Diagonale: Michael Glawoggers „Untitled“

März 28, 2017 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Sein künstlerisches Vermächtnis als Eröffnungsfilm

Bild: Filmladen/Lotus Film

Die Diagonale 2017 wird heute Abend mit Michael Glawoggers letztem Dokumentarfilm „Untitled“ eröffnet, mit jenem dokumentarischen Reiseessay, der den Filmemacher vier Monate und 19 Tage durch den Balkan, Italien, Nordwest- und Westafrika führte. Mehr als zwei Jahre nach seinem plötzlichen Tod im April 2014 hat seine langjährige künstlerische Wegbegleiterin und Editorin Monika Willi aus dem gedrehten, 70-stündigem Material und Glawoggers Reisetagebuchtexten einen Film gestaltet.

Das Prinzip dieser aufmerksam beobachtenden, mutigen und offenen Dokumentation nennt sich „serendipity“. Denn es ist eben dieser Glücksfall einer zufälligen, von Neugier getriebenen Beobachtung, der sich vom Dreh bis zum Schnitt durchzieht. „Der Film soll ein Bild der Welt entstehen lassen, wie es nur gemacht werden kann, wenn man keinem Thema nachgeht, keine Wertung sucht und kein Ziel verfolgt. Wenn man sich von nichts treiben lässt außer der eigenen Neugier und Intuition“, sagte Michael Glawogger noch über sein Opus Magnum. Heute fügt Monika Willi ergänzend hinzu: „Es war Michaels Furchtlosigkeit – oder besser: Angstfreiheit –, die es ihm und dadurch auch mir erlaubte, eine Art der Zusammenarbeit zu entwickeln, die im Schnittprozess eines Dokumentarfilms einzigartig war. Wissend, was er im Talon hatte, war er mutig und neugierig genug, mich das Filmmaterial in einem ersten Durchlauf ohne jegliche Anweisung schneiden zu lassen, um zu erfahren, was ich darin sah.“

„Untitled“ ist eine Reise durch die Welt, um zuzuhören, zu beobachten und zu erleben – mit aufmerksamen Augen, mutig und offen. Glawogger selbst ist in jeder Minute des Films präsent, aber kaum wahrnehmbar. Die Suche nach Filmtext führte über einige von Glawoggers Lieblingsautoren, William Faulkner, William T. Vollmann …, schon bald zu seinen eigenen Texten zurück, die er während der Reise als Blog geschrieben hatte. Er hatte sie ursprünglich nicht als Filmtexte gedacht, aber ihre poetische Kraft und der naturgegebene Bezug zu den gedrehten Sequenzen erwiesen sich plötzlich als einzig stimmige Textquelle. An einer Stelle ist seine Stimme zu hören, sie begleitet die Bilder und fiktionalisiert sie. Als wäre ihm daran gelegen, der Realität etwas Utopistisches, eine Phantasterei entgegenzuhalten.

Bild: Filmladen/Lotus Film

Bild: Filmladen/Lotus Film

Ganz kurz kann man Glawogger auch sehen. Gleich am Anfang, da scheucht er für die Aufnahmen einen Schwarm Vögel auf, der sich in einem Feld versteckt. Am Ende kehrt die Montage zu deren Himmelstanz zurück. Ein Leben, das nie zur Ruhe kommt, das immer neu und aufregend ist – davon hat der Filmemacher geträumt. „Untitled“ ist nun wie eine Umsetzung dieser Sehnsucht: Michael Glawogger ist auf ewig in seinem Material geborgen, aufgehoben in dem, was ihn als Mensch und Künstler bestimmte – dem Film.

Bild: Filmladen/Lotus Film

Zur Person:

Michael Glawogger wurde am 3. Dezember 1959 in Graz geboren. Nach der Matura studierte er am San Francisco Art Institute und danach an der Filmakademie Wien. Er arbeitete zunächst als Kameraassistent, später auch als Kameramann und schließlich als Drehbuchautor und Regisseur. Zwischen 1981 und 2013 entstanden Kurz-, Dokumentar- und Spielfilme, die international vielfach ausgezeichnet wurden. In den letzten Jahren begann er auch literarisch zu arbeiten.

Sein Roman „69 Hotelzimmer“ erschien posthum. Michael Glawogger starb im April 2014 während der Dreharbeiten zu „Untitled“ in Monrovia, Liberia, an Malaria. Sein früher Tod unterbrach unter anderem Spielfilm-Projekte mit Autoren wie Sybille Berg, Eva Menasse und William T. Vollmann. Den Abschluss von Glawoggers „Sex & Drugs & Rock’n’Roll“-Trilogie, „Hotel Rock’n’Roll“ stellte Michael Ostrowski fertig (ein Interview und eine Filmrezension dazu: www.mottingers-meinung.at/?p=21535, www.mottingers-meinung.at/?p=21648).

www.glawogger.com

www.diagonale.at

Wien, 28. 3. 2017

Hotel Rock’n’Roll

August 24, 2016 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Ein All-Inclusive-Trip in den wilden Wahnsinn

Die Hotelband und die Konkurrenz: Georg Friedrich, Pia Hierzegger, Detlev Buck, Gerald Votava und Michael Ostrowski. Bild: © Toni Muhr / Dor Film

Die Hotelband und die Konkurrenz: Georg Friedrich, Pia Hierzegger, Detlev Buck, Gerald Votava und Michael Ostrowski. Bild: © Toni Muhr / Dor Film

Man weiß in Wahrheit gar nicht wo anfangen. Bei den gewagten Rollstuhlstunts. Oder beim neongrünen Neptundrummer oder überhaupt beim Augenkrebsambiente. Beim mutmaßlichen Chartstürmer-Song „Futschikato Masalani“- wobei hier abzuwarten bleibt, ob die Metal- oder die Reggae-Version Platz eins erobern wird. Wurscht. Weil im pulpfiction-filmigen Vorspann verleihen sich die Macher eh schon selber das Prädikat wertvoll. Schonungslos. Amazing; bzw. fuckin‘ awesome, wie der Steirer sagt.

