Volkstheater in den Bezirken: Stella

April 29, 2017 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein besonders bizarrer flotter Dreier

Regisseur Robert Gerloff macht aus „Stella“ eine knallbunte Komödie: Hanna Binder, Andreas Patton, Bettina Ernst, Günther Wiederschwinger, Doris Weiner, Constanze Winkler und Sofie Gross. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Natürlich singt Stella „Fernando“. ABBA, das ist an diesem Abend so aufgelegt, das kann gar nicht anders sein. Und natürlich meldet sich der so angebetete Kriegsveteran mit einem hingeschmetterten „Hoch auf dem gelben Wagen“ zurück. Schließlich beginnen doch alle Herzensirrungen und -wirrungen in der Poststation. Robert Gerloff hat für das Volkstheater in den Bezirken Goethes „Stella“ inszeniert, keine Bange: nicht als Sing-along.

Doch der junge Duisburger Regisseur, in Deutschland längst bekannt als Spezialist für humoristische Lesarten und entfesselte Figuren, hat im Trauerspiel die Komödie entdeckt. Und das ist so frech und frisch, so schrill und schräg, so temperamentvoll und temporeich, dass die zwei Stunden Aufführung eine reine Freude sind. Gerloff hat mit Gabriela Neubauer (Bühne) und Johanna Hlawica (Kostüme) eine bonbonbunte Welt zerzauster Perücken und ausladender Reifröcke erdacht, bei den beiden sitzengelassenen Damen ist „Schnürbrust“ ja quasi Pflicht, und durchpflügt diese nun mit hunderterlei stimmig-spaßigen Ideen, bei denen stets die Wertschätzung von Goethes geschliffener Sprache im Vordergrund steht. Dessen Zitatenschatzkästleinsätze finden sich im Bühnenbild mit „… und der Geliebte ist überall, Alles für den Geliebten“, wie auf Glückskeksen – man speist gemeinsam aus Chinapappschachteln – oder auf Stellas und Cäciliens Schnupftüchern.“ Nichts ist bleibend“ ist in das der zweiten gestickt.

Wenn etwas jemandes „Grille“ ist, zirpt eine ebensolche, überhaupt durchkreuzen Tierlaute vom Hahnenschrei bis zum Ebergrunzen jegliche Chance des Pathos‘ aufzukommen. Fliegen einem die Gedanken hoch, muss sich sein gegenüber tief ducken. Und muss Töchterchen Lucie über eines stillschweigen, dann über die finanziellen Vater-litäten, in denen sie sich wegen des Fehlverhaltens ihres Erzeugers befindet. Er, der als Offizier eben noch „half die sterbende Freiheit der edlen Korsen unterdrücken“, bringt als Gastgeschenk von dort, als wär‘s im Auftrag des Geheimrats, Käse mit. Kein Wunder, dass da Stellas Keksherzen gebrochen aus dem Ofen kommen …

Ein Mann zwischen der Geliebten: Hanna Binder und Andreas Patton … Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

… und der Ehefrau: Andreas Patton und Bettina Ernst. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Doch Gerloff kann mehr als Gags, Gimmicks und Kalauer. Er bringt dem Ganzen eine moderne Note bei. Fernando, bei Goethe noch der verzweifelt Doppelliebende, der hehre Leidende an der Situation, wird vom dramatischen Sockel geholt. Andreas Patton, schauspielerisch wie immer fabelhaft, macht aus ihm einen ziemlichen Pantoffelhelden (tatsächlich trägt er auch nur noch einen Soldatenstiefel und ein Stiefeletterl) – und konterkariert so das „Verständnis“, das der Tunichtgut und Seitenspringer für sich beansprucht, und das ihm im Original auch entgegengebracht wird. Wenn Stella und Cäcilie hier seine Treulosigkeit vergeben, so schimmert hinter dem Gnadenakt die Heuchelei durch. Hanna Binder als Geliebte und Bettina Ernst als Ehefrau (an beide ergeht ein Extrapreis fürs Gesichter schneiden – von angeekelt bis höchst angetan) sind einander verwandtere Seelen als mit dem Herrn der Schöpfung. Und weil’s ihm die beiden, mit Lucie eigentlich: die drei, mitunter ganz schön keifzangig geben, freut man sich als Frau insgeheim diebisch, dass Fernando sein weiteres Schicksal nun zwischen diesen Moiren verbringen darf.

