Schauspielhaus Wien: Imperium

Februar 29, 2016 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Fressen für die Schauspieler

Unterm Baströckchen wird blank gezogen: Sebastian Schindegger, Simon Bauer, Steffen Link und Oliver Mathias Kratochwill Bild: © Matthias Heschl

Unterm Baströckchen wird blank gezogen: Sebastian Schindegger, Simon Bauer, Steffen Link und Oliver Mathias Kratochwill. Bild: © Matthias Heschl

Eine kleine Enttäuschung ist das schon: Wenn STS mit „Irgendwann bleib i dann dort“ bemüht werden, warum nicht bitte Peter Cornelius‘ „Reif für die Insel“? Da war das Publikum mit Batida de Coco ja bereits gefügig gemacht, sozusagen in Schunkellaune, und reif zum Mitsingen – Ü-ü-ba-reif!

Schmähohne, ist das ein Spaß! Am Schauspielhaus Wien hat Jan-Christoph Gockel „Imperium“ von Christian Kracht inszeniert. Und das in erster Linie als Fressen für die Schauspieler. Die kommen nämlich voll auf ihre Kosten, die dürfen alles auspacken, was sie haben, ihr gesamtes schauspielerisches Arsenal, ihr Gesangstalent und die Genitalien. Was allerdings in dem 2012 erschienenen Roman des Schweizer Autors an zeitgenössischer Brisanz drinsteckt, dass er landauf, landab für Literaturkritikerkontroversen –  Der Spiegel schrieb von einer rassistischen Weltsicht, die totalitärem Denken den Weg ebne, Die Welt attestierte dem Magazin daraufhin Ironiebefreitheit – sorgte, erschließt sich, obwohl der Umstand als solcher kurz angesprochen wird, maximal als Fußnote. Das darf man um mittlerweile zehn Euro im Taschenbuch nachlesen. Der Gockel war auf Party gebürstet, nicht auf Kapitalismus-Kolonialismus-wasauchimmerismus-Kritik. Das ist wie gesagt eine kleine … aber ansonsten: ein mördermäßiger Mordsspaß!

Los ging’s gleich mit Showcooking und flambierten Koteletts und Speckduft in der Luft. Der Protagonist des Ganzen, der real existiert habende August Engelhardt, war nämlich so eine Art Hungerkünstler. Der Vegetarier und Nudist ging 1902 nach Deutsch-Neuguinea, um die Sonne anzubeten und sich von Kokosnüssen zu ernähren. Ausschließlich. Im Roman überlebt er das, wenn auch dem Wahnsinn anheimgefallen, erstaunlich lange. Kracht lässt ihn nach dem Zweiten Weltkrieg von US-Soldaten finden. Die das fleischlose Skelett als erstes mit Cola und einem Hotdog laben. Zwischen den Jahrzehnten wird viel mit Lebensmitteln gespielt. Ja, sie kommen sogar als Kriegsbemalung – Schokoladebrotaufstrich – und Special FX Makeup – Hungerödem aus Honig und Getreideflocken – zum Einsatz. Die kalorienhinterhältigen Erzengel Raffaello und Nutella schweben über dieser Produktion, und auch das Publikum kriegt sein Fett weg. Als Brat- oder Schönheitsmittel; man ist bald mitten drin in einer Kokosproduktekaffeefahrt. Engelhardt nannte seine Überzeugung übrigens Kokovorismus, je mehr Kokosnussverzehr, desto gottähnlicher. „Ich spüre selbst im Schlaf, wie sich mein Blut durch Kokosmilch ersetzt“, sagt sein Darsteller Sebastian Schindegger. Eh klar, dass das in Autokannibalismus – Stichwort: Karottendaumen – endet.

