The Show Must Go On! Love Never Dies online

April 26, 2020 in Klassik

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine phänomenale Phantom-Fortsetzung

Ben Lewis und Anna O’Byrne. Bild: © Universal Pictures

Musical-Titan Andrew Lloyd Webber bietet dieser Tage seine berühmtesten Werke auf dem Youtube-Channel „The Show Must Go On!“ als kostenlosen Stream an. Zum Wochenende je ein neues; vergangenen Freitag war es „The Phantom of the Opera at the Royal Albert Hall“ (Rezension: www.mottingers-meinung.at/?p=39433), nun folgte dessen Fortsetzung „Love Never Dies“ aus dem Jahr 2012 und dem Regent Theatre im australischen Melbourne, das noch bis inklusive Sonntagabend online ausgestrahlt wird.

Das Jahr ist 1907, der Ort Coney Island, wo das Phantom als mysteriöser Mister Y einen Vergnügungspark namens „Phantasma“ betreibt. Bei ihm sind Madame Giry und ihre Tochter Meg, zweitere nun zum Tingeltangelstar avanciert, und Andrew Lloyd Webber führt seinen Protagonisten mit „’Til I Hear You Sing“

ein, der genialische Untergrund-Komponist immer noch der musikalischen Avantgarde verpflichtet, doch ohne seine nach wie vor heißgeliebte Christine bar jeder Stimme dafür. Und apropos, Liebe & Stimme: Wirklich warm wird man anfangs nicht mit dem Phantom von Ben Lewis, Ramin-Karimloo-verwöhnt erscheint einem Lewis Tenor erst zu hoch bei zu wenig Timbre. Doch der erste Eindruck täuscht, Ben Lewis wächst, je dramatischer der Plot, desto mehr in die Rolle – sein Spiel und sein Gesang steigern sich zu einer emotionalen Intensität, die nicht nur eingefleischten „Phans“ die Freudentränen in die Augen treiben wird.

Optisch ist die Inszenierung von Simon Phillips, hier von Brett Sullivan auf Film gebannt, atemberaubend. Designerin Gabriela Tylesova hat einen großartig gothic-grotesken Jahrmarkt auf die Bühne gestellt, ein Theater-auf-dem-Theater, das sich wie Meg im „Bathing Beauty“-Song um immer neue Schichten entblättert, das Highlight ein spektakuläres Kuriositätenkabinett voll lebender Kreaturen, die in den Katakomben, nicht unter der hehren Pariser Oper, sondern des halbseidenen Brooklyner Amüsierviertels hausen.

Ben Lewis. Bild: © Universal Pictures

Das Phantasma des Mister Y. Bild: © Universal Pictures

Sharon Millerchip als Meg Giry. Bild: © Universal Pictures

Maria Mercedes als Madame Giry. Bild: © Universal Pictures

Anna O’Byrne und Ben Lewis. Bild: © Universal Pictures

Anna O’Byrne und Ben Lewis. Bild: © Universal Pictures

Mit hohem Tempo fährt die Kamera in diesen Monsterball der skurrilen Spukgestalten, Gaukler und Jongleure, mitten drin der große Bruder des Tschinellen-Affen, strotzt doch die ganze Produktion vor „Phantom“-Zitaten, vor allem auch musikalisch, die begnadeten Buffi Paul Tabone, Dean Vince und die kleinwüchsige Sängerin-Schauspielerin-Zirkusartistin Emma J. Hawkins als Conférencier-Trio – und die hinreißend das Tanzbein schwingende Sharon Millerchip als schwer ins Phantom verschautes und um dessen Aufmerksamkeit für ihre Kunst buhlendes „Ohlàlà -Girl“ Meg, Millerchip, die sich mit Lolita-Charme gegen die Kraft der Hauptstory ins Geschehen stemmt.