Denn selbstverständlich bezieht sich die Inszenierung auf das Ende von 1775. Das Gleichnis vom Ritter von Gleichen wird erzählt, ja, Goethe selbst tritt auf, um dem Publikum zu versichern, dass es doch weder Klostergang noch Selbstmord ernsthaft sehen wolle – und so einigt man sich auf „eine Wohnung, ein Bett und ein Grab“. Er habe nur „ein repräsentatives Männerbild“ entworfen, entschuldigt sich der Autor – und man ahnt, dass dieser hier ein besonders bizarrer flotter Dreier werden wird.

Mit dem großartig komödiantischen Trio Patton-Binder-Ernst agiert das gesamte Ensemble voll von Spiellust. Sofie Gross ist eine glubschäugige Lucie, die ihren Teenager-Sturkopf kaum mit der antrainierten Mädchen-Lieblichkeit zu kaschieren vermag. Doris Weiner ist eine hinreißende, klatschsüchtige Postmeisterin in einem entzückenden Tutu-Hosenanzug. Günther Wiederschwinger spielt als Postillon/Verwalter sein Talent für Slapstick aus – und gemeinsam mit Doris Weiner auch Trompete und Posaune.

Singt sich nach „Fernando“ die Seele aus dem Hals: Hanna Binder, Sofie Gross und Bettina Ernst. Bild: © www.lupispuma.com / Volkstheater

Constanze Winkler schließlich darf nicht nur als Goethe himself auftreten, sondern sie spielt auch das Annchen und den Bedienten Stellas. Der heißt zwar mal Friedrich mal Wilhelm mal Heinrich, macht Lucie aber unter jedem Namen Avancen. Mit dem Teppichklopfer Popoklatsch auf die Tournüre – auch da mag man sich schon vorstellen, wie es weitergeht. Am Ende wird noch einmal gesungen: Georg Danzer – „Heute ist der Tag“.

www.volkstheater.at

Wien, 29. 4. 2017

Thomas Arzt: Uraufführung in Linz

Mai 9, 2016 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

„Werther lieben“ im Theater Phönix

David Fuchs, Markus Hamele, Felix Rank, Isabella Szendzielorz und Katharina von Harsdorf. Bild: © Christian Herzenberger

David Fuchs, Markus Hamele, Felix Rank, Isabella Szendzielorz und Katharina von Harsdorf. Bild: © Christian Herzenberger

Am 12. Mai wird im Linzer Theater Phönix das neue Stück von Thomas Arzt uraufgeführt. Titel: „Werther lieben“. Ausgehend von Goethes „Die Leiden des jungen Werther“ erzählt Arzt mit der Sprache und den Mitteln der Gegenwart von den Ängsten und Sehnsüchten einer Generation, die gelernt hat, ihren eigenen Mittelschichtsträumen zu misstrauen.

Charlotte findet sich in emotionalem Aufruhr zwischen zwei Männern wieder. Ihr Verlobter Max ist selbstbewusst, karriereorientiert, heimatverbunden und dennoch weltgewandt. Seine Souveränität geht so weit, dass er Charlottes Leben genauso mitbestimmt, wie er die immer neuen Umbauten an ihrem gemeinsamen Haus plant. Verlockend anders scheint da der neue Nachbar Ulrich, der sich gegen zu viel Sicherheit in seinem Leben sträubt, gerade eine verfallene Mühle auf dem Land gekauft hat, die Umbauarbeiten aber neben seiner Dissertation nur halbherzig vorantreibt und lieber mit dem Gedanken spielt, sich für internationale Entwicklungsarbeit zu bewerben. Plötzlich scheint Charlottes ganzes Leben auf dem Prüfstand zu stehen … „Ich find ja, sie verleitet zur Hysterie. Die Liebe. Immer alle nur hysterisch.“

Es inszeniert Johannes Maile, es spielen David Fuchs, Markus Hamele, Felix Rank, Isabella Szendzielorz und Katharina von Harsdorf.