Gockel wagt sich an die Ironisierung der Ironie. Und reüssiert diesbezüglich. Seine gemeinsam mit Tobias Schuster erarbeitete Bühnenfassung rieselt auf Krachts Groteske wie Kokosstreusel auf den dazugehörigen Kuchen. Er gestaltet eine schwungvolle Satire auf den Hipsterismus dieser Tage, auf Lifestyleströmungen und urban trendsetter. Auch, wenn das alles in der Wildnis … das Bühnenbild samt den Baströckchen stammt von Julia Kurzweg und schaut aus, als hätte der Wirt ums Eck Hawaiiabend … ist doch klar, welche Art Scharlatane und sonstige Heilsversprecher, die sich an der Dämlichkeit anderer dumm und dämlich verdienen, angesprochen werden. Unter den von Kracht beschriebenen Rechtsauslegern, der aaaandere Vegetarier, der Europa noch ins Verderben stürzen wird, kommt freilich kurz vor, interessierte Gockel der Gesundheitsfaschismus wohl am meisten.

Das Saunafetzerl teilen sich ausschließlich die Herren des Hauses. Simon Bauer und Steffen Link gestalten das zivilisationsgescheiterte Figurenpanoptikum des Buches, und das bei Freiheit der Geschlechtlichkeit. Sie sind aber nicht nur der sumpffieberkranke Gouverneur Hahl, die liebestolle Großgrundbesitzerin Emma Forsayth, der mit einer Kokosnuss – welch ein Witz! – erschlagene Pädophile Heinrich Aueckens, der davor von ihm geschändete Eingeborenenbub Makeli, der hypochondrische Pianist Max Lützow und dessen likörsüchtige Verehrerinnen, sie sind auch allwissende Erzähler und Erklärer. Wie sie aus und in die Handlung, von der Khakihose ins Abendkleid, zeitlich vor und zurück springen, ohne je den Faden zu verlieren, ist ganz groß. Nebenbei werfen sie sich noch bissige Bemerkungen unter Kollegen zu. Zu denen auch Tonkünstler und Soundmacher Jacob Suske und Lichtdesigner und Stimmungsmacher – siehe: Gitarre und STS – Oliver Mathias Kratochwill gehören. Ein Mann, wie der Sohn, den Wolfgang Bauer nicht hatte, und das muss da stehen, weil Kratochwill „Imperium“ quasi zum exzessiv eskapistischen Gesamtkunstwerk macht.

Sebastian Schindegger ist als Engelhardt ein naiv-stiller Reservejesus, der inmitten all der Fleisch gewordenen Bewusstseinskrisengebiete an seinem segenspendenden Himmelsbaum festhält. Schindegger spielt das sehr zutraulich und enthusiastisch. Sein Engelhardt ist eigentlich ein ganz Lieber. Dass aber laut Kracht Idealismus die Vorstufe zu Ideologie und Irrsinn ist, zeigt er nicht wirklich. Und auch, dass der Plantagenbesitzer kurz vor Anarchie Richtung Absolutismus ausschert, reißen Regie und Schauspiel nur kurz an. Bei Gockel folgt auf die Komödie zu wenig Grauen, zu wenig Tiefgang auf das Waten durch die slapstickigen Untiefen. Während der Roman auch einen Rückspiegelblick auf die Massenkarambolage, die sich 20. Jahrhundert nennt, zulässt, begnügt sich das Theaterstück mit der aberwitzigen Aussteigerstory. Ästhetisch ist der Abend auf jeden Fall eine Adresse ans Berliner Theatertreffen mit der Bitte um Einladung.

Zwei Szenen bleiben da besonders im Gedächtnis: die von Simon Bauer und Steffen Link im Halbdunkel gestaltete Vergewaltigungsskulptur von Aueckens und Makeli, und Engelhardts Faust-Leseübung mit Makeli. Im Perspektivewechsel zwischen Schindegger und Link hört jeweils der eine die Worte des anderen als wildes Gestammel. Mehr lässt sich zum Thema Kulturimperialismus nicht sagen. Im clash of civilizations gilt als ungeklärt, wer die Barbaren sind, sagt Gockel mit diesem Moment. Hätte er mehr solche gehabt, es wäre aus einem unterhaltsamen, kurzweiligen Theaterabend einer geworden, der einen auch – pardon! – bei den Eiern gepackt hätte.

www.schauspielhaus.at

Wien, 29. 2. 2016

Theater in der Josefstadt: Der Gockel

November 20, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein Pracht-Boulevard!

