor“?

Bissmeier: Das ist eine lustige Geschichte. Es hatte mich unsere jetzige Regisseurin Christine Wipplinger eingeladen, mir in Kobersdorf den „Eingebildeten Kranken“ anzuschauen. Ich hatte von ihr schon Arbeiten gesehen, denn ich bin  ja unentwegt unterwegs, und habe diese weibliche Hand schon zu schätzen gewusst. Ich fand die Inszenierung fulminant mit Fritz Hammel und Petra Strasser, die heuer bei uns spielen. Wir sind nachher ins Reden gekommen, was gemeinsam zu machen, was anzudenken, und ihre erste Idee war „Der Revisor“. Der steht bei mir schon ganz lang auf der Wunschliste. Christine hat ein Jahr in Moskau gelebt, hatte dort auch einen Freund, der uns jetzt das Stück neu übersetzt hat. Sie hat einen speziellen Umgang mit dem Stoff, erklärt uns bei jeder Silbe, wie man sie richtig ausspricht. Die Frau hat einfach a guate Pratzn.

MM: Raphael von Bargen spielt die Titelrolle. Wessen Idee war das?

Bissmeier: Meine. Natürlich. Ich kenne ihn ja. Er hat mit meinem Mann im „Woyzeck“ gespielt, beide waren für den Nestroypreis nominiert. Über den Raphael bin ich sehr froh, weil er eine Mordsspiellust hat, unentwegt anbietet, zeigt und macht, und die anderen gehen drauf ein. Es sind die Proben schon so lustig, weil sie so eine Spielfreude haben und so gern miteinander spielen. Egal, ob bei der Riesenhitzewelle, die wir hatten, oder bei Regen.

MM: Sie haben immer Sommertheater mit Anspruch gemacht, mit Haltung. Das ist Ihnen offensichtlich ein Anliegen.

Bissmeier: Absolut. Mein lieber Mann zerwuzzelt sich immer, wenn ich mich aufrege, wenn jemand das Wort Sommertheater erwähnt. Er sagt: Ich spielt’s doch im Sommer, also ist es Sommertheater. Aber für mich ist der Begriff so mit Schenkelklopfkomödien besetzt und genau das wollte ich nicht. Perchtoldsdorf ist auch ein anderer Ort. Wir sind vor den Toren Wiens, unser Publikum gehen ins Burgtheater, in die Josefstadt … die schätzen diesen Anspruch. Weltliteratur mit guten Schauspielern. Und wenn es von der Gemeinde so angenommen wird, wenn wir die erste Riege an Schauspielern da haben, dann habe ich etwas richtig gemacht. Wir haben einen sehr guten Ruf in der Theaterlandschaft. Das ist mir sehr wichtig.

MM: Das stimmt. War’s dadurch immer einfacher, diese Schauspielstars nach Perchtoldsdorf zu bringen?

Bissmeier: Oh ja, das kann ich schon sagen. Wenn man anruft und sagt: ‚Hallo, Bissmeier …’ und die Antwort ist: ‚Jö!’, da hat man schon einen anderen Zugang. Begonnen habe ich ja mit Dr. Löhnert, der nicht aus dem Metier ist, sondern Rechtsanwalt mit großer Liebe zu den Künsten. Als er mich gefragt hat, ob ich’s mit ihm mache, hab’ ich nicht lange nachgedacht. Ich habe ihm drei Regisseure vorgestellt, er hat sich den Sturminger, der jetzt mein Nachfolger wird, ausgesucht. So haben wir begonnen mit „Geschichten aus dem Wienerwald“. Als erstes habe unseren Uraltfreund Branko Samarovski gefragt, ob er den Zauberkönig spielen will. Wenn du einen seriösen Namen hast, ist es leichter ein tolles Ensemble zusammen zu kriegen. So folgten Karl Markovics als Oskar, Gerti Drassl als Marianne, Erni Mangold als Großmutter, Brigitte Krenn als Mutter … Andreas Lust war der Alfred … eine sehr schöne Inszenierung. Im zweiten Jahr haben wir „Was ihr wollt“ gemacht,  wieder mit dem Karl, der Gerti, Georg Friedrich, der dann auch beim „Tartuffe“ dabei war, und Gregor Bloéb als Sir Toby Rülp im Kilt  – und da gab’s eine Fechtszene, bei der Gregor der Kilt heruntergerissen wird. Und unterm Kilt trägt man … no … Das war sehr lustig.

 MM: Was würden Sie in all diesen Jahren als  größten Erfolg sehen?

Bissmeier: Die baulichen Maßnahmen, die Wetterunabhängigkeit durch den Saal unter dem Burghof. Früher saß ich wie die Parze am Rand, um rechtzeitig eingreifen zu können, wenn’s zum Tröpfeln anfängt. Künstlerisch: Die „Geschichten aus dem Wienerwald“, weil wir das wirklich aus dem Nichts auf die Beine gestellt haben. Dann meine erste alleinige Produktion, der „Hamlet“ mit Florian Teichtmeister und Christian Brandauer, der am Klavier seine Kompositionen gespielt hat. Da wurde während der Proben gerade umgebaut, und der arme Florian hat sein „Sein oder Nichtsein“ neben der Betonmischmaschine gesprochen. Da gab’s eine Vorstellung da gingen neben Silvia Meisterle, die die Ophelia war, die Blitze nieder. Ich sag nachher zu ihr: ‚Ich hab’ mich so um dich gefürchtet, hattest du keine Angst?“ Und sie antwortet: ‚Warum? Was wäre ein schönerer Theatertod?’ Das als Drittes: Der „Macbeth“ aus dem Vorjahr mit Dietmar König, Alexandra Henkel und ihren Buben.