Da platzt ins Beinah-Idyll die Nachricht, Christine Daaé, nunmehr verheiratete Vicomtesse de Chagny und eine der berühmtesten Operndiven der Welt, komme nach New York, um für Oscar Hammerstein das neuerrichtete Manhattan Opera Hause zu eröffnen. Eine Zeitungsnotiz, die den Zorn der düsteren Schutzpatronin Madame Giry erregt, Maria Mercedes ganz Schmerzensfrau mit Kranzfrisur-Dornenkrone, die beim rächenden Gott schwört, zu viel für das von ihr vor Mob und Flammen gerettete Phantom geopfert zu haben, um den Mann noch einmal den Krallen der Teufelin Christine zu überlassen.

Wunderbar wundersam singt Maria Mercedes ihren Part, und wunderbar ist auch, dass Webber nicht auf einen Schurken fokussiert. Wer die wahre schwarze Krähe in „Love Never Dies“ ist, wird im Laufe der Handlung noch enttarnt … Alldieweil steigt Christine im Hafen vom Schiff, Anna O’Byrne mit Simon Gleeson als Raoul und dem hochtalentierten Jack Lyall als Sohn Gustave. Raoul ist mit den Jahren nicht sympathischer geworden, sondern ein besitzergreifender Spieler, selbstgerecht und dem Whiskey zugeneigt, der Christines Gage an den internationalen Roulette-Tischen verliert.

Zu Donnerschlägen und „Angel of Music“-Anklängen entführt ebendieser seine ehemalige Muse, halb zog er sie, halb sank sie hin, in seine Arme nämlich, Christine scheint längst bereut zu haben, dass sie gutes Aussehen vor Genie den Vorzug gab. Es folgt mit „Beneath a Moonless Sky“ logischerweise ein Liebesduett, und da das Phantom endlich seine Gummilippen losgeworden und zum Kuss bereit ist, macht man sich nach einer Stunde Spielzeit ernsthafte Happy-End-Hoffnungen.

Paul Tabone und Dean Vince. Bild: © Universal Pictures

Ben Lewis mit Jack Lyall als Gustave. Bild: © Universal Pictures

Emma J. Hawkins als Fleck. Bild: © Universal Pictures

„Love Never Dies“, im Ronacher nur einmal 2012 und konzertant aufgeführt, hätte zweifellos auch in Wien das Zeug zum Klassenschlager. Mit um nichts weniger potenziellen Hits gesegnet als Teil I, besticht das Musical durch seinen sophisticated Style, der anspruchsvolle, opernhafte Arien mit bewährten Rock-Elementen des weiland „Jesus Christ Superstar“-Schöpfers verbindet, Hochdramatisches mit Unterhaltsamem, und möchte man sagen, das „Phantom“ parodiere die Kriegserklärung der Neuen Musik ans Klassische, so wird wohl diesmal der Zwist U gegen E ausgetragen.

Auch die Charaktere schillern in mehr Schattierungen als im Gut-vs-Böse-Original. Anna O’Byrnes Chistine hat das Leben das Mädchenhafte zwar nicht aus dem Antlitz, jedoch aus der Seele getrieben, ihre Existenz an der Seite Raouls ist gekennzeichnet als ständiger Balanceakt, seine Gereiztheit nicht herauszufordern. Dass O’Byrne zu ihren alabastrigen Good Lucks auch einen glockenhellen, in der Höhe sicheren Sopran mitbringt, ist ein weiteres Positivum.

Das Ereignis der Aufführung ist aber Simon Gleeson, dessen Raoul gewaltige Wandel durchläuft, vom Widerling zum Selbstzweifler, der in „Why Does She Love Me?“ von seiner eigenen Unzulänglichkeit gepeinigt wird, in Akt zwei dann ein typisch männlicher Minderwertigkeitskomplexler, der zum Man-summt-ihn-noch-tagelang-Ohrwurm „Devil Take the Hindmost“ mit dem als „Zirkusfreak“ verspotteten Phantom eine Wette um Christines Gunst eingeht – bis er zum Ende und in der Erkenntnis, dass die beiden mehr verbindet, schließlich bereit ist, sie für den Rivalen freizugeben. Das alles von Gleeson mit einer Leidenschaft und Subtilität verkörpert und gesungen, die seine unglückliche ménage à trois mit Christine und dem Phantom erst mit Elektrizität auflädt.