Karoline Kucera, Matthias Franz Stein, Mathias Hanin, Josef Ellers, Ljubiša Lupo Grujčić und Alexandra Krismer Bild: Erich Reismann

Karoline Kucera, Matthias Franz Stein, Mathias Hanin, Josef Ellers, Ljubiša Lupo Grujčić und Alexandra Krismer
Bild: Erich Reismann

Josef E. Köpplinger ist der regierende König der Komödie. Nach seinem bilderbuchbunten „Weißen Rössl“ an der Volksoper beschert er nun dem Theater in der Josefstadt einen großartigen „Gockel“. Seine Inszenierung von Georges Feydeaus Farce fährt vom Start weg im sexten. Alle sind hier hibbelig bis hypernervös bis Hummeln-im-Hintern, als hätte Louis de Funès als himmlischer Pate über dieser Produktion gestanden.

Des Vaudevillemeisters kritische Begutachtung einer Gesellschaft, in der sich’s alle richten, bis auf den einen, der von ihr am Ende ausgespien wird, lässt Köpplinger außen vor, er will unterhalten. Die Verhältnisse, sie sind schon so. Man muss schließlich nicht an jedem Theaterabend mit den drei Fs aufzeigen. Flüchtlinge, Freihandelsabkommen, FPÖ – die Josefstadt unter Direktor Herbert Föttinger engagiert sich sowieso. Köpplinger setzt aufs vierte – F wie Liebes-Spiel. „Der Gockel“ ist ein wunderbares Ensemblestück für 19 Darsteller, und weil Köpplinger sich nicht regieabarbeitet, sondern hier hochmusikalisch choreografiert, hat sich der Klangkörper der Josefstadt auf ein Vivacissimo eingestimmt.

Den Inhalt des „Gockel“ zu erzählen, ist ein Stück Kunst für sich. Es gibt vier Ehepaare und zwei Solisten und es will beinah jeder mit fast jeder. Schnell jedenfalls, weil jeweils der, der nicht soll, in der Tür steht. Oder unter dem Bett liegt. Oder aus dem Schrank kommt. Wenn hier irgendjemand zu irgendetwas oder überhaupt kommen würde, wären sie allesamt betrogene Betrüger, aber so … Der Salonklippklapp ist ein ständiger Interruptus, wie „Gockel“-Darsteller Dominic Oley im Gespräch sagt. Er wird es auch sein, für den schließlich Schluss ist mit Kissenschlacht. Elfriede Jelinek als Übersetzerin hat Feydeaus Jahrhundertwende an diese herangezogen, sie macht Feydeau zum Frauenversteher. Die Herren sind – bis auf Martin Zauner – eher halbe Hähnchen, mehr Pantoffelhelden als Schürzenjäger, mehr waidwund als -mann; die Amazonen blasen zum erotischen Halali. Die Geschlechter schenken sich nichts, dafür einander kräftig ein. Köpplinger setzt auf den Dominaeffekt.

Und auf die 1960-er Jahre. Die retrochicen Figuren bewegen sich, heißt: sie knallen und fallen, über Zebrawollteppiche, unter Deckenleuchten, als hätte Louis Weisdorf wieder seinen Turbo eingeschaltet, zwischen Coffee Table und Daybed (Bühnenbild: Judith Leikauf und Karl Fehringer, Kostüme: Alfred Mayerhofer). Aus dem Plattenspieler, ja, den gibt’s noch, singt die Piaf. Die Platte hängt, wie das Verlangen. Je ne regrette rien … regre … regr … Das waren noch Zeiten. Die sexuelle Revolution der 68er hat schon den Fuß in der Tür, sonst aber keine entscheidenden Körperteile. Alles atmet ängstlich Erwartung, weil der Aufbruch ins neu wie zum Greifen scheint, aber bis es soweit ist, bleibt die Biedermannsmoral ein sicherer Ruhepolster.

