Anja Kruse macht in Wien Theater

April 5, 2013 in Bühne

„Undine geht an Land“ im Kosmos

Anja Kruse Bild: Bettina Frenzel

Anja Kruse
Bild: Bettina Frenzel

Natürlich war man neugierig auf sie. Bekannt aus Film, Funk und Fernsehen. Berüchtigt dafür, dass sie vor Societykameras und -mikrophonen mit harschen Worten oder mit Husch-husch-weg reagiert. Eine Diva? Und jetzt auf der Bühne? Eine Teamplayerin? Alles viel einfacher. Denn Anja Kruse ist einfach großartig.

Die deutsche Schauspielerin spielt (noch bis 20. April) im Wiener Kosmostheater „Undine geht an Land“. Regisseurin Elisabeth Augustin hat zum 40. Todestag von Ingeborg Bachmann ein Mosaik aus Wort und Klang zum Thema Nymphe, Nixe, weiblicher Wassergeist, was auch immer, zusammen gestellt. Kruse, quasi  Alter Ego der Schriftstellerin, rezitiert, spielt deren Texte von „Undine geht“ über „Ein Schritt nach Gomorrha“ und „Der Idiot“ bis zu „Schatten Rosen Schatten“. Und sie singt. Patti Smith. „The Mermaid Song“.

Nicht vollständig erschließt sich, was Augustin mit diesem Abend ausdrücken will. Er kreist um sich selbst, verliert sich in sich selbst. Er ist wohl so eine Art freie Assoziation übers Fremdwesensein, übers Fremdbestimmtsein. Die Wasserfrau bekommt erst eine Seele, wenn ein Menschenmann sie liebt. Betrügt er sie, muss er sterben – und sie wird nichts als Schaum auf den Wellen. Klar, dass Bachmann den „Herren der Schöpfung“ da Kontra geben musste. Witzig, dass Augustin das Ganze in einer Fete-Blanche-Schaumschlacht am Wörthersee enden lässt.

Neben Bachmann-Zitaten hat sich Augustin bei Paracelsus, Goethe, Fouque, Giraudoux, Andersen und Woody Allen bedient. Und selbst etwas beigesteuert. Erstaunlich übrigens, wie oft in der Literatur der betrogene Betrüger Hans heißt. Die Musikauswahl reicht von Schubert, Dvorak, Francis Lai („Un homme et une femme“: Das berühmte Dabadabada hingehaucht von Sylvia Haider) bis John Lennon und France Gall („Haifischbaby“).

Dass Land in Sicht ist, verdankt die Produktion ihren Darstellern. In dieser Collage alle in mehreren Rollen. So darf Florentin Groll nicht nur vom „Halb zog sie ihn, halb sank er hin …“ (im Hamburger Hafenjargon) erzählen, sondern auch Paracelsus, Fouque und Poseidon persönlich sein. Mirko Roggenbock ist in allen möglichen und unmöglichen Situationen der Hans-nicht-im-Glück, ein Krieger und Jäger, Fallensteller nur bei Wild, nicht aber bei wilden Frauen. Stephanie Waechter taucht als unterschiedlichste Meereswesen auf. Und einmal als Geliebte von Anja Kruses Figur. Ein wichtiger Bestandteil der Inszenierung, ein Gewinn für diese, ist Bernhard Höchtel als Live-Musiker. Er hat Nelly Sachs‘ „Hier ist kein Bleiben länger“, am Ende interpretiert von Florentin Groll, vertont. Und das Lied „Plädoyer“ komponiert.

Ein Eindruck vom Abend? Folgendermaßen: „Wenn man tot ist und jemand schreit: Alle aufstehen, es ist schon Morgen!, ist es sehr schwer seine Pantoffel zu finden.“

Woody Allen? Falsch! Jean Giraudoux.

www.kosmostheater.at

www.anjakruse.de

Von Michaela Mottinger

Wien, 5. 4. 2013

Ein flotter Dreier in St. Pölten

März 1, 2013 in Tipps

Das Landestheater NÖ zeigt

Stella entscheidet sich (endlich)“

Ein Jahr zuvor hatte ihn die Geschichte einer Frau zwischen zwei Männern über Nacht berühmt gemacht: „Werther“. 1775 folgte dann das Drama über einen Mann zwischen zwei Frauen: „Stella“. Der Ausgang: jeweils fatal. Ein Schmalztöpfchen der allerwildesten Sorte. Stella nimmt Gift, Fernando erschießt sich, Cäcilie bleibt mit ihrer Tochter Lucie allein zurück. Das ist der Schluss von 1803, mit der Herr Geheimrat die bürgerliche Ordnung wieder herstellte. Achtundzwanzig Jahre lang nämlich ließ Goethe die Konvention sausen – und seine drei Protagonisten feierten eine Sause zu dritt. Motto: eine Wohnung, ein Bett und ein Grab. Diese  Erstfassung hieß noch  „Stella. Ein Schauspiel für Liebende in fünf Akten“.

Polygamie – das geht doch nie! Zu sagen, Goethes Zeitgenossen wären „entsetzt“ gewesen, ist eine Untertreibung.

Stella-entscheidet-sich-endlich-

Swintha Gersthofer, Tobias Voigt, Marion Reiser, Othmar-Schrat
Bild: Yasmina-Haddad.

Am Landestheater Niederösterreich (Uraufführung ist am 9. März in der Theaterwerkstatt) lassen Regisseurin Barbara Nowotny und Autor Stephan Lack Goethes Utopie wiederauferstehen. Sie entwickeln ihre ganz eigene moderne Stella-Variante. Zwei Frauen und ein Mann unter einem Dach sind ein durchaus reales Modell geworden: Patchwork. Aber: Schaffen sie es, sich von Besitzansprüchen und Eifersucht zu lösen? Welche neuen Hierarchien entwickeln sich? Und welche Entscheidung wird Stella letztendlich treffen?

Der Wiener Autor Stephan Lack gewann 2006 den Dramatiker/innenwettbewerb des Landestheaters Niederösterreich mit seinem Stück „Verschüttet“, das am Haus uraufgeführt wurde. Regisseurin Barbara Nowotny inszenierte 2011 in der Theaterwerkstatt Eugène Labiches Komödie „Die Affäre Rue de Lourcine“. Auf die Zusammenarbeit der beiden darf man gespannt sein. Es spielen: Swintha Gersthofer, Marion Reiser, Othmar Schratt, Tobias Voigt, Olivia Goga und Lisa Rammel.

www.landestheater.net

Von Michaela Mottinger

Wien, 1. 3. 2013