An anderer Stelle wiederum stellt Gleeson seinen Sinn für Sarkasmus unter Beweis, das Wiedersehensunfreudequartett „Dear Old Friend“ von Meg Giry, Madame Giry, Christine Daaé und Raoul ist diesbezüglich vom Feinsten. Den über allem schwebenden Reiz der auf Vintage getrimmten Show macht allerdings der Jubel und Trubel aus, der mit verschwenderischer Pracht längst vergangene Theatertage beschwört, ein Echo von Sentiment und Melodram, wie dereinst in der goldenen Musical-Ära eines Oscar Hammerstein II – seines Zeichens Enkel des oben erwähnten Opernimpresarios.

Simon Gleeson als Raoul. Bild: © Universal Pictures

O’Byrne, Mercedes, Gleeson. Bild: © Universal Pictures

Anna O’Byrne und Jack Lyall. Bild: © Universal Pictures

Simon Gleeson und Ben Lewis. Bild: © Universal Pictures

Simon Gleeson und Anna O’Byrne. Bild: © Universal Pictures

Anna O’Byrne. Bild: © Universal Pictures

„Love Never Dies“ treibt die Tragödie auf die Spitze. In einer Kakophonie aus Licht und Ton lassen Webber und Regisseur Phillips das Phantom und Gustave aufeinandertreffen, der Wunderknabe hat nicht nur gleich dem Phantom Musik im Kopf, die er sofort auf Klaviertasten übertragen muss, er sieht bei diesem auch „The Beauty Underneath“, allein dieses Duett ist das Anschauen wert!, sodass augenfällig wird, dass die zwei mehr als nur eine Seelenverwandtschaft verbindet. Wann auch immer Christine und das Phantom Sex gehabt haben sollen. Die singt nun unterm Pfauenfächer endlich das titelgebende „Love Never Dies“, euphorisiert von der Schönheit der Musik, in der sie, wie sie dem Phantom gesteht, ihre innere wiedergefunden habe.

Doch zum Grande Finale folgt Plot-Twist auf Plot-Twist, der Strudel von Verlagen und Eifersucht dreht sich immer schneller, rohe Gewalt bricht sich Bahn, erneut eine wilde Kamerafahrt durch „Phantasma“, spannend, wer diesmal als Man In The Mirror zurückbleiben wird, und wieder endet’s bei Nacht und Nebel mit Wahnsinn und Wasser. Und wenn sie nicht gestorben sind … schreibt Andrew Lloyd Webber vielleicht noch ein bittersüßes Sequel über der Musical-Welt liebsten Anti-Helden.

Trailer: www.youtube.com/watch?v=SdPrrMsUH48

Die ganze Show: www.youtube.com/watch?v=eXP7ynpk1NY          www.youtube.com/channel/UCdmPjhKMaXNNeCr1FjuMvag           www.loveneverdies.com          www.andrewlloydwebber.com

  1. 4. 2020

Jeder stirbt für sich allein

November 17, 2016 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Fallada-Verfilmung mit Emma Thompson

Nach dem Tod ihres Sohnes an der Westfront beschließt das Ehepaar Quangel Widerstand gegen das Dritte Reich zu leisten: Brendan Gleeson und Emma Thompson. Bild: © Filmladen Filmverleih

Nach dem Tod ihres einzigen Sohnes Hans an der Westfront beschließt das Ehepaar Quangel Widerstand gegen das Dritte Reich zu leisten: Brendan Gleeson und Emma Thompson. Bild: © Filmladen Filmverleih

Am 18. November kommt die langerwartete Fallada-Verfilmung „Jeder stirbt für sich allein“ von Vincent Pérez in die heimischen Kinos, und es ist schon so, dass diese nunmehr fünfte Kinoarbeit über Hans Falladas erstmals 1947 erschienenen NS-Widerstandsroman eine kleine Enttäuschung ist. Zwar ist sie sogar weniger pathostriefend als befürchtet, doch umso mehr trifft einen, dass es dem Schweizer Regisseur und Drehbuchautor offenbar nicht möglich war über die letzte Hürde zu springen.