Ein solcher, nämlich Michael Ostrowski, verantwortet den All-Inclusive-Trip in den wilden Wahnsinn, der sich „Hotel Rock’n’Roll“ nennt und am 26. August in den heimischen Kinos anläuft, als Drehbuchautor, Regisseur und Hauptdarsteller. Der Film ist die Steigerungsform von „Nacktschnecken“ und „Contact High“, heißt: der Abschluss von Michael Glawoggers „Sex & Drugs & Rock’n’Roll“-Trilogie. Als Glawogger 2014 bei Dreharbeiten in Liberia überraschend verstarb, war fürs Team klar, dass das bis dato bereits weit gediehene Projekt zu einem guten Ende zu bringen ist.

Was über weiteste Strecken auch perfekt gelang, samt einer Art Happy End, das es nun endlich für alle Figuren gibt. Ostrowski und Co-Regisseur Helmut Köpping haben Glawoggers filmische Handschrift mit großem Engagement zur eigenen erneuert, und auch wenn dessen surrealistische Sensoren die Untiefen der Handlung an der einen oder anderen Furt vielleicht tiefer ausgelotet hätten, bleibt genug Dada, um zweifelsfrei festzustellen: „Hotel Rock’n’Roll“ ist völlig gaga. Nach Softporno-Paraphrase und Rauschroadmovie ist man nun beim gepflegten Hotelfilm angelangt. Eine Reverenz an ein Nachkriegsgenre, das Größen wie Jerry Lewis oder hierzulande mit einem Hauch Heimat Peter Alexander bestens bedient haben.

Mit einem Wort die Chaosclique rund um Mao, Max und den unvermeidlichen Schorschi wird sesshaft. Dieses aber ausgerechnet in der Provinz, weil Mao irgendwo im Nirgendwo einen abgefahren abgefuckten Schuppen erbt, samt Schulden, wie sich später herausstellen wird. Also will man G‘schertindien keinesfalls seinen Bewohnern über-, sondern dort den richtigen Spirit einziehen lassen. Die Hotelband übt zwecks Tilgung der Rückstande fürs Benefiz, man hat zwar nur einen Song, diesen aber in xen Varianten, da kracht der Schorschi mit seiner Corvette in den Schwimmteich, im Kofferraum die geklaute Kohle von einem Banküberfall.

Die Guten finden das geraubte Geld im Teich: Gerald Votava, Michael Ostrowski. Bild: © Toni Muhr / Dor Film

Die Guten finden das geraubte Geld im Teich: Gerald Votava und Michael Ostrowski. Bild: © Toni Muhr / Dor Film

Doch die Bösen wollen's natürlich zurück: Deltev Buck, Georg Friedrich. Bild: © Toni Muhr / Dor Film

Doch die Bösen wollen’s natürlich zurück: Deltev Buck und Georg Friedrich. Bild: © Toni Muhr / Dor Film

Was folgt, ist wohl klar, samt Harry, der vergisst, dass er eigentlich honoriger Betreiber des Alpengasthofs Alzheimer, ergo die Konkurrenz der Hotel-Rock’n’Roller ist, und sich auf sein kriminelles Genie besinnt. Doch nicht nur, dass sich Komplize und Love Interest Schorschi, nach Beinbruch mit Gipsfuß auf einen Rollstuhl angewiesen, bei Mao und Max als Gärtner verdingt, hat er doch ein ausgewiesenes Händchen fürs Graserl, ist der ganzen Sache auch noch ein höchst aufdringlicher Inspektor auf der Spur …

Beim Finale Furioso sind natürlich alle dabei – und in darstellerischer Hochform: Michael Ostrowski als substanziell lässiger Max und Pia Hierzegger als hantige Mao, die sich sinnlos bemüht, irgendwelche Fäden zusammenzuhalten. Der großartige Georg Friedrich als Schorschi, der sich nicht nur als einwandfreier Stuntman erweist, sondern über sein selbstzerstörerisches Kleinkriminellentum auch die Weltsager hat –  einer der besten: „Illegalität ist immer Ausdruck der Auflehnung gegen die herrschenden Zustände“, Detlev Buck als ebenso skrupulöser wie skrupelloser Harry und selbstverständlich Hilde Dalik als Max‘ Angebetete.

Neu in der Band ist Gerald Votava als Jerry, Raimund Wallisch ist ja aus der Formation ausgestiegen, und Votava ist nicht nur als Mensch und Schauspieler, sein Jerry nicht nur punkto Verwirrt- und Verplantsein ein Gewinn, sondern vor allem auch als Gitarrero – quasi der Schnittling auf dieser supersympathischen Suppn. Johannes Zeiler gibt den ehrgeizig verbissenen Kiberer Walzer, Helmut Köpping himself den wamperten Bankdirektor, die sich gemeinsam auf die Jagd nach dem gestohlenen Geld machen.