Köpplinger zeigt eine Welt, in der Contenance eine Konvention ist. Vernichtende Blicke und wegwerfende Gesten sagen mehr als das Unausgesprochene, wobei ausgesprochen spannend ist, in wie vielen Nuancen man Ja sagen kann. Die Schauspieler fechten Feydeaus Wortscharmützel mit feiner Florettklinge aus. Sie relativieren ihre Versprechen mit Versprechern. Sie behelfen sich gegen die Unzulänglichkeiten ihrer Existenzen mit Drüber-, Zwischen- und Beiseitereden. Keiner tut, was er soll, keiner kann, wie er will. Nur in den seltenen Augenblicken, in denen einer nicht mehr an das denkt, was er sagt, sagt er, was er denkt. Den Höhepunkt, wiewohl diesen eigentlich nicht, hat das Ganze im Hotel, wo Nerven und Popos blank liegen. Die Sache mit der Zimmer-Nummer ist nämlich gar nicht so leicht zu vollziehen. Köpplinger formuliert auch noch das kleinste Detail aus und erschafft so eine Reihe reizender Randalierer und aufsässiger Angestellter für die Supporting Actors, wie Ljubiša Lupo Grujčićs planlosen Kommissar, Matthias Franz Steins servilen Hoteldirektor oder den Hotelpagen von Josef Ellers, die Kammerdiener der Alexander Strobele und Absenger und – ein Highlight! – das entschleunigt schlurfende Dienstmädchen von Karoline Kucera.

Dominic Oley als „Gockel“ Pontagnac und Michael Dangl als Vatelin stehen im Mittelpunkt des Geschehens. Glaubt sich zweiterer gut verheiratet, ist für ersteren die Ehe „ein Roman, den ich schon zu oft durchgeblättert habe“. So wie Dangls – pardon im Zusammenhang – stocksteifem, gequälten Vatelin der aufgezwungene Seitensprung keinen Spaß macht, so ist bei Oleys Pontagnac die Lust los. Selten hat jemand so charmant die größten Unverschämtheiten serviert, nachdem er sich frech im eigenen Lügenkonstrukt verfangen hatte. Der vorbildliche Ehemann hingegen betrügt seine Frau nie, ohne sie dabei aufrichtig zu bedauern. Dennoch geht das ungleiche Paar gemeinsam durch Freud und Frauen. Sigmund kommt übrigens vor, ein Zahntraum, man weiß ja, was das bedeutet. Roman Schmelzer kommt als Hausfreund Rédillon über den Aperitif nicht hinaus, muss aber angesichts geballter Weiblichkeit ohnedies w.o.-geben. Siegfried Walther wandelt als brillanter Britverschnitt Soldignac auf Amors Spuren. Martin Zauner ist ein herrlich herrischer Pinchard. Der schleicht zwar nicht auf Freiersfüßen umher, aber Zauner spielt ein „Er würde schon wollen, wenn …“ mit. Im Leben wählt ein Mann unter zwei Übeln meistens das hübschere oder das jüngere, sagte Feydeau. Da kannte er Zauners Pinchard nicht.

Die Pinchards, die gehörlose Madame großartig verkörpert von Susanna Wiegand, sind nicht die einzigen, die nicht wissen, wie ihnen, sondern auch nicht, was geschieht. Pinchard will doch nur „die Taube in die Oper führen“. Pauline Knof als Lucienne Vatelin und Silvia Meisterle als Clotilde Pontagnac begreifen rechtzeitig, dass man als Ehefrau seinen Mann stehen muss, und wenn’s auch nicht der eigene ist, kann dieser trotzdem mit strenger Hand in jede beliebte Position gezwungen werden. Alexandra Krismer verfolgt als Maggy Soldignac den Vatelin mit ihren Avancen, geht schließlich in Stellung und greift ebenfalls zu harten Mitteln – einer Reitgerte. Susa Meyer spielt als Armandine im Audrey-Hepburn-Outfit eine ganz vorzügliche Charade. Motto: „Sex-Appeal  kann ich ebenso gut voll bekleidet rüberbringen, beim Äpfelpflücken oder wenn ich im Regen stehe.“ Die großen Zehn spielen, als ob es um ihr Liebes-Leben ginge.  Mit Tempo, Temperament und Tremolo. Josef E. Köpplinger zeigt einen Pracht-Boulevard! Ein Abend, den man nur empfehlen kann. Dieses naturellement nicht auf Französisch.