In Sets, die aussehen wie die Postkarten, die die Protagonisten schreiben, gedreht wurde einmal mehr in Görlitz, erzählt er in konservativen Bildern in einer für ein großes Publikum weichgespülten Fassung seine Story. Wenig ist noch übrig von der Drastik, der Schonungslosigkeit des Buches, ja, Pérez missversteht Falladas spröden Schreibstil, er geht allzu schematisch vor, er entwirft seine Charaktere grob wie Holzschnitte; er hat nicht verstanden, dass es bei Fallada gerade die vorgetäuschte Emotionslosigkeit der Figuren ist, die einen tief berührt und in die Handlung involviert. Und: Emma Thompson, diese großartige, hochintelligente Schauspielerin, ist keine Anna Quangel. Das deutsche „Muttchen“, das sich mit Näharbeiten ein bisschen was dazu verdient, die unpolitische, einfache Hausfrau, die sich nach dem Tod ihres einzigen Sohnes Hans an der Westfront gegen Hitler radikalisiert, die nimmt man ihr nicht ab. Der Trost ist, dass dank ihres Starstatus der Film international Aufmerksamkeit auf sich ziehen und der Welt ein weiteres neues Bild des innerdeutschen Widerstands präsentieren wird. Ein schmerzlinderndes Moment, an das man sich schon bei Tom Cruises „Operation Walküre“ zum Stauffenberg-Attentat gehalten hat, sagte doch sogar die Thompson im Interview: „Ich bin groß geworden mit der Vorstellung, dass alle Deutschen Nazis gewesen sein mussten …“

Die Geschichte ist wahr. Fallada hat sie aus Gestapo-Akten. Otto und Elise Hampel verfassten zwischen September 1940 und September 1942 an die 300 Postkarten und 200 Handzettel, in denen sie zum zivilen Ungehorsam gegen das Dritte Reich, zur Sabotage wichtiger Kriegsarbeiten und zur Auflehnung gegen das Mörderregime aufriefen. „Freie Presse“ nannten sie sich und legten ihre Schriften in Treppenhäusern rund um ihr Wohnviertel in Berlin-Wedding aus. Der Tischlermeister und sein „Muttchen“ wurden von der Gestapo ausgeforscht und 1943 wegen „Vorbereitung zum Hochverrat“ durch das Fallbeil hingerichtet. Am Nachkriegsbau Amsterdamer Straße 10, das ursprüngliche Wohnhaus der Hampels wurde durch eine Fliegerbombe zerstört, erinnert heute eine Gedenktafel an das Ehepaar.

Kommissar Escherich auf der Suche nach den Postkartenschreibern: Daniel Brühl. Bild: © Filmladen Filmverleih

Kommissar Escherich ist fieberhaft auf der Suche nach den Postkartenschreibern: Daniel Brühl. Bild: © Filmladen Filmverleih

Lieber Gnadentod als Gestapohaft: Escherich tötet den Verdächtigen Enno (Lars Rudolph). Bild: © Filmladen Filmverleih

Lieber Gnadentod als Folter in der Gestapohaft: Escherich tötet den Verdächtigen Enno (Lars Rudolph). Bild: © Filmladen Filmverleih