Echte Rock'n'Roll-Outlaws haben Groupies: Jayney Klimek und Hilde Dalik. Bild: © Toni Muhr / Dor Film

Echte Rock’n’Roll-Outlaws haben Groupies: Jayney Klimek und Hilde Dalik. Bild: © Toni Muhr / Dor Film

Aber immer auch das Gesetz auf den Fersen: Johannes Zeiler. Bild: © Toni Muhr / Dor Film

Aber immer auch das Gesetz auf den Fersen: Johannes Zeiler. Bild: © Toni Muhr / Dor Film

In kleineren Rollen machen sich Willi Resetarits als selbst im Sterben sinistrer Erbonkel, Sven Regener als satanischer Pfarrer, Hermann Scheidleder als „Alzheimer“-Gast und die steirische Urmutter Stefanie Werger einen Karl. Letztere betreibt, apropos Mutter, einen Escort Service, bei dem sich Jerry eine Dame bestellt, für die er schließlich die australische Singer/Songwriterin Jayney Klimek hält. Dies nur einer der unzähligen irren Handlungsstränge, die einem in den diversen Durcheinanders auf- und davonlaufen, um zum Schluss wieder zueinander zu finden.

Die Pointen sitzen ergo erst an Stellen, wo man’s gar nicht mehr erwartet hätte, und ihr Witz ist das ewige Missverstehen der Menschen. In diesem Sinne und vor allem in der Figur Schorschi ist „Hotel Rock’n’Roll“ fast ein extremphilosophisches Werk. Ein Unfug auf höchstem Niveau. Und jedenfalls nix für Non-Nihilisten. Oder wie Jerry beim Anblick des Erb-Guts sagt: „Des is weniger Stairway to Heaven als mehr Highway to Hell.“

Trailer: www.youtube.com/watch?v=4PhKKXmQTOM

Michael Ostrowski im Gespräch: www.mottingers-meinung.at/?p=21535

www.hotel-rocknroll.com

Wien, 24. 8. 2016

Hotel Rock’n’Roll: Michael Ostrowski im Gespräch

August 19, 2016 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Weniger stoned, dafür mit mehr Stunts

Gerald Votava, Pia Hierzegger und Michael Ostrowski. Bild: © Wolfgang Thaler / Dor Film

Hotelerbin Mao mit ihren Mitstreitern Max und Jerry: Gerald Votava, Pia Hierzegger und Michael Ostrowski. Bild: © Wolfgang Thaler / Dor Film

Am 26. August startet in den heimischen Kinos der neue Streich der Chaostruppe rund um Mao, Max und Schorsch ist die nächste, die letzte Runde. „Hotel Rock’n’Roll“ heißt der Abschluss der „Sex & Drugs & Rock’n’Roll“-Trilogie von Michael Glawogger. Nach dessen plötzlichem Tod bei Dreharbeiten in Liberia 2014 übernahm Michael Ostrowski die Ausführung des Films. Der Schauspieler und Drehbuchautor führte zum ersten Mal auch Regie.

Der Inhalt: Mao erbt von ihrem Onkel ein abgetakeltes Hotel auf dem Land und gemeinsam mit ihren stets gutgelaunten Freunden Max und Jerry versucht sie, den Spirit des Rock’n’Roll dort wieder aufleben zu lassen. Leider haben sie dabei nicht mit der gierigen Konkurrenz, einem Haufen Schulden und dem unvermeidlichen Schorsch gerechnet, der ihnen nach einem missglückten Bankraub die Polizei ins Haus bringt. Mit dabei sind wieder Pia Hierzeger, Hilde Dalik, Georg Friedrich und Detlev Buck, und neu Gerald Votava. Michael Ostrowski im Gespräch:

MM: Sie sind zur Dreifaltigkeit des Films geworden, Drehbuchautor, Regisseur, Hauptdarsteller, hat das mehr Vorteile oder mehr Nachteile?

Michael Ostrowski: Ich glaube, dass das ein großer Vorteil ist, weil man den Film so sehr gut kennt. Ich hätte bei jedem Dialog mitreden können, ich habe die Bilder im Kopf gehabt, das hilft extrem, anders hätte ich mir die Arbeit gar nicht vorstellen können. Ich glaube, dass es viel schwerer ist, wenn man keinen Überblick hat. Außerdem hatte ich Helmut Köpping als Co-Regisseur, der andere Dinge als ich im Fokus hatte, andere Leut‘, das hat uns als Team gutgetan.

MM: Das Projekt wurde ja noch von und mit Michael Glawogger angedacht. Es stand für euch immer außer Frage, den Film auch ohne ihn zu machen?

Ostrowski: Das Drehbuch war sehr weit, ich habe den Michi Glawogger vor seiner Abfahrt zur Weltreise sehr oft getroffen, wir haben uns ausgetauscht übers Drehbuch, haben gemeinsam geschrieben. Es war meine Aufgabe, es fertigzustellen, einzureichen, mich um die Finanzierung zu kümmern, damit wir, wenn er zurückkommt, drehen können. Das Projekt war also sehr weit gediehen, und es war für uns, als er gestorben ist, klar, dass ich, wir alle, die beteiligt waren, es auf keinen Fall aufgeben.