Dominic Oley im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=15965

www.josefstadt.org

Rezension: Josef E. Köpplingers „Weißes Rössl“ an der Volksoper: www.mottingers-meinung.at/?p=14600

Wien, 20. 11. 2015

Dominic Oley im Gespräch

November 10, 2015 in Bühne

VON MICHAELA MOTTINGER

„Komödie ist eine ernsthafte Sportart“

Dominic Oley als "Der Gockel", mit Michael Dangl, Susanna Wiegand, Pauline Knof, Roman Schmelzer, Siegfried Walther, Alexandra Krismer, Martin Zauner und Silvia Meisterle. Bild: Jan Frankl

Dominic Oley als „Der Gockel“, mit Michael Dangl, Susanna Wiegand, Pauline Knof, Roman Schmelzer, Siegfried Walther, Alexandra Krismer, Martin Zauner und Silvia Meisterle. Bild: Jan Frankl

Er ist Autor, Regisseur, Schauspieler, und als solcher ab 19. November als Feydeaus Schwerenöter Pontagnac in dessen Farce „Der Gockel“ zu sehen; über den Inhalt der turbulenten Komödie erzählt er gleich selbst. Josef E. Köpplinger führt Regie. Dominic Oley im Gespräch:

MM: Feydeaus Farce „Der Gockel“ ist der Inbegriff von KlippKlapp. Was reizt Sie daran?

Dominic Oley: Die Verknüpfung von Sprache und Tempo, die komödiantische Situation und Feydeaus exakte Figurenzeichnung. Ich bin der Sprache sehr zugeneigt, und auch der beschleunigten Sprache, da kommen also Dinge zusammen, die ich mag. Feydeau versteht sich großartig auf komödiantische Mechanik und die Jelinek tat das ihre dazu, den Text scharf und knapp zu übersetzen. Das macht große Freude. „Der Gockel“ hat einen Humor, der weniger authentisch ist, als die Sache mit einem Augenzwinkern versieht. Diese Komödie ist eine ernsthafte Sportart.

MM: Was etwas ist, dass Ihnen entgegen kommt. Ihre eigenen Texte sind ähnlich.

Oley: Genau, die ähneln dieser Temperatur und dieser Verrücktheit, der Assoziation, dass man eine psychologische Situation hat, die in irgendeiner Weise vor dem Zuschauer gerechtfertigt ist, aber, dass die Sprache selber auch auf sich aufmerksam macht und für sich selber steht. Das ist das Tollste, wenn man von sich absehen kann, weil daneben etwas anderes etwas ganz anderes macht. Der Zuschauer hat dann sozusagen die dritte Sicht darauf, einen dritten Blickwinkel, um die Irrtümer zu erkennen, die man als Spieler gerade nicht erkennt. Ich bin außerdem ein großer Freund von Humor, weil ich glaube, dass er unsere letzte Rettung ist.

MM: Welcher Art von Humor?

Oley: Kein zynischer, ein spartenübergreifender. Oft hat man im Leben damit zu tun, dass einen ein Zustand der lethargischen Reflexion überkommt, ein gewisser mühsamer Müßiggang, dann ist es immer schön, wenn man von sich selber absieht und versucht, lustige assoziative Querverweise zu schaffen, mit der Sprache spazieren zu gehen. Heißt: Wenn ich mich mit der Sprache als Subjekt ausdrücke, dass ich mich im gleichen Atemzug völlig lächerlich machen kann. Das ist eine schöne und auch befreiende Art von Erkenntnis.