Autor Thomas Arzt. Bild: © Nina Grünberger

Autor Thomas Arzt. Bild: © Nina Grünberger

Zum Autor:

Geboren 1983 in Schlierbach, Oberösterreich. Lebt als freier Autor mit seiner Frau in Wien und in Flensburg an der Ostsee. 2008 entstand sein erstes Theaterstück „Grillenparz“ im Rahmen des Autorenprojekts „stück/für/stück“ am Schauspielhaus Wien. Es wurde mit dem von der Literar-Mechana gestifteten Hans-Gratzer-Stipendium ausgezeichnet und im April 2011 am Schauspielhaus Wien uraufgeführt, wo Thomas Arzt in der Spielzeit 2010/2011 als Hausautor arbeitete. Für sein zweites Stück „Alpenvorland“ erhielt er im selben Jahr den Autorenpreis am Heidelberger Stückemarkt. Nach Aufführungen in Österreich, Deutschland und der Schweiz wird das Stück 2016 am 2. Internationalen Autorenfestival in Buenos Aires gezeigt. Weitere Arbeiten entstanden in den vergangenen Jahren u. a. für die Wiener Festwochen, das Volkstheater, das Schauspielhaus Graz und das Landestheater Linz. Zuletzt war 2014 am Schauspielhaus Wien „Johnny Breitwieser“ zu sehen, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=12355, und im Jänner diesen Jahres „Totes Gebirge“ am Theater in der Josefstadt, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=17064.

www.theater-phoenix.at

www.thomasarzt.at

Wien, 9. 5. 2016

Nikolaus Habjan inszeniert „Faust“

Februar 4, 2016 in Tipps

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Spiel mit Puppen im Grazer Next Liberty

"Faust" Klaus Huhle mit Mephisto-Puppe Bild: Lupi Spuma

Bei den Proben: „Faust“ Klaus Huhle mit seinem Mephistopheles
Bild: Lupi Spuma

Nikolaus Habjan inszeniert Goethes Welttragödie. Mit Charakterdarsteller Klaus Huhle als Faust, Puppenspielerin Manuela Linshalm als Mephistopheles und dem Ensemble des Grazer Next Liberty. Premiere ist am 12. Februar. Für die Bühne ist Jakob Brossmann verantwortlich, der zuletzt für seinen Dokumentarfilm „Lampedusa im Winter“ mit dem Österreichischen Filmpreis ausgezeichnet wurde (Interview und Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=15764).

www.nextliberty.com

nikolaushabjan.com

Wien, 4. 2. 2016

Anja Kruse macht in Wien Theater

April 5, 2013 in Bühne

„Undine geht an Land“ im Kosmos

Anja Kruse Bild: Bettina Frenzel

Anja Kruse
Bild: Bettina Frenzel

Natürlich war man neugierig auf sie. Bekannt aus Film, Funk und Fernsehen. Berüchtigt dafür, dass sie vor Societykameras und -mikrophonen mit harschen Worten oder mit Husch-husch-weg reagiert. Eine Diva? Und jetzt auf der Bühne? Eine Teamplayerin? Alles viel einfacher. Denn Anja Kruse ist einfach großartig.

Die deutsche Schauspielerin spielt (noch bis 20. April) im Wiener Kosmostheater „Undine geht an Land“. Regisseurin Elisabeth Augustin hat zum 40. Todestag von Ingeborg Bachmann ein Mosaik aus Wort und Klang zum Thema Nymphe, Nixe, weiblicher Wassergeist, was auch immer, zusammen gestellt. Kruse, quasi  Alter Ego der Schriftstellerin, rezitiert, spielt deren Texte von „Undine geht“ über „Ein Schritt nach Gomorrha“ und „Der Idiot“ bis zu „Schatten Rosen Schatten“. Und sie singt. Patti Smith. „The Mermaid Song“.

Nicht vollständig erschließt sich, was Augustin mit diesem Abend ausdrücken will. Er kreist um sich selbst, verliert sich in sich selbst. Er ist wohl so eine Art freie Assoziation übers Fremdwesensein, übers Fremdbestimmtsein. Die Wasserfrau bekommt erst eine Seele, wenn ein Menschenmann sie liebt. Betrügt er sie, muss er sterben – und sie wird nichts als Schaum auf den Wellen. Klar, dass Bachmann den „Herren der Schöpfung“ da Kontra geben musste. Witzig, dass Augustin das Ganze in einer Fete-Blanche-Schaumschlacht am Wörthersee enden lässt.

Neben Bachmann-Zitaten hat sich Augustin bei Paracelsus, Goethe, Fouque, Giraudoux, Andersen und Woody Allen bedient. Und selbst etwas beigesteuert. Erstaunlich übrigens, wie oft in der Literatur der betrogene Betrüger Hans heißt. Die Musikauswahl reicht von Schubert, Dvorak, Francis Lai („Un homme et une femme“: Das berühmte Dabadabada hingehaucht von Sylvia Haider) bis John Lennon und France Gall („Haifischbaby“).