MM: Es war als Trilogie angedacht …

Ostrowski: Ab „Contact High“, um genau zu sein. Da wurde uns bewusst, dass es eine „Sex & Drugs & Rock’n’Roll“-Trilogie werden muss. Das war so typisch für den Glawo, ich sag‘ das zu ihm, und nach zwei Sätzen sagt er: Ja, klar, mach‘ ma draus eine Trilogie. Aber „It’s all one song“, sagt Neil Young, ich sage: It’s all one movie.

MM: Nun ist „Nacktschnecken“ ein softporniger Hausfilm, „Contact High“ ein Roadmovie. Was ist „Hotel Rock’n’Roll“?

Ostrowski: Eine Mischung aus Heimat- und Hotelfilm, Boulevard und Rock’n’Roll. Es war immer schon als Genremix geplant, weil wir sehen wollten, wie man dieses Grundthema, jemand erbt ein heruntergekommenes Hotel, wird bedroht durch die Konkurrenz, die Bank …, das ja in zahlreichen Filmen der Nachkriegsära vorkommt, neu machen könnte. Also diese Grundstruktur hernehmen und sie brechen mit einer Rock’n’Roll-Geschichte, in der eine irre Band auftritt, in der laute Musik gespielt wird. An dieser Aufgabe haben wir uns beim Drehbuch schreiben abgearbeitet.

MM: Ein bissl klingt das jetzt nach einem Peter-Alexander-Gunther-Philipp-Film.

Ostrowski: Total. Lustig, dass Sie das sagen, weil der Glawo war ein großer Fan von Gunther Philipps Wackelohren, davon hat er gern gesprochen. Ich war immer ein Fan von Jerry Lewis, dessen erster Film als Drehbuchautor, Regisseur und Darsteller, „The Bellboy“, ein Hotelfilm ist. Er ist aus dem Jahr 1960, ein Schwarzweißfilm, den er gedreht hat, ohne zu sprechen. Jerry Lewis ist damit ein unglaubliches Risiko eingegangen, Hut ab! Ich will damit nur sagen, es gibt ein paar Hotelfilmvorbilder, die uns sehr stark inspiriert haben. Der Glawo hat auch einen Roman geschrieben, „69 Hotelzimmer“, der posthum erschienen ist. Das ist ein ganz tolles Buch, in dem er alle seine Reiseerlebnisse verarbeitet. Wir sind also beide Hotelfans, und die Liebe zu diesem Ort war der Ausgangspunkt für „Hotel Rock’n’Roll“.

Die Hotelband. Bild: © Toni Muhr / Dor Film

Ein Song wird x-mal variiert: Die Hotelband bei ihrem ersten großen Auftritt. Bild: © Toni Muhr / Dor Film

Lukas König. Bild: © Wolfgang Thaler / Dor Film

Unterwasserdrummer und Aushilfsneptun Lukas König. Bild: © Wolfgang Thaler / Dor Film

MM: Und euer Hotel? Wie haben Sie diese verwunschene Villa gefunden? Eingebettet in ihre grüne Hölle?

Ostrowski: Ha, das hat unser Kameramann Wolfgang Thaler zum Drehort auch gesagt: Das ist die grüne Hölle. Die Villa ist am Semmering, ganz versteckt, und gehört zwei Schwestern, die dort die Hälfte der Woche wohnen. Die haben sich auf unsere Zeitungsannonce hin gemeldet, und das war fein, weil man da weiß, dass man willkommen ist. Dieser Drehort war essentiell wichtig, weil ich hin kam und wusste, dass ich da richtig bin. Anders hätte ich den Film nicht drehen können.

MM: Dazu der Teich …

Ostrowski: Ja, der war echt dort, das glaubt man gar nicht. Geschrieben haben wir, der Schorsch, also Georg Friedrich, fährt nach seinem Banküberfall mit seiner Corvette in einen Pool, und das Auto bleibt stecken, mit dem geraubten Geld im Kofferraum. Und dann erst ging mir auf, im durchsichtigen Wasser funktionieren weder die Tauchversuche von Max und Jerry, wenn sie die Geldtasche suchen, weil da steckst den Kopf unter Wasser und hast es, noch der mystische Auftritt unseres Wassermanns und Unterwasserdrummers Lukas König. Da seh‘ ich diesen verwahrlosten Teich und denke mir, das ist es. So einfach war’s dann allerdings doch nicht.

MM: Weil?

Ostrowski: Wir die Wasserschutzrechte beachten mussten. Es gab also eine zweite Corvette, die war völlig ausgebaut, damit nix mehr drin ist, in dem Benzin oder Öl sein könnte, und die haben wir versenkt.

MM: Klingt stressig. Dabei wirkt im Film dank natürlicher Zutaten alles so entschleunigt. Aber wie bei jeder Komödie sind Tempo und Timing wahrscheinlich ein Wahnsinn, oder?