MM: Apropos, Sport: Die Handlung vom „Gockel“ ist kurz kaum erklärbar, darum spiele ich den Ball an Sie weiter.

Oley: Wir befinden uns in einer bürgerlichen Gesellschaft, die in den 1960er-Jahren angesiedelt ist, weil diese Zeit das letzte Äquivalent einer bürgerlichen Ordnung ist, die mit der Zeit Feydeaus korrespondiert. Wir befinden uns also vor der sexuellen Revolution, wo man unter verborgener Hand sein sexuelles Begehren bedienen musste, wo es eine Moralvorstellung gibt, gegen die es Spaß macht, sich aufzulehnen: das katholizistische Gebot der Enthaltsamkeit, das Sakrament der Ehe. Es gibt drei Paare, die sich gegenseitig betrügen, und am Ende in die bürgerliche Mechanik zurückfallen. Denn eigentlich ist keiner seinem Begehren bis zum endgültigen Betrug nachgegangen. Es wird immer damit gehandelt, dass es so weit kommen wird, aber es ist viel Lärm um nichts. Bis auf eine Figur, meine, die nicht in den Schoß der bürgerlichen Wärme zurückfindet.

MM: Alle wollen, keiner kann.

Oley: Keiner kommt dazu. Das wird schön deutlich im zweiten Akt, wo sich im Hotel alle um das Bett, das Symbol für Sex schlechthin, rotten, ohne, dass etwas passiert. Es ist ein ständiger Interruptus, dauernd wird man von irgendeiner Figur unterbrochen, die aus irgendeinem Schrank auftaucht. Die Probleme verwickeln sich mehr und mehr, werden immer größer statt kleiner, und wo man sich anfangs noch rausreden hätte können, steht man bald vor einem unlösbaren Konstrukt. Nur meine Figur kann das noch, sich rausreden, aber es wird dann auch ihm nicht mehr gewährt.

MM: Wie ist Ihr Pontagnac? Feydeau-Figuren sind scherenschnittartig. Wie füllt man sie mit Menschlichkeit?

Oley: Indem man einen erfindet, der maßlos seiner Begehrenstechnologie unterliegt, weil er offenbar eine Profilneurose hat. Er ist möglicherweise kein guter Monogamist, für die Ehe sind ihm der Sprit und der Einfallsreichtum ausgegangen. Daher verstrickt er sich lieber in Liaisons, er ist ein Begehrens-Süchtiger, ein Ge-Triebener, der am Ende dafür die Rechnung bekommt.

MM: Ein Jäger und Sammler.

Oley: Ein charmanter, obwohl es mehr heiße Luft ist. Die Jelinek schafft es in einer Form, alle zu Jägern und Sammlern zu machen, auch die Frauen, was aus älteren Übersetzungen so nicht rauszulesen ist. Hier beteiligen sich alle an diesem Spiel, ein Begehren zu haben, es vor der Moral zu verleugnen, dann das Verbot zu übertreten, um schließlich den Schwanz einzuziehen oder durch einen äußeren Zustand gerettet zu werden.

MM: Regie führt Josef E. Köpplinger, der Ihnen am Klagenfurter Stadttheater Ihr erstes Engagement in Österreich gab, weil Regisseurin Stephanie Mohr Sie für ihre „Räuber“-Inszenierung als Spiegelberg vorschlug, für Ihre Arbeit an der Josefstadt waren Sie schon Nestroypreis-nominiert. Waren diese glücklichen Kombinationen mit ein Grund, die Rolle zu übernehmen?