 MM: Was hätten Sie gerne noch umgesetzt?

Bissmeier: „Richard III.“ hätte ich gerne gemacht. Aber das kommt vielleicht ja noch, ich hätte drei Aspiranten, die’s gerne spielen würden. 2014 steht einmal „Das Käthchen von Heilbronn“ auf dem Programm vom Michael Sturminger.

 MM: Und: Was ich Ihnen nicht glaube ist, dass Sie Ihre Theaterleidenschaft jetzt nur mehr als Zuschauerin ausleben werden.

Bissmeier: (Sie lacht.) Ich werde heuer 70. Ich habe vier Enkelkinder, die wissen noch nicht, wie oft ich sie künftig ins Theater schleppen werde. Außerdem spielt mein Mann nächste Saison wieder an der Burg  im „König Lear“ mit Klaus Maria Brandauer. Aber Sie haben Recht: Ich komme ja von der Kinderoper, vom Musiktheater, Ioan Holender hat mich damals geholt und dann eingespart, es wird mich vielleicht wieder in diese Richtung ziehen. Herr Holender hat mir einen Brief geschrieben, wie sehr er unsere Aufführungen schätzt. Er kommt heuer auch.

MM: Ist Perchtoldsdorf ein einfaches Pflaster, um Theater zu machen?

Bissmeier: Sie lieben das Sommertheater sehr, sie unterstützen es sehr. Sie sind ein wenig vorsichtig, was die Finanzen betrifft. Jetzt wurde es zunehmend ein bissl schwieriger, weil sie, da sie ja der Veranstalter sind, ins Künstlerische eingreifen wollten. Da muss ich mich manchmal wehren, damit das Merkantile nicht überwiegt. Aber wie gesagt: Sie stehen sehr dahinter, auch mit Sachbeiträgen, haben ein Infocenter errichtet, sie unterstützen, wo’s geht. Leidenschaft zum Theater haben sie.

MM: Ihr Nachfolger ist Michael Sturminger.

Bissmeier: Wir kennen einander sehr lange. Ich habe ihn durch meinen Mann kennen gelernt. Als ich dann gefragt wurde, Kinderoper zu machen, habe ich Holender vorgeschlagen, ihn als Regisseur zu nehmen. So haben wir das „Traumfresserchen“ gemacht. Aus den Zeichnungen von Michaels Kindern haben wir damals das Bühnenbild gemacht. Er hat eine Wahnsinnsgeduld und eine Hartnäckigkeit und eine Freundlichkeit und eine sanfte Art, aber ihn kann nichts so leicht aus den Pantinen kippen. Eines Tages nun ruft mich der Sturminger an und fragt: ‚Stimmt das, du hörst auf?’ Und ich: ‚Wenn’s dich wirklich interessiert, wäre das wunderbar. Du kennst die Gegebenheiten, den Ort, die Leute – perfekt!’ Das war’s.

MM: Herr Sturminger, was hat Sie daran gereizt, die Perchtoldsdorfer Intendanz anzunehmen?

Michael Sturminger: Die Perchtoldsdorfer Sommerspiele haben mir drei wunderbare Sommer mit  sehr erfreulichen Produktionen beschert. Wenn ich an die ‚Geschichten  aus dem Wienerwald‘ oder ‚Was ihr wollt‘ mit wunderbaren Schauspielern wie Branko sSamorovsky, Gerti Drassl, Karl Markovich, Gregor Bloéb und  Georg Friedrich denke, oder an ,Tartuffe‘ mit Markus Hering und Dorothee  Hartinger, dann freue ich mich schon auf die nächsten Jahre.

MM: Frau Bissmeier hat die Latte hoch gelegt. Man sah hier immer anspruchsvolles Theater, nie seichte Sommerkomödien. In welche  Richtung wollen Sie – schon Pläne/Ideen?

Sturminger: Barbara hat mich als Referentin des Intendanten Löhnert nach Perchtoldsdorf gebracht, sie ist also direkt schuld daran, dass ich jetzt – hoffentlich ganz in ihrem Sinne – ihr Nachfolger sein werde.

MM: Sie haben sogar das Herz von John Malkovich schmelzen lassen. Wie wird sich Ihre neue Aufgabe auf Ihre anderen Arbeiten auswirken? Holen Sie die Weltstars nun nach Niederösterreich?

Sturminger: Ich hoffe absolut interessante und talentierte Schauspieler nach Perchtoldsdorf bringen zu können, die Schauspieler waren auch in den vergangenen Jahren oft die wichtigsten Argumente um nach Perchtoldsdorf zu kommen. Bei ‚Was ihr wollt‘ hatten wir eine fantastische russische Filmschauspielerin namens Chulpan Khamatova als Viola. In diesem Sinne wollen wir so weitermachen. Ich denke aber,  dass die deutsche Sprache in Perchtoldsdorf wohl die Grenze für unsere internationalen Ausflüge definieren wird.

Der Revisor: Es spielen u. a. Raphael von Bargen, Sven Dolinski, Fritz Hammel, Petra Strasser, Oliver Huether, Georg Kusztrich und I Stangl. Regie: Christine Wipplinger.

www.sommerspiele-perchtoldsdorf.at

Von Michaela Mottinger

Wien, 27. 6. 2013