Ostrowski: Dank natürlicher Zutaten und solcher als dem Labor (er lacht). Nein, kein Stress, tatsächlich ist bei unserem Team das Wichtigste, dass man die Akteure einfach machen lässt; die kennen ihre Figuren und wissen schon, wie sich was anfühlen muss. Es war mir vor allem ein Anliegen Gerald Votava als Jerry in die Familie zu bringen, weil die anderen kennen einander ja schon ewig, er ist neu dazugekommen, er musste erst sehen, wie unser Timing ist, wie wir spielen, welche Sprache wir sprechen … Georg Friedrich wiederum ist ein Mensch, der nicht gerne probt. Er hat echt früh seinen Text gelernt, eine alte Version vom Drehbuch, das weiß er, aber das tut er halt. Ich hab‘ aber in der Zwischenzeit einige Sager wieder rausgestrichen, und er sagt (Ostrowski spricht in täuschend echtem Georg-Friedrich-Tonfall): Des is oba schod, weu des is lustig. Dann haben wir’s natürlich wieder reingenommen, weil er ein Feeling hat, was ihm gefällt, und ich nehme ihn damit sehr ernst.

MM: Also was jetzt, war’s harte Arbeit oder lustig?

Ostrowski: Ich finde nicht, dass es harte Arbeit war. Harte Arbeit ist das Rundherum, diese Scheißproduktionsmaschine, die funktionieren muss, aber Spielen ist immer ein freudvolles, lustiges Tun.

MM: Nun sagten Sie vorhin „Familie“, das Team ist über die Jahre ein Freundeskreis geworden. Sagt man sich da leichter oder schwerer was ins Gesicht?

Ostrowski: Leichter, finde ich, viel leichter. Ich habe nicht das Bedürfnis mit Menschen zu arbeiten, mit denen ich ein Spannungsverhältnis habe. Ich brauche keinen Psychoterror am Set oder auf einer Theaterbühne, damit ich was Gutes zusammenbringe. Ich hab’s lieber in einer Gemeinschaft und im Guten. Man muss halt lernen, wie man Kritiken formuliert. Das ist ein großer Punkt. Ich bin da auch sehr sensibel als Schauspieler, ich will auch nicht, dass mir jemand sagt, es war Scheiße, was ich gemacht habe. Das finde ich abwerten, das motiviert mich nicht, da bin ich blockiert fürs nächste Mal.

MM: Was sagen Sie dann? Da war schon sehr viel Schönes dabei?

Ostrowski: Ich bin kein Pädak-Regisseur, aber ich sag‘ einmal grundsätzlich, ja okay, weil oft weiß ich’s gar nicht besser. Ich würde mir gar nicht anmaßen zu sagen, ich weiß es besser. Der eine macht’s auf die Art, der andere auf eine andere, das muss man sich anschauen und ausprobieren. Als Schauspieler habe ich das Bedürfnis jeden Take zu variieren, weil es keinen Sinn macht, immer gleich zu spielen. Ich schaue, dass der Rhythmus stimmt und dass man die Pointen richtig setzt, und es freut mich auch an den Kollegen, wenn sie mir Varianz anbieten. Die kriege ich aber nur, wenn ich ihnen die Freiheit dafür gebe.

MM: Haben sich die Filmfiguren entwickelt? Oder sind sie Typen wie bei Volkstheater, wie beim Kasperltheater, die immer gleich bleiben sollen?

Ostrowski: In gewisser Weise sind sie Archetypen und sollen bleiben, was sie sind. Der Schorschi wird immer ein kleinkrimineller Gangster mit Hang zu Vandalismus und Selbstzerstörung sein. Aber trotzdem entwickeln sie sich, weil sich die Menschen, die sie darstellen, entwickeln. Man muss sich ja nur die Fotos aus den beiden früheren Filmen anschauen, da sieht man, wie wir uns alle verändert haben, älter geworden sind, aber im positiven Sinn. Das ist das Geheimnis der Schauspielerei, wie du dich wandelst, so wandelt sich deine Figur.

MM: Und die Figur von Raimund Wallisch war auserzählt?

Ostrowski: Der Raimund hat mir vor Jahren gesagt, er will nicht mehr dabei sein. Ich bemühe da eine Bandmetapher: Er ist ausgestiegen und hat sein Soloprojekt gestartet. Da kann man nicht diskutieren, das war seine Entscheidung und die ist zu respektieren. Im Endeffekt aber, wie bei vielem, wo man am Anfang denkt: Was mach‘ ich jetzt?, hat auch das eine positive Wende genommen. Weil Gerald Votava nicht nur als Schauspieler, sondern auch als Musiker dazugekommen ist, und ich weiß nicht, ob ich den Film so hätte machen können, wenn er nicht so ein exzellenter Gitarrist wäre.

MM: Womit wir bei der Musik sind: Die neuen Hotelbesitzer sind eine Rock’n’Roll-Band mit genau einem Song. Spielt ihr wirklich alle selber?

Ostrowski: Wirklich. Gerald die Gitarre, Pia den Bass, Schorsch das Schlagzeug. Georg Friedrich hat’s von Lukas König gelernt, und zwar so, dass er Rock, Punk und Reggae live gespielt hat. Ich habe früher einmal in einer Band Bass gespielt und gesungen, jetzt hab‘ ich mir den leichtesten Job ausgesucht, ich bin der Sänger.

MM: Und der Komponist. Denn das einzige Lied der Band, der Futschikato-Song, stammt aus Ihrer Feder. Da sind einige Vokabel drinnen, die waren sogar mir neu.

Ostrowski: Nämlich?

MM: Kann ich jetzt nicht sagen, vor allen Dingen später nicht schreiben, F**knecht zum Beispiel. Oder Nudelwalker in diesem Zusammenhang.