Die Hausgemeinschaft beschreibt Pérez getreu der literarischen Vorlage, sie ist ein Gesellschaftskaleidoskop, dreht sich um Mitläufer und Überzeugungstäter und eine jüdische Mieterin, der nach der Plünderung ihrer Wohnung und ihrem Selbstmord sogar noch das Armkettchen vom Handgelenk gerissen wird. Im Keller haust der Kleinkriminelle Enno, in der Beletage ein pensionierter Richter, dem es im entscheidenden Moment doch an Courage mangelt. Lars Rudolph und Joachim Bißmeier verstehen es diesen Nebenfiguren dramatisches, sogar tragisches Profil zu geben, ebenso wie Daniel Strässer, der einen von der Nazi-Ideologie durchdrungenen Ermittler spielt und Katrin Pollitt als mitfühlende Briefträgerin. Es sind ihre Aufblitzer, die den Film doch sehenswert machen. Und während Emma Thompson die Anna Quangel mit durchgehend gleichbleibend sorgenzerfurchtem Gesicht gestaltet, man muss allerdings gerechterweise sagen, dass Anna im Roman eine wesentlich aktivere Rolle als im Film zukommt, zeigt Brendan Gleeson die Möglichkeiten auf, die diese Figuren bieten.

In winzigen Nuancen lässt er erahnen, wie es im Inneren seines Handwerkers wirklich aussieht. Wortkarg ist er, ein stiller Ehrenmann, und beim Auslegen der Postkarten ausgestattet mit der Ruhe eines, der nichts mehr zu verlieren hat. Sein Überlebenselexier ist das Anschreiben gegen die „Hitlerei“ und dabei verleiht Gleeson dem Quangel unaufgeregt eine große Würde. Als sein Kontrahent ist Daniel Brühl zu sehen, als Kommissar Escherich ein Mann, der sich als Kriminalist versteht, nicht aber das dumbe Treiben der SS-Schreihälse. Wie er versucht, seinen professionellen Ehrgeiz, den Fall zu lösen, und sein moralisches Empfinden in Einklang zu bringen, ist tatsächlich der einzige interessante innere Konflikt in einem Film, der ansonsten wie am Schnürchen schnurrt.

An die 300 Postkarten werden von den Quangels verfasst und in Berlin verteilt: Emma Thompson und Brendan Gleeson. Bild: © Filmladen Filmverleih

An die 300 Postkarten werden von den Quangels verfasst und in Berlin verteilt: Emma Thompson und Brendan Gleeson. Bild: © Filmladen Filmverleih

Wie Brühl sich vom Standartenführer als „Intellektueller“ beschimpfen lassen muss, ein Begriff, der auch im hiesigen Wahlkampf um das Amt des Bundespräsidenten als Schmähwort benutzt wurde, wie er einem Verdächtigen den Gnadentod vor der Gestapofolter gibt, wie er schließlich für sich selbst die Konsequenzen zieht, in diesen Szenen ist der Schauspieler ganz bei Fallada.

Den man, nachdem man den Film gesehen hat, unbedingt zur Hand nehmen sollte, um auch dem Medium Film geschuldete gestrichene Handlungsstränge nachzulesen. Erst dann nämlich erschließt sich der ganze Kreis des Grauens, den das Dritte Reich um die Menschen zog. Ihm fallen auch völlig unbeteiligte, wie Hans‘ Ex-Verlobte, längst anderweitig verheiratet und Mutter, zum Opfer. Oder eine Tierhändlerin, die Enno aus sexuellen Gründen Unterschlupf gewährt. Oder eine kommunistische Zelle in der Holzfabrik, die nur ausgehoben wird, weil man Quangel bereits auf der Spur ist … All das würde den Rahmen des Films sprengen, all das ist aber wichtig, um zu verstehen, wie die Todesmaschinerie der Nazis funktionierte. An einer Stelle sagt Otto über die Postkarten: „Sie sind wie Sandkörner, die wir in diese Maschine füttern. Ein Korn hält die Maschine nicht an. Aber wenn man immer mehr hineintut, dann wird es mit der Zeit Auswirkungen auf die Maschine haben.“