Oley: Ja, ich bin sehr beschenkt und sehr erfreut, dass diese Anfrage kam. Josef ist ein praktischer, positiver Regisseur, was der Komödie sehr zu gute kommt. Da habe ich nicht lange gezögert. Wir gehen sehr vom Arrangement aus, Josef hat eine wohl überlegte „Partitur“ für die Körper geschaffen, das ist eine ernsthafte, anstrengende und schöne Arbeit, diese mit Fleisch und Herzblut zu befüllen. In der Josefstadt nimmt’s für mich gerade eine schöne Kurve, weil „Der Gockel“ wieder eine andere Art Aufgabe ist, als ich in „Der Boxer“ (nächste Vorstellung: 11. November, Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=13581, Anm.) habe, oder in „Speed“ oder im „Fall Jägerstätter“ – alles drei ebenfalls Inszenierungen von Stephanie Mohr, die mich ans Haus mitnahm – schon hatte. Hier passiert eine ganz andere Figur in einem anderem Kontext. Ich bin ja auch in der „Off“- und „On“-Szene unterwegs, das eine befruchtet das andere in einer schönen Form. Ich hinterfrage lieber nicht, warum das so ist, damit das System sich ungefragt aufrecht erhält. Ich lebe in luxuriösen Arbeitsverhältnissen – lieber nicht dran rühren! Die darstellende Kunst ist eine Gemeinschaftsarbeit, da verbinden sich Menschen zu einem Miteinander, und je mehr man das zulässt, umso erbaulicher wird es.

MM: Sie sind auch allein miteinander. Wie geht der Autor Oley mit dem Regisseur Oley um, und, weil Sie sich ja auch selbst inszenieren, wie der Schauspieler Oley, wenn er auf einen anderen Regisseur trifft?

Oley (er lacht): Ich bin sozusagen ein selbstinszenierender Selbstinszenierer. Der Autor in mir ist verschwiegen, der sagt immer: Ja, macht doch so, das ist doch ganz klar! Er versteckt seine Motive vor dem Regisseur, was dem wiederum Schwierigkeiten bereitet, den Schauspielern in einer logischen Weise zu sagen, was sie tun sollen. Die Schauspieler sagen zu mir oft: Du erklärst uns den Oley die ganze Zeit mit dem Oley. Das ist ein lustiger Widerstand, der manchmal entsteht. Der Oley-Autor liefert, glaube ich, Gebrauchsmaterial ab …

MM: Da gehört er aber zu den menschlich großen Dramatikern, wenn er sich weder laut einmischt, noch still leidet.

Oley: … vielleicht der größte Mensch in mir. Er ist aber auch fein raus, er sitzt im stillen Kämmerlein, wenn die anderen vor den Vorhang treten. Man kann sich ja auch irren, als Autor, als Regisseur, als Schauspieler, es kann immer sein, dass einer von denen falsch liegt – und für das Publikum muss offen bleiben, wer. Das ist meine Spielmünze, meine Währung. So habe ich das auch gelernt, wenn ich mit anderen Regisseuren arbeite: Dass einerseits der Schauspieler nicht immer recht hat, andererseits der Regisseur von unten oft mehr sieht, als der Mensch oben. Beim Schauspieler ist das eigene Befinden immer das wichtigste, er argumentiert im schlimmsten Fall immer aus den Tiefen seiner Befindlichkeit heraus, und das wird unerträglich. Da muss man lernen auf eine andere Meinung zu vertrauen und dem Regisseur das Feld zu überlassen, also will sagen: Seit ich selber den Schritt nach unten getan habe, habe ich viel an Vertrauen und Verständnis für die Position des Regisseurs gewonnen. Eine Verständniserkenntnis, genau.

MM: Wenn Sie Stoffe suchen, was suchen Sie da?

Oley: Ich habe kein Suchformat. Am ehesten lässt sich sagen, ich suche das Komische, den Humor im Tragischen, den Witz im Pathetischen …

MM: Wie Ihre Stücke „Kissing Mr. Christo“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=7839), „King Liar“ oder „Plotting Psycho“ belegen.

Oley: Ich will im Drama den Kontrapunkt finden, die Leichtigkeit im Schwerwiegenden. Wenn etwas nur eine Farbe hat, dann wird es schwierig mit dem Erkennen. Ich suche Dialektik. Man muss als ernsthafter Anwalt auch das Drama der Komödienfigur ernst nehmen. Denn das Publikum lacht ja über eine Situation, die für die Figur in diesem Moment gar nicht lustig ist. Ich liebe diese einschließende materialistische Vereinbarung, dass ein Zuschauer da ist, als ein Mitspieler, der die Verantwortung trägt, Bewerter und Vervollkommner zu sein, der Schiedsrichter im Spiel zu sein. Der Zuschauer ist unser entscheidenster Mitarbeiter.