Ostrowski: Letzteres ist eh klar, ersteres ein Mann, der sich gern Frauen unterwirft. (Er singt leise): Genderbender, Riesenständer, Frauenbauer, Maunerhauer, hauma uns in die Mischmaschin, die MaunerWeibaMischmaschin … Ich habe diesen Text schon sehr früh geschrieben, ihn dem Michi Glawogger geschickt, und durch alle Drehbuchfassungen blieb er erstaunlicherweise immer drin. Hab‘ ich mir gedacht, so schlecht kann er nicht sein.

MM: Euer Humor ist sehr eigen. Sind Sie damit auch schon auf Ablehnung und Unverständnis gestoßen? Gab’s negative Reaktionen?

Ostrowski: Klar gibt’s Leute, die finden uns geschmacklos. Bei „Contact High“ war aber eher das Problem, dass Zuschauer es nicht gepackt haben, dass sich der Film aus seinem vordergründigen Realismus löst. Dass da Dinge passieren, die nicht realistisch, sondern auf einer anderen, einer surrealen Ebene erzählt werden. Da kannst nur sagen: Aha, okay. Glawo und ich haben Film immer als ein Medium gesehen, das sich fantasievoll über die Realität erhebt. Dass man dabei mit Sehgewohnheiten bricht, da muss man drüber stehen. Manche Leute konnten mit dem Drogenerfahrungsding aus „Contact High“ wenig anfangen, deshalb war der Film einerseits limitierter, andererseits haben wir eine unfassbare Fangemeinde, die ganze Passagen auswendig zitieren kann. „Hotel Rock’n’Roll“ ist ein anderes Thema, familienfreundlicher, weniger stoned. (Er lacht.)

Georg Friedrich. Bild: © Toni Muhr / Dor Film

Schorsch und seine Corvette landen im Teich: Georg Friedrich macht seine Stunts selber. Bild: © Toni Muhr / Dor Film

Georg Friedrich, Detelv Buck und Pia Hierzegger. Bild: © Toni Muhr / Dor Film

Schorsch mit Gipsfuß, von „Harry“ Detlev Buck liebevoll geschultert. Bild: © Toni Muhr / Dor Film

MM: Dafür mit mehr Stunts! Autostunts und Rollstuhlstunts.

Ostrowski: Georg Friedrich hat sich nicht geschont, er lässt es sich ja nicht nehmen, alle Stunts selbst zu machen. Er ist eine Naturgewalt, eine schauspielerische Kraft, die für mich spitze ist. Wie er da aber aus dem Rollstuhl fällt, der Schorsch bricht sich nämlich das Bein, wenn Sie das meinen, das war nicht geplant. Wir haben einfach gefilmt, wie er damit herum fährt, er hat einen Wheelie gemacht und auf einmal hat’s ihn rausg’haut. Natürlich hält man da die Kamera drauf.

MM: Wenn man Ihnen so zuhört, hat man den Eindruck, Regie führen hat Sie schon angefixt. Möchten Sie weitermachen? Alles in Ihrer Hand haben?

Ostrowski: Es hat was, aber ich muss es nicht regelmäßig machen. Es hat mich an meine Grenzen geführt. Im Guten und im weniger Guten. Ich mein‘, es war alles easy, und ich mag‘ das schon sehr gern, aber alles mit Maß und Ziel. Sehr gern bin ich mit Alarich Lenz im Schneideraum gesessen, das ist zwar eine unbezahlte, aber eine sehr schöne Arbeit, das würde ich gern wieder machen, dieses Zusammenbasteln eines Films.

MM: Die Trilogie ist nun beendet. Wie geht’s mit der Neigungsgruppe weiter? Ihr könntet ja eine österreichische „Carry On“-Truppe werden?

Ostrowski: Ich weiß es ehrlich noch nicht. Ich muss erst einmal schauen, was aus diesem Film wird. Ich plane weniger als ich Dinge auf mich zukommen lasse und dann Bauchentscheidungen treffe. Ich schau‘, dass ich das machen kann, was mir am meisten Spaß macht, ich will mich nicht zwingen lassen, das ist mein einziges Ziel. Ich drehe gerade einen „Bibi und Tina“-Film, Detlev Buck führt Regie, und er stellte mich am Set vor mit den Worten: He’s a free man. Wahrscheinlich ist es das. Aber ich glaube nicht, dass die, wie haben Sie gesagt?, Neigungsgruppe nichts mehr miteinander zu tun haben wird.

www.hotel-rocknroll.com

Wien, 19. 8. 2016

Thank You For Bombing

März 3, 2016 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

Eine bitterböse Satire auf Kriegsberichterstattung

Manon Kahle glaubt als TV-Journalistin Lana an die Gleichstellung der Geschlechter im Krieg Bild: © Filmladen/Lotus Film

Starke Frau: Manon Kahle glaubt als TV-Journalistin Lana an die Gleichstellung der Geschlechter im Krieg. Bild: © Filmladen/Lotus Film

Die Episode, die einen selbst am meisten angeht, ist die zweite. „Fitz & Bergmann“. Da versucht die amerikanische TV-Journalistin Lana in Afghanistan den Aufstand gegen Frauenfeindlichkeit. Erst sieht man sie vor laufender Kamera unter der Gürtellinie befummelt, eine Erfahrung, über die eine befreundete ORF-Korrespondentin, wer Haare zeigt, ist eine Hure, vom Tahrir-Platz erzählte.