www.jederstirbtfuersichallein.x-verleih.de

Wien, 17. 11. 2016

Suffragette – Taten statt Worte

Februar 5, 2016 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

„Downton Abbey“ goes Geschlechterkampf

Maud (Carey Mulligan) wird verhaftet und abgeführt Bild: © Filmladen Filmverleih

Maud (Carey Mulligan) wird verhaftet und abgeführt
Bild: © Filmladen Filmverleih

Es gibt im Film nur einen sonnigen Tag, so scheint’s, nämlich den 4. Juni 1913 in Epson. Da stellte sich Emily Wilding Davison beim britischen Derby vor das königliche Pferd. Und wurde zu Boden gerissen. Und starb. Vor dem anwesenden König Georg V. Die damals ganz neuen Filmkameras zeigten, was sie entrollen wollte: die Fahne der Women’s Social and Political Union (WSPU). Mit ihrem Tod war eine Märtyrerin der Frauenrechtsbewegung geboren. Die Zeitungen berichteten erstmals positiv über die wilden Weiber, die für ihr Wahlrecht zu Terroristinnen geworden waren. Vorher hatten sie deren Fahnungsfotos veröffentlicht – die Presse als gott- und vaterlandergebenes Denunziations- medium gegen die „Suffragette“. Ab 5. Februar in den heimischen Kinos.

Es sind Szenen wie diese, die einem die Wichtigkeit von Sarah Gavrons Film deutlich machen. Erst 1993 wurden Frauenrechte auf die Tagesordnung der UN-Weltmenschenrechtskonferenz gesetzt. Die Wiener Erklärung hält fest, „Menschenrechte von Frauen und Mädchen sind ein unveräußerlicher, integraler und unteilbarer Bestandteil der universellen Menschenrechte“. Allein, dass dies einer extra Erwähnung bedurfte, spricht Bände. Bis heute aber hat man bei einem Einbruchsdelikt weniger Erklärungsnotstand als bei einer Vergewaltigung. Werde ich beraubt, muss ich nicht nachweisen, dass die Tat nicht mit meinem Einverständnis geschah, bei sexueller Belästigung hingegen … Der jungen Wäscherin Maud Watts geschieht auch dies. Für ihren Boss ist sie Freiwild. Und ihr Ehemann, der ihr gegenüber alle Rechte hat, der Herr im Haus, dem es gesetzlich sogar zusteht, gegen Mauds Willen den gemeinsamen Sohn zur Adoption freizugeben, ist am Arbeitsplatz sehr klein und sehr still.

„Suffragette“ ist in diesem Sinne Lehr- und Rührstück zugleich. Ein wenig bieder-pathetisch und very konventionell british. Sozusagen „Downton Abbey“ goes Geschlechterkampf. Den Frauen fallen strähnige Haare in die fahlen Gesichter, die Kinder husten, die Männer trinken, alle und alles ist schmutzig-graubraun, Charles Dickens hat seinen Fagin von der Leine gelassen. Und Carey Mulligans zartgesichtige Maud geht durch diesen Film als Schmerzens- und Staunensfrau. Sie ist eine Simplicissima, die in die Situationen stolpert, der in einem Jahr mehr passiert, als anderen in drei Leben, damit sie am Ende stolz und stark dastehen kann. Entlassen aus der männlichen Gewalt. In jeder Hinsicht, denn sie wird wegen ihrer Aktivitäten aus ihrem Job und ihrer Familie gejagt. Ben Whishaw verleiht als Mr. Watts seiner Überforderung mit grausamen Mitteln Ausdruck. Er ist über weite Strecken seines Charakters „beleidigt“, dass ihm das Schicksal diese Megäre zugemutet hat.

„Suffragette“ ist in diesem Sinne zuallererst ein Film über die Angst. Der Männer. Vor Macht- und Positionsverlust. Vor dem Verlust der Weltherrschaft. Sie arbeiten mit Ausbeutung, Demütigung, Gefängnis, Schlägen, Zwangsernährung. Eine Befragung Mauds in einem parlamentarischen Unterausschuss – erstmals durfte mit Sondergenehmigung im Palace of Westminster gedreht werden -, zeigt auf erschreckende Weise das Erstaunen der Abgeordneten über einen Frauenalltag. Die Einkommensschere kommt da auch schon vor. „Ich dachte, es muss einen besseren Weg geben ein Leben zu leben“, erklärt Maud ihre „Radikalisierung“. Von Politik redet sie nicht. Doch die Frauen werden nicht gehört. Sie werden von der Geheimpolizei ausspioniert und fotografiert – Brendan Gleeson als väterlich-sinister Inspektor ist ein weiterer männlicher Darsteller, der im Frauenheer überzeugen kann. Beim „Black Friday“, einer Kundgebung vor dem Parlament (im Film, damit’s passt, zeitlich um zwei Jahre verlegt), sterben drei Frauen unter Knüppelhieben. Und Gewalt erzeugt Gegengewalt.