Dass Land in Sicht ist, verdankt die Produktion ihren Darstellern. In dieser Collage alle in mehreren Rollen. So darf Florentin Groll nicht nur vom „Halb zog sie ihn, halb sank er hin …“ (im Hamburger Hafenjargon) erzählen, sondern auch Paracelsus, Fouque und Poseidon persönlich sein. Mirko Roggenbock ist in allen möglichen und unmöglichen Situationen der Hans-nicht-im-Glück, ein Krieger und Jäger, Fallensteller nur bei Wild, nicht aber bei wilden Frauen. Stephanie Waechter taucht als unterschiedlichste Meereswesen auf. Und einmal als Geliebte von Anja Kruses Figur. Ein wichtiger Bestandteil der Inszenierung, ein Gewinn für diese, ist Bernhard Höchtel als Live-Musiker. Er hat Nelly Sachs‘ „Hier ist kein Bleiben länger“, am Ende interpretiert von Florentin Groll, vertont. Und das Lied „Plädoyer“ komponiert.

Ein Eindruck vom Abend? Folgendermaßen: „Wenn man tot ist und jemand schreit: Alle aufstehen, es ist schon Morgen!, ist es sehr schwer seine Pantoffel zu finden.“

Woody Allen? Falsch! Jean Giraudoux.

www.kosmostheater.at

www.anjakruse.de

Von Michaela Mottinger

Wien, 5. 4. 2013

Ein flotter Dreier in St. Pölten

März 1, 2013 in Tipps

Das Landestheater NÖ zeigt

Stella entscheidet sich (endlich)“

Ein Jahr zuvor hatte ihn die Geschichte einer Frau zwischen zwei Männern über Nacht berühmt gemacht: „Werther“. 1775 folgte dann das Drama über einen Mann zwischen zwei Frauen: „Stella“. Der Ausgang: jeweils fatal. Ein Schmalztöpfchen der allerwildesten Sorte. Stella nimmt Gift, Fernando erschießt sich, Cäcilie bleibt mit ihrer Tochter Lucie allein zurück. Das ist der Schluss von 1803, mit der Herr Geheimrat die bürgerliche Ordnung wieder herstellte. Achtundzwanzig Jahre lang nämlich ließ Goethe die Konvention sausen – und seine drei Protagonisten feierten eine Sause zu dritt. Motto: eine Wohnung, ein Bett und ein Grab. Diese  Erstfassung hieß noch  „Stella. Ein Schauspiel für Liebende in fünf Akten“.

Polygamie – das geht doch nie! Zu sagen, Goethes Zeitgenossen wären „entsetzt“ gewesen, ist eine Untertreibung.

Stella-entscheidet-sich-endlich-

Swintha Gersthofer, Tobias Voigt, Marion Reiser, Othmar-Schrat
Bild: Yasmina-Haddad.

Am Landestheater Niederösterreich (Uraufführung ist am 9. März in der Theaterwerkstatt) lassen Regisseurin Barbara Nowotny und Autor Stephan Lack Goethes Utopie wiederauferstehen. Sie entwickeln ihre ganz eigene moderne Stella-Variante. Zwei Frauen und ein Mann unter einem Dach sind ein durchaus reales Modell geworden: Patchwork. Aber: Schaffen sie es, sich von Besitzansprüchen und Eifersucht zu lösen? Welche neuen Hierarchien entwickeln sich? Und welche Entscheidung wird Stella letztendlich treffen?

Der Wiener Autor Stephan Lack gewann 2006 den Dramatiker/innenwettbewerb des Landestheaters Niederösterreich mit seinem Stück „Verschüttet“, das am Haus uraufgeführt wurde. Regisseurin Barbara Nowotny inszenierte 2011 in der Theaterwerkstatt Eugène Labiches Komödie „Die Affäre Rue de Lourcine“. Auf die Zusammenarbeit der beiden darf man gespannt sein. Es spielen: Swintha Gersthofer, Marion Reiser, Othmar Schratt, Tobias Voigt, Olivia Goga und Lisa Rammel.

www.landestheater.net

Von Michaela Mottinger

Wien, 1. 3. 2013