Dann wird ihr Exklusivinterview vom Vorgesetzten an einen Kollegen weitergereicht, während sie weiblich-enthusiastisch vom Britney-Spears-Auftritt vor den US-Truppen berichten darf. Als sie ihrer Story trotzdem nachgeht, kommt es erneut zu sexuellen Übergriffen, und … Das Ende bleibt offen. Wie in jeder der drei Geschichten in Barbara Eders Film „Thank You For Bombing“, der am 11. März bei der Diagonale Österreichpremiere hat und am 18. März in die heimischen Kinos kommt. Manon Kahle überzeugt als toughe Lana in diesem politthrillerartigen Kapitel. Krieg ist eine Männerwelt, aber wie ironisch ist das, beim Zumbakurs in Kabul über den fettgewordenen Arsch einer Bildschirmkonkurrentin zu lästern, sich also selber über den Körper zu definieren, und genau wegen diesem attackiert und diskriminiert zu werden.

„Thank You For Bombing“ ist eine bitterböse Satire auf Kriegsberichterstattung. Barbara Eder hat lange recherchiert, viele Gespräche geführt, ihren Film erst als Doku angedacht, sich schließlich aber fürs Fiktionale entschieden, um ihre Gesprächspartner zu schützen. Vor den Dienstgebern, den internationalen Fernsehstationen, aber letztlich auch vor sich. Zu viel könnte einem da schnell zu nahe gehen. Durch ihre Verfremdung verschafft Eder dem Abhilfe. Ihr distanzierter Blick auf die Jagd nach der besten Story, die Unsinnigkeit des embedded journalism, die Nöte und Zwänge des Berufes – „Du darfst alles berichten“, sagt Fritz Dittlacher in Episode eins, “ Ja, solange es nicht länger als zweieinhalb Minuten dauert“, erwidert Erwin Steinhauer -, die Macht der Nachricht, die Lust am Voyeurismus und die Frage, ab wann die nächste Sau durchs mediale Dorf zu treiben ist, tut gut. Gedreht wurde unter schwierigsten Bedingungen in Afghanistan und Jordanien. Michael Glawogger hat noch am Drehbuch mitgedacht.

„All das Gerede von Blut und Erschlagen verdirbt mir den Tee“, dieses Zitat der Grinsekatze aus „Alice im Wunderland“ stellt Eder ihrem Film voran. Sie lässt ihn auch mit Lewis Caroll enden. Als am Ende endlich der Krieg ausbricht, stolpern die Protagonisten das Jabberwocky-Gedicht rezitierend durch die Trümmer. The vorpal blade went snicker-snack! Treffenderes lässt sich über Schießen und Sterben kaum sagen. Es gibt eine Klammer. G.I.s sollen in Afghanistan Koranbücher verbrannt haben. Darüber soll berichtet werden, das führt die drei Episoden zusammen. Einer der drei Journalisten wird bluten. Oder tot sein. Eder zeigt die Grausamkeiten eines Krieges nicht. An ihrer subtilen Arbeit ist nichts explizit, sie adressiert den Betrachter unaufgeregt und mit indirektem Verweis darauf, dass er daheim der Letztverantwortliche für die Abnahme der Nachrichten ist. Ihre Reporter sind Opfer der Schneller-Saftiger-Sensationsgieriger-Umstände, und die meiste Zeit damit beschäftigt, die Zeit totzuschlagen, die sie über kurz oder lang am Kragen kriegen wird. 2015 starben 110 Journalisten in Ausübung ihres Berufs. Sie gerieten in Aleppo zwischen die Fronten, wurden in Mossul vom IS entführt oder saßen in der Redaktion von Charlie Hebdo.

In Episode zwei, dem Roadmovie „War“, spielt Raphael von Bargen einen zynisch gewordenen Korrespondenten, einen gnadenlosen Selbstdarsteller, weil ihm eine Nahaufnahme verweigert wird, erzwingt er sie, indem er sein Hemd über der Brust abschneidet, der seinen Alltag gezwungenermaßen mit Sightseeingtouren zu Selbstmordattentätereltern verbringt. Da steht die Journalistenmeute wie am Nasenring geführt, kriegt eine vorgefertigte, lauwarme Geschichte zu hören, die sie als brühheiße verkaufen soll. Dieser Cal bricht also aus, wagt den journalistischen Ego-Trip und vergeudet damit das Leben seines Fahrers. Sein Moment der Ein- und Umkehr. Bargen erinnert an den großen Peter Arnett, der auf Hintertreiben des Pentagon von CNN geschasst wurde, weil er im irakischen Fernsehen seine Einschätzung der Lage erläuterte. Ehrlichkeit, das geht wohl nicht, und auch Cal wird aus einer Liveschaltung nach Washington entfernt, weil er, der täglich am Leid dran ist, den davon weit entfernten politisch Verantwortlichen unangenehme Fragen stellt. Carolin Emcke sagte unlängst, sie sehe viel mehr, als sie jemals berichten könne. Weil die Leute das alles gar nicht bis zur letzten Konsequenz wissen wollen. Man füttere Häppchen für Häppchen die Erkenntnis, wie Gewalt die Menschen entmenschlicht.