MM: Was suchen Sie gerade?

Oley: Im Sinne von: was kommt? Langsam bin ich wieder bereit, etwas zu schreiben, und könnte mir auch vorstellen zu inszenieren, gerne auch Dreharbeiten zu beginnen? Aber ich bin gerade in konditioneller Aufmerksamkeit, die „Gockel“-Proben füllen mich sehr aus.

MM: Kommt das von konditioniert?

Oley: Von konditioniert und Kondition – irgendwas dazwischen. Neben den Proben bin ich den griechischen Sagen zugewandt und finde sie ein sehr erfreuliches Referenzmaterial. Diese verdammten Griechen sind verdammt humorvoll. Und sehr assoziativ. Da ist alles drin, was man braucht, Sex, göttliche Gewalt, Drogen und viel Erfindungsreichtum. Da wird es vielleicht eine Art Vereinbarung geben: Die griechische Mythologie in 90 Minuten, so etwas in der Art.

MM: Sie sind auch Musiker, nur in Wien waren Sie’s noch nicht. Ein Grund dafür?

Oley: Es hat sich noch nicht ergeben. Aber ich würde durchaus gerne Musiktheater machen. In Essen hatte ich am Theater eine zehnköpfige Band, eine Mini-Big-Band, da konnte ich die Mitspieler mit Freundschaft knechten, weil ich nichts bezahlen konnte …

MM: Das heißt: Sie suchen in Wien Knechte.

Oley: Ich will mir musikalische Freunde ranlocken! Das nötige Handgeld fehlt mir nämlich immer noch. Oder wir kriegen auf Geburtstagsfesten etc. gute Gagen.

MM: Ihr Vorbild diesbezüglich ist Frank Sinatra?

Oley: Der Gipfel der Souveränität. Man könnte sagen, er ist ein gestriger alter Herr, aber ich finde ihn großartig, die musikalische Literatur seiner Zeit, die Dekadenz. Es mag manchmal etwas machistisch daher kommen, aber es ist so schön authentisch-unauthentisch. Es ist nicht diese komische Aufforderung, alles von innen nach außen zu stülpen, die heute vorherrscht, die ich als authentisch bezeichnen würde. Wo sich jedermann permanent bis auf die DNA entäußert, mit Selfies und Postings und was weiß ich. Wir werden dauernd aufgefordert unsere innersten Bedürfnisse zu verkaufen, und durch diesen Identitätsverlust keinen Rückhalt mehr zu haben. Wir sind in dieser Verkaufsflächenzeit alle nervös, weil superoptimiert. Eine nervtötende Angewohnheit der Postmoderne. Sinatra, oder diese Art von musikalischem Interpretieren, steht beruhigend und gut und elegant gekleidet daneben als Inbegriff zurückhaltender Eleganz. Er erzählt seine Geschichte, ohne, dass er sich wie ein Verrückter auf den Boden schmeißt. Er kann eine elegante Verbindung zu seinem Herzen herstellen.

MM: Ist  Ihr Pontagnac ein wenig Sinatra?

Oley: Er rutscht in einer großen Spur auf der Souveränität aus. Die Anfangspose ist kurz mal Sinatra, aber dann hat ihm jemand Seife hingekippt und ab geht’s.

MM: Klingt, als wäre Ihre Rolle auch mit Stuntaufgaben verbunden.

Oley: Es wird mir innerhalb von sehr kurzer Zeit sehr heiß in diesem Stück. Es wird sehr rasant werden.

MM: Was wünschen Sie dem Publikum?

Oley: Eine unterhaltsame und schadenfrohe Zeit. Viele erheiternde Momente. Und, dass sie auch ein bisschen Mitleid haben mit den getriebenen Seelen da oben.

www.dominicoley.de

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Wien, 10. 11. 2015