Helena Bonham Carter als emanzipierte Apothekerin, ihr Mann ebenfalls Verfechter der Frauenrechte und später Chauffeur zu und weg von Attentaten, wird Mauds wichtigster Anker in diesem Tumult. Bonham Carter, forever Punk, schafft es mit einer kompromisslosen, sich selbst bewussten Darstellung das von Regisseurin Gavron für sie vorgesehene Schema zu unterspielen. Ihre fiktive Figur Edith, offensichtlich inspiriert von Edith Garrud und Edith New, ist bereit der Bewegung bis zum äußersten zu folgen. Auch Emmeline Pankhursts Aufrufen zu Anschlägen. Es ist eine der großen Qualitäten von „Suffragette“, dass gezeigt wird, wie Frauen aller Gesellschaftsschichten, von der Ministersgattin bis zur Arbeiterin, sich zum Teil ihrer Revolution machen. Nur gemeinsam, so die Botschaft, geht Widerstand.

Meryl Streep zeigt als große Feministin, wie man einen Film mit einem Minutenauftritt dominieren kann. Und weil die Theoretikerin der gewaltlosen Gegenwehr diesen für das Legen von Bränden und Bomben alsbald aufgab, kann auch die berühmte 1913er-Jahr-Rede vorkommen: „I am here as a soldier who has temporarily left the field of battle in order to explain what civil war is like when civil war is waged by women …“ Freilich ist die Pankhurst hier geschönt. Im düsteren Drehbuch von Abi Morgan sind alle Frauen Lichtgestalten. Dass Pankhurst bereits im Jahr vor diesem Auftritt eine rabiate Säuberung der WSPU von internen Rivalinnen vornahm, und es fällt einem ein, dass Lady Streep auch als die eiserne zu sehen war, hat im Film keine Bedeutung. Für Connaisseurs gibt’s einen kurzen Dialog darüber, der große Rest ist Fiktion. „Suffragette“ ist eine Übersetzung der feministischen Ideen mit filmästhetischen Mitteln, nicht deren wissenschaftliche Überprüfung.

Am Ende natürlich der Begräbniszug der Emily Wilding Davison in Originalbildern. Die dokumentarischen Aufnahmen zeigen die zehntausenden Frauen, die dem Sarg folgten, und eine berittene Staatsmacht in Schreckstarre. Die Inschrift auf Davisons Grab auf dem Friedhof St Mary’s in Morpeth erklärt den deutschen Zusatztitel zum Film:  “Deeds, not words”. Das allgemeine Wahlrecht für Frauen wurde in Österreich und Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg 1918 eingeführt. „Zum Wählen zu dumm, aber zur Arbeitspflicht für das Kriegsführen gescheit genug“, war der Schlachtruf der Sozialdemokratin Adelheid Popp für dessen Durchsetzung. Großbritannien folgte 1928, die Schweiz 1971; 1984 kam Liechtenstein als letztes westeuropäisches Land dazu. Bei der Londoner Premiere des Films stürmten Frauenrechtler der Organisation „Sisters Uncut“ in die Promi-Parade. Mit Rauchbomben und einer Sitzblockade machten sie ihrem Ärger über die Entscheidung der britischen Regierung Luft, die Finanzierung von Einrichtungen für Opfer häuslicher Gewalt zu kürzen. „Endlich wird der red carpet für etwas Sinnvolleres genutzt, als sein Kleid darauf spazieren zu tragen“, kommentierte Helena Bonham Carter cool die Aktion.

www.suffragette-film.de

Wien, 5. 2. 2016