Christian Haake hat das in beklemmenden, aber auch belustigenden Bildern eingefangen. Er zeigt die Leere in den Landschaften und den Leben, und wie klaustrophobisch eng Weite werden kann. Er zeigt den Reporterbienenstaat, wunderbar die Aufnahme ihrer Hotel-Front, Balkon reiht sich an Balkon, Kamerateam an Kamerateam – und Action. Er zeigt einen Flughafen als Einsamkeitsort, als könne der einzelne nirgends mehr allein sein als mitten im Menschengewühl. „Thank You For Bombing“ ist ein stiller Film. Das Fieberhafte seiner Atmosphäre flirrt nicht, es liegt eher in Agonie.

Erwin Steinhauer bestreitet die erste Episode, „Milan Vidić“. Von seinem Chef nach Kabul entsandt, kommt dieser abgehalfterte Kriegsberichterstatter über Schwechat nicht hinaus. Weil er denkt, einen Tschetnik gesehen zu haben. Er, der mit bewaffneten Konflikten nichts mehr zu tun haben wollte, wird nun in einen alten, jugoslawischen zurückgeworfen, und niemand glaubt ihm. Seine Frau, Susi Stach, lässt ihn von der Polizei als geistig verwirrt suchen. „Für Kriegsverbrecher samma ned zuständig“, erklärt diese, nachdem Steinhauers Ewald die Lage erklärt hat, den Flughafen zum Terroristen-Transit. „Das ist Jahrzehnte her, das interessiert niemanden mehr“, schreit Chefredakteur Dittlbacher als beinah himself wütend ins Telefon. Erwin Steinhauer ist ganz großartig, wie er um seine Glaubwürdigkeit kämpft, beschämt, weil er sich in Panik bepinkelt, ein Mann, an dem seit gefühlten Ewigkeiten ein Trauma frisst, so dass man als Zuschauer auch nicht weiß, ob seiner Wahrnehmung zu trauen ist oder nicht. Das Kammerspiel, Steinhauers Verwirrspiel ist schauspielerisch sicher die stärkste Episode. Ewald ist emotional dort angelangt, wo Lana und Cal mutmaßlich noch landen werden …

„Thank You For Bombing“ zeigt die Krisenberichterstattung in der Krise. Die drei von Barbara Eder sehr authentisch porträtierten Protagonisten sind Prototypen einer Community, die als Tross von Ereignis zu Ereignis zieht, um die Welt mit ihren daraus generierten Wahrheiten zu erschüttern. Krieg ist ein TV-Geschäft und die Nachricht eine Handelsware und die Komplexität weltweiter Konflikte muss fürs 16:9-Format quotentauglich gemacht werden. Eine Frage, die der Film aufwirft ist, ob einem das taugen muss.

www.thankyouforbombing.com

Diagonale 2016: Das Festivalprogramm www.mottingers-meinung.at/?p=17827

Wien, 3. 3. 2016

Michael Glawogger geht wieder auf Weltreise

Dezember 3, 2013 in Film

VON MICHAELA MOTTINGER

„Untitled – Der Film ohne Namen“

Bild: © gmb akash

Bild: © gmb akash

Am 3. Dezember startet Filmemacher Michael Glawogger sein neuestes Projekt: „Untitled – Der Film ohne Namen“, das Vorher und Nachher einer Weltreise. Mit einem kleinen Team aus vier Personen bricht der Regisseur und Autor einmal mehr ins Ungewisse auf.

Director’s Statement:

Man sagt, im Journalismus gäbe es sechs wichtige Fragen zu klären, bevor man eine Geschichte als „wasserdicht“ bezeichnen kann. Wer war involviert? Was ist geschehen? Wo ist es passiert? Wann ist es passiert? Warum ist es geschehen? und: Wie ist es geschehen? Auch der Dokumentarfilm bedient sich oft ähnlicher Annäherungen. Nicht selten lauten die ersten Fragen einen neuen Film betreffend: Wovon handelt er? Wo spielt er? Wer kommt darin vor? Warum willst du ihn machen? Und: Wie soll er aufgebaut sein? Ich will diese sechs „Ws“ nun auf die Begriffe „Thema“ und „Blickwinkel“ reduzieren. Sie können sich freundlich verhalten und dem Filmemacher ein Gerüst bilden, innerhalb dessen er seinen Film bauen kann. Sie können aber auch den Blick verstellen auf das, was sich gerade um einen ereignet, und die geschehende Wirklichkeit auf einen vorformulierten Inhalt reduzieren. Dann verhalten sie sich nicht nur unfreundlich, sondern feindlich. Auf den Reisen, die ich unternahm, um ein gewisses Thema zu recherchieren oder um zu drehen, sind mir immer wieder Dinge widerfahren, habe ich immer wieder Situationen erlebt und als besonders empfunden, die ich nicht filmen konnte. Ich war ja gerade mit einem anderen Thema beschäftigt und hatte mich auf dieses zu konzentrieren. Dieser Film soll ein Bild der Welt entstehen lassen, wie es nur gemacht werden kann, wenn man keinem Thema nachgeht, keine Wertung sucht und kein Ziel verfolgt. Wenn man sich von nichts treiben lässt außer der eigenen Neugier und Intuition.

Regie: Michael Glawogger

Kamera: Attila Boa

Ton-/Aufnahmeleitung: Manuel Siebert

Schnitt: Monika Willi

Regieassistenz: Boris Mitic

Produktion: Lotus Film Wien & Razor Film Produktion Berlin

www.glawogger.com

www.filmladen.at

Wien, 3. 